Der adoptierte Großvater - Susanne Svanberg - E-Book

Der adoptierte Großvater E-Book

Susanne Svanberg

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Beschreibung

Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. Das kleine, unmutige und runde Kindergesichtchen verzog sich voll Ablehnung. Furcht spiegelte sich in den dunklen Kinderaugen. Ganz dicht preßte sich das Kind an die Beine seines Vaters. »Komm, Nicole«, lockte Schwester Regine freundlich. In ihrer lieben, mütterlichen Art fand sie normalerweise rasch Kontakt zu Kindern. Doch Nicole schien eine Ausnahme zu sein. Die Kinderschwester Regine Nielsen gab jedoch nicht so schnell auf. »Während dein Vati mit Frau von Schoenecker spricht, zeige ich dir die vielen Spielsachen und unsere Tiere«, versprach sie lächelnd. »Im Wintergarten haben wir einen sprechenden Papagei. Willst du ihn sehen?« Nicole Bucerius klammerte sich noch fester an ihren Vater und schüttelte ernst den Kopf mit den hübschen blonden Locken. »Vielleicht interessieren dich die Häschen und Meerschweinchen mehr. Komm mit, ich zeige dir alles.« Einladend streckte Schwester Regine dem kleinen Mädchen die Hand entgegen. Nicole versteckte ihr Gesichtchen hinter der Bügelfalte der grauen Gabardinehose. Der große, schlanke Mann schaute hinunter, legte besänftigend die Hand auf das Köpfchen des Kindes. »Geh ruhig, Nicole. Wir sehen uns später wieder.«

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Seitenzahl: 146

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Sophienlust – 324 –Der adoptierte Großvater

Die Kinder geben ihm neuen Lebensmut

Susanne Svanberg

Das kleine, unmutige und runde Kindergesichtchen verzog sich voll Ablehnung. Furcht spiegelte sich in den dunklen Kinderaugen. Ganz dicht preßte sich das Kind an die Beine seines Vaters.

»Komm, Nicole«, lockte Schwester Regine freundlich. In ihrer lieben, mütterlichen Art fand sie normalerweise rasch Kontakt zu Kindern. Doch Nicole schien eine Ausnahme zu sein.

Die Kinderschwester Regine Nielsen gab jedoch nicht so schnell auf. »Während dein Vati mit Frau von Schoenecker spricht, zeige ich dir die vielen Spielsachen und unsere Tiere«, versprach sie lächelnd. »Im Wintergarten haben wir einen sprechenden Papagei. Willst du ihn sehen?«

Nicole Bucerius klammerte sich noch fester an ihren Vater und schüttelte ernst den Kopf mit den hübschen blonden Locken.

»Vielleicht interessieren dich die Häschen und Meerschweinchen mehr. Komm mit, ich zeige dir alles.« Einladend streckte Schwester Regine dem kleinen Mädchen die Hand entgegen.

Nicole versteckte ihr Gesichtchen hinter der Bügelfalte der grauen Gabardinehose.

Der große, schlanke Mann schaute hinunter, legte besänftigend die Hand auf das Köpfchen des Kindes.

»Geh ruhig, Nicole. Wir sehen uns später wieder.«

Das blonde Mädchen war erst zweieinhalb Jahre alt und damit zu klein, um vernünftigen Argumenten zugänglich zu sein.

Schwester Regine, die sehr viel Erfahrung mit Kinder hatte, wußte das. »Magst du vielleicht lieber Hunde? Wir haben einen großen Bernhardiner, der gern mit Kindern spielt. Kleine Mädchen wie du können sogar auf ihm reiten. Möchtest du Barri sehen?« Vorsichtig näherte sich Regine Nielsen dem Kind, faßte liebvoll nach Nicoles kleiner Hand.

Im gleichen Augenblick protestierte die Kleine mit lautem Geschrei. Obwohl sich Schwester Regine sofort zurückzog, schlug Nicole nun weinend um sich.

»Sie ist sehr scheu, weil sie in den letzten Monaten nur mit meiner Frau und mir zusammen war. Wir sind kaum weggegangen, da meine Frau schwerkrank war«, meinte Philipp Bucerius entschuldigend. Er nahm das Kind hoch, strich ihm beruhigend über den Rücken.

