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Der erste Friedensplan für den Nahen Osten seit hunderten von Jahren könnte Wirklichkeit werden, wenn es der deutschen Kanzlerin gelänge, alle relevanten Mächte in Berlin zu einer Unterschrift zu bringen. Die Chancen dazu stehen gut wie niemals in der Geschichte zuvor. Eine Organisation (DOO), die sich die Beibehaltung des Status quo der Weltmächte von 1944 auf die Fahnen geschrieben hat, versucht den Erfolg des Gipfeltreffens zu verhindern, indem sie ein Attentat auf die Kanzlerin plant. Leon Harber, ein weltweit gesuchter Killer, wird nach Berlin gebracht, um den Anschlag auszuführen. Ob es den Ermittlern gelingt, die Kanzlerin zu retten und selbst nicht zwischen die Fronten aus politischen Intrigen zu geraten, erzählt dieser Thriller. Dieses Buch ist die Fortsetzung des Thrillers "Sternenkind", in welchem der Berliner LKA-Polizist Mike Schimansky ermittelt.
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Seitenzahl: 637
Veröffentlichungsjahr: 2015
Inhalt
Impressum
Einleitung
Die Verschwörung
Prolog
1. Sommer, Gambell, St. Lawrence Island, Beringsee
2. 1. Juli, Südtirol, Italien
Gleiche Zeit, Berlin, Darija
Gleiche Zeit, Berlin, Laura und Mike
1. Juli, nach 18:00 Uhr MEZ, Jerusalem
1. Juli, nach 18:00 Uhr MEZ, Schissla-Alm, Südtirol
3. 2. Juli, Berlin
Gleiche Zeit, Berlin, Bundeskanzleramt
Gleiche Zeit, Berlin, LKA
4. 4. Juli, zwischen New York und Anchorage
Gleicher Tag, Gambell, St. Lawrence
Gleicher Tag, früher Nachmittag, Anchorage
5. Juli, Jerusalem
Gleiche Zeit, Berlin, LKA
5. 6. Juli, Nome, Alaska
Gleiche Zeit, Berlin
6. 7. Juli, Gambell, St. Lawrence
8. Juli, Berlin
8. Juli, Chicken, Alaska
8. Juli, Berlin, Kanzleramt
7. 8. Juli, Beringsee
8. Juli, Berlin
9. Juli, Chicken, Alaska
8. 9. Juli, Berlin
9. Juli, Rangsdorf
9. Juli, Berlin
10. Juli, Chicken, Alaska
9. 12. Juli, Berlin
12. Juli, Seattle – New York – New Orleans
12. Juli, Berlin
10. 12. Juli, Berlin
13. Juli, London
13. Juli, Berlin
11. 13. Juli, London
13. Juli, Berlin
12. 13. Juli, Berlin
13. 14. Juli, Doha, Katar
14. Juli, Berlin
14. Juli, Chennai, Indien
14. 15. Juli, Doha, Katar
15. Juli, Meseberg, nördlich von Berlin
15. Juli, Beirut
16. Juli, Berlin
15. Juli, Beirut
15. 16. Juli, Berlin
16. 16. Juli, Berlin
17. 17. Juli, Berlin
18. 17. Juli, Berlin
19. 17. Juli, Berlin
20. 17. Juli, Berlin
Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn
18. Juli, Königshainer Berge, bei Görlitz/Sachsen
19. Juli, Bundeskanzleramt, Berlin
Berlin, Haus Rothstedt
21. 19. Juli, Reichenbach/Oberlausitz, Sachsen
20. Juli, Berlin
22. 22. Juli, Heringsdorf, Usedom
28. Juli, Berlin
30. Juli, Berlin
23. 31. Juli, Gambell, Beringsee
02. August, Berlin, Bundeswehrkrankenhaus
02. August, Rio de Janeiro
03. August, Berlin, Wohnung Schimansky
24. 03. August, Rio de Janeiro
03. August, Berlin, BND
03. August, Frankfurt am Main
25. Drei Tage später, 04. August, nahe Deir ez-Zor, syrisch-irakisches Grenzgebiet
05. August, Frankfurt am Main, Chicken/Alaska, Berlin
06. August, nahe Deir Ez-Zur
Schluss
Drei Monate später, Rio de Janeiro
Epilog
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2015 novum Verlag
ISBN Printausgabe: 978-3-99048-164-6
ISBN e-book: 978-3-99048-165-3
Lektorat: Claudia Matusche
Umschlagfoto: Kay Wünsche
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Einleitung
„Wir haben 1945 angefangen, uns den Globus zu erobern. Die NATO wurde nicht eingerichtet, um die armen Europäer vor den Russen zu schützen, sondern um die totale Kontrolle über Westeuropa zu erlangen.“
Der US-Präsidentschaftskandidat Al Gore
Die Verschwörung
Gibt es eine unsichtbare Kraft, die die Welt lenkt? Eine Kraft, die jenseits staatlicher Kontrolle den Erhalt der Friedensordnung von 1945 sichert – die Pentarchie zwischen den Großmächten? Keinem Staat, auch nicht den USA, ist es bisher gelungen, dieses Gleichgewicht der Kräfte zu ihren Gunsten zu durchbrechen. Immer, wenn sich das Zünglein an der Waage der Macht zu sehr in eine Richtung verschoben hatte, zwangen ökonomische Krisen, politische Unruhen, Kriege oder Skandale den jeweiligen Staaten auf, ihren Fokus darauf zu verschieben. Nach kurzer Zeit war das Machtgefüge wieder im Lot.
Bei wie vielen Ereignissen gibt es jenseits der offiziellen Wahrheit auch die Möglichkeit, dass jemand, wer auch immer das war, „nachgeholfen“ hatte – die Ereignisse initiiert, verstärkt oder ausgenutzt hatte?
In diesem Buch wird es der Phantasie des Lesers überlassen, manche dieser Ereignisse mit anderen Augen zu sehen.
DieserThrillerbeschreibt reale Orte, Organisationen und Behörden und benutzt Namen von Personen der Zeitgeschichte. Der politische Rahmen der Geschichte entspringt zum großen Teil der Realität, das Handeln konkreter Personen ist jedoch ausschließlich der Phantasie des Autors entsprungen und es bleibt dem Leser überlassen, ob die Ereignisse im Buch Schnittstellen mit der Wirklichkeit aufweisen.
Prolog
Die Welt war in der Zeit seit 2006 keinesfalls friedlicher geworden. Insofern schien innerhalb der Dumbarton-Oaks-Organisation (DOO) eine gewisse Unbekümmertheit vorzuherrschen. Die Organisation hatte sich 1944 am Rande der Gründung der Vereinten Nationen zusammengefunden und seither über sechzig Jahre dafür gesorgt, dass das Kräftegleichgewicht zwischen den Großmächten USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich stabil blieb. Immer, wenn eine Verschiebung des Gleichgewichts zu drohen schien, griff die DOO ein. Kein politischer Mord, keine finanzielle Transaktion, keine Hilfslieferung und keine Verweigerung einer solchen blieb ohne Kalkül der Organisation, die inzwischen ein Netz unabhängiger Zellen unterhielt und doch keinen Kopf hatte. Gerade die Selbstständigkeit der Zellen, deren sternförmiges Organigramm ein Überleben der Gesamtorganisation garantierte, war der entscheidende Pluspunkt, um sich der Verfolgung durch Behörden verschiedenster Länder zu entziehen. Die DOO unterhielt unabhängig voneinander eine Armee verschieden ausgebildeter Söldner, die dann tätig wurden, wenn das internationale Gleichgewicht zu kippen drohte. Vom Computerspezialisten, der ganze Wirtschaftszweige für eine gewisse Zeit lahmlegen konnte, wenn es nötig war, über Börsenprofis, Klimaforscher und Ärzte bis hin zum Auftragskiller waren Personen an die DOO gebunden worden, deren eigenes Schicksal davon abhing, wie sehr sie sich für die Organisation engagierten. Vor Menschen, die aus einer wie auch immer gearteten Sünde heraus der Strafverfolgung einzelner Länder unterlagen, hatte man ein kaum auszuschlagendes Angebot ausgebreitet.
So blieb bestehen, dass die DOO Einfluss auf die Geschicke der Welt behielt und kleinere Korrekturen vornehmen konnte.
Nachdem es ohne Weiteres gelungen war, die schier übermächtigen Vereinigten Staaten an einen jahrelangen Krieg gegen den Terror zu binden und so für eine ganze Weile wirtschaftlich zu schwächen, mussten nunmehr auch die Emporkömmlinge auf der Bühne der Großen Acht in die Schranken gewiesen werden. Während die Wirtschaft der USA unter den Anstrengungen des Krieges ächzte, kam es darauf an, die Macht der anderen Staaten nicht ausufern zu lassen. Welche Gelegenheit bot sich besser, als eine hausgemachte Immobilienkrise in den USA weltweit wirken zu lassen und so auch einer rohstoffunabhängigen Macht wie Russland die Grenzen zu zeigen? Wie einfach es war, ganze nationale Kreditsysteme ins Wanken zu bringen, zeigte sich beim Zusammenbruch der BankLehman Brothers. Ein Mitarbeiter in der deutschen Finanzaufsicht, der trotz drohender Pleite noch Millionenbeträge überwies und sie somit verbrannte, reichte, um eine öffentliche Hysterie ins Rollen zu bringen, die alles noch schlimmer machte, als es war. Das Misstrauen der Finanzjongleure untereinander wuchs derart, dass kaum ein großes Finanzunternehmen ohne massive Eingriffe der Staaten auskam. Die Medien waren monatelang durch eine eigens aufgebauschte Pandemiewarnung der WHO zur Schweinegrippe vom Recherchieren abgehalten worden, als die Finanzkrise viele Bürger aus dem Nichts traf. Auch dem „Messias“, dem neuen Präsidenten der USA, dem man 2009 nach einigen beeindruckenden Reden vor der Weltöffentlichkeit höchste Anerkennung zollte und somit gehörigen Handlungs- und Erfolgsdruck verschaffte, war nicht bekannt, welches gewaltige Ablenkungsmanöver die DOO vorbereitet hatte, um den bisher größten Coup ihrer Geschichte zu landen. Einem handlungsfordernden amerikanischen Präsidenten musste eine Phalanx von Bündnispartnern an die Seite gestellt werden, deren innere Konfliktherde so am Köcheln gehalten wurden, dass außenpolitisch wenig herauskam. Ob ein vom russischen Regierungschef und Ex-Präsidenten Pawlow gesteuerter Präsident Malenkow, eine deutsche Kanzlerin, deren ums politische Überleben kämpfende Koalitionspartner permanenten innenpolitischen Ärger machten, ein französischer Staatspräsident, dessen Gattin einer Marie Antoinette zu gleichen schien, ein zu selbstbewusster polnischer Staatspräsident, der einem Flugzeugabsturz zum Opfer fiel oder ein China, das erst einmal die Olympischen Spiele und so den Einfluss der Weltöffentlichkeit sowie den Empfang des Dalai Lama in Berlin und Washington zu verdauen hatte – alle hatten zu wenig Zeit, sich um den Dauerbrandherd der Welt zu kümmern, von dessen Lösung auch das Schicksal der Beziehungen der Christenheit zum Islam abhängig sein würde: Israel und Palästina.
