Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
( * Der E-Book-Version des Horror-Thrillers/Dark Fantasy-Romans ist eine kostenlose "Extended Version" beigefügt, mehr dazu unter: www.armbrustverlag.de. *) 1975: Ein schwer verletzter Säugling, misshandelt vom eigenen Vater, wird in die Saarfurther Hubertusklinik eingeliefert. Ein junger Chirurg kämpft verzweifelt um das Leben des kleinen Mädchens, doch schließlich muss er den Tod des Kindes melden. Noch in der gleichen Nacht nimmt sich ihr Vater unter mysteriösen Umständen das Leben. 1992, es ist der heißeste Sommer der 90er Jahre. Die 16-jährige Anna Silvan führt ein behütetes Leben in Saarfurth. Gerade genießt sie an einem sonnigen Tag einen Einkaufsbummel, als ohne Vorwarnung eine Welle aus purem Schmerz durch ihren Körper jagt und die Vision eines Mannes in ihr aufsteigt, der sie aus toten Augen anstarrt. Das Ganze dauerte nur Sekunden, und so hat das Mädchen die Angelegenheit schnell vergessen - bis sie von sonderbaren Träumen gequält und nicht nur im Traum verfolgt wird - und dann beginnt der Terror. Ein Unbekannter, getrieben von Hass und Besessenheit, kennt nur das eine Ziel: Anna und ihre Familie zu quälen und das Mädchen zu zerstören. Die Spur scheint in die Vergangenheit zu führen, denn der Täter dezimiert auch ein ehemaliges Operationsteam der Hubertusklinik - und er ist einfallsreich. "Die Sprache der Toten" von N. O. Pity ist der erste Teil der TOT-Trilogie, die mit "Der Atem der Toten" und "Der Hass der Toten" seine Fortsetzung findet. Allen drei Teilen ist in der E-Book-Ausgabe noch eine erweiterte Version beigefügt. Empfohlene Altersfreigabe: ab 16 Jahre. Im Internet: www.armbrustverlag.de.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 731
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Plus ERWEITERTE VERSION (nur beim E-Book) Dieses E-Book enthällt 2 Versionen des Romans: Die herkömmliche Version, die dem gedruckten Buch entspricht, und die erweiterte Version (»Extended Version«), die etwa 15 Seiten länger als die Druckversion ist.
Auch für die Teile 2 und 3 der Trilogie gibt es, ohne Aufpreis in der E-Book-Version mitgeliefert, als Alternative für den Leser eine jeweils etwas länger Version.
»Die Sprache der Toten« ist der erste Teil der Tot-Trilogie.
Teil 2: »Der Atem der Toten«
Teil 3: »Der Hass der Toten«
Armbrustverlag
Empfohlene Altersfreigabe: 16 Jahre..
ISBN E-Book: 978-3-946966-09-8
(ISBN Taschenbuch: 978-3-946966-08-1)
Prolog
Die Fähigkeit zu hassen (1976)
Zwei Narben (1986)
Ein beinahe schöner Tag (1992)
Mr. Spock
Der Mann mit dem Skalpell
Es beginnt
Schreie im Nichts
Karl Palusky verpasst das Abendessen
Hauptkommissar Pauli ärgert sich
Urlaub im Auge des Orkans
Die Sprache der Toten
Epilog
.
Anhang 1: Der Atem der Toten
Anhang 2: Darf's ein bisschen mehr sein?
Warum wir dem Roman die »Extended Version« beigefügt haben
Anhang 3: Weitere Bücher des Armbrustverlags
Anhang 4: Der Autor
Impressum
.
Zum Beginn der EXTENDED VERSION
….......................................................
Deutschland 1992:
Es war das Jahr mit dem heißesten Sommer der 90er Jahre. Bezahlt wurde in D-Mark, und wer unterwegs telefonieren wollte, der musste in eine Telefonzelle gehen.
….......................................................
Tod.
Das bedeutet den sicheren Tod.
Die Computersuche im Zentralarchiv für Organspender war ergebnislos verlaufen. Auf dem Monitor leuchten nur vier Worte: »SUCHE BEENDET, ERGEBNIS NEGATIV«. Doch für Dr. Peter Alban ist es, als steht da noch ein fünftes Wort geschrieben, unsichtbar, unübersehbar: »TODESUR-TEIL«.
Aber... für wen ist es das Todesurteil? Für das Opfer? Wirklich? Normalerweise kämpft man doch im Krankenhaus für die Opfer, kämpft gegen den Tod, will ihn wenigstens für ein Weilchen besiegen.
Doch vielleicht ist diesmal der Tod in der Klinik willkommen.
Dass Peter, erschöpft und ausgelaugt, den Blutgeruch noch in der Nase, über den Tod nachdenkt, sogar über einen gewaltsamen Tod, hat seine Gründe außerhalb der Klinik, hat Ursachen, die mit der Geburt eines Mädchens zusammenhängen.
Und mit Max.
Ursachen, die schon ein paar Monate zurück liegen … ….........................................................................
Max hasste es, wenn das Baby schrie. Geduld war nicht seine Stärke. Genau genommen hatte er überhaupt keine Stärken, wenn man mal von seiner Körperkraft absah – und natürlich von seiner Fähigkeit, zu hassen. So war es fast schon ein Wunder, dass er in den ersten zwei Monaten noch nicht zugeschlagen hatte. Doch dann begannen die Schläge. Zunächst kamen sie in unregelmäßigen Abständen, die aber immer kleiner wurden. Nach weiteren zwei Monaten erfolgte seine Reaktion schon fast mit der Präzision eines Uhrwerks. Er hörte ein Wimmern oder Weinen, und er schlug zu.
Weinen - Schlagen.
Weinen - Schlagen.
Zugegeben, es gab Ausnahmen. Wenn sich seine Gedanken nicht allein auf ihn, auf sein Wünschen und Wollen konzentrierten, wenn er nicht ganz einfach seine Ruhe haben wollte, dann schlug er auch nicht zu. Dann kam es sogar vor, dass er Sahra auf seine starken Arme nahm, und Sahra strahlte über ihr ganzes Gesichtchen, so sehr, dass selbst die blau-schwarzen Flecken auf diesem kleinen Gesicht an Intensität zu verlieren schienen.
Dieses Vergnügen hatte Sahra genau drei Mal gehabt. Denn leider war Max meistens mit eigenen Problemen beschäftigt, die ganz eindeutig den Vorrang hatten. Zum Beispiel fragte er sich, warum dieser blöde Wichser in der Sportschau nicht endlich Fußball brachte, sondern dieses bescheuerte Turnen. TURNEN! – Man braucht doch nur diese Schwuchtel-Trikots zu sehen, um zu wissen, dass diese Affen alle schwul sind!
Oder Max grübelte, wo dieser beschissene Flaschenöffner steckte. – Den hatte doch sicher Sandra verschlampt! Wahrscheinlich sogar mit Absicht, nur um ihn zu ärgern! Na, die konnte was erleben, wenn sie nach Hause kam.
Max war oft in dieser Stimmung.
Max wollte oft seine Ruhe haben.
Weinen - Schlagen.
Sollte er sich denn von diesem Balg, selbst wenn es seine Tochter war, auf der Nase herum tanzen lassen? Er hatte nicht unbedingt Spaß daran, seiner Tochter weh zu tun. Aber wenn Max auch sonst nichts hatte: Sein Kind und seine Frau gehörten ihm. Sie gehörten ihm, also warum sollte er seine Macht nicht nutzen? Und er hasste es so sehr, wenn dieses Gör plärrte.
Er hatte schließlich oft genug selbst von seinem Vater, diesem Mistkerl, Prügel bezogen. Und Prügeln, das war das einzige Mittel, wenn dieses Balg schrie, wenn dieses Balg plötzlich die ganze Welt zu sein schien, die ganze Vergangenheit und die ganze Zukunft. Prügel. Selbst wenn sie nicht immer half. Jedenfalls nicht gegen das Geschrei, denn genau genommen wurde Sahra sogar meistens lauter, statt leiser. Trotzdem genügten in der Regel zwei, drei Schläge, um Max abzukühlen, denn wenn dann plötzlich dieser rote Nebel nicht mehr vor seinen Augen war, wenn dieser Nebel weggewischt war durch das Klatschen einer rauen Hand auf zartes Fleisch, dann störte ihn auch das Wimmern nicht mehr so sehr, und seine Tochter kam die nächsten Tage mit einem trockenen Klaps davon, wenn sie weinte.
Dieses Glück hatte Sahra auch, wenn Max seine Wut schon in ihre Mutter hineingeprügelt hatte. Aber das passierte nicht sehr oft. Denn Sandra wusste – nicht ohne Lehrgeld zu zahlen – wann sie am besten den Mund hielt und mit welchen kleinen Tricks sie Max aus dem Weg gehen konnte. Max wiederum hatte die Erfahrung gemacht, dass er im Bett mehr von Sandras zierlichem Körper hatte, wenn sie ohne Schmerzen war.
Die Jahre, die hinter Sandra lagen, waren nicht gerade überwältigend, und an ihre Zukunft … welche Zukunft? Wenn sie nicht arbeitete oder von Max beansprucht war, verkroch sie sich am liebsten in Fernseh-Seifenopern.
Wenn sie an den Wochenenden etwas ausgeruht war, entsprach ihr Aussehen manchmal noch ihrem Alter. Nur die Augen zeigten, wenn man genau hinsah, weniger Leben als man es bei einer jungen Frau von 21 Jahren erwartet hätte. Noch vor knapp drei Jahren hatten ihre Augen einen wesentlich lebhafteren Ausdruck gehabt, das Grün in ihnen schien kräftiger. Doch das war bald nach ihrer Hochzeit vorbei gewesen.
