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Auf das ITMC (International Trade and Money Center) in London wir ein Bombenanschlag verübt, bei dem Tausende von Menschen sterben. Eine internationale Kommission bestehend aus Fachleuten untersucht diesen Fall und kommt auf das Ergebnis, dass hinter diesem Anschlag der Chef des Al-Qaida steckt. Ist es aber die Wahrheit? Oder wird die Welt einfach irregeführt?
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Seitenzahl: 826
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Ali Erbas
Der Betrug
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Inhaltsverzeichnis
Titel
- KAPITEL 1 -
- KAPITEL 2 -
- KAPITEL 3 -
- KAPITEL 4 -
- KAPITEL 5 -
- KAPITEL 6 -
- KAPITEL 7 -
- KAPITEL 8 -
- KAPITEL 9 -
- KAPITEL 10 -
- KAPITEL 11 -
- KAPITEL 12 -
- KAPITEL 13 -
- KAPITEL 14 -
- KAPITEL 15 -
- KAPITEL 16 -
- KAPITEL 17 -
- KAPITEL 18 -
- KAPITEL 19 -
- KAPITEL 20 -
- KAPITEL 21 -
- KAPITEL 22 -
- KAPITEL 23 -
- KAPITEL 24 -
- KAPITEL 25 -
- KAPITEL 26 -
- KAPITEL 27 -
- KAPITEL 28 -
- KAPITEL 29 -
- KAPITEL 30 -
- KAPITEL 31 -
- KAPITEL 32 -
- KAPITEL 33 -
- KAPITEL 34 -
- KAPITEL 35 -
- KAPITEL 36 -
- KAPITEL 37 –
- KAPITEL 38 -
- KAPITEL 39 –
- KAPITEL 40 -
- KAPITEL 41 -
- KAPITEL 42 -
- KAPITEL 43 -
- KAPITEL 44 -
- KAPITEL 46 -
- KAPITEL 47 -
- KAPITEL 48 -
- KAPITEL 49 -
- KAPITEL 50 -
- KAPITEL 51 -
- KAPITEL 52 -
- KAPITEL 53 -
- KAPITEL 54 -
- KAPITEL 55 -
- KAPITEL 56 -
- KAPITEL 57 -
- KAPITEL 58 -
- KAPITEL 59 -
- KAPITEL 60 -
- KAPITEL 61 -
- KAPITEL 62 -
- KAPITEL 63 -
- KAPITAL 64 -
- KAPITEL 65 -
Impressum neobooks
- T E I L I -
Alles begann mit einem Bauwerk
Und da kam endlich der Tag, auf den der ursprünglich aus Perth (Australien) stammende Architekt James Edgar Richter sehnsüchtig gewartet hatte. Gott belohnte seinen unermüdlichen Fleiß, seine disziplinierte Arbeitsweise und seine schlaflosen Nächte, in denen er unzählige Gebäude skizzierte und sie gegeneinander verglichen oder miteinander kombiniert hatte.
Nach zwei Jahren intensivster Arbeit, bei der er nichts dem Zufall überließ und jeden entscheidenden Schritt selbst überwachte, stand nun sein größtes Werk von mächtigen Abdeckplanen aus undurchsichtiger Plastik verhüllt und wartete darauf, nicht nur von Fachleuten, sondern von der ganzen Welt bestaunt zu werden, die aus aller Welt nach London gekommen waren, nur um zu den glücklichen Zeugen dieses einmaligen Spektakels zu gehören.
6. Juni 1999.
Ein Tag, den James Edgar niemals vergessen und an den er sich bis zu seinem Tode mit allen Einzelheiten genauestens erinnern würde, als hätte sich alles eben abgespielt. Es war der Tag, an dem er nicht nur seinen vierzigsten Geburtstag, sondern auch die Einweihung seines wichtigsten Werkes, das er als „The baby of my dreams“ bezeichnete, feierte.
Der Himmel über London war blau und wolkenlos. Die Sonne zeigte sich bereits in frühen Morgenstunden von ihrer schönsten Seite und schickte ihre Strahlen in einem angenehmen und wohldosierten Wärmegrad auf die Erde, als wollte auch sie zu diesem Tag, der Londons Geschichte veränderte, ihren Beitrag leisten.
Das Baby von Edgars Träumen wurde an diesem 6. Juni 1999 in einer volksfestähnlichen Veranstaltung und in Anwesenheit von Tausenden von Begeisterten enthüllt und in seiner vollen Pracht der Öffentlichkeit vorgestellt.
Fernsehsender aus allen Ländern, Journalisten und andere Berichterstatter warteten schon seit den frühen Morgenstunden auf diesen Moment. Tausende von weißen Tauben und Luftballons in diversen Farben flogen gen Himmel just in dem Moment, in dem die riesige Plastikplane, um die Spannung zu erhöhen, nur stockend heruntersegelte. Jubelrufe und Applaus der Zuschauer in Begleitung der Musik aus gigantischen Boxen gaben diesem Augenblick die Atmosphäre eines Siegeszuges der Armee, die nach einer unerbittlichen Schlacht erhobenen Hauptes voller Stolz nach Hause zurückkehrte und nun von ihren Frauen, Kindern und anderen Zurückgelassenen begeistert empfangen wurde.
Der enthüllte Gebäudekomplex war nicht irgendein monströser Betonklotz mit viel Schnick Schnack aus glänzenden Metallrohren, die mit mehreren Zentimetern durchmessenden Drahtseilen miteinander verbunden waren, sondern das Bauwerk des Jahrhunderts. Es war ohne wenn und aber „die Mutter aller Werke.“
Für dieses Werk bekam der Architekt James Edgar Richter die lang ersehnte Trophäe „International Golden Award for Grand Master of Building“, die als wichtigste Anerkennung auf dem Gebiet der Architektur galt und nur alle fünf Jahre einmal vergeben wurde. Im Vergleich zu dem Ruhm durch diese Auszeichnung spielte die zusätzliche Dotierung in Höhe von einhunderttausend nur eine nebensächliche Rolle. Wer sie einmal bekam, konnte sicher sein, dass sein Name unsterblich wurde. Man würde diesen Namen bis zur Ewigkeit in den Enzyklopädien der Baukunstlegenden treffen.
Das International Trade and Money Center, kurz ITCM, das in manchen Fachkreisen als „das achte Weltwunder der Moderne“ bezeichnet wurde, ragte mitten in London in den Himmel und stahl sämtlichen Bauten in der Umgebung ihren einstigen Glanz. Sie wirkten im Schatten des ITCM wie Bauern auf einem Schachbrett, die darauf warteten, um für den König geopfert zu werden.
Nicht nur die Form, sondern auch die Größe des ITCM war eine Superlative, sodass am Tag der Eröffnungsfeier die englische Post ihre eigens dafür entworfenen Sonderbriefmarken auf den Markt brachte, die von ihrer Form her ebenfalls eine Novität darstellten. Sie waren nicht wie üblich quadratisch, sondern oval und wirkten mehr wie ein Emblem, als eine Briefmarke.
Das ITCM bestand aus viel Glas und ähnelte einer Fontäne, in deren Mitte sich ein ebenfalls aus Glas bestehender Globus befand. Dieser drehte sich so wie die Welt sachte um die eigene Achse. Abends, wenn die Dunkelheit ihre Macht über Londons Dächern ausbreitete, gingen die mit empfindlichen Sensoren betriebenen Lichter in einer bestimmten Reihenfolge an und aus und erweckten den Eindruck, als handelte es sich bei der Fontäne tatsächlich um riesige Wasserstrahlen, die die Weltkugel in der Mitte hüpfen und drehen ließen.
Zusätzlich wechselte dieser gläserne Globus in dreiminütigem Takt seine Farbe mit einem so harmonisch fließenden Übergang, dass das menschliche Auge nicht in der Lage war, festzustellen, wann eine Farbe aufhörte und wann die nächste begann.
Vier Staaten, die USA, England, Italien und die Bundesrepublik Deutschland, ließen gemeinsam dieses Objekt als Hauptsitz der International Trade and Money Center errichten.
Mit 50% gehörte der Hauptanteil dem amerikanischen Staat. England und Deutschland beteiligten sich mit jeweils 20% und Italien mit 10% an den Gesamtkosten.
In ITMC wurden die Preise für die wichtigsten Konsumgüter der Welt, wie z. B. Platin, Diamanten, Gold und Öl, festgelegt und verhandelt. Bis auf einige wenige Ausnahmen wickelten alle Länder der Welt ihre Geschäfte direkt über ITMC ab. Die zu den Ausnahmen gehörenden Länder, wie z. B. Russland und China, erweckten nach außen hin zwar den Eindruck, von diesem Handelscenter unabhängig zu sein. Betrachtete man allerdings die Staaten, mit denen sie ihren Handel betrieben und sich den Reglementierungen von ITMC unterwerfen mussten, so brauchte man kein Hellseher zu sein, um festzustellen, dass auch diese so genannten Ausnahmestaaten ihren Handel indirekt über ITMC abwickeln ließen.
Mehr als 80% des Welthandels fand in diesem Gebäude seinen Käufer und Verkäufer. Milliarden von US-Dollar flossen über ein kompliziertes, elektronisches Netzwerk innerhalb von wenigen Minuten in alle Richtungen der Welt und wechselten ihren Besitzer.
Den empfindlichsten Teil des ITMC bildete die Computerzentrale, die von den Mitarbeitern als „the brain“ genannt wurde. Sie beanspruchte eine ganze Etage in der Mitte des Globus und wurde strengstens überwacht. Sie transferierte alle ein- und ausgehenden Daten in Sekundenschnelle, speicherte sie automatisch auf einen Mikrochip und legte zusätzlich eine Sicherung auf Mikrofilm an.
