DELTA OPERATOR - Marco Gruber - E-Book

DELTA OPERATOR E-Book

Marco Gruber

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Beschreibung

Stell dir vor, du wirst verraten, im Stich gelassen, dem Feind ausgeliefert, ohne Aussicht auf Rettung… du wirst für tot erklärt, und vergessen… und ein Mann ist dafür verantwortlich… du kämpfst, überlebst trotz allem… Jahre später triffst du ihn wieder, er ist allein, hilflos seinen Feinden ausgeliefert, und nur du kannst sein Leben retten… Was wirst du tun? Verrat, Gefangenschaft, Folter, Flucht… All das hat Stefan Berger überlebt. Doch sein Wunsch, alles hinter sich zu lassen und neu zu beginnen, bleibt nur ein Traum. Dunkle Schatten der Vergangenheit holen ihn wieder ein, als er völlig unerwartet seinem schlimmsten Feind erneut gegenübersteht. Und dieses Mal liegt es an ihm, jenem Mann das Leben zu retten, der ihn einst in die Hölle geschickt hat.

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Seitenzahl: 628

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Impressum neobooks

PROLOG - China, Dsungarische Tiefebene

28. November 2013

„Wie geht’s dem Lieutenant?“ flüsterte Crowe, während er durch das leistungsstarke Nachtsichtvisier seines M4-Karabi­ners die vorsichtig näher rückenden Chinesen beobachtete. Im Halbdunkel der Morgendämmerung konnte er die Soldaten nur als grünlich fluoreszierende Schemen erkennen.

„Wenn er nicht bald hier rauskommt, dann wird er’s nicht schaffen, Sarge.“

Crowe senkte das kurze Sturmgewehr und betrachtete das blutverschmierte Gesicht Sergeant Malones, der ihn besorgt ansah. Der junge Delta-Sanitäter kniete neben dem bewusstlosen Lieutenant und kontrollierte den Druckverband am Oberschenkel des Offiziers. „Er hat viel Blut verloren, dazu kommt der Schock. Sieht verdammt schlecht aus.“

Crowe nickte und hob die Waffe wieder. Sein geschwärztes Gesicht, das trotz der Minusgrade vor Schweiß glänzte, wirkte angespannt. Während er versuchte, die Anzahl der chinesischen Gebirgsjäger zu schätzen, die langsam den steilen Abhang erklommen, betätigte er sein Headset und befahl über die teaminterne Frequenz einen der Funker zu sich. Fünfzehn Sekunden später ließ sich direkt neben ihm Corporal David Sanchez auf den gefrorenen Waldboden nieder. Der junge Kalifornier trug eines der neuen SATCOM-Geräte auf dem Rücken und hoffte, dass die Verbindungsaufnahme reibungslos klappen würde. Eine halbe Minute später hatte Crowe die Verbindung zur Basis hergestellt.

„Adam-Three-Two, hier Alpha-Four-One, Team Leader First Sergeant Crowe, over.”

„Alpha-Four-One, sprechen Sie, Sergeant.“

„Roger, Three-Two. Primäres Einsatzziel wurde erreicht. Wiederhole: Primärziel erreicht.“ Crowe hielt kurz den Atem an, dann sprach er ruhig weiter.

„Ich breche jetzt den Einsatz ab. Wir sind vor ... “, Crowe sah kurz auf seinen mattschwarzen Chronographen, „... circa fünfundfünfzig Minuten mit feindlicher Infanterie unbekannter Truppenstärke zusammengestoßen. Es gab ein kurzes Feuergefecht, bei dem der Lieutenant schwer verwundet worden ist. Drei weitere Männer sind leicht verletzt, aber einsatzbereit. Bitte um Bekanntgabe der Rendezvouskoordinaten und Evakuierung, over.“

„Roger, Four-One. Wie lange können Sie die Stellung halten?“

„Wir werden uns verdrücken und auf den Hubschrauber warten. Ich seh’ da keine Probleme, Three-Two.“

„Verstanden, Four-One. Bleiben Sie auf Stand-by, wir melden uns gleich wieder.“

Crowe gab Sanchez das Mikro zurück und sah wieder den Abhang hinunter. Die Spitzen des chinesischen Suchtrupps waren wieder zehn oder zwanzig Meter nähergekommen, verhielten sich aber sehr vorsichtig und suchten nahezu jede Deckung auf, die der lichte Nadelwald bot. Sie waren jetzt nur noch etwa dreihundert Meter entfernt, und es war höchste Zeit, hier abzuhauen. Crowe betätigte erneut das Headset.

„Alpha, Bravo, fertig machen zum Abrücken. Martinez, Steele, zu mir.“

Die beiden Sprengstoffexperten des Teams berieten sich kurz mit Crowe und verschwanden dann als lautlose Schatten im Dunkel des Nadelwaldes. Crowe sah sich kurz um und konnte keinen der anderen Delta-Operators entdecken, die getarnt im niedrigen Buschwerk verborgen waren, obwohl er zweifelsfrei wusste, dass sie da waren. Dann blickte er durch die Baumkronen nach oben in das Anthrazit des Nachthimmels. Das leichte Funkeln der Sterne drohte bereits vollständig zu verschwinden und wich langsam einem gespenstisch schwachen Leuchten am östlichen Horizont. Der Tag würde bald anbrechen, und wenn sie bis dann immer noch hier saßen, dann …

„Sergeant?“

Crowe drehte sich um und griff nach dem Mikro, das Sanchez ihm hinhielt. Er schluckte und versuchte, seinen ausgetrockneten Mund zu befeuchten. Dann drückte er die Sprechtaste.

„Sprechen Sie, Three-Two.“

Das Funkgerät krachte kurz, dann war die Stimme des Funkers in der Operationsbasis zu hören.

„Alpha-Four-One, wir schicken einen Blackhawk zu folgenden Koordinaten …“.

Crowe notierte sich die Zahlen, verglich sie mit seiner wasserabweisenden Karte und rechnete kurz. Er schätzte die Marschgeschwindigkeit des Teams auf Grund der Verwundeten neu ein und setzte das Ergebnis in Relation zu Gelände und Vegetation am Weg zum Zielpunkt. Zuletzt warf er noch einen kurzen Blick durch das Visier seines M4. Die Chinesen waren nicht stehen geblieben, sondern rückten unaufhaltsam vor.

„Roger, Three-Two. Koordinaten sind bestätigt, erreichen Evakuierungspunkt in ungefähr fünfundvierzig Minuten, over.“

„Verstanden, Four-One.“

Dann war es still und Crowe sah sich nach seinen Männern um, die sich inzwischen allesamt erhoben hatten und sich zum Abmarsch bereithielten. Der Lieutenant lag zitternd auf der zusammenklappbaren Trage des Sanitäters und stöhnte leise, als er kraftvoll von zwei Männern des Alpha-Teams hochgehoben wurde. Das Funkgerät knackte erneut.

„Wir holen Sie da raus, Four-One.“

Crowe verzog das Gesicht und hoffte, dass der Mann wusste, wovon er redete.

„Roger. Alpha-Four-One, out.“

Crowe gab dem Funker das Mikro zurück, brachte seinen M4-Karabiner in Anschlag und ließ das Team vorrücken. Wenige Augenblicke später stießen Martinez und Steele wieder zum Team und nahmen ihren Platz in der Formation ein. Crowe glaubte nicht wirklich daran, dass die Sprengfallen und Minen, die die beiden Corporals soeben gelegt hatten, die Chinesen lange aufhalten würden. Doch wenn es später nur ein paar Minuten Zeitgewinn sein würden, dann konnte das unter Umständen entscheidend sein.

Ohne einen hörbaren Laut zu verursachen, verschwand das Delta-Team im Unterholz des nordwestchinesischen Nadelwaldes und bahnte sich seinen Weg die Ausläufer des Altaigebirges empor, direkt auf die vereinbarte Landezone zu. Fünf Minuten später vernahm First Sergeant Steven Crowe das donnernde Geräusch der explodierenden Claymoreminen mit einem grimmigen Lächeln. Obwohl er mit Sicherheit wusste, dass es noch lange nicht vorbei war, wusste er aber ebenfalls, dass ihre Verfolger nun noch vorsichtiger und damit langsamer vorrücken würden.

Crowe fluchte leise, als er über die weite schneebedeckte Fläche blickte, die vor ihm lag. Das Team hatte sich im Dickicht am Waldrand verborgen und wartete auf weitere Befehle. Crowe kontrollierte seine Position mit Hilfe des GPS-Empfängers und stellte zufrieden fest, dass er genau da war, wo er sein sollte. Nur leider hatten sie etwas länger gebraucht, als er geglaubt hatte. Einmal hatten sie stoppen müssen, damit der Sani den Lieutenant neu verbinden konnte. Crowe hatte die Wunde gesehen, die käsige, verschwitzte Haut am Bein des Offiziers, und gewusst, dass er nicht mehr viel Zeit hatte, wenn er den Mann lebend hier rausbringen wollte. Die beiden Scharfschützen waren etwa zweihundert Meter zurückgefallen und hatten besorgt feststellen müssen, dass die chinesischen Verfolger wesentlich schneller vorangekommen waren, als es die Amerikaner erwartet hatten. Als die beiden Deltas die schlechten Nachrichten an Crowe meldeten, ließ dieser das Team sofort abrücken.