Hätte sie jemand gefragt, warum sie Max damals das Ja-Wort gegeben hatte, Sandra wäre vermutlich erstaunt gewesen, dass sie die Antwort nicht wusste. Falls es überhaupt jemals eine Antwort gegeben hatte, dann war es vielleicht die, dass sie endlich von ihren Eltern weg wollte. Worüber ihr Vater durchaus nicht unglücklich gewesen war, denn so blieb ihm mehr Geld für die große Liebe seines Lebens – den Schnaps.
Möglicherweise war es anfangs auch der Sex gewesen, der Sandra an Max beeindruckt hatte, eine Vergleichsmöglichkeit hatte sie ja nicht gehabt. Dennoch erkannte sie ziemlich schnell, dass die ungestüme Wildheit von Max nicht einer Leidenschaft für sie entsprang, sondern dass diese Wildheit nur ein Ziel kannte: das Verlangen von Max möglichst rasch und ohne Umwege zu stillen.
Aber es war ohnehin niemand da, um sie zu fragen, warum sie Max geheiratet hatte. Ihr Vater und ihre Mutter waren vollauf damit beschäftigt, mit Alkohol und bedeutungslosen Streitereien ihr Leben aufzuzehren. Ihre wenigen alten Freundinnen hatte Sandra bald nach der Hochzeit verloren. Max waren diese Freundschaften nicht recht gewesen. Unter den Kolleginnen ihrer Putzkolonne war sie die Schweigsamste, und wenn sie einmal sprach, dann sicher nicht über ihren Mann.
Sandra war aus ihrer eigenen Kindheit Schläge gewöhnt, vielleicht war ihre Überraschung deshalb nicht einmal allzu groß gewesen, als Max sie sechs Wochen nach ihrer Hochzeit zum ersten Mal verprügelt hatte. Aber es war ja auch ihre eigene Schuld gewesen. Wie es dazu gekommen war, wäre einem Außenstehenden vermutlich ziemlich klischeebeladen erschienen. Doch es war nun mal wie es war: Max schaute Fußball und hatte Sandra gesagt, dass sie den Staubsauger abstellen solle. Sie dachte, da sie eh gleich fertig wäre, könnte Max ruhig noch ein paar Sekunden warten. Das war ein Fehler. Für Sandra war es jedenfalls kein Klischee, sondern sehr real, sehr brutal und sehr schmerzhaft gewesen.
Als Sandra im zweiten Jahr ihrer Ehe schwanger geworden war, hatte sie irgendwie gehofft, ihr Mann würde dadurch etwas umgänglicher werden. Doch der hatte sich von ihrer Schwangerschaft ganz und gar nicht beeindruckt gezeigt.
Auch sein letzter Job war gerade flöten gegangen, und wenn Sandra wegen der Schwangerschaft nicht mehr putzen konnte, würde die Ebbe in seiner Kasse noch chronischer werden, zumal so ein Balg ja nicht gerade billig im Unterhalt war.
Als Sandra ein gesundes, kräftiges Mädchen zur Welt gebracht hatte, schien Max die ersten Tage tatsächlich etwas freundlicher zu werden. Doch das änderte sich rasch, nachdem Sandra mit dem Kind das Krankenhaus verlassen hatte.
Sandra wusste nicht mehr, in welchem Alter man sie zum ersten Mal geschlagen hatte. Aber als Max die kleine Sahra zum ersten Mal schlug, war das Baby gerade zwei Monate alt. Als sie Max gegenüber andeutete, das könne womöglich etwas zu früh sein, bekam auch sie ihren Teil ab.
Sahra war fünf Monate alt, als kam, was kommen musste. Man könnte sich wundern, dass es nicht schon früher passierte, aber Babys sind manchmal härter im Nehmen als man es für möglich hält.
An diesem Tag war es ohne erkennbaren Grund besonders schlimm gewesen. Sonst schlug Max seine Tochter mit der flachen Hand. Auch diesmal begann er so, mit einem Schlag ins Gesicht. Doch dann folgten zwei harte Schläge mit geschlossener Faust auf den Körper. Zu hart für einen fünf Monate alten Säugling.
*
Als sich am nächsten Tag noch keine Besserung bei Sahra eingestellt hatte und es Sandra nicht gelang, ihr Nahrung einzuflößen, nahm sie all ihren Mut zusammen und trat zögernd auf ihren Mann zu, der auf der Couch am eindösen war und träge in der Nase bohrte.
»Max, ich glaub, Sahra geht es sehr schlecht, wir sollten …«
Ein Zeigefinger wechselte vom rechten ins linke Nasenloch, und ein böser Blick traf Sandra.
»... ich meine, darf ich sie nicht zum Arzt bringen?«
»Biste jetz’ ganz verblödet, oder was? Zum Arzt? Mit den blauen Flecken?«
»Aber so schlimm war es noch nie!«
Sandra kämpfte mit den Tränen, ihr schwirrte der Kopf, schon lange hatte sie Max nicht mehr widersprochen. »Wenn sie... stirbt... die Polizei... die wird doch dann Fragen stellen, oder?«
Jetzt horchte Max auf. »Polizei« war das Stichwort. Er zog den Finger aus der Nase, stand auf und wischte zerstreut einen kleinen Popel an seinem rechten Hosenbein ab – was sonst nicht seine Art war, normalerweise benutzte er sein Taschentuch zum Popelabwischen. Im Taschentuch konnte man die Dinger wenigstens noch einmal begutachten.
Max trat an Sahras Bettchen, und als er seine Tochter zehn, zwanzig Sekunden angestarrt hatte, machte sich tatsächlich so etwas wie Sorge auf seinem Gesicht breit. Sorge darüber, dass wohl ein Haufen Ärger auf ihn zukäme, wenn er den Tod seiner Tochter erklären müsste.
Seine Hand fuhr schabend über seine Bartstoppeln; die Unterlippe über die Oberlippe gestülpt, sog er langsam, mit leise schmatzenden Geräuschen seine Lungen voll Luft und fasste einen Entschluss. Hätte er länger nachgedacht, vermutlich hätte er es riskiert, seine Tochter verschwinden zu lassen, aber er war noch nicht in der Lage, die ganze Tragweite des Problems zu übersehen. Außerdem bereitete es ihm Unbehagen, sich mit Problemen auseinanderzusetzen, zumal wenn sie ihn betrafen.
Langsam wandte er sich zu Sandra um. »Jaa, fahr mal besser mit der Kleinen zu Doktor.« Dann packte er Sandra am Arm und drückte zu, und da er glaubte, dass sie ihm noch nicht ihre volle Aufmerksamkeit schenkte, weil ihre Gedanken vielleicht bei ihrer Tochter waren, drückte er fester zu, bis er den Schmerz in ihrem Gesicht erkennen konnte. »Aber sach’ ihm, die Kleine wär’ aus ’m Hochstuhl gefallen, hörste? Lass dir bloß nich’ einfallen, irgendwelche Geschichten zu erzählen!«
Wie immer, wenn Sandra ihre Tochter mitnahm, schaffte sie zuerst den Kinderwagen mit dem abgeschabten dunkelblauen Stoffverdeck, den sie auf einem Trödelmarkt erstanden hatte, die drei Stockwerke bis zur Straße hinunter. (Max war nie der Gedanke gekommen, ihr dabei zu helfen, und sie hatte ihn – Gott bewahre – auch nie darum gebeten.) Dann kam sie noch einmal herauf, nahm das wimmernde Bündel aus seinem Bettchen und trug es vorsichtig die Treppe des tristen Stiegenhauses eines noch tristeren 50er- Jahre-Baus hinunter. Nachdem sie ihre Tochter sachte in den Kinderwagen gelegt und zugedeckt hatte, beeilte sie sich, zur Bushaltestelle zu kommen. Sieben Minuten später half ihr dort ein freundlicher älterer Herr, den Kinderwagen in den Bus zu tragen. Der Mann hoffte, eine Gesprächspartnerin für die langweilige Fahrt gefunden zu haben. Vielleicht konnte er ihr ja etwas über seine vier Enkelkinder erzählen und ihr die Bilder zeigen, die er immer in seiner Brieftasche bei sich trug? Immer noch lächelnd sah er in den Kinderwagen, dann wurden seine Augen groß, in schneller Folge wurde das Lächeln von Zweifel, der Zweifel von ungläubigem Staunen, das Staunen von Wut und die Wut von zorniger Abscheu abgelöst. Er warf der jungen Frau einen, wie er hoffte, vernichtenden Blick zu und setzte sich in die hinterste Ecke des nur schwach besetzten Busses. Eigentlich war der ältere Herr eine Frohnatur, doch dieses kleine, von Blutergüssen und Schwellungen bedeckte Gesicht hatte ihn so mitgenommen, dass er erst zwei Tage später wieder lachen konnte, als ihm ein Freund am Stammtisch einen guten Witz erzählte.
Sandra hatte die ganze Zeit nur verlegen unter sich gestarrt, aber bald hatte sie andere Sorgen: Während der Fahrt war das Wimmern aus dem Kinderwagen erst lauter geworden, doch dann verstummte es fast ganz, sank herunter zu einem kaum noch wahrnehmbaren, quietschenden Atmen.
Die viertel Stunde Fahrt bis zur Bleichstraße wurde für Sandra zur Ewigkeit. Doch endlich betrat sie die Praxis. Sonst gab sie dabei nur, verlegend unter sich blickend, schweigend ihre Versicherungskarte ab, um sich schnell ins Wartezimmer zu verziehen. Heute aber fragte sie ohne Zögern die zierliche Praxisgehilfin, die hinter einem monströsen Schreibtisch fast zu verschwinden schien, ob sie nicht ausnahmsweise gleich zum Doktor dürfe, sie sei zwar nicht einmal angemeldet, aber ihre Tochter sei schwer gestürzt, und es sei vielleicht etwas ernsthaftes.
