Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Die Geschichten unseres Lebens finden in unserem Herzen statt. Der Advent will berühren und zu Herzen gehen. Das Buch führt in den Orient, in fantastische Welten, in die Vergangenheit und in die Zukunft. Es enthält mehr als nur die klassischen Adventsgeschichten. Man könnte sagen: Advent einmal anders.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 246
Veröffentlichungsjahr: 2013
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Matthias Könning
Dein Herz hat tausend Fenster
Geschichten für Advent und Weihnachten
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Vorwort
Dein Herz hat tausend Fenster
Effata – öffne dich
Der größte Schatz des Königs
Das Wunder von Santo Bartolo
Das verlorene Wort Gottes, erster Teil
Das verlorene Wort Gottes, zweiter Teil
Das verlorene Wort Gottes, dritter Teil
Das verlorene Wort Gottes, vierter und letzter Teil
Effata – öffne dich
Die Freunde von Bethlehem
Und hier erzählt Paco seine Geschichte
Die Schatzkiste des Apothekers
Die zwei Männer im Wald
Die Narrenkarawane, Teil eins
Die Narrenkarawane, Teil zwei
Effata – öffne dich
Die Legende von der Erschaffung der Welt
Der König der halben Dinge
Wir alle sind Wunder
Farben für Nebelland
Die Sonnenblume
Notabene – oder die Freunde von Bethlehem
Effata – öffne dich
Ismael oder wo der Messias wohnen wird
Ismael – oder wenn das Kleine groß wird
Ismael – oder wenn das Dunkel hell wird
Ismael – oder wenn das Unscheinbare wichtig wird
Effata – öffne dich
Debora und der Stern von Bethlehem
Das Weihnachtsfest der Sternbilder
Zum Schluss
Impressum neobooks
Dein Herz hat tausend Fenster
Geschichten, Gedichte und Lieder für die Zeit von Advent bis Weihnachten
Erzählt von Matthias Könning
Liebst du Geheimnisse? Findest du es spannend, ein Geschenk in den Händen zu halten? Du bewegst es hin und her. Deine Neugier ist geweckt und du rätselst: »Was könnte es sein? « Mir geht es so, dass ich ein Geschenk gar nicht erst auspacken will, weil ich die Spannung und die Vorfreude möglichst lange auskosten möchte.
Ebenso spannend kann es sein, Türen in einem alten, unbekannten Haus zu öffnen und fremde Räume zu entdecken. Jedes Zimmer sieht anders aus und erzählt dir eine interessante Geschichte von denen, die darin einmal wohnten. Du spürst die Gespräche, die stattgefunden haben. Du findest dort Kummer und Freude, Verzweiflung und Langeweile, und viele Ereignisse hängen förmlich in Wänden. Die Erlebnisse stapeln sich bis unter die Decke, so dass keine zusätzlichen Worte mehr aufgenommen werden können. Manche Räume entdeckte ich in alten Schlössern und Burgen, die waren voller moderiger Geschichten und Geistererlebnisse, so dass es mich schauderte und zugleich faszinierte. Ich bin überzeugt davon, dass jedes bewohnte Zimmer auf der Welt bis zum Rande angefüllt ist mit Vergangenheit, Gegenwart und einer Ahnung von Zukunft. Du findest Träume und Visionen, Gesprächsfetzen und Gefühlswirrwarr und wie bei einem Wollknäuel den Anfang einer neuen Geschichte.
Mit Schatzkisten verhält es sich ähnlich und zugleich anders. Du musst sie aufschließen wie einen Raum. Das verbindet beide, aber der Inhalt ist völlig verschieden, allein schon auf Grund der Größe. Würdest du gerne einmal eine Schatzkiste finden und sie öffnen? Ich sehe von meinem Schreibtisch aus deine neugierigen Augen und spüre deine erregte Erwartung. Nun, in den nächsten Wochen darfst du jeden Tag eine Geschichte hören oder lesen. Es kommen Türen und Fenster vor, ein Hauch von Orient, Phantastisches über Schätze und verborgene Räume. Du wirst Neues entdecken, indem du deine Ohren aufsperrst, und einen netten Menschen bittest, dir etwas vorzulesen. Wahlweise öffnest du deine Augen wieder und liest selber. Solltest du dich jedoch dazu entschließen, dein Herz außen vor zu lassen, also völlig unbeteiligt zu sein, kannst du von meinen Geschichten keinen Gewinn haben. Aber ich weiß, dass dein Herz tausend Fenster hat. Von hier aus will ich mit meiner Geschichtenlampe in das eine oder andere Herzensfenster hineinleuchten und in deinen Herzkammern ein kleines Geschenk hinterlegen, in der Hoffnung, dass du dich darüber freust. Wenn du möchtest, werde ich dich also in den nächsten Wochen der Adventszeit begleiten. An den Sonntagen wirst du Ariko und Jorinda kennen lernen. Sie sind auch die Hauptpersonen des Heiligen Abends. Es wird Geschichten geben über Schatzkisten und geöffnete Herzen. Ich reise mit dir in die Vergangenheit und in ferne Traumzeiten. Wir erforschen verschlossene Türen und erwarten mit Spannung das Weihnachtsfest. Ich lade dich ein, mir zu folgen mit den Worten, die einst Jesus zu einem Taubstummen sprach: Effata – öffne dich!