Die Medien waren gefüllt von Birma, Pakistan, Afghanistan, dem Weltklima, der Wirtschaftskrise, Waldbränden, der Fußball-Welt- und Europameisterschaften – und nur selten wurde der Fokus wieder mehr auf den Palästinakonflikt gelenkt, zum Beispiel, als Israel beschlossen hatte, ein internationales Hilfsschiff mit Gewalt an der Weiterreise nach Gaza zu hindern, oder als es die Tunnel in Gaza sprengte. Wer konnte ahnen, dass dahinter ein Komplott der DOO steckte, das es möglich machte, auch die bis dahin liberale Türkei auf die Seite derer zu zwingen, die den Druck auf Israel verstärkten? Die Hinrichtung Osama bin Ladens, die arabischen Revolutionen – von Nordafrika bis auf die arabische Halbinsel – waren eine willkommene Kulisse, um die Konzentration der Weltöffentlichkeit genügend abzulenken. Einzig die japanische Tragödie um den Tsunami 2011 und die Reaktorkatastrophe von Fukushima waren nicht geplant – wenn auch willkommen in den Augen der DOO. Probleme bereitete die iranische Atomforschung, der es nach langen Jahren geheimen Geschachers gelungen war, sowohl Technologie als auch waffenfähiges Material miteinander zu kombinieren. Die Drohgebärden Israels hingegen, die aus purem Existenzialismus abschrecken wollten, wurden immer stärker mit einem diffusen Gemisch aus latentem Antisemitismus und lauter werdender Israelkritik kommentiert, sodass die eine oder andere Karriere in Politik oder Wirtschaft abrupt beendet werden musste. Das Fortschreiten des politischen Islamismus und die Unfähigkeit des Westens, die Gesetze der Toleranz gegen die Intoleranten zu verteidigen, rundeten den akuten Handlungsbedarf ab, wollte man verhindern, dass der Konflikt in Vorderasien auf den Straßen Europas ausgetragen werden würde.
1. Sommer, Gambell, St. Lawrence Island, Beringsee
Leon fror schon lange nicht mehr. Obwohl die Temperaturen in diesem Sommer die Zehn-Grad-Marke kaum überschritten hatten und wieder ein Winter bevorstand, dessen Rauigkeit sich langsam ankündigte, fror er nicht mehr. Nur noch ganz selten brachen Erinnerungen auf, die die Wärme Afrikas auf ihn zu übertragen schienen. Jedoch wollte und konnte Leon inzwischen verdrängen – eine Einfahrt in die lange Straße des Vergessens.
Auch dieser unwirtliche Ort war scheinbar vergessen – von der Welt, von den internationalen Behörden, von geliebten und gehassten Menschen. Seit er hier vor vielen Jahren in einer Nacht-und-Nebel-Aktion „geparkt“ worden war, schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Es fühlte sich an, als wären seine Gedanken erloschen. Das Rauschen des eisigen Meeres verwandelte sich in eine Art yogisches Ommmmh einen magischen Ur-Ton, der das Denken aussetzen ließ. Anfangs wartete Leon darauf, abberufen zu werden – zu irgendeinem Job irgendwo auf der Welt, wie er ihn so viele Male ausgeführt hatte. Das Töten hatte ihm nie etwas ausgemacht – jedenfalls nicht, bis ihm Darija über den Weg gelaufen war. Obwohl er sich damals in den Alpen geschworen hatte, seinen Beruf an den Nagel zu hängen, wäre er im ersten Jahr seiner Isolation zu jedem Punkt der Erde aufgebrochen, auch, um jemanden umzubringen, nur, um von hier wegzukommen. Nun war Leon schon so lange Jahre hier auf dieser unwirtlichen Insel, nachdem die DOO ihn zunächst tief im Innern Alaskas der Beobachtung entzogen hatte. Als nach knapp zwei Jahren zwei Pick-ups vorgefahren waren und Leon ohne längere Erklärung abgeholt hatten, hatte er angenommen, dass die Zeit des Exils vorbei wäre und nun ein Comeback bevorstände. Aber die Organisation ließ ihn warten und verfrachtete ihn nach einer ewig dauernden Reise westwärts in eine noch größere Einöde, auf eine eisige Insel inmitten der Beringsee.
Von Anfang an stand Leon unter der freundlichen Beobachtung seines neuen Arbeitgebers Professor Boris Belowni, der im Auftrag eines russisch-amerikanischen „Konsortiums zur Erforschung der Beringsee“ (BSSP) Untersuchungen im vorgelagerten Meer betrieb. Belowni hatte die Siebzig schon eine ganze Weile hinter sich gelassen, schien aber eine Ausgeburt von Vitalität zu sein. Selbst im Winter, bei Temperaturen unter minus zwanzig Grad, lief er morgens eine kleine Runde vor seinem Container, um sich dann im Schnee zu wälzen.
Die Forschungsstation in Gambell, im äußersten Nordwesten der zu Alaska gehörenden Insel St. Lawrence, war durch ein Agreement zwischen den Ureinwohnern und dem Konsortium zustande gekommen, das den einen eine Reihe Arbeitsplätze und guten Lohn verschafft hatte und den anderen nahezu ungestörte Forschungen. Die Insel lag kaum vierzig Meilen vom sibirischen Festland entfernt, und an guten Tagen konnte Leon die andere Küste sehen. Auch vermochte er jeden neuen Tag kommen zu sehen, wie ihm die Yup’ik Eskimos beigebracht hatten – Gambell lag nur neunzehn Meilen von der Datumsgrenze entfernt. Obwohl hier kaum fünfhundert Menschen wohnten und bis auf Reethas Geschäft, in dem es Dinge für den alltäglichen Bedarf gab, kaum öffentliche Einrichtungen für Zerstreuung sorgten, schienen die Menschen zufrieden. Sie lebten vom Meer, ohne es nachhaltig zu schädigen. Mit großem Respekt gingen sie auf Walfang, und kehrten sie erfolgreich und ohne Verletzte zurück, wurden Feste gefeiert und der Seelen der großen Säuger gedacht. Der einzige Makel an dieser Verhaltensweise war wohl der riesige Friedhof für die erlegten Wale und Seebären, deren Knochen vor sich hin stanken und bei schlechtem Wind eine erhebliche Belästigung darstellten.
Das Highlight des Gemeinschaftslebens war das jährliche Schlittenhunderennen, das mitten im Winter stattfand. Seit einigen Jahren witzelten die Yup’ik, Alaska sei eine Region, in der Männer noch Männer sein konnten, aber die Frauen die Schlittenrennen gewannen. Auch die Anwesenheit von Fremden war kein Problem – man hatte sich an Besucher gewöhnt, die von hier aus auf die Jagd gehen wollten. Besonders die großzügigen Mittel, die seitens des Konsortiums flossen, schienen in der Siedlung einen Wohlstand auszulösen, der die Beschaffung von Schneemobilen für den Winter und ATVs für den Sommer mit sich brachte. Selbst Kinder fuhren in den wenigen warmen Monaten auf diesen vierrädrigen Crossmobilen auf der Insel umher – eine Altersbeschränkung oder eine Führerscheinpflicht gab es nicht.
Jegliche Flucht von hier schien für Leon ausgeschlossen, denn die Beringsee bot kaum ruhige Zeiten, die Küstenwachen beider Supermächte patrouillierten an guten Tagen sichtbar und kompakt – an schlechten Tagen schienen nicht einmal die schweren Kriegsschiffe der See zu trotzen. Man musste sich selbst im Sommer davor hüten, ins Wasser zu fallen, denn egal was man für Kleidung trug, innerhalb weniger Minuten würde man den Tod finden.
Während der Professor mit seinem Kutter nahezu unbehelligt von Gambell aus ein- und auslaufen konnte, wurde der eine oder andere der Eskimos bei der Jagd im Meer zurückgeschickt, wenn er bestimmte Zonen verließ. Bei Belowni schien das anders zu sein. Kaum näherte sich ein Kriegsschiff der einen oder anderen Seite, winkte der weißhaarige Forscher aus der Kapitänskajüte und schon drehte das Militär ab. Während Leon in den ersten Jahren kaum ein Wort außerhalb seiner Tätigkeit mit Belowni gewechselt hatte – Leon war für das Ausbringen und Einholen diverser Messinstrumente auf hoher See verantwortlich – schien nun eine simple Fußverstauchung des Professors eine Änderung der allgemeinen Gemütslage mit sich zu bringen. Tatsächlich vermochte die Ruhe dem alten Mann eher zuzusetzen als jede Form körperlicher Anstrengung im Freien. Als sich nach einigen Tagen bei Belowni eine ziemlich schwere Lungenentzündung einstellte, begann er zu reden. Zunächst war Leon alles andere als begeistert, die schwere Arbeit auf der Station allein machen zu müssen, aber als die Schiffe der Küstenwache den Kutter ebenso unbehelligt ließen, als wäre der Professor an Bord, kam ihm die Idee für die Flucht aus seiner Gefangenschaft.
