Der Block - Jérôme Leroy - E-Book

Der Block E-Book

Jérôme Leroy

3,9

Beschreibung

Deutscher Krimipreis 2018 (3. Platz International) Blutige Aufstände in den französischen Vorstädten, die Zahl der Toten steigt unaufhörlich. Die Partei der äußersten Rechten – der Patriotische Block – steht kurz vor dem Einzug in die Regierung. In dieser Nacht kann das Schicksal Frankreichs kippen, und sie ist für drei Menschen der Höhepunkt einer 25-jährigen Geschichte aus Gewalt, Geheimnissen und Manipulation. Agnès führt als Parteivorsitzende die Verhandlungen. Ihr Ehemann Antoine wartet in seiner luxuriösen Pariser Wohnung auf das Ergebnis, Stanko, der Chef des paramilitärischen Ordnerdienstes der Partei, versteckt sich in einem schäbigen Hotelzimmer. Antoine ist morgen vielleicht Staatssekretär – Stanko jedenfalls soll morgen tot sein. Ein Vierteljahrhundert lang waren die beiden wie Brüder. Ein Vierteljahrhundert lang waren sie bei allen Aktionen dabei, die den Patriotischen Block an die Macht gebracht haben. Ein Vierteljahrhundert lang sind sie vor nichts zurückgeschreckt. Sie haben dieses Leben geliebt, und sie bereuen nichts. Jérôme Leroy legt mit Der Block eine atemberaubende Milieustudie vor; eine Innenansicht der Strömungen, die sich in der extremen Rechten verbünden. Ein hochaktueller und literarischer Thriller aus einem Milieu, das unter Hochdruck steht – nicht nur in Frankreich.

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JÉRÔME LEROY

DER BLOCK

KRIMINALROMAN

AUS DEM FRANZÖSISCHENÜBERSETZT VON CORNELIA WEND

MIT EINEM NACHWORT DES AUTORSZUR DEUTSCHEN AUSGABE

Die Originalausgabe des vorliegenden Buches erschien unter dem Titel: Jérôme Leroy, Le Bloc

© Éditions Gallimard, Paris, 2011.

Dieses Buch erscheint im Rahmen des Förderprogramms des Institut français.

Zitate aus anderen fremdsprachigen Büchern

sind folgenden Ausgaben entnommen:

Charles Baudelaire, Die Blumen des Bösen,

übersetzt von Wolf von Kalckreuth, Leipzig 1907.

Arthur Rimbaud, Die späten Verse,

übersetzt von Michael Donhauser, Basel 1998.

André Breton, »Freie Liebe«, übersetzt von Max Hölzer,

in: Hans-Magnus Enzensberger (Hg.),

Museum der modernen Poesie, Frankfurt a. M., 1980.

Philip K. Dick, Ubik, übersetzt von Norbert Wölf

und Renate Laux, München 2009.

Louis Aragon, Aurélien, übersetzt von Lydia Babilas,

Frankfurt a. M., 1987

Alle anderen Zitate wurden von

Cornelia Wend übertragen.

Ein kleines Glossar von Namen und Organisationen

befindet sich am Ende des Buches.

Edition Nautilus GmbH

Schützenstraße 49 a · D - 22761 Hamburg

www.edition-nautilus.de

Alle Rechte vorbehalten

© Edition Nautilus GmbH 2016

Deutsche Erstausgabe März 2017

Umschlaggestaltung:

Maja Bechert, Hamburg

ePub ISBN 978-3-96054-038-0

Für meine Freunde,und auch für meine Feinde.

»Ich glaube, einen Philosophen, einen der selbst denken kann, könnte es interessieren, meine Noten zu lesen. Denn wenn ich auch nur selten ins Schwarze getroffen habe, so würde er doch erkennen, nach welchen Zielen ich unablässig geschossen habe.«

Ludwig Wittgenstein, Über Gewissheit

Je vous dérange, fallait pas me provoquer

Je vous dérange, je suis pas venu vous chercher

Je vous dérange, fallait pas m’inviter

Je vous dérange, mais je n’ai rien demandé.

Eddy Mitchell, Je vous dérange

Ich störe euch, was provoziert ihr mich auch

Ich störe euch, dabei habe ich keinen Streit gesucht

Ich störe euch, warum fordert ihr mich heraus

Ich störe euch, dabei wollte ich gar nichts von euch.

Eddy Mitchell, Je vous dérange

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Ein Roman über die extreme Rechte oder die Risiken des Metiers

Glossar

1

Letztlich bist du also wegen der Möse einer Frau Faschist geworden.

Du musst über diesen Satz einen Moment lang lächeln, und er ist sicher das Einzige, über das du dich heute amüsieren wirst. Das klingt fast schon wie eine Grabinschrift: Antoine Maynard, wegen der Möse einer Frau Faschist geworden.

Dann lächelst du nicht mehr. Du weißt, dass genau in diesem Moment, irgendwo in der Stadt, ein paar Männer deinen Freund umbringen wollen. Deinen Bruder. Deinen Kleinen. Oder den, der den Kopf für dich hinhält, wie man früher in Romanen zu sagen pflegte.

Stanko.

Vielleicht wäre es überhaupt besser gewesen, auch du hättest weiter Romane geschrieben. Und noch während du das denkst, weißt du, dass das nicht stimmt und es dich unendlich gelangweilt hätte, im Literaturbetrieb Karriere zu machen, immer vorausgesetzt, dir wäre mehr als ein Achtungserfolg in Kreisen mit »einer bestimmten Orientierung« gelungen. Einer extrem rechten Orientierung, um genau zu sein.

So oder so, die vier Romane, die aus dir rausmussten, die hast du geschrieben. Sie wurden ziemlich kühl aufgenommen, abgesehen vom ersten. Man wusste, wer du warst, wessen Vasall du warst. Damals war moralische Wiederaufrüstung noch nicht so in Mode wie heute. Der Kampf gegen den inneren Feind, islamistisch und links, und manchmal sogar beides in einem. Damals war das hier noch kein Land von lauter Schissern. Aber diese Angst hat euch bis an die Türen der Macht befördert, nachdem ihr salonfähig geworden wart, dank Agnès vor allem.

Jetzt lächelst du doch wieder, dieses Mal ein wenig bitter. Wenn du nächste Woche, wie im Moment geplant, Staatssekretär wirst – Staatssekretär wofür, weißt du nicht und es ist dir auch komplett egal –, wirst du dir einen Spaß daraus machen, erneut einen Roman zu veröffentlichen, allein um zu sehen, wie es sich auswirkt, wenn man auf der Seite derer steht, die von den Medien umschwärmt und umschmeichelt werden. Und wenn du schon mal dabei bist, wirst du dafür sorgen, dass deine ersten vier Romane als Taschenbuch neu aufgelegt werden. Du bist nicht der Typ, der Beleidigungen verzeiht. Wenn sich die Gelegenheit bieten sollte, zwei bis drei kleine Möchtegern-Päpste der kulturgeilen Kaviar-Linken dazu zu bringen, vor dir in den Staub zu fallen, wirst du dir das nicht entgehen lassen.

Vorausgesetzt, alles läuft wie geplant, wirst du dir sogar das perverse Vergnügen gönnen, dich in zwei oder drei literarische Sendungen einladen zu lassen. Die Typen, die sie moderieren, werden wohl oder übel gezwungen sein, ihren Dünkel runterzuschlucken. Oh, du wirst ihnen ein Hintertürchen offen lassen, dich von deiner großzügigen Seite zeigen, ihnen erlauben, ein kleines bisschen frech zu sein, falls sie überhaupt noch den Mut dazu haben. Der Block hat auf jeden Fall eine klare Devise ausgegeben: Nicht unnötig auftrumpfen. Sich bedeckt halten. Wir holen uns unsere Ministerien. Wir üben unsere Ämter aus. Wir beweisen Kompetenz. Alles nach Recht und Gesetz. Agnès hat das in den letzten Monaten immer wieder betont. Keine Hexenjagd, keine persönlichen Racheakte.

Jedenfalls nicht gleich …

Trotzdem wird es anders sein als in den 90er Jahren: Damals wurdest du in diese Sendungen nur eingeladen, um als Punchingball für das gute Gewissen von ein paar Antifa-Arschgesichtern herzuhalten, Antirassisten, die ihre tamilische Hausangestellte schwarz beschäftigten, und Altachtundsechziger, die sich in den dreißig Jahren, die sie das Sagen hatten, ihre Pfründe gesichert haben, und die anschließend einen auf neoliberal machten, sich fortschrittlich gaben und das Wort »Arbeiter« nicht mehr in den Mund nahmen, seit sie von den Barrikaden gestiegen waren, um Zeitungsmagnat oder Europa-Abgeordneter zu werden. Und die jedes Jahr die gleiche autobiografisch-pseudofiktive Scheiße veröffentlichten, die immergleiche Biografie über einen unangreifbaren Helden der Résistance, hinter dem sie ihre ganze Nichtigkeit verbergen, oder den immergleichen neoliberalen Essay über Globalisierung als Chance.

Sie brauchten einen Halunken in diesen Sendungen, und du warst die perfekte Besetzung für diese Rolle. Dir war klar, dass das als Medienstrategie absolut selbstmörderisch war, aber du zogst die Sache durch.

Der schlimmste, hasserfüllteste Blick, der dich in deinem ganzen Leben je getroffen hat, und dich haben weiß Gott viele solcher Blicke getroffen, war der einer jungen Maskenbildnerin, einer Araberin. In ihren schwarzen Mandelaugen, die ihr makelloses Gesicht dominierten, umrahmt von einer Mähne lockiger Haare, stand der blanke Hass. Du sahst diesen Hass im Spiegel, während die junge Frau mit zugleich gereizten und hochmütigen Bewegungen deine Augenschatten wegpinselte, bevor du ins Studio gingst.

Hass und, sei ehrlich, auch Angst. Du machtest ihr Angst. Schon allein durch deine äußere Erscheinung, deine massige Gestalt, diese Aura von Brutalität, die offenbar von deiner Person ausgeht, und deretwegen sich so viele in deiner Nähe unbehaglich fühlen. Stanko hat eine ähnliche Wirkung. Dazu kam deine Zugehörigkeit zum inneren Führungskreis des Bloc Patriotique. Sie war überzeugt davon, dass du sie am liebsten auf der Stelle vergewaltigt und anschließend auf ein Boot verfrachtet hättest, um es im Mittelmeer zu versenken.

Konntest du ihr das verübeln? Du wusstest genau, dass es im Block Aktivisten gab, die so beschränkt waren. Und manche Parteikader auch. Stanko selbst ist manchmal grenzwertig, was Rassismus angeht.

Oder solltest du sagen, »Stanko war …«?

Du schaust auf die Uhr, du schaust auf das iPhone auf dem Couchtisch. Ein Uhr morgens. Nein, so einfach wird Stanko es ihnen nicht machen. Es sei denn, sie hatten ihn überrumpelt. Aber man hätte dir Bescheid gesagt, wenn sie ihn schon erledigt hätten. Du weißt nur, dass die Jagd auf ihn seit dem frühen Morgen eröffnet ist.

Du überlegst, ob du dir eine schöne Linie Koks ziehst. Du zögerst. Wenn Agnès von ihrem geheimen Treffen mit dem Generalsekretär des Élyséepalasts und dem Innenminister im Pavillon de la Lanterne zurückkommt und sieht, dass du high bist, wird sie das schmerzen. Sie wird nichts sagen, aber es wird sie schmerzen. Also beschließt du, die Beutelchen dazulassen, wo sie sind, in der kleinen goldenen Mussolini-Büste, die genauso hohl ist wie ein Leitartikel eines dieser von den Medien gefeierten Wirtschaftswissenschaftler.

Du siehst dir, ohne wirklich hinzuschauen, die Nachrichten an, die ununterbrochen auf LCI laufen. Du hast den Ton abgestellt.

Die Unruhen dauern nun schon vier Monate an.

Wieder fünf Tote in der Banlieue von Orléans. Die überforderte Polizei hat in die Menge geschossen. Man kommt nicht umhin, diese Schießwütigkeit der Bullen in Zusammenhang mit dem Tod von drei Bereitschaftspolizisten zu bringen, die gestern bei einem Einsatz in Roubaix erschossen wurden. Mit dem Sturmgewehr vertrieben. Blut gegen Blut. Sind das die Vorboten eines Bürgerkriegs?

Ein rotes Rechteck oben in der linken Bildschirmecke zeigt nunmehr 752 Tote an. Die Zahl der Opfer seit Beginn der Unruhen.

Beim Block spricht man stattdessen von »Bürgerkrieg«. Beim Block achtet man auf die Wortwahl, seit Agnès die Nachfolge des Alten angetreten hat. Und der Block wirkt noch vergleichsweise gemäßigt. Rechts davon, bei der identitären weißen Bewegung, wo man gelegentlich auch zu Schusswaffen greift, spricht man vom »Krieg der Ethnien«, dem »Weißen Allerheiligen«. Immer noch genauso blöd, diese Zids, die dahin gehen, wo man sie hinbeordert. Die Zeiten, als man sie als willige Handlanger für niedere Händel des Blocks einspannen konnte, sind vorbei.

Du denkst erneut an die arabische Maskenbildnerin. Wann war das, ’92, ’93? Mann, das waren die großen Jahre von Le Fou Français, der Wochenzeitschrift von François Erwan Combourg. Von Angst und Hass also. Diese tödliche Mischung, die gemeinhin jeder Art von Blutbad vorausgeht, wie jenem, das sich fast unbemerkt gerade so gut wie überall in Frankreich vollzieht.

Genau das sahst du damals in den Augen der weißen Kleinbürger, die den harten Kern eurer Stammwählerschaft bildeten, wenn du Agnès oder einen anderen Kandidaten des Blocks bei einem Wahlkampfauftritt begleitetest. Sei es in Gemeindesälen der Banlieue, belagert von irgendwelchem linken Gesindel und antifaschistischen Gruppierungen, die gegen euer Kommen protestierten, oder bei Wahlveranstaltungen auf Dorfschulhöfen im Osten, wo man noch nie im Leben einen Araber oder einen Türken gesehen hatte, wo die Leute euch aber bei jeder Wahl dreißig oder vierzig Prozent der Stimmen bescherten. Denn bekanntlich hasst und fürchtet man das ganz besonders, was man nicht kennt, aber zu kennen glaubt.

Sie hatten ja alle Angst, die Franzosen: Die arabische Maskenbildnerin hatte Angst, die weißen Kleinbürger hatten Angst, die leitenden Angestellten hatten Angst, die mit der Verlagerung ihres Betriebs ins Ausland rechnen mussten, die Kids in den Vorstädten hatten Angst, die Bullen hatten Angst. Die Lehrer an Schulen in sozialen Brennpunkten hatten Angst, die Ärzte, wenn sie Hausbesuche bei Patienten in heruntergekommenen Sozialbauten machten, die Rentner in ihren Einfamilienhäuschen, die weißen Jugendlichen am Stadtrand, sie alle hatten Angst.

Die Chinesen hatten Angst vor den Arabern, die Araber vor den Schwarzen, die Schwarzen vor den Türken, die Türken vor den Roma. Alle hatten Angst, alle trugen diesen Hass in sich. Zuallererst hatten sie Angst voreinander und hassten einander.

Das hat sich seither in keiner Weise beruhigt, um es vorsichtig auszudrücken, und eben deshalb kann es dir passieren, dass du nächste Woche plötzlich Staatssekretär bist.

Die Sache ist explodiert.

Seltsam, aber abgesehen von der Regierung, die in Panik verfällt, hat man fast den Eindruck einer nahezu selbstmörderischen Erleichterung im Land. Der Abszess ist endlich geplatzt. Hasst einander, fürchtet euch ruhig.

Entgegen den Behauptungen der Medienmeute – sie hat sich in den letzten Wochen zurückgehalten, denn sie weiß nicht mehr so genau, wie ihre Zukunft aussieht, wenn ihr eure zehn Ministerien habt, die ihr einem Gerücht zufolge bekommen sollt, und euer Dementi fällt von Mal zu Mal schwächer aus – habt ihr, der Bloc Patriotique, diese Angst nicht in die Welt gesetzt.

Dass ihr diese hasserfüllte Panik weiter befeuert habt, ist das eine, aber andere vor euch hatten das Fundament des Hauses schon fleißig untergraben, bevor ihr beschlossen habt, es einzunehmen. Als der Chef nach Frankreich zurückkehrte, nachdem er hier und da in Afrika Söldner gespielt hatte, musste er nur noch sagen: Es ist soweit, die Frucht ist reif. Ab da wurde jede noch verbliebene Form von Solidarität systematisch zerstört, in der Gesellschaft herrschte von nun an das Gesetz des Stärkeren. Ihr musstet nur noch die Ernte einfahren.

François Erwan Combourg hat, wenn auch auf seine typisch exzentrische, provozierende Art, Anfang der 90er Jahre in seinem Fou Français genau das prophezeit. Seine Wochenzeitung bildete ein Sammelbecken für einige aus dem Block-Lager und einige Vertreter einer ganz linken Ecke; man war bereit, mit dem politischen Gegner ins Bett zu steigen, wenn man nur endlich ein System abschaffen konnte, das korrumpiert war, eben jenes, das heute unter Aufständen und Blutbädern zusammenbricht.

In diesen literarischen Sendungen hattest auch du Öl ins Feuer gegossen und provoziert. Du zitiertest Schriftsteller aus dem Lager der Kollaborateure, vor allem Drieu la Rochelle. Aber auch Kommunisten, Surrealisten, Abweichler; Aragon, Vailland, Cravan, Rigaut. Du magst Cravan. Ein Boxer. Ein brutaler Kerl. So wie du.

»Schämen Sie sich nicht, Maynard? Sie werfen alles in einen Topf, Sie sind ein Rot-Brauner! Dazu noch Ihre Artikel im Fou Français …«

Man nannte dich nie Antoine Maynard und schon gar nicht Antoine. Das hätte als ein Zeichen des Entgegenkommens oder auch der Komplizenschaft seitens der Moderatoren gedeutet werden können. Man sprach auch nie über deine Bücher. Du warst in einer Sendung, in der es um Literatur ging, aber wurdest nicht als Schriftsteller betrachtet. Wie hätte ein Faschist auch gute Bücher schreiben können?

Du warst ein Feind, ein Halunke.

Da du schon damals hundertzehn Kilo wogst bei 1,95 Meter Körpergröße, und mit deinem Bürstenhaarschnitt aussahst wie ein New Yorker Cop, der zu viele Giant-Menüs gegessen hat, fügten deine Gesprächspartner, die sich schnell in Rage redeten, vorsichtig hinzu, »ein Halunke im Sartre’schen Sinne natürlich«.

Natürlich.

Man wies jedes Mal darauf hin, dass du Roland Dorgelles nahestandst. Also nahmst du Dorgelles über jedes vernünftige Maß hinaus in Schutz. Du verteidigtest seine berühmten Entgleisungen, seine Erklärungen zur Ungleichheit der Rassen, seine feigen Wortspiele, du zitiertest Lacan und André Breton, um ihn zu rehabilitieren. Die Gegenseite war empört, konnte kaum an sich halten.

»Sie haben keine Ahnung«, sagtest du, »Dorgelles ist ein echter Dadaist. Und der Bloc Patriotique ist nicht nur ein Ort politischer Bildung, sondern mindestens ebenso sehr eine neue Kunstschule. Der Beweis: Es ist die einzige Bewegung, die die Fronten aufbricht, die für eine Veränderung der eingefahrenen Wahrnehmung sorgt. Genau das tut Kunst, tut Poesie. Keine Sorge, dank des Bloc Patriotique werden Sie das Jahr 2000 lieben …«

Ganz instinktiv wusstest du, wie du sie treffen konntest, und welche Haltung du in diesen Fernsehstudios, in denen der Hass auf deine Person geradezu mit Händen zu greifen war, am besten einnahmst. Du warst die Ruhe selbst, lächeltest still vor dich hin, kniffst die Augen zusammen. Du sahst wie ein Ami-Bulle aus, okay, aber wenn du dir ein wenig Mühe gabst, konntest du auch wie ein Buddha rüberkommen. Wie oft hattest du einen beliebten Schauspieler vor dir, der ganz offensichtlich kurz darüber nachsann, ob das nicht eine günstige Gelegenheit wäre, ins Zapping auf Canal Plus zu kommen, einfach indem er dir sein Wasserglas ins Gesicht schüttete! Ach, der mutige Held gegen das widerwärtige Tier! Dann wurde daran erinnert, dass er bis Ende des Monats in einem Sacha-Guitry-Stück im Théâtre de la Ville zu sehen war, jeden Sonntag auch als Matinee-Vorstellung. Du nahmst die Möchtegern-Ikone des antifaschistischen Putativwiderstands genau unter die Lupe, studiertest seine »spontane« Reaktion der Empörung bis ins letzte Detail:

Im Fernsehen den Widerständler geben, okay, aber Guitry mit einem dicken Veilchen oder ausgeschlagenen Zähnen spielen, das muss man sich gut überlegen. Und bei einem Typen wie diesem Maynard weiß man nie … Er wirkt ruhig, wie er so dasitzt, aber er ist kräftig. Dann dieser durchdringende Blick. Wenn er mir gleich seine Faust in die Visage haut, schadet ihm das nicht weiter, diskreditiert wie er ist, aber für mich könnte das ganz schön schmerzhaft werden. Mal abgesehen von meinem Image. Man weiß nie, wie so etwas ausgeht. Meine blutverschmierte Fresse auf dem Bildschirm … Nein, nein, ich lasse es lieber.

Und du sahst, wie er seine Fingerknöchel, die ganz weiß waren, weil er das Wasserglas so fest umklammert hielt, lockerte. