Die Physiker - Friedrich Dürrenmatt - E-Book
Beschreibung

Kernphysiker Möbius, Entdecker einer furchtbaren und gefährlichen Formel, flüchtet, seine Familie preisgebend, ins Irrenhaus. Er spielt Irrsinn, er fingiert die Heimsuchung durch den Geist Salomos, um das, was er entdeckte, als Produkt des Irrsinns zu diffamieren. Doch zwei Geheimagenten, ebenfalls als Wahnsinnige getarnt, sind ihm auf der Spur.

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EPUB

Seitenzahl:71


Friedrich Dürrenmatt

Die Physiker

Eine Komödie in zwei Akten Neufassung 1980

Diogenes

{8}Allgemeine Anmerkung zu der Endfassung 1980 meiner Komödien

Es ging mir, im Gegensatz zu den verschiedenen Fassungen, die vorher einzeln im Arche-Verlag erschienen sind, bei den Fassungen für die Werkausgabe nicht darum, die theatergerechten, das heißt die gestrichenen Fassungen herauszugeben, sondern die literarisch gültigen. Literatur und Theater sind zwei verschiedene Welten: Außer den Komödien, die ich nur für die Theater schrieb, Play Strindberg und Porträt eines Planeten, die Übungsstücke für Schauspieler darstellen und die ich als Regisseur schrieb, gebe ich im Folgenden – die ersten Stücke tastete ich nicht an – die dichterische Fassung wieder, eine Zusammenfassung verschiedener Versionen.

F.D.  

{9}Die Physiker

Eine Komödie in zwei Akten Neufassung 1980

Für Therese Giehse

{10}Personen

Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd Irrenärztin

Marta Boll Oberschwester

Monika Stettler Krankenschwester

Uwe Sievers Oberpfleger

McArthur Pfleger

Murillo Pfleger

Herbert Georg Beutler, genannt Newton Patient

Ernst Heinrich Ernesti, genannt Einstein Patient

Johann Wilhelm Möbius Patient

Missionar Oskar Rose

Frau Missionar Lina Rose

ihre Buben

Adolf-Friedrich

Wilfried-Kaspar

Jörg-Lukas

Richard Voß Kriminalinspektor

Guhl Polizist

Blocher Polizist

Gerichtsmediziner

Geschrieben 1961

Uraufführung im Schauspielhaus Zürich am 21. Februar 1962

{11}Erster Akt

Ort: Salon einer bequemen, wenn auch etwas verlotterten Villa des privaten Sanatoriums ›Les Cerisiers‹.

Nähere Umgebung: Zuerst natürliches, dann verbautes Seeufer, später eine mittlere, beinahe kleine Stadt.

Das einst schmucke Nest mit seinem Schloß und seiner Altstadt ist nun mit gräßlichen Gebäuden der Versicherungsgesellschaften verziert und ernährt sich zur Hauptsache von einer bescheidenen Universität mit ausgebauter theologischer Fakultät und sommerlichen Sprachkursen, ferner von einer Handels- und einer Zahntechnikerschule, dann von Töchterpensionaten und von einer kaum nennenswerten Leichtindustrie und liegt somit schon an sich abseits vom Getriebe. Dazu beruhigt überflüssigerweise auch noch die Landschaft die Nerven, jedenfalls sind blaue Gebirgszüge, human bewaldete Hügel und ein beträchtlicher See vorhanden sowie eine weite, abends rauchende Ebene in unmittelbarer Nähe – einst ein düsteres Moor – nun von Kanälen durchzogen und fruchtbar, mit einer Strafanstalt irgendwo und dazugehörendem landwirtschaftlichem Großbetrieb, so daß überall schweigsame und schattenhafte Gruppen und Grüppchen von hackenden und umgrabenden Verbrechern sichtbar sind. Doch spielt das Örtliche eigentlich keine Rolle, wird hier nur der Genauigkeit zuliebe erwähnt, verlassen wir doch nie die Villa des Irrenhauses (nun ist das Wort doch gefallen), noch präziser: auch den Salon werden wir nie {12}verlassen, haben wir uns doch vorgenommen, die Einheit von Raum, Zeit und Handlung streng einzuhalten; einer Handlung, die unter Verrückten spielt, kommt nur die klassische Form bei.

