Der Besuch der alten Dame - Friedrich Dürrenmatt - E-Book

Der Besuch der alten Dame E-Book

Friedrich Dürrenmatt

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Beschreibung

Claire Zachanassian kehrt als steinreiche Frau in ihr Heimatdorf Güllen zurück, wo ihr einst das Herz gebrochen und die Ehre geraubt wurde. Nun will sie sich rächen und bietet der Güllener Bevölkerung eine Milliarde dafür, dass ihr damaliger Liebhaber Ill für sein Vergehen mit dem Tod bestraft wird. Ein Angebot, das die Bürger entrüstet zurückweisen. Zunächst.

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Friedrich Dürrenmatt

Der Besuch der alten Dame

Eine tragische Komödie Neufassung 1980

Diogenes

Allgemeine Anmerkung zu der Endfassung 1980 meiner Komödien

Es ging mir, im Gegensatz zu den verschiedenen Fassungen, die vorher einzeln im Arche-Verlag erschienen sind, bei den Fassungen für die Werkausgabe nicht darum, die theatergerechten, das heißt die gestrichenen Fassungen herauszugeben, sondern die literarisch gültigen. Literatur und Theater sind zwei verschiedene Welten: Außer den Komödien, die ich nur für die Theater schrieb, Play Strindberg und Porträt eines Planeten, die Übungsstücke für Schauspieler darstellen und die ich als Regisseur schrieb, gebe ich im Folgenden – die ersten Stücke tastete ich nicht an – die dichterische Fassung wieder, eine Zusammenfassung verschiedener Versionen.

F.D.  

Der Besuch der alten Dame

Eine tragische Komödie Neufassung 1980

Personen

Die Besucher

Claire Zachanassian, geb. Wäscher, Multimillionärin (Armenian-Oil)

Ihre Gatten VII–IX

Der Butler

kaugummikauend:

Toby

Roby

blind:

Koby

Loby

Die Besuchten

Ill

Seine Frau

Seine Tochter

Sein Sohn

Der Bürgermeister

Der Pfarrer

Der Lehrer

Der Arzt

Der Polizist

Bürger:

Der Erste

Der Zweite

Der Dritte

Der Vierte

Der Maler

Erste Frau

Zweite Frau

Fräulein Luise

Die Sonstigen

Bahnhofsvorstand

Zugführer

Kondukteur

Pfändungsbeamter

Die Lästigen

Pressemann I

Pressemann II

Radioreporter

Kameramann

Ort: Güllen, eine Kleinstadt

Zeit: Gegenwart

 

Pause nach dem zweiten Akt

Geschrieben 1955

Uraufführung im Schauspielhaus Zürich am 29. Januar 1956

Erster Akt

Glockenton eines Bahnhofs, bevor der Vorhang aufgeht. Dann die Inschrift: Güllen. Offenbar der Name der kleinen Stadt, die im Hintergrund angedeutet ist, ruiniert, zerfallen. Auch das Bahnhofgebäude verwahrlost, je nach Land mit oder ohne Absperrung, ein halbzerrissener Fahrplan an der Mauer, ein verrostetes Stellwerk, eine Türe mit der Aufschrift: Eintritt verboten. Dann, in der Mitte, die erbärmliche Bahnhofstraße. Auch sie nur angedeutet. Links ein kleines Häuschen, kahl, Ziegeldach, zerfetzte Plakate an der fensterlosen Mauer. Links Tafel: Frauen, rechts: Männer. Alles in eine heiße Herbstsonne getaucht. Vor dem Häuschen eine Bank, auf ihr vier Männer. Ein fünfter, aufs unbeschreiblichste verwahrlost, wie die andern, beschreibt ein Transparent mit roter Farbe, offenbar für einen Umzug: Willkommen Kläri. Das donnernde, stampfende Geräusch eines vorbeirasenden Schnellzuges. Vor dem Bahnhof der Bahnhofsvorstand salutierend. Die Männer auf der Bank deuten mit einer Kopfbewegung von links nach rechts an, daß sie den vorbeirasenden Expreß verfolgen.

DER ERSTE

Die ›Gudrun‹, Hamburg–Neapel.

