Der Atem der Toten - N.O. Pity - E-Book

Der Atem der Toten E-Book

N.O. Pity

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Beschreibung

(Der E-Book-Version des Horror-Thrillers/Dark-Fantasy-Romans ist eine kostenlose "Extended Version" beigefügt, mehr dazu unter: www.armbrustverlag.de.) *** Wieder und wieder sah er die Szene vor sich, so farbenprächtig, so nah: Erst kam der Einschlag. Für den Bruchteil einer Sekunde war nur das Loch im Kleid zu sehen, doch schon färbte sich der zerfetzte Stoff rot, nachdem der Pfeil die Haut durchstoßen hatte und links, etwas unterhalb der Achsel, in die Rückenmuskulatur des Mädchens eingedrungen war. - Er versuchte, sich in Anna hineinzuversetzen, den Schmerz, den Schock zu spüren, die Angst in jenem ersten Augenblick, als sie noch nicht wissen konnte, wie schwer sie verletzt war und was sie getroffen, was ihr Fleisch zerrissen hatte. In »Der Atem der Toten«, dem zweiten Teil von N. O. Pitys Tot-Trilogie, zieht der unheimliche Mörder sein Netz noch enger um Anna und ihre Freunde. Schritt für Schritt will er ihre Qualen steigern und das Mädchen vernichten. Er bringt anzügliche Bilder seines Opfers in Umlauf, hält eine tödliche Überraschung bereit und hetzt ihr und Patrick ein paar Männer auf den Hals, die vor nichts zurückschrecken, während er selbst auf brutale Weise noch ein paar alte Rechnungen zu begleichen gedenkt. Doch Anna, die erneut von sonderbaren Träumen heimgesucht wird, wehrt sich. Dabei kommt ihr zugute, dass sie endlich mehr über den Tod ihres leiblichen Vaters vor 16 Jahren erfährt. Anna will der ganzen Sache ein Ende bereiten und lässt sich schließlich auf ein Treffen mit dem sadistischen Killer ein - um ihm eine Falle zu stellen. Doch es ist eine Falle, die ihr sehr leicht selbst zum Verhängnis werden kann.

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Seitenzahl: 816

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Ähnliche


Inhaltsverzeichnis

Teil 1: »Die Sprache der Toten«

Deutschland 1992

Kapitelübersicht

Prolog

Bitte recht freundlich

Ein Knie im Schokoladenkuchen

Der Tod ist geduldig

Max, ein mörderischer Fehler und Sigmund Freud

Ein Fisch im Netz

Epilog

Wie geht es weiter? Der Hass der Toten

Ebenfalls von N.O. Pity im Armbrustverlag erschienen

Weitere Romane im Armbrustverlag

Der Autor

Teil 3: »Der Hass der Toten«

Deutschland 1992

Kapitelübersicht

Prolog (E.V.)

Bitte recht freundlich (E.V.)

Ein Knie im Schokoladenkuchen (E.V.)

Der Tod ist geduldig (E.V.)

Max, ein mörderischer Fehler und Sigmund Freud (E.V.)

Ein Fisch im Netz (E.V.)

Epilog (E.V.)

Norbert Oliver Pity

***

Der Atem der Toten

***

Some call it Horror-Thriller,

some call it Black Fantasy

***

»Der Atem der Toten«

ist der zweite Teil der Tot-Trilogie.

Teil 1: »Die Sprache der Toten«

Teil 3: »Der Hass der Toten«

***

Armbrustverlag

***

Deutschland 1992:

Es war das Jahr mit dem heißesten Sommer der 90er Jahre. Bezahlt wurde in D-Mark, und wer unterwegs telefonieren wollte, der musste in eine Telefonzelle gehen.

***

Kapitelübersicht

-

Prolog

Bitte recht freundlich

Ein Knie im Schokoladenkuchen

Der Tod ist geduldig

Max, ein mörderischer Fehler und Sigmund Freud

Ein Fisch im Netz

Epilog

*

Anhänge

Wie es weiter geht: Der Hass der Toten

Ebenfalls von N.O. Pity: Die Sprache der Toten

Weitere Bücher des Armbrustverlags

Der Autor

*

Erweiterte Version von »Der Atem der Toten«

(nur in der E-Book-Ausgabe des Romans)

*

Impressum

***

Prolog

-

Ein Traum.

Nur ein Traum.

Doch was für ein schöner Traum. Wieder und wieder sah er die Szene vor sich, so farbenprächtig, so nah: Erst kam der Einschlag. Für den Bruchteil einer Millisekunde war nur das Loch im Kleid zu sehen, doch schon färbte sich der zerfetzte Stoff rot, nachdem der Pfeil die Haut durchstoßen hatte und links, etwas unterhalb der Achsel, in die Rückenmuskulatur des Mädchens eingedrungen war.

Er versuchte, sich in Anna hineinzuversetzen, den Schmerz, den Schock zu spüren, die Angst in jenem ersten Augenblick, als sie noch nicht wissen konnte, wie schwer sie verletzt war und was sie getroffen, was ihr Fleisch zerrissen hatte.

Dann wachte der Mann auf. Er wollte den Traum festhalten, doch vergeblich. Die Bilder waren verschwunden. Aber dieses Gefühl ... Der Mann schauerte wohlig zusammen und verspürte Befriedigung.

***

1. Bitte recht freundlich

-

Irgendetwas hatte Kathrin Silvan vergessen ... »Ach ja! Da ist Post für dich, Schatz«, rief sie ihrer Tochter noch schnell hinterher.

Kathrin Silvan, fast 1,80 Meter groß und von sportlicher Gestalt, hatte ihr braunes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Ihre für eine Mitteleuropäerin recht hoch stehenden Wangenknochen waren noch immer das häufige Ziel kleiner Liebkosungen ihres Mannes, wenn er in ihre braunen Augen sah. Da heute ein arbeitsreicher Tag zu Hause auf dem Plan stand, trug die 42-Jährige ihre alten Lieblings-Jeans und eine bequeme Bluse.

Anna war gerade aus der Schule gekommen, hatte ihre Mutter begrüßt und wollte auf ihr Zimmer gehen, doch nun drehte sie sich noch einmal um und nahm einen dicken, braunen Umschlag entgegen, während Kathrin erklärte: »Ich dachte, den brauche ich nicht erst der Polizei zu zeigen, weil es doch ein Umschlag von deinem Judoverein ist. Meinst Du, der ist echt?«

Seit der bösen Überraschung mit der toten Ratte war jeder in der Familie Silvan sehr vorsichtig beim Öffnen der Post geworden. So hatten sie schon ein kleines Päckchen, dessen Herkunft nicht zu klären gewesen war, vorsorglich einem von Paulis Beamten übergeben. Aber als es im Polizeilabor geröntgt und schließlich behutsam geöffnet worden war, kam nichts weiter als ein pompös verpackter Kugelschreiber und ein kleiner Katalog zum Vorschein: Ein Werbegeschenk für Annas Vater von einem Verlag, der juristische Fachbücher vertrieb. Doch als sich Kathrin Silvan bei Pauli für die »unnötige Arbeit« entschuldigen wollte, die man der Polizei gemacht habe, da hatte der Hauptkommissar, ein kräftiger Mann um die Fünfzig mit einer von grauem Haar eingerahmten Halbglatze, die ein ziemlicher Kontrast zu seiner faltenlosen, beinahe rosigen Haut war, nur abgewunken und erklärt: »Lieber hundert harmlose Päckchen untersuchen, als ein nicht so harmloses Päckchen übersehen.«

Natürlich ist es nicht gerade an der Tagesordnung, dass die Post eines sechzehnjährigen Teenagers noch vor dem Öffnen von der Polizei untersucht wird. Doch es ist nachzuvollziehen, wenn im Umfeld dieses Teenagers mehrere Menschen bestialisch ermordet wurden – und das waren nur die Dinge, die inzwischen auch der Polizei bekannt waren. Dass es daneben auch noch zu einigen unheimlichen, verstörenden Ereignissen gekommen war, hatten Anna und ihr Freund Patrick lieber für sich behalten. Es hätte ihnen ohnehin niemand geglaubt, und auf weitere Verdächtigungen durch die Polizei konnten sie gut verzichten. Nur ihre Freunde Roland und Heike kannten auch den mysteriösen Teil der Geschichte: Diese sonderbare Wut, die manchmal durch Annas Körper brodelte, und wie sie von unheimlichen, sehr realen Träumen heimgesucht wurde, in die sich aber glücklicherweise auch ihr Freund hineinträumen konnte.

»Mr Spock« – den Spitznamen hatte sich Patrick in seinen Kindertagen durch seine Vorliebe für die Star-Trek-Fil-me eingefangen – war erst vor wenigen Wochen mit seinem Vater nach Saarfurth und in Annas Nachbarschaft gezogen. Er besuchte seitdem auch ihr Gymnasium, allerdings eine Klassenstufe über ihr. Schon als sie sich das erste Mal begegnet waren – Anna hatte sich unter etwas merkwürdigen Umständen vor der Schule seine Fahrradluftpumpe leihen müssen –, da hatte ihr durchaus gefallen, was sie da zu sehen bekommen hatte: hellbraunes, kurzes Haar mit den Resten eines Scheitels, braune Augen, eine Nase, die kaum merklich in die Luft wies und darunter ein Mund, der gerne ein breites Grinsen zeigte. Er mochte gut 1,75 Meter groß sein und war damit etwas größer als sie selbst. Und gegen die sportlichen Schultern des Jungen hatte sie auch nichts einzuwenden gehabt.

Nein, gegen sein äußeres Erscheinungsbild hatte sie wirklich nichts vorzubringen gehabt. Aber das war beileibe nicht alles gewesen. Sie lachten über die gleichen Dinge, verstanden sich prima und genossen jeden Moment in der Gegenwart des anderen – und wenn Anna genau darüber nachdachte, dann hatten sie sich eigentlich vom ersten Moment an zueinander hingezogen gefühlt. Was gut war, denn in einem ihrer Albträume war er gerade noch rechtzeitig gekommen, um einen überaus unfreundlichen Arzt davon abzuhalten, seine auf dem OP-Tisch festgeschnallte Freundin mit einem Skalpell ... nun ja, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinn zu operieren. Doch dieser Traum hatte sie in die Hubertusklinik geführt – jene Klinik, in der das Mädchen schon als kleines Baby nach einem schweren Autounfall viel Zeit verbracht hatte. Von dem OP-Team aus jener Zeit arbeiteten inzwischen nur noch der Anästhesist und eine OP-Schwester in der Hubertusklinik. Anna und Patrick wollten die Beiden besuchen, um zu erfahren, ob es damals im Krankenhaus zu einem Zwischenfall gekommen war. Doch sie kamen zu spät: Anna fand Karl Palusky, einen Bär von einem Mann, mit eingeschlagenem Schädel. Und Roswitha Zapf starb mit durchgeschnittener Kehle in Patricks Armen.

Alte Zeitungsartikel hatten ihnen aber eines verraten: Am gleichen Tag, als das Operationsteam von Dr. Alban der kleinen Anna nach einem schweren Autounfall das Leben gerettet hatte, musste ein anderes Baby sterben – zu Tode geprügelt von ihrem eigenen Vater. In den Berichten hatte gestanden, dass Max Klinger wiederholt seine Frau Sandra verprügelt und schließlich, bei einem seiner Wutausbrüche, auch die kleine Sahra so verletzt hatte, dass alle Mühen der Ärzte vergeblich gewesen waren. Doch Max – die Zeitungen hatten sich auf diese Geschichte geradezu gestürzt – hatte seine Tochter nicht lange überlebt: Als ihm im Krankenhaus erklärt wurde, dass seine Tochter in Folge der schweren inneren Verletzungen gestorben sei, da hatte er sich im vierten Stock des breiten Klinik-Treppenhauses über die Brüstung in die Tiefe gestürzt.

Gerne hätte Anna den leitenden Unfallchirurgen von damals befragt. Doch sie hatte Dr. Alban, der inzwischen in einem Trierer Krankenhaus arbeitete, nur eine kurze Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen können. Gemeldet hatte er sich bisher nicht, tatsächlich schien er sogar in der Versenkung verschwunden zu sein. Und das wunderte Anna auch gar nicht, nachdem sie letztlich das Geheimnis ihrer Vergangenheit aufklären konnte.

Eine Spur hatte sie zu dem Grab der kleinen Sahra geführt, und dort lernte sie unter dramatischen Umständen einen Mann kennen, der nach all den Jahren Licht ins Dunkel der damaligen Ereignisse brachte: Ruppert Weinberg, der zweite Mann von Sandra Klinger.

Sandra war noch sehr jung gewesen, als sie Max geheiratet hatte und schnell feststellen musste, dass er ein brutales Schwein war. Nach dem grausamen Tod ihrer Tochter und dem Selbstmord ihres Mannes hatte sie nirgends Fuß fassen können – bis sie Ruppert Weinberg unter seltsamen Umständen kennen und schließlich lieben lernte. Den Tod der Tochter konnte sie dennoch nie ganz verwinden. Doch das änderte sich schlagartig, als eines Tages ein alter, sehr kranker Mann in den Buchladen ihres Mannes kam, – ein Mann der kurz vor seinem Tod sein Gewissen erleichtern wollte: Er hatte damals zu den Eingeweihten im Krankenhaus gehört, und so kam die Geschichte ans Licht, die Ruppert Weinberg schließlich Anna berichtete: Nicht das Baby Sahra war es gewesen, das damals gestorben war, sondern Anna Silvan hatte den Unfall trotz Notoperation nicht überlebt. Anna war Sahra. Für das Mädchen war es der Schock ihres Lebens gewesen, als sie diese Tatsache akzeptieren musste. Besondere Umstände, die mit Annas Unfall einhergegangen waren, hatten Dr. Alban damals auf die verwegene Idee gebracht, dem Ehepaar Silvan den Schmerz um den Tod ihrer Tochter zu ersparen, vor allem aber auch, der kleinen Sahra ein gutes Leben zu ermöglichen statt als Kind eines Schlägers aufzuwachsen – Max lebte zu diesem Zeitpunkt noch – und einer Mutter, die sie nicht beschützen konnte.

Dr. Alban konnte sein eingeschworenes Team für seinen Plan gewinnen, und so sagte man schließlich Max und Sandra, dass ihr Kind gestorben sei, während man Kathrin und Lars Silvan über Monate angebliche medizinische Gründe auftischte, warum ihr Säugling lange mit wenig Besuch auf der Intensivstation bleiben und noch länger einen das Gesicht bedeckenden Verband tragen müsse. – Es waren genug Monate, dass sich ein Baby durch Wachstum und Haarwuchs und womöglich auch durch die Folgen eines Unfalls verändern konnte. Die Scharade glückte, die Silvans hatten nie den Verdacht, dass ihnen ein anderes Kind untergeschoben worden war, zumal sie auch nie einen Grund hatten, mit so etwas zu rechnen.

Und vielleicht hätte es auch Anna niemals erfahren, wären nicht die Morde in Saarfurth und die Geschichte, wie sie einen der Toten entdeckt hatte, durch alle Medien gegangen. Denn eigentlich hatten Sandra und Ruppert beschlossen gehabt, Anna nie ihre Herkunft zu enthüllen, um ihr gutes Familienleben nicht zu gefährden. Doch als Ruppert klar geworden war, dass auch Menschen aus dem Operationsteam von damals umgebracht worden waren und offenbar irgendeine Verbindung zu Anna bestand, wurde der Gedanke immer stärker, dass es einen Zusammenhang zwischen den Morden und dem Austausch der Babys gab, und dass die Silvans davon erfahren mussten.

Noch immer etwas unschlüssig, reiste er nach Saarfurth und wurde einer Entscheidung enthoben, als er Anna auf dem Friedhof begegnete.

Nun wusste es Anna also – die unbedingt bei diesem Namen bleiben wollte. Sie wusste, dass sie die leibliche Tochter von diesem schrecklichen Max Klinger war, und wenn sie an ihre Wutattacken dachte, dann befürchtete sie, dass sie mehr mit ihm gemein hatte, als ihr lieb war. Aber sie wusste noch mehr: Sandra, ihre leibliche Mutter, war vier Jahre zuvor verschwunden, und die Polizei hatte Ruppert Weinberg sogar eine Zeit lang verdächtigt gehabt, seine Frau ermordet zu haben. Dass Sandra tatsächlich nicht mehr lebte und einem Unglück, vielleicht einem Verbrechen zum Opfer gefallen war, davon war inzwischen auch Ruppert Weinberg überzeugt. So würde Anna ihre leibliche Mutter wohl nie kennen lernen – wobei sie sich auch gar nicht sicher war, ob sie das überhaupt gewollt hätte. Allerdings hatte sie nun die Chance, ihre fünfjährige Halbschwester mit dem sonderbaren Namen Petunie kennen zu lernen, denn Sandra hatte auch in ihrer zweiten Ehe ein Kind bekommen.

Aber das alles war zunächst zweitrangig gewesen hinter dieser schrecklichen Angst, ihren wirklichen Eltern und ihrem jüngeren Bruder Tom die Geschichte ihrer Herkunft zu enthüllen. Doch ihre Angst war unbegründet gewesen. Denn auch wenn sie nun um ihr totes Baby trauerten, so änderte das nicht an der Liebe für das Mädchen, das nun schon 16 Jahre ihre Tochter war und es auch bleiben würde.

So hätte Anna nun fast glücklich sein können. Doch da war noch eine Kleinigkeit: Noch immer lief der Mörder frei herum, der mindestens fünf Menschen getötet und dabei auch eine Frau vergewaltigt hatte. Und noch immer hatte die Polizei nicht die leiseste Ahnung, wer der Täter war und was ihn antrieb. Klar war inzwischen nur eines: Es war derselbe Mann, der Anna in den vergangenen Wochen aus dem verborgenen heraus bedrohte und quälte, sie aber offenbar nicht töten wollte – noch nicht, jedenfalls. Doch er wurde mit seinen unfreundlichen kleinen Streichen immer drastischer. Etwa, indem er Anna per Post eine enthauptete Ratte geschickt hatte, dazu ein Foto von Annas Kopf, mit Stecknadeln durch die Augen auf den blutigen Halsstumpf des Nagers geheftet. Wegen dieses Päckchens war es nun auch dazu gekommen, dass Kathrin Silvan ihrer Tochter den Brief, der heute bei der Post dabei gewesen war, etwas zögerlich übergeben hatte.

Anna besah sich den braunen Umschlag genauer. Ja, da war das Signet ihres Vereins, zwei stilisierte, sich voreinander verbeugende Judoka. Und das Bild befand sich auch da, wo es hingehörte: links oben in der Ecke des Umschlags.

»Sieht echt aus«, meinte sie und bog den Umschlag in ihren Händen, »könnte die Vereinspostille sein.«

Sie nahm den Umschlag mit auf ihr Zimmer und öffnete ihn an ihrem Schreibtisch. Schon als sie den zweiten Umschlag sah, wusste sie, dass sie sich geirrt hatte.

Auf dem zweiten, nur wenig kleineren Umschlag, waren acht Buchstaben, ein Komma und ein Ausrufezeichen aufgeklebt, die aus Zeitungsschlagzeilen herausgeschnitten waren: »Nett, nett!«, sonst war nichts auf dem Umschlag zu lesen. Anna war klar, dass sie den Inhalt mit Sicherheit nicht nett finden würde. Sollte sie gleich zur Polizei gehen? Doch da ihr großer Unbekannter bestimmt keine Fingerabdrücke hinterlassen hatte, zuckte sie schließlich mit den Schultern und schlitzte den Brief vorsichtig mit ihrem Geodreieck auf.