Die Berechtigung für den Zugang in die Etage, in der sich the brain befand, erhielt nur das Team, bestehend aus zehn Spezialisten aus der Computerbranche. Allen anderen Mitarbeitern wurde der Zutritt in diese Etage verwehrt, besser gesagt verboten. Um in die Computerzentrale gelangen zu können, musste sich jedes Mitglied dieses Spezialteams, das in der Führungsebene unter dem Namen „member of brain“ bekannt war, drei unterschiedlichen Testverfahren unterwerfen.
Bereits vor dem Eingang der beiden separat, eigens dafür erbauten Lifte mussten sie zuerst einen personenbezogenen, achtstelligen Geheimcode eingeben, der aus Zahlen, Buchstaben und Sonderzeichen bestehen musste. Danach wurden die Abdrücke aller fünf Finger der rechten Hand und beide Iriden (Mehrzahl von Iris) eingescannt. Hinzu kam, dass jedes member of brain alleine sein musste, um per Lift in die Etage der Computerzentrale zu gelangen.
Stiegen mehrere Personen gleichzeitig in den Fahrstuhl ein, so blieb er stehen und bewegte sich keinen Millimeter, auch wenn alle Personen dem so genannten Sicherheitssystem bekannt waren und sich zuvor lege artis identifiziert hatten.
Mit dieser raffinierten Methode wollte man die Auffahrt für einen Außenstehenden unmöglich machen. So hätte auch ein Terrorist nicht einmal die Möglichkeit, sich durch Geiselnahme eines Mitarbeiters Zugang in das Gehirn des ITMC zu verschaffen.
Unterließ irgendeine Person diese Erkennungsprozeduren oder wurde ein falscher Code eingegeben bzw. passten die Hand- oder Irisstrukturen nicht zu den gespeicherten und regelmäßig aktualisierten Daten, so ging die Lifttür nicht einmal zu. Eine Fahrt nach oben war somit unmöglich. Gleichzeitig ertönte ein lauter Alarm, der eine schwer bewaffnete Truppe aus Sicherheitskräften mobilisierte, die binnen von drei Minuten auf der Stelle waren.
Als die Baupläne des ITCM dem von den Bauträgern beauftragten Konsortium vorlegt wurden, gab es eine einstimmige Begeisterung. Jedes Konsortiumsmitglied stimmte gleich für den Bausbeginn.
Bei den Versicherungen lief es jedoch nicht so reibungslos. Schon vor dem Beginn der Bauphase lehnten die konsultierten Gesellschaften die Übernahme der Versicherung ab. Denn die Höhe der veranschlagten Versicherungssumme sprengte jeden erdenklichen Rahmen. Der Grund für die Höhe der Versicherungssumme lag darin, dass diese nicht nur das Gebäude, sondern auch das Know-how, die gesamte Einrichtung, aber auch die Mitarbeiter involvierte.
Keine einzige Gesellschaft zeigte sich bereit, diesen gigantischen und kostspieligen Bau zu versichern. Die Investoren trafen sich regelmäßig und suchten nach Lösungen. Sie diskutierten unermüdlich mit den Vertretern der größten Versicherungen der Welt. Jedes Treffen endete mit einem klaren „Nein“ vonseiten der Versicherungen.
Nachdem etliche solcher Treffen fruchtlos blieben, erwog man sogar, den Bauplan fallen zu lassen und dafür in verschiedenen Ländern kleinere Objekte zu errichten.
Das Risiko war sowohl für die Investoren als auch für die Versicherungen viel zu groß. Ein solch bedeutendes Gebäude, in dem das profitabelste Geschäft der Welt abgewickelt werden sollte, mit fehlendem Versicherungsschutz kam für die Investoren auf keinen Fall in Frage. Die Versicherungskonzerne wiederum scheuten sich vor der schwindelerregenden Versicherungssumme, die alleine bei der Erwähnung die Nackenhaare zu Berge steigen ließ. Es handelte sich nämlich um eine Versicherungssumme in Höhe von fünfzehn Milliarden US-Dollar, die in der bisherigen Versicherungsgeschichte nicht einmal annähernd erreicht wurde.
Nach intensivsten Bemühungen und ewigen Verhandlungen bürdete ein Konsortium von vier Versicherungsgesellschaften diese Last doch noch auf sich. Man einigte sich statt fünfzehn auf eine Summe von 10,6 Milliarden US-Dollar und somit immer noch auf eine Rekordsumme.
Zwei Deutsche Versicherungen, die German Insurance Union (5 Milliarden US-Dollar) und Allgemeiner Versicherungsbund Deutschlands (2,6 Milliarden US-Dollar), übernahmen mit 7,6 Milliarden US-Dollar den Hauptanteil der Versicherungssumme. Die restlichen drei Milliarden US-Dollar wurden zu gleichen Anteilen von einer englischen und einer amerikanischen Versicherungsgesellschaft übernommen. Italienische Versicherungsgesellschaften hielten sich von Anfang an zurück und wirkten nicht mit.
Das ITMC beschäftigte insgesamt über 1800 Leute aus verschiedenen Nationen. Zusätzlich zu Englisch mussten alle Angestellten, die sich um die entsprechenden Geld- bzw. Handelsgeschäfte kümmerten, über mindestens zwei weitere Fremdsprachen in Wort und Schrift beherrschen. Die meisten von ihnen sprachen sogar mehr als vier Sprachen perfekt, als handelte es sich bei ihnen um ihre Muttersprachen.
Zusätzlich zu den Besuchern, die mit ITMC geschäftlich zu tun hatten, kamen täglich Hunderte von Schaulustigen, um dieses Jahrhundertwerk zumindest von außen zu betrachten und einige Erinnerungsfotos zu schießen.
Es gab zwar täglich mehrere Führungen, die von der Organisation for ITMC-Visiting organisiert und durchgeführt wurden. Diese waren aber bereits noch vor der Einweihung des Gebäudes bis auf weiteres ausgebucht.
Einzelne Personen, die einen Besuch nicht über diese Organisation buchen konnten, mussten den Alternativweg suchen und in einer unendlichen Schlange vor den Ticketschaltern Wartezeiten von mehreren Stunden in Kauf nehmen.
Um diese Menschenmenge, die an manchen Tagen eine Zahl von bis zu 50 Tausend Menschen erreichte, verkehrstechnisch zu bewältigen, erweiterte die Stadt London ihr U-Bahnnetz und errichtete eine neue Haltestelle unter dem Namen „ITMC Station.“
Die U-Bahnen fuhren in der Zeit von sieben Uhr morgens bis acht Uhr abends in Fünfminutentakt. Außerhalb der Hauptgeschäftszeiten nur noch alle zwanzig Minuten.
München (Deutschland). Anfang September 2000. Der Herbst stand bereits vor der Tür. Noch ein paar Wochen und dann würden die Wiesen im Englischen Garten ihre grüne Farbe einem Graugelb überlassen. Diese graugelbe Farbe betrachteten einige Naturvölker als einen Teil des Zyklus, den nicht nur die Natur, sondern auch alle Lebewesen zu durchlaufen hatten. Nach diesem Zyklus entsprach der Frühling der Saison der Geburt bzw. Vermehrung und hatte die Farbe grün. Danach folgte der Sommer als die gelbe Jahreszeit und bedeutete Wachstum. Die graugelbe Farbe stellte den Herbst dar und bedeutete die Vorbereitung auf den Winter, dessen graue Farbe, wie die Asche, das Ende bedeutete.
Der deutsche Innenminister, gleichzeitig bayerischer Ministerpräsident, Karl-Heinz Bertram traf den geschäftsführenden Vorstandvorsitzenden des ITMC Timothy J. Warren zum ersten Mal in München. Beide kamen Anfang des Jahres bereits zweimal in Berlin zusammen. Dieses inoffizielle Treffen fand nicht wie üblich in irgendwelchen Büroräumen statt, sondern unter freiem Himmel im Englischen Garten mitten in München.
Bertram und Warren benutzten trotz zahlreicher Bodyguards und strengen Sicherheitsvorkehrungen die entlegenen Wege. Mit ihrem Outfit sahen sie wie zwei normale Bürger aus der mittleren Sozialschicht aus, die sich zu einem gemütlichen Spaziergang an diesem Herbsttag getroffen hatten.
Die sie aufmerksam verfolgenden Bodyguards trugen einfache Sakkos und Jeans und wirkten ebenso wie gewöhnliche Spaziergänger, die sich nach etwas frischer Luft sehnten. Ihre Waffen steckten griffbereit im Hosenbund am Rücken. Die winzigen Mikrofone, über die sie einander kontaktieren konnten, befanden sich am Revers und sahen wie Stecknadeln aus.
Die meisten Blätter an den vielfältigen Bäumen sahen nicht mehr frisch aus. Sie wiesen an manchen Stellen braune Flecken auf und hingen herab, als wären sie schon startbereit, ihr restliches Dasein auf dem Boden zu verbringen, um irgendwann zu verwesen.
Der Wind aus dem Süd-Osten war nicht heftig genug, um diese herabhängenden Blätter von ihren Ästen büschelweise niederzureißen. Er reichte gerade so, sie in einem rhythmischen Wiegen hin und her zu bewegen, als handelte es sich bei ihnen um die Haare eines Kindes, über die die Hand eines Erwachsenen fuhr.
Während der deutsche Innenminister Karl-Heinz Bertram fleißig an seiner Pfeife zog, die ein Erbstück von seinem Großvater war, rauchte der geschäftsführende Vorstandvorsitzende des ITMC Timothy J. Warren eine echte kubanische Zigarre, die nicht nur einen mächtigen Durchmesser, sondern auch eine auffällige Länge hatte.