Die Schneefläche lag strahlend weiß vor Sergeant Crowes Visier und sah für jeden Skifahrer zweifellos äußerst einladend aus. Auf ein Aufklärungsteam der Delta-Force hingegen, das mit seinen dunklen Wald-Kampfanzügen auf der offenen, hellen Fläche wie auf einer Zielscheibe erkennbar sein würde, übte der helle Schnee eine ganz andere Wirkung aus. Crowe verstaute den GPS-Empfänger und erhob sich geschmeidig und lautlos. Dann trat er aus dem Unterholz und hob seinen Karabiner. Durch das immer weniger wirkungsvolle Nachtsichtvisier konnte er nicht mehr erkennen als mit freiem Auge. Die Morgendämmerung hatte schon so weit eingesetzt, dass man Geländekonturen, Steine und kleine Bäume bereits über mehrere hundert Meter Entfernung erkennen konnte. Und gegen den Horizont war man nun deutlich zu sehen.

Langsam ging Crowe vorwärts, wobei er sich leicht gebückt hielt und unablässig die Umgebung sondierte. Auf ein Zeichen seines erhobenen linken Arms hin folgten ihm seine Männer. Der Lieutenant war inzwischen völlig in Bewusstlosigkeit verfallen und gab keine erkennbaren Lebenszeichen mehr von sich. Dass es nicht gut aussah, konnte Crowe am besorgten Gesichtsausdruck des Sanitäters erkennen, der dauernd in der Nähe des verwundeten Offiziers blieb. Crowe gab Zeichen, rascher vorzurücken und beschleunigte seine Schritte. So schnell wie möglich wollte er die offene Fläche überwinden und im Geröll etwa dreihundert Meter voraus Deckung beziehen. Von dort waren es nur mehr etwa vierzig bis fünfzig Meter bis zur Landezone – ein kleines Plateau, das vom Hubschrauber schnell und zielsicher angeflogen werden konnte. Die Anhäufung der großen Steinbrocken vor seinen Augen sah im Vergleich zur offenen Fläche sehr einladend aus und zog die Männer des Teams magisch an. Den größten Teil des Schneefeldes hatten sie bereits überwunden, nur eine kleine Senke lag noch zwischen ihnen und der relativen Sicherheit des Gerölls.

Der Gewehrschuss, der die Stille des anbrechenden Tages zerriss, ließ die rettenden Felsbrocken plötzlich wieder unendlich weit entfernt scheinen. Crowe wirbelte herum und ließ sich zu Boden fallen. Durch sein Visier suchte er den Waldrand ab und versuchte hastig, den Schützen auszumachen. Aus den Augenwinkeln bemerkte er einen seiner Männer, der auf die Knie gesunken war und lautlos nach vorne kippte. Das Gesicht des Mannes, es war Sergeant Miles Freeman, einer der beiden Scharfschützen, klatschte ungebremst in den firnigen Schnee und er rührte sich nicht mehr. Crowe fluchte und visierte weiter den Waldrand an, konnte jedoch immer noch nichts entdecken. Ein weiterer Schuss krachte und ein gequältes Aufschreien war zu hören. Doch Crowe hatte das Mündungsfeuer gesehen und belegte die Stelle mit einer Salve aus seinem M4. Mehrere Männer des Teams folgten seinem Beispiel und eröffneten das Feuer. Corporal Martinez, der neben Crowe in Deckung lag, pumpte eine Gewehrgranate genau dorthin, wo Crowe das Unterholz des Waldes zersiebt hatte. Die Granate detonierte und verzerrte Schmerzensschreie gellten über die Schneefläche. Rauch stieg auf, doch geschossen wurde nicht mehr. Hastig sah Crowe sich um. Freeman lag bewegungslos im Schnee, ein weiterer seiner Männer, Specialist Steele, krümmte sich und hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die linke Schulter. Crowe sah das Blut, das zwischen den verkrampften Fingern des Sprengstoffexperten hervorschoss und verfluchte sein Pech.

„Vorrücken, Deltas! Los, weiter!“, brüllte Crowe und hielt dabei den Waldrand im Auge. Das Team erhob sich aus der Deckung und rückte nun schneller auf die Geröllhalde vor. Zwei seiner Männer hatten Sergeant Freeman geschnappt und trugen ihn gemeinsam auf die Felsbrocken zu. Arme und Beine des Sergeants schlenkerten unkontrolliert und schlaff, wie die einer Puppe. Crowe selber half Steele auf die Beine und stützte den jungen Mann, der vor Schmerzen stöhnte. Mehrmals versagten Steele die Beine und Crowe musste das ganze beträchtliche Gewicht des Operators alleine tragen. Immer abwechselnd blieben die Männer zurück, die niemanden zu tragen hatten, und schossen auf den Waldrand. Dann stürmten diese Männer vor und andere gaben ihnen Feuerschutz. Schließlich erreichten sie die schützenden Felsbrocken gerade in dem Moment, als am Waldrand die Hölle losbrach. Crowe feuerte noch einige Salven auf die unsichtbaren Verfolger, bevor er den Kopf einzog und vor den Mörserschrapnellen in Deckung ging, die auf die Amerikaner niederhagelten. Während er einen weiteren Schmerzensschrei eines seiner Männer hörte und das Donnern der Explosionen einen kurzen Moment aufhörte, glaubte er, das entfernte Geräusch von Rotorblättern zu hören.

Chief Warrant Officer Mike Gillespie sah das Feuergefecht schon aus vier Kilometern Entfernung und betätigte sein Funkgerät. Während er das Rufzeichen der Deltas unten im Wald mehrmals wiederholte, gab er mehr Schub auf die Turbinen des Blackhawk und die beiden Crew Chiefs hinten im Laderaum luden die Maschinenkanonen durch. Gillespie ging tiefer und raste nur wenige Meter über dem kargen Boden der Tiefebene dahin, als er das Rattern von MG-Salven in seinem Headset hörte. Dann hörte er die Stimme und erschauderte.

„…gen unter schwerem Feuer …“

Eine Explosion zerriss die Meldung, die Gillespie nur unvollständig gehört hatte und es war wieder still.

„Alpha-Four-One, bitte kommen, Alpha-Four-One, kommen, over.“

Gillespie wartete einige Augenblicke und wiederholte seinen Funkruf. Als wieder nichts zu hören war und der Helikopter nur noch zwei Kilometer vom Kampfschauplatz entfernt war, wechselte er auf die Kommandofrequenz und nahm Verbindung mit der Basis auf. Er kam jedoch nicht dazu, Bericht zu erstatten, da plötzlich eine ganz andere Stimme in seinem Ohrhörer war und mit eiskalter Stimme zu sprechen begann. Gillespie sah durch die Kanzel seines Cockpits nach draußen und konnte die Angreifer jetzt schon mit freiem Auge sehen, wie sie auf dem Schneefeld langsam vorrückten und mit aller Macht eine Gruppe von Gesteinsbrocken in dem anschließenden Geröllfeld unter Beschuss nahmen. Hinten entsicherten die Crew Chiefs die schweren Gatling-Kanonen und machten sich bereit, einen wahren Regen aus Tod und Verderben auf die Angreifer niedergehen zu lassen. Gillespie hörte immer noch die Stimme, die ruhig Befehle vorgab und sein Gesichtsausdruck verhärtete sich.

„Bitte wiederholen, Adam-Three-Two. Ich soll was? “

Erneut vernahm Gillespie die Worte und konnte nicht glauben, was er da hörte.

„Negativ, Three-Two. Die werden abgeschlachtet da unten. Wir müssen dringend evakuieren, over.“

Nun wurde die Stimme lauter und eindringlicher, die Botschaft blieb aber dieselbe.

„Sofort abbrechen, ich wiederhole, sofort abbrechen. Kehren Sie sofort zur Basis zurück und verwickeln Sie sich in keinerlei Kampfhandlungen. Das ist ein Befehl! Haben Sie das verstanden, Kilo-Three-Two?“

Gillespies Kehle war wie ausgetrocknet, er brachte kein Wort heraus. Der Hubschrauber näherte sich der Geröllhalde aus westlicher Richtung und befand sich nur mehr wenige Meter von den größeren Gesteinsbrocken entfernt. Der Pilot konnte vereinzelt Bewegung dort unten zwischen den Steinen erkennen.

„Mike, wann verdammt eröffnen wir das Feuer?“ brüllte einer der Crew Chiefs hinten im Laderaum. Er hatte ein Überangebot an Zielen und konnte sich kaum noch zurückhalten. Doch Gillespie hörte ihn nicht. Als er den Blackhawk nur wenige Meter über den unter schwerem Beschuss liegenden Amerikanern in einen unruhigen Schwebeflug übergehen ließ, erkannte er einen der Deltas unten am Boden. Der Mann schoss auf die Angreifer und deutete zwischen den Feuerstößen immer nach oben zum Hubschrauber. Gillespie konnte das Weiße in den Augen des Mannes erkennen, der wild gestikulierend auf die Landefläche zeigte und dem Hubschrauber bedeutete, endlich aufzusetzen. Gillespie war unschlüssig, ob er den klaren Befehl missachten und einfach die Männer evakuieren sollte. Während mehrere Projektile die kugelsichere Kanzel des Hawks trafen, betätigte er wieder das Funkgerät.

„Adam-Three-Two, hier werden alle draufgehen, wenn ich jetzt einfach abhaue. Dieser Befehl kann nicht Ihr Ernst sein, over.“

Die wütende Stimme des Befehlshabers der Basis in Kasachstan widerlegte diese Vermutung.