Sie schüttete den Inhalt vor sich auf den Schreibtisch. Obenauf lag ein DIN A 4 Blatt, das wie eine Farbkopie wirkte. Offenbar war hier eine Fotografie vergrößert worden, so sah es zumindest für Anna aus. Das Bild war ein klein wenig grobkörnig, dennoch blieb kein Zweifel an dem, was zu sehen war: Das Foto zeigte Anna, nur mit einem Slip bekleidet und zu drei Viertel der Kamera zugewandt.

Anna war so verblüfft, dass Wut und Schrecken zunächst einmal ausblieben. Aber eines war ihr sofort klar: Das Foto war eindeutig in einer der Umkleiden aufgenommen worden, die zur Sportanlage ihrer Schule gehörten. Doch wie um alles in der Welt war es dem Schweinehund gelungen, dieses Bild zu machen? Diese Bilder, musste sich Anna korrigieren, als sie den Stapel weiter durchsah: Es folgten fünf weitere Fotografien, die sie mehr oder minder nackt zeigten.

Anna schob den Zorn beiseite, der sich in ihr breitmachen wollte und betrachtete mit kalter Konzentration die Fotografien. Vielleicht bot sich ihr ja ein Anhaltspunkt, wann die Fotos entstanden waren? Rasch erkannte sie, dass die sechs DIN-A-4-Annas, die vor ihr ausgebreitet lagen, unterschiedliche Wäsche trugen. Anna pfiff leise durch die Zähne − dieses Schwein hatte an mehreren Tagen auf der Lauer gelegen. Das konnte nicht ohne einen gewissen Aufwand von sich gegangen sein, also bestand eine Chance, dass ihn jemand gesehen oder dass er doch eine Spur hinterlassen hatte. Nun konnte sie Hauptkommissar Pauli wenigstens etwas an die Hand geben, dem er nachspüren konnte. Anna vertiefte sich wieder in die Bilder. Auf drei der Fotos waren auch Klassenkameradinnen von ihr zu sehen.

Sie stutzte. Wer war das denn? Auf der fünften Fotografie ragte der Kopf eines Mädchens ins Bild, ein wenig gebeugt und der Kamera zugeneigt, weil sie sich gerade die Haare bürstete.

Anna grübelte, dann dämmerte es ihr: Katja wie-war-doch-gleich-der-Nachname? Auf jeden Fall war Katja So- und-so wegen irgendeines Chorfestivals aus Norddeutschland nach Saarfurth gekommen. Sie hatte zwei, drei Tage bei Bekannten ihrer Eltern gewohnt und war auch einmal mit dem Sohn der Familie, einem Klassenkamerad Annas, in die Schule gegangen. Und das musste eben jener Tag gewesen sein, an dem dieses Foto entstanden war. Der Besuch von dieser Katja lag schon eine Weile zurück. Anna überlegte: Das müsste so zu Beginn des Frühlings gewesen sein. Das hieß also, dass ER sie schon seit längerer Zeit aufs Korn genommen hatte. Aber er hatte die Fotos nicht sofort eingesetzt. Warum? Anna schluckte. Sollte hier eine Art Steigerung vorliegen?

Zunächst einmal war sie mit ihm nur (nur? Ha, ha) auf diese übernatürliche Weise zusammengestoßen, vor allem durch ihre beängstigenden Träume. Zugegeben: Der allererste Schmerz, damals, gleich nachdem sie das Schuhgeschäft in der Altstadt verlassen hatte, war auf verdammt unangenehme Weise real gewesen, aber nur kurz. Der Schrecken hatte sich in Grenzen gehalten, weil sie noch nicht gewusst hatte, welche Drohung über ihr schwebte. Dann, nach den Träumen, kam der erste Anruf und es folgte dieser nette kleine Spaß mit der toten Ratte.

Doch wie passte die Mordserie in ihre Theorie? Als sie die Toten gefunden hatte und Patrick in Lebensgefahr geraten war, das war auf jeden Fall schlimmer gewesen als diese doch relativ harmlosen Aktfotos. Andererseits: ER konnte ja nicht wissen, dass sie und ihr Freund ihm damals so dicht auf den Fersen gewesen waren und mitten in seinen Todesreigen hinein stolpern würden. Im Nachhinein hatte es der Bastard vermutlich genossen, aber er konnte es kaum geplant haben.

Schließlich die Entdeckung ihrer Herkunft: Wieder etwas, das ER kaum gesteuert haben konnte, das ihm − und Anna freute sich über diesen kleinen Triumph − vermutlich gar nicht gepasst hatte, denn nun gab es weitere Anhaltspunkte, denen die Polizei nachgehen konnte – zumindest wenn seine Morde wirklich in Verbindung mit dem Austausch der Kinder standen.

Und nun diese Aktfotos. Aber waren die denn wirklich schlimmer als all die Schrecken, die bisher von IHM ausgegangen waren? Anna kontrollierte ihre Gefühle. Nein − selbst die tote Ratte hatte sie damals mehr geschockt. Natürlich empfand sie dieses Fotoattentat allein von der Idee her als krankhaft und widerlich, und sie hatte sicher auch nicht vor, eine Karriere als Pin-up-Girl zu starten, aber sie hielt sich nicht für prüde oder verklemmt. Die Tatsache, dass sie halbnackt auf einem Foto zu sehen war, beunruhigte sie letztendlich nicht allzu sehr. Sollte sie sich also mit ihrer Steigerungs-Theorie getäuscht haben?

Nein, denn sie hatte inzwischen eine recht konkrete Vorstellung von der Vorgehensweise dieses Teufels – zumal seit ihren Wutanfällen, als sie sich auf so beängstigende Weise mit ihm verbunden gefühlt hatte. Wenn nun aber an ihrer Theorie wirklich etwas dran war und ER tatsächlich plante, die Daumenschrauben Schritt für Schritt immer enger zu ziehen, dann konnte das eigentlich nur bedeute ... »Da kommt noch etwas nach!« Anna saß kerzengerade an ihrem Schreibtisch und merkte gar nicht, dass sie mit sich selbst sprach: »Verdammt, der Bastard hat mir nicht bloß die Fotos geschickt, da steckt noch mehr dahinter!« Und je mehr Anna darüber nachdachte und versuchte, seinen verschlungenen Pfaden zu folgen, umso klarer wurde ihre Vorstellung davon, in welche Richtung dieses »Mehr« zielte.

Wenn das wahr wäre ... − nun packte Anna doch noch eine verzweifelte Wut, denn selbst wenn sie sein Vorgehen richtig erkannt hatte, so war es wohl schon zu spät, etwas dagegen zu unternehmen. Am Ende wollte der Bastard gar, dass sie seinen abartigen Plan durchschaute! Er brauchte nur einen geschickten Zeitplan, dann konnte er sich lachend zurücklehnen, während sie sich vergeblich abstrampelte.

Dennoch musste sie versuchen, sein Vorhaben zu durchkreuzen. Sie musste sofort mit Hauptkommissar Pauli telefonieren − und natürlich mit ihrem Vater, zumal sie nun vermutlich einen guten Anwalt gebrauchen konnte!

*

Anna lief nach unten und suchte die Visitenkarte, die Pauli ihnen schon bei seinem ersten Besuch dagelassen hatte. Gerade als sie zum Hörer greifen wollte, klingelte das Telefon. Normalerweise meldete sich Anna mit ihrem Namen, aber diesmal antwortete sie nur mit einem harten »Ja?«, und tatsächlich, es ging schon los: »Tag, Tag«, meldete sich eine leicht hektische, etwas ältere Männerstimme, »spreche ich mit Anna?«

»Was wollen Sie?«

»Ahm, na, so einiges − weißt schon −, ich rufe wegen der Annonce an und ...«

»Stopp«, unterbrach Anna energisch, »die Annonce war ein geschmackloser Streich, den mir jemand gespielt hat.«

»He, Augenblick mal, Du kannst mich nicht einfach so abwimmeln! Ich ...«

Anna legte auf, nahm den Hörer erneut ab und wählte die Nummer von Hauptkommissar Pauli. Das Telefon im Arbeitszimmer ihres Vaters begann zu klingeln.

*

In einem Ameisenhügel konnte es kaum emsiger zugehen. Seit Annas Anruf rotierten Pauli und sein Team ohne Pause. In all der Hektik gab es nur eine kurze Unterbrechung: Gerade, als der Hauptkommissar eines seiner zahllosen Telefonate beendete, kam Walter herein. Im Schlepptau hatte er einen kräftigen, grobknochigen, etwa fünfzig Jahre alten Mann, der unbewusst seine Größe zu kaschieren schien, indem er seine Schultern ein wenig nach vorne gesenkt hatte. Aber abgesehen von der leicht verkorksten Haltung strotzte er geradezu vor Akkuratesse: Von den polierten braunen Schuhen und den Bügelfalten der braunen Hose, über die dunkle, silberblaue Krawatte, die mit einer silbernen Nadel akkurat über der Knopfleiste des weißen Hemdes befestigt war, bis zu den exakt in der Mitte gescheitelten graubraunen Haaren. Der Mittelscheitel war schon etwas seltsam anzusehen, aber er korrespondierte ganz ausgezeichnet mit den buschigen Augenbrauen, die über der Nasenwurzel zusammenstießen. Und die Augenfarbe traf fast den Farbton der Krawatte. Kräftige Ohren, kräftige Lippen und eine kräftige Nase, deren Hakenform dadurch abgemildert wurde, dass sie wohl irgendwann einmal gebrochen worden war, vervollständigten das Bild. Eine starke, behaarte und ordentlich gebräunte Hand quetschte die Hand von Pauli, und der Mann stellte sich als Bill Brown vor.