Denise von Schoenecker betrat die Halle, begrüßte die Gäste in der ihr eigenen charmanten Art. Der Kunsthändler Philipp Bucerius hatte sich telefonisch angemeldet. Der Stimme nach hatte die Gründerin des Kinderheims Sophienlust ihn älter eingeschätzt. Jetzt erkannte sie, daß er etwa Mitte Dreißig sein mußte. Groß und schlank war er, wirkte sportlich und gepflegt. Das dichte dunkelbraune Haar war lieblos zurückgekämmt, das ovale Gesicht blaß. Traurig und ernst war der Blick der dunklen Augen. trotzdem fand Denise diesen Mann sehr sympathisch.

»Bitte, kommen Sie in mein Büro. Nicole wird sich mit ein paar Spielsachen die Zeit vertreiben, während wir uns unterhalten.«

Schwester Regine nickte. Sie ging in den Aufenthaltsraum, um eine Auswahl jener Dinge zu holen, die Kinder in Nicoles Alter liebten, und brachte alles ins Büro.

Doch Nicole Bucerius schenkte den Herrlichkeiten keinen Blick. Sie klammerte sich nur schutzsuchend an ihren Vati.

»Ich wollte am Telefon nicht über mein Anliegen sprechen«, meinte der Besucher etwas unsicher, als er Denise von Schoenecker gegenübersaß. Nicole kauerte auf seinem Schoß, kuschelte sich dicht an ihn.

Auch Philipp Bucerius wäre es lieber gewesen, wenn sein Töchterchen nicht Zeuge dieses Gesprächs geworden wäre. Doch durch Nicoles Verhalten ließ sich das nun nicht ändern.

Philipp sprach leise und stockend. »Meine Frau war herzkrank. Ich wußte das schon vor unserer Heirat. Aber wir hofften beide, daß sich ihr Gesundheitszustand bessern würde. Das war auch der Fall, als Nicole zur Welt kam. Meine Frau hat sich das Baby sehr gewünscht, hat es gegen den Rat der Ärzte ausgetragen. Zunächst schien es, als habe die Freude die Krankheit besiegt. Doch Nicole war kaum ein Jahr alt, als die Anfälle wiederkamen. Diesmal schlimmer als zuvor.«

Philipp Bucerius seufzte, fuhr dann leise fort: »Ich habe alles getan, was nur möglich war. Ich habe meine Frau zu den besten Ärzten gebracht, habe teure Kuren bezahlt, aufwendige Operationen. Es war alles umsonst. Meine Frau ist… ist gestern in der Herzklinik von Professor Kleinberg gestorben.« Er biß die Zähne zusammen, denn schon wieder stiegen Tränen in seine Augen. Er hatte gehofft, hatte bis zur letzten Minute gehofft, daß seine Frau geheilt werden könnte…

»Das tut mir aufrichtig leid. Ich weiß, daß Professor Kleinberg ein ausgezeichneter Spezialist ist. Ein Arzt, der beachtenswerte Erfolge erzielt.«

Das Sprechen fiel Philipp schwer. Wahrscheinlich wäre es ihm unmöglich gewesen, hätte er nicht gespürt, daß Denise von Schoenecker Anteil an seinem Schicksal nahm. Daß sie ihm nicht nur aufmerksam zuhörte, sondern ihn wirklich verstand.

»Ende dieser Woche ist die Beerdigung, zuvor sind noch allerlei Formalitäten zu erledigen. Und danach muß ich mich wieder mit meinem Geschäft befassen. Ich habe einen Antiquitätenhandel. Da ich mich in den vergangenen Monaten hauptsächlich um meine Frau und um Nicole gekümmert habe, mußte ich den Laden einer jungen Angestellten überlassen. Dadurch entstanden mir Verluste. Hinzu kommen die hohen Arztrechnungen. Ich habe Schulden, Frau von Schoenecker.« Man hörte deutlich heraus, wie unangenehm dem Besucher dieses Geständnis war. »Ich muß nun zusehen, daß ich meine Existenz erhalten kann. Das geht jedoch nicht ohne vollen persönlichen Einsatz. Und deshalb muß ich mich von Nicole trennen. Nun meine Bitte an Sie, Frau von Schoenecker: könnten Sie mein Töchterchen bei sich aufnehmen? Das Kinderheim Sophienlust ist mir sehr empfohlen worden. Man sagt, daß die Kinder hier die Geborgenheit des Elternhauses nicht vermissen, daß sie hier wie in einer großen Familie aufwachsen. Selbstverständlich bin ich gern bereit, die entsprechenden Kosten zu tragen. Nicole soll es gut haben…«