Diese Zigarren ließ er über seine Freunde in Kuba separat nach einer Tabakmischung anfertigen, die er selbst entworfen hatte. Diese Zigarren konnte man in keinem einzigen Geschäft kaufen. Somit waren sie sein Markenzeichen. Daher erfand er für sie einen neuen Namen, indem er „C“ gegen den ersten Buchstaben seines Familiennamens, also „W“ austauschte. Dadurch entstand aus dem Wort „Cigars“, der Spezialname „Wigars.“
Nachdem der deutsche Innenminister einige tiefe Züge an seiner Pfeife gemacht und eine Nebelschwade seitlich durch die Lippen herausgeblasen hatte, nahm er sie aus dem Mund heraus und hielt sie locker zwischen dem Daumen, Zeige- und Mittelfinger. Sie passte perfekt zu der Handgröße, die womöglich der seines Großvaters entsprach.
Bertram räusperte sich kurz und stellte anschließend, in einem einwandfreien Englisch die Frage, die ihn schon die ganze Zeit beschäftigte, ohne dabei seinen Begleiter anzuschauen. Seine Baritonstimme klang angenehm.
„Wie sehen die Dinge derzeit aus? Vielleicht könnten Sie mir mit einigen Sätzen berichten, was die Zukunft uns für die nächsten paar Jahre prophezeit. Für einen Vergleich mit dem letzten Stand wäre ich natürlich dankbar.“
„Noch schlechter“, antwortete der ITMC-Geschäftsführer Warren kurz angebunden. Er machte sich dabei nicht einmal die Mühe, die halbgerauchte Zigarre aus dem Mund zu nehmen, was den Innenminister sichtlich ärgerte. Denn, mit der Zigarre im Mund zu sprechen, betrachtete er nicht nur als unhöflich, sondern auch als taktlos. Er dachte unwillkürlich an Leute, die mit vollem Mund sprachen und immer wieder Teile des Mundinhaltes in Form von Tropfen durch die Gegend streuten. Manchmal landeten diese Tropfen sogar am Gesicht oder auf dem Teller des Gegenübers. Ekelhaft.
Hinzu kam Warrens nuschelnde Sprache, die mit der Zigarre zwischen den Lippen noch unverständlicher wurde.
„Schön, dass du auch nicht einen Kaugummi im Mund hast“, ging Bertram durch den Kopf und stellte seinem Begleiter dann eine weitere Frage.
„Können Sie etwas deutlicher werden?“
„Wie meinen Sie es?“, kam aus Warrens Mund; immer noch die Zigarre im Mund.
Bertram steckte die Pfeife zwischen die Lippen und versuchte, Warren nachzuahmen. „Ich meine die Zahlen. Sieht es wirklich so schlimm aus?“
Seine Sprache klang wie ein unprofessionelles Brummen eines Stofftieres, sodass Warren kein einziges Wort verstand. So blieb er plötzlich stehen und musterte Bertrams Gesicht einige Sekunden mit fragenden Blicken.
„Bitte verzeihen Sie es mir. Ich habe Sie akustisch nicht verstanden. Würden Sie bitte Ihren letzten Satz wiederholen?“, sagte er dann. Zu Bertrams Zufriedenheit nahm er aber zuvor seine Zigarre aus dem Mund.
Bertram hätte am liebsten ihn über den Unterschied zwischen Sprechen mit und ohne Zigarre im Mund hingewiesen, unterdrückte jedoch diesen Wunsch und wiederholte seine Frage.
„Wesentlich schlechter. Ich würde sogar miserabel sagen.“
„Glauben Sie, dass wir bereits die Talsohle erreicht haben?“
„Lieber Herr Minister, ich hätte so gerne Ihren Optimismus.“ Warren setzte ein künstliches Lächeln auf, wie ein Schauspieler in einem schlechten Western.
Ein Entenpaar kreuzte schnatternd ihren Weg. Sie liefen ziemlich schnell und wackelten mit ihren Hintern, als hätten sie eine Verabredung, zu der sie rechtzeitig kommen wollten.
Das Bild sah so einmalig aus, dass Timothy J. Warren stehen blieb und zu lachen anfing. Dabei vergaß er anscheinend die mächtige Zigarre zwischen seinen Lippen, die prompt quer auf dem Boden landete.
Diese Szene gefiel dem Innenminister. Er traute sich allerdings nicht, laut zu lachen und begnügte sich mit einem schadenfrohen Schmunzeln. Er beäugte die Enten eine Zeitlang und bedankte sich bei ihnen für diesen Vorfall. Eigentlich sollte seine Dankesbezeigung nur im Geiste erfolgen. Bertram fiel es nicht auf, dass er dabei seine breiten Lippen doch noch bewegte und zusätzlich auch leise flüsterte.
„Haben Sie was gesagt?“, fragte Warren.
„Nein, nein“, antwortete Bertram und wusste sofort, dass ihm ein großer Fehler unterlaufen war. Sein ohnehin rotes Gesicht nahm eine noch intensivere Farbe an, als litt er gerade unter hohem Fieber.
Warren bückte sich, als wäre nichts geschehen, lässig zum Boden und hob die Zigarre. Er blies kräftig auf das Mundende und befreite sie dadurch von einigen verdorrten Grashalmen, die durch die Feuchtigkeit an der Zigarre hafteten. Anschließend steckte er sie wieder in den Mund und zog einige Male kräftig daran. Mit jedem Zug glimmte die Spitze stärker und die hellrote Glut wanderte wie eine Amöbe mit feinen Scheinfüßchen an der obersten Tabakschicht nach vorne. Um Warren herum bildete sich eine wuchtige Rauchwolke, deren Geruch den herbstlichen Duft des Englischen Gartens überwältigte.
Bertrams Gedanken beschäftigten sich immer noch mit dem Entenpaar. Sie haben schließlich das geschafft, was er selbst als Minister nicht geschafft hatte; nämlich die Zigarre aus dem Mund dieses ignoranten Menschen zu holen, der mit seinem arroganten Gehabe ihm mächtig auf die Nerven ging.
Nach dieser kurzen Unterbrechung setzten sie ihren Spaziergang fort, ohne miteinander zu reden. Warren, der möglichst das Gespräch zu Ende bringen wollte, hielt die Stille nicht mehr aus und wandte sich mit einer Frage an Bertram, nachdem er eine lang gezogene Rauchwolke gen Himmel geblasen hatte.
„Verzeihen Sie, Herr Minister. Wo waren wir stehen geblieben?“
„Dass es sehr schlecht ausschaut.“
„In der Tat, Herr Minister, es schaut derzeit sehr düster aus. Der Handel erlebt zurzeit eine Krise, die die Menschengeschichte bis jetzt nicht gekannt hat. Die Händler und die Banken sind sehr vorsichtig geworden. Wir schreiben nur noch rote Zahlen und können unsere Ausgaben kaum noch decken. Schauen Sie sich die Immobilienkrise in Amerika an. Die Banken stehen vor dem Konkurs. Die amerikanische Wirtschaft droht jederzeit zu kippen. Die Ölpreise steigen und steigen… Die Automobilindustrie wird bald, wenn es so weitergeht nur noch eine historische Bedeutung haben. Firmen, Unternehmen, Konzerne, die bis jetzt als unverwüstlich galten, laufen wie Bettler mit offener Hand und bitten ihre Regierungen um finanzielle Unterstützung…“
Bertram begann leise zu lachen. Seine Stimme klang nicht mehr ernst, als wollte er nun einen Witz kommentieren. „Lieber Herr Warren. Das, was Sie eben erzählt haben, finde ich überwältigend. Allerdings auch belustigend. Können Sie mir bitte sagen, weswegen ich das Gefühl habe, dass Sie den Teufel an die Wand malen?“
Warren fand diese Bemerkung überhaupt nicht lustig. Auf seiner Stirn bildete die Ärgerfalte tiefe Furchen. „Auch wenn ich ein miserabler Maler bin, lieber Herr Minister, muss ich Ihnen gestehen, dass der Teufel höchstpersönlich ungeduldig vor unserer Tür steht und seinen Zeigefinger ununterbrochen auf der Klingel hält. Wenn die Wirtschaftskrise so weitergeht, dann würde es mich nicht wundern, wenn die Industrienationen sich gegenseitig zu eliminieren versuchen und kurz danach der dritte Weltkrieg ausbricht.“
„Ich mag Euch Amerikaner sehr“, sagte der Innenminister diesmal höhnisch und versuchte, sein unpässliches Lachen krampfhaft fortzusetzen. „Ihr seid ein richtig lustiges Volk.“
Warren blieb abrupt stehen. Er drehte seinen kräftigen Körper wie in einer Zeitlupe langsam zum Innenminister und fixierte seine Augen, als wollte er ihn hypnotisieren. Eine Wutwelle legte seine Nerven blank und spannte sie wie ein Draht zwischen zwei Zahnrädern. Er verspürte einen schmerzhaften Krampf in der gesamten Rückenmuskulatur. Er ballte beide Hände zu Fäusten. Am liebsten hätte er seinem Begleiter eine ordentliche Ohrfeige verpasst, was er sich natürlich niemals hätte erlauben können. Er biss die Zähne zusammen und atmete tief ein und aus, um sich zu beruhigen.
Warrens Augen wirkten unheimlich. Gespenstisch. Der Innenminister schauderte reflexartig. Eine panische Angst zog ihn in ihren Bann, sodass seine rötlichblaue Gesichtsfarbe blitzartig in eine aschfahle Blässe wechselte. Er zog instinktiv seinen Mantel enger und versteckte die Hände unter den Armen.
„Wenn Sie den Untergang der Welt als lustig bezeichnen, Herr Minister, dann bin ich gerne bereit, mit Ihnen zu lachen, auch wenn man uns Amerikanern, so wie den Engländern, einen eigenartigen Humor vorwirft.“
Bertram bereute seine Bemerkung und fluchte mit einer kaum hörbaren Stimme.
„Ich bitte um Entschuldigung. Ich hätte nicht einmal im Traum daran denken können, dass alles so schlimm ist.“
„Jetzt wissen Sie es!“, antwortete Warren in einem resoluten Ton, als wäre er ein General, der einen Soldaten tadelte.