Leon plante. Darin war er gut. Auf einmal schien das Fieber des bevorstehenden Abenteuers wieder genügend Adrenalin in seinen Körper zu pumpen. Er würde Kontakt mit der Außenwelt aufnehmen müssen. Das war zwar technisch kein Problem, denn die Station verfügte über alle Kommunikationsmittel, die man sich wünschen konnte, allerdings durfte die „Organisation“ nicht aufgeschreckt werden. Also musste er den Professor dazu bringen, Kontakt mit der russischen Seite zu suchen – Leon würde sich einfach dranhängen. Da er vermutete, dass Belowni keiner besonderen Bewachung bedurfte, schien es einfach, ihn davon zu überzeugen, eine Mail an eine unverfängliche Adresse zu senden.
Während Leon die neuen Messdaten in eine Tabelle übertrug und an das Konsortium sendete, versuchte er über den Account des Professors eine Nachricht zu verschicken. Obwohl er alle möglichen Tricks ausprobiert hatte, um die Sperre im System zu umgehen, bekam er immer wieder die Meldung, dass die Mail nicht gesendet werden konnte. Leon war am Verzweifeln. Man kam ins Internet – an jeden Punkt der Welt – aber wenn man Kontakt aufnehmen wollte, sperrte sich der Account. Die einzige Eintrittskarte in die Welt schien das Konsortium zu sein. Leon fluchte wohl zu laut, sodass Belowni aus seinem Schlaf erwachte und in seiner Muttersprache zu reden begann. Für Leon war es einfach, ihn zu verstehen, schließlich hatte er mehrere Jahre in tschetschenischen Diensten verbracht und das Russische war ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Allerdings wunderte sich Leon schon, denn Belowni hatte bisher nur englisch gesprochen. Es schien schlecht um ihn zu stehen. Leon brachte Tee an sein Bett und ein Antibiotikum, das den Professor wieder auf die Beine bringen sollte. Als Leon mit ihm auf Russisch sprach, schlug Belowni seine fiebernden Augen auf. Ein gequältes Lächeln formte seinen Mund zu einer Fratze, die ihn in Leons Augen jedoch liebenswürdig erscheinen ließ.
„Versuche nicht, von hier wegzukommen, mein Junge“, ächzte der Professor. „Ich habe es vor einigen Jahren auch versucht und sie haben mich wieder hierher zurückgeschickt.“
„Professor, ich verstehe nicht …“ Leon druckste herum, überrascht, erwischt worden zu sein.
„Mein Junge, ich weiß, warum du hier bist.“ Belowni versuchte, sich im Bett aufzusetzen und wurde durch einen heftigen Hustenanfall wieder zurückgeworfen. Als dieser vorüber war, griff der Professor Leons Arm.
„Ich habe genauso ein Leben geführt wie du. Als ich jung war, schien die Welt zu klein für mich. Man schickte mich herum und ich habe getan, was man von mir verlangte.“ Belowni hatte Mühe mit dem Sprechen, schien aber klaren Verstandes. Leon verstand zunächst nicht, worauf der Professor hinauswollte, fühlte jedoch eine plötzliche Vertrautheit, die ihn innehalten und zuhören ließ.
„Mein Junge“, fuhr Belowni fort, „es ist alles andere als klar, ob ich diese Seuche hier überleben werde. Eines solltest du wissen: Wenn du von hier verschwinden willst, brauchst du die Organisation. Sie ist mächtiger als alle internationalen Behörden zusammen. Sie hat alle Geheimdienste, alle Regierungen, alle internationalen Organisationen unterwandert. Sie scheint unsichtbar und doch spürst du sie jeden Tag.“
„Weswegen sind Sie bei denen in Ungnade gefallen?“, wollte Leon wissen, obwohl er sich noch immer nicht vorstellen konnte, dass Belowni eine ähnliche Karriere wie er selbst hingelegt haben wollte.
„Später, mein Junge, später. Aber nun setz dich bitte zu mir, die Geschichte könnte länger dauern.“
Leon, dem nun erst bewusst wurde, dass er die ganze Zeit heruntergebeugt vor dem Lager des Professors gestanden hatte, zog einen Stuhl heran und setzte sich.
„Als ich etwa so alt war wie du“, begann Belowni, „oder vielleicht ein paar Jahre älter, war ich Kampfpilot bei den Luftstreitkräften der Sowjetunion im Militärdistrikt Fernost. Ich hieß damals Gennadi Romanowitsch Besowski. Als 1983 ein koreanisches Verkehrsflugzeug in den Luftraum der Sowjetunion eindrang, bekam ich den Auftrag es abzufangen. Ich flog damals in einer Staffel sehr moderner SU-15 Abfangjäger. Die Situation im Kalten Krieg war 1983 ziemlich verfahren. Die NATO hatte begonnen, Westeuropa mit Mittelstreckenwaffen zuzustellen und uns ging langsam das Geld aus. Um Stärke zu beweisen, nutzte die Administration unter dem ehemaligen Geheimdienstchef Andropow jede Gelegenheit. Obwohl wir sahen, dass der koreanische Jumbo offenbar Schwierigkeiten hatte, bekamen wir Order, alle seine Manöver als feindlichen Akt zu bewerten. Trotz der etwa zweihundert Warnschüsse, die die Koreaner aber nicht sehen konnten, weil wir, im Gegensatz zu den Angaben des sowjetischen Verteidigungsministeriums, keine Leuchtspur verwendet hatten, behielt die Maschine Kurs. Ich schoss die Maschine daraufhin über der Insel Sachalin ab. Alle 269 Passagiere starben. Damit bei der folgenden Untersuchung keine Pannen passierten, wurde ich aus dem Verkehr gezogen, mit Wohnung, Geld und Frauen überhäuft und zum Studium der Meeresbiologie gedrängt, was, zugegebenermaßen, ein lang ersehnter Wunsch meinerseits war. Als nun aber 1985 mit Gorbatschow die Wende in Bezug auf Öffentlichkeitsarbeit kam, stellten Journalisten der Izvestia Fragen, deren Beantwortung einigen Militärs Kopfschmerzen bereitet hätten. Ich sollte das Bauernopfer werden und bekam schnell mit, dass man mich als gewissenlosen Rambo darstellen und damit den Fall abschließen wollte. Kurz nach meiner Verhaftung stellte mir ein Zivilist die Frage, ob ich gern weiter studieren wolle und ob ich bereit wäre, dafür einer Organisation zu helfen, die mein Fortkommen unterstützen würde. Verzweifelt, wie ich war, ging ich, ohne großartig nachzufragen, darauf ein. Von nun an trug ich den Namen Boris Belowni. Lange Zeit geschah nichts. Ich studierte zu Ende und bekam jeden Monat eine stattliche Anzahl Rubel auf mein Konto überwiesen. Man förderte meine Promotion und lancierte wahrscheinlich meine Professur in Moskau und meine wissenschaftliche Karriere. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde ich für ein russisch-amerikanisches Unternehmen geworben, das den Einfluss der Weltmeere auf den Klimawandel untersuchte. Und plötzlich tauchten sie wieder auf. Ich hatte wegen meiner wissenschaftlichen Erfolge schon fast verdrängt, auf welchen Deal ich mich damals eingelassen hatte – das Konsortium bestellte mich in die Zentrale und wollte mit mir über die Daten und Messwerte reden, die meinen Untersuchungen entsprungen waren. Als ich, immer noch nichts ahnend, meine Werte verteidigte, machte man mir klar, dass keine wissenschaftliche Auszeichnung der Welt und kein noch so großes internationales Renommee helfen würde, käme die wahrhaftige Geschichte des Nobelpreisträgers Belowni zum Vorschein. Von nun an lieferte ich Daten, die frisiert waren. Die Welt wurde langsam dafür reif gemacht, dass der Klimawandel bevorstehen und jede Menge Maßnahmen nach sich ziehen würde.“
In der kurzen Pause, die der Professor brauchte und seinen heißen Ingwertee trank, schwieg Leon, machte sich aber Gedanken. Nobelpreis, nicht schlecht. Das hätte ich nicht gedacht. Aber was sucht dieser Mann hier in diesem gottverlassenen Teil der Erde?
Belowni riss Leon aus seinen Gedanken.