Naomi besaß die Fähigkeit, in Parallelwelten zu reisen. Du wirst dich jetzt fragen, wie eine Parallelwelt aussieht und wie man dorthin reist. Nun, ich will es dir gerne erzählen.
Naomi lebte vor vielen Hundert Jahren in einer Stadt irgendwo am Mittelmeer. Sie war die Nachfahrin eines alten und untergegangenen Königshauses, welches aus der Syrischen Wüste stammte. Ihre Familie kannte noch die Kunst, sich mit den Urahnen in Verbindung zu setzen. Naomi konnte stundenlang in einen Brunnen schauen und sich tief in die Vergangenheit versenken. Dann tauchten Bilder auf von Ereignissen, die ewig zurücklagen und in keinem Buch aufgeschrieben waren. Sie sah Könige aus alten Zeiten, wie sie in den Krieg zogen. Sie sah Oasen, die längst vom Staub der Wüste bedeckt wurden, und hörte Lieder in unbekannten Sprachen, die ihr dennoch vertraut vorkamen. Alle aus Naomis Familie konnten das, aber vor Fremden hielten sie ihre Fähigkeit geheim. Sie hüteten dieses kostbare Geheimnis. Als Naomi das erste Mal die eindrucksvollen Visionen aus der Vergangenheit sah, erschrak sie sehr darüber, denn ihre Eindrücke waren so intensiv, dass sie das Gefühl hatte, selber mitten im Geschehen zu sein. Sie sah diese Bilder am Tag, und nicht wie bei anderen Menschen in den Träumen der Nacht. Sie konnte den Thron ihres Urururgroßvaters berühren und fühlte das alte Holz, das mit Goldplatten beschlagen war. Sie bekam die Audienz mit, wo eine Frau sich beim König beschwerte über eine ungerechte Wasserverteilung. Doch sein gütiger Gesichtsausdruck zeigte, dass er eine kluge Lösung wusste. „Ah“, sagte Naomis Mutter nur, „du bist Asurbanipal begegnet. Immer, wenn ich mich sorge, reise ich in Gedanken zu ihm und hole mir Rat. Ich frage ihn etwas, und er gibt mir Antwort. Es freut mich, dass du ihn gesehen hast. Beim nächsten Mal stellst du dich vor und bestellst viele Grüße von mir. Ich habe ihm schon von dir erzählt, so dass er deinen Namen kennt.“ Naomi konnte das kaum glauben, was ihre Mutter da sagte. Für sie war es die selbstverständlichste Sache der Welt, in die Vergangenheit reisen, und mit einem verstorbenen König zu sprechen, sich Rat bei ihm zu holen und in die Gegenwart zurückgehen. Ihre Mutter tat so, als sei das nichts Besonderes, aber für Naomi begann eine aufregende Zeit. Es dauerte lange, bis sie ihre große Familie aus Vorzeiten kennen gelernt hatte. Irgendwann war es auch für sie selbstverständlich, mit den Vorfahren regelmäßig Kontakt aufzunehmen.