Die von einem Ehepaar namens Mendelson gespendete Sitzbank vor ihnen sah bis auf einige farblose Stellen recht sauber aus. Bertram beschleunigte seine Schritte und, sobald sie die Sitzbank erreicht hatten, ließ er seinen adipösen Körper mit einem lauten Stöhnen einfach darauf fallen. Er hielt es nicht für nötig, Warren mitzuteilen, dass er dringend eine Pause benötigte.
Karl-Heinz Bertram war der einzige Sohn eines Metzgers und wuchs auf dem Land in der Nähe von Passau auf. Seine schulische Karriere sah nicht rosig aus. Er fiel zwar kein einziges Mal durch, es kostete ihn aber viel Energie, um weiterzukommen. Bereits in jungen Jahren trat er auf dringende Empfehlung seines Vaters der Partei bei, die in Bayern zunehmend mächtiger wurde. Und, wie es sich später bewahrheitete, behielt sein Vater Recht. Denn diese Entscheidung sorgte in seiner Laufbahn um eine Wende. Er kletterte in der Partei nach oben und gehörte bald aufgrund seines Engagements zu den führenden Persönlichkeiten im Kreisverband seiner Partei. Bereits als er das Studium in Betriebswirtschaft in München aufnahm, hatte er den Posten des ersten Vorsitzenden des Kreisverbandes inne. Auch in München setzte er seine parteipolitischen Aktivitäten fort und wurde kurz nach dem Studium Mitglied des Landtags. Nach zwei Legislaturperioden übernahm er die Führung seiner Partei und wurde zum bayerischen Ministerpräsidenten gekürt.
Als seine Partei bei den Bundestagswahlen ein beachtliches Ergebnis erreicht und mit einem Koalitionspartner zusammen die Regierung gebildet hatte, wurde er Innenminister.
Mit einer Körpergröße von 1.70 und einem Gewicht von knapp 100 kg war Bertram alles andere als sportlich. Wandern, Spazierengehen oder jedwede körperliche Aktivität waren für ihn, nach Churchills Motto, „Sport ist Mord!“ Er zog es vor, jede Strecke mit dem Auto zu fahren bzw. statt Treppen den Lift zu benutzen.
Er machte sich nichts aus seinem massiven Übergewicht und dem hohen Blutdruck. Hinzu kamen das regelmäßige Pfeifenrauchen und der Bierkonsum, oft über den Durst hinaus, die zusätzlich Herz und Lunge belasteten. Daher litt er häufig an Herz-Lungen-Beschwerden und wurde bald Stammgast der Berliner Charité.
Seine mächtige Glatze und seine dicken in der Mitte wild zusammengewachsenen Augenbrauen bildeten einen auffälligen Kontrast zu seinem gepflegten Vollbart, den er regelmäßig schwarz färbte. Das faltenreiche Gesicht ließ ihn wesentlich älter aussehen.
Im Gegensatz zu Bertram hatte der 53-jährige Warren breite Schultern und einen athletischen, durchtrainierten Körper. Der gebürtige Clevlander (Ohio) war aufgrund seiner Raffinessen in Geldgeschäften international unter dem Spitznamen „The Juggler” bekannt.
Abgesehen von seinen Whiskyexzessen im engsten Freundeskreis war das Zigarrenrauchen sein einziger Laster. Dafür joggte er allerdings jede Woche mindestens einmal an der Themse entlang und hielt sich fit. Auch wenn er leidenschaftlich Tennis spielte, war Golf für ihn der Sport der Seele und des Gehirns. Daher mietete er gleich nach seinem Umzug nach London ein schönes Einfamilienhaus in unmittelbarer Nähe eines renommierten Londoner Golfclubs.
Die Sauna im Kellergeschoss benutzte er regelmäßig und härtete seinen Körper mit Kneippschen Güssen ab. Die Begriffe Erkältungskrankheiten oder grippale Infekte fanden in seinem Sprachgebrauch keinen Platz.
„Ich sehe, Sie bedürfen wieder einer Pause, Herr Minister“, lästerte Warren, der mit der rechten Hand die Spannung seines Waschbrettbauches prüfte und keine Spuren von Müdigkeit zeigte.
„Im Sitzen kann ich besser denken“, antwortete Bertram und rang nach Luft. Diesmal allerdings wesentlich leiser. Warren sollte auf keinen Fall mitkriegen, dass der Spaziergang ihn bereits jetzt schon völlig außer Atem brachte. Er schien mit dem Ausatmen, deutliche Probleme zu haben. Es wurde von einem hochtonigen Pfeifen begleitet, das einen spindelförmigen Verlauf zeigte; am Anfang und gegen Ende der Atmung leise, in der Mitte jedoch unüberhörbar laut.
„Oh ja, ich bitte um Verzeihung, Herr Minister“, sagte Warren schmunzelnd. Er drehte seinen Kopf zur Seite, damit der Minister seinen ironischen Gesichtsausdruck nicht sehen konnte.
Beide saßen mehrere Minuten wortlos auf der Bank.
Die Gegend, wo sie saßen, war ziemlich ruhig. Kein einziger Spaziergänger entschied sich für den Weg, den sie gegangen waren. Für die Leibwächter war es natürlich ein Segen. Schon seit Wochen hatten sie keinen solch angenehmen Tag erlebt. Besonders anstrengend waren die Veranstaltungen, in denen der Innenminister durch Hunderte von Leuten zum Pult gehen und seine Rede halten musste. Das waren Momente, in denen sie regelrecht ins Schwitzen kamen. Sie mussten den gesamten Saal im Blick haben.
Bertram und Warren bliesen den Tabakrauch genüsslich in die Luft. Die Rauchsäulen, die aus ihren Mündern emporstiegen, trafen sich etwa ein Meter oberhalb ihrer Köpfe und vereinten sich zu einer größeren Wolke, die sich gemächlich mit der umgebenden Luft vermischte.
Nachdem Warren die mächtige Zigarre zu Ende geraucht hatte, schmiss er den Stummel auf den Boden und trat ihn mit seinem rechten Fuß. Er fuhr mit seiner Schuhsohle so lange vor und zurück, bis der Stummel kaum noch zu sehen war.
Bertrams Ohren hatten sich an die beruhigende Stille des Parks gewohnt. Sein mächtiger, in alle Richtungen ausladender Körper erreichte einen Zustand der maximalen Entspannung. Seine Gedanken weilten ziemlich weit von dem Englischen Garten irgendwo in der Karibik. Er saß an einer Bar im angenehmen Schatten von Palmen, wo er gerade von einer attraktiven Brünetten bedient wurde, deren knapper Bikini ihre makellose Figur kaum bedeckte.
Warren richtete plötzlich seinen Oberkörper auf und blickte auf Bertrams Gesicht.
„Und wie soll es Ihrer Meinung nach weitergehen? Wie sehen Ihre Pläne aus?“, fragte er, als hätte er ewig auf diesen Moment gewartet, um endlich diese wichtige Frage stellen zu dürfen.
Aufgrund Warrens ruckartiger Bewegung und der unerwarteten Frage, mit der er keinesfalls gerechnet hatte, erschrak Bertram und ließ seine Blicke zwischen den Leibwächtern wandern, die lässig und ohne Anstrengung die Gegend beobachteten.
„Was? Wie? Wo? Verzeihung…Haben Sie etwas gesagt?“ Bertram schlug die Augen auf und kehrte von den bezaubernden Karibikgedanken in die abscheuliche Realität der Gegenwart zurück.
„Bewundernswert, Herr Minister“, sagte Warren belustigt, „wie tief Sie in Gedanken versinken können. Ich wünschte, ich könnte auch so schnell abschalten und unangenehme Situationen verdrängen, wie Sie.“
„Sie verzeihen, Herr Warren, ich habe Sie akustisch nicht verstanden“, stotterte der Innenminister und rieb dabei mit beiden Händen seine Augen. Er glaubte die Szene in der Karibik nach wie vor zu sehen.
„Ich wollte nur erfahren, ob Sie eine Lösung für unsere prekäre Situation gefunden hätten“, antwortete Warren.
Bertram schwieg einen Moment und blickte in die Ferne. Insgeheim hoffte er, die Karibikszenen erneut zu sehen. Das, was er sah, entsprach aber nicht seinen Vorstellungen.
Zwei Radfahrer fuhren schnell nebeneinander um die Wette. Die beiden Dobermänner liefen mit herausgestreckten Zungen nebenher und hatten Schwierigkeiten mit den Radlern Schritt zu halten.
Er wandte seinen Kopf zu Warren. „Ich glaube, ich habe eine Lösung.“
„Wären Sie so gnädig und würden Sie es mir verraten?“
Bertram ließ sich Zeit mit der Antwort. Er stopfte eine neue Pfeife mit erlesenem Tabak, der das Aroma einer Nelken-Vanille-Mischung hatte, und zündete sie unter Verbrauch von mehreren Streichhölzern an.
Dann begann er langsam zu sprechen. So schnell wollte er seine Pläne nicht preisgeben.
Washington DC (USA). Bereits am selben Abend saß der Geschäftsführer des ITMC Timothy J. Warren in einer neueren Maschine der American Airlines in Richtung Washington. Gleich nach dem Treffen mit dem Bundesinnenminister Bertram ließ er sich von seinem Chauffeur zum Franz-Josef-Strauß-Flughafen fahren und passierte die Passkontrolle problemlos und vor allem ohne Wartezeit über den VIP-Eingang. Er gehörte zu den letzten Passagieren, die in die Maschine einstiegen. Der freundlichen Begrüßung durch das Bordpersonal entgegnete er nur mit einem kurzen Kopfnicken.