Da fiel bei Pauli der Groschen: Interpol hatte schon vor einiger Zeit das »C.O.P.-Project« ins Leben gerufen. Cooperation of Policemen war ein Austauschprojekt – manche Polizisten nannten es auch Bullen-au-pair – bei dem es darum ging, Erfahrungen in Polizeidienststellen anderer Länder zu sammeln. Und Bill Brown – ein Polizeileutnant aus Los Angeles, soweit sich Pauli erinnerte –, hatte darum gebeten, nach Saarfurth zu kommen, nachdem er von den interessanten Fällen gehört hatte, die hier gerade aktuell waren. Das Innenministerium war ganz begeistert gewesen, dass das kleine Saarland an einem internationalen Polizeiprojekt beteiligt sein würde ...

Nach knappen Begrüßungsfloskeln meinte Pauli entschuldigend: »Ich muss ehrlich gestehen, ich hatte ganz vergessen, dass Sie heute bei uns anfangen. Aber wie Sie wissen, haben wir hier zurzeit einiges um die Ohren.«

Der Amerikaner winkte beschwichtigend ab und erklärte mit einer Stimme, die nicht ganz so dunkel war, wie man es bei seinem Aussehen vielleicht erwartet hätte: »Machen Sie sich nur keinen Gedanken. Das Hinterste, was ich will, ist es, ein Störenfried zu sein. Das Beste wird es sein, wenn ich einfach mit ein paar Kollegen herumgehe, bis ich ein wenig verstanden habe, was hier angeht.«

Pauli antwortete: »Bin froh zu hören, dass Sie Deutsch sprechen. Wissen Sie, mein Schulenglisch war zwar gar nicht so übel, aber das ist doch schon ein paar Tage her ... Sie haben deutsche Vorfahren?«

»Richtig bemerkt, Herr Pauli«, antwortete Brown, »es waren meine Großeltern, die von eine kleinen Ort in der Pfalz über den großen Teich gekommen sind. Und in meine Familie wurde noch viel in Deutsch gesprochen − viele Jahre zurück.«

»Nun, dann wird es Ihnen ja nicht schwer fallen, Walter oder ein paar anderen Kollegen zunächst einmal ein wenig über die Schulter zu schauen. Dann wird sich bestimmt auch eine Aufgabe für Sie finden. Und wir werden sicher bald Gelegenheit haben, uns bei einem schönen Glas ausführlich zu unterhalten. Nur im Augenblick ist es wirklich so ...«

Wieder unterbrach Brown mit einer beschwichtigenden Handbewegung: »Ihr Freund hat mich bereits mitgeteilt, was dieser Hund schon wieder aufgestellt hat. Sie brauchen sich wirklich nicht auch noch Sorgen um mich zu tun. Ich komme zurecht.«

Damit verabschiedete er sich mit einem freundlichen, locker angedeuteten Zwei-Finger-Salutieren und war gleich darauf gemeinsam mit Walter wieder verschwunden.

Der Hauptkommissar stürzte sich erneut in die Arbeit. Besonders das Telefon war heute sehr wichtig.

*

Anna hatte ihn nicht enttäuscht. Befriedigt ließ sich der Mann in seinem Sessel zurücksinken. Ja, die Kleine war auf Zack! Weil sie so schnell geschaltet und dieser Pauli so rasch reagiert hatte, waren nicht alle Magazine auf den Markt gekommen. Und diejenigen, die tatsächlich ausgeliefert worden waren, hatte man sicher schnell aus den Läden zurückgezogen. Aber es waren genügend in Umlauf gekommen. Und sie hatte es gewusst, dass sie es nicht verhindern konnte.

Herrlich!

*

Am Abend war Pauli wieder zu einer Lagebesprechung bei den Silvans erschienen. Immerhin war es ihm, Kommissarin Schmidt-Rodtdörfer von der Sitte und auch Lars Silvan gelungen, einigen Leuten in kürzester Zeit gehörig Feuer unter dem Hintern zu machen, so dass der Schaden wenigstens deutlich begrenzt werden konnte: Die Auslieferung der gesamten Auflage eines Sex-Magazins hatten sie verhindern können, andere Hefte waren nur teilweise ausgeliefert worden, und diejenigen, die ihr Ziel erreicht hatten, wurden wieder eingezogen, »... aber alles in allem sind in ganz Deutschland schon etliche hundert Stück verkauft worden«, seufzte Anna.

Sie saß mit ihren Eltern, Hauptkommissar Pauli und Spock, den sie ausdrücklich dabei haben wollte, am Wohnzimmertisch. Vor ihr auf der Tischplatte lagen Exemplare der unterschiedlichsten Machwerke, die ein Polizist aus einem Sex-Shop und von einem Kiosk besorgt hatte: Zwei Heftchen, die eine Mischung aus Porno- und Kontaktmagazinen waren, ein Sex-Postille, ein halbseidenes Magazin für Partnervermittlung und sogar ein SM-Blatt des harten Kalibers. Alle fünf Hochglanzhefte hatten eines gemeinsam: In jedem von ihnen tauchte auf irgendeiner Seite ein Bild von Anna auf – dort, wo Damen des horizontalen Gewerbes ihre Künste mit Foto-Anzeigen anpriesen. Gleich zwei Telefonnummern standen unter Annas Foto, denn ER hatte selbstverständlich auch an den zweiten Anschluss der Silvans gedacht.

Die Texte unter den Fotos waren dem jeweiligen Magazin angepasst, ähnelten sich aber. Besonders der Anfang war fast immer identisch: »Ich heiße Anna. Ich gehe noch zur Schule, bin aber sehr neugierig und für ein kleines Taschengeld ...«, dann folgten zwei, drei phantasielose Beschreibungen diverser Sexualpraktiken.

Spock, vor Zorn kochend, hatte sich kategorisch geweigert, die Hefte überhaupt anzufassen. Aber Anna hatte darauf bestanden, die Anzeigen zu sehen. Nachdem sie langsam alle Texte gelesen hatte, klappte sie die Magazine zu, legte sie zusammen, stand auf und steckte sie in Paulis Tasche, die neben seinem Stuhl lehnte. Dann setzte sie sich wieder ruhig auf ihren Platz, während die Anderen auf eine Reaktion von ihr warteten. Aber das Mädchen zeigte keine Regung.

Ihre Eltern ertappten sich dabei, dass sie sich plötzlich wünschten, Anna möge doch noch einmal einen richtigen Wutanfall bekommen.

Doch ihre Tochter blieb ruhig.

Auch Annas Gedanken waren ruhig.

Ruhig und kalt.

Sie analysierte, dass ihre Einstellung gerade in diesen Minuten im Wandel begriffen war.

Bisher wollte sie IHN nur besiegen, um sich selbst, ihre Familie und ihre Freunde zu schützen. Doch nun wollte noch etwas Neues hinzukommen. Etwas, das sie nicht kannte und deshalb nur schwer identifizieren konnte. Es war ...

»Rache.«

»Was hast Du gesagt, Schatz?«, Anna hatte es so leise gemurmelt, dass Kathrin sie nicht verstanden hatte.

»Augenblick bitte − ich muss etwas prüfen.«

Dann sahen die drei Erwachsenen verwundert, wie Anna die Hände hinter ihrem Kopf verschränkte, sich in ihrem Stuhl streckte, sich zurücklehnte und die Augen schloss.

Rache?

Ja, tatsächlich: Nach dieser Demütigung begann tief in ihrem Innern der Wunsch nach Rache zu brodeln. Oh wie gut würde es ihr tun, wenn sie diesem Gefühl mehr Platz einräumen würde, wenn sie sich vorstellen würde, dass ER nicht nur besiegt wäre, sondern als kleines Häufchen Elend vor ihr im Staub liegen würde. Ihrer Gnade ausgeliefert. Blutend.

Anna spürte eine sonderbare Wärme in ihrem Körper aufsteigen, die schnell ihre Stirn erreichte und sie erhitzte. Oh ja, wie gut würde es ihr tun! Aber ER hätte einen Sieg errungen.

Den Hass, den ER in ihr entfacht hatte, kannte sie ja bereits – doch auch das beunruhigende Gefühl der Ähnlichkeit mit ihm, das aus diesem Hass entstanden war. Was würde aber geschehen, wenn sie diesen Hass nun auch noch genießen würde? Wenn ihr seine Qualen mehr bedeuten würden als seine Niederlage? Dann würde sie sich ihm nicht nur ähnlich fühlen, verdammt, dann wäre sie ihm ähnlich. Und das Mädchen, das sie noch heute Morgen beim Zähneputzen im Spiegel gesehen hatte, würde nicht mehr existieren. Denn er hätte einen wesentlichen Teil von ihr zerstört und sie dabei gleichzeitig auf sonderbare Weise ein Stück weit auf seine Seite gezogen.

Kathrin, Lars und der Kommissar kamen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, und selbst Spock wurde es nun etwas unheimlich: Jetzt begann Anna auch noch über das ganze Gesicht zu grinsen! Doch sie hatte allen Grund dazu. Denn während sie hier ganz ruhig im Stuhl saß, hatte sie, nur mit ein wenig Nachdenken, innerhalb weniger Sekunden einen ausgeklügelten Plan von diesem Bastard durchkreuzt, und dieser Sieg war auch ein Trostpflaster gegen die erlittene Demütigung.

Ho! Und was für ein Spaß, wenn das Monster merkte, dass sein Plan nicht aufgegangen war! Es würde vor Wut fast zerspringen!