„Immer mehr Wissenschaftler wurden unter Druck gesetzt, die These eines abnormalen Klimawandels zu untermauern, dessen Schuld die gesamte Menschheit mit ihrem ungehemmten industriellen Wachstum und steigenden Schadstoffausstoß tragen würde. Natürlich fragte ich mich, wozu man ein seit Jahren offensichtliches Phänomen noch auf so widerwärtige Weise untermauern wollte, wo selbst Laien das Abschmelzen der Pole beobachten konnten und die Grönländer Pläne schmiedeten, Gemüseplantagen zu errichten. Mit wachsendem Medienaufwand in den neunziger Jahren wurde mir klar, dass hier auch andere Interessen eine Rolle spielen würden – und ich begann zu suchen. Die einfachste Suche ist die nach der Spur des Geldes. Wem also nutzte eine vorschnelle Panik, eine apokalyptische Endzeitstimmung? Zunächst verdächtigte ich besonders die Kräfte, die sich den Umweltschutz auf die Fahnen geschrieben hatten. Grüne, ökologisch ausgerichtete Parteien waren seit den achtziger Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen. Aber schnell war klar, dass diese kaum über die Lobby verfügen würden, eine solche Großoffensive zu bezahlen. Schon gar nicht wollte mir einleuchten, wie es eine solche Macht in den frühen Achtzigern gegeben haben sollte, als das Öko-Experiment noch in den Kinderschuhen steckte. Verfolgte man aber diejenigen, die langfristig am Schutz des Weltklimas verdienen konnten, stolperte man über die Energiekonzerne. Nicht, dass diese nun aus heiterem Himmel ihre Existenz vernichten würden – nein, sie wollten dafür sorgen, dass der Umbruch in eine weniger ölabhängige Zukunft ohne größere Reibereien und mit sagenhaften Profiten vonstattengehen sollte. Um den neuen großen Mitspielern auf dem Weltmarkt wie China oder Indien das Leben etwas schwerer zu machen und auch die Ölproduzenten in Schach zu halten, schuf man die Blase der Klimakatastrophe. Nun musste man nur noch die lange existierenden Pläne für den Energiewandel so lange unter dem Tisch halten, bis die Völker bereit waren, dafür viel mehr Geld auszugeben als Ende der neunziger Jahre. Während man gerade bei euch in Deutschland in dieser Zeit noch fast gesteinigt worden wäre, hätte man eine Prognose für den Liter Benzin von fünf Deutscher Mark abgegeben, bezahlten die Menschen den gleichen Preis zehn Jahre später gleichmütig in der Hoffnung, dass es nicht noch schlimmer kommen würde. Der Westen brauchte Zeit – Zeit für das Vorbereiten der Technologie und das Verbreiten der Angst vor einem Energiekollaps. So bremste man auf den großen Klimagipfeln allzu schnell aufstrebende Nationen international aus und zwang sie zu Kompromissen. Die Ordnung schien stabilisierter zu sein.“
Leon war gefesselt und stellte nun doch die brennende Frage: „Aber Professor, was zum Teufel machen Sie hier? Was haben Sie angestellt, dass man Sie hierhin abkommandiert hat?“
Belowni lächelte nicht mehr so müde wie vorhin. Das Gespräch schien ihm gut zu tun. „Mein Junge, das ist nunmehr ein selbst gewähltes Exil. Ich habe der Welt aus Einsicht den Rücken gekehrt und versprochen, mich aus der Gesellschaft zurückzuziehen, um meine Forschungen weiterzutreiben, und weil man mich hier beschützt.“
„Sie brauchen Schutz?“ Leon verstand es nicht.
„Ja, ich habe einige einflussreiche Leute ans Messer geliefert, deren Macht immer noch so groß ist, dass mein Ende unangenehmer werden könnte als das, was mich mit dieser Lungenentzündung erwartet.“ Belowni bekam wie zur Bestätigung wieder einen Hustenanfall.
„Na, na, Professor“, Leon klopfte ihm auf den Rücken. „So schnell stirbt sich’s nicht. Glauben Sie mir. Ich kenn mich damit aus. Wem haben Sie denn in die Suppe gespuckt, wenn ich fragen darf?“
Belowni sah Leon eine Weile zögernd an, entschied sich aber dafür, weiterzureden und seinem Gewissen Luft zu machen.
„Sagt dir der Konzernname YUKOS etwas?“
„Klar, ein russischer Energiemulti.“ Leon nickte.
„… dessen frühere Chefs inzwischen in Ungnade gefallen und ewig in Haft waren“, ergänzte Belowni.
Leon verstand. Der Professor hatte im Kreislauf der Machtspiele nachgeholfen und saß nun zwischen Mafia und DOO gefangen. Nur war ihm noch nicht klar, warum Belowni so gut über ihn selbst informiert war.
„Aber, sagen Sie, Professor, was für eine Rolle spiele ich dann hier? Am Anfang dachte ich, man würde mich für ein paar Monate im wahrsten Sinne des Wortes auf Eis legen, aber als dann Jahre daraus wurden, war ich schon der Verzweiflung nahe.“
„Vermisst du die Gesellschaft denn so sehr?“, fragte der Professor.
„Die Gesellschaft nicht gerade“, entgegnete Leon. „Ich muss sagen, dass die Leute hier, so schwer ihr Leben auch ist, einen zivilisierteren Eindruck hinterlassen als woanders, wo man sich Zivilisation nennt. Noch keiner von unseren Gastgebern hier hat sich beschwert oder versucht, einmal woanders leben zu wollen. Von daher vermisse ich die Gesellschaft nicht – außer einer bestimmten …“ Leon wurde nachdenklich.
„Eine junge Dame sicher?“ Belowni schaute, als müsse der Leons Nicken nicht erst quittieren. „Ich weiß, mein Junge, dass du ungeduldig bist – aber sie werden dich einsetzen, glaub mir. Von mir wissen sie, dass ich auf dich aufpasse und dass du hier nicht wegkommst.“
Leon nickte, die Ausweglosigkeit des letzten Satzes begreifend.
„Ich hoffe für uns beide, du hast sie nicht aufgeschreckt – mit deinen Recherchen im Internet, oder deinen Nachrichten? Mmmh?“ Belownis Gemüt schien langsam in Fahrt zu kommen.
„Ich bin kein Anfänger, Professor!“ Leon war sauer, dass man ihm Dilettantismus unterstellte. „Ich habe versucht, an Tickets für die Fußball-WM zu kommen.“
Belowni schüttelte sich – diesmal aus einem Anfall von Lachen und Husten gemeinsam.
„Hast du gedacht, die spendieren dir einen Flug, oder wie?“ Er bekam kaum Luft, prustete aber weiter.
„Ich wollte wissen, ob ich außer der Organisation jemanden anderes erreichen kann.“
„Kannst du nicht!“ Belownis Stimme wurde hart. „Wenn du das hier überleben und dein geliebtes Mädchen wiedersehen willst, warte, bis sie dich holen.“
Tatsächlich war es Leon in der ganzen Zeit nicht gelungen, auch nur eine einzige Information bezüglich des Verbleibs seiner geliebten Darija aufzutreiben. Alle Kanäle in die Außenwelt waren gekappt – der einzige Ausweg führte über die Organisation. Leon hoffte, dass Darija clever genug gewesen war und ihre Chancen genutzt hatte. Er wollte glauben, dass es ihr gelungen war.
2. 1. Juli, Südtirol, Italien
Das Sicherheitskonzept für das Trainingslager der deutschen Fußballer zur Vorbereitung auf das nächste große Turnier war aufgegangen. Wegen des guten Abschneidens in Südafrika und aus eines – vielen Sportarten innewohnenden – Aberglaubens heraus, was gewisse Rituale betraf, hatte sich der DFB wieder für die Südalpen entschieden. Obwohl einige hiesige Medien – wie immer – bemängelt hatten, dass man viel zu wenig Berührung mit den besonders in der deutschsprachigen Exklave Italiens verehrten Stars hatte, war man weitestgehend ohne Zwischenfälle ausgekommen, sah man vom bedauerlichen Unfalltod eines Passanten während einer Werbeveranstaltung ab. Jetzt berichteten die Medien wieder einmal über den verdienten meditativen Bergurlaub der deutschen Kanzlerin in Südtirol. Während sich der deutsche Vizekanzler über eine weitere Kabinettssitzung freute, die er selbst leiten durfte, verwandelten die deutschen und italienischen Sicherheitsbehörden den kleinen OrtSuldenimVinschgaumedienwirksam in eine Festung. Besonders das HotelMarletwurde faktisch von der Außenwelt getrennt und mit Rücksicht auf die Privatsphäre der Kanzlerin dachten auch die hitzigsten Boulevardjournalisten nicht daran, die Ruhe zu stören.
Hätte man hier ein wenig mehr Ehrgeiz an den Tag gelegt und wäre dem Treiben in der „Festung“ nachgegangen, wäre aufgefallen, dass zwar die Äußerlichkeiten stimmig, jedoch unangemessen waren. Noch nie hatten die Betreiber des Hotels so viel Freizeit und so viel Geld mit so wenig Arbeit verdient wie in diesem Sommer. An der Kanzlerin konnte es nicht liegen, sie war jedenfalls nicht hier.
Wäre irgendwem einige Kilometer östlich aufgefallen, dass der Grund für die überaus aufwendigen Reparaturarbeiten an der Straße durch dasAhrntal,verbunden mit der Nützlichkeit zeitweiser Vollsperrungen, nicht der war, schnell fertig zu werden, hätte er die Sensation des Jahres einfangen können. So waren wahrscheinlich nur einige Bauarbeiter verwundert, dass die Carabinieri ausgerechnet während der Sperrzeiten einige Jeeps mit Sondergenehmigung durchließen und dass jetzt im Sommer der Hubschrauberbetrieb ziemlich rege war. Die Menschen im UrlaubsortSand in Taufersführten diesen Lärm auf die Bauarbeiten an der Seilbahn und am SkigebietSpeikbodenzurück. Diese Wahrnehmungsübereinstimmung hatte sich als ausgesprochen nützlich erwiesen, Dinge auf den Berg zu schaffen, die dort nichts zu suchen hatten. Einzig die Wirtsleute derSchissla-Almund deren Nachbarn waren eingeweiht und mit großzügigen Transfers zum Stillschweigen verpflichtet worden. Selbst für unangemeldete Gäste war Vorsorge getroffen worden, sodass nicht einmal ein Wanderer, der die Sicherheitsschleusen umgangen haben könnte, auf die Idee gekommen wäre, hier wäre etwas anderes im Gange als einfach ein Sommerfest mit geschlossener Gesellschaft. Alle Blickwinkel, von denen die rückwärtige Terrasse der Alm einsehbar war, konnte nicht einmal ein hochfliegender Greifvogel erspähen, ohne dass ihn ein Scharfschütze im Visier hatte und erst abließ, wenn der Befehl dazu erteilt war.
So trafen sich in diesen Tagen die Mächtigen Deutschlands, Meinel, die Kanzlerin der Deutschen, der alte und inzwischen wieder neue russische Präsident Pawlow, der französische Staatspräsident Herbert, der nach der Scheidung von seiner zweiten Frau und Wiederwahl nun ein medial präsentables Leben in Enthaltsamkeit zu führen schien und der britische Premierminister Coldheart, dessen Gewicht in diesen Wochen gewinnen sollte, nachdem auf der Insel innenpolitisch wenig zusammengelaufen war.
Ziel dieses Geheimtreffens war die Vorbereitung einer außenpolitischen Offensive, die den innenpolitisch angeschlagenen Regierungen wieder einmal Luft durch Erfolge im Äußeren bringen sollte. Nur, dass diesmal ein Coup auf der Tagesordnung stand, an dem sich schon viele Regierungen deutlich verhoben hatten und der bei einem Scheitern die nachfolgende Blamage nur noch größer werden ließe. Das heikelste Thema seit dem Ende des Kalten Krieges blieb zweifelsohne die Situation im Nahen Osten, auch wenn die Situation in der Ukraine immer wieder von Hardlinern als neuer Kalter Krieg betitelt wurde. Endlos viele Friedensinitiativen hatten bis heute keine Lösung in die verfahrene Situation zwischen den verschiedenen Völkern, Religionsgruppen und ethnischen Minderheiten zwischen Bosporus, Sinai und der iranischen Grenze gebracht – viele Kommissionen, auch die vor wenigen Jahren unter dem Namen „Nahostquartett“ gestartete, waren gescheitert. Warum sich gerade jetzt eine konzertierte Aktion der Westeuropäischen Großmächte anbahnte, hatte vorwiegend innenpolitische Gründe.
Als zu Beginn des neuen Jahrzehnts eine Volksabstimmung in der Schweiz ein Verbot zum Neubau von Minaretten verhängte, Herbert in Frankreich ein Burka-Verbot durchpeitschte und in Deutschland ein integrationskritisches Buch eines Bundesbankers zum Bestseller wurde, war die Aufregung um die Migrationspolitik europaweit groß. Inzwischen hatten sich rechts der konservativen Parteien sehr erfolgreiche andere Parteien gegründet und europaweit vernetzt, sodass den etablierten Volksparteien die Luft auszugehen schien. Die abendländische Angst vor einer zu starken Islamisierung trieb Wählerscharen weg von den alten Parteien hin zu denen, die diese Angst geschürt und nun verwertet sehen wollten. Selbst im sonst so gemäßigten Finnland hatten Nationalisten inzwischen Mehrheiten gegen ein zu starkes Europa gesammelt. Nun schien die Zeit des Zauderns also vorüber. Wollte man die nächsten Wahlen erfolgreich überstehen, musste ein Thema her, das so viel Sprengstoff in sich barg, dass die Gazetten für eine Weile gefüllt und der Volkswille kanalisiert werden konnte. Wie sehr ihnen dies gelingen sollte, ahnte keiner der Beteiligten. Fest stand aber, dass nur mit einer einigermaßen vernünftigen Lösung der nach Norden verlagerte Religionskrieg auf europäischen Straßen ausbleiben würde.
Einzig China betrachtete das Treiben in Tirol mit der gleichen Geringschätzung für europäische Belange, wie man es vor dem großen Zusammenbruch im 19. Jahrhundert getan hatte. In Anbetracht gewachsener Stärke, einer florierenden Wirtschaft und der Gewissheit, dass sich keine Macht tatsächlich erlauben könnte, sich tatsächlich in innerchinesische Politik einzumischen, hatte man einen Mann aus der dritten Reihe gesandt, der sich anhören sollte, was in Europa verhandelt wurde. Peking setzte wie fast immer andere Schwerpunkte in der Politik, denn die Abhängigkeit der Welt von der Gunst des Zugriffs auf den chinesischen Markt war in den letzten Jahren proportional mit der Fähigkeit Chinas gestiegen, ebenfalls weltmarktfähige Produkte herzustellen. Man kopierte einfach Dinge, die andere besser machten, und da man die geringeren Personal- und Entwicklungskosten hatte, brachte man zwar die Ausländer auf die Palme, sich selbst jedoch nicht aus der Ruhe. Die chinesische Diplomatie setzte mit überschäumender Freundlichkeit allen Anfeindungen ein Ende. So würde Peking auf das Thema Palästina reagieren, wenn es so weit war. Noch war gar nichts entschieden und Jerusalem lag weit weg. Immer noch.
Gleiche Zeit, Berlin, Darija
In der neuen Zentrale des Bundesnachrichtendienstes (BND) in der Berliner Chausseestraße herrschte immer eine gewisse Hektik. Zu stark waren die Herausforderungen geworden. Die Anzahl der Terrorwarnungen schoss in die Höhe, die starken Wanderungsbewegungen aus und in Krisenländer verlangten erhöhte Wachsamkeit an den Ost- und Südgrenzen, und das Tagesgeschäft war ohnehin nicht mehr zu vernachlässigen, seit das vermeintliche Superhirn der Al Kaida, Osama bin Laden, durch eine gezielte Aktion der Navy Seals getötet worden war. Die Reaktionen auf arabischer Seite waren von Rache erfüllt.
Doch seit das Gesamtlage- und Führungszentrum das geheime Gipfelreffen in Südtirol organisieren musste, ohne dass selbst der italienische Ministerpräsident eingeladen werden sollte, brannte die Luft. Niemand wusste, was man dort aushecken würde und welche Konsequenzen dies nach sich zog. Selbst der Beauftragte des BND für besondere Krisenlagen Belger, der nach der Festnahme Leon Harbers, eines weltweit gesuchten Profikillers, vor acht Jahren eine steile Karriere verzeichnen konnte, war heute unruhiger als sonst.
Die folgende Videokonferenz, die in aller Eile anberaumt worden war, entsprach dem Ergebnis allgemeiner Aufgeregtheit.
Eine Mitarbeiterin der Fernmeldeabteilung SIGINT hatte heute Morgen eine Anfrage der CIA weitergereicht, die auch hier in Berlin für Verwirrung gesorgt hatte. Von einem Account mitten in der Beringsee hatte jemand versucht, an Tickets für die WM 2014 zu kommen, obwohl diese schon im Gange war und die Chance, rechtzeitig von St. Lawrence bis nach Südamerika zu kommen, gleich null war. Ob sich hinter dieser durch eine firmeninterne Firewall geblockte Nachricht ein Scherz oder ein ernst zu nehmendes Risiko verbarg, war der folgenden Bewertung unterworfen worden. Zu diesem Zweck trafen sich Belger, sein Stellvertreter Simon Ernst und die inzwischen eingebürgerte Georgierin Darija Rothstedt im Videokonferenzraum. Dass Rothstedt hieran teilnehmen durfte, hatte sie drei Dingen zu verdanken: Zum einen hatte sie nach der Verhaftung von Leon Harber vor acht Jahren alle Strapazen auf sich genommen und sich in jahrelangem Studium zu einer der besten Computerspezialistinnen Europas ausbilden lassen. Zum anderen hatte sie nach gespieltem Zögern den Avancen des neuen deutschen BND-Abteilungsleiters Belger nachgegeben und war in Lohn und Brot des Geheimdienstes getreten. Letztlich bereitete auch ihre Hochzeit mit dem Telekom-Manager Rothstedt dem geheimdienstlichen Arrangement einen legitimen Boden. Die Interessen für diese Zusammenarbeit zwischen Rothstedt und Belger hatten unterschiedliche Motive und eine Gemeinsamkeit. Belger wollte diese junge Expertin unter Kontrolle behalten, auch, weil er sich nicht ganz sicher war, welche Rolle Darija im Jahr 2006 tatsächlich gespielt hatte, und er teilte deren Ansicht, dass Leon Harber noch am Leben war. Darija Rothstedt wollte an Informationen gelangen, sich beruflich weiterentwickeln und das Leben im Westen genießen – und dafür gab es wenige bessere Stellen. Ihre hohe Qualifikation und das stillschweigende Agreement mit Belger ergänzten sich sehr gut. Für Belger war die Suche nach Leon Harber zu einer Art Privatvergnügen mutiert, nachdem in der Nachlese zur Verhaftung des „Sternenkindes“, wie man Harber 2006 genannt hatte, gemunkelt wurde, er hätte seine Aufträge von einer weltweit operierenden Geheimorganisation bekommen. Dieses kleine Räuber-und-Gendarm-Spiel bereitete Belger Freude und würde ihn im Falle des Erfolges für höhere Aufgaben qualifizieren. Für Rothstedt würde das Spiel wohl eher tragisch enden, denn Belger hatte nicht vor, Harber noch einmal ungeschoren davonkommen zu lassen.
Bevor sich die angebliche Spur Harbers im Sommer 2007 in Kanada verloren hatte und Belger seinen Wechsel vom BKA zum BND vollzog, schien das Kapitel beendet. Als aber später das Gerücht aufgefangen wurde, dass hinter den Auftragsmorden womöglich eine ganze Organisation stand, erwachte Belgers Jagdinstinkt. Akribisch sammelte er seit Jahren Informationen und verfolgte die Sache weiter. Als dann im letzten Jahr geheime Baupläne der neuen Zentrale verschwunden waren und der Chef des Nachrichtendienstes ohnehin unter Druck stand, bedurfte es nun einer geschickt inszenierten Peinlichkeit, und Belgers Bewerbung für die Abteilung GL als Beauftragter für besondere Krisenlagen war angenommen worden. Damals hatte sein Vorgänger seinen Dienstrechner angeblich dazu benutzt, bei eBay zu stöbern und Pornos herunterzuladen. Alle schüttelten den Kopf – so blöd konnte keiner sein! Alle wussten, die Sache war getürkt. Aber keiner konnte ahnen, wer da an wessen Stuhl gesägt hatte. Belger genoss seinen Wechsel und machte seine eigene Politik. Die Macht dazu hatte er inzwischen.
Auf der anderen Seite der Videokonferenz befanden sich George Thornton, Chef der Abteilung Westeuropa des CIA und Anthony McLourdey, der für die Koordinierung der russisch-amerikanischen Projekte im Nordwesten verantwortlich war. Letztere Stelle war geschaffen worden, nachdem die Russen 2007 durch das Einschlagen einer Nationalflagge auf dem Boden der Arktis für Unstimmigkeiten gesorgt hatten.
„Guten Morgen, George“, sagte Belger ziemlich vergnügt, nachdem die Vorstellungsrunde abgeschlossen war.
„Morgen ist gut, wir wollen ins Bett, Mr. Belger“, erwiderte Thornton. „Aber was wir haben, dürfte Sie interessieren.“
Auf dem zweiten Monitor erschienen Bilder, die einen Mann im Gummizeug für den Außeneinsatz in einem hochpolaren Gebiet zeigte, ein bärtiges Gesicht unter einer tief in die Augen gezogenen Wollmütze. Ein zweites Bild war eine der hochaufgelösten Satellitenaufnahmen, wie man sie nunmehr schon eine Weile kannte. Auch hier sah man den gleichen Mann in verschiedenen Perspektiven, die sich allerdings erkennungsmäßig kaum von der ersten Aufnahme unterschieden – das Gesicht war nicht zu erkennen.
„Was sagen Sie, George, ist er das?“ Belger war aufgeregt und die junge Frau neben ihm hatte Mühe, das gleiche Gefühl zu unterdrücken.
„Größe, Statur, Gewicht, Haarfarbe und die ungefähre Physiognomie stimmen, aber sicher sind wir natürlich nicht“, sagte Thornton.
„Könnt ihr andere Aufnahmen machen? Eure Schiffe werden doch wohl ein paar Bilder zustande bekommen, auf denen man etwas sieht!“ Belger war unzufrieden, da das Ergebnis nicht eindeutig war.
„In den nächsten zwei Wochen könnt ihr das vergessen“, meldete sich McLourdey. „Dort oben ist Sturm, sodass sich kaum jemand vor seine Blechhütte trauen wird. Aber wir haben einen Tipp bekommen, dass euer Mann aus dem Schlaf geweckt werden wird. Wenn das wahr sein sollte, dann wird er bald von da verschwinden wollen.“
Belger runzelte die Stirn.Eine erneute Suche würde wieder Jahre dauern, falls wir ihn überhaupt noch einmal finden.Belger spürte, dass die Spur heiß war. Sie mussten schnell handeln – und er wusste, wie.
„Er wird also mindestens zwei Wochen da oben gebunden sein, richtig?“ Die Amerikaner nickten. Belger fuhr fort. „Kann man jemanden auf die Insel bringen, ohne dass es besonderes Aufsehen erregt?“
„Ja“, begann McLourdey, „das ist tatsächlich möglich. Demnächst schauen sich wie in jedem Jahr ein paar Teilnehmer die Bedingungen für das Schlittenhunderennen im Winter an. Unter diese könnte sich jemand mischen. Aber es müsste jemand sein, der Harber auch ohne großen Aufwand identifizieren kann.“
„Dafür haben wir die am besten geeignete Person überhaupt!“, rief Belger dazwischen. Darijas Herz raste und sie rutschte auf ihrem Sessel hin und her.
„Meinen Sie Ihre Mitarbeiterin, Mr. Belger?“ Thornton grinste. „Soweit wir informiert sind, hatte Ihr Zögling damals mit Harber gemeinsame Sache gemacht, oder?“
Darija mischte sich wütend ein: „Das ist, so formuliert, nicht ganz …“
Belger unterbrach sie unwirsch: „Nein, wir schicken seinen Bruder.“
Darija schluckte.
„In Ordnung“, sagte Thornton, „wir leiten alles in die Wege.“
Augenblicke später erloschen die Monitore und Belger, Ernst und Rothstedt waren allein. Ernst brach das nachdenkliche Schweigen zuerst:
„Wir können kein Einsatzkommando schicken. Das fällt auf!“
„Mitnichten, Kollege Ernst.“ Belger rang sich ein väterliches Lächeln ab. Seinen Stellvertreter hatte er sich leider nicht aussuchen können. Man hatte ihn seitens des Kanzleramtes installiert und Belger fühlte sich kontrolliert. Allerdings hatte die Sache auch sein Gutes. War Ernst erst einmal überzeugt, liefen alle Maßnahmen schneller und ohne Rückfragen. „Wir schicken Gasser ganz allein.“
„Wie soll das aussehen? Der kann ihn nicht allein verhaften und dann nach Europa …“
„Nein, Kollege, er soll ihn auch nicht verhaften. Er soll ihn identifizieren!“ Belger ging dazwischen. „Falls das dort oben Leon Harber ist, und ich sage, falls, dann werden wir dieser obskuren Geheimorganisation eine Wanze in den Pelz setzen.“ Belger strahlte.
„Sie meinen“, Darija wurde kreidebleich, „wir tauschen ihn … aus?“ Sie sah, wie Belger nickte. „Das bedeutet“, sie stockte kurz und wollte es nicht aussprechen, „Leon Harber wird liqui…“
„Reißen Sie sich zusammen, Darija!“ Belger wurde giftig. „Ich denke, Sie sind nach so vielen Jahren darüber hinweg, oder hängt Ihr Herz immer noch an diesem Killer?“
„Nein, selbstverständlich nicht …“ Darija schluckte. „Aber ich will mit!“Jetzt war es wenigstens raus.
„Oh nein, meine Liebe! Das schlagen Sie sich mal gleich aus Ihrem hübschen Köpfchen. Sie sind hier, weil wir Ihre Arbeit bei der Nachrichtenbeschaffung via Medien schätzen und nicht, weil Sie operativ tätig werden sollen.“ Belger war nun ganz Chef. „Sie setzen sich hier brav vor den Monitor, und wenn Gasser die ersten Bilder des Mannes liefert, nicken Sie brav oder schütteln den Kopf – das alles aus dem schönen warmen Berlin und aus sicherer Entfernung. Wir haben nicht so viel Geld in Sie investiert, dass wir Sie nun bei einem Kommandoeinsatz verheizen wollen – oder, meine Liebe?“
Darija nickte und Ernst blickte nichtssagend drein.
Gleiche Zeit, Berlin, Laura und Mike
Das rauschende Sommerfest, das Laura und Mike anlässlich ihres zweiten Hochzeitstages im Innenhof an ihrer Frohnauer Wohnung für ihre Freunde und guten Bekannten gegeben hatten, war erst am frühen Morgen zu Ende gegangen. Trotzdem erwachte Mike unter dem Eindruck miserablen Allgemeinbefindens am frühen Sonntagvormittag, da die Sonne heftig durch die Fenster knallte. Noch etwas benommen strauchelte er ins Bad und versuchte, seinen sich sträubenden Körper mittels einer Dusche aufzuwecken. Es schüttelte ihn, als das kalte Wasser auf seinen Körper traf. Gleichzeitig meldete sich sein Darm mit einem an Unwiderstehlichkeit grenzenden Nachdruck, sodass Mike aus der Dusche zur Toilette sprang.
Meine Fresse, früher konnte ich drei Nächte hintereinander durchsaufen – heute habe ich überall Beschwerden: Magen, Darm, Allgemeinbefinden, Rücken sowieso. Die Welt ist schlecht und Alkohol auch. Dasmussaufhören! Sage ich jetzt schon seit Jahren. Scheiße!
Mike kam erst nach einer Weile zu Bewusstsein, dass das rauschende Fest am Ende wieder einmal einige bittere Wermutstropfen bereitgehalten hatte. Seit einiger Zeit betrank sich Laura immer öfter und hatte sich dann nicht mehr unter Kontrolle. Mike wusste, was sie so wurmte, und hatte schon oft versucht, mit ihr darüber zu reden, war aber nicht mutig genug gewesen, sich der Wahrheit zu stellen. Sollte Laura irgendwann aus ihrem Rausch erwacht sein, würde er sie zu einem Spaziergang überreden, und dann mussten die Tatsachen auf den Tisch.
Mit einigem Ekel – und Mike wollte sich das in Beziehung zu seiner eigenen Frau nicht richtig eingestehen – aber es war so, ja, Ekel – hatte er sie wieder einmal von sich gestoßen und selbst die einladendste Aufforderung nach Sex abgelehnt. Laura hatte in ihrem Rausch alle Register gezogen, wovon ein Mann vielleicht träumen würde. Aber nicht ihr Ehemann. Mike hasste besoffene Frauen, besonders, wenn sie aufdringlich wurden. So hatten sie in der Nacht wieder eine dieser unschönen Szenen, wie sie sie schon mehrere Male erlebt hatten.
Mike räumte den Garten auf, sammelte unzählige Flaschen ein, packte den Geschirrspüler voll und leerte ihn wieder aus, fegte, wischte, stapelte und verstaute. Die Bewegung tat ihm gut, sein Kreislauf erholte sich, und eigentlich hatte dieser Sonntag das Potenzial, schön weiterzugehen, wenn da nicht …
Laura trat am frühen Nachmittag wie ein Schatten ihrer selbst auf die kleine Dachterrasse und setzte sich an den Tisch. Sie legte ihre Hände um die Kaffeetasse, in die Mike Kaffee eingegossen hatte, und wich seinem Blick aus.
„So werden wir nie Kinder haben“, murmelte Laura in sich hinein, und obwohl Mike ahnte, worauf das Gespräch hinauslaufen würde, hatte er den Wortlaut nicht ganz mitbekommen. Dementsprechend machte er ein fragendes Gesicht. Laura reichte es schon jetzt.Er stellt sich mit Absicht doof.
„Ich sagte, wir werden keine Kinder bekommen, wenn wir keinen Sex haben!“ Lauras Stimme klang kratzig, war aber laut genug, dass die Nachbarn ihr Wort verstanden hätten.
Mike versuchte, die Schärfe aus dem Dialog zu bekommen.
„Schatz, du weißt doch, dass ich ein Problem habe, wenn wir zu viel getrunken haben!“
„Aber um den ganzen Abend mit deiner neuen knackigen Kollegin Katja herumzumachen, dazu warst du nicht zu betrunken!“
„Das ist doch nicht wahr, Laura, ich …“, Mikes Ton war beschwichtigend, aber Laura winkte ab.
„Ich hab doch gesehen, wie ihr euch angehimmelt habt. Ich kann doch eins und eins zusammenzählen. Hältst du mich für blöd?“
„Laura, ich wollte vernünftig mit dir reden, stattdessen machst du Theater, was soll das? Ich habe nichts mit Katja!“
„Und warum schläfst du nicht mehr mit mir, wenn du keine andere hast? Erzähl mir doch nicht, du hältst es monatelang aus, ohne … Ach hör auf, das ist doch alles gelogen!“ Laura brach in Tränen aus.
„Laura“, Mike wusste, dass er sie jetzt nicht anzufassen brauchte, „es hat nichts mit dir zu tun. Ich weiß auch nicht, woran es liegt, dass ich keine Lust auf Sex habe, aber ich weiß, woran es nicht liegt – ich gehe jedenfalls nicht fremd.“
Laura schluchzte. „Dann schlaf doch jetzt mit mir, ich bin wieder nüchtern!“
Mike reichte es.Das ist hier alles wirklich sehr erotisch.Er zog seine Laufschuhe an und rannte los.
1. Juli, nach 18:00 Uhr MEZ, Jerusalem
Die 2009 gewählte Regierung Israels hatte die Legislaturperiode nicht überlebt. Zu stark waren die knappen Mehrheitsverhältnisse auf beiderseitige Kompromissunfähigkeit und starkes Geltungsbedürfnis geprallt. Der Wahlkampf war kurz, heftig, und brachte eine Politikerin ins Amt der Premierministerin, die niemand auf dem Zettel hatte. Yulia Hasson-Begin war der Shootingstar der liberalenKadima-Partei und hatte mit einem ungeheuerlichen finanziellen Aufwand alle Medien in bestemObama-Stylemit der jüdischen Version des Slogans „Yes, we can!“ überrannt und tatsächliche Bewegung im israelisch-palästinensischen Konflikt in Aussicht gestellt. Als bei einem Attentat am Vorabend der Wahl zur Knesset drei ihrer Leibwächter getötet wurden, von denen zwei arabische Wurzeln trugen, siegte die wie durch ein Wunder unverletzte Politikerin am nächsten Tag deutlich. Heute wurde möglich, eine Koalition ausKadimaund der linken ArbeiterparteiAwodazu bilden.
Eine ganze Region hoffte – auf Frieden. Selbst die inzwischen zum Leidwesen der westlichen Politik angenäherten palästinensischen Kräfte Hamas und Fatah sahen einer Lösung inzwischen gestärkt entgegen.
Was am Abend des Wahltages auf einer angeblich abhörsicheren Leitung zwischen Jerusalem und Berlin gesprochen wurde, zeichnete eine eigens für solche Gespräche installierte Software im Berliner Büro der Einheit SIGINT auf:
„Ihr habt euch saublöd angestellt. Ich wollte es von einem echten Profi machen lassen, aber stattdessen habt ihr Dilettanten es vermasselt. Was uns jetzt erwartet, ist kaum reparabel!“
„Sie könnten doch Ihrer Chefin signalisieren …“
„Quatsch!“, schrie die Stimme. „Ich kann ihr gar nichts signalisieren. Sie hat jetzt ein Thema, das sie ausschlachten wird wie eine Weihnachtsgans und ihre Kompagnons werden am Festessen beteiligt. Verdammt noch mal!“
„Beruhigen Sie sich“, sagte die andere Stimme, um Sachlichkeit bemüht, „es gibt Möglichkeiten. Das wissen Sie. Wir stehen in Ihrer Schuld und kümmern uns um das Zustandekommen Ihres ersten Vorschlags. Einverstanden?“
„Von mir aus – aber wenn Sie wieder scheitern, will ich nicht in Ihrer Haut stecken! Die anderen Zellen werden auch schon Maßnahmen ergreifen. Wenn wir das nicht allein hinbekommen, werden uns die anderen aus dem Rennen nehmen. Sie wissen, was das bedeutet!“
1. Juli, nach 18:00 Uhr MEZ, Schissla-Alm, Südtirol
Die Gäste der deutschen Kanzlerin saßen auf der rückwärtigen Terrasse der Alm und schauten gebannt auf die Hochrechnungen. Als das Ergebnis aus Jerusalem bekannt wurde, knallten sie nicht etwa die Korken, man lächelte sich gegenseitig beglückwünschend an und ging an die Arbeit.
Das Gespräch unter acht Augen fand offiziell nicht statt und trotzdem wurde hier vielleicht Weltgeschichte geschrieben. Allerdings waren die Eingriffe und Veränderungen weltpolitischer Natur wiederholt nicht dem Einsehen geschuldet, dass es hier und da dringender Korrekturen und Hilfen bedurft hätte, sondern das Handeln entsprang einzig und allein innenpolitischen Überlegungen. Für alle Regierungschefs standen komplizierter werdende Mehrheitsverhältnisse zur Disposition und es schien kaum ein Thema zu geben, mit dem man so nachhaltig Eindruck schinden konnte, wie im Fall einer Lösung des Nahostkonflikts unter der Federführung der Europäer.
Die Interessenslagen dabei waren durchaus unterschiedlich. Deutschland hatte zwar seit Jahren eine stabile Wirtschaftslage und die Regierung Meinel konnte es sich immerhin auf die Fahne schreiben, die schwere Finanzkrise von 2009 umschifft zu haben, jedoch wehte der Wind wegen der Kürzungen im Sozialbereich und der ungeheuren Schuldenlast heftig. Der ehemalige Koalitionspartner versank derzeit unter der Fünf-Prozent-Sperrklausel und die SPD verlor immer mehr Stimmen an die Grünen und alternative Oppositionsparteien, die immer mal wieder aus dem Boden schossen, für Unruhe sorgten und dann wieder verschwanden, weil ihr Auftreten mit Realpolitik wenig zu tun hatte. Die Deutschen wollten Sicherheiten. Das bekamen sie aber nicht, wenn es keine regierfähigen Mehrheiten im Bundestag gab.
Obwohl Meinel beizeiten den Klimaschutz als Wahlkampfthema entdeckt hatte und den Konservativen einen anständigen Schluck Ökologie verpasst hatte, kamen die Christdemokraten dem Original bei diesem Thema kaum gefährlich nahe, zumal das Ende der Laufzeiten für Atomkraftwerke und die ungelöste Endlagerfrage für Verärgerung im Volk gesorgt hatte. Selbst der rasche Gesinnungswandel im bürgerlichen Lager nach der Atomkatastrophe in Japan sorgte im In- und Ausland eher für Kopfschütteln als für Applaus. Also würde wie so oft die Ablenkung nach außen helfen und Wählerstimmen organisieren. Das entscheidende Pfund würde sein, dass Deutschland für die Inszenierung und Umsetzung dieses finalen Nah-Ost-Plans endlich den seit Jahrzehnten gewünschten ständigen Sitz im Sicherheitsrat der UNO bekommen würde. Welche Partei sollte dagegen ankommen? Selbst die zaudernde Haltung im Libyen-Konflikt 2011 war reines Kalkül, das eher den unbeliebten Außenminister schlecht aussehen ließ, nicht die Kanzlerin selbst. Wollte man sich als Friedensmacht etablieren, wollte man die Wiedereroberung der Bismarck’schen Position als Makler zwischen den Völkern, so musste man sich aus neuen Konflikten heraushalten. Dieses Lavieren kam besonders bei den NATO-Partnern schlecht an, jedoch würde man bald, wenn die Fronten wieder verfahren waren, eine Macht benötigen, die sowohl in der arabischen Welt als auch im Westen anerkannt war. Der Lohn würde der Eintritt in die ganz große Weltpolitik sein.
Anders ging es den Briten. Um jemals aus dem Schatten von Blair oder Thatcher treten zu können, musste die Regierung einen Coup landen. Da das alte Nah-Ost-Quartett unter Blair offensichtlich versagt hatte, brauchte man in der Downing Street nicht lange zu bitten, einen Plan zu unterstützen, dessen Ernte die begehrten Früchte außenpolitischen Renommees zutage bringen würden. Bevor den Briten der Euro oder gar das Rechtsfahrgebot schmackhaft zu machen war, würde eine Renovierung des Einflusses im Nahen Osten nach alter Empire-Manier der gebeutelten britischen Seele guttun, und Coldheart würde aus konservativer Sicht den Makel los, ein Linker zu sein. Daher nahm er auch bereitwillig das Risiko des Libyen-Abenteuers auf sich, in der Hoffnung Profil zu gewinnen.
Bei den Russen und Franzosen ging es um nichts weniger als ihren Platz in den Geschichtsbüchern. Sicher hätte es dem Ehrgeiz beider Patriarchen gut angestanden, eine friedliche Zukunft im Nahen Osten aus eigener Kraft organisiert zu haben, aber dafür war dann deren Realitätssinn doch noch gut genug entwickelt, die Aussichtslosigkeit ihrer Bemühungen vorauszusehen. Während sich Herbert im Libyen-Konflikt bemühte, die Rolle als Napoleon zu spielen, um wenigstens nach außen das Heft des Handelns in der Hand zu behalten, bereitete Pawlow in aller Ruhe sein Comeback vor.
Damit die Motivation, im Vorfeld der Knesset-Wahl eine Menge Geld und Einfluss auf ein unbekanntes Pferd zu setzen, anstieg, waren schon nach der Abdankung des alten israelischen Ministerpräsidenten Fakten geschaffen worden, die der Welt im Falle eines Erfolges via Salami-Taktik präsentiert und zum richtigen Zeitpunkt innenpolitisch verwertet werden sollten.
Russland würde in den Weiten Sibiriens ein Endlager für Atommüll schaffen, wenn im Gegenzug westliche Technologien, zum Beispiel der Auto- oder Energieindustrie, in gemeinsamen Firmen verwertet werden durften, wie man bei RWE und Gazprom den Eindruck hatte. Auch wollte man die Garantie, dass Polen so neutral wie möglich und frei von Abwehrschirmen bliebe. Letzteres war nach dem Unfalltod des alten Präsidenten Kaczynski ohnehin nicht ganz so schwer zu bewerkstelligen. Dazu würden sich die Westeuropäer verpflichten, weiterhin Hauptabnehmer für russisches Gas und Öl zu sein und den Ausbau des Pipelinesystems voranzutreiben, wie es Meinels Vorgänger Schröder so bravourös vorgemacht hatte. Dafür würde es kein russisches Veto geben und der Einfluss auf die arabische Seite würde verstärkt. Die Frage der russischen Isolation nach dem Ukraine-Abenteuer hatte sich ja nach Einlenken beider Seiten unter Behauptung der jeweiligen Positionen einigermaßen erledigt, sodass für die Russen nun wieder auf dem Spiel stand, ein verlässlicher Partner in nichtrussischen Angelegenheiten zu sein. Es hatte sich einfach die Erkenntnis durchgesetzt, dass der eine ohne den anderen nicht konnte. Eine Hassliebe – wie seit hunderten von Jahren.
Die Franzosen wollten einfach nur wieder mitspielen dürfen, nachdem Herbert nach etlichen Affären und unglücklichsten politischen Entscheidungen in Ungnade gefallen war. Zuerst hatte sein Land die Euro-Stabilitätskriterien so stark verletzt, dass er auf Hilfe aus Berlin angewiesen war, um heftigen Strafen durch die EU zu entgehen. Als er im Gegenzug Meinel in der Migrationspolitik Steine in den Weg legte, indem er behauptete, die Deutschen würden Lager für Sinti und Roma betreiben, kühlte sich das Verhältnis ab. Nachdem wochenlang über angebliche Affären seiner Gattin und ihm selbst spekuliert worden war und endlich herauskam, dass Herbert Staatsgeheimnisse zuerst mit der Gattin und dann erst im Kabinett diskutierte, war der freie Fall vorprogrammiert. Aber der schon immer gern mit dem korsischen Kaiser verglichene Herbert kam zurück auf die Bühne, nachdem er öffentlich und schauspielerisch brillant Reue gezeigt und mittels Scheidung seinen Wandel vom Saulus zum Paulus inszeniert hatte. Dass Berlin dabei geholfen hatte, einen seiner aussichtsreichen Widersacher bei der Präsidentschaftswahl über die „Sexualtäter-Klinge“ springen zu lassen, wurde nun mit uneingeschränkter Unterstützung zurückgezahlt. Die Sozialisten hatten einfach keine Persönlichkeit von Format aufzubieten, die dem Präsidenten das Wasser reichen konnte. So blieb er – und bekam nun die Chance zur Re-Integration.
Sie allesamt würden dem US-Präsidenten und seinem Außenminister die Show stehlen, denen letztlich nichts anderes übrig bliebe, als zuzustimmen, wollte man glaubwürdig bleiben. Wichtig war nun, dass alles zügig über die Bühne ging. Man würde am 16. Juli zu einer Nahost-Friedenskonferenz nach Berlin laden und dort die Katze endgültig aus dem Sack lassen. Bis dahin hätte jede Partei genügend Zeit, die Geschütze aufzustellen und den Widersachern ordentlich Druck zu machen. Meinel würde ihren Urlaub unterbrechen und Ende der nächsten Woche ihrer Amtskollegin einen Besuch abstatten.
Noch am Abend fuhren ein paar Geländefahrzeuge wieder zurück in Richtung Bruneck, wo vom Landeplatz des dortigen Krankenhauses Hubschrauber abhoben. Die Wirtsleute der Schissla-Alm, die am späten Abend ihr Restaurant wieder betreten durften, fanden die peinlichste klinische Sauberkeit vor, die das Haus seit seinem Bau erlebt hatte. Zusätzlich zu dem außerordentlichen Scheck, den man nun noch einmal bekam, war dies der erträglichste arbeitsfreie Sonntag seit langer Zeit.
3. 2. Juli, Berlin
Für Major Jens Gasser war die Zusammenarbeit mit dem BND nichts Besonderes. Das Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr war gewissermaßen der verlängerte Arm der Exekutiven, wenn andere Mittel nicht mehr halfen. Besonders während des Afghanistankrieges hatte man von Beginn an unangenehme Aufgaben zu erledigen gehabt, die unter dem Deckmantel der Geheimhaltung abliefen, aber dennoch nötig erschienen waren. Natürlich hatten sich deutsche Soldaten an der gezielten Liquidierung von Taliban beteiligt – nur wurde das der Öffentlichkeit nicht auf die Nase gebunden. Jens Gasser hatte in endlosen Diskussionen mit seinem besten Freund Mike Schimansky die Frage nach der Legitimität solcher Einsätze für sich unbeantwortet gelassen und sich verbeten, in einem Atemzug mit Soldaten der Wehrmacht genannt zu werden, die auch „nur auf Befehl“ in fremden Landen getötet hatten. Das wäre schließlich ganz etwas anderes!Scheiß Zivilisten!
Dass sein eigener Bruder, von dessen Existenz er erst kurz vor dessen Verhaftung 2006 in Tirol erfahren hatte, an einer solchen Gewissensfrage zerbrochen war und die Seiten gewechselt hatte, konnte Jens nicht verstehen. Für Sentimentalitäten hatte er einfach keine Gehirnwindung frei, wie einer seiner Lieblingssprüche lautete.
Nun wartete Jens vor Belgers Zimmer und war gespannt, wozu man die Dienste eines Offiziers im besonderen Einsatz diesmal benötigte. Seit Belger damals von einem Staatssekretär aus Berlin vom Fall „Sternenkind“ abgezogen worden war, hatte Jens nur noch einmal kurz Notiz von ihm genommen, als Belger im Hintergrund eines Fotos bei der Vorstellung des neuen BND-Chefs aufgetaucht war.
So staunte Jens nicht schlecht, als er hineingebeten wurde und sein Blick automatisch auf die nicht enden wollenden Beine einer kurzberockten Wasserstoffblondine fielen, die es sich im Sessel vor Belgers Schreibtisch offensichtlich bequem gemacht hatte. Noch mehr staunte er, als er den Blick der Frau einfing. Ohne Belger eines Blickes zu würdigen, ließ sich Jens in den zweiten Sessel vor den Schreibtisch fallen und grinste über beide Ohren, während Darija das Blut aus dem Gesicht zu weichen schien.Diese Ähnlichkeit! Wow! … Reiß Dich zusammen, blödes Weib – das ist schließlich sein Zwillingsbruder!
„Na, das nenne ich eine Überraschung“, fing Jens sofort an zu sprechen. „Hat Sie der Belger schon wieder verhaftet, oder was machen Sie hier? Schön, Sie wiederzusehen Frau … ähm …“
„Rothstedt!“, warf Darija dazwischen.
„Darija, stimmt’s?“ Jens war erleichtert. „Sie waren die kleine Georgierin, die mein Bruder importiert hatte, nicht wahr?“ Darija quittierte diese Formulierung mit einem stechenden Blick und Jens merkte es sofort.
„Entschuldigung, so war das nicht gemeint, ich …“ Belger räusperte sich.
„Wenn ich jetzt auch mal etwas sagen dürfte – wir sind nicht hier, um eine Wiedersehensfeier abzuhalten, sondern weil wir vor einem ernsthaften Problem stehen. Vertagen Sie ihre gegenseitige Freude bitte auf später und, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, Herr Gasser, Frau Rothstedt ist, wie Ihnen vielleicht aufgefallen ist, verheiratet.“
Jens zuckte die Schultern und fläzte sich in den Sessel. „Ich nehme an, rauchen ist bei Ihnen verboten, oder?“
„Jaaa!“, schallte es ungehalten und unisono von Belger und Darija.
Belger, der bis jetzt gestanden hatte, nahm nun ebenfalls Platz und steuerte einen Beamer an, der hinter ihm einige Bilder an die Wand projizierte, und spielte das Gespräch ab, das Darijas Programm am gestrigen Abend aufgezeichnet hatte. Jens zog immer noch ein gleichgültiges Gesicht.
Belger begann, die Lage zu erklären:
„Sicher ist Ihnen nicht entgangen, dass vorgestern ein Attentat auf die jetzige israelische Regierungschefin gescheitert ist. Obwohl wir im Augenblick noch nichts beweisen können, scheint es sich in dem aufgezeichneten Gespräch um den Auftrag zu handeln, einen zweiten Versuch zu unternehmen. Das Problem daran ist, dass die Vermutung nahe liegt, man könnte Ihren Bruder aus dem Jenseits holen und ihn diesen Job machen lassen.“
„Mein Bruder ist tot“, warf Jens ein.
„Ja, so sollte es aussehen, Herr Gasser. Aber Geduld, ich bin noch nicht fertig. Auf den Bildern hinter mir sehen Sie einen Mann, der theoretisch Leon Harber sein könnte, von dem wir aber nicht wissen, ob er es tatsächlich ist.“
„Wie kommen Sie darauf, dass das ausgerechnet Leon Harber sein soll? So sehen viele aus.“
„Warten Sie!“ Belger machte eine abwehrende Handbewegung. „Es sieht so aus, als würde seit etlichen Jahren eine Organisation, deren Namen wir nicht kennen, auf der Welt ein wenig, sagen wir mal, Polizei spielen und das Rad der Geschichte in die Richtung laufen lassen, die ihr zusagt. Ihr Bruder könnte dabei ein Werkzeug sein – ein gut funktionierendes, wie die Vergangenheit gezeigt hat. Wer will so etwas schon verlieren?“
„Problematisch an der Sache ist auch, dass das aufgezeichnete Gespräch gestern über eine abhörsichere Leitung lief und so was haben in der Regel nur Regierungskreise“, ergänzte Darija.
„Na, dann sucht ihr in den Regierungskreisen“, Jens betonte das Wort „Regierungskreise“ sehr affektiert, „nach der undichten Stelle und fragt, was er damit meint. Außerdem wird hier fast ausschließlich spekuliert – wir wissen nicht genau, wir vermuten – ziemlich blass, oder?“
„Ja, wir haben nur den Inhalt, nicht die Stimme. Das Signal wird zerhackt und verschlüsselt. Genau zusammensetzen kann es nur der Adressat mit der entsprechenden Software. Ich bin froh, dass wir wenigstens den Text haben.“ Darija sah Jens an, der immer noch skeptisch dreinschaute.
„Er ist tot!“ Jens schüttelte den Kopf. „Eindeutig, die Zeitungen und das Fernsehen haben …“