Die junge Angestellte war skeptisch. Seit sie vor zweieinhalb Jahren mit der Arbeit für Doktor Braun begonnen hatte, war kein Monat vergangen, in dem nicht eine besorgte Mutter darauf bestand, dass sie unbedingt jetzt zum Doktor müsse, ihr Liebling habe sich bei einem Sturz bestimmt innere Verletzungen, wenn nicht gar schlimmeres zugezogen. Meistens waren diese Fälle mit einem Heftpflaster und einem Bonbon kuriert worden. Dennoch stand die Praxismitarbeiterin auf und warf einen Blick auf das Kind.
Umgehend wurde sie blass und eilte in das Behandlungszimmer des Doktors. Sandra hörte ihre aufgeregte Stimme hinter der verschlossenen Tür, und Sekunden später stand Doktor Braun neben ihr, ein drahtiger Mann von fast sechzig Jahren, der aber dank seines noch immer dichten schwarzen Haarschopfs jünger wirkte.
Als er sich nun Sahra ansah, ihr kurz den Puls fühlte, sagte er kein Wort und blickte nur einmal traurig zu Sandra auf. Dann eilte er zum Telefon und rief einen Krankenwagen. Mit einem zweiten Anruf bereitete er die Hubertus klinik darauf vor, dass sich eines ihrer Operationsteams auf einen Kampf einstellen sollte. Auf einen verzweifelten Kampf, den es wahrscheinlich verlieren würde.
*
Dr. Peter Alban saß zusammengesunken in dem roten, abgeschabten Plüschsessel im Mitarbeiter-Aufenthaltsraum Nr.4 der Hubertusklinik. Schon seit drei Minuten hielt der junge Chirurg die große Kaffeetasse in beiden Händen und starrte in die schwarze Flüssigkeit. Nicht nur körperlich war er völlig am Ende. Klar, als Chirurg – und ganz besonders in der Unfallchirurgie – musste man schon einiges ertragen können. Aber so deprimierende Stunden wie heute hatte er lange nicht mehr durchlebt.
Die ganze Woche war ungemein hart gewesen. Erst innerhalb von zwei Tagen diese beiden jungen Motorradfahrer und jetzt auch noch das.
Drei Stunden hatte er die Kleine operiert, hatte sein Bestes gegeben, das Unmögliche versucht. Dann war sie ihm unter den Händen gestorben. So winzig war sie gewesen. So kurz auf dieser Welt. Er hatte noch nicht einmal die grünen Latexhandschuhe ausgezogen, da hatte ihn Karl benachrichtigt, dass in wenigen Minuten noch ein kleines Mädchen auf ihrem Operationstisch liegen würde, ebenfalls in sehr kritischem Zustand. Diesmal sei es aber kein Verkehrsunfall, sondern ein Haushaltsunfall – angeblich, dem Augenschein nach allerdings eher ein sehr übler Fall von Kindesmisshandlung.
Also hatte sich Peter mit seinem Team, das von den vorausgegangenen drei Stunden genauso erschöpft war wie er, auf den neuen Einsatz vorbereitet. Der Operationstisch war desinfiziert, neue grüne Laken und neues, wie Eis glitzerndes Operationsbesteck waren bereitgelegt worden, und sie hatten noch einmal weit über drei Stunde gekämpft. Doch was hatten sie erreicht? Noch lebte das Mädchen, und das allein war schon erstaunlich. Doch was nutzte das, wenn die Kleine praktisch keine Chance hatte, noch viel länger durchzuhalten. Wie war doch gleich ihr Name? Sahra.
Noch lebte Sahra. Aber Peter bezweifelte, dass ihm mehr als ein Aufschub gelungen war. Vielleicht zwei, drei Tage, vielleicht nur Stunden. Er kam einfach nicht weiter. Die Prellungen allein waren schon schlimm, aber nicht lebensgefährlich. Die drei gebrochenen Rippen waren für den Säugling schon gefährlicher, doch das Schlimmste waren die inneren Verletzungen. Die inneren Blutungen waren zwar nur gering gewesen, aber viel zu lange unbehandelt geblieben.
Wenigstens hatten sie die Blutungen bei der Notoperation stoppen können, und die verletzte Milz könnte sich erholen, falls sie die Zeit dazu bekam. Aber eine Niere war so stark geschädigt, dass sie nur noch einen Bruchteil ihrer lebenswichtigen, reinigenden Funktion ausüben konnte und vermutlich bald völlig nutzlos war. Die zweite Niere war derart zerquetscht gewesen, dass keine andere Wahl geblieben war als sie ganz zu entfernen. Es würde nicht mehr lange dauern, und dieser kleine Körper würde sich selbst vergiften. Natürlich würden sie es mit einer fortgesetzten Dialyse versuchen, doch diese Prozedur der Blutwäsche war anstrengend, und das Baby schwebte ohnehin am Rande des Todes – sehr wahrscheinlich wäre das letzte bisschen Kraft, das noch in diesem kleinen Menschen steckte, bald überfordert. Und das wäre dann das Ende.
Einzig eine Organtransplantation hätte noch eine gewisse Hoffnung geboten. Aber Peter wusste, wie verschwindend gering die Chance war, dass gerade in diesem Augenblick passende Transplantate bereitstehen würden. Schließlich besaß jeder Körper die Schutzfunktion, Fremdkörper abzustoßen. Und genau diese Schutzfunktion würde sich in ihr Gegenteil verkehren, würde den Körper töten, wenn das Spenderorgan nicht exakt zum Empfänger passte. Nicht nur die Blutgruppe, auch die verschiedenen gewebetypischen Merkmale müssten identisch sein. Ja die Übereinstimmungen müssten so genau sein, wie man es allenfalls bei Blutsverwandten findet. Eine weitere Schwierigkeit: Noch viel zu wenig Organspenderausweise waren im Umlauf, und Angehörige von Unfallopfern wollten die Organentnahme bei ihren verstorbenen Verwandten oft nicht gestatten.
Natürlich kam es wie befürchtet: Die Suche im Zentralarchiv für Organspender war erfolglos geblieben. Auf dem Monitor war ein schlichtes »SUCHE BEENDET, ERGEBNIS NEGATIV« erschienen – und das war dann das Todesurteil.
Während Peter noch in seinen Kaffee starrte, flog die Tür des Aufenthaltsraumes auf. Karl Palusky, kaum durch den Türrahmen passend, kam wütend herein gestapft und ließ das Zimmer gleich ein paar Nummern kleiner erscheinen. Dem Anästhesist auf dem Fuß folgte OP-Schwester Roswitha Zapf. Die beiden befanden sich in einer erregten Unterhaltung, Peter konnte gerade noch hören, wie sein Narkosearzt zornbebend einen Satz beendete: »... und dann auch noch die eigene Tochter! Himmelherrgott – wenn der Scheißkerl morgen hierher kommt, wenn der mir über den Weg läuft, den zerlege ich in sämtliche Einzelteile.«
Mit sarkastischer Stimme, aber mit traurigem Gesicht entgegnete Roswitha: »Ja, mach das, und das Resultat davon ist dann, dass wir einen ausgezeichneten Anästhesisten verlieren. Du müsstest vielleicht länger in den Bau als dieser Dreckskerl für das, was er seiner Tochter angetan hat.«
»Verdammt, VERDAMMT, VERDAMMT, können wir denn gar nichts tun?«
»Tun? Klar, das Übliche tun wir: Wenn die Kleine tot ist, werden wir sie zur Pathologie bringen. Die Kollegen werden sie obduzieren und einen Bericht schreiben. Der Bericht wie auch unser eigener werden besagen, dass Klinger und seine Frau gelogen haben, dass ihr Kind nicht aus dem Hochsitz gefallen ist, sondern dass es zu Tode geprügelt wurde, dass es einen langen, qualvollen Tod starb. Diese Berichte werden dann vor Gericht als Beweise angesehen, und sie werden Max Klinger, vielleicht auch seine Frau, verurteilen. Oh, natürlich werden sie dabei alles Mögliche berücksichtigen, zum Beispiel, dass dieser Max aus zerrütteten Verhältnissen stammt, dass er arbeitslos ist, und wenn er ein bisschen Glück hat, dann ist er auch noch Alkoholiker. Und in fünf, sechs Jahren, mit ein wenig guter Führung schon früher, wird dieser Max wieder beim Bier in seiner Stammkneipe sitzen. An Sahra denkt bis dahin eh kein Mensch mehr.«
Roswitha, die erregt auf und ab marschiert war, ließ sich nun in einen Sessel neben Peter fallen und starrte düster vor sich hin. Karl sah verzweifelt zu dem Chirurgen hinüber: »Gibt es denn keine Chance für die Kleine? Wir könnten uns noch einmal direkt bei der Organbank erkundigen?«
»Zwecklos«, winkte Peter müde ab, »ich habe schon alle Möglichkeiten doppelt und dreifach prüfen lassen. Oh ja, wenn uns ihr Vater den Gefallen tut und fällt auf der Stelle tot um! – Aber nein, selbst das wäre keine Hilfe. Ich würde mein Leben darauf verwetten, dass der Kerl keinen Organspenderausweis hat. Wenn er abkratzt, dann gäb es zwar passendes Material, aber wir kämen nicht dran.«
Schwester Zapf sprang nun wieder aus ihrem Stuhl auf und begann von neuem ihren Marsch durch den Aufenthaltsraum. »Und selbst wenn doch noch ein Wunder geschieht und die Kleine überlebt. Was dann? Vermutlich wird sie ihren Eltern weggeholt, vermutlich sage ich, denn nicht einmal das ist sicher. Bis das Gerichtsverfahren beendet ist und sie dann zur Adoption freigegeben wird, ist sie schon fast drei Jahre alt, also wird es auch weniger Interessenten für sie geben. – Die meisten Adoptiveltern wollen lieber Babys.«
Sich nachdenklich sein Kinn reibend murmelte Karl: »Ich frage mich nur, warum die Mutter nichts unternommen hat.«
»Ich habe Sandra Klinger in der Aufnahme getroffen. Möglich, dass sie ihre Tochter mag, vielleicht sogar auf ihre Weise liebt, aber diese Frau wird ja nicht mal mit ihrem eigenen Leben fertig. Sicher kein Einzelfall, so was. Die steht unter der Fuchtel von ihrem Alten. Ich glaub’, sie kann es sich einfach nicht vorstellen, plötzlich alleine mit ihrem Kind da zu stehen, selbst wenn ihr Mann noch so ein mieser Kotzbrocken ist.« Unvermittelt wandte sich Roswitha dann an den Chirurgen: »Sag mal, weißt Du eigentlich, ob man die Eltern der kleinen Anna schon ausfindig gemacht hat?«
Für Peter kam der Themenwechsel zu schnell: »Anna? Welche Anna?«
»Na das Unfallopfer von heute morgen.«
Schuldbewusst musste sich Peter eingestehen, dass er über den Säugling, der im Sterben lag, den toten Säugling fast vergessen hatte. Nicht einmal den Namen des toten Mädchens hatte er gekannt. Nur über den Unfall wusste er Bescheid, der Fahrer des Notarztwagens hatte die entsprechenden Informationen schon über Funk durchgegeben: Ein Motorradfahrer hatte beim Linksabbiegen übersehen, dass die Fußgängerampel ebenfalls grün zeigte. Er prallte mit ziemlicher Geschwindigkeit in den Kinderwagen, den eine Dame mittleren Alters gerade über den Zebrastreifen schob. Mit einem Integralhelm wäre der Motorradfahrer vermutlich glimpflich davon gekommen, aber er hatte überhaupt keinen Helm getragen. Sein Genick brach, als er mit gebeugtem Kopf voran auf die Straße prallte.