Lars konnte sich nicht mehr zurückhalten. Eigentlich war ihr Vater, inzwischen 44, gut 1,80 Meter groß und schlank, eher der gelassene Typ, was ihm auch als Anwalt zugute kam. Doch nun rieb er sich erst fahrig über sein markantes Kinn, fuhr noch in der gleichen Bewegung durch sein braunes Haar, so dass er ohne es zu merken plötzlich einen kleinen Schopf hatte und meinte fast ungehalten: »Ich will ja nichts sagen, Anna, aber ich möchte wirklich wissen, was es hier zu feixen gibt?«

Anna nahm die Arme wieder entspannt in ihren Schoß und entgegnete: »Oh, nichts weiter, ich habe nur gerade eine kleine Schlacht gewonnen – oder doch wenigstens ein paar Punkte gut gemacht!«

Als Anna das Unverständnis in den Gesichtern der anderen sah, hätte sie beinahe kichern müssen, doch dann bemerkte sie die Sorge in den Augen ihrer Eltern und zu ihrem Erstaunen auch in denen des Kommissars. Deshalb erklärte sie nun ernst, warum sie glaubte, trotz der Demütigung einen Sieg errungen zu haben.

Als sie geendet hatte, herrschte einen Augenblick Schweigen um den Tisch, dann nickte ihr Pauli anerkennend zu und meinte: »Solltest Du irgendwann mal vorhaben, in den Kriminaldienst einzutreten, dann werde ich mich gerne für dich verwenden.« Doch er mahnte auch: »Aber werd’ jetzt bloß nicht leichtsinnig! Ehrlich gesagt bin ich ein bisschen in Sorge. Der Tag war lang, wir hatten viel zu tun, und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass ich in dem ganzen Trubel etwas übersehen habe ...«

»Oh, Sorgen mache ich mir allerdings auch«, sagte Anna, »von meiner Theorie, dass ER sich nach und nach immer schlimmere Sachen ausdenkt, habe ich ja schon erzählt ...«, nur die übersinnlichen Bestandteile hatte sie wohlweislich ausgeklammert, »... und diese Theorie scheint sich ja jetzt bestätigt zu haben.«

Der Kommissar nickte und murmelte: »Das würde auch die Türe erklären, die hat mir bis jetzt doch einiges Kopfzerbrechen bereitet.«

Lars stöhnte: »Entschuldigung, vielleicht ist heute nicht mein Tag, aber was meinen denn nun Sie schon wieder ...?«

»Die Badezimmertür in der Wohnung der Krankenschwester. Also, es ist doch so: Unser Freund versteht es, große Körperkräfte freizusetzen. Aber nun denken Sie mal an den Tag, als er Roswitha Zapf getötet hat und Patrick sich in dem Badezimmer verschanzt hatte. Das Haus stammt aus den siebziger Jahren, und die Badezimmertüre samt Schloss war nicht gerade eine Ausgeburt an Stabilität. Aber während ihm die Sicherheitskette an der Wohnungstür in dem anderen Mordhaus nicht die geringsten Probleme bereitet hatte, hielt ihn diese lächerliche Badezimmertür offenbar ziemlich lange auf …«

»Heilige Scheiße – ‘tschuldigung«, entfuhr es Spock, der etwas blass um die Nase wurde, »Sie meinen ...? Oh Mann, es wäre möglich! Ich habe gleich zu Beginn irgendetwas durch die geschlossene Türe gerufen. Er muss meine Stimme erkannt haben und hat ein Spielchen mit mir getrieben! Er wirft sich zwar gegen die Tür, aber nicht mit voller Kraft, weil er in Wirklichkeit gar nicht durchbrechen will! Uff. Man könnte sagen, das Schleckermäulchen hat einen schnellen Blick in die Schachtel getan, und sich dann entschieden, welche Pralinen es bis zum Schluss aufheben will!«

Pauli nickte: »Ich hätte es vielleicht etwas anders gesagt, aber genau das habe ich gemeint.«

Anna war inzwischen wirklich froh, dass der Hauptkommissar nach den Morden darauf bestanden hatte, ihr Haus überwachen zu lassen. Ohne sich an jemand Bestimmten zu wenden, stellte sie die Frage: »Was kommt als Nächstes? Wenn er immer schlimmere Teufeleien ausheckt, dann wird es jetzt ... ja ..., dann kann es nicht mehr lange dauern, bis es wirklich lebensgefährlich wird. Und zwar nicht nur für mich, denn er weiß, wie er mich am meisten treffen kann.«

Aber sie konnten doch nicht dauernd auf der Hut sein? Wie wollten sie verhindern, dass er irgendwo ganz plötzlich und unerwartet zuschlug? Anna hatte nur eine wilde Hoffnung: Er kannte sie so genau, dass er sicher vermutete – nein: wusste, dass sie mit einem Schlag gegen ihre Liebsten rechnete. Vielleicht würde er ja genau deshalb etwas völlig anderes tun?

*

Etwas absolut Unglaubliches war geschehen: Pauli hatte ein paar Beziehungen spielen lassen, und so hatten die Silvans tatsächlich schon am nächsten Tag zwei Geheimnummern für ihre Telefonanschlüsse, ohne der üblichen Geschwindigkeit der Telekom ausgeliefert zu sein. Ein Pluspunkt für den Kommissar. Doch leider hatte er auch recht behalten mit seiner Befürchtung, etwas übersehen zu haben. Denn die Silvans mussten bald feststellen, dass ER nicht nur Sex-Magazine, sondern auch das fast ebenso verschwitzte Purpur-Blatt bedient hatte, dessen nächste Nummer wiederum einen Tag später, am Donnerstag, erschien.

Als Anna und Spock am Donnerstagmorgen die Schule fast erreicht hatten, sahen sie plötzlich Roland am Straßenrand stehen. Der Junge mit den braunen, recht kurzen aber ungebändigten Haaren war nicht nur Annas Klassenkamerad, sondern vor allem ein Freund, der trotz aller Gefahren zu Anna und Patrick stand und sie nach besten Kräften unterstützte – wie in diesem Moment: Roland gab ihnen schon von weitem ein Zeichen, dass sie bei ihm anhalten sollten.

Als sie von den Fahrrädern stiegen, wedelte er mit einer Illustrierten vor ihren Nasen herum und schimpfte: »Dieser Mistkerl! Dieser Schweinehund! Als ich an die Schule kam, lagen an allen Eingängen ein paar Stapel dieser Zierde der Presse. Die ich noch kriegen konnte, habe ich verschwinden lassen. Aber etliche Exemplare machen schon die Runde!«

Nichts Gutes ahnend, nahm Anna das Exemplar des Purpur Blattes aus Rolands Hand. Die Hauptschlagzeile und das Aufmacherfoto auf dem Titelblatt galten einem neuen Liebesglück irgendeiner Prinzessin, die Arm in Arm mit einem Mann an einer Strandpromenade zu sehen war. Doch in einer Spalte am linken Rand gab es noch, mit fetten Überschriften, ein paar Anreißer auf den Inhalt des Heftes. Schon die erste Überschrift in dieser Reihe lautete:

Grauenvolle Morde von Saarfurth vor der Aufklärung?

Darunter war in einem kleinen Kreis Annas Gesicht abgebildet, daneben stand: Diese unschuldigen Augen gehören einer der begehrtesten Prostituierten Deutschlands − Kennt der »Gierige Engel« die »Bestie von Saarfurth«? (S.→)

Spock, der sich über Annas Schulter gebeugt hatte, staunte: »Was für ein hirnrissiger Schwachsinn!«

»Na, das kommt sicher noch dicker«, seufzte Anna, auf alles gefasst, während sie Seite → aufschlug. Natürlich hatte sie recht.

Zu dem Artikel, der sich mit der Mordserie befasste, gehörten mehrere Fotos. Auf einem sah Anna Hauptkommissar Pauli, wie er vor dem Verwaltungsgebäude der Hubertusklinik stand, während hinter ihm die mit Laken bedeckten Leichen heraus getragen wurden. Auf anderen Fotos waren ein paar der Mordopfer abgebildet – Anna erkannte Karl Palusky. Das größte Foto jedoch zeigte Anna, genauer gesagt: in Nahaufnahme einen Ausriss aus einem der Sexmagazine, die Anna zwei Tage zuvor kennengelernt hatte. Unter diesem Foto stand: Der »Gierige Engel« inseriert in vielen Sex- und Schund-Heftchen.

Die Autorenzeile nannte einen gewissen Cliff Baker als Verfasser des Textes, der zunächst in kurzen, reißerischen Sätzen die Morde schilderte, als wäre er höchstpersönlich dabei gewesen. Dann begann der Teil, der sich mit Anna befasste:

... Aus gut unterrichteten Kreisen − die Informanten wollen nicht genannt werden − war zu erfahren, dass Eifersucht das Motiv für die Morden sein soll − Eifersucht wegen einer Prostituierten! Eine junge Frau, fast ein Kind noch, deren unschuldigen Augen niemand etwas Böses zutrauen würde. Doch das ist ihre Masche! In einschlägigen Kreisen ist sie als »Gieriger Engel« bekannt, »weil das Engelsgesicht zu allem bereit ist, falls die Kasse stimmt«, erklärt ein Barmann aus der »Szene«. Dann, hinter vorgehaltener Hand, fügt er hinzu: »Auf Sexpartys soll sie es auch schon mit mehreren Männern und Frauen gleichzeitig ..., na ja, Sie wissen schon.«

In einschlägigen Magazinen inseriert der »Gierige Engel« in ganz Deutschland. Unser großes Foto zeigt eine dieser Schmutzanzeigen, in der die Prostituierte in »Lolita-Aufmachung« posiert. Niemand kennt die genaue Zahl ihrer »Freier« (darunter auch prominente Namen!), aber unsere Informanten sind sicher, dass im Kreis dieser Freier auch die »Bestie von Saarfurth« zu finden ist. Denn Tatsache ist, dass sich die junge Prostituierte am Mordtag in dem Haus aufhielt, in dem zwei Menschen brutal abgeschlachtet wurden. Die wohlbegründete Theorie: Einer ihrer »Liebhaber« ist dem »Gierigen Engel« so verfallen, dass er sie ganz für sich alleine haben will. Ihm ist jedes Mittel recht, um an die Namen der Freier zu kommen (die blutigen Morde in der Krankenhausverwaltung!). Dann beseitigt er seine Rivalen und auch mögliche Zeugen der Tat. ...