Warren flog wie immer first-class im Oberdeck des Airbus A380. Geld spielte für ihn gerade als Vorsitzender des ITMC keine Rolle. Zudem wurden ihm sämtliche Reisekosten von der Gesellschaft zurückerstattet. Er legte seine lederne Aktentasche, die voll mit diversen Berichten und Computerausdrucken war, ins Gepäckfach und machte es sich in dem Sessel bequem, auf dem ohne weiteres noch eine Person ausreichend Platz gehabt hätte. Er drückte auf einige Knöpfe und brachte die Position der Lehne in die für seinen Rücken angenehmste Lage.
Die junge Stewardess mit mandelförmigen Augen und dünnen bogenförmigen Augenbrauen wartete anscheinend darauf, bis er seine optimale Sitzposition gefunden hatte. Prompt stand sie strahlend neben ihm und fragte mit einer angenehmen Stimme, ob sie ihm etwas zu trinken bringen durfte. Er brauchte nicht lange zu überlegen und bestellte bei ihr gleich einen Whisky mit wenig Eis und dazu etwas Knabberartikel.
Nun drückte er erneut auf einige Knöpfe an der Armlehne und brachte den Sitz in eine halb liegende Position. Über einen anderen Knopf schaltete er den Fernseher ein. Das Bild auf dem kleinen Monitor flackerte bei jedem neuen Tastendruck für einige Sekunden und stellte sich automatisch auf scharfe Konturen ein.
Warren hasste diese Zeitinterwalle, die der Fernseher zum Programmwechsel benötigte. Für ihn spielte jede Sekunde eine immense Rolle.
Die Stewardess brachte ihm ein Glas mit Whisky und eine Schale mit einer Nussmischung und stellte sie auf den Tisch, den sie zuvor aufgeklappt hatte. Er dankte ihr, ohne seine Augen vom Bildschirm zu nehmen, und schwenkte das Glas solange, bis er die erfrischende Kälte der langsam schmelzenden Eiswürfel in seiner Hand spürte. Den ersten Schluck ließ er eine Zeitlang im Mund kreisen, um seine Zunge mit dem Whiskygeschmack einzustimmen, als tränke er einen kostbaren Wein. Während die Flüssigkeit im Mund langsam in den Magen floss und eine wohltuende Wärme hinter dem Brustbein auslöste, nickte er zufrieden mit dem Kopf, denn der Whisky schmeckte nicht, wie er befürchtet hatte, nach einem billigen Fussel.
Als auf dem Monitor die Szene eines Westerns aus den früheren Jahren erschien, übertraf seine Freude jede Erwartung. Er hatte die wichtigsten Sachen zur Entspannung: Whisky und Western.
Warren liebte Western. Über 80 Prozent seiner immensen DVD-Sammlung bestand aus Westernfilmen, wobei er allerdings aus Mangel an Freizeit die meisten von ihnen kein einziges Mal gesehen hatte.
Er ließ das Abendessen ausfallen und begnügte sich mit Whisky. Irgendwann spürte er die Wirkung des Alkohols. Wie viel Whisky er inzwischen getrunken hatte, wusste er selbst nicht. Eine angenehme Müdigkeit übermannte ihn, sodass sich sein durchtrainierter Körper so schwer wie Blei fühlte. Seine Augenlider fielen wie zwei Vorhänge nach unten, als würde ein schweres Gewicht an ihnen hängen und sie nach unten ziehen. Seine roten Augen verschwanden unter beiden Lidern.
Seine Hand wanderte schlaff auf den Knöpfen an der rechten Armlehne und drückte auf Gutglück herum. Erst beim vierten Knopf gelang es ihm, seinen Sitz in eine Liegeposition zu bringen.
Eine Weile hatte er das Gefühl, dass die Maschine an Höhe verlor und in der Luft schwebte. Sein Gehirn schaltete das Denkzentrum aus und machte schon Feierabend. Der Körper entspannte sich und die Muskelgruppen legten ihre Kontraktionsfähigkeit ab. Dieser Schwebezustand dauerte nicht einmal zehn Sekunden und er begann, mit leicht offenem Mund leise zu schnarchen.
Der Beamte in dem VIP-Schalter des Washingtoner Flughafens kannte Warren anscheinend recht gut, sodass er ihn freundlich grüsste und blindlings in seinen Pass den Einreisestempel setzte.
Diesen VIP-Schalter schätzten die Geschäftsleute, die das Glück hatten, ein VIP zu sein, besonders, da sie die Passkontrolle ohne Wartezeiten schnell passieren und kurz danach den Washingtoner Flughafen verlassen konnten. Während die anderen Passagiere in den langen Schlangen teilweise über eine Stunde warten mussten, konnten diese begnadeten Leute ihrer Arbeit oder sonst was sofort nachgehen.
Warrens Reisetasche kam als erste auf dem Gepäckband, sodass er sie herunternahm und ohne Zeit zu verlieren, den Flughafen verließ. Er fuhr in einem frisch geputzten Taxi direkt in das Fünf-Sterne-Hotel The Fairfax at Embassy Row an der Massachusetts Avenue. Das Hotel gehörte zu den besten Washingtoner Hotels und bot eine unbeschreibliche Eleganz und Pracht. Die luxuriös ausgestatten Zimmer und Suiten boten eine bezaubernde Aussicht auf Embassy Row, die National Cathedral oder das Washington Monument.
Warren fuhr mit dem Lift in den dritten Stock. Kaum schloss er die Tür seines Hotelzimmers auf, spürte er eine Vibration direkt über seinem Herzen. Kurz danach folgte der Klingelton der Filmmusik „The good, the bad and the ugly.“ Wie oft er diesen Film angeschaut hatte, wusste er selbst nicht. Und jedes Mal hatte er das Gefühl, er würde ihn zum ersten Mal sehen.
Er nahm das silbern glänzende Mobiltelefon aus der Innentasche seines beigefarbenen Sakkos und warf einen schnellen Blick auf das Display. Es handelte sich um eine Spezialnummer, deren Besitzer man einfach nicht warten lassen durfte. Daher warf er seine Reisetasche wie einen wertlosen Sack geschwind auf den Boden und drückte hastig auf die grüne Taste, um das Gespräch entgegenzunehmen.
„Guten Abend, Sir“, sagte er in einem freundlichen Ton. Sein Hals fühlte sich nach vielen Whiskys ziemlich trocken.
„Sind Sie gut angekommen?“, fragte eine männliche Stimme, die streng und ziemlich harsch klang.
„Ja, Sir, vielen Dank für die Nachfrage. Wie geht es Ihnen Sir?“
Der Mann am anderen Ende der Leitung reagierte nicht auf Warrens Frage und tat so, als hätte er sie nicht gehört. Seine Sprache hatte einen überheblichen Ton und jeder Satz klang wie der ungestüme Befehl eines gnadenlosen Guerillakämpfers, der seine Anhänger kommandierte.
„Ich erwarte Sie morgen punkt 10 Uhr in meinem Büro.“
„Kommt Daniel auch?“
Warren wusste, dass er auch auf diese Frage keine Antwort erhalten würde. Trotzdem versuchte er es und stellte sie seinem Gesprächspartner. Es hätte ja sein können, dass er zu seiner Überraschung doch noch eine Antwort bekam.
Doch keine Überraschung.
„Dann bis morgen. Schlafen Sie gut.“
Und die Leitung war tot.
Warren schmunzelte und schüttelte den Kopf. Er kannte seinen Gesprächspartner zu gut. Seine Menschenkenntnis bestätigten wieder einmal, dass er sich stets auf sie verlassen könnte.
„Unverbesserlich… Wie immer! 1:0 für mich mein Freund. Du musst schon aufpassen“, ging ihm durch den Kopf.
Er nahm seine Tasche in die Hand und steckte die als Türöffner dienende Magnetkarte in den Schlitz einer oberhalb der Klinke angebrachten cremefarbenen Box. Ein rotes Lämpchen unterhalb des Schlitzes begann zu blinken. Er achtete überhaupt nicht darauf und drückte vergeblich auf die Türklinke. Die Tür ließ sich nicht öffnen. Er wurde ungeduldig. Er begann über die moderne Technik zu schimpfen; das tat ausgerechnet der geschäftsführende Vorsitzende des ITCM, das ohne die moderne Technik einem Auto ohne Motor ähnelte.
Erst bei seinem dritten und letzten Versuch blinkte das Lämpchen grün und die Tür ließ sich doch noch öffnen. Sobald er das Zimmer betrat, schaltete er alle Lichter ein und inspizierte die Räume, wie ein Detektiv, der nach Wanzen oder anderen Abhöranlagen suchte, auch wenn er keine Ahnung davon hatte.
Er konnte sich nicht erinnern, dass er irgendwann, daran glaubte er zumindest, überhaupt abgehört worden war; es gab ebenso keine Drohungen oder Anschläge. Trotzdem steckte in seinem Inneren ein merkwürdiges Gefühl des Misstrauens und krankhaft gesteigerter Vorsicht.
„Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.“ Diesen Spruch brannte er sich in sein Gedächtniszentrum ein, sodass er wie eine Leuchtreklame vor seinen Augen vorbeizog, sobald er ein Hotelzimmer betrat oder mit einer neuen Tätigkeit begann. Er öffnete jeden Brief vorsichtig, beobachtete beim Einkaufen oder beim Spazieren die Umgebung genauer und ging nur in Restaurants, die er gut kannte. Dort wurde ihm ein Stammtisch zugewiesen, von dem aus er alle Gäste sehen und auch beobachten konnte.
Gegenüber den wiederkehrenden Gedanken, er könnte verfolgt, bedroht, vielleicht sogar entführt werden, war er machtlos. Obwohl er mit seinem Namen weder als Politiker noch als Diplomat irgendwelche Schlagzeilen machte, spielte seine wichtige Position bei ITMC bei den vom Verfolgungswahn herrührenden Vorsichtsmaßnahmen sicherlich eine nicht unerhebliche Rolle.
Nachdem er seinen quälenden Instinkt von der Sicherheit des Hotelzimmers und der fehlenden Abhöranlagen überzeugt hatte, atmete er erleichtert tief durch und schritt zum riesigen Fenster, von dem aus er einen herrlichen Blick auf die National Cathedral hatte. Der Bau dieser sechstgrößten Kathedrale der Welt, immerhin die zweitgrößte in den USA, begann am 29. September 1907 in Anwesenheit des damaligen US-Präsidenten Theodore Roosevelt. Diese episkopale Kathedrale wird als das Nationale Haus des Gebets der USA bezeichnet und ist sowohl der Amtssitz des Leitenden Bischofs (Presiding Bishop) der Episkopal-Kirche in den USA, als auch des Bischofs der Episkopal-Diözese von Washington.
Warren betrachtete eine Zeitlang die Menschen, die in die Kathedrale gingen. Die meisten Besucher bildeten ältere Leute und Angehörige der dunkleren Nation. Als eine große japanische Touristengruppe hinter einer hochgewachsenen Frau, die eine rote Fahne hochhielt, hineinging, kehrte er ins Zimmer zurück und packte seine Tasche aus. Obwohl er fast während der gesamten Flugdauer geschlafen hatte, überkam ihn eine plötzliche Müdigkeit. Er gähnte mehrmals hintereinander, sodass er auf seinen Plan, für einen Drink in die Bar zu gehen, verzichtete und entschied sich fürs Bett.
Am nächsten Tag wachte er relativ früh auf und sprang sofort aus dem Bett, obwohl er erst um zehn Uhr verabredet war. Er begann mit der Morgengymnastik. Nach fünfzig Liegestützen und fünfzig Situps ging er ins Bad und rasierte seinen Stoppelbart mit dem Elektrorasierer, den er erst vor zwei Wochen gekauft hatte. Er fuhr mit der Innenfläche der rechten Hand immer wieder über sein Kinn und suchte nach Stellen, die noch kratzten. Nach fünf Minuten fühlte sich seine Haut weich und glatt, wie bei einem Baby. Anschließend sprang er in die Badewanne und lag mindestens eine halbe Stunde in der angenehm warmen Flüssigkeit, aus der das Moschusparfüm seinen dezenten Duft empor schickte.
Beim Anziehen des nadelgestreiften Anzuges pfiff er fröhlich die gleiche Melodie wie bei seinem Handy „The good, the bad and the ugly.“
Er nahm den Lift und fuhr in das Foyer. Normalerweise benutzte er keinen Lift, hatte aber gerade an diesem Tag keine Lust vom dritten Stock, in dem sich sein Zimmer befand, herunter zu laufen.
Das Schild mit der Aufschrift „Breakfast” links neben der Rezeption fiel ihm sofort auf. Es zeigte in einen hell beleuchteten Korridor. Die Frau, eine Asiatin, am Eingang des Frühstückssaals wünschte ihm einen guten Morgen und erkundigte sich nach seiner Zimmernummer. Sie markierte die Nummer auf ihrer Liste mit einem schwungvollen Häkchen. Kaum schritt er in den nach frischem Brot und Kaffee duftenden Frühstücksraum, so wurde er von einer ziemlich jung aussehenden Frau mit blasser Haut gebeten, ihr zu folgen. Sie geleitete ihn zu einem Tisch in unmittelbarer Nähe des Buffets, dessen Reichtum an vielfältigen Angeboten die Diätpläne mancher Gäste sicherlich zum Scheitern führte.
Warren bestellte bei der Dame gleich einen doppelten Espresso und die Tageszeitung Washington Post. Sie dankte ihm mit einem freundlichen Lächeln, eilte zu einer Kollegin mit breiten Hüften und gab ihr die Bestellung weiter.
„Das ist ja wie beim Militär“, dachte er, „jeder Befehl wandert von oben nach unten.“
Er holte vom Frühstücksbuffet eine Vollkornsemmel, ein paar Scheiben Käse, Wurst und etwas Obst. Er stellte den Teller auf den Tisch und ging zu den Köchen, die in ihren Pfannen diverse Omeletts herstellten. Er bestellte bei einem kleinen Mann mit kurzen grauen Haaren ein Omelett mit Pilzen, Speck und Zwiebeln. Als er zu seinem Tisch zurückkam, sah er, dass die Dame seinen Espresso und die Zeitung bereits auf dem Tisch abgestellt hatte. Während des Frühstücks blätterte er in der Zeitung und überflog die Überschriften und die fettgedruckten Zeilen, fand aber keinen Artikel bzw. keine Nachricht, die ihm als lesenswürdig zu sein schien. Daher ersparte er sich den Rest des Textes. Die Seiten mit den Wirtschaftsnachrichten ließ er gänzlich aus. Die aktuelle Situation kannte er ja bestens. Er steckte schließlich selbst in diesem Zweig darin.
Er schaute auf seine Uhr, eine Rolex mit goldenem Rahmen, die jetzt mehr als das Doppelte des vor Jahren von ihm gezahlten Preises kostete. Sie zeigte 9.20 Uhr; die rechte Zeit aufzubrechen.
Er trat hinaus auf die Straße.
Der Himmel war leicht bedeckt. Die Wolken schoben sich im Zuge des Windes und ließen gelegentlich die Sonnenstrahlen durchscheinen.
Das hektische Treiben der Menschen überraschte ihn nicht. Denn in London sah es vor allem morgens nicht anders aus.
Der Portier, ein älterer Mann mit einem müden Gesicht, der in seiner Uniform wie ein strenger Offizier aussah, fragte ihn, ob er ihm ein Taxi bestellen durfte. Ein kurzes Kopfnicken reichte völlig und das Taxi stand schon vor ihm. Der Portier hielt ihm die Tür solange auf, bis Warren auf dem Rücksitz bequem saß. Trinkgeld gab es keins.
„Wo geht es bitteschön hin?“, fragte der Taxifahrer, der sich bereits in den dichten Verkehr eingereiht hatte.
„Zum Weißen Haus“, murmelte Warren.
„Entschuldigung?“
Warrens Blicke begegneten im Rückspiegel den Augen des Taxifahrers, die ziemlich überrascht wirkten. Er hatte bis jetzt noch nie einen Fahrgast ins Weiße Haus befördert.
„Zum Weißen Haus bitte“, wiederholte Warren, diesmal etwas lauter und deutlicher.
Der Taxifahrer nickte mit dem Kopf und betrachtete seinen Fahrgast eingehend im Rückspiegel. Während der gesamten Fahrt dachte er über das Gesicht seines Fahrgastes nach. War er ein bekannter Mann, den er kennen musste? Ein Minister vielleicht? Sollte er mit ihm ein Gespräch anfangen und ihn einfach danach fragen? „Lieber nicht“, dachte er. Ihm fiel prompt der Lieblingsspruch seines Vaters ein. Zuviel Neugier könnte schlimme Folgen haben. Also, still sein und sich auf die Fahrt konzentrieren.
Zehn Minuten vor dem vereinbarten Termin hielt das Taxi vor dem Weißen Haus an. Mehrere Schilder wiesen auf das Parkverbot hin.
„Das macht 18,90 Dollar.“
Warren streckte ihm zwei Zehndollarscheine.
„Den Rest können Sie behalten.“
Er stieg aus dem Taxi und marschierte zum südlichen Nebeneingang.
Eine Schar von schwer bewaffneten Sicherheitsbeamten stand schussbereit und observierte jede Person genauer, die sich ihnen näherte.
Er legte seinen Ausweis, den er bereits vorher aus seinem Portemonnaie herausgeholt hatte und nun in der Hand bereithielt, einem korpulenten, aber ziemlich athletisch aussehenden Soldaten mit schwarzer Hautfarbe vor, der mindestens zwei Meter maß und mehr wie ein Riese wirkte, als ein einfacher Wachposten. Die anderen drei Soldaten, die Warren misstrauisch beäugten, sahen nicht anders aus.
Warren fröstelte schon beim Anblick seines scharfkantigen, ernsten Gesichtes, auf dem nicht die Spur einer Freundlichkeit zu entdecken war. Er dachte kurz an einen Henker, der sein Beil, ohne mit der Wimper zu zucken, auf den Hals eines Menschen fallen ließ und anschließend den abgerissenen Kopf den Zuschauern vorführte.
„Kann ich Ihnen helfen“, brummte der Riese und musterte ihn von oben herunter mit kritischen Augen, als handelte es sich bei Warren um einen kleinwüchsigen Mann, der nichts Anderes war als ein Störfaktor. Er stand auf den gespreizten Beinen wie ein Cowboy, der bei einem Duell jederzeit seine Pistolen ziehen konnte. Seine Stimme klang seinem Gesicht passend unheimlich. Beängstigend.
„Ja… Ich habe um zehn Uhr einen Termin beim Vizepräsidenten Ronald G. Slawish.“
Warrens Stimme wirkte schwach und unsicher.
„Warten Sie hier!“ Brummte der Riese. Es klang mehr nach einem militärischen Befehl zum Angriff als eine Bitte oder Empfehlung.
Der Wachmann verschwand mit Warrens Ausweis in der Hand in einem der Wachhäuschen, an dessen Dach mehrere Überwachungskameras die Gegend akribisch durchsuchten. Einer der drei Wachmänner stellte sich unmittelbar vor Warren, damit er nicht auf die Idee kam, einige Zentimeter näher zum Eingang zu kommen. Die anderen Zwei setzten mit ihren Maschinengewehren im Anschlag die Patrouille fort.
Nach knapp zwei Minuten kam der Riese heraus und händigte Warren seinen Ausweis aus, ohne den Mund aufzumachen. Warrens Freude kletterte prompt nach oben, dass seine Ohren von der beängstigenden Stimme verschont blieben.
Der Wachmann, dem an seiner Brust hängenden Schild nach Addison hieß, deutete Warren mit der Hand, ihm zu folgen. Beide traten in das nächste größere Wachhäuschen ein, in dem zahlreiche Monitore, Computer, Drucker und Geräte vorhanden waren, die Warren nichts sagten. Es roch eigenartig; ein Hauch von verbranntem Gummi.