„Verdammt, Gillespie, wenn Sie nicht sofort da abhauen, dann stelle ich Sie höchstpersönlich vors Kriegsgericht und erschieße Sie anschließend. Mission sofort abbrechen, sofortiger Abbruch! Der Befehl kommt von ganz oben und ich werde ihn nicht noch einmal wiederholen, kapiert!“

Noch einmal trafen sich Gillespies Blicke mit denen des Sergeants unten am Schlachtfeld für einen endlos anmutenden Augenblick. Dann schloss Gillespie die Augen und wandte sich angewidert ab. Er erhöhte die Leistung der Turbinen und zog die Nase hoch.

„Roger!“ würgte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, als er zur Seite wegkippte und im Schutz des Abhanges Richtung Westen davonflog.

„He, was soll das, verdammt!“ brüllte einer der Crew Chiefs, doch Gillespie hörte ihn kaum. Tränen verschleierten seinen Blick auf die Instrumente, als er die Schreie auf der Frequenz des Bodenteams noch einmal in seinem Ohrhörer vernahm. Gillespie klinkte sich nach einem letzten Schrei aus der Frequenz aus und erhöhte den Schub weiter. Nie würde er diese Schreie vergessen, das wusste er. Und er sollte Recht damit behalten.

Als er den Hubschrauber abdrehen sah, brach für First Sergeant Steven Crowe eine Welt zusammen. Ungläubig schnappte er sich das Mikro des Funkgerätes, ignorierte die wie zornige Insekten durchs Geröll rasenden Querschläger und betätigte die Sprechtaste.

„Verdammt, was soll das! Holt uns hier raus, wir können nicht mehr lange durchhalten. Ich wiederhole: Dringende Evakuierung, over.“

Der Hubschrauber flog weiter und raste den Abhang hinunter. Crowe starrte ihm ungläubig hinterher, als er erneut die Sprechtaste drückte und ins Mikro brüllte.

„Alpha-Four-One an Adam-Three-Two! Der verdammte Heli verpisst sich gerade. Was soll das? Sagen Sie dem Irren, er soll sofort wieder hier hochkommen und uns hier rausholen, zum Teufel.“

Crowe wartete und feuerte über die Schulter des Deltas, der vor ihm kniete und das Funkgerät trug. Er kontrollierte hastig, ob das Gerät defekt war, da es nur noch statisches Rauschen von sich gab. Erneut drückte er die Sprechtaste und holte Luft für eine weitere gebrüllte Meldung, als direkt hinter Corporal Sanchez eine Mörsergranate einschlug. Das Krachen der Explosion zerriss die Luft und die Druckwelle schleuderte Crowe nach hinten. Die Schrapnelle der Granate fetzten durch die Felsbrocken und schickten einen weiteren Delta-Operator zu Boden. Immer noch hielt Crowe die Sprechtaste gedrückt, als er das kaum noch menschlich klingende Kreischen des Corporals hörte, der beinahe die gesamte Wucht der Granate abbekommen hatte.

Crowe ließ das Mikro los und kam mühsam wieder auf die Beine. Sein Gehör funktionierte nur eingeschränkt, war durch die andauernden Explosionen und den Granatentreffer schwer beleidigt. Er fand seinen Karabiner und sah sich kurz um. Sanchez kreischte nicht mehr, sondern lag regungslos in einer sich immer weiter ausbreitenden Blutlache. Beide Beine des Corporals und der größte Teil seines Unterleibes waren nicht mehr da. Der Mann war tot. Crowe war wie in Trance, als er durch den kleinen Ring stolperte, den die großen Felsbrocken bildeten und in dem sich sein Team verschanzt hielt. Er hörte immer weniger, sein Helm hatte sich mitsamt seinem Headset verabschiedet und er schien das Kommando über seine Truppe zu verlieren.

Dann sah er den ersten Chinesen um einen der Felsbrocken biegen und schoss ihm direkt ins Gesicht. Geräuschlos fiel der Mann nach hinten um, sein Sturmgewehr flog durch die Luft und landete irgendwo hinter Crowe. Hastig blickte er sich um und sah die Handgranate, die von einem der Felsbrocken abprallte und etwa zwei Meter neben ihm liegen blieb. Crowe hechtete nach vorne, ergriff die Granate und schleuderte sie aus dem Felskessel heraus. Er hörte die Explosion nur sehr dumpf, die Schreie der Chinesen hörte er nicht. Kurz blickte er sich um und zählte vier Mann, die noch aufrecht standen oder knieten und sich wehrten. Der Rest des ursprünglich zwölf Soldaten umfassenden Delta-Teams lag regungslos oder tot zwischen den scharfen Felsbrocken. Hier, zwischen diesen Felsen würden sie es keine zwei Minuten mehr machen, wusste Crowe und fasste seinen Entschluss. Er tippte den vier Männern auf die Schultern und deutete nach Westen. Die Männer nickten und folgten ihm. Ihren toten Kameraden nahmen sie so schnell es ging Magazine und Handgranaten weg, dann schlüpften sie zwischen den westlichsten Felsbrocken hindurch und ließen den Kessel hinter sich.

Crowe stürmte voran und erschoss einen Chinesen, der von rechts auftauchte. Ein zweiter gab noch einen Schuss ab und fällte Sergeant Willy MacKenzie, der umfiel wie ein Stein. Es blieb bei diesem einen Schuss, bevor eine Salve aus Staff Sergeant Boyers M4 ihm den Kopf wegsprengte.

Unablässig feuernd, bewegten sich Crowe, Sergeant Randy Malone, Corporal Jason Miller und Staff Sergeant Dwayne Boyer auf den unendlich weit entfernt scheinenden westlichen Waldrand zu. Wenn sie es bis dahin lebend schaffen würden, dann konnten sie es mit unglaublich viel Glück vielleicht sogar bis über die Grenze schaffen – in drei oder vier Tagen.

Crowe hörte das MG nicht, das den Schnee rund um seine Füße aufwirbelte und Miller zu Boden schickte, doch sein instinktives Abtauchen rettete ihm vorerst noch einmal die Haut. Bevor er schießen konnte, landete eine Granate aus Randy Malones Werfer direkt auf dem MG und zerfetzte die Chinesen. Sofort erhoben sich die drei Deltas wieder und hasteten weiter. Crowe schlug Haken wie ein wild gewordenes Kaninchen und versuchte damit, ein möglichst schwer treffbares Ziel abzugeben. Das gelang ihm auch, bis ein zweites MG in Stellung gebracht worden war und ein Projektil seinen Unterschenkel durchschlug. Crowe stöhnte und stürzte in den harten Schnee. Seine Unterlippe platzte auf, als er mit dem Kopf in die vereiste Schicht krachte. Sofort wurde er wieder in die Höhe gerissen und vorwärts geschleift. Crowe humpelte mit seinem unverletzten Bein, so gut er konnte, während Staff Sergeant Boyer ihn halb trug. Malone schaltete inzwischen auch das zweite MG zielsicher aus und feuerte weiter auf die Chinesen. Der Waldrand lag nur noch etwa dreißig Meter vor ihnen und sah jetzt zum ersten Mal erreichbar aus. Crowes Bein begann jetzt unglaublich zu schmerzen, da sich der erste Schock gelegt hatte. Kugeln zischten an den beiden Männern vorbei, die unablässig auf den Wald zu stolperten. Nur noch zehn Meter, beinahe war es geschafft.

Ein heißer Schmerz in seiner linken Hüfte ließ Crowe erneut aufstöhnen und schickte die beiden Deltas wieder zu Boden. Drei Meter waren es noch bis zu den ersten Bäumen. Das kann doch wohl nicht das Ende sein, dachte Crowe, dessen linke Seite sich taub anfühlte. Wieder wurde er in die Höhe gerissen, doch nicht von Boyer, der regungslos im Schnee liegen blieb. Malone war es, der von hinten herangeschossen kam und Crowe hochwuchtete. Mit aller Kraft half Crowe mit und kam stöhnend wieder auf die Beine. Malone zerrte ihn vorwärts und schließlich waren sie im Wald. Bäume und Sträucher rund um die beiden Deltas schienen zu explodieren, als Kugeln und Granaten einschlugen. Holzsplitter regneten auf Crowes Gesicht und bohrten sich in seine Haut. Malone war wieder weg, nachdem er Crowe hinter einen riesigen Felsbrocken geworfen hatte. Der First Sergeant tastete unter seine Keramikweste und suchte nach der Wunde. Nachdem er mehrere Sekunden lang seine Rippen und die ausgebildeten Bauchmuskeln abgetastet hatte und er langsam wieder Luft bekam, glaubte er, dass die Weste das Projektil abgefangen hatte. Wahrscheinlich war die eine oder andere Rippe gebrochen, doch das interessierte ihn jetzt nicht.

Crowe erhob sich mühsam auf die Beine und lugte um die Kante des Felsens. Malone schleifte die reglose Gestalt Sergeant Boyers hinter sich her und nutzte dabei jede noch so kleine Deckung aus. Crowe brachte sein M4 in Anschlag und feuerte auf mehrere Chinesen, die gerade dabei waren, seine Kameraden aufs Korn zu nehmen. Unablässig feuernd schickte er mehrere der Verfolger zu Boden und hörte erst auf, als Malone sich neben ihm auf den gefrorenen Waldboden warf. Hastig drehte der Sanitäter Sergeant Boyer auf den Rücken und betrachtete die glasigen Augen des erfahrenen Delta-Operators. Malone fühlte nach Boyers Puls, fand ihn und resignierte beinahe. Nur noch ganz schwach pulsierte das Leben in dem Delta-Operator, bevor seine Augen schließlich ein letztes Mal aufflackerten und dann erloschen. Crowe hatte alles mit angesehen und fand diesen Tod eines seiner Teammitglieder besonders tragisch. Nur bei ihm hatte Crowe in die sterbenden Augen geblickt, ein Erlebnis, das ihn tief erschütterte.