Obwohl der Kinderwagen die Hauptwucht des Aufpralls abgefangen hatte, war auch die Frau schwer verletzt worden. Peters Kollege Dr. Klapsch hatte sich ihrer in OP-4 angenommen. Sie würde wohl durchkommen, aber noch lag sie ohne Bewusstsein auf der Intensivstation. Und Anna? Was aus ihr geworden war, wusste Peter ja. »Woher kennst Du eigentlich ihren Namen?«, fragte er die OP-Schwester.
»Na, die Buschtrommeln haben halt funktioniert: Ein Streifenbeamter, der am Unfallort erste Hilfe geleistet hatte, ist mit ins Krankenhaus gekommen. Er hat dann von der Rezeption aus noch einmal im Revier angerufen und ’n bisschen mit Irmie vom Empfang gequatscht... Auf jeden Fall hat die Polizei durch die Papiere der Frau herausgefunden, dass sie die Großmutter der Kleinen ist. Der Vater ist Anwalt. Er hat offenbar bei einer Wohltätigkeitstombola eines betuchten Klienten einen Kurztrip nach Paris gewonnen und ist gestern mit seiner Frau abgezischt, und die Tochter...«, Roswithas Blick verdüsterte sich noch mehr, »tja, auf die sollte die Oma aufpassen. Man darf gar nicht dran denken... Da bummelt jetzt ein junges Ehepaar durch Paris, freut sich über einen kleinen zusätzlichen Urlaub, und wenn dann die Polizei ihr Hotel ausfindig gemacht hat, müssen sie erfahren, dass ihr Kind gestorben ist, während sie vielleicht gerade gemütlich in einem kleinen Bistro gesessen haben.«
»Nein«, schaltete sich Karl ein, dem gerade ein Gedanke gekommen war, der ihm eine Gänsehaut über den Rücken schickte, »im Augenblick würden sie nur ins Ungewisse gestürzt werden, denn außer unserem Operationsteam weiß ja noch niemand, dass Anna tot ist. Wir hatten doch kaum Zeit, uns auf die nächste OP vorzubereiten. O Gott – Ich selbst hab’ den Leichnam schnell in die Leichenhalle gebracht, aber zu irgendwelchen Formalitäten blieb keine Zeit, ich musste ja wieder im OP sein, als Sahra eingeliefert wurde. Das muss ich gleich in Ordnung bringen.«
Mit einem Seufzer wandte sich Karl der Tür zu. Doch er wurde von Peter zurückgehalten, der eigentümlich ruhig meinte: »Warte mal. Für Anna können wir nichts mehr tun. Aber vielleicht gibt es eine Möglichkeit, wie wir Sahra doch noch helfen können.«
Peter war wütend.
Er war wütend und verzweifelt, weil es Motorräder gab, die Familien zerrissen und weil es Väter gab, die ihre eigenen Kinder erschlugen. Er war wütend und verzweifelt, weil es keinen gütigen Gott gab, der seine schützenden Hände hob und keinen jungen Chirurgen, der mit seinem Skalpell die randalierende Ungerechtigkeit aus der Welt schneiden konnte. – Peter war wütend und verzweifelt genug, um einmal, wenigstens einmal in seinem Leben den Göttern ein Schnippchen zu schlagen, um nur dieses eine Mal selbst das Schicksal zu sein. Oh ja, diesmal würde er das schadenfrohe Gelächter auf dem Olymp ersticken, denn er gedachte, die Gerechtigkeit mit einem festen Tritt in ihren trägen Arsch zum Sieg zu treiben.
Es war Peter bewusst, dass es eine gewagte, eine sehr gewagte Idee war. Aber unmöglich? Nein, aus seiner Position heraus konnte es klappen. Doch würden Karl und Roswitha mitmachen? Roswitha hatte selbst eine Tochter. Und sein Freund Karl? Ein Bär von einem Mann, aber als Sahra nach der Operation mit wenig Aussicht auf Rettung in die Intensivstation gebracht worden war, da hatte er sich schnell einmal verstohlen über die Augen gewischt.
Ja, sie würden, sie mussten einfach mitmachen. Und der Rest seines Team? Er müsste es ungewöhnlich klein halten. Randy, Sabine und – nun ja – auch noch Kurt, das musste genügen. Er würde sie einfach vor vollendete Tatsachen stellen, dann würden sie ihn schon nicht reinreißen. Außerdem brauchten sie nur einen Teil des Planes zu erfahren. Doch es wäre sicherer, wenn er auch noch Unterstützung in der Verwaltung hätte... der alte Lutz! Dem Haudegen würde es vermutlich sogar Freude bereiten, so kurz vor der Pensionierung noch ein ordentliches Ding zu drehen.
Roswitha und Karl hatten Peter gespannt angesehen, doch schließlich hielt es Roswitha nicht mehr aus: »So red’ doch endlich! Was hast Du vor?«
Von Peter schien jede Müdigkeit gewichen. Eben noch war er mit geschlossenen Augen und gefurchter Stirn in seinem Sessel zurückgesunken, schon im nächsten Augenblick sprang er auf und knallte die Tasse mit dem jetzt kalten aber immer noch unberührten Kaffee so heftig auf den kleinen Beistelltisch, dass ein Viertel des trostlosen Inhaltes überschwappte. Dann schloss er die Tür des Aufenthaltsraumes ab, fasste seine Freunde scharf ins Auge, sammelte sich und begann: »Hört zu, wir sind heute ganz schön mitgenommen, aber das ist ja auch kein Wunder. Mit dem Tod sind wir zwar schon oft in Berührung gekommen – man kann nun mal im Operationssaal nicht immer Erfolg haben. Auch Kinder haben wir schon sterben sehen. In unserem Beruf härtet man entweder ganz schnell ab oder man geht vor die Hunde.«
Zustimmendes Nicken von beiden Seiten.
»Nun, wir sind zwar abgehärtet, aber Gott sei dank noch nicht völlig abgestumpft, und Kindesmisshandlung, besonders ein solcher Fall wie heute, der durchdringt selbst unseren Abwehrpanzer. Was mich ärgert, was mich rasend macht: Dieser Kerl, der angeblich ihr Vater ist, spaziert munter durch die Gegend, aber die Kleine muss sterben, ohne jeden Grund und Zweck. Es war nicht einmal wie bei Anna, die das Unglück hatte, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein – und durch einen Verkehrsunfall zu sterben ist wahrhaftig schon sinnlos genug! Die ganze Ursache der Katastrophe besteht darin, dass ein erwachsener Mann absolut unfähig ist, sich zu beherrschen«, bei jeder Silbe hatte er die fest zur Faust geballte rechte Hand in die linke Handfläche patschen lassen.