DER ZWEITE

Um elfuhrsiebenundzwanzig kommt der ›Rasende Roland‹, Venedig–Stockholm.

DER DRITTE

Das einzige Vergnügen, das wir noch haben: Zügen nachschauen.

DER VIERTE

Vor fünf Jahren hielten die ›Gudrun‹ und der ›Rasende Roland‹ in Güllen. Dazu noch der ›Diplomat‹ und die ›Lorelei‹, alles Expreßzüge von Bedeutung.

DER ERSTE

Von Weltbedeutung.

Glockenton.

DER ZWEITE

Nun halten nicht einmal die Personenzüge. Nur zwei von Kaffigen und der Einuhrdreizehn von Kalberstadt.

DER DRITTE

Ruiniert.

DER VIERTE

Die Wagnerwerke zusammengekracht.

DER ERSTE

Bockmann bankrott.

DER ZWEITE

Die Platz-an-der-Sonne-Hütte eingegangen.

DER DRITTE

Leben von der Arbeitslosenunterstützung.

DER VIERTE

Von der Suppenanstalt.

DER ERSTE

Leben?

DER ZWEITE

Vegetieren.

DER DRITTE

Krepieren.

DER VIERTE

Das ganze Städtchen.

Zuggeräusch, der Bahnhofsvorstand salutiert. Die Männer verfolgen den Zug mit einer Kopfbewegung von rechts nach links.

DER VIERTE

Der ›Diplomat‹.

DER DRITTE

Dabei waren wir eine Kulturstadt.

DER ZWEITE

Eine der ersten im Lande.

DER ERSTE

In Europa.

DER VIERTE

Goethe hat hier übernachtet. Im ›Gasthof zum Goldenen Apostel‹.

DER DRITTE

Brahms ein Quartett komponiert.

Glockenton.

DER ZWEITE

Berthold Schwarz das Pulver erfunden.

DER MALER

Und ich habe mit Glanz die Ecole des Beaux-Arts besucht, doch was treibe ich jetzt? Inschriftenmalerei!

DER ZWEITE

Höchste Zeit, daß die Milliardärin kommt. In Kalberstadt soll sie ein Spital gestiftet haben.

DER DRITTE

In Kaffigen die Kinderkrippe und in der Hauptstadt eine Gedächtniskirche.

DER MALER

Von Zimt, dem naturalistischen Schmierer, ließ sie sich porträtieren.

DER ERSTE

Die mit ihrem Geld. Die Armenian-Oil besitzt sie, die Western Railways, die Northern Broadcasting Company und das Bangkoker Vergnügungsviertel.

Zugsgeräusch. Links erscheint ein Kondukteur, als wäre er eben vom Zuge gesprungen.

DER KONDUKTEUR mit langgezogenem Schrei

Güllen!

DER ERSTE

Der Personenzug von Kaffigen.

Ein Reisender ist ausgestiegen, geht von links an den Männern auf der Bank vorbei, verschwindet in der Türe mit der Anschrift: Männer.

DER ZWEITE

Der Pfändungsbeamte.

DER DRITTE

Geht das Stadthaus pfänden.

DER VIERTE

Politisch sind wir auch ruiniert.

DER BAHNHOFSVORSTAND hebt die Kelle

Abfahrt!

Vom Städtchen her der Bürgermeister, der Lehrer, der Pfarrer und Ill, ein Mann von fast fünfundsechzig Jahren, alle schäbig gekleidet.

DER BÜRGERMEISTER

Mit dem Einuhrdreizehn-Personenzug von Kalberstadt kommt der hohe Gast.

DER LEHRER

Der gemischte Chor singt, die Jugendgruppe.

DER PFARRER

Die Feuerglocke bimmelt. Die ist noch nicht versetzt.

DER BÜRGERMEISTER

Auf dem Marktplatz bläst die Stadtmusik, und der Turnverein bildet eine Pyramide zu Ehren der Milliardärin. Dann ein Essen im ›Goldenen Apostel‹. Leider reicht es finanziell nicht zur Beleuchtung des Münsters und des Stadthauses am Abend.