Addison händigte Warren einen Stift ohne Mine und eine Tafel, die nichts anderes war, als eine getönte Scheibe aus Glas. Ein dünnes Spiralkabel verband den Stift mit der Tafel.
Warren trug die angeforderten Daten, wie Nach- und Vornamen, Adresse, Beruf, den Namen der zu besuchenden Person und den Grund seines Besuches in die vorgesehenen Felder ein. Seine Blicke wirkten ziemlich überrascht, als er jede Eintragung sofort auf einem der Monitore sehen konnte.
Kaum schrieb er den letzten Buchstaben auf, so wurde er diesmal von einem anderen Riesen, diesmal allerdings von einem Weißen mit goldgelben Haaren, vor eine Digitalkamera geschoben.
„Der Präsident hat hier anscheinend lauter stumme Mitarbeiter“, ging ihm durch den Kopf. „Am besten sage ich ebenfalls nichts. Wer weiß, sie sind vielleicht auch noch taub.“
Der Blitz, der unmittelbar vor einem Klick leuchtete, war ziemlich hell und blendete ihn. Eine Aufnahme von vorne, eine von der rechten und eine von der linken Seite.
„Das war es“, dachte er zufrieden. Dass das Weiße Haus gut bewacht wurde, wusste er. Daran, dass ausgerechnet er aber solchen Sicherheitsmaßnahmen unterworfen werden musste, hätte er nicht einmal im Traum gedacht.
Die Wirkungen des starken Blitzes spürte er immer noch an den Augen. Er hob seine rechte Hand, um sie zu reiben.
Prompt hielt der blonde Riese seine sich zu den Augen bewegende Hand fest und drückte sie nach unten. Unter Warrens überraschten Blicken packte er seinen rechten Daumen und ließ ihn auf einem farblosen Stempelkissen rollen. Anschließend fuhr er mit einem Scanner darüber. Der Daumen begann in Violett zu fluoreszieren. Warren konnte den komplizierten Verlauf der Linien auf dem Monitor sehen. Danach dieselbe Prozedur auch mit dem linken Daumen.
Nun hatte er es endlich überstanden.
Beim Verlassen des Häuschens erhielt er von einem dicken Mann mit Adleraugen einen Lanyard mit einem daran baumelnden Besucherausweis. Auf der gesamten Länge des Lanyards stand in Großbuchstaben der sich wiederholende Aufdruck
„WHITE HOUSE – VISITOR“
Warren stülpte das Band über den Kopf und platzierte es am Hals, sodass der Ausweis auf seiner Brust herunterhing. Er wandte seine Blicke zu dem Riesen, der kein Zentimeter von seiner Nähe ausgewichen war, und ließ sie für sich sprechen: „Und was nun?“
Zu Warrens Überraschung schien Addison, der Riese, seine Blicke richtig gedeutet zu haben. Denn er hob seine rechte Hand und deutete ihm mit einem Stoppzeichen zu warten.
Es verging kaum eine Minute, da traten zwei Wachmänner mit Maschinengewehren ein. An ihrem Hosenbund baumelten noch einige Waffen.
„Würden Sie uns bitte folgen?“, sprach der kleinere von beiden, der mit etwa 1.80 neben seinem Kameraden wie ein Kind aussah.
„Ein Wunder ist geschehen. Ein Wunder. Sie können doch reden!“, schoss Warren durch den Kopf. Er musste lachen, unterdrückte es jedoch rechtzeitig, sodass es nur bei einem Lächeln blieb. Er wusste, dass ihm eigentlich nichts passieren konnte; sich aber unnötig Ärger einhandeln? Nein, das wollte er auf keinen Fall.
„Wollten Sie etwas sagen?“, fragte diesmal der größere von beiden und betrachtete Warren mit einem strengen Blick. Warren schauderte wieder.
„Nein, nein… Wieso fragen Sie?“
„Sie lachen.“
„Entschuldigen Sie. Ich habe nicht gelacht, sondern nur gelächelt.“
Der Mann schüttelte genervt den Kopf, sagte aber nichts. Warrens Gesichtsmimik verriet Erleichterung.
Die Schritte von Warrens Begleiter hallten auf dem Marmorboden in einem Rhythmus, der nach einem Militärmarsch erinnerte. Obwohl sie nur zu zweit waren, spürte er wie der Boden mit jedem Schritt vibrierte.
In dem Gang zum Zimmer des Vizepräsidenten hatte Warren nicht die Gelegenheit, die teuren, antiken Möbel zu bewundern. An den Wänden hingen riesige Ölbilder von früheren US-Präsidenten. Er brauchte sie nicht näher anzuschauen. Denn er kannte ihre Namen und von manchen sogar die Zeiten, von wann bis wann sie das Präsidentenamt innehatten.
Einer seiner Begleiter klopfte an einer mit Schnitzereien verzierten Tür.
„Kommen Sie rein, Warren!“, brüllte eine Stimme von innen.
Warren trat ein und wurde mit einem ungeduldig wirkenden Vizepräsidenten konfrontiert.
„Wo waren Sie denn die ganze Zeit?“, fragte Ronald G. Slawish, der gleichzeitig Wirtschaftminister war, unfreundlich und hielt ihm seine teure Uhr, eine Rolex Oyster Perpetual, vor die Nase.
„Diese Frage sollten Sie lieber Ihren Gorillas stellen, Herr Vizepräsident. Ich wurde nicht einmal bei meiner Einreise nach Israel so intensiv durchleuchtet.“
„Was möchten Sie damit sagen?“
„Nur das, was ich eben gesagt habe. Ich bin froh, dass Ihre Gorillas zumindest meine Prostata in Ruhe gelassen haben. Ach übrigens, Sie haben eine schöne Uhr. Sie gefällt mir sehr gut.“
„Reden Sie kein dummes Zeug, Warren. Kommen Sie mit in mein Büro.“
Der Vizepräsident ging mit schnellen Schritten vor und Warren folgte ihm.
Das Büro des Vizepräsidenten war geräumig und geschmackvoll eingerichtet. In jeder Ecke stand eine golden glänzende Vase mit getrockneten Blumen. Hinter dem Schreibtisch aus Mahagoni hing eine große US-Amerikanische Fahne an einem Standmast.
„Hallo, Timothy“, sagte der Mann, der auf dem Sofa saß und in der rechten Hand ein Glas Whisky mit Eiswürfeln hielt.
Warren kannte die Stimme bestens. Er strahlte. „Hallo, Daniel. Schön dich zu sehen, altes Haus.“ Er umarmte den CIA - Chef Daniel Mitchum, der mit ihm zwar gleichaltrig war, aber wesentlich älter aussah. „Wie geht es dir, Alter?“
„Mittelmäßig gut bis mittelmäßig schlecht. Ich würde sagen, einfach den Umständen entsprechend. Dafür siehst du aber prächtig aus. Anscheinend bekommt dir das englische Essen gut.“
„Ich kann mich nicht beklagen. Wie geht es deiner Familie? Möchte dein Sohn immer noch Bankräuber werden, wenn er erwachsen ist?“
„Was denkst du denn? Jetzt kommt es noch schlimmer…“
„Und zwar?“
„Auch meine Tochter möchte nun Bankräuberin werden und ihren Bruder begleiten. Sie möchten zusammen eine Bande gründen. Frage mich bitte nicht, wie die beiden auf diese Schnapsidee kommen. Ich habe einfach keine Erklärung dafür.“
„Der Apfel fällt doch nicht weit vom Stamm. Was soll ich dazu sagen. Ich wusste schon immer, dass deine Kinder eine hundertprozentige Kopie von dir sind.“
Mitchum kam nicht dazu, Warren zu antworten.
„Setzen Sie sich hin Warren“, unterbrach der Vizepräsident das Gespräch mit einem Brüllen eines hungrigen Löwen. „Möchten Sie auch einen Whisky? Als Alternative kann ich Ihnen Wasser anbieten?“
„Wenn Sie mich vergiften wollen, dann bitte ein Glas Wasser.“
„Sie waren anscheinend viel zu lang in der Sonne, Warren.“
Der Vizepräsident ging zur Schrankwand, die aus demselben Holz geschnitzt war wie der Schreibtisch, und öffnete eine Tür. Das Licht in dem Fach ging an und mehrere Flaschen wurden sichtbar. Manche von ihnen waren noch nicht einmal angebrochen. Einem Eiskübel entnahm er drei Eiswürfel und warf sie in ein Glas. Dann kippte er großzügig Whisky darauf.
Warren konzentrierte sich auf die Whiskymarke, konnte sie allerdings nicht sehen. Er nahm neben Daniel Mitchum Platz, dessen Augen gerötet und müde aussahen.
Warren und Mitchum stammten aus einem Vorort von Cleveland im Bundesstaat Ohio. Alle Schulklassen bis zur Hochschule besuchten sie gemeinsam und wurden so die besten Freunde. Erst im College trennten sich ihre Wege. Der Kontakt zwischen ihnen aber ebbte niemals ab. Sie telefonierten oder mailten regelmäßig miteinander.
Warren studierte Wirtschaftspolitik in Chicago, IL, und Mitchum Politikwissenschaften in San Fransisco. Mitchum ging gleich nach dem Studium in den Staatsdienst und kletterte die berufliche Leiter mit großen Schritten ziemlich schnell nach oben, während Warren immer dem Geld hinterherjagte. Er ging mit sich selbst sehr streng um und arbeitete hart, sodass er bald einen Namen als Wirtschafts- und Finanzexperte machte. Sein Freund Daniel Mitchum besorgte ihm zusätzlich die besten Kontakte, sodass er nicht nur einige Politiker, Senatoren und Diplomaten, sondern auch manche Minister kennen gelernt hatte. Er verpasste keine einzige Einladung der Leute, die in den USA etwas Macht besaßen. Besonders gerne nahm er an Cocktails und Partys teil, auf denen sich ein Staatsmann unter den Gästen befand. Das Glück begleitete seine Karriere und so lernte er den amerikanischen Vizepräsidenten Slawish kennen, der laut Meinung aller Medien und Experten ohne Zweifel die größten Chancen hat, als nächster US-Präsident gewählt zu werden.