»Sicher«, fuhr Peter fort, »dieser Mann ist vielleicht selbst ein Opfer. Ein Opfer seiner Erziehung, seiner Lebensumstände und seiner Dummheit. Mag sein sogar ein Opfer der viel gescholtenen Gesellschaft. Das ist eine Wahrheit. Aber genauso eine Wahrheit ist es, dass es...«, Peter suchte nach dem passenden Wort, aber schließlich fiel ihm nur das eine ein: »dass es böse ist, ein kleines Kind halb tot zu prügeln, dass es unerträglich ist, seine eigene Tochter derart zuzurichten. Ich könnte schreien über diese Ungerechtigkeit. Die Kleine wird in ihr Grab geprügelt, noch bevor ihr Lebe richtig begonnen hat.« – Peter holte einmal tief Luft – »Freunde, ich habe mich entschlossen, dieses eine Mal selbst Schicksal zu spielen. Und wenn ihr mir helft, mein kleines Wunder zu inszenieren, wenn wir zusammenhalten, und wenn Sahra nur noch ein paar Stunden durchhält, dann retten wir sie vielleicht doch noch!«
Peter erklärte seinen Plan. Roswitha stimmte nach kurzem Bedenken mit düsterer Entschlossenheit zu. Gemeinsam hatten sie bald auch Karls Einwände zerstreut und ihn überredet, bei dem Wagnis mit zu machen. Schon fünfundzwanzig Minuten später verließen sie den Aufenthaltsraum, wobei jeder für sich ein kurzes Stoßgebet zum Himmel richtete, dass Sahra noch etwas durchhalten möge. Dann begannen sie mit den Vorbereitungen.
*
Obwohl Max am Abend noch ein paar Biere mehr als gewöhnlich in sich hineingekippt hatte, und obwohl er ansonsten nicht unter Schlaflosigkeit litt, wollte sich der Schlaf in dieser Nacht nur schwer eingestellt. Denn so ganz langsam war in ihm die Erkenntnis gereift, dass er es Sandra etwas vorschnell erlaubt hatte, ihre Tochter ins Krankenhaus zu bringen. Nachdem seine Frau zurückgekommen war, hatte er ihrem Gestammel zuerst nur entnehmen können, dass er diesmal wohl zu hart..., dass der Unfall lebensgefährlich war. Erst nach zwei kräftigen Ohrfeigen riss sich Sandra zusammen und Max erfuhr, dass die Geschichte mit dem Hochstuhl nicht so gut angekommen war und dass das Krankenhaus die Staatsanwaltschaft und die Polizei informieren würde. Im Gegensatz zu Max war es dem Krankenhauspersonal natürlich gleich aufgefallen, dass fünf Monate alte Babys noch nicht im Hochstuhl sitzen können. Aber auch ohne diese Lügengeschichte hätten die Verletzungen eine deutliche Sprache gesprochen. Da kam einiges auf Max zu, was ihn mit Unbehagen erfüllte: Polizei, Anwälte, Gericht und wahrscheinlich würden ihn bald ständig irgendwelche Sozialfuzzis zulabern. Ja am Ende – sein eigener Gedanke ließ ihn vor Erstaunen die Augen aufreißen – am Ende musste er gar ins Gefängnis! Und wer war schuld? Als Max vor dem Zubettgehen an Sahras Kinderbettchen vorbeigekommen war, hatte er sich ganz automatisch darüber gebeugt, um seiner Tochter auf seine Art zu erklären, was er davon hielt, dass sie ihm soviel Ärger bereitete. Aber das Bett war natürlich leer gewesen.
Bevor Max einschlief, kam er zu der Überzeugung, dass er am nächsten Tag ins Krankenhaus gehen sollte, um allen zu zeigen, was für ein besorgter Vater er war. Doch er sollte früher ins Krankenhaus kommen als er es geplant hatte.
*
Kurz nach Mitternacht begann das Telefon im Wohnzimmer der Klingers zu läuten. Max schreckte aus dem Schlaf hoch und begann ansatzlos zu brüllen: »So ein Arschloch! Hat der denn keine scheiß Uhr? Sandra, geh ‘ran und sag dem Idioten, er soll sich das scheiß Telefon in seinen scheiß Arsch schieben!«
Aber Sandra, die ohnehin noch nicht geschlafen hatte, war schon im Wohnzimmer und nahm gerade den Hörer ab. Nach etwa zwanzig Sekunden hörte Max seine Frau ausrufen: »Oh Gott, nein!« Und dann: »Ja – ja, wir kommen sofort.« Dann wurde aufgelegt, erneut abgehoben, und Max vernahm mit wachsendem Erstaunen, dass seine Frau mit zitternder Stimme ein Taxi bestellte. Na, das wurde ja immer besser! Mitten in der Nacht wollte sie ihn irgendwo hin schleifen? Und dann bestellte sie auch noch ohne seine Erlaubnis ein scheiß Taxi?
Sandra kam leichenblass ins Schlafzimmer zurück. »Das Krankenhaus!«
Erst da fiel Max der Unfall wieder ein.
Er brummte: »Was ‘n los?«
»Sie sagen, es ginge Sahra sehr schlecht, und sie – oh Gott – sie wird die nächste Stunde nicht überleben!«
Ihre Stimme war immer lauter und schriller geworden, jetzt begann sie unkontrolliert zu zittern und zu weinen.
Max stand nun endlich auf, versetzte seiner Frau eine schallende Ohrfeige, dass sie gegen die Wand geschleudert wurde, und brüllte: »Verdammt, jetzt reiß dich bloß zusammen! Zieh dich an und denk dran...«, er schüttelte sie heftig, »... erzähl ja keinen Quatsch im Krankenhaus!«
Sandra hörte auf zu weinen und brachte sich wieder unter Kontrolle. Weniger, weil Max sie geschlagen hatte, sondern einfach deshalb, weil sie immer das tat, was Max sagte.
Die Fahrt zum Krankenhaus verlief schweigend. Selbst der Taxifahrer, der sonst nichts gegen einen Plausch einzuwenden hatte, hielt lieber den Mund. Er spürte, dass er den großen Kerl da hinten im Fond besser nicht ansprach, und die junge Frau schien ohnehin nicht ansprechbar zu sein.
Der Nachtportier der Klinik war schon auf die Ankunft der Klingers vorbereitet. Er führte sie zu Dr. Albans Büro im vierten Stock, klopfte und ging zurück zu seiner Arbeit.
Auf das »Herein« von drinnen öffnete Max die Tür und trat ein, gefolgt von seiner zögernden Frau.
Hinter einem funktional wirkenden Metallschreibtisch saß ein junger Arzt, auf der Kante des Schreibtisches hockte eine übermüdet aussehende Schwester, die sich offenbar gerade mit dem Arzt unterhalten hatte und nun dem Ehepaar Klinger mit unverhohlener Feindseligkeit entgegen starrte. Der Arzt kam um seinen Schreibtisch herum, begrüßte das Ehepaar aber nicht und bot auch keinen Platz an. Er musterte sie nur einen Augenblick schweigend mit verschränkten Armen und sagte, gerade als Max den Mund aufmachen wollte, mit ernster Stimme: »Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass sie zu spät kommen. Ihre Tochter ist vor wenigen Minuten verstorben.«
Sandra konnte nicht länger an sich halten, schlug die Hände vors Gesicht und begann hemmungslos zu weinen. Max wollte sie schon, aus reiner Gewohnheit, anbrüllen, als ihm gerade noch einfiel, dass sich das wohl nicht sehr gut machen würde. Stattdessen tat er etwas, was er noch nie gemacht hatte, er murmelte: »Schon gut, Liebes« und legte seiner Frau die Hand auf die Schulter; dabei hoffte er, es würde dem Doktor entgehen, dass er durchaus fester zudrückte als es für ein tröstendes Handauflegen notwendig war. Aber er erlebte eine Überraschung, denn auch seine Frau tat etwas, woran sie bisher nicht einmal im Traum zu denken gewagt hatte: Sie wischte seine Hand von ihrer Schulter und trat einen Schritt beiseite. Doch sie sagte nichts und weinte weiter vor sich hin.
»Nun, Herr Klinger, kommen Sie bitte mit«, meinte Dr. Alban mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete, »Sie müssen noch ein paar Unterschriften leisten, die bestätigen, dass es sich bei der Toten um ihre Tochter handelt«, und mit einem Blick auf die weinende Sandra Klinger fuhr er fort: »Ihre Frau lassen wir wohl besser hier in der Obhut von Schwester Zapf.« Dann öffnete er die Tür und winkte Max, ihm zu folgen.
Nachdem die beiden gegangen waren, bugsierte Schwester Zapf Sandra sanft auf einen Stuhl. Obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, es nicht soweit kommen zu lassen, hatte Roswitha Zapf nun doch fast etwas Mitleid mit der jungen Frau, zumal ihr inzwischen die blaue, hässliche Verfärbung auf Sandras linker Wange aufgefallen war.
Schwester Zapf setzte sich wieder auf die Schreibtischkante und verschränkte die Arme, Sandra saß mit tief gesenktem Kopf auf ihrem Stuhl. Abgesehen von einem gelegentlichen Schluchzer Sandras warteten die Frauen schweigend. Nach etwa zehn Minuten hörte man draußen eilige Schritte von mindestens zwei Personen, dazu das Rollen eines Wagens, der hastig vorbeigeschoben wurde und weiter unten gegen eine der zweiflügeligen Schwingtüren rumste, die den Flur unterteilten. Nach weiteren fünfundvierzig Minuten kamen die eiligen Schritte – diesmal nur von einer Person – zurück und hielten vor der Tür.
Dr. Alban kam herein. Roswitha Zapf fiel gleich auf, wie blass und nervös er war, doch als er ihr verstohlen zunickte, beruhigte sie sich wieder. Sandra starrte immer noch zu Boden, ihr war es nicht einmal aufgefallen, dass Max so lange fortblieb.
Peter Alban stellte sich nun direkt vor Sandra: »Frau Klinger, ich habe eine...«, der Ausdruck schlechte Nachricht wollte ihm nicht über die Lippen kommen, »... ihr Mann...«
Bei dem seltsamen Klang der Stimme des Arztes sah Sandra mit verweinten Augen auf. »Was ist mit Max?«
»Frau Klinger, ihr Mann ist im vierten Stock über das Treppengeländer gesprungen. Wir haben eine Notoperation versucht, aber... Ihr Mann hat sich das Leben genommen.«
Das war zu viel für Sandra.