DER PFÄNDUNGSBEAMTE kommt aus dem Häuschen

Guten Morgen, Herr Bürgermeister. Grüße recht herzlich.

DER BÜRGERMEISTER

Was wollen Sie denn hier, Pfändungsbeamter Glutz?

DER PFÄNDUNGSBEAMTE

Das wissen Herr Bürgermeister schon. Ich stehe vor einer Riesenaufgabe. Pfänden Sie mal eine ganze Stadt.

DER BÜRGERMEISTER

Außer einer alten Schreibmaschine finden Sie im Stadthaus nichts.

DER PFÄNDUNGSBEAMTE

Herr Bürgermeister vergessen das Güllener Heimatmuseum.

DER BÜRGERMEISTER

Schon vor drei Jahren nach Amerika verkauft. Unsere Kassen sind leer. Kein Mensch bezahlt Steuern.

DER PFÄNDUNGSBEAMTE

Muß untersucht werden. Das Land floriert, und ausgerechnet Güllen mit der Platz-an-der-Sonne-Hütte geht bankrott.

DER BÜRGERMEISTER

Wir stehen selber vor einem wirtschaftlichen Rätsel.

DER ERSTE

Alles von Freimaurern abgekartet.

DER ZWEITE

Von den Juden gesponnen.

DER DRITTE

Die Hochfinanz lauert dahinter.

DER VIERTE

Der internationale Kommunismus zieht seine Fäden.

Glockenton.

DER PFÄNDUNGSBEAMTE

Finde immer etwas. Habe Augen wie ein Sperber. Spähe mal bei der Stadtkasse nach. Ab.

DER BÜRGERMEISTER

Besser, er plündert uns jetzt als nach dem Besuch der Milliardärin.

Der Maler hat seine Inschrift beendet.

ILL

Das geht natürlich nicht, Bürgermeister, die Inschrift ist zu intim. Willkommen Claire Zachanassian, muß es heißen.

DER ERSTE

Ist aber Kläri.

DER ZWEITE

Kläri Wäscher.

DER DRITTE

Hier aufgewachsen.

DER VIERTE

Ihr Vater war Baumeister.

DER MALER

So schreib ich einfach: Willkommen Claire Zachanassian auf die Hinterseite. Wenn die Milliardärin dann gerührt ist, können wir ihr immer noch die Vorderseite zudrehen.

DER ZWEITE

Der ›Börsianer‹, Zürich–Hamburg.

Ein neuer Expreßzug kommt von rechts nach links.

DER DRITTE

Immer exakt, die Uhr könnte man nach ihm richten.

DER VIERTE

Bitte, wer hat hier schon noch eine Uhr.

DER BÜRGERMEISTER

Meine Herren, die Milliardärin ist unsere einzige Hoffnung.

DER PFARRER

Außer Gott.

DER BÜRGERMEISTER

Außer Gott.

DER LEHRER

Aber der zahlt nicht.

DER MALER

Der hat uns vergessen.

Der Vierte spuckt aus.

DER BÜRGERMEISTER

Sie waren mit ihr befreundet, Ill, da hängt alles von Ihnen ab.

DER PFARRER

Sie sind auseinandergegangen damals. Ich hörte eine unbestimmte Geschichte – haben Sie Ihrem Pfarrer etwas zu gestehen?

ILL

Wir waren die besten Freunde – jung und hitzig – war schließlich ein Kerl, meine Herren, vor fünfundvierzig Jahren – und sie, die Klara, ich sehe sie immer noch, wie sie mir durchs Dunkel der Peterschen Scheune entgegenleuchtete oder mit nackten Füßen im Konradsweilerwald durch Moos und Laub ging, mit wehenden roten Haaren, biegsam, gertenschlank, zart, eine verteufelt schöne Hexe. Das Leben trennte uns, nur das Leben, wie es eben kommt.

DER BÜRGERMEISTER

Für meine kleine Rede beim Essen im ›Goldenen Apostel‹ sollte ich einige Details über Frau Zachanassian besitzen. Er zieht ein Notizbüchlein aus der Tasche.

DER LEHRER

Ich forschte die alten Schulrodel durch. Die Noten der Klara Wäscher sind leider, leider herzlich schlecht. Auch das Betragen. Nur in der Pflanzen- und Tierkunde genügend.