Eines Tages saß sie wieder einmal an ihrem Brunnen und schaute hinein. Sie merkte nicht, wie sich lautlos ein alter Mann neben sie setzte. Er lebte als Wanderer, Pilger und Weiser, dem Leid und Freud in die Gesichtsfalten eingeschrieben waren. Tiefe Furchen durchzogen sein Gesicht. „Ah“, sprach er Naomi an, die erschrocken aus ihren Gedanken erwachte, „du gehörst auch zu den Seherinnen. Das konnte ich gleich erkennen. Es liegt an deinem Gesichtsausdruck und dem, was sich in deinen Augen spiegelt. Du musst gerade etwas Schönes entdeckt haben. Stimmt’s?“ Noch nicht wieder ganz in der Welt nickte Naomi dem Wanderer zu. „Woher weißt du? Kein Fremder kennt unser Geheimnis. Wer bist du? Ich kenne dich nicht!“ „Ich bin ein Reisender zwischen den Zeiten“, entgegnete ihr freundlich der Alte, „heute bin ich hier und gestern war ich im Vorgestern. Gleich werde ich in der Urzeit sein, je nachdem, wohin mein Herz mich ruft.“ Solche Gedanken verwirrten Naomi. Wie ist es möglich, gestern im Vorgestern zu sein. Sie verstand kein Wort und schaute den Pilger nur fragend an. „Es ist kein Wunder, wenn du mich nicht verstehst. Doch weil du selber in die Vergangenheit reisen kannst, bist du mir herzensverwandt und hast wenigstens eine Ahnung. Es gibt einen guten Grund, warum ich dich besuche. Mein Herz konnte deine Einsamkeit spüren und kennt deine verborgenen Wünsche.“ Wiederum wunderte sich Naomi, denn erst jetzt merkte sie, dass sie sich wirklich verlassen fühlte, und dass ihr viele Fragen durch den Kopf schwirrten. Der Fremde wurde ihr immer unheimlicher und zugleich vertrauter. Er schien wie aus einer anderen Welt und dennoch von ihrer Art. „Erzähle mir einfach“, sagte sie, „was mein Verstand nicht weiß, aber mein Herz wissen möchte.“ „So ist es recht“, antwortete der Alte. „Deine Gedanken werden es nicht begreifen, dein Inneres jedoch kann es sehen. Denn dein Herz hat tausend Fenster.“ „Mein Herz hat tausend Fenster?“ fragte Naomi. „Ja, dein Herz hat tausend Fenster. Es ist so, wenn du in die Traumbilder gehst, die ganz unten wohnen, befindest du dich mitten in deinem Herzen. Dort scheint es zunächst sehr dunkel zu sein, doch sobald du die eine oder andere Stelle berührst, öffnet sich ein Fenster und du kannst hinausschauen. Sieh her, wir sitzen jetzt gemeinsam am Brunnen. Wenn du nun das machst, was ich dir gesagt habe, also, wenn du in deinem Herzen angekommen bist, eine Öffnung gefunden hast und hinausschaust, erblickst du eine fremde Welt, eine so genannte Parallelwelt. Denn genau hier an dieser Stelle gibt es sogar mehrere davon. Jetzt in diesem Augenblick, an diesem Brunnen befindet sich in einer der Parallelwelten ein Reich, in dem Tiere miteinander sprechen können. Es sind geflügelte Wesen von durchsichtiger Leichtigkeit. Ich sage nur Tiere, weil ich kein anderes Wort dafür kenne. Sie nennen sich selber ‚Mahaas’ was so viel bedeutet wie ‚von den Göttern abstammend’. An der Stelle, wo sich hier der Brunnen befindet, steht in der Parallelwelt ein heiliger Baum, der den Wesen dort jeden Tag himmlischen Nektar zur Verfügung stellt, der aus den Tiefen der Erde strömt. Die Mahaas ahnen nichts von unserer Existenz und wir – mit Ausnahme von dir und mir – wissen nichts von ihnen.
Und wenn du jetzt an einer anderen Stelle dein Herz berühren würdest, könntest du in eine neue Parallelwelt hineinschauen. Manche Welten sind jedoch äußerst gefährlich, wie zum Beispiel die Schlangenwelt. Im Augenblick schleichen sich um uns herum hunderte von Schlangen. Für sie liegt hier der mächtige Stein. Sie versammeln sich, um Gericht zu halten über Schlangen, die nicht grausam genug sind und bestraft werden für ihre Sanftmut.