„Nehmen Sie seine Waffe und die Magazine, Malone. Und dann helfen Sie mir“, schrie Crowe. Er konnte seine eigene Stimme kaum hören. Er rammte ein weiteres Magazin in seinen Karabiner, dessen Lauf vom Dauerfeuer bereits dampfte. Vorsichtig spähte Crowe erneut um die Felskante, nur um Sekundenbruchteile später seinen Kopf hastig wieder zurückzuziehen. Surrend und zischend fuhren großkalibrige Kugeln, durchsetzt mit Leuchtspurprojektilen, in eine der dicken Fichten an Crowes linker Schulter und rissen riesige Brocken der uralten Rinde heraus. Crowe fluchte und sah sich um. Es gab nur einen anderen Weg aus seiner Deckung, und der sah auch nicht besser aus. Er bedeutete Malone, wohin er wollte, und humpelte vorwärts. Dann hörte er den Hubschrauber und erstarrte. Malone sah ihn mit großen Augen an.

„Kommt die Ratte zurück, Sarge?“ blaffte der Sanitäter und machte sich daran, die Baumkronen abzusuchen. Crowe lauschte ein paar Sekunden, bevor er hörbar ausatmete und den Kopf schüttelte.

„Nichts wie weg hier, Malone!“, brüllte Crowe, „das ist mit Sicherheit keiner der unseren!“

Noch bevor die beiden Deltas richtig wussten, woran sie waren, schoss ein raubvogelartiger Schatten über das Dach des dichten Nadelwaldes. Das hämmernde Geräusch von riesigen Rotorblättern mischte sich, zusammen mit dem Kreischen mächtiger Turbinen, unter die stakkatoartigen MG-Salven der Bodentruppen. Crowes Gedanken rasten, als er sich langsam vorwärts tastete. Er konnte die lauten Rufe der Chinesen nun schon deutlich hören. In Anbetracht seines fast streikenden Gehörsinnes bedeutete dies, dass die Verfolger wesentlich näher waren, als er dies geglaubt hätte. Der Hubschrauber kam zurück und flog dieses Mal wesentlich langsamer. Wie von einer unsichtbaren Hand geführt, schwebte die riesige Maschine genau auf die beiden Amerikaner zu. Dann eröffneten die schweren Maschinenkonen des Hubschraubers das Feuer und verwandelten das Dickicht des Waldes in ein Inferno aus glühend heißen 20mm-Geschossen. Crowe presste sich unter einen schmalen Vorsprung des großen Gesteinsbrockens, hinter dem er in Deckung gegangen war, und schützte sein Gesicht vor ziellos umherrasenden Gesteinsbrocken und Holzsplittern. Das Rattern des MGs oben im Hubschrauber war für Crowe nur schwach wahrnehmbar, so wie sein gesamtes Wahrnehmungsvermögen in diesem Augenblick eine Pause zu machen schien. Er fühlte sich nackt und schutzlos, sein Herz hämmerte in seiner Brust und drohte ihm die enge Keramikweste unter seinem Kampfanzug zu zerreißen. Ein sengender Schmerz fuhr in seinen Nacken, als sich ein zehn Zentimeter langer Splitter in seinen Hals bohrte. Crowe stöhnte auf und versuchte sich noch kleiner zu machen, als er dies ohnehin schon tat. Dann hörte der Beschuss von oben plötzlich auf. Crowe blinzelte den Staub aus seinen Augen und nahm die Hände von seinem Gesicht. Momentan war es ruhig, doch das Hämmern der einschlagenden Kugeln setzte sich in seinem Kopf fort.

Dem Delta Sergeant war schwindlig und er schwitzte trotz der Kälte, dass ihm der Schweiß in den Augen brannte. Er musste hier weg, verdammt, und das auf schnellstem Wege, sonst konnte er sich gleich aufrecht hinstellen und von den Chinesen durchsieben lassen. Mühsam rollte er sich herum und stützte sich auf seine Ellenbogen. Die Luft war gesättigt von aufgewirbeltem Staub und pulverisiertem Schnee, man konnte kaum zehn Meter weit sehen. Bäume und Sträucher waren zerfetzt, der Boden schien wie umgegraben und aufgerissen. Crowe fand sein M4 direkt neben der Stelle, wo er niedergekauert war, und überprüfte es. Die Waffe war offenbar verschont geblieben und schien zu funktionieren. Sein Kopf hämmerte und schien jeden Moment zerplatzen zu wollen. Vor seinen Augen tanzten schwarze Punkte und seine Knie fühlten sich an wie Pudding. Warmes Blut sickerte seinen Hals entlang und färbte den Kragen seines Kampfanzuges schwarz.

Dann sah er Malone.

Oder das, was von ihm übriggeblieben war.

Rasende Übelkeit stieg in Crowe empor und drohte ihn zu überwältigen. Crowe stöhnte und sank auf die Knie. Über ihm kam das Geräusch der hämmernden Rotoren wieder näher. Der Abwind des Hubschraubers verwirbelte noch mehr Schneekristalle und verwandelte das Stückchen Wald um den Sergeant herum in eine surreale Mondlandschaft. Crowe atmete heftig und versuchte, wieder Herr über seinen geschundenen Körper zu werden. Er wandte den Blick von Malones zerfetzter Leiche und sah nach oben. Grelle Suchscheinwerfer blendeten ihn und ließen ihn zusammenzucken. Ein heftiger Schmerz im Genick trieb ihm Tränen in die Augen und drohte ihn bewusstlos werden zu lassen. Dann sah er die Bewegung aus dem Augenwinkel und hob seinen Karabiner. Plopp, Plopp, zwei Schüsse und der kleine Soldat in der fremdartig anmutenden Tarnbekleidung klappte schreiend zusammen. Crowe hörte vereinzelt Rufe, weit entfernt und doch irgendwie nahe, dann feuerte er wieder, bis er das metallische Klicken des Abzuges mehr spürte als hörte. Fieberhaft tastete er in seiner zerfetzten Kampfweste nach einem weiteren Magazin. Dann stand da plötzlich noch ein Soldat und zielte direkt auf seinen Kopf. Crowe ließ sich zur Seite fallen und griff nach seiner Beretta. Das Sturmgewehr des Chinesen krachte und Crowe wurde heftig zur Seite geschleudert. Das Gefühl der 9mm-Faustfeuerwaffe in seiner Hand wunderte ihn, denn eigentlich hätte er tot sein müssen. Stattdessen schoss er aus der Hüfte und fällte den Mann, der vornüberkippte und mit dem Gesicht zuerst aufschlug. Crowe kniete halb, als er plötzlich ein volles Magazin für sein M4 in der Hand hielt. Die Rufe der Chinesen waren nun überall um ihn herum zu hören, die Suchscheinwerfer erhellten hektisch das dämmrige Unterholz. Crowe biss die Zähne zusammen und schob das Magazin in die Waffe. Noch bevor er sie durchladen konnte, feuerte die Beretta in seiner rechten Hand wie automatisch und schickte einen weiteren Angreifer zu Boden. Der Delta-Operator stemmte sich mühsam hoch und drehte sich zur Seite. Stolpernd umrundete er einen in Fetzen geschossen Baumstumpf und prallte mit einem Soldaten zusammen, der sich von hinten angeschlichen hatte. Crowe brüllte und erhob sein M4, als ihn der Kolben des Sturmgewehres seines Gegenübers knackend an der Schläfe traf. Die Welt drehte sich plötzlich rasend schnell, als Crowe gegen den Baumstumpf prallte und erneut auf die Knie sank. Der stechende Schmerz in seinem Kopf überraschte ihn und raubte ihm für einen Sekundenbruchteil die Sinne. Wie in Trance sah er die schwarzen Kampfstiefel des Chinesen nur wenige Zentimeter vor seinen Augen. Crowe hob den Kopf und sah in die Augen des Mannes, sah dessen triumphierendes Grinsen und kurz darauf die Überraschung über den heftigen Schmerz, als Crowes Ka-Bar-Messer in seine Rippen fuhr und sein Herz mit einem sauberen Schnitt durchtrennte. Crowe löste sich von der zusammensackenden Gestalt, drohte schon wieder umzukippen und konnte sich nur mit Mühe auf den Beinen halten. Irgendwie hatte er schon wieder sein M4 in der Hand und stolperte weiter. Eine kleine, nur von wenig Schnee bedeckte Fläche lag vor ihm und er stolperte darauf zu. Auf einmal war der Schnee grell erleuchtet und wurde durch mehrere Einschläge von großkalibrigen Kugeln aufgewirbelt. Crowe bremste ab, schlug einen Haken zur Seite und schoss einem erschrockenen Chinesen in den Oberschenkel.