Wieder preßte Philipp Bucerius verzweifelt die Lippen zusammen. Denn er dachte daran, wie sehr seine Frau das kleine Mädchen geliebt hatte. Ihr letzter Gedanke hatte Nicole gegolten.

»Nicole kann hierbleiben«, antwortete Denise ruhig und tröstlich. Sie verschwieg, daß das Haus überbelegt war und daß es schwierig sein würde, ein weiteres Kind unterzubringen. »Über die Kosten unterhalten wir uns, wenn Ihr Geschäft wieder floriert. Keine Angst, es gibt keine Nachforderung. Wir haben für Härtefälle einen Fonds, aus dem wir den Unterhalt finanzieren.«

»Das ist eine große Erleichterung für mich, Frau von Schoenecker. Ich bin Ihnen sehr dankbar.« Unwillkürlich zog Philipp das Kind enger an sich. Die Trennung von Nicole würde ihm nicht leichtfallen. Doch es mußte sein, wollte er seine Existenz erhalten.

Nicole lehnte sich an ihren Vater, versteckte das Gesichtchen an seiner Brust. Die Spielsachen, die Schwester Regine ausgebreitet hatte, interessierten sie nicht. Sie schien auch das Gespräch der Erwachsenen nicht zu belauschen. Sie suchte nur Geborgenheit bei dem Menschen, der ihr vertraut war.

»Da Nicole sehr scheu ist, wird es allerdings einige Schwierigkeiten geben. Ich sagte Ihnen ja schon, daß sie nur an meine Frau und mich gewöhnt ist.«

»Wir haben viele nette Buben und Mädchen hier, mit denen sich Nicole bestimmt rascht anfreunden wird«, meinte die jugendliche Denise von Schoenecker zuversichtlich. »Nicole ist in einem Alter, in dem man Kinder leicht beeinflussen kann. Es wird keine Schwierigkeiten geben. Ihre Tochter wird es gut bei uns haben. Sie wird bestimmt bald genauso munter und fröhlich sein wie unsere anderen Schützlinge.«

Als ob Denises Worte bestätigt werden sollten, erklang in diesem Moment draußen lautes Kinderlachen.

»Ich bin froh, daß Sie mir helfen, Frau von Schoenecker. Denn ich wüßte wirklich nicht…« Philipp Bucerius biß sich auf die Lippen, denn er dachte an die traurigen Pflichten, die auf ihn warteten. Er hatte seine Frau geliebt, hatte um ihr Leben gebangt, gezittert und gebetet. Doch sein Flehen war nicht erhört worden. Er mußte Abschied nehmen. Abschied für immer. Welchen Sinn hatte das Dasein eigentlich noch für ihn? Sein Geschäft? Nicole? Der Schmerz um die Lebensgefährtin beherrschte ihn so sehr, daß er nicht nachzudenken vermochte. Am liebsten hätte er sich in eine finstere Höhle verkrochen, um nichts mehr zu sehen und nichts mehr zu hören. Aber das ging nicht. Er hatte Pflichten zu erfüllen.

Denise von Schoenecker ahnte, was in diesem Mann vorging. Sie wußte auch, daß es sinnlos war, ihm Trost zusprechen zu wollen. Worte konnten diesen Schmerz nicht lindern. Jetzt galt es nur, den Abschied zwischen Vater und Tochter so schmerzlos wie möglich zu vollziehen.

Denise von Schoenecker, selbst Mutter, hatte einige Erfahrung in solchen Dingen. Sie holte einen schon etwas abgegriffenen Teddybär aus dem Schrank, ließ ihn mit brummiger Stimme reden. Dieses Plüschtier, das schon viele Kindertränen gestillt hatte, verfehlte auch diesmal seine Wirkung nicht.