Doch zur Sache. Was die Villa betrifft, so waren in ihr einst sämtliche Patienten der Gründerin des Unternehmens, Fräulein Dr. h.c. Dr. med. Mathilde von Zahnd, untergebracht, vertrottelte Aristokraten, arteriosklerotische Politiker – falls sie nicht noch regieren –, debile Millionäre, schizophrene Schriftsteller, manisch-depressive Großindustrielle usw., kurz, die ganze geistig verwirrte Elite des halben Abendlandes, denn das Fräulein Doktor ist berühmt, nicht nur weil die bucklige Jungfer in ihrem ewigen Ärztekittel einer mächtigen autochthonen Familie entstammt, deren letzter nennenswerter Sproß sie ist, sondern auch als Menschenfreund und Psychiater von Ruf, man darf ruhig behaupten: von Weltruf (ihr Briefwechsel mit C.G. Jung ist eben erschienen). Doch nun sind die prominenten und nicht immer angenehmen Patienten längst in den eleganten, lichten Neubau übergesiedelt, für die horrenden Preise wird auch die bösartigste Vergangenheit ein reines Vergnügen. Der Neubau breitet sich im südlichen Teil des weitläufigen Parks in verschiedenen Pavillons aus (mit Ernis Glasmalereien in der Kapelle) gegen die Ebene zu, während sich von der Villa der mit riesigen Bäumen bestückte Rasen zum See hinunterläßt. Dem Ufer entlang führt eine Steinmauer.

Im Salon der nun schwach bevölkerten Villa halten sich meistens drei Patienten auf, zufälligerweise Physiker, oder doch nicht ganz zufälligerweise, man wendet humane Prinzipien an und läßt beisammen, was zusammengehört. Sie leben für sich, jeder eingesponnen in seine {13}eingebildete Welt, nehmen die Mahlzeiten im Salon gemeinsam ein, diskutieren bisweilen über ihre Wissenschaft oder glotzen still vor sich hin, harmlose, liebenswerte Irre, lenkbar, leicht zu behandeln und anspruchslos. Mit einem Wort, sie gäben wahre Musterpatienten ab, wenn nicht in der letzten Zeit Bedenkliches, ja geradezu Gräßliches vorgekommen wäre: Einer von ihnen erdrosselte vor drei Monaten eine Krankenschwester, und nun hat sich der gleiche Vorfall aufs neue ereignet. So ist denn wieder die Polizei im Hause. Der Salon ist deshalb mehr als üblich bevölkert. Die Krankenschwester liegt auf dem Parkett, in tragischer und definitiver Stellung, mehr im Hintergrund, um das Publikum nicht unnötig zu erschrecken. Doch ist nicht zu übersehen, daß ein Kampf stattgefunden hat. Die Möbel sind beträchtlich durcheinandergeraten. Eine Stehlampe und zwei Sessel liegen auf dem Boden, und links vorne ist ein runder Tisch umgekippt, in der Weise, daß nun die Tischbeine dem Zuschauer entgegenstarren.

Im übrigen hat der Umbau in ein Irrenhaus (die Villa war einst der von Zahndsche Sommersitz) im Salon schmerzliche Spuren hinterlassen. Die Wände sind bis auf Mannshöhe mit hygienischer Lackfarbe überstrichen, dann erst kommt der darunterliegende Gips zum Vorschein, mit zum Teil noch erhaltenen Stukkaturen. Die drei Türen im Hintergrund, die von einer kleinen Halle in die Krankenzimmer der Physiker führen, sind mit schwarzem Leder gepolstert. Außerdem sind sie numeriert eins bis drei. Links neben der Halle ein häßlicher Zentralheizungskörper, rechts ein Lavabo mit Handtüchern an einer Stange.

Aus dem Zimmer Nummer zwei (das mittlere Zimmer) {14}dringt Geigenspiel mit Klavierbegleitung. Beethoven. ›Kreutzersonate‹. Links befindet sich die Parkfront, die Fenster hoch und bis zum Parkett herunterreichend, das mit Linoleum bedeckt ist. Links und rechts der Fensterfront ein schwerer Vorhang. Die Flügeltüre führt auf eine Terrasse, deren Steingeländer sich vom Park und dem relativ sonnigen Novemberwetter abhebt. Es ist kurz nach halb fünf nachmittags. Rechts über einem nutzlosen Kamin, vor den ein Gitter gestellt ist, hängt das Porträt eines spitzbärtigen alten Mannes in schwerem Goldrahmen. Rechts vorne eine schwere Eichentüre. Von der braunen Kassettendecke schwebt ein schwerer Kronleuchter. Die Möbel: Beim runden Tisch stehen – ist der Salon aufgeräumt – drei Stühle: wie der Tisch weiß gestrichen. Die übrigen Möbel leicht zerschlissen, verschiedene Epochen. Rechts vorne ein Sofa mit Tischchen, von zwei Sesseln flankiert. Die Stehlampe gehört eigentlich hinter das Sofa, das Zimmer ist demnach durchaus nicht überfüllt: Zur Ausstattung einer Bühne, auf der, im Gegensatz zu den Stücken der Alten, das Satyrspiel der Tragödie vorangeht, gehört wenig. Wir können beginnen.