Dann traf ihn irgendetwas mit aller Wucht und schickte ihn zu Boden. Crowe landete auf dem Bauch und bekam keine Luft mehr. Er rappelte sich halb wieder hoch und sah sich um. Drei oder vier Chinesen stolperten durch das Buschwerk genau auf ihn zu. Crowe wollte seinen Karabiner heben und auf die Männer feuern, doch sein Arm gehorchte ihm nicht. Stattdessen bohrte sich ein sengender Schmerz aus seiner Schulter direkt in sein Gehirn. Crowe schnappte nach Luft und stöhnte. Der Griff des kurzen Sturmgewehrs entglitt seiner kraftlosen Hand, die Waffe landete dampfend im Schnee der kleinen Lichtung. Mit seiner linken Hand tastete er nach der Beretta. Doch bevor er den Griff der Automatik berührte, sah er das Mündungsfeuer direkt vor sich.

Crowe kniete noch immer, als er heftig durchgeschüttelt wurde und nach hinten umfiel. Unfähig zu atmen, lag er mit angezogenen Beinen mitten auf der kleinen Lichtung und blickte nach oben, in die grellen, schmerzenden Scheinwerfer des Hubschraubers. Ihm war schrecklich kalt und er war so unglaublich müde. Crowe spürte die Dunkelheit, die nach ihm griff, und wehrte sich nicht dagegen. Das Letzte was er sah, bevor er in abgrundtiefe Schwärze versank, war das hektische Gesicht eines chinesischen Soldaten, der ihn mit seinem Sturmgewehr anvisierte.

Zweieinhalb Jahre später - Maryland, USA

14. Juli 2016

Das weiße Holzhaus mit den dunkelgrauen Dachschindeln und der großzügigen Veranda thronte majestätisch über der kleinen Bucht. Das zweistöckige Gebäude stammte noch aus der Kolonialzeit und wirkte trotz seines Alters ungewöhnlich gut gepflegt. Die Bretter der Fassade waren frisch gestrichen, die prächtigen Laubbäume entlang der bekiesten Zufahrt schienen perfekt geschnitten und die saftig grüne Rasenfläche des riesigen Gartens war makellos. Direkt von der Veranda des Hauses führte eine lange Metalltreppe hinunter zum etwa dreißig Meter tiefer liegenden Sandstrand. Von dort verlief ein gepflasterter Weg weiter zu einem kleinen Strandhaus, dessen Fensterläden geschlossen waren. Ein breiter verwitterter Steg führte an die fünfzig Meter weit in die schmale Bucht hinaus. Draußen lag ein weißes Segelboot vor Anker und schaukelte ruhig im klaren, dunkelblauen Wasser. Eine milde Brise wehte würzige Seeluft aus der Chesapeake Bay über das stolze Anwesen und ließ das Sternenbanner auf dem langen Fahnenmast zaghaft flattern.

Oben auf der Veranda sog Vice Admiral Jim Franklin an seiner dicken Zigarre und genoss die Ruhe des Tages. Der große Marineoffizier lehnte entspannt an dem weißen Geländer und blickte träumerisch auf die Bucht hinaus. Ganz weit draußen konnte er mehrere Segelboote erkennen, die den aufkommenden Wind nutzten und Richtung Süden die Bay hinunterglitten. Beinahe sehnsüchtig beobachtete er die kleinen Boote, deren schnittige Rümpfe scheinbar widerstandslos durch die niedrigen Wellen schnitten.

Der Admiral war in seinem Herzen immer ein Seemann geblieben, mit dem unbeschreiblichen Drang nach den endlosen Weiten des Ozeans. Daran konnte auch der manchmal sehr weit vom Meer entfernte Posten an seinem Schreibtisch im Kommandogebäude der Naval Special Warfare Group Two in Little Creek, Virginia, nichts ändern. Jim Franklins Kommando unterstanden unter anderem die SEAL-Teams Zwei, Vier und Acht. Jedes der Teams setzte sich aus mehrfach handverlesenen Männern der berüchtigten Spezialeinheit der Navy für besonders heikle Fälle zusammen. Die Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaftsgrade, die unter Franklin dienten, hatten sich, wie ihre Vorgänger seit den Zeiten des Vietnamkrieges, einen ausgezeichneten Ruf als Kampfschwimmer, Fallschirmjäger, Kommandoeinheiten, als Sabotagetrupps und neuerdings auch als Antiterroreinheit erworben. Franklin war stolz auf seine Jungs und fühlte sich immer noch als einer von ihnen. Im Grunde genommen war es das ja auch, was der goldene Trident-Anstecker an der Brust seiner Uniform deutlich machte. Ein Abzeichen, das er nach wie vor mit Stolz trug, obwohl seine aktive Zeit schon lange zurücklag.

Doch war man einmal ein SEAL, dann war man dies solange, bis man den Löffel abgab, das zumindest war Franklins Meinung zu diesem Thema. Und in dieser Hinsicht akzeptierte er keinerlei andersartige Ansichten.

Franklin trug legere Freizeitkleidung, Jeans und einen hellgrauen Sweater, der jedoch seine breiten Schultern und die ausgebildeten Oberarme nicht zu verbergen vermochte. Der neunundfünfzigjährige Karriereoffizier hatte sich außerordentlich gut in Schuss gehalten und legte sehr viel Wert auf körperliche Fitness. Sein Credo lautete, dass nur in einem gesunden Körper ein gesunder Geist wohnen konnte. Das konnte manchmal durchaus falsch verstanden werden, doch darum scherte sich der alternde SEAL kein bisschen. Er war schon immer in seinem Leben angeeckt, hatte sich mit Leuten angelegt, denen jeder andere wahrscheinlich aus dem Weg gegangen wäre, doch war dabei immer seinen Überzeugungen und Grundsätzen treu geblieben. Grundsätze und Wertvorstellungen, die heute offenbar nichts mehr wert waren, resümierte er verbittert, als er an den Grund dachte, aus dem er heute hier war.

Franklin sog noch einmal an dem Stumpen seiner Zigarre und schickte das erkaltete Stück kubanischen Tabaks danach mit einem Fingerschnippen über die steilen Klippen. Er hatte das Motorengeräusch gehört und sich deshalb auf den Weg zum kreisrunden Vorplatz des Hauses gemacht. Franklin verließ die Veranda und durchquerte das Erdgeschoß des alten Hauses. Als er durch das Fliegengitter der Haustür nach draußen ging, sah er den silbernen Lincoln mit dem Washingtoner Kennzeichen gerade das offenstehende Einfahrtstor passieren und danach langsam die Auffahrt heraufkommen. Franklin stieg die wenigen Stufen vor dem Hauseingang hinab und blieb vor dem abbremsenden Wagen stehen. Der Motor erstarb und die Türen öffneten sich.

„Hallo John, schön dich zu sehen“, sagte Franklin und schüttelte dem Fahrer des Autos, der mühsam ausgestiegen war, einem wesentlich kleineren, dicklichen Mann so knapp an die sechzig, die behaarte Hand. Der Mann schwitzte stark, doch sein Händedruck war fest wie ein Schraubstock.

„Tag, Jim“, sagte er nur, um danach die Tür des Wagens geräuschvoll zuzuknallen. Franklin umrundete den Lincoln und begrüßte nun auch die beiden anderen Männer, die ausgestiegen waren. Danach deutete Franklin auf das große Haus.

„Lasst uns reingehen. Ich habe eine kleine Erfrischung vorbereitet.“

„Verdammt schönes Haus, Jim“, lobte General John Grant, United States Army, nachdem er draußen auf der Veranda von seinem Whiskey genippt und die Aussicht auf die Bucht genossen hatte. „Jammerschade, dass du dein Büro nicht hier draußen hast.“

„Wieso?“ grinste Franklin, „Weil du dann in Washington der alleinige Platzhirsch und begehrteste Junggeselle wärst?“

„Ganz genau, Seemann!“ Der Dreisternegeneral der Army, seines Zeichens Vorsitzender des unter Präsident Bush gegründeten Kommandos zur teilstreitkräfteübergreifenden Terrorbekämpfung, lächelte verschmitzt und dachte an die unzähligen Abende, die er zusammen mit seinem alten Akademiekameraden durchzecht hatte.

„Ich wusste gar nicht, dass Sie beide sich so gut kennen“ stellte einer der beiden anderen Gäste fest, der ebenfalls an einem Whiskey nippend die Veranda betrat. Major General Cliff Garrett vom US Marine Corps war ein mittelgroßer Mann mit scharfen Gesichtszügen und feuerroten, kurz geschorenen Haaren. Seine stechenden, dunkelblauen Augen zeugten von messerscharfem Verstand, seine Haltung war immer kerzengerade und wirkte angespannt, wie eine Raubkatze kurz vor der Attacke. Garrett kommandierte den Stützpunkt der Marines in Quantico, Virginia, mit eiserner Hand und rigoroser Disziplin.

„Na ja, wir haben das eine oder andere Ding zusammen gedreht“, schmunzelte General Grant, dem gerade wieder die Geschichte mit dem hübschen Lieutenant damals auf dem NATO-Ball eingefallen war. Dann fiel sein Blick auf den vierten Teilnehmer des Treffens, Air Force-Colonel Ed Bremner, der bis dato ziemlich ruhig gewesen war und sich irgendwie nicht ganz wohl zu fühlen schien. Bremner, den Franklin als überaus patriotischen und loyalen Offizier kannte, arbeitete die meiste Zeit des Jahres an einem der nicht für die Öffentlichkeit zugänglichen Spezialprogramme der Air Force und erforschte dort neue Wege, den Weltraum militärisch zu nutzen. Und das meistens alleine. Er war also nicht gerade der geborene Teamspieler, weshalb er sich an dem zwanglosen Geplauder auch nicht ohne weiteres beteiligen konnte. Ein kurzer Blick zu Admiral Franklin bestätigte Grant, dass dieser das auch gemerkt hatte und dass die Zeit des Smalltalks vorbei war.