Nicole hob interessiert den Kopf, lauschte. Schließlich glitt sie freiwillig von den Knien ihres Vaters, trippelte neugierig zu Denise hin. Die erste Brücke war geschlagen.

*

Paul Hansen stellte den Vogelkäfig auf die Fensterbank und sah sich gleichgültig in dem Raum um, der ihm zur neuen Heimat werden sollte.

Es war ein großes, hübsches Zimmer, hell und freundlich. Ein kleiner Balkon schloß sich an, ein winziges Bad. Die Einrichtung entsprach der eines Hotelzimmers: zweckmäßig, aber unpersönlich.

Die einzigen persönlichen Gegenstände, die er nun noch hatte, waren der Vogelkäfig und der Koffer in seiner Hand. Der Koffer mit etwas Wäsche und einigen Anzügen. Wenn man achtundsechzig war und allein brauchte man nicht mehr viel.

Schloß Augustenhof, das war ein klingender Name, eine imposante Fassade, aber dahinter verbarg sich trostlose Unpersönlichkeit, wie in allen Altersheimen.

Jahrelang hatte sich Paul Hansen gegen das Leben in einem Heim gewehrt. Er hatte lieber frei und unabhängig bleiben wollen. Doch der Hausbesitzer hatte darauf bestanden, daß er seine Wohnung geräumt hatte.

Vier Jahre lang hatte Paul Hansen diesem Drängen widerstanden. Doch als vor einigen Wochen sein treuer Kamerad, der Jagdhund Tasso, an Altersschwäche gestorben war, hatte er aufgegeben. Eine neue Wohnung zu finden, war ihm nicht gelungen. Also hatte er sich den guten Ratschlägen der Bekannten gebeugt und sich davon überzeugen lassen, daß er in einem Seniorenheim gut aufgehoben sei. Er hatte seine Möbel, seine Bücher verkauft, alte Fotografien und Briefe vernichtet. Nur einige Lieblingsstücke durfte er in sein neues Leben mitbringen. Da fing die Bevormundung schon an. Die Bevormundung, die er so sehr haßte.

Eine Frau mittleren Alters hatte Paul Hansen jetzt in sein neues Reich begleitet. Diese Frau trug einen blütenweißen Kittel wie eine Krankenschwester, wohl um gebrechlichen Senioren sofort das Gefühl der guten ärztlichen Pflege zu vermitteln.

Paul Hansen aber war nicht krank und nicht altersschwach. Er war nur allein. Vor vielen Jahren schon hatte er die Frau verloren. Seiner einzigen Tochter Monika hatte er ein Architektur-Studium ermöglicht. Er hatte, gehofft, daß Monika nach bestandenem Examen nach Hause zurückkehren würde, und sich darauf gefreut. Doch dann hatte sie ihm mitgeteilt, daß sie einen reichen Spanier heiraten und mit ihm in seine Heimat ziehen würde.

Paul hatte den künftigen Schwiegersohn nur einmal gesehen. Trotzdem hatte er sofort erkannt, daß Marco de Ayalo arrogant und hochmütig war. Er hatte versucht, Monika die geplante Heirat auszureden. Vergeblich. Im Streit hatte Monika ihn verlassen, hatte sich nie mehr gemeldet.

Zwei Jahre war das nun her. Zwei Jahre, die Paul Hansen zermürbt hatten. Er durfte nicht an Monika denken, sonst wurden seine Augen feucht.

»Haben Sie die Aufnahmebedingungen nicht durchgelesen, Herr Hansen?« erkundigte sich jetzt die Frau im weißen Kittel vorwurfsvoll. Sie nahm Paul den Koffer ab, legte ihn auf die Couch und ließ die Schlösser aufschnappen.

»Doch, natürlich.« Der alte Herr runzelte die Stirn, zog die buschigen, weiß gewordenen Augenbrauen zusammen. Daß man seinen Koffer öffnete, ohne ihn überhaupt zu fragen, paßte ihm nicht.

»Dann haben Sie sicher auch gelesen, daß auf Schloß Augustenhof Haustiere verboten sind.« Mit einer leichten Kopfbewegung deutete die Betreuerin auf den Vogelkäfig, in dem ein grüner Wellensittich empört schimpfte.