Dieser neue Schock war so groß, dass ihr nicht einmal auffiel, wie überaus merkwürdig es war, dass ausgerechnet ihr Max sich das Leben genommen hatte. Erst Tage später sollte ihr dieser Gedanke kommen, doch dann sprach sie nicht darüber, denn bis dahin hatte sich ein ganz anderes Gefühl bei ihr eingestellt: Frei! Endlich frei!
Im Augenblick allerdings war Sandras Welt vollends aus den Fugen geraten. Sie sank ohnmächtig vom Stuhl. Dr. Alban sorgte dafür, dass sie in ein Einzelzimmer gebracht wurde und ein starkes Beruhigungs- und Schlafmittel verabreicht bekam. Er selbst, wie auch Schwester Roswitha Zapf und der Anästhesist Karl Palusky hatten noch einiges zu tun.
*
Einen Tag später erschien der Fall in sämtlichen Zeitungen, vor allem die Boulevardpresse stürzte sich darauf: »MANN ERSCHLÄGT EIGENES BABY – STÜRZT SICH AUS REUE IN DEN TOD«, so oder ähnlich lauteten die Überschriften, darunter folgten dann die wildesten Vermutungen und Gerüchte. Ein Reporter des Purpur-Blattes versuchte am nächsten Tag sogar, in das Krankenzimmer der Mutter vorzudringen. Den Polizist vor der Tür hatte er mit einem fingierten Anruf weggelockt. Doch im Zimmer sah er sich plötzlich einem riesigen Mann im weißen Kittel gegenüber. Statt einer Story bekam der Reporter ein dickes blaues Auge und eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch.
Die seriöse Presse ging alles etwas sachlicher an. So stand zum Beispiel in der Saarfurther Zeitung: »... schließlich stand Kommissar Pauli von der Mordkommission in einer Pressekonferenz Rede und Antwort. Mit ernster Stimme erklärte er, die Untersuchungen deuteten bisher darauf hin, dass die kleine Sahra von ihrem eigenen Vater, Max K., zu Tode geprügelt wurde.
Max K. hat sich durch einen Sprung in den Tod der Verantwortung entzogen. Er und seine Frau waren noch in der Todesnacht der kleinen Sahra in die Hubertusklinik bestellt worden. Im mittleren Treppenhaus der Klinik ist der Abstand zwischen den einzelnen Treppen besonders groß, um Platz für eine Spezialhebebühne zu lassen, die dem Transport schwerer Gerätschaften dient. Dort, im vierten Stock, stieg Max K. plötzlich über das Geländer und sprang, ohne einen Laut von sich zu geben, in die Tiefe, so der Augenzeuge Dr. Peter Alban. Der Doktor, der auch schon die kleine Sahra betreut hatte, leitete sofort eine Notoperation ein, doch Max K. erlag schon kurze Zeit später seinen schweren Verletzungen.
Als Sandra K. vom Tod ihres Mannes erfuhr, erlitt sie einen Nervenzusammenbruch. Sie steht derzeit noch unter ärztlicher Aufsicht und konnte noch nicht vernommen werden.«
In einem Kommentar zu dem Bericht folgten die üblichen Fragen: Warum denn den Nachbarn nichts aufgefallen sei, oder ob sie die Schreie der kleinen Sahra einfach nicht hören wollten?
Das Sozialamt wurde ebenfalls heftig angegriffen, und da der zuständige Reporter der Saarfurther Zeitung eher der Opposition zuneigte als der Regierungspartei des Bundeslandes, sparte er auch nicht mit Seitenhieben auf den Minister für Soziales, der am darauffolgenden Tag in einem Fernsehinterview seine Betroffenheit zum Ausdruck brachte und sich im selben Atemzug aufs heftigste verwahrte.
Nach zwei Wochen war das Interesse der Medien schon merklich abgekühlt, keine zehn Tage darauf erloschen. Ein halbes Jahr später flammte es noch einmal kurz auf, als es zur Verhandlung gegen Sandra Klinger kam und man die ganze Story wieder aufwärmen konnte.
Die Richterin hatte durchaus den richtigen Eindruck, dass Sandra den Tod ihrer Tochter noch immer nicht verkraftet hatte und dass sie einfach zu schwach gewesen war – und zu dumm, was natürlich in der Verhandlung etwas umschrieben wurde –, um das Verbrechen zu verhindern. Außerdem sagten Dr. Alban und Schwester Zapf zu ihren Gunsten aus, dass sie wohl selbst ein Opfer von Max Klinger gewesen sei. Sie attestierten ihr für den Tag von Max Klingers Tod blaue Flecken und Schwellungen im Gesicht und Blutergüsse an den Schultern.
Das Gericht kam zu dem Schluss, dass Max Klinger alleine den Tod seiner Tochter herbeigeführt hatte, betonte aber die Mitschuld Sandras. Verurteilt wurde sie jedoch lediglich wegen Vernachlässigung der Fürsorgepflicht. Die Richterin hatte es sich nicht leicht gemacht, aber die Angeklagte kam mit einer Bewährungsstrafe davon.
..................
Nach zehn Jahren waren die Ereignisse in Saarfurth fast vergessen. Nur noch selten konnte man die Geschichte an Stammtischen aufschnappen, wobei die meisten Versionen um die Komponenten »Vergewaltigung« und »Inzucht« bereichert worden waren. Sandra Klinger wohnte schon lange nicht mehr in der Stadt. Einige glaubten zu wissen, dass sie in einen Vorort gezogen sei, doch ein Jahr nach ihrer Verhandlung, es war gerade Sauregurkenzeit, hatte ein Reporter versucht, sie dort aufzustöbern. Es war derselbe Mann, der sich in der Hubertusklinik – »wegen ihr«, wie er meinte – ein blaues Auge eingefangen hatte. Doch obwohl ihn noch immer der Zorn wegen seines Reinfalls von damals antrieb, suchte er vergeblich. Sandra Klinger blieb verschwunden.
*
An einem Abend, auf den Tag genau zehn Jahre nachdem Max Klinger in der Hubertusklinik den Tod wenn auch nicht gesucht so doch gefunden hatte, kletterte ein Mädchen in einem Einfamilienhaus am Rande von Saarfurth gut gelaunt aus der Badewanne. Abgesehen davon, dass ihr schlechte Laune ohnehin so ziemlich unbekannt war, hatte sie gleich vier Gründe für ihre fabelhafte Stimmung: Es war ihr erstes Bad in dem schönen neuen Haus, außerdem gehörte das Bad im ersten Stock ihr ganz allein (na ja, und ihrem Bruder Tom, aber kleine Brüder zählen nicht, oder?) Und ihr Bad war sogar größer als das einzige Bad ihrer alten Wohnung, das mit einer Dusche für alle reichen musste. Das Beste aber war natürlich, dass sie es geschafft hatte, ihren Bruder zu schlagen, der ebenfalls der Erste in der Wanne sein wollte – natürlich nur um sie zu ärgern, was konnte man von einem kaum siebenjährigen Wicht auch anderes erwarten? Aber sie hatte ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen, und nachdem er fünf Minuten vor der verschlossenen Türe geschimpft und gemotzt hatte, war er endlich abgezogen.
Während sie sich abtrocknete, freute sie sich schon auf die erste Nacht in ihrem neuen Zimmer. Sie wollte gerade in ihren frischen Schlafanzug schlüpfen, als ihr wieder die beiden Narben auf ihrem Bauch auffielen. Klar, die hatte sie schon vor Jahren entdeckt, aber damals war sie mit der Erklärung zufrieden gewesen, dass sie als Säugling gefallen sei. Doch ohne dass es dafür einen bestimmten Anlass gegeben hätte, kam es ihr plötzlich in den Sinn, dass diese Narben unmöglich von einem harmlosen Sturz herrühren konnten. Aber warum sollten ihre Eltern den wahren Grund vor ihr verschwiegen haben? Na ja, manchmal glaubten Erwachsene – und ganz besonders, wenn es sich dabei um Eltern handelt –, dass bestimmte Angelegenheiten vor Kindern verheimlicht werden müssten. Natürlich hatten sie damit nie lange Erfolg. Erwachsene waren schon manchmal komisch.
Während sie den Schlafanzug anzog, beschloss sie, das Geheimnis zu lösen, und sie benutzte dazu den direktesten Weg. Sie marschierte ins Wohnzimmer hinunter. Ihr Bruder streckte ihr die Zunge heraus und verschwand Richtung Bad, ihre Eltern saßen, erschöpft von den letzten Umzugsarbeiten, auf der Couch und sahen ohne großes Interesse einen Fernsehquiz.
Sie baute sich vor ihren Eltern auf, klopfte sich auf den Bauch und kam ohne Umschweif zur Sache: »Also, eigentlich könntet ihr mir so langsam sagen, woher diese Narben wirklich kommt. Immerhin bin ich fast elf.« (Wobei das »fast« doch ein bisschen übertrieben war.)
Ihre Eltern waren zwar überraschende Fragen gewöhnt, aber diese hatte sie nun doch wieder kalt erwischt. Sie sahen sich an und wollten im ersten Augenblick zu Ausflüchten greifen. Doch schließlich zuckte ihre Mutter mit den Schultern und meinte, während sie den Fernseher abstellte: »Vermutlich hat sie recht.«
Der Vater sah seine Tochter an und nickte ihr schließlich zu: »Also gut, Anna. Komm, setz dich zwischen uns.«
Gespannt kuschelte sich Anna zwischen ihre Eltern.
Kathrin Silvan, inzwischen 36 Jahre alt, hatte ihr kastanienbraunes Haar, wie meist, zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Die sportliche Frau mit den braunen Augen benutzte ohnehin wenig Make-up, heute hatte sie, wegen der Umzugsplackerei, gar keines aufgelegt. Für eine Mitteleuropäerin saßen ihre Wangenknochen ziemlich weit oben, und sie war eher der dunkle Typ, hatte aber dennoch ein paar Sommersprossen um die gerade Nase verteilt. Lars Silvan, ein schlanker Mann mit schwarzen Haaren, war mit gut 1,80 Meter nur wenig größer als seine zwei Jahre jüngere Frau. Er hatte nahezu exakt die gleiche braune Augenfarbe wie Kathrin, das auffälligste an seinem Gesicht war allerdings sein markantes Kinn, über das seine Frau noch immer gerne Witze machte.
»Weißt Du, kleiner Muck«, begann Kathrin Silvan, »Du warst noch ganz klein, nichtmals ein Jahr, da haben dein Vater und ich bei einer Tombola ein verlängertes Wochenende in Paris gewonnen.« Wie entschuldigend fügte sie hinzu: »Damals stand Lars noch nicht so lange im Beruf, und seit unserer Hochzeitsreise zwei Jahre zuvor hatten wir uns keinen Urlaub mehr geleistet.«
»Ganz abgesehen davon, dass wir ja plötzlich einen kleinen Wicht am Bein hatten, den wir noch nicht mitschleppen konnten«, unterbrach Lars Silvan seine Frau und knuffte seine Tochter zärtlich in die Seite.
»Auf jede Fall«, fuhr Annas Mutter fort, »hatten wir uns riesig über die Reise gefreut. Oma ist extra aus München gekommen, um die vier Tage auf dich aufzupassen. Hätten wir auch nur im Entferntesten geahnt, was einen Tag nach unserer Abfahrt passierte«, sie seufzte, Anna hielt es kaum noch auf dem Sitz: »Was war denn nun?«
Lars Silvan fuhr fort: »Als wir zurückkamen, hat uns fast der Schlag getroffen: Statt Oma und unseren kleinen Muck hatten wir nur die Nachricht gefunden, dass wir uns mit einem Dr. Alban in der Hubertusklinik in Verbindung setzen sollten. Um es kurz zu machen: Oma hatte dich in den Kinderwagen gepackt, um mit dir einen kleinen Spaziergang zu machen. Sie überquerte gerade – an einer grünen Ampel! – die Windserstraße, als ein unachtsamer Motorradfahrer um die Kurve geschossen kam und euch beide anfuhr.«
Anna unterbrach: »Humpelt Oma deswegen ein bisschen?«
»Ja«, seufzte ihr Vater, von der Erinnerung aufgewühlt, »dieses Andenken hat sie behalten, aber...«
Das Mädchen fiel ihm erneut ins Wort: »Und der Motorradfahrer?«
»Ich weiß nicht einmal mehr seinen Namen. Er war sofort tot gewesen.«
Als Lars Annas entsetzte Gesicht sah, fuhr er schnell fort: »Aber es ist wohl verständlich, dass wir damals nur an dich dachten, denn auch bei dir hätte nicht viel gefehlt..., na ja, Du warst noch viel schlimmer dran als Oma. Damals..., Gott sei Dank wurde dann alles noch gut, aber damals hing dein Leben an einem seidenen Faden.
Es war eine sehr schlimme Zeit für uns. Über einen Monat durften wir unseren armen Schatz nicht einmal sehen, und als sie uns dann endlich auf die Intensivstation ließen, sahen wir nur ein bandagiertes Köpfchen unter einem Laken hervorschauen. Wir durften dich nicht mal auf den Schoss nehmen. Und es sollte noch lange nicht überstanden sein. Nach vier weiteren Tagen hattest Du einen Rückfall und musstest noch einmal operiert werden, und für nahezu drei weitere Wochen durften wir dich wieder nicht sehen. Dann hieß es endlich, dass Du wohl über den Berg seist«, Lars Silvan grinste seine Tochter verlegen an, »ich glaub’, Mami und ich haben damals geheult wie die Schlosshunde.«
»Ja«, übernahm Kathrin Silvan wieder das Wort, »doch ein großer Schreck stand noch aus. Als wir an diesem Tag ins Krankenhaus kamen, warst Du zwar immer noch stark bandagiert, aber diesmal warst Du wach. Doch obwohl Du bei Bewusstsein warst, schien es so, als würdest Du uns gar nicht erkennen. Dr. Alban hatte uns zwar auf diese Möglichkeit vorbereitet, schließlich warst Du noch sehr klein, die Trennung war lange, und der Unfallschock saß tief. Aber wir hatten natürlich gehofft, dass es anders kommen würde. Als Du uns nicht erkannt hast, war das fast so schlimm wie die Monate der Ungewissheit. Dr. Alban konnte uns dann aber doch etwas beruhigen. Überhaupt hat der sich damals fast ein Bein für dich ausgerissen.«
»Er sollte recht behalten«, fuhr Annas Vater mit einem Seufzer der Erleichterung fort, »wir kamen jeden Tag zu dir. Anfangs durften wir nicht viel mehr machen als vorsichtig dein Händchen halten und dich für ein paar Minuten auf den Schoss nehmen, aber nach fünf Tagen hast Du wieder angefangen zu lächeln und zu glucksen, wenn wir bei dir waren. Zwei Wochen später war es endlich soweit. Ich hatte mir extra frei genommen. Und eine Flasche Champagner hatten wir auch dabei, um mit Dr. Alban und den Schwestern anzustoßen: Dein Kopfverband wurde entfernt – Du hattest in all den Wochen schon richtig Haare bekommen, vorher warst Du noch ein kleiner Glatzkopf gewesen. Nicht lange, und wir durften dich zum ersten Mal wieder in den Kinderwagen packen und zu einem kleinen Spaziergang mitnehmen. Du warst in der Zwischenzeit zwar ein wenig gewachsen, aber immer noch leicht wie eine Feder und außerdem..., na ja, durch den Unfall und den langen Krankenhausaufenthalt warst Du halt in deiner Entwicklung etwas hinter deinen Altersgefährten zurück. Aber als Du wieder zu Hause warst«, fügte Lars gut gelaunt hinzu, während er seiner Tochter liebevoll durchs Haar wuschelte, »haben wir das spielend mehr als nur wieder gut gemacht. Geblieben sind nur die beiden Narben. Die sahen damals schrecklich groß aus. Aber sie sind glücklicherweise nicht mit dir mitgewachsen, und in ein paar Jahren werden sie kaum noch auffallen.«
Lars erwähnte nicht, wie überaus intensiv sie sich um ihre Tochter gekümmert hatten. Auch die Mahnung von Dr. Alban, die Lars ebenso wie seine Frau Wort für Wort im Kopf behalten hatten, behielt er für sich. An dem Tag, an dem sie ihre Tochter endgültig abgeholt hatten, waren sie noch einmal im Büro des Arztes gewesen, der ihnen verschiedene Verhaltensmaßregeln mit auf den Weg gegeben hatte. Eine davon, das war deutlich zu spüren gewesen, hatte ihm ganz besonders am Herzen gelegen.
»Ich möchte Sie nicht beunruhigen, und es ist auch nicht die Regel«, hatte er gesagt, »aber es besteht immerhin die Möglichkeit, dass der Unfall, auch wenn sich Ihre Tochter nicht bewusst an ihn erinnern wird, negative psychische Spätfolgen nach sich zieht. Um dieses Risiko möglichst gering zu halten, sollten Sie Anna in der Familie – wo sie schließlich Geborgenheit erwartet – keinen erneuten physischen Zwängen aussetzen. Das heißt: Was immer Ihre Tochter auch anstellen wird – und es wird nicht ausbleiben, dass sie in den nächsten Jahren auch mal was ausfrisst – und wie immer Ihre Laune in so einem Augenblick auch sein mag: Schlagen Sie dieses Kind niemals!« Dann hatte er noch, mehr zu sich selbst hinzugefügt: »Sie hat schon genug Schmerzen für zwei Leben hinter sich.«
Vermutlich hätte es dieser Ermahnung nicht bedurft. Es war Anna nie aufgefallen, aber was auch immer sie angestellt hatte – und das war zwischen ihrem fünften und achten Lebensjahr tatsächlich nicht gerade wenig gewesen –, nie hatte sie auch nur den kleinsten Klaps bekommen.
Das Mädchen hatte wie gebannt an den Lippen ihrer Eltern gehangen. Ein bisschen schön schaurig war es doch, zu hören, dass sie allen Ernstes schon einmal in Todesgefahr geraten war, ohne dass sie bisher etwas davon gewusst hatte. Auch dieses Nicht-Wissen verwirrte sie etwas: Wie konnte sie die Hauptperson solcher aufregender Ereignisse gewesen sein, ohne die geringste Ahnung davon gehabt zu haben?
Aber Anna fing sich schnell wieder. Sie ließ sich zwischen ihren Eltern auf dem Sofa zurücksinken, legte mit theatralischem Schwung ihren rechten Handrücken an ihre Stirn und meinte nach einem lauten Seufzer: »Ooh, das hat mich aber ganz schön mitgenommen. Ich glaube, jetzt kann mir nur noch ein ganz grooooßes Eis helfen! Ich bin sogar sicher, dass ich in Zukunft jeden Tag mindestens ein dickes Eis brauche.«
Annas Eltern blinzelten sich über ihren Kopf hinweg zu; sie hatten ihre Tochter wohl unterschätzt, die unterdessen unbeirrt fortfuhr: »Ach ja, und ich hab’ euch doch neulich von dem tollen Haarreif erzählt...«
Weiter kam sie nicht, denn ihre Mutter unterbrach sie mit drohendem Unterton: »Warte nur, ich weiß schon was dir hilft!«, dann begann sie Anna gründlich durchzukitzeln, die sich, vor Vergnügen quietschend, Hilfe suchend an ihren Vater klammerte.