„Gentlemen“ sagte Franklin, der sein leeres Glas auf das Geländer der Veranda stellte, „ich schlage vor, wir beginnen mit dem geschäftlichen Teil unseres Zusammentreffens.“

Das großzügige Arbeitszimmer im Erdgeschoss des Hauses war mit roten Samtmöbeln aus dem letzten Jahrhundert ausgestattet. Ein riesiger Tisch aus poliertem Eichenholz stand in der Mitte des mit dickem Teppichboden ausgelegten Raumes. Die Wände und Decken waren restauriert, ansonsten aber im Originalzustand belassen worden. Ein großer Deckenventilator drehte sich langsam, verwehte die schwüle Luft des lauen Abends und passte irgendwie überhaupt nicht zur sonstigen Einrichtung des Raumes. Die vier Männer saßen in tiefen Polstersesseln in einem lockeren Halbkreis und blickten durch das große Panoramafenster auf die dunkle Bay hinaus. Am Horizont sah man die Positionslichter eines großen Frachters, der von Baltimore aus in den Atlantik auslief.

Admiral Jim Franklin wandte seinen Blick von der Bucht ab und sah die anderen Männer aufmerksam an. Dann ergriff er das Wort.

„Ich habe Sie gebeten, an diesem Treffen teilzunehmen, weil ich Sie lang genug kenne, um mir über Ihre Loyalität und Ihre Grundsätze im Klaren zu sein. Ich weiß, dass Sie das, was ich Ihnen nun berichten werde, ebenso erschütternd finden werden wie ich und dass wir zusammen über die Konsequenzen beraten sollten.“

Franklin setzte sich seine Lesebrille auf und blätterte in einer ziemlich dicken Akte, die er seinem schwarzen Lederkoffer entnommen hatte. Die anderen drei Männer warteten aufmerksam, bis Franklin wieder zu sprechen begann.

„Das“, sagte er und deutete kurz auf die Akte, „ist ein Dokument direkt aus dem Weißen Haus, von dessen Existenz eigentlich niemand außer dem Präsidenten und seinem engsten Vertrautenkreis etwas wissen sollte. Wenn bekannt wird, dass wir dieses Dokument besitzen, würde das katastrophale Folgen für uns nach sich ziehen. Ich selber werde mir deshalb höchste Verschwiegenheit und Diskretion auferlegen.“ Franklin schaute ernst in die Augen der anderen Offiziere.

„Dasselbe erwarte ich natürlich von Ihnen, Gentlemen.“

General Grant paffte an seiner Zigarre, bevor er antwortete.

„Jim, ich glaube wir alle hier sind uns über die Brisanz dieses Treffens im Klaren. Jeder von uns würde sich lieber die Zunge herausreißen, als irgendwas darüber durchsickern zu lassen.“

„Das versteht sich natürlich von selbst, Admiral“, pflichtete Cliff Garrett mit ernster Miene bei. Colonel Bremner nickte und sagte nichts.

Franklin öffnete die Akte, nachdem er noch für ein paar Sekunden in die Augen der Männer geblickt hatte.

„Die Akte ist streng vertraulich und dürfte sich nicht in meinem Besitz befinden. Woher oder von wem ich sie habe, ist nicht wichtig. Wichtig ist vielmehr der Inhalt, und über den werden wir uns jetzt unterhalten.“

Franklin nippte kurz an seinem Scotch, dann begann er vorzutragen.

„Ich halte hier das inoffizielle Regierungsprogramm von President James in Händen. Dieses Programm ist festgelegt und wird in der zweiten Legislaturperiode der Regierung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit umgesetzt werden. James hat es zum Programm gemacht und wartet mit der Veröffentlichung natürlich bis nach den Wahlen. Wie wir alle wissen, ist sein republikanischer Herausforderer eine ausgewiesene Pfeife und wird im November zweifellos untergehen.“

General Grant nickte grimmig und wurde schon wieder zornig, als er an den charakterlosen Trottel dachte, den seine Partei in den Kampf gegen James schicken würde. Wie hatte es nur so weit kommen können, fragte er sich nicht zum ersten Mal.

„Wie auch immer“, fuhr Franklin fort, „James wird zu fünfundneunzig Prozent auch die nächsten vier Jahre der Präsident sein und wird alles, was in diesem Dossier steht, umsetzen wollen. Das hat mir meine Quelle bestätigt. Sehen Sie also alles, was ich Ihnen jetzt berichte, als festgelegt und unausweichlich an.“

Franklin befeuchtete seine Lippen und blätterte ein paar Seiten in der Akte weiter. Grant sog angestrengt an seiner Zigarre und beobachtete aufmerksam die beiden anderen Offiziere.

„James hat vor, all unsere Truppen aus der Golfregion abzuziehen“, sagte Franklin und blickte auf. Der Schock in den Augen der beiden rangniedrigeren Offiziere saß tief, Grants Gesichtsausdruck war eher mürrisch.

„Das kann der Mistkerl nicht machen!“ polterte der bis dato sehr ruhige Colonel Edward Bremner von der United States Air Force. Der schlaksige Texaner sah mit seiner fortgeschrittenen Stirnglatze und dem dünnen Oberlippenbart wesentlich harmloser aus, als er es war. Die meisten seiner Untergebenen konnten dies nur bestätigen.

„Die verdammten Araber werden sich gegenseitig massakrieren und die, die übrig geblieben sind, werden danach gemeinsam auf die Israelis losgehen. Das ist doch Irrsinn!“ Bremner war fassungslos.

„Warten Sie ab, Edward. Es kommt noch besser“, brummte General Grant, der den Inhalt der Akte bereits kannte und sein berüchtigtes Temperament daher zügeln konnte. Franklin berichtete weiter.

„Weiters ist geplant, die Besetzung von Teheran einfach aufzuheben und alle Truppen aus dem Iran abzuziehen.“

„So kurz vor den ersten freien Wahlen? Das kann nicht sein Ernst sein, oder?“ General Garrett dachte an seine Marines, die für diesen bis dato letzten Kampf gegen den Terror gestorben waren. Dass das alles umsonst gewesen sein sollte, konnte er einfach nicht glauben.

„Wie lange glaubt dieser Idiot denn, dass es dauert, bis die Mullahs wieder die Macht ergriffen haben, wenn keiner meiner Männer dort unten ist und denen die Mündung eines M16 auf die Nase drückt. Oder was ist mit dem Irak?“ fragte Garrett. „Und die ohnehin sehr brüchige Demokratie, die dort im Be­griff ist zu entstehen, wie lange würde die halten, ohne den Schutz unserer Flugzeugträger im Golf?“

„Und Afghanistan?“, ergänzte der Marine nach einer kurzen Pause, die er zum Luftholen genutzt hatte. „Wir haben nach wie vor große Probleme in den nördlichen Gebirgsregionen. Da liegt noch jahrelange Arbeit vor uns, bis wir die verdammten Taliban endlich ausgerottet haben. Die sitzen da immer noch irgendwo in ihren Höhlen und hecken was gegen uns aus.“

„Cliff, ich verstehe Ihre Aufregung. Uns ging es genauso. Aber warten Sie bitte noch kurz ab, bis Sie alles gehört haben, okay?“, versuchte Franklin den Heißsporn der Marines zu beruhigen. „Hören Sie sich den Rest an und danach werden wir uns alle darüber unterhalten. Eins kann ich Ihnen aber vorab schon sagen: Afghanistan wird ebenfalls aufgegeben.“

Garrett schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen. Es sog tief Luft ein und lockerte sich den Kragen, der ihm in den letzten Minuten zu eng geworden war. Das war alles einfach unglaublich, einfach unakzeptabel und größenwahnsinnig. Franklin hingegen blieb ruhig, als er fortfuhr.

„Der Präsident will den Krieg gegen den Terrorismus, den wir seit 2002 führen, beenden. Er hat vor, eine radikale Änderung in der US-Außenpolitik durchzuführen. James hat genug davon, dass amerikanische Soldaten überall auf der Welt die Polizisten und Aufpasser spielen sollen. Er möchte, dass diese Rolle an die regional zuständigen Länder übertragen wird. Was an sich eigentlich gar keine so schlechte Idee ist, nur nicht in dieser extrem kurzen Zeit, quasi von heute auf morgen. Das, was George W. Bush angefangen und zu einem unrühmlichen Ende geführt hat, und das, was President Obama und auch President James zu Beginn seiner Amtszeit danach erheblich besser gemacht haben, steht jetzt alles auf dem Spiel. Wir haben viel erreicht, doch es ist noch so verdammt viel zu tun. Es ist ernst, meine Herren.“

Franklin machte eine kurze Pause und sah in die Augen der anderen Offiziere, die sich nur mühsam zurückhielten, dann fuhr er fort.

„Punkt eins ist also: Änderung der Außenpolitik, Beendigung des zuletzt ohnehin schon gemäßigten Antiterrorfeldzuges und Rückzug aus dem Nahen Osten.“

„Man könnte es auch die Opferung Israels nennen!“, ergänzte General Grant mit bitterer Miene. Sein eigenes Kommando würde mit der Beendigung des Antiterrorfeldzuges zweifellos mit untergehen. All die jahrelange Aufbauarbeit, der Schweiß, das Blut, das seine Männer vergossen hatten, all das würde umsonst gewesen sein.