»Hansi ist ein kleiner Vogel. Er wird keinen stören«, antwortete Paul befremdet.

»Er ist ein Haustier«, entgegnete die Frau streng.

»Ich kann ja verstehen, daß Sie keine Hunde, Katzen oder Meerschweinchen dulden. Aber einen so winzigen lebendigen Kameraden werden Sie einem alten Menschen doch nicht absprechen.«

Die Betreuerin verzog ärgerlich das Gesicht. Diese Geste sollte wohl ausdrücken, wie lästig sie die Sturheit der alten Leute empfand. »Herr Hansen«, zischte sie schulmeisterlich, »Sie waren doch Beamter und müßten wissen, daß alles seine Ordnung haben muß. In einem Heim, in dem viele Menschen leben, noch mehr als anderswo.«

Paul Hansen bereute bereits, daß er in dieses Seniorenstift gekommen war. Die alten Bekannten hatten ihm dieses Haus in den schönsten Farben geschildert, aber nun erkannte er, daß es genau so war, wie er befürchtet hatte.

»Mein Hansi bleibt«, entgegnete er sehr bestimmt.

»Wir können keine Ausnahmen machen, Herr Hansen.«

»Ich weiß schon. Wer über siebzig ist, wird mit ›Opa‹ angesprochen und bekommt seinen Milchbrei, ganz gleich, ob er noch Zähne hat oder nicht. Man bevormundet und kritisiert ihn, bis er so hilflos ist wie ein Kind. Das sind die Leute, mit denen Sie dann umgehen können. Die Leute, die Sie um acht zu Bett bringen und die Sie bei Sonnenschein auf die Bank setzen.« Paul redete sich richtig in Wut.

»Aber Herr Hansen«, rügte die Frau mit scharf klingender Stimme. »Wir sind kein Wohlfahrtsheim, sondern ein sehr gepflegtes Haus, in dem sich die Senioren wohl fühlen. Nicht umsonst warten ältere Leute jahrelang, bis Sie einen Platz bei uns bekommen. Und dies trotz des hohen Pensionspreises.« Stolz hob die Pflegerin den Kopf. »Unsere Heiminsassen werden so vorbildlich versorgt, daß wir immer wieder als Musterbeispiel genannt werden.«

»Ich weiß, Sie nehmen den bedauernswerten alten Leuten sogar das Denken ab«, antwortete Paul. Er hätte am liebsten wieder seinen Koffer und seinen Vogelkäfig genommen, um Schloß Augustenhof zu verlassen. Doch wohin? Für einen alleinstehenden alten Mann war es ungeheuer schwer, eine Wohnung zu finden.

Die Pflegerin schüttelte den Kopf mit dem weißen Häubchen und schaute Paul Hansen vorwurfsvoll an. »Das ist der Umgewöhnungskoller«, murmelte sie. »Manche bekommen ihn nach einer Woche, manche nach einem Monat, Sie eben erstaunlich früh. Aber es wird Ihnen trotzdem bei uns gefallen. Um zehn Uhr kommt der Arzt. Da lassen wir uns untersuchen.«

Hansen schaute die Betreuerin mitleidig an. »Sie vielleicht, ich nicht. Mir fehlt nämlich nichts.

»Trotzdem. Das ist Vorschrift. Stellen Sie sich vor, es würde eine ansteckende Krankheit eingeschleppt.«

»Sehe ich aus, als ob ich aussätzig wäre?« polterte Paul.

Die Pflegerin achtete nicht auf diesen Einwand. »Um zwölf Uhr wird im Speisesaal zu Mittag gegessen. Anschließend halten wir Ruheschlaf.«

»Gemeinsam oder einzeln?« Es machte Paul Spaß, die Pflegerin, die sich so überheblich gab, zu ärgern.

»Welch komische Frage«, empörte sie sich.

»Es interessiert mich ohnehin nicht, weil ich in dieser Zeit spazierengehen werde.«

»Spaziergänge sind für die Zeit zwischen zwei und vier Uhr vorgesehen«, erwiderte die Frau streng. Sie nahm einige Wäscheteile aus Pauls Koffer und legte sie in den Schrank.