Der Rest des Artikels brachte noch ein paar nebulöse Andeutungen über den Täter und ein paar weniger nebulöse Seitenhiebe gegen die Polizei, wobei Hauptkommissar Pauli die zweifelhafte Ehre hatte, namentlich genannt zu werden.

Anna stieß einen unverständlichen Zischlaut aus, dann meinte sie aufgebracht: »Dieser widerliche Schreiberling! Das ist sicher der Kerl, den Kommissar Pauli oben am Krankenhaus abgekanzelt hat, der Typ, den der Kommissar Blue genannt hat – der hat ja auch dieses traurige Foto vor dem Verwaltungsgebäude der Klinik aufgenommen. Aber seltsam ... er muss wirklich von IHM Material bekommen haben, denn ein paar Körner Wahrheit sind in diesem sch... Artikel eingestreut: Der Killer ist tatsächlich jemand, der mich haben will, wenn auch sicher nicht aus Eifersucht.« Ein ganz kleines »Oder doch?« zuckte in Annas Kopf auf, das aber schnell wieder verschwand, als sie fortfuhr: »Und ich war ja tatsächlich in dem Mordhaus. Auch dass die armen Angestellten in der Verwaltung sterben mussten, weil ER ein paar Namen brauchte, stimmt ja vermutlich. Aber was hat dieser Schmierfink daraus gemacht? Ouuh, ich könnt’ grad’... .«

In einer abrupten Bewegung drückte sie Spock die Illustrierte in die Hand, rief: »Wartet hier!«, schwang sich auf ihr Fahrrad, trat blitzschnell an, sauste ein Stück in die Richtung, aus der sie gekommen waren und verschwand dann, sich gefährlich schnell in eine Kurve legend, aus Spocks und Rolands Blickfeld.

»Wo ist sie denn jetzt hin?«, wollte Roland wissen.

Spock wollte erst mit den Schultern zucken, doch dann sagte er: »Nirgends. Sie ist gleich wieder hier.«

Er sollte recht behalten: Keine drei Minuten später tauchte Anna wieder auf, kam im vollen Tempo die Straße entlanggefegt, als wollte sie an ihren Freunden vorbei brausen.

Erst im allerletzten Augenblick griff sie hart in die Bremsen, rutschte mit blockierenden Rädern, schleuderte und kam neben Spock zum Stehen. Ihre Brust hob und senkte sich in schneller Folge, Schweißperlen standen auf ihrer Stirn und sie keuchte: »So, das habe ich gebraucht, ich glaube, sonst wäre ich geplatzt. Worauf wartet ihr beiden? Wollt ihr zu spät kommen? Wenn wir uns beeilen, dann schaffen wir’s gerade noch.«

»Augenblick mal!«, rief Roland entsetzt, »ich hab’ doch gesagt, dass dieses Schmierblatt schon die Runde macht! Ich meine, das musst Du doch nicht auf dich nehmen, oder? Es sind ja ohnehin nur noch zwei Tage bis zu den großen Ferien, deine Eltern haben bestimmt nichts dagegen, wenn Du heute und morgen zu Hause bleibst.«

Spock fragte seinen Freund: »Du glaubst wirklich, Anna würde das tun?«

Roland entgegnete verdutzt: »Anna sollte es tun ...«, er sah Anna ins Gesicht und fuhr fort: »Aber sie wird es nicht tun.«

Anna nickte und erklärte Roland: »Ich glaube, noch vor ein paar Monaten wäre ich wirklich einfach heimgefahren und hätte mich verkrochen. Und ich habe auch jetzt keine Lust, mir irgendwelche blöden Bemerkungen anzuhören. Ehrlich gesagt habe ich sogar ziemlichen Bammel, die Schule zu betreten. Aber glaub mir«, Annas Stimme wurde heftig, »ich werde IHM noch keinen Millimeter Boden preisgeben. Also?«

Gerade, als es zum Unterrichtsbeginn läutete, erreichten sie die Schule. Patrick trennte sich gar nicht gerne von Anna, aber er musste in seine eigene Klasse.

Als Anna, gefolgt von Roland, die Tür zu ihrem Klassenzimmer aufriss, blieben sie überrascht im offenen Türrahmen stehen. Alle ihre Klassenkameraden saßen schon auf ihren Plätzen, doch vor der Klasse stand nicht nur Frau Luxembourger, sondern auch ihr Klassenlehrer sowie die Direktorin der Schule und noch eine dritte Frau − Anna erkannte Kommissarin Schmidt-Rodtdörfer vom Sittendezernat der Polizei, die man wohl auch kaum vergessen konnte: Ihre 178 Zentimeter Körpergröße hatte sie durch Leder-Stiefeletten noch erhöht, ihr kräftiger Körper steckte in einem Leinen-Hosenanzug, und ihr kurzes Haar hatte mit Hilfe von Henna eine sehr kräftige rote Farbe bekommen.

Die ganze Klasse und auch die vier Erwachsenen sahen überrascht zu Anna. Sie schienen sie nicht mehr erwartet zu haben. Anna wartete nicht, bis sie angesprochen wurde, sondern ging gleich trotzig in die Offensive und sprach die Erwachsenen an: »Ich habe fast den Eindruck, dass Sie nicht mit mir gerechnet haben? Ich möchte eines wissen: Ist es nötig, dass ich irgendeine Erklärung oder Rechtfertigung zu dieser journalistischen Höchstleistung abgeben muss?«

Trat da tatsächlich so etwas wie Respekt in die Augen der Vierergruppe, die hier vor der Klasse stand? Auf jeden Fall lächelte Frau Luxembourger sie an, und das war schon mal ein gutes Zeichen. Als Annas Blick auf Heike fiel, die in der zweiten Reihe saß, bekam sie einen schnell gehobenen Daumen und dazu noch ein Augenblinzeln zu sehen.

Heike, etwas kleiner als Anna, aber durch ihr jahrelanges Schwimm-Training und ihre Mitgliedschaft in der Jazz-Dance-AG muskulöser und mit breiteren Schultern, hatte sich in den vergangenen Wochen als Annas beste Freundin erwiesen, die inzwischen auch in die ganze Geschichte eingeweiht war. Erst kürzlich hatte sie sich einen Kurzhaarschnitt zugelegt und trug ihr glattes, braunes Haar ähnlich einer Pagenfrisur, allerdings waren die Haare zum Hinterkopf hin leicht abgeschrägt. Ihr offenes, meist ungeschminktes Gesicht mit den großen braunen Augen und die Andeutung von Pausbäckchen täuschte darüber hinweg, dass sie sich im Zweifelsfall zu wehren wusste und sich jedenfalls nicht durch davon abhalten ließ, zu ihrer Freundin zu stehen – nicht alle von aus Annas Freunden waren so mutig gewesen.

Heikes Zuspruch tat Anna gut, und dann lächelte auch Hilde Abendstern, die Direktorin der Schule, und sagte: »Du hast diese billige Illustrierte also schon gesehen? Ich nehme an, dein Freund Roland hat dich vorgewarnt, was? Setzt euch ruhig auf eure Plätze – und: Nein, Du musst dich bestimmt nicht rechtfertigen für diesen ... – Kinder, nehmt euch da jetzt bitte kein Beispiel dran! – ... du musst dich nicht rechtfertigen für diesen großen, dampfenden Haufen Scheiße in diesem widerlichen Schmierblatt.«

Roland flutschte ein leises »Wow!« über die Lippen.

Als er und Anna sich gesetzt hatten, fuhr die Direktorin fort: »Ich denke, ihr wisst, um was es geht, – diese obskure Illustrierte ist natürlich schon rumgegangen. Und das ganze Getuschel auf den Gängen ist mir auch nicht verborgen geblieben. Ich will nicht viele Worte um diesen Unsinn machen, das ist er nicht wert. Nur soviel: Frau Schmidt-Rodtdörfer hier zu meiner Linken ist Kommissarin beim Sittendezernat. Als sie heute Morgen von diesem Artikel erfuhr, konnte sie sich ausrechnen, dass die Illustrierte auch an unserer Schule auftauchen würde, und zwar deshalb, weil eure Mitschülerin Anna, wie vielleicht manche schon wissen, seit einiger Zeit von einem Verrückten belästigt wird.

Es besteht inzwischen kein Zweifel daran, dass dieser Verrückte einen verantwortungslosen Journalisten, der diese Berufsbezeichnung eigentlich nicht verdient, dafür eingespannt hat, diesen Unsinn zu verbreiten. Kommissarin Schmidt-Rodtdörfer hat uns versichert, dass die Behauptungen über Anna absolut erlogen sind. Aber das wäre gar nicht nötig gewesen, denn auch ohne Hilfe können wir hier an unserer Schule diese Lügengeschichte aus zwei Gründen entlarven: Erstens ist zu erkennen, dass das Foto in einer Umkleidekabine unserer Schule aufgenommen wurde. Und da bei uns natürlich keine Aufnahmen für Sex-Magazine gemacht werden, muss das Foto heimlich gemacht worden sein − und ich entschuldige mich hiermit in aller Form bei Anna, dass so etwas an meiner Schule passieren konnte.« Die Stimme der Direktorin wurde eine Nuance weicher, als sie fortfuhr: »Der zweite Grund ist ganz einfach: Wir kennen Anna, also wissen wir auch ohne irgendwelche anderen Indizien, dass dieses Geschreibsel eine Lüge ist.«

Mit ihrer bekannten Sachlichkeit erklärte Hilde Abendstern dann: »Für unsere Schule hat dieser Vorfall drei Konsequenzen: Erstens werde ich prüfen lassen, ob für uns eine Möglichkeit besteht, das Purpur-Blatt zu verklagen − immerhin wurde dieser eklatante Einbruch in die Intimsphäre einer unserer Schülerinnen durch dieses Foto an unserer Schule verübt. Zweitens wird es im nächsten Schuljahr einen Vortrag über den Umgang mit modernen Medien geben und drittens werde ich dem Kultusministerium den Vorschlag unterbreiten, den Umgang mit den Medien stärker im Lehrplan zu berücksichtigen. So, und bevor wir nun auch in die anderen Klassen gehen, hat Kommissarin Schmidt-Rodtdörfer noch eine Frage.«

Die Kommissarin trat nach vorne: »Guten Morgen zusammen. Euch ist klar, dass wir diesen Verrückten schnappen wollen, der eure Freundin belästigt. Deshalb möchten wir wissen, ob einem von euch, so um den Frühlingsbeginn herum, irgendetwas auf dem Sportgelände, insbesondere bei den Mädchen-Umkleiden, aufgefallen ist. Und außerdem interessieren wir uns sehr dafür, wie die bewussten Zeitungspacken heute Morgen hier an die Schule gelangt sind. Ist einem von euch etwas aufgefallen?«

Der Banknachbar von Roland meldete sich zaghaft.