„So, Warren, was haben Sie zu berichten?“, meldete sich der Vizepräsident erneut, der den Whisky statt Eis mit Soda trank.
Slawish wirkte wie ein unruhiger Geist. Seine Beine waren andauernd in Bewegung, als würde er sich vor einem wichtigen Match warm machen. Die grau melierten Haare wirkten, obwohl er erst vor einer Woche 65 wurde, voll und kräftig, wie bei einem jungen Menschen. Auch seine Augen verloren in all den Jahren gar nichts an Sehkraft, sodass er ohne Brille sowohl die Nähe als auch die Ferne gleich gut sehen konnte.
Warren holte tief Luft und begann zu berichten: „Es gibt weltweit eine bedrohliche Wirtschaftsrezession, deren Ende in ferner Zukunft zu sein scheint. Sie ähnelt einer Wüste ohne Oase, die jeden Tropfen Wasser im Bruchteil einer Sekunde verschluckt. Unsere hoffnungsvollen Investitionen haben über vierzig Prozent an Wert verloren. Die Kaufkraft des Dollars geht mit jedem Tag eine Stufe herunter in den Keller. Der Abwärtstrend des Dollars gegenüber Euro oder Yen ist nicht zu bremsen, obwohl die wirtschaftliche Lage sowohl in Europa als auch im fernen Osten nicht rosiger aussieht, als bei uns…“ Warren legte eine kleine Verschnaufpause und trank schnell einen Schluck aus seinem Glas. „…bis auf Deutschland. Die Deutschen stehen mit ihrer Wirtschaft noch gut. Sie sind eisern und lassen sich immer wieder etwas Neues einfallen. Ob Sie allerdings ihre Stabilität länger aufrechterhalten können, vermag ich zu bezweifeln. Die Autoindustrie steht besonders in unserem Lande fast still. Das Interesse an Gold, Platin oder Diamanten ist auf der ganzen Welt enorm gesunken und spielt im Handel kaum noch eine Rolle. Die großen Banken horten vor lauter Angst das Geld und betätigen kaum noch Investitionen. Einige von ihnen, die ich eigentlich eher zu den Mittelständischen zählen würde, stehen sogar kurz vor dem Aus. Man hat das Gefühl, dass bald der dritte Weltkrieg ausbricht. Das ist nur ein Trugschluss. Die Realität zeigt genau das Gegenteil. Die Krise zwingt viele Staaten zu einem grundlegenden Umdenken. Sie suchen nach neuen Wegen. Und dieser neue Weg heißt Frieden; ein globaler Frieden. Das macht sich vor allem im nahen Osten bemerkbar. Stellen Sie sich vor, Herr Vizepräsident, sogar die Israelis, Sie haben sich keinesfalls verhört! Ja, sogar die Israelis möchten sich nun mit den Palästinensern verbünden und gemeinsam einen neuen Staat gründen. Ein Land, in dem es keine Kriege mehr gibt, sondern nur noch Frieden. Können Sie sich es vorstellen? Die OPEC-Staaten haben ihre Ölförderung gedrosselt und...“
Warren sprach schnell wie ein Schüler, der seinen Text auswendig gelernt hatte und diesen in kürzester Zeit loswerden wollte. Die Mimik des Vizepräsidenten änderte sich nach jedem Satz, mehr oder minder. Er wirkte nachdenklich. Als er das Wort OPEC hörte, hielt er plötzlich inne und unterbrach Warren mitten im Satz.
„Was ist mit den Russen? Wie schaut es mit unseren russischen Freunden aus?“
Warren wirkte durch seine Bemerkung überrascht. „Seit wann sind denn die Russen unsere Freunde?“, hätte er am liebsten gefragt, fand aber bei sich doch nicht den entsprechenden Mut. „Den Russen geht es nicht viel besser. Sie haben den Verbrauch der Konsumgüter drastisch heruntergefahren. Der Import wurde auf ein Minimum gesenkt. Sie versuchen, ihre Reserven an Öl, Gas und anderen Handelsobjekten für schlechtere Zeiten aufzuheben. Sie hoffen natürlich, irgendwann den entscheidenden Schachzug zu machen und den Preis denjenigen Ländern, die von ihnen abhängig sind, ohne wenn und aber selbst zu bestimmen. Sie denken an so eine Art Monopolstellung. Sie haben bereits vor einigen Monaten den Gashahn zugedreht. Ganz Europa befindet sich in einem Aufruhr. Alleine in ITMC machen wir täglich Millionen von US-Dollar Miese. Das Haus können wir trotz massiver mathematischer Akrobatik kaum noch halten.“
Der Vizepräsident stand vor der Glastür, die zum Garten führte, und schaute heraus.
Eine riesige Wolke zog vorbei und gab den Weg für die Sonnenstrahlen frei. Sie schienen auf den frisch gemähten Rasen und ließen den Garten intensiv grün leuchten.
Eine Amsel mit einem Büschel von Halmen im Schnabel flog dicht an der Scheibe vorbei.
Slawish drehte sich mit einer flinken Bewegung zum CIA-Chef Daniel Mitchum, der gerade sein Glas ausgetrunken hatte.
Mitchum war ein zierlicher Mann mit forschen neugierigen Augen. Durch sie erweckte er bei allen Leuten das Gefühl, nicht nur über alles Bescheid zu wissen, sondern auch alles unter Kontrolle zu haben. Den größten Teil seines Erfolges verdankte er diesen apodiktischen Blicken, die bei seinen Gesprächspartnern automatisch eine gewisse Unsicherheit auslöste.
„Das, was Warren gesagt hat, kann ich nur bestätigen“, sagte Mitchum, der den Blick des Vizepräsidenten so gut kannte, dass er sofort wusste, wann er reden bzw. schweigen sollte. Mit einem leisen Räuspern klärte er schnell seinen Hals und fuhr dann gleich fort. „Wir haben inzwischen sichere Informationen über die Existenz eines Plans, der vorsieht, dass die afrikanischen Staaten nur untereinander Geschäfte bzw. Handel betreiben werden. Hierzu soll jede erdenkliche Erleichterung von allen ratifizierenden Staaten ermöglicht werden. Im Gegenzug dazu soll der Handel sowohl mit den außerafrikanischen Ländern als auch mit denjenigen innerhalb Afrikas, die nicht in dieser Handelsunion mitmachen, mit hohen Steuern und ewig dauernden bürokratischen Hürden geahndet werden.“
Mitchum legte eine künstliche Pause ein, die den Vizepräsidenten verunsicherte und, obwohl er Mitchum recht gut kannte, doch noch nervös machte.
„Ist es alles?“
„Nein, nein. Jetzt kommt der wichtigste Teil. Und zwar… dass der Initiator dieses teuflischen Planes unser geliebter Freund aus… Libyen ist, brauche ich wohl nicht zu erwähnen.“
Die Augen des Vizepräsidenten traten hervor. Die Überraschung auf seinem Gesicht war nicht zu übersehen. „Nein, unmöglich! Ich dachte, Kaddafi will sich langsam zu Ruhe setzen.“
„Das dachten wir zuerst auch. Er scheint zu unserer Überraschung seine zweite Jugend zu durchleben. Aber diesen Plan der afrikanischen Staaten könnte man als das kleinere Übel deklarieren.“
„Mir wird schlecht, wenn Sie so reden, Mitchum. Legen Sie lieber eine kurze Pause ein. Wollen Sie noch ein Glas?“, unterbrach ihn Slawish.
„Ja, gerne.“
„Sie auch, Warren?“
„Wenn es Ihnen keine Umstände macht, Mister Vizepräsident.“
Slawish bediente die beiden und füllte auch das eigene Glas nach.
„Danke, Mister Vizepräsident.“ Der CIA-Chef nahm sein Glas und schaute zum Vizepräsidenten hinauf, um ihm zu signalisieren, dass er mit seinem Bericht weiterfuhr. „Das größere Übel, das mir Kopfzerbrechen bereitet, ist der noch als topgeheim geltende türkische Plan.“
Mitchum wollte damit die eigene Arbeit würdigen, dass es dem CIA gelungen war, diesen als topgeheim geltenden Plan bereits zu kennen.
„Der türkische Plan?“, fragte Slawish völlig verblüfft.
„Ja, der Plan der Türken.“
„Sie sind doch unsere Verbündeten, unsere Freunde. Oder bin ich mit meinen Informationen nicht mehr auf dem aktuellsten Stand?“ Seine Stimme klang wuterfüllt.
„Doch, doch. Die Türken sind nach wie vor unsere Freunde. Es gibt allerdings ein türkisches Sprichwort, das besagt önce can, sonra canan.“
Die Verblüffung des Vizepräsidenten war nun komplett.
„Ich wusste nicht, dass Sie auch Türkisch sprechen.“
„Nur ein paar Wörter. Also, übersetzt bedeutet dieser Spruch, zuerst rette ich mein Leben und erst danach das meines Geliebten...“
„So ein verfluchter Angeber“, dachte Warren und schmunzelte.
Mitchum trank einen Schluck Whisky und setzte sein Gespräch fort: „Nun zu dem Plan der Türken. Die Türkei kontaktiert intensiv die islamischen Staaten. Sie will alle islamischen Länder unter einem Dach vereinen und eine so genannte islamische Handelsunion gründen, die ähnlich strukturiert ist wie die Europäische Union. Sie soll das Gegengewicht zur Europäischen Union werden. Falls dieser Plan realisiert wird, bedeutet es zweifellos das baldige Ende der Europäischen Union.“