Um die Leiche bemühen sich Kriminalbeamte, zivil kostümiert, seelenruhige, gemütliche Burschen, die schon ihre Portion Weißwein konsumiert haben und danach riechen. Sie messen, nehmen Fingerabdrücke, ziehen die Konturen der Leiche mit Kreide nach usw. In der Mitte des Salons steht Kriminalinspektor Richard Voß, in Hut und Mantel, links Oberschwester Marta Boll, die so resolut aussieht, wie sie heißt und ist. Auf dem Sessel rechts außen sitzt ein Polizist und stenographiert. Der Kriminalinspektor nimmt eine Zigarre aus einem braunen Etui.

{15}INSPEKTOR

Man darf doch rauchen?

OBERSCHWESTER

Es ist nicht üblich.

INSPEKTOR

Pardon. Er steckt die Zigarre zurück.

OBERSCHWESTER

Eine Tasse Tee?

INSPEKTOR

Lieber Schnaps.

OBERSCHWESTER

Sie befinden sich in einer Heilanstalt.

INSPEKTOR

Dann nichts. Blocher, du kannst photographieren.

BLOCHER

Jawohl, Herr Inspektor.

Man photographiert. Blitzlichter.

INSPEKTOR

Wie hieß die Schwester?

OBERSCHWESTER

Irene Straub.

INSPEKTOR

Alter?

OBERSCHWESTER

Zweiundzwanzig. Aus Kohlwang.

INSPEKTOR

Angehörige?

OBERSCHWESTER

Ein Bruder in der Ostschweiz.

INSPEKTOR

Benachrichtigt?

OBERSCHWESTER

Telephonisch.

INSPEKTOR

Der Mörder?

OBERSCHWESTER

Bitte, Herr Inspektor – der arme Mensch ist doch krank.

INSPEKTOR

Also gut: Der Täter?

OBERSCHWESTER

Ernst Heinrich Ernesti. Wir nennen ihn Einstein.

INSPEKTOR

Warum?

OBERSCHWESTER

Weil er sich für Einstein hält.

INSPEKTOR

Ach so. Er wendet sich zum stenographierenden Polizisten. Haben Sie die Aussagen der Oberschwester, Guhl?

GUHL

Jawohl, Herr Inspektor.

{16}INSPEKTOR

Auch erdrosselt, Doktor?

GERICHTSMEDIZINER

Eindeutig. Mit der Schnur der Stehlampe. Diese Irren entwickeln oft gigantische Kräfte. Es hat etwas Großartiges.

INSPEKTOR

So. Finden Sie. Dann finde ich es unverantwortlich, diese Irren von Schwestern pflegen zu lassen. Das ist nun schon der zweite Mord –

OBERSCHWESTER

Bitte, Herr Inspektor.

INSPEKTOR

– der zweite Unglücksfall innert drei Monaten in der Anstalt ›Les Cerisiers‹. Er zieht ein Notizbuch hervor. Am zwölften August erdrosselte ein Herbert Georg Beutler, der sich für den großen Physiker Newton hält, die Krankenschwester Dorothea Moser. Er steckt das Notizbuch wieder ein. Auch in diesem Salon. Mit Pflegern wäre das nie vorgekommen.

OBERSCHWESTER

Glauben Sie? Schwester Dorothea Moser war Mitglied des Damenringvereins und Schwester Irene Straub Landesmeisterin des nationalen Judoverbandes.

INSPEKTOR

Und Sie?

OBERSCHWESTER

Ich stemme.

INSPEKTOR

Kann ich nun den Mörder –

OBERSCHWESTER

Bitte, Herr Inspektor.

INSPEKTOR

– den Täter sehen?

OBERSCHWESTER

Er geigt.

INSPEKTOR

Was heißt: Er geigt?

OBERSCHWESTER

Sie hören es ja.

INSPEKTOR

Dann soll er bitte aufhören. Da die Oberschwester nicht reagiert Ich habe ihn zu vernehmen.

OBERSCHWESTER

Geht nicht.

INSPEKTOR

Warum geht es nicht?

OBERSCHWESTER

Das können wir ärztlich nicht zulassen. Herr Ernesti muß jetzt geigen.

{17}INSPEKTOR

Der Kerl hat schließlich eine Krankenschwester erdrosselt!

OBERSCHWESTER

Herr Inspektor. Es handelt sich nicht um einen Kerl, sondern um einen kranken Menschen, der sich beruhigen muß. Und weil er sich für Einstein hält, beruhigt er sich nur, wenn er geigt.

INSPEKTOR

Bin ich eigentlich verrückt?

OBERSCHWESTER

Nein.

INSPEKTOR

Man kommt ganz durcheinander. Er wischt sich den Schweiß ab. Heiß hier.

OBERSCHWESTER

Durchaus nicht.

INSPEKTOR

Oberschwester Marta. Holen Sie bitte die Chefärztin.

OBERSCHWESTER

Geht auch nicht. Fräulein Doktor begleitet Einstein auf dem Klavier. Einstein beruhigt sich nur, wenn Fräulein Doktor ihn begleitet.

INSPEKTOR