»Sprich nur, Tobias«, forderte ihn der Klassenlehrer auf.

»Ja, also, ich war heute ziemlich früh hier und hab’ den Kastenwagen gesehen, der vor der Schule hielt, und da ist dann ein Typ ausgestiegen, und der hat dann hinten die Zeitungen − also so Stapel −, die hat der rausgenommen und verteilt.«

»Kommst Du bitte mit?«, sagte die Kommissarin, »vielleicht kannst Du einem Kollegen von mir noch ein paar Details beschreiben?«

*

Anna hatte mit wesentlich schlimmerem gerechnet. Ihre Laune stieg, als sie daran dachte, wie sehr sich das Monster ärgern würde, wenn es merkte, dass er die Bosheit der Menschen überschätzt hatte. Anna musste sich aber eingestehen, dass sie selbst überrascht war. Ihr wurde klar, dass sie in den vergangenen Wochen ein gutes Stück misstrauischer geworden war − auch ein Verdienst von IHM. Aber er selbst hatte nun ihr Menschenbild wieder etwas zurechtgerückt, und genau betrachtet, hatte er sich dadurch auch wieder eine kleine Schlappe beigebracht: Statt des Ärgers, den er Anna bereiten wollte, erlebte sie in ihrer Umgebung Mitgefühl und Solidarität. Und falls irgendwelche fremden Leute das Geschreibsel im Purpur-Blatt glauben sollten, − was kümmerte es sie?

Schon in der Fünf-Minuten-Pause zwischen den beiden ersten Stunden bekam Anna neben neugierigen Fragen auch etliche aufmunternde Worte zu hören. Drei, vier Jungs aus anderen Klassen machten ihr Komplimente über ihr Aussehen, die zwar frech, aber nicht anzüglich waren. Und ein paar fröhliche und wohl nicht ganz unernst gemeinte »He, Du siehst klasse aus«, die ihr zugeworfen wurden, ließen ihr Ego auch nicht gerade zusammenbrechen.

*

An diesem Nachmittag ärgerte sich der Mann sehr. So was! Noch vorgestern Abend hatte er sich so über seinen netten kleinen Streich gefreut, der doch zunächst ganz in seinem Sinne verlaufen war. Doch plötzlich hatte ihn eine innere Unruhe gepackt. Eine Unruhe, weil er spürte, dass es ihr keineswegs so schlecht ging, wie es der Fall sein sollte. Und dann musste er erfahren, dass sie ihn bereits viel weiter durchschaute, als er es gewollt hatte. Und statt dass dieses kleine Frettchen ihre Freunde verlor und in der Schule Ärger bekam, hatten die Ärsche an ihrer Schule doch tatsächlich Mitgefühl gezeigt und ihr Kraft gegeben.

Er hatte sich ja durchaus gefreut, dass es mit ihr nicht zu leicht werden würde, aber allmählich wurde ihm dieses Biest etwas zu gerissen. – Er würde ihr wehtun.

*

Hauptkommissar Pauli traf sich am Mittag mit Kommissarin Schmidt-Rodtdörfer in der Kantine. Schon als sich die beiden ihr Tablett vollgeladen hatten, war der Kommissarin Paulis schlechte Laune aufgefallen: Er hatte auf die Suppe als Vorspeise verzichtet, sich dafür aber drei Portionen Schokoladenpudding aus dem Kühlregal geangelt. – Wenn der Hauptkommissar anfing, seine Seele mit Pudding zu massieren, war das immer ein schlechtes Zeichen.

Der ausgelatschte Linoleumboden in der Kantine, die achteckigen Tische und die orangen Plastikstühle mit den angeschmutzten Sitzpolstern waren auch nicht gerade dazu angetan, Paulis Laune zu steigern.

Schmidt-Rodtdörfer und der Hauptkommissar hatten sich in die äußerste Ecke der Kantine zurückgezogen, direkt neben den halb verdursteten Gummibaum. Als der Kommissar nun lustlos in seinem Frikassee herumstocherte, seufzte die Kommissarin: »Ich brauch’wohl nicht erst zu fragen, ob wenigstens Du Fortschritte gemacht hast, was?«

Pauli zuckte mit den Schultern, legte die Gabel beiseite und erklärte: »Ich war so sicher, dass wir endlich etwas finden würden, nachdem sich der Mistbock doch ganz offensichtlich etliche Male exponiert haben musste. Aber Pustekuchen! Wir sind uns noch nicht einmal darüber im Klaren, wie die Aufnahmen überhaupt entstanden sind! Durch die kleinen Oberlichter bestimmt nicht. Und was das Ganze fast schon unheimlich macht: Aus den Bildern lässt sich schließen, von welcher Stelle die Fotos geschossen wurden. Der Haken ist nur: Dort konnte sich unmöglich ein Fotograf verstecken, da gibt es absolut keine Versteckmöglichkeit. Eventuell hätte man einen Fotoapparat verbergen und mit einem Fernauslöser bedienen können, aber woher zum Teufel sollte unser Voyeur wissen, wann er den Auslöser zu betätigen hatte? Tja, und da es sich bei den Bildern, die Anna bekommen hat, genaugenommen nicht um Fotos, sondern nur um Farbkopien von Fotos handelt, überprüfen wir auch alle Anbieter von Farbkopierern und sämtliche Firmen und Geschäfte, die einen Farbkopierer haben − aber Du glaubst ja gar nicht, wie viele von den Dingern inzwischen in Umlauf sind.«

Pauli seufzte und fuhr fort: »Am meisten habe ich ja auf diese fingierten Anzeigen gehofft. Aber die sind bei den beiden Verlagen, von denen diese Sexheftchen stammen, per Post eingegangen, das Geld war gleich bar beigefügt. Das scheint nichts Besonderes in dieser seltsamen Branche zu sein. Ich habe selbst mit Schmutzfink in Hamburg telefoniert, und der hat mir erzählt, dass viele ...«

»’tschuldigung, mit wem?«, unterbrach die Kommissarin, um sich dann die Frage selbst zu beantworten: »Ach so, Du meinst diesen Schmurring mit seinem Oho-Verlag, den Großmeister der Porno-Blättchen?«

»Ja, genau, und Schmutzfink hat gesagt, da die Damen des horizontalen Gewerbes oft ihren Standort und damit auch die Bankverbindungen wechseln, würde es schon mal vorkommen, dass sie ihre Anzeigen bar und per Post bezahlen. Natürlich werden die Kollegen in Hamburg den Laden wieder einmal gründlich unter die Lupe nehmen, aber ich glaube kaum, dass uns das viel nützen wird. Nichteinmal die Briefe, mit denen die Anzeigen bestellt wurden, helfen uns weiter, an denen war nichts Handschriftliches zu finden.«

»Aber solche Anzeigen dürfen doch nur abgedruckt werden, wenn der Auftrag dafür auch unterschrieben ist?«, warf die Kommissarin ein.

»Oh, es gab Unterschriften. Natürlich mit einem Fantasienamen − Vera Ricksch, oder so ähnlich −, aber immerhin hatten wir nun wenigstens ein paar Buchstaben für den Graphologen. Nur stellte sich leider heraus, dass alle Briefe mit Hilfe eines Computer-Grafikprogramms unterzeichnet wurden. − Soviel also zur Handschrift.«

Während Pauli den Teller samt kaltem Frikassee beiseite schob und anfing, den ersten Schokopudding in sich hinein zu schaufeln, sagte die Kommissarin: »Ein schwacher Trost, dass man dem Schmutzfink nun vermutlich ans Bein pinkeln kann, − juristisch gesehen, natürlich. Vielleicht muss der Oho-Verlag jetzt ordentlich bluten, nachdem er ein unautorisiertes Foto veröffentlicht hat, noch dazu von einer Minderjährigen. Aber mit dem eigentlichen Problem bin ich auch nicht weiter gekommen. Ein Klassenkamerad Annas hatte heute morgen zwar beobachtet, wie ein kleiner Kastenwagen die Zeitungen an die Schule gebracht hat, aber die Spur hat sich wieder einmal als Sackgasse entpuppt«, die Kommissarin zuckte resigniert mit den Schultern, während sie fortfuhr: »Der Wagen gehört zu einer Firma, die Kleintransporte und diverse Auslieferungen übernimmt, und auch hier gab es nur einen schriftlichen Auftrag mit beiliegender Barzahlung.«

Pauli kratzte den letzten Rest Pudding aus dem dritten Schüsselchen und leckte den Löffel ab, dann sah er auf seine Uhr und meinte: »Also ich brauche jetzt eine kleine Aufmunterung. Wie ist es, kommst Du mit zu meiner Verabredung? Vielleicht macht’s dir ja auch Spaß?«

»Mit wem bist Du denn verabredet?«

»Walter sollte mir um 12 Uhr Karl-Heinz Bäcker ins Büro bringen.«

»Ganz abgesehen davon, dass schon ein Uhr vorbei ist, − wer ist Karl-Heinz Bäcker?«

Als Pauli aufstand und sich, gefolgt von der Kommissarin, auf den Weg zu seinem Büro machte, meinte er gedehnt: »Sooo? Tatsächlich schon eins durch? Da hat der Ärmste wohl ein kleines bisschen warten müssen. Du kennst Karl-Heinz Bäcker nicht? Vielleicht ist er dir ja unter seinem Künstlernamen bekannt: Cliff Baker. Na, fällt der Groschen?«

»Ach, das ist doch der Schreiberling, der diese gequirlte Hühnerscheiße für das Purpur-Blatt zusammengeschustert hat? Na da riskiere ich doch mal einen Blick, wenn Du den in die Mangel nimmst.«

»Du hast ihn bestimmt schon mal gesehen, nur kennen die Wenigsten seinen richtigen Namen oder bringen ihn mit einem seiner Schreiberling-Pseudonyme in Verbindung. Ich glaube, der Kerl ist schon mit seinem Spitznamen auf die Welt gekommen.«

»Spitzname? Und dieser − hm − Schreibstil? Dann weiß ich, wen Du meinst.«

*

Nun schmorte Blue schon über eine Stunde im Büro des Hauptkommissars. Die Tür zum Nebenbüro stand offen, und dort saß Paulis Assistent Hartmann Walter – Hartmann war tatsächlich der Vorname –, las Berichte und warf dem Reporter zwischendurch immer mal wieder einen gelangweilten Blick zu.