»Dann werde ich eben etwas länger unterwegs sein. Und verlassen Sie sich darauf, daß ich mich nicht wie ein kleines Kind an- und abmelden werde. Den Koffer kann ich übrigens allein auspacken.«

»Es ist zwar ungewöhnlich, aber wenn Sie darauf bestehen, bitte.« Die Frau im weißen Kittel machte ein hochmütiges Gesicht. Oft erhielt sie für solche kleinen Dienste ein beträchtliches Trinkgeld. Bei diesem Herrn schien allerdings nichts zu holen zu sein. »Von Ihrem Vogelkäfig muß ich der Heimleiterin Mitteilung machen«, erwähnte sie deshalb feindselig.

»Tun Sie das«, antwortete Paul Hansen zynisch.

*

Denise von Schoenecker hatte sich geirrt, als sie angenommen hatte, daß es mit Nicole keine Schwierigkeiten geben würde. Es gab jede Menge Probleme mit dem kleinen Mädchen.

Nicole ließ sich von keinem anfassen, ließ nicht einmal die Kinder an sich heran. Sobald sich ihr jemand näherte, begann sie zornig zu schreien.

Schwester Regine versuchte, das Zutrauen des neuen Schützlings mit Geduld und Ausdauer zu erobern. Vergeblich. Die Köchin Magda probierte es mit allerlei Leckereien aus ihrer Kü­che. Doch auch sie hatte keinen Erfolg.

Die kleine Tochter des Kunsthändlers verweigerte jede Nahrungsaufnahme. Auch das gute Beispiel der übrigen Kinder, die wieder einmal mit gutem Appetit die Schüsseln leerten, hatte keinen Einfluß auf das trotzige kleine Persönchen.

Else Rennert, die gutmütige Heimleiterin, die Denise von Schoenecker in allen Dingen vertrat, redete liebevoll auf die Kleine ein, versprach ihr lauter Dinge, von denen sie annahm, daß sie das Kind interessieren würden. Frau Rennert hatte die Sorge um Waisen und vom Schicksal benachteiligte Kinder zu ihrem Lebensinhalt gemacht. Sie liebte die Kleinen, hatte stets Verständnis für sie. Eigentlich scheiterte sie mit ihrem guten Einfluß nie. Doch bei Nicole hatte auch sie kein Glück. Das Kind hob abwehrend die Händchen, drehte den Kopf zur Seite und schrie.

Dr. Anja Frey, die Hausärztin von Sophienlust, wurde gerufen. Besorgt schilderte Denise von Schoenecker ihr den Zustand des neuen Schützlings.

»Wir haben alles versucht, Nicole dazu zu bewegen, sich gestern abend zu Bett bringen zu lassen. Es war leider unmöglich. Das Kind wehrte sich mit aller Kraft. Immer wieder flüchtete es in eine Ecke des Spielzimmers. Um es nicht noch mehr aufzuregen, ließen wir es gewähren. Übermüdet schlief die Kleine dort ein, den Teddy im Arm. Schwester Regine trug sie dann schlafend nach oben und legte sie in ihr Bettchen.« Denise zuckte bekümmert die Achseln. »Eigentlich hatte wir gehofft, daß Nicole ihren Widerstand heute aufgeben würde. Leider ist das nicht der Fall. Sie hat auch heute keinen einzigen Happen zu sich genommen, nicht einmal einen Schluck Milch. Ich bin deshalb in großer Sorge. Ein Kind in diesem Alter entkräftet schnell, wenn die Mahlzeiten nicht regelmäßig eingehalten werden.«

Die junge Ärztin nickte zustimmend. Schon während des Gesprächs hatte sie das kleine Mädchen, das in einer Ecke des Spielzimmers kauerte, unauffällig beobachtet. Jetzt wollte sie sich dem Kind nähern.

»Hab keine Angst, Nicole. Ich will dir nichts tun. Ich will dir nur helfen. Schau mal, was ich dir mitgebracht habe.« Dr. Anja Frey zog einige bunte Kaubonbons aus der Tasche.

Nicole Bucerius hatte kein Interesse daran. Sie begann lautstark zu schreien, als sie Ärztin näher kam. Noch bevor Frau Dr. Frey das Kind berühren konnte, strampelte es und wehrte sich.