Ich könnte dir jetzt noch viel erzählen. Denn hier an gleicher Stelle stehen nicht nur der Brunnen, der heilige Baum und der mächtige Stein. An diesem Ort befindet sich zugleich ein Schloss aus Alabaster, eine um das Überleben kämpfende Wiese, ein Ozean mit rotem Wasser und einiges mehr. Du wirst das alles selber entdecken.“
Obwohl Naomi schon in die Vergangenheit reisen konnte, überstieg das ihr Vorstellungsvermögen. Angesichts der Fülle von Parallelwelten stieg ein Ohnmachtsgefühl in sie auf. Kein Mensch war in der Lage, zur gleichen Zeit so viele Visionen und Vorstellungen zu verkraften. Darum strich der alte Mann mit seiner knorrigen Hand über Naomis Gesicht und auf einmal waren die Bilder verschwunden und sie konnte wieder klar denken. „Das werde ich alles mit meinen eigenen Augen sehen?“ fragte sie den Pilger. „Doch warum erzählst du mir das? Wozu ist das wichtig, dass ich in mein Herz reise und die tausend Fenster öffne? Ich glaube, ich könnte vor Verwirrung keinen Schlaf mehr finden.“ Jetzt klang Naomi sehr besorgt. Nachdenklich nickte der alte Mann. „Ja, ich weiß, dass ich dir viel zumute. Aber ich bin inzwischen alt geworden und merke, wie meine Kräfte schwinden. Ich brauche eine gute Helferin an meiner Seite. Ich spüre, du bist stärker, als du selber ahnst. Du gehörst zu einem mächtigen Königshaus, das die Tiefen der Seelen zu erwandern vermag. Das Leben der Parallelwelten ist ständig gefährdet. Wenn Sonne, Wind und Regen in einer bestimmten Reihenfolge aufeinandertreffen, kann es passieren, dass die Welten durcheinander kommen und sich begegnen. Die Parallelwelten dürfen sich nicht vermischen. Ich habe bisher dafür gesorgt, dass alles seine Ordnung hat. Was jedoch passiert, wenn sich über uns auf einmal der Ozean mit dem roten Wasser ergießen würde? Sämtliche Parallelwelten wären mit einem Schlag vernichtet.“ Das konnte Naomi gut verstehen. Dennoch fragte sie ihren neuen Freund: „Was kann ich denn tun, dass das niemals geschieht?“ „Das ist nicht so schwer, wie du glaubst“, entgegnete der alte Mann, „du wirst es sehr deutlich spüren, wie von selbst. Dein Herz fängt an, leicht zu zittern. Es klopft dann immer heftiger, bis du es nicht mehr aushältst. Sobald du die ersten Anzeichen merkst, musst du dich in das Innere deines Herzens zurückziehen, alle Fenster fest verschließen und abwarten. Es wird nichts geschehen, denn die geschlossenen Läden werden dafür sorgen, dass die Parallelwelten sich nicht begegnen. Hast du verstanden?“ Naomi hatte verstanden, dennoch fürchtete sie sich ein wenig vor der großen Aufgabe, die sie erfüllen sollte. „Ja, aber was geschieht, wenn ich Angst habe oder deine Anweisungen nicht funktionieren?“ fragte sie. Der alte Wanderer jedoch wusste auch auf diese Frage eine Antwort. Er holte aus seiner Umhängetasche etwas heraus, das aussah wie ein Schlüssel. Er war nicht aus einem Metall gearbeitet, sondern sah eher aus wie feines Glas, das fast unsichtbar wirkte. „In deinem Herzen gibt es eine Stelle, an der dieser Glasschlüssel passt. Sobald du dort den Schlüssel hineinsteckst und umdrehst, bleiben die Welten stehen. Nichts bewegt sich mehr. Erst, wenn sich alles beruhigt hat und du den Schlüssel zurückdrehst, werden sie sich weiter bewegen und nicht merken, dass sie für einen Augenblick stillstanden.“ Ehrfürchtig nahm Naomi den Schlüssel entgegen. „Hast du ihn schon einmal gebraucht und ausprobiert?“ fragte sie. „Ja“, antwortete ihr der alte Mann, „vor unendlichen Zeiten musste ich mein Herz verschließen und die Welten blieben für hundert Jahre stehen. Der rote Ozean geriet außer Kontrolle und brauchte lange, sich wieder zu beruhigen. Für mich fühlten sich diese hundert Jahre wie eine Ewigkeit an, doch niemand in der Außenwelt bemerkte etwas. Ich denke nicht gerne daran zurück und hoffe, dass du das nicht erleben musst. Na“, zwinkerte er Naomi aufmunternd zu, „willst du jetzt vielleicht die vielen Welten besuchen? Habe ich deine Neugier geweckt? Du trägst nicht nur eine große Verantwortung. Vielmehr darfst du das Wunder entdecken, wie vielfältig das Leben sein kann. Du wirst immer wieder von Neuem staunen und deine Lebenszeit wird nicht ausreichen, mit allen Parallelwelten vertraut zu werden.“ Dabei bekam der alte Pilger ein Leuchten in seinen Augen.
So begann für Naomi die erste Reise in ihr eigenes Herz. Wie sie das machte, kann ich nicht sagen. Ich weiß es nicht. Man sagt, als sie alt geworden war, übergab sie den Glasschlüssel ihrer Tochter und die wiederum ihrer Nachfahrin. Irgendwo auf dieser Welt lebt wahrscheinlich eine Frau mit einem fast unsichtbaren Schlüssel und achtet darauf, dass sich die Parallelwelten nicht vermischen. Sind dir die Märchen aus tausendundeiner Nacht vertraut? Was glaubst du wohl, wo sie entstanden sind? Kennst du die Legende von Atlantis? Wo hatte sie ihren Ursprung? Hat sich jemand die grünen Männchen vom Mars nur ausgedacht? Ich habe einen großen Verdacht. Es gibt diese Parallelwelten und manchmal dringt doch etwas davon zu uns durch. Wir denken, es handelt sich nur um Märchen und Geschichten. Vielleicht versuchst du einmal selbst das, was für Naomi ganz selbstverständlich war. Geh den Weg in dein Herz und erkenne: Es hat tausend Fenster.
Der erste Sonntag im Advent
Eine Träne meiner Traurigkeit fange ich mit der Zunge auf.
Mein Herz verwandelt sie dann in Honig.
Es war einmal oder es war keinmal, wer weiß das schon so genau, ein Geschwisterpaar, Ariko und Jorinda. Sie waren ganz normale Kinder, wie viele auf der weiten Welt. Sie hatten Eltern, sie gingen zur Schule, manchmal gerne, vor allem zum Sportunterricht. Oft fanden sie den Schulalltag auch langweilig und anstrengend, wenn sie irgendeine Arbeit schreiben mussten. Sie pflegten Hobbys wie Reiten und Schwimmen, spielten Blockflöte oder Geige, besaßen einen liebenswerten Patenonkel und eine nette Patentante. Also, eigentlich nichts Nennenswertes, jedenfalls nicht so besonders, als dass es sich lohnen würde, davon zu berichten. Dennoch möchte ich euch von den beiden erzählen, weil sie, im Unterschied zu allen anderen Kindern auf der Welt, einmal in ihrem Leben etwas Außergewöhnliches erlebten. Und das spielte sich so ab.
Ariko und Jorinda machten sich wie immer gemeinsam auf den Weg zur Schule. Unterwegs kamen sie an einer merkwürdigen Mauer vorbei. In dieser waren vier Türen aus Holz eingelassen. Niemals kam dort jemand heraus und niemals ging jemand hinein. Das machte ja auch keinen Sinn, denn hinter dieser Wand befand sich kein Haus. Auf der Rückseite der Mauer gab es die gleichen vier Türen aus Holz. Am oberen Rand stand ein Wort geschrieben, das die beiden nicht verstanden. Es hieß „Effata“, und auf jeder Tür war ein Schild angebracht. Auf dem ersten Schild stand: »Land der Sicherheit«, auf der zweiten Tafel: »Land der Freude«; auf dem dritten Schild: »Land des Segens« und auf dem Vierten und Letzten: »Land der Erwartung«. Die Mauer stand schon so lange in dieser Straße, so dass sie keinem mehr auffiel. Auch die alten Leute wussten nichts über dieses seltsame Bauwerk. Welchem Zweck diente sie? Wem gehörte sie? Man konnte nur sehen, dass die Mauern und Türen uralt waren und sich nicht öffnen ließen.
Eines Morgens hörte Ariko in der Schule im Religionsunterricht die Geschichte aus der Bibel, in der Jesus einen Taubstummen heilte. Dabei sprach er das magische Wort aus: »Effata – öffne dich«. „Aha“, dachte sich Ariko, „das ist also des Rätsels Lösung von der Mauer. Effata heißt: Öffne dich.“ Und weil er gerne Detektivgeschichten las, fing er an, in der Religionsstunde davon zu träumen, wie er das Geheimnis der vier Türen entschlüsselt hatte. In seinen Bildern erschien ein unermesslich großer, unsichtbarer Schatz. Leider konnte er die Geschichte nicht zu Ende träumen, da Frau Heitmann, seine Lehrerin, ihn aufrüttelte, nachdem sie ihn drei Mal etwas gefragt hatte. Doch dieser peinliche Augenblick war nach der Schule schnell vergessen, während er auf seine Schwester Jorinda wartete. Als sie erschien, machten sie sich gemeinsam auf den Weg. „Effata heißt öffne dich“, lautete sein erster Satz. „Na und, wofür ist es gut, das zu wissen?