DER BÜRGERMEISTER notierend

Gut. Genügend in der Pflanzen- und Tierkunde. Das ist gut.

ILL

Da kann ich dem Bürgermeister dienen. Klara liebte die Gerechtigkeit. Ausgesprochen. Einmal wurde ein Vagabund abgeführt. Sie bewarf den Polizisten mit Steinen.

DER BÜRGERMEISTER

Gerechtigkeitsliebe. Nicht schlecht. Wirkt immer. Aber die Geschichte mit dem Polizisten unterschlagen wir besser.

ILL

Wohltätig war sie auch. Was sie besaß, verteilte sie, stahl Kartoffeln für eine arme Witwe.

DER BÜRGERMEISTER

Sinn für Wohltätigkeit. Dies, meine Herren, muß ich unbedingt anbringen. Es ist die Hauptsache. Erinnert sich jemand an ein Gebäude, das ihr Vater errichtete? Würde sich in der Rede gut machen.

DER MALER

Kein Mensch.

DER ERSTE

Soll versoffen gewesen sein.

DER ZWEITE

Die Alte lief ihm davon.

DER DRITTE

Starb im Irrenhaus.

Der Vierte spuckt aus.

DER BÜRGERMEISTER schließt sein Notizbüchlein

Ich für meinen Teil wäre vorbereitet – das übrige muß Ill tun.

ILL

Ich weiß. Die Zachanassian soll mit ihren Millionen herausrücken.

DER BÜRGERMEISTER

Millionen – das ist genau die richtige Auffassung.

DER LEHRER

Mit einer Kinderkrippe ist uns nicht gedient.

DER BÜRGERMEISTER

Mein lieber Ill, Sie sind seit langem schon die beliebteste Persönlichkeit in Güllen. Ich trete im Frühling zurück und nahm mit der Opposition Fühlung. Wir einigten uns, Sie zu meinem Nachfolger vorzuschlagen.

ILL

Aber Herr Bürgermeister.

DER LEHRER

Ich kann dies nur bestätigen.

ILL

Meine Herren, zur Sache. Ich will vorerst mit der Klara über unsere miserable Lage reden.

DER PFARRER

Aber vorsichtig – zartfühlend.

ILL

Wir müssen klug vorgehen, psychologisch richtig. Schon ein mißglückter Empfang am Bahnhof kann alles verteufeln. Mit der Stadtmusik und dem gemischten Chor ist es nicht getan.

DER BÜRGERMEISTER

Da hat Ill recht. Es ist dies schließlich auch ein wichtiger Augenblick. Frau Zachanassian betritt den Boden ihrer Heimat, findet heim, gerührt, Tränen in den Augen, erblickt Altvertrautes. Ich werde natürlich nicht hemdärmlig dastehen wie jetzt, sondern in feierlichem Schwarz mit Zylinder, neben mir die Gattin, vor mir meine zwei Enkelkinder, ganz in Weiß, mit Rosen. Mein Gott, wenn nur alles in Ordnung kommt zur rechten Zeit.

Glockenton.

DER ERSTE

Der ›Rasende Roland‹.

DER ZWEITE

Venedig–Stockholm elfuhrsiebenundzwanzig.

DER PFARRER

Elfuhrsiebenundzwanzig! Wir haben noch fast zwei Stunden, uns sonntäglich herzurichten.

DER BÜRGERMEISTER

Die Inschrift ›Willkommen Claire Zachanassian‹ heben Kühn in die Höhe und Hauser. Er zeigt auf den Vierten. Die andern schwenken am besten die Hüte. Doch bitte: Nicht schreien wie voriges Jahr bei der Regierungskommission, der Eindruck war gleich Null, und wir haben bis jetzt noch keine Subvention. Nicht übermütige Freude ist am Platz, sondern innerliche, fast Schluchzen, Mitgefühl mit dem wiedergefundenen Kind der Heimat. Seid ungezwungen, herzlich, doch muß die Organisation klappen, die Feuerglocke gleich nach dem gemischten Chor einsetzen. Vor allem ist zu beachten …

Das Donnern des nahenden Zuges macht seine Rede unverständlich. Kreischende Bremsen. Auf allen Gesichtern drückt sich fassungsloses Erstaunen aus. Die fünf auf der Bank springen auf.

DER MALER

Der D-Zug!

DER ERSTE

Hält!

DER ZWEITE

In Güllen!

DER DRITTE

Im verarmtesten –

DER VIERTE

lausigsten –

DER ERSTE

erbärmlichsten Nest der Strecke Venedig–Stockholm!

DER BAHNHOFSVORSTAND

Die Naturgesetze sind aufgehoben. Der ›Rasende Roland‹ hat aufzutauchen in der Kurve von Leuthenau, vorbeizuflitzen und, ein dunkler Punkt, in der Niederung von Pückenried zu verschwinden.

Von rechts kommt Claire Zachanassian, zweiundsechzig, rothaarig, Perlenhalsband, riesige goldene Armringe, aufgedonnert, unmöglich, aber gerade darum wieder eine Dame von Welt, mit einer seltsamen Grazie, trotz allem Grotesken. Hinter ihr das Gefolge, der Butler Boby, etwa achtzig, mit schwarzer Brille, ihr Gatte VII (groß, schlank, schwarzer Schnurrbart) mit kompletter Angel-Ausrüstung. Ein aufgeregter Zugführer begleitet die Gruppe, rote Mütze, rote Tasche.

CLAIRE ZACHANASSIAN

Bin ich in Güllen?

DER ZUGFÜHRER

Sie zogen die Notbremse, Madame.

CLAIRE ZACHANASSIAN

Ich ziehe immer die Notbremse.

DER ZUGFÜHRER

Ich protestiere. Energisch. Die Notbremse zieht man nie in diesem Lande, auch wenn man in Not ist. Die Pünktlichkeit des Fahrplans ist oberstes Prinzip. Darf ich um eine Erklärung bitten?

CLAIRE ZACHANASSIAN

Ich bin doch in Güllen, Moby. Ich erkenne das traurige Nest. Dort drüben der Wald von Konradsweiler mit dem Bach, wo du fischen kannst, Forellen und Hechte, und rechts das Dach der Peterschen Scheune.

ILL wie erwachend

Klara.

DER LEHRER

Die Zachanassian.

ALLE

Die Zachanassian.

DER LEHRER

Dabei ist der gemischte Chor nicht bereit, die Jugendgruppe!

DER BÜRGERMEISTER

Die Kunstturner, die Feuerwehr!

DER PFARRER

Der Sigrist!

DER BÜRGERMEISTER

Mein Rock fehlt, um Gottes willen, der Zylinder, die Enkelkinder!

DER ERSTE

Die Kläri Wäscher! Die Kläri Wäscher! Er springt auf und rast ins Städtchen.

DER BÜRGERMEISTER ruft

Die Gattin nicht vergessen!

DER ZUGFÜHRER

Ich warte auf eine Erklärung. Dienstlich. Im Namen der Eisenbahndirektion.

CLAIRE ZACHANASSIAN

Sie sind ein Schafskopf. Ich will eben das Städtchen mal besuchen. Soll ich etwa aus Ihrem Schnellzug springen?

DER ZUGFÜHRER

Madame. Wenn Sie Güllen zu besuchen wünschen, bitte, steht Ihnen in Kalberstadt der Zwölfuhrvierzig-Personenzug zur Verfügung. Wie aller Welt. Ankunft Güllen einuhrdreizehn.

CLAIRE ZACHANASSIAN

Der Personenzug, der in Loken, Brunnhübel, Beisenbach und Leuthenau hält? Sie wollen mir wohl zumuten, eine halbe Stunde durch diese Gegend zu dampfen?

DER ZUGFÜHRER

Madame, das wird Sie teuer zu stehen kommen.

CLAIRE ZACHANASSIAN

Gib ihm tausend, Boby.

ALLE murmelnd

Tausend.

Der Butler gibt dem Zugführer tausend.

DER ZUGFÜHRER verblüfft

Madame.

CLAIRE ZACHANASSIAN

Und dreitausend für die Stiftung zugunsten der Eisenbahnerwitwen.

ALLE murmelnd

Dreitausend.

Der Zugführer erhält vom Butler dreitausend.

DER ZUGFÜHRER verwirrt

Es gibt keine solche Stiftung, Madame.

CLAIRE ZACHANASSIAN

Dann gründen Sie eine.

Der Gemeindepräsident flüstert dem Zugführer etwas ins Ohr.

DER ZUGFÜHRER bestürzt

Gnädige sind Frau Claire Zachanassian? Oh, pardon. Das ist natürlich etwas anderes. Wir hätten selbstverständlich in Güllen gehalten, wenn wir nur die leiseste Ahnung – Sie erhalten Ihr Geld zurück, gnädige Frau – viertausend – mein Gott.

ALLE murmelnd

Viertausend.

CLAIRE ZACHANASSIAN

Behalten Sie die Kleinigkeit.

ALLE murmelnd

Behalten.

DER ZUGFÜHRER

Wünschen gnädige Frau, daß der ›Rasende Roland‹ wartet, bis Sie Güllen besichtigt haben? Die Eisenbahndirektion würde dies mit Freuden billigen. Das Münsterportal soll sehenswert sein. Gotisch. Mit dem Jüngsten Gericht.

CLAIRE ZACHANASSIAN

Brausen Sie mit Ihrem Zug davon.

GATTE VII weinerlich

Aber die Presse, Mausi, die Presse ist noch nicht ausgestiegen. Die Reporter dinieren ahnungslos im Speisewagen vorne.

CLAIRE ZACHANASSIAN

Laß sie weiterdinieren, Moby. Ich brauche die Presse fürs erste nicht in Güllen. Und später wird sie schon kommen.

Unterdessen hat der Zweite dem Bürgermeister den Rock gebracht. Der Bürgermeister tritt feierlich auf Claire Zachanassian zu. Der Maler und der Vierte auf der Bank heben die Inschrift ›Willkommen Claire Zachanassi …‹ in die Höhe. Der Maler hat sie nicht ganz beendet.

DER BAHNHOFSVORSTAND hebt die Kelle

Abfahrt!

DER ZUGFÜHRER

Wenn gnädige Frau sich nur nicht bei der Eisenbahndirektion beschweren. Es war ein reines Mißverständnis.

Der Zug beginnt sich in Bewegung zu setzen. Der Zugführer springt auf.

DER BÜRGERMEISTER

Verehrte, gnädige Frau. Als Bürgermeister von Güllen habe ich die Ehre, Sie, gnädige, verehrte Frau, als ein Kind unserer Heimat …

Durch das Geräusch des davonrasenden Zuges wird der Rest der Rede des Bürgermeisters, der unentwegt weiterspricht, nicht mehr verstanden.

CLAIRE ZACHANASSIAN

Ich danke, Herr Bürgermeister, für die schöne Rede.

Sie geht auf Ill zu, der ihr etwas verlegen entgegengetreten ist.

ILL

Klara.

CLAIRE ZACHANASSIAN

Alfred.

ILL

Schön, daß du gekommen bist.

CLAIRE ZACHANASSIAN

Das habe ich mir immer vorgenommen. Mein Leben lang, seit ich Güllen verlassen habe.

ILL unsicher

Das ist lieb von dir.

CLAIRE ZACHANASSIAN

Auch du hast an mich gedacht?

ILL

Natürlich. Immer. Das weißt du doch, Klara.

CLAIRE ZACHANASSIAN

Es war wunderbar, all die Tage, da wir zusammen waren.

ILL stolz

Eben. Zum Lehrer Sehen Sie, Herr Lehrer, die habe ich im Sack.

CLAIRE ZACHANASSIAN

Nenne mich, wie du mich immer genannt hast.

ILL

Mein Wildkätzchen.

CLAIRE ZACHANASSIAN schnurrt wie eine alte Katze

Wie noch?

ILL

Mein Zauberhexchen.

CLAIRE ZACHANASSIAN

Ich nannte dich: mein schwarzer Panther.

ILL

Der bin ich noch.

CLAIRE ZACHANASSIAN