Franklin nickte zustimmend und dachte an seine Freunde in der Marinebasis von Tel Aviv. Kurz waren seine Gedanken abgelenkt, dann fuhr er fort.

„Aber ich habe auch Zahlen und Fakten zu definitiv geplanten Eingriffen direkt ins Verteidigungssystem zur Verfügung. Hier ein paar davon …“

Franklin hob die rechte Hand und zählte die Punkte mit den Fingern mit.

„Erstens: Beschneidung des Verteidigungshaushaltes um ca. dreißig bis vierzig Prozent, vielleicht auch mehr, das steht noch nicht genau fest.“

Garrett sog hörbar die Luft ein, Bremner wurde blass und Franklin fuhr fort.

„Zweitens: Was die Navy betrifft … Streichung des kurz vor der Fertigstellung befindlichen Arsenalschiffprogramms, und damit Eliminierung eines der fortschrittlichsten und effektivsten Waffensysteme, die man sich nur vorstellen kann … Verschrottung von drei unserer derzeit fünfzehn Flugzeugträgern und damit Kürzung auf die Kapazität von vor dem 11. September 2001 … Ein großer Teil der Atlantikflotte soll mangels eines Bedrohungsszenarios außer Dienst gestellt werden, dazu gehören insgesamt gesehen circa die Hälfte der Boomer, also der strategischen Unterseeboote mit Interkontinentalraketen an Bord … komplette Streichung des Superflugzeugträgerprogramms, also Vernichtung der geplante X-Klasse …“

Franklin sah wieder in die Runde der Infanterie- und Luftwaffenoffiziere, die irgendwie wohl noch hofften, dass das alles war, obwohl das auch schon genügt hätte. Doch er erhob stattdessen den dritten Finger seiner rechten Hand.

„Drittens: Das Raumflugprogramm wird komplett zurückgefahren, die Marsmission ist gestorben … etwa ein Drittel der festlandgestützten Atomwaffen wird demontiert und eingemottet.“

Es war totenstill in dem schwülen Raum, man konnte nur das leise Surren des Deckenventilators hören. Colonel Bremner, der wohl als Einziger die Folgen dieser Entscheidung in ihrer gesamten Tragweite abschätzen konnte, war käsebleich. Er brachte kein Wort heraus, jetzt, da er seine Zukunft in Scherben liegen sah.

„Und viertens: Die 3rd Division der US Marines soll aufgelöst und die Stützpunkte in Okinawa und Hawaii sollen aufgelassen werden.“

„Dafür gibt es seit 1952 ein Gesetz, das genau das verhindern soll, verdammt!“, polterte General Garrett, der die geplante Kastrierung seiner ohnehin nur drei Divisionen nicht fassen konnte. „Er kann doch das Gesetz nicht einfach aufheben lassen!“

General Grant grunzte mürrisch, als er sich aus seinem Sessel erhob. „Wenn die öffentliche Stimmung vorhanden ist, und der Präsident genug Unterstützung im Kongress und aus den Reihen des Senats bekommt, dann kann er viel ändern, sehr viel …“

Garretts Zähne knirschten beinahe und seine Gesichtsfarbe war wesentlich bleicher, als sie das zu Beginn des Zusammentreffens gewesen war.

Franklin sah auf. „Kurz: Wir lassen die Hosen vor der Welt herunter und können nur hoffen, dass uns in Zukunft alle in Ruhe lassen und auf der ganzen beschissenen Erde alle in Frieden und Eintracht miteinander leben.“

Niemand konnte über diese letzte sarkastische Bemerkung lächeln, zu tief saß der Schock über das Gehörte.

„Wie sicher sind Sie sich mit dem, was Sie da gesagt haben? Ist die Quelle vertraulich?“ fragte General Garrett, der sich wieder einigermaßen beruhigt hatte.

„Zu fünfundneunzig Prozent, Cliff. Präsident James hat die Richtung vorgegeben, seine Berater haben Maßnahmen ausgearbeitet, James hat sie zusammengestaucht und Drastischeres verlangt, und schließlich ist diese Akte entstanden. Vielleicht wird noch das eine oder andere abgeändert, doch ich habe das sichere Gefühl, dass es deswegen nicht besser wird.“

„Das bedeutet für mich nur eins: Der Mann hat den Verstand verloren, eine andere Erklärung habe ich dafür nicht.“ Garrett schüttelte ungläubig den Kopf.

„Eine andere Frage ist,“ überlegte Colonel Bremner, der sich wieder einigermaßen gefangen hatte „angenommen, er hat wirklich alles vor, was Sie uns gerade erzählt haben, wie viel davon wird er umsetzen können? Was bringt er durch den Kongress und was kann er der Bevölkerung verkaufen?“

„Die Menschen haben genug von fünfzehn Jahren Krieg mit vielen Opfern und ohne richtige Siege. Die meisten werden hinter ihm stehen. Außerdem ist James ein Meister darin, seinen Wählern etwas schmackhaft zu machen. Das haben wir doch schon oft genug erlebt. Und der Kongress kann auf längere Sicht gesehen im Grunde auch nur das machen, was die Bevölkerung will. Es war doch auch in der Vergangenheit immer dasselbe. Ich glaube, dass er vielleicht die Hälfte oder sogar zwei Drittel von dem, was er vorhat, durchsetzen kann. Bei den für sein Vorhaben nötigen Gesetzen sieht die Sache da vielleicht schon ein bisschen besser für uns aus …“, resümierte General Grant, der sich schon so seine Gedanken gemacht hatte. Der Armeegeneral stand hinter seinem Stuhl und hatte die Lehne des Möbels mit beiden Händen fest gepackt.

„Wie steht’s mit unseren Verbündeten?“, fragte Garrett. „Die Israelis werden durchdrehen, wenn sie von James’ Vorhaben Wind bekommen. Und die Europäer? Sind die stark genug, um die Situation im Nahen Osten in den Griff zu bekommen? Ich bezweifle das stark. Die können sich doch nicht einmal innerhalb der Europäischen Union richtig leiden. Was sollen die dann mit einem handfesten Konflikt in ihrem Hinterhof machen?“

Franklin verstand Garrett und seine Befürchtungen nur zu gut, er war in diesem Punkt ähnlicher Ansicht.

„Mit den Kürzungen innerhalb unserer Streitkräfte kann ich ja noch ansatzweise leben, oder lassen Sie es mich anders ausdrücken: Ich finde das nicht ganz so geisteskrank, wie das Vorhaben am Golf“, sagte Bremner. „Das ist ein verdammtes Pulverfass da unten und wir geben den ganzen Spinnern einfach die Lunte und die Streichhölzer in die Hand und hauen ab. Ich kann nicht glauben, dass James das ernsthaft vorhat. Ich kapier’s einfach nicht …“

Der Air-Force-Offizier war ziemlich fertig und malte sich Konsequenzen und Folgen eines Rückzuges der Amerikaner aus dieser Gegend aus. Mit dem Ergebnis seiner Überlegungen konnte er nicht zufrieden sein.

Garrett kratzte sich hörbar die kurz geschorenen Haare und sagte, an Franklin gewandt:

„Aber warum war Marvin James jetzt beinahe vier Jahre Präsident, ohne solch drastische Schritte zu setzen? Er hat doch den Antiterroreinsatz weitergeführt und ist sogar in den Iran einmarschiert. Ich verstehe das einfach nicht. Das ist doch völlig absurd!“

„Wie Sie alle sicher wissen“, brummte General Grant, „hat der Präsident erst vor einem Jahr seinen einzigen Sohn bei der Eroberung von Teheran verloren. Der Panzer, den er kommandiert hat, ist von unseren eigenen Hubschraubern beschossen und zerstört worden. Ich glaube, das hat die ganzen Änderungen seines Programms ausgelöst oder schon vorhandene Vorhaben bestärkt.“

„Kann sein, John“, stimmte ihm Franklin zu, „aber im Grunde war James schon immer ein Präsident, der mehr der Macht und weniger der damit verbundenen Verantwortung zugetan war. Und im Iran einzumarschieren war damals nach der Versenkung der Queen Mary II fast nicht zu vermeiden. Hätte er damals gekniffen, hätte er den Mullahs die Ermordung von eintausendfünfhundert westlichen Passagieren einfach durchgehen lassen, dann hätte er seine politische Zukunft getrost begraben können.“

Die Erinnerung an die Torpedierung eines der größten und modernsten Kreuzfahrtschiffe der Gegenwart durch ein iranisches dieselelektrisches U-Boot war für alle Anwesenden noch frisch. Genauso, wie die teilweise erschütternden Reaktionen ihres Präsidenten, der anfänglich alle Beweise ignoriert hatte, die auf die Iraner hingedeutet hatten. Erst eineinhalb Wochen, nachdem der Rumpf der Queen Mary II etwa vierhundert Kilometer südlich der Malediven in fast fünftausend Metern Tiefe am Grund des Zentralindischen Beckens zerschellt war, gestattete er der Navy, das U-Boot mitsamt allen an Bord befindlichen Terroristen zu versenken. Nur zu gerne hatte der Commander an Bord der Tucson, das Angriffs-U-Boot der Los Angeles-Klasse, das die Iraner beim Aufladen der Batterien aufgespürt hatte, den Feuerbefehl erteilt und das Kilo versenkt. Die diplomatische Verstimmung mit dem Hauptleidtragenden des Anschlages, der geschockten britischen Regierung, hatte mehrere Monate lang angedauert. Bis heute hatten die Briten die Untätigkeit ihres mächtigsten Verbündeten nicht vergessen und würden es wahrscheinlich auch nicht tun. Präsident James hatte wertvolles Porzellan zerbrochen, das nur die Zeit und sehr viel Mühe vielleicht wieder zu kitten vermochten.