“ fragte Jorinda ziemlich genervt, weil sie sich gerade mit ihrer Freundin gestritten hatte. „Erinnerst du dich denn nicht an das Wort auf der eigenartigen Mauer – Effata?“ „Ach so, das meinst du! Und jetzt, was willst du damit anfangen?“ „Frau Heitmann hat uns heute vom Taubstummen erzählt. Als Jesus das Wort »Effata« sagte, gingen dem Tauben die Ohren auf und er konnte wieder hören. Stell dir mal vor, wir stehen vor einer der Türen und sagen genau dieses Wort, was denkst du wohl, wird da passieren?“ „Wir werden es nur wissen, wenn wir es ausprobieren“, lautete Jorindas praktische Antwort und beschleunigte ihre Schritte, so dass Ariko ihr kaum folgen konnte. Als sie die Mauer erreichten, hielten sie atemlos an. Ungeduldig fragte Jorinda: „Nun, welche Tür zuerst?“ „Man fängt immer mit der ersten Tür an“, entgegnete ihr Bruder, „das ist in jedem Märchen ein ungeschriebenes Gesetz. Also hier – Land der Sicherheit. Wir beide gemeinsam auf Kommando: eins, zwei, drei! „Effata!“ So deutlich, wie sie es nur sagen konnten, sprachen sie das Wort aus. Und siehe da, es drehte sich der Knauf der Tür und es machte leise Klick. Nach den vielen Jahren, in denen keiner die Tür geöffnet hatte, ließ sie sich nur schwer aufstemmen. Ariko und Jorinda mussten all ihre Kräfte zusammennehmen, doch schließlich schafften sie es. Und was befand sich hinter der Tür? Sie vermuteten dort ihre bekannte Wiese, erblickten jedoch eine ihnen fremdartig scheinende Landschaft. Von der Tür aus führte ein langer Weg immer nur geradeaus. Links und rechts des Weges sahen sie einen hohen Zaun aus Stacheldraht, der mit Hecken so bepflanzt war, so dass man dahinter nichts erkennen konnte. Der Himmel sah grau aus und der Weg wirkte überhaupt abweisend und unfreundlich.
„Sollen wir wirklich?“ fragte Ariko ängstlich. „Na klar, du bist doch immer der tapfere Abenteurer, der Pirat und Cowboy spielen will. Jetzt zeig mal, was du drauf hast.“ Bei diesen Worten machte sich Jorinda fast einen halben Kopf größer und schlüpfte durch die Tür hindurch auf den gepflasterten Weg. Und Ariko direkt hinterher. Kaum hatte er den Weg betreten, ging wie von magischer Hand die Tür zu, so dass die beiden erschraken. Denn von dieser Seite gab es kein zurück mehr. Die Tür besaß keinen Griff und kein Schloss und ließ sich nicht mehr öffnen. „Was machen wir jetzt?“ fragte Ariko, dem das Herz wieder einmal in die Hose rutschte. Jorinda ließ sich als ältere Schwester die Angst nicht anmerken und fasste einen mutigen Entschluss. „Da müssen wir durch. Der Weg führt immer geradeaus. Vielleicht kommen wir ja an das Ende der Straße oder der Stadt und hinten gibt es einen Ausgang. Folge mir! Bevor wir uns hier die Beine in den Bauch stellen, gehen wir lieber los.“
Gesagt, getan. Ariko und Jorinda machten sich auf den Weg in das Land, das den Namen »Sicherheit« trug. Die hohen Zäune, die sie sahen, sagten alles. Die Menschen dahinter mussten große Angst haben vor irgendetwas. Entlang des Weges gab es kein einziges Tor. Nur Zäune und dichte Hecken, ohne Unterbrechung. Sie gingen fast eine Stunde, während sich gar nichts veränderte. So langsam wurde es den beiden unheimlich. Sie konnten kaum etwas hören. Kein Wind, kein Vogelgezwitscher, keine Stimme ertönte von der anderen Seite der Hecken her. Doch umkehren, dazu war es jetzt zu spät. Eine Weile danach standen sie auf einmal an einer Abzweigung. Links und rechts und auch geradeaus immer das gleiche Bild. Aber auf der Kreuzung, sie konnten es kaum glauben, sahen sie einen abgesägten Baum, der sich in der Mitte spaltete. Der Stumpf war knorrig und sah uralt aus. Dennoch fand die Sonne durch die grauen Wolken hindurch einen kleinen Spalt und beschien das Innere des Stammes. Und als Ariko und Jorinda staunend näher traten, entdeckten sie, dass aus dem Baumstumpf eine rote Rose wuchs. Noch hatte sich die Blüte nicht geöffnet, aber man konnte sehen, dass sie sich bald in voller Pracht entfalten würde. „Welch ein Wunder in diesem angsterfüllten Land“, sagte Ariko, und seine Schwester rief entzückt: „Ach, bist du eine schöne Rose, die wunderbarste, die ich je gesehen habe!“
„Ja? Findest du?“ kam eine zaghafte Stimme aus dem Baumstumpf. Nein, sie verhörten sich nicht. Die Blume konnte tatsächlich sprechen. „Ihr seid die ersten Menschen, die mich sehen. Alle hundert Jahre wächst an dieser Stelle eine Rose, doch niemand hat jemals eine meine Vorgängerinnen entdeckt. Wie freue ich mich, dass es endlich passiert ist. Der Morgentau hat es mir jeden Morgen zugeflüstert. ‚Rose, Rose, die Erlösung kommt auf dich zu.’ Ihr müsst einfach die Erlösung sein!“ Ariko und Jorinda schüttelten nur den Kopf. „Das kann nicht sein, wir sind eher zufällig hier, und außerdem waren wir nur etwas neugierig“, entgegnete Jorinda. „Es gibt keine Zufälle“, so die Rose, „der Morgentau hat euch hierher geführt, weil es eure Bestimmung ist. Bitte helft mir, meinen Duft zu den Bewohnern hinter den Zäunen zu tragen. Denn vor vielen hundert Jahren hauste an diesem Ort der Hauch der Angst. Er bewirkte, dass alle Einwohner dieses Landes sich in Sicherheit bringen und verstecken mussten. Der Hauch der Angst ist schon längst weiter gezogen aber die Menschen haben es nie bemerkt. Ihnen hilft nur noch der Duft des Vertrauens. Zäune, Mauern und Hecken schaffen keine innere Geborgenheit, das kann nur das Vertrauen. Wenn die Leute nur einander vertrauen, wird sich alles zum Guten wenden.“ Bei der Vorstellung, helfen zu können, bekam Ariko glänzende Augen. „Was sollen wir tun, damit hier wieder Friede einkehrt?“ fragte er. „Nichts leichter als das“, meinte die Rose, „ihr müsst mich pflücken, und mit meinem Blütenkelch die Zäune berühren. Ihr werdet schon sehen, was geschehen wird. Wenn ihr mich pflückt, muss ich leider anschließend verblühen, dennoch werde ich dadurch meine Bestimmung erfüllen, und darauf kommt es im Leben an.“ Einen Moment noch zögerten Ariko und Jorinda, aber dann machten sie sich an die Arbeit. In dem Augenblick, als sie die Rose abbrachen, öffnete sich der Blütenkelch in all seiner Pracht. Mit der Blume in der Hand fingen sie an, die Hecken und Zäune zu berühren. Wie durch Zauberhand verschwanden sie. Dabei verlor die Rose Blütenblatt um Blütenblatt. Doch hinter den Zäunen und Hecken tauchten auf einmal Menschen auf, die sich verwundert die Augen rieben. Alle verließen ihre Häuser, staunten und wunderten sich, dass die Welt mit einem Schlag so freundlich und wunderbar erschien. Auch das Grau des Himmels verwandelte sich in blaue Farbe und die Sonne schien mit all ihrer Kraft vom oben auf die Erde herab. Die Bewohner freuten sich so sehr über die Verwandlung, dass sie ihre Angst vergaßen. Sie gingen aufeinander zu, umarmten sich und tanzten ausgelassen zwischen den zaunlosen Gärten. Überall lagen verstreut die Blütenblätter der Rose und verkündeten den Beginn eines neuen Zeitalters: Leben in Sicherheit mit der Kraft des Vertrauens. Das Herz von Ariko und Jorinda erfüllte sich mit Freude und Dankbarkeit, zugleich auch mit ein wenig Wehmut über das Ende der Rose. „Komm, Ariko, wir haben die Aufgabe erledigt. Lass uns schnell nach Hause gehen, sonst bekommen unsere Eltern Angst, weil es schon so spät ist“, sagte Jorinda. „Ja, aber wie sollen wir das anstellen, die Tür ist sicherlich noch versperrt“, meinte Ariko. Doch seine Schwester hatte so eine Ahnung: „Ich weiß nicht, mein Gefühl jedoch sagt mir, wir sollten einfach einmal nachschauen.“ Also machten sich beide auf den Rückweg, und als sie die Tür erreichten, bestätigte sich Jorindas Eingebung. Die Tür hatte sich einen Spalt weit geöffnet und sie hörten das Geräusch der Straße. Schnell passierten sie das Tor. Dieses sprang hinter ihnen zu und mit einem erfüllten Herzen setzten sie ihren Weg fort. „Morgen“, dachte sich Ariko, „da besuchen wir das Land der Freude. Ich bin jetzt schon gespannt, was uns dort erwarten wird.“
Montag, erste Woche
Ich warte auf jemanden, der kommt gewiss.