Angelockt von dem Tumult kam Tommy, ein dunkelblon der Junge mit grünen Augen und recht groß für seine sieben Jahre, mit wehendem Bademantel die Treppe heruntergefegt. Fast hätte er diese tolle Balgerei verpasst! Natürlich war er nur zu gerne bereit, bei der Einweihung des neuen Wohn zimmers behilflich zu sein.
..................
Bei den Silvans lief alles seinen gewohnten Gang. Das Haus Nr.7 im Starweg, nach ihrem Umzug vor sechs Jahren noch neu und aufregend, gehörte für die Kinder längst zum Alltag.
Kathrin und Lars Silvan freuten sich, wie gut ihre beiden Sprösslinge heranwuchsen. Das schlimmste, was in den zurückliegenden Jahren passiert war, waren Tommys Masern schon kurz nach ihrem Einzug, und vor vier Jahren hatte Anna ein paar Nächte böse Träume und auch erhöhte Temperatur gehabt. Nachts war sie weinend ins Zimmer ihrer Eltern gekommen, um sich an ihre Mutter zu drücken, aber an die Träume konnte sie sich nie erinnern. Kathrin und Lars befürchteten schon, dass Anna nun doch noch unter Spätfolgen des Unfalls zu leiden hätte, aber nach ein paar Tagen war der Spuk so schnell verschwunden, wie er gekommen war. Vielleicht, so hatten ihre Eltern damals überlegt, mochte es ja auch daran gelegen haben, dass sich zu dieser Zeit bei ihrer Tochter so langsam die Pubertät bemerkbar gemacht hatte.
Inzwischen dachte Anna schon lange nicht mehr an diese Träume, schon gar nicht an einem so herrlich warmen Frühlingsanfang wie heute.
Es war so ein Tag, an dem einem ungewöhnlich viele pfeifende Menschen über den Weg laufen, ein Tag, an dem es passieren kann, dass man von Fremden freundlich angelächelt wird. Ein Tag, an dem es einfach unmöglich war, zu Hause zu bleiben.
Selbst Annas schon etwas ältere Englischlehrerin hatte ein Einsehen gehabt: Die Menge der Hausaufgaben erreichte auf der nach oben offenen »Stöhn-Skala« nicht einmal die 1. Die »Stöhn-Skala« war eine Erfindung von Klassen-Clown Roland. Eine 1 bedeutete nach seiner Tabelle ein »kaum wahrnehmbares Grummeln«, dabei schaffte Fräulein Moik – sie bestand seltsamerweise auf das Fräulein – sonst spielend die 7 (heftiges Aufbäumen des Oberkörpers, lautes Stöhnen, scharren mit den Füßen und lang gezogene »Ooohs«).
So gerne Anna sonst mit ihren Freundinnen und Freunden herum zog, heute wollte sie einmal alleine durch die Stadt streifen, in Ruhe in der Altstadt bummeln und sehen, ob sie nicht etwas von ihrem Taschengeld loswerde könnte. Sie erinnerte sich da an ein paar nette Blusen, die ihr aus verschiedenen Schaufenstern zugelächelt hatten. Vielleicht würde ihr aber auch etwas anderes einfallen, schließlich hatte sie ja Zeit zum experimentieren. Gleich nach dem Mittagessen startete sie ihre Expedition.
*
Der Mann achtete darauf, dass die Tachonadel nicht über die 100 rutschte. Schon seit Tagen wollte er unbedingt nach Saarfurth, doch nun schien er es gar nicht mehr so eilig zu haben. Doch der Eindruck täuschte. Tatsächlich fieberte er dem Augenblick entgegen, in dem er die Stadtgrenze endlich überschreiten würde. Dass er dennoch nicht schneller fuhr, hatte einen ganz einfachen Grund: Er wollte dieses erregende Gefühl der Erwartung auskosten. Dieses vitale Kribbeln, das mit jedem Kilometer intensiver wurde.
Er kam an einem Hinweisschild vorbei: Nur noch 64 Kilometer trennten ihn von der Stadt.
Ein Zitat aus dem Lateinunterricht längst vergangener Tage kam ihm plötzlich in den Sinn: veni, vidi, vici. Er lächelte. Ja, er würde kommen: in die Stadt, die nur auf ihn wartete. Er würde sehen: Das Suchen würde ein Ende haben, die große Aufgabe, die sein Leben bestimmte, würde sich endlich offenbaren. Und siegen, da bestand für ihn kein Zweifel, siegen würde er natürlich auch. Genauso, wie er in den vergangenen sechzehn Jahren gesiegt hatte. Immer.
Kurz sah er in den Rückspiegel und nickte sich selbst zu – ja, er würde siegen. Und selbstverständlich würde er dabei auch seinen Spaß haben.
*
Anna hatte schon mehrere Läden aus- und verschiedene Blusen anprobiert, aber entweder gefielen sie ihr doch nicht mehr so gut oder sie saßen nicht richtig. Und wenn sie richtig passten und ihr gefielen, dann legte ihr Geldbeutel ein unüberhörbares Veto ein. So kam es, dass sie jeden Laden nur mit den Kleidern verließ, mit denen sie ihn schon betreten hatte: alte Jeans, deren Beine sie, als die Tage wärmer geworden waren, kurz über den Knien abgeschnitten hatte. Dazu das T-Shirt, auf dem groß ein Bild von Masupilami prangte, und die Turnschuhe, wegen denen sie ihren Eltern im letzten Jahr so lange in den Ohren gelegen hatte.
Sie schlenderte nun durch ihren Lieblings-Stadtteil, die Fußgängerzone in der Altstadt, mit dem großen Platz und den verwinkelten Seitengässchen, den zahllosen Kneipen und Cafés, den kleinen Läden und Boutiquen. Es musste wohl gerade vier Uhr durch sein, denn die Plätze vor den Cafés begannen sich zu füllen. Am Wochenende würde natürlich noch mehr los sein.
Wie immer genoss es Anna, die bunte Vielfalt mit Augen und Ohren aufzunehmen. Die Nase kam, dank der verschiedenen Restaurants und Imbissbuden, auch nicht zu kurz.
Anna war der festen Überzeugung, dass sie sich sogar mit verbundenen Augen in der Altstadt zurechtfinden könnte – sie würde einfach dem Geruch folgen: Von den Pommes Frites zur Pizza, von der Pizza zum Kebab und von da über Flammkuchen und Frühlingsrolle weiter bis zum zweiten Kebab-Stand, der sich vom ersten durch den intensiveren Knoblauchgeruch unterschied.
Schließlich landete Anna am Rande der Altstadt vor einem kleinen, aber noblen Schuhgeschäft, eigentlich zu nobel für ihren Geldbeutel, das wusste sie, aber da hing ein Schild im Schaufenster, auf dem stand in fetten, roten Großbuchstaben und zweimal dick unterstrichen »ANGEBOT«, und unter dem Schild war ein Berg von weißen Segeltuchschuhe aufgetürmt, die es Anna sofort angetan hatten.
Wie? Nur 12,90 Mark sollte das Paar kosten? Konnten die überhaupt was taugen? Na, probieren kostete ja nichts.
Als Anna den schmalen Laden betrat, lächelte ihr die Frau hinter der Kasse, eine elegant gekleidete, schwarzhaarige Dame Mitte Vierzig, schon entgegen und fragte nur: »Die Segeltuchschuhe?«
Anna lächelte zurück und nickte.
»Immer geradeaus durch, in die Abteilung Sport- und Freizeitschuhe. «
»Abteilung« war eigentlich etwas übertrieben. Genau genommen bestand der ganze Laden nur aus einem sehr langen Raum, der aber durch Trennwände dreigeteilt war. Beim Eingang befanden sich die Regalreihen mit den Damenschuhen, im kleineren, mittleren Teil waren die Herrenschuhe aufgereiht, der letzte und kleinste Abschnitt war für »Sport-und Freizeitschuhe« reserviert. Anna konnte nicht widerstehen, wenigstens einmal in ein paar teure Turnschuhe zu schlüpfen, bevor sie sich den Schuhen widmete, die sie hereingelockt hatten.
Als sie gerade einen weißen Segeltuchschuh über ihren rechten Fuß streifte, betrat ein Ehepaar in mittleren Jahren die Abteilung. Im Schlepptau eine Tochter, die vielleicht ein, zwei Jahre älter als Anna sein mochte, steuerten sie ein Regal mit Sandalen und legeren Halbschuhen an.
Schon als die drei noch auf dem Weg durch die Herrenabteilung gewesen waren, hatte Anna die laut mäkelnde, an einen Ziegenbock mit Rachenkatarrh erinnernde Stimme des Mannes gehört. Auch jetzt meckerte der Typ noch weiter. Weil sie der aggressive Tonfall unangenehm reizte, sah Anna kurz auf, um dem Neuankömmling einen verstohlenen Blick zuzuwerfen. Trotz des heißen Tages trug er einen schweren, einfachen, braunen Straßenanzug. Unter der offenen Jacke zeigte sich ein weißes Hemd, unterhalb des Kragens zeichnete sich deutlich der Ausschnitt eines Unterhemdes ab. Über dem Kragen saß auf einem Hals mit ausgeprägtem Adamsapfel ein schmales Gesicht mit ein wenig mehr als den ersten Falten. Vom oberen Rand der großen Hornbrille war noch reichlich Platz bis zu den Spitzen der mit Grau durchsetzten Pfeffer-Haare.