In der ersten halben Stunde hatte sich Blue mächtig aufgeregt. Der große und kräftige Mann mit dem zerzausten braunen Haar und dem kantigen Gesicht hatte sich sogar wiederholt bei Walter beschwert und mit allem Möglichen und Unmöglichen gedroht. Doch der etwa 35-jährige Polizeibeamte mit dem breiten Gesicht und der blassen Haut, die von einer ganzen Armada aus Sommersprossen übersät war, hatte ihn einfach nicht beachtet. Nur ein einziges Mal schien für einen kurzen Augenblick sein Interesse an Blue erwacht zu sein: Vor einer knappen viertel Stunde hatte das Telefon geläutet. Walter hatte sich gemeldet, kurz zugehört und dann nur gemeint: »Es klappt? Da kenne ich aber jemanden, der sich gewaltig freuen wird. ... Ja, vielen Dank auch, auf Wiederhören.« Dann hatte er aufgelegt, zu Blue herüber gesehen und ihn so freundlich angelächelt, dass es dem Reporter eiskalt den Rücken herunter gelaufen war. Danach war wieder Sendepause.

Inzwischen hatte Blue ein ordentliches Stück von seinem dreisten Auftreten verloren. Das kantige Gesicht unter den zerzausten braunen Haaren des großen und kräftigen Mannes trug jedenfalls nicht mehr die gewohnte arrogante Selbstsicherheit zur Schau. So langsam fragte er sich nämlich, ob er diesmal nicht vielleicht doch etwas zu dick aufgetragen hatte? Dann würde er ganz schön Ärger mit der Chefredaktion des Purpur-Blattes bekommen, denn die wollte seinen Artikel eigentlich etwas entschärfen und das Foto von diesem Mädchen nur mit schwarzen Balken über Augen und Brüsten bringen. Aber er hatte die beiden Chefs solange beschwatzt, bis sie ihn schließlich gewähren ließen und sogar noch das kleine Foto auf die Titelseite brachten. Nicht nur wegen des warmen Tages begann Blue zu schwitzen.

Die Bürotür ging auf, Hauptkommissar Pauli kam herein, gefolgt von einer Frau, die Blue auch irgendwann mal kennengelernt hatte. Das war doch irgend so eine Tante von der Sitte? Und ein großer Mann mit sonderbarem Mittelscheitel kam schließlich auch noch durch die Türe spaziert. Pauli hatte unterwegs Bill Brown aufgelesen.

Bevor Pauli irgendetwas zu Blue sagte, sah er zu Walter herüber. Der zog seine Augenbrauen hoch und nickte einmal bedächtig, was Pauli ein Lächeln entlockte. Dann erst wandte er sich Blue zu, wobei er die Begrüßung großzügig überging: »Erstens: Woher hatten Sie das Foto? Zweitens: Woher hatten Sie Ihre Informationen? Ich will die Namen der Informanten. Drittens: Ich will auch den Namen dieses obskuren Barmannes, der sich, laut Ihrem Bericht, angeblich über Ihr Hirngespinst, den Gierigen Engel − was für ’n Scheiß! − ausgelassen hat. Und bitte kein Detail vergessen! Also?«

»He, Moment mal! So geht das aber nicht«, stotterte Blue, »Sie wissen ganz genau, dass ich meine Informanten nicht preiszugeben brauche!«

Freundlich fragte Pauli: »Ach, Sie wollen nicht?«

»Nein!«

»Wirklich? Na, wenn dem so ist ...«, Pauli wandte sich nun an Walter: »Ruf doch bitte zwei Streifenbeamte, die unseren Freund hier zum Knast hochfahren. Er geht in Beugehaft, bis er den Mund aufmacht.«

Der Mund stand Blue schon offen, allerdings kam zunächst einmal kein Ton heraus. Schließlich rief er, mehr entgeistert als wütend: »Sie überschreiten Ihre Kompetenzen!«

»Ich überschreite meine Kompetenzen? Na Sie sind mir ein Herzchen! Was Sie dem Mädchen mit ihrer Schmiererei und der Veröffentlichung des Fotos angetan haben, das überschreitet nicht nur die Grenzen des guten Geschmacks. Sagen Ihnen die Begriffe Moral und Ehre vielleicht irgendetwas? Nein? Hätt’ ich mir eigentlich denken können.«

»Kommen Sie mir bloß nicht mit Moral!«, brauste Blue auf, »die können Sie sich ..., nein, das sag’ ich nicht, sonst haben Sie nachher tatsächlich noch eine juristische Handhabe gegen mich.«

»Oh, keine Angst, die haben wir bereits«, meinte der Kommissar gutmütig.

»Ach was«, giftete Blue, »möchte wissen, welche? Sagt Ihnen vielleicht Paragraph 383, Ziffer 5 der Zivilprozessordnung etwas? Oder Paragraph 53 der Strafprozessordnung? Die befassen sich nämlich mit dem Zeugnisverweigerungsrecht, falls Sie davon schon mal was gehört haben. Und dieses Zeugnisverweigerungsrecht erlaubt es mir als Journalist, meine Informanten geheim zu halten. Und Sie können überhaupt nichts dagegen tun!«

»Ach, wie er sich auskennt!«, spottete Pauli, »aber leider gibt es da diese Ausnahme: Sie dürfen nur Informanten schützen, die an Sie herangetreten sind.Wenn Sie aber selbst etwas recherchiert haben, dann müssen Sie Ihre Informationsquellen preisgeben.«

Jetzt grinste Blue frech und meinte im Plauderton: »Tja, aber wie kommen Sie denn darauf, dass mein Informant nicht von sich aus an mich herangetreten ist?«

»Aber mein lieber Blue, ich rede doch gar nicht von ihrem Hauptinformanten. Ich spreche von dem Barmann! Der bricht Ihnen das Genick.«

»Der Barmann?«, fragte Blue entgeistert.

»Richtig, der Barmann! Als es um den angeblichen Namen der angeblichen Prostituierten ging, haben Sie geschrieben, den hätte Ihnen ein Barmann aus der Szene genannt. Nun, die Staatsanwaltschaft stimmt mit uns darin überein: Diese Formulierung deutet darauf hin, dass Sie sich selbst in der Szene herumgetrieben und Erkundigungen eingezogen haben. Das heißt: Sie müssen uns den Namen des Barmannes sagen. Nur weiß ich natürlich, was dabei herauskommen wird: Da es keinen Gierigen Engel gibt, kann es auch diesen Barmann nicht geben. Und da sie keinen überprüfbaren Namen aus dem Hut zaubern können, werden Sie das auch zugeben müsse. Und das ist dann wiederum der Beweis, dass Sie der Sorgfaltspflicht − es gibt nämlich auch gesetzliche Pflichten für Sie! − keineswegs genüge getan haben. Tja, und dann müssen Sie ihre ganze Geschichte auspacken, von Anfang bis Ende!«

Blue wurde blass um die Nase. Warum hatte er sich bloß nicht mit den Informationen begnügen können, die er bekommen hatte? Aber nein, er war auch noch stolz auf seinen Erfindungsreichtum gewesen, als ihm die Sache mit dem Barmann eingefallen war, weil er so noch etwas mehr Sex in seine Geschichte bringen konnte!

Doch Blue kämpfte noch ein bisschen: »Aber lieber Herr Hauptkommissar, Sie sind juristisch gesehen nicht mehr ganz auf dem Laufenden: Was die Sache mit dem selbst recherchierten Material betrifft, da hat der Bundesgerichtshof schon vor ein paar Jahren zum Schutz der Informanten eine Ausnahmeregelung erlassen, und an dieser Regelung kommt die Staatsanwaltschaft nicht vorbei!«

»Sagen Sie lieber, sie kommt fast nicht daran vorbei. Und ich muss zugeben: Bei uns hat es schon sehr lange keine Fall von Beugehaft für einen Journalisten gegeben. Aber nun ist es wohl wieder mal soweit! Um bei unserem Spielchen zu bleiben: Sagen Ihnen die Begriffe Güterabwägung und Gefahr im Verzug etwas? Falls es Ihnen entgangen sein sollte: Hier geht es um die Aufklärung einer brutalen Mordserie, um den Schutz der Bevölkerung vor einem gemeingefährlichen Irren und nicht zuletzt um den Schutz eines Mädchens und ihrer Familie. Tja, da haben Staatsanwaltschaft und Gericht mit Antrag und Genehmigung für die Beugehaft wirklich nicht lange auf sich warten lassen.«