In mein Herz hinein schreib ich:
Sei mir willkommen.
Es lebte einmal ein König, der sein Land viele Jahre mit großer Aufmerksamkeit und Liebe regierte. Als er jedoch alt geworden war, merkte er, dass seine Kräfte nachließen und dass die Zeit für ihn kam, einen geeigneten Nachfolger zu suchen. Er hatte drei Söhne und hoffte, dass sich einer von ihnen fähig zeigte, diese Herausforderung anzunehmen.
Nun, dem König gehörte eine Schatzkiste. Sie war so groß und schwer, dass man sie gerade tragen konnte. Etwas Besonderes zeichnete sie jedoch aus. Es gab nirgendwo ein Schloss zum Öffnen. Dennoch war der Deckel mit einem Riegel versehen, der winzig klein und unauffällig war.
Der König wusste genau, wie er einen geeigneten Kandidaten für das Amt finden konnte. Der Sohn, der in der Lage war, seine Schatzkiste zu öffnen, sollte wohl ein würdiger Nachfolger werden. So rief er den Erstgeborenen zu sich. „Ich vertraue dir diese kleine Truhe an. Wenn du es vermagst, sie aufzuklappen, werde ich dir mein Königreich übergeben.“ Nichts leichter als das, glaubte der Älteste, nahm die Kiste, klemmte seine Finger unter den Riegel und … musste feststellen, dass er sich so nicht bewegen ließ. So sehr er auch rüttelte, der Verschluss bewegte sich keinen Millimeter. Da dachte er so bei sich: da hilft nur enorme Kraft. Auf den Inhalt kommt es an, nicht auf die Hülle. Also schmetterte er die Kiste mit aller Gewalt auf den Boden. Doch diese blieb heil und der kostbare Marmorfußboden erlitt einen langen Riss. Daraufhin besorgte er sich die schärfste Axt, die er im Schloss finden konnte, um den Deckel damit öffnen zu können. Je mehr er allerdings darauf einschlug, desto stumpfer wurde die Axt, bis sie am Ende sogar entzweibrach. Die Schatzkiste bekam nicht einmal einen Kratzer.
Beim näheren Hinsehen stellte der Erstgeborene fest, dass die Truhe einfach aus Holz gemacht war, und wunderte sich über die Härte und Stabilität. 'Eine Möglichkeit bleibt mir noch’, dachte er bei sich, 'Holz brennt'. Also errichtete er im Innenhof einen hohen Scheiterhaufen, zündete ihn an und warf die Kiste hinein, als die Flammen am höchsten schlugen. Gespannt wartete er den Augenblick ab, als das Feuer niederbrannte und er das Ergebnis entdecken konnte. Doch sein Erstaunen war groß. Als nur noch etwas Glut übrig blieb, lag die Kiste unversehrt obenauf. Nicht einmal erhitzt schien sie zu sein. Verdrossen und resigniert gab der Sohn die Schatzkiste seinem Vater zurück. Dieser war nicht minder enttäuscht und reichte die Truhe dem zweiten Nachkommen.
Durch die Erfahrungen seines älteren Bruders schlauer geworden, wusste dieser nun, dass da mit roher Gewalt nichts zu machen war. Er verließ sich lieber auf seine Klugheit und Geschicklichkeit. So begann er damit, den Mechanismus des Verschlusses genau zu untersuchen. Konnte er da eventuell ein verborgenes Schloss entdecken? Verbarg es sich vielleicht hinter einem kleinen Holztäfelchen? Kam es möglicherweise darauf an, mit einem bestimmten Tempo oder einer trickreichen Bewegung der Hand das Geheimnis des Öffnens zu entschlüsseln? Stundenlang tüftelte und probierte er herum, doch schon bald musste er seine Bemühungen einstellen. Er ging mit seiner Kiste zu einem Uhrmacher und zu einem Juwelier, er befragte sämtliche Feinmechaniker des Landes, aber nach eingehender Untersuchung bestätigte jeder von ihnen, dass die Aufgabe unlösbar sei. Am Ende seiner Weisheit und seiner Möglichkeiten angelangt, gab auch der Zweitgeborene die Schatzkiste zurück.
Mit großer Skepsis musste der König seine Kiste nun seinem Jüngsten anvertrauen. Dieser wirkte nicht sonderlich stark und zeichnete sich nicht durch besondere Klugheit aus. In seinem Land galt er eher als ein Träumer und Nichtsnutz.