„Erinnerst du dich an seine jämmerlichen Auftritte damals in Jakarta und in Berlin, als er die Iraner als schuldlos an dieser „Tragödie“ bezeichnete? Ich hätte ihn damals am liebsten hängen sehen.“ Franklins Miene war düster, als er an die Tage damals im Frühjahr 2014 dachte, die genauso schlimm waren, wie jene Tage damals im September 2001, als die westliche Welt das erste Mal unter Beschuss geraten war.

„Und das Fiasko in China nicht zu vergessen, als er ganz frisch im Amt war“, grunzte Grant. „Das war sowieso die größte Sauerei, die sich dieser Kerl jemals geleistet hat. Hat leider keiner mitgekriegt, die Sache. Der Mann hat aus seiner Ablehnung gegen das Militär wirklich nie ein Geheimnis gemacht.“

„Vielleicht will er aber auch nur als der Präsident in die Geschichte eingehen, der das amerikanische Militär kastriert und im Nahen Osten einen Flächenbrand entzündet hat, der so leicht nicht wieder zu löschen sein wird.“ Colonel Bremner hatte die Hände zu Fäusten geschlossen, als er weiterredete.

„Wenn nicht irgendjemand etwas dagegen unternimmt, wird uns dieser Mann alle mit in den Abgrund reißen.“

„Genau deswegen sind wir hier, meine Herren“, sagte Admiral Franklin und leerte sein Glas.

Washington Dulles International Airport, USA

16. Juli 2016

Die Boeing 777-300 der United Airlines, Flugnummer LH9280, die in München mit einer knappen halben Stunde Verspätung um 12:07 Uhr Ortszeit abgehoben hatte, setzte nun beinahe pünktlich auf die Minute auf der Rollbahn auf. Über dem Atlantik hatte es nur relativ geringen Gegenwind gegeben, wodurch sich die neunstündige Flugzeit angenehm verkürzt hatte.

Dem Passagier auf Platz 21A war dies allerdings egal, da er die meiste Zeit des Fluges gegen die leicht vibrierende Innenverkleidung des Druckkörpers gelehnt tief und fest geschlafen hatte. Der Mann war nur während der beiden leidlich schmackhaften Mahlzeiten kurz wach gewesen und hatte diese in kürzester Zeit verputzt, um sich danach sofort wieder zur Seite zu drehen und einzuschlafen. Die attraktive Brünette, die direkt neben ihm saß, und die sich auf dem langen Flug gerne mit diesem interessant aussehenden Mittdreißiger unterhalten hätte, musste sich ihre Zeit stattdessen mit Kreuzworträtseln und einem dicken Buch vertreiben.

„Lassen Sie mich in Ruhe, Lady“, hatte er kurz angebunden geantwortet, als sie ihn freundlich ansah und sich ihm vorstellte, um ein Gespräch zu beginnen. Sie hatte pausenlos geplaudert, weil sie, so wie immer, wenn sie es mit einem gutaussehenden Mann zu tun bekam, furchtbar nervös wurde.

„Ich bin müde und ich habe keine Lust, mich mit Ihnen zu unterhalten, okay?“

Dann hatte er sich weggedreht, die Augen geschlossen und war offensichtlich in kürzester Zeit wieder eingeschlafen. Obwohl sie natürlich überrascht und verstört durch seine direkte und abweisende Art war, konnte sie es nicht lassen, ihn weiter zu beobachten, während er schlief.

Einzelne Strähnen seines dunkelbraunen Haars fielen ihm ins Gesicht. Ein dunkler Dreitagebart und eine etwa fünf Zentimeter lange weiße Narbe an seinem entblößten Hals verliehen ihm etwas Wildes, etwas Abenteuerliches, das sie irgendwie anzog. Sie hatte sich ihm etwas genähert, um ihn genauer zu betrachten, hatte den unaufdringlich männlichen Duft eines ihr nicht bekannten Eau de Colognes wahrgenommen, als er mit geschlossenen Augen und ohne erkennbare Gemütsregung noch mal etwas zu ihr gesagt hatte.

„Ich mein es Ernst, Lady. Lassen Sie´s einfach bleiben.“

Daraufhin war sie peinlich berührt zurückgeschreckt und hatte es den Rest des Fluges vermieden, zu ihm hinüber zu blicken. IDIOT, dachte sie und wusste aber nicht, ob sie damit diesen wortkargen Typ neben sich oder doch sich selbst meinte.

Der Mann schlief immer noch, als die Maschine stark bremste, zuerst durch die enorme Umkehrschubleistung der beiden gewaltigen Triebwerke und anschließend durch die rotglühenden Bremsen an den Rädern der schweren Fahrwerke. Er schlief, als das Flugzeug von der Landebahn auf die Rollbahn nach rechts abbog und sich dem Terminal näherte. Erst als die Boeing auf ihrer Parkposition stehen blieb, öffnete er die Augen und richtete sich auf. Sein Blick, als er gewohnt seine direkte Umgebung beobachtete und dabei die ihn ängstlich anblickende Brünette schweifte war klar, seine grauen Augen leuchteten kühl und reserviert. Er sah sie einige Augenblicke an, dann huschte der Hauch eines Lächelns auf seine Lippen.

„Es tut mir leid, Lady“, begann er vorsichtig und beobachtet dabei ihr schönen tief grünen Augen, „aber ich bin momentan so ziemlich die schlechteste Gesellschaft, die man sich wünschen kann.“ Sie sagte nichts, sah ihn nur unsicher an, während um sie herum die ersten Passagiere übereifrig aufsprangen, um ihr Handgepäck aus den überfüllten Staufächern zu holen.

„Schon gut“, sagte er, als sein Lächeln langsam wieder verschwand, „vergessen Sie´s einfach.“

Vermutlich hätte sie ihn verstanden, wenn sie nur im Ansatz erahnt hätte, was dieser attraktive und seltsam unnahbare Mann in letzter Zeit erlebt hatte. Doch das, was Steven Crowe durchgemacht hatte, würde sie sich in ihren schlimmsten Albträumen nicht vorstellen können.

„Vergessen Sie´s einfach.“

Er selbst würde niemals vergessen können, niemals.

Nachdem Steven Crowe beinahe eine Stunde auf seinen Koffer an einem völlig überlasteten Gepäckausgabeband gewartet hatte, buchte er einen Mittelklassewagen bei Avis und verließ den Ankunftsterminal. Er fand den dunkelgrauen Chevrolet auf seinem zugewiesenen Parkplatz, verstaute sein Gepäck im Kofferraum und stieg ein. Das Navigationsgerät, dessen melodisch weibliche Stimme ihn begrüßte, schaltete er kurzerhand ab. Er brauchte es nicht, denn er war schon oft hier gewesen und auch dort, wo er hinwollte, kannte er sich aus. Die Klimaanlage, die verzweifelt gegen die brütende Sommerhitze auf dem riesigen Asfaltplatz ankämpfte, ließ er laufen. Crowe war Hitze gewöhnt, hatte er seine Zeit doch zuletzt fast ausschließlich in tropisch schwül feuchter Umgebung verbracht. Doch jetzt hatte er nicht das Geringste gegen ein bisschen angenehme Abkühlung einzuwenden.

Er manövrierte den Wagen aus der engen Parklücke und verließ den Parkplatz. Er gelangte auf den Saarinen Circus, folgte dem Dulles Airport Access und fuhr schließlich die Toll Road entlang, bis er auf die I-495 gelangte. Dort fuhr er bei angenehm lichtem Verkehr etwa elf Meilen, um dann nach Süden auf die I-95 abzubiegen. Er beschleunigte den Wagen und fuhr weiter nach Süden, gelangte über die Staatsgrenze nach North Carolina. Nach etwa fünfeinhalb Stunden Fahrt entdeckte er ein Motel, das mit grellgrüner Leuchtreklame um Gäste warb und gleich neben dem Highway lag. Er lenkte seinen Chevrolet auf den schäbigen Parkplatz und bezahlte bei einem desinteressierten Portier für eine Nacht im Voraus. Als er geduscht hatte, fiel er ins Bett und schlief beinahe augenblicklich ein. Sein Schlafdefizit machte ihm immer noch zu schaffen.

Fort Bragg. North Carolina, USA

17. Juli 2016

Der Chevrolet blieb langsam stehen und der Motor verstummte, als der Wachsoldat mit grimmigem Gesichtsausdruck an die Fahrerscheibe trat. Er bückte sich und spähte ins Innere des Wagens, den Mann am Steuer kannte er nicht.

„Guten Morgen Corporal“, sagte Steven Crowe freundlich und hielt dem Soldaten seinen Dienstausweis entgegen. Der Corporal der US Army, ein kleiner schmächtiger Mann mit kurzrasiertem Haar und käsig weißem Gesicht schnappte sich die ID-Karte und las die Daten. Dann hellte sich sein Blick auf und er straffte sich etwas.

„Guten Morgen First Sergeant“, bellte er Crowe entgegen. Doch es schien ein Problem zu geben, denn der Wachsoldat gab ihm die Karte nicht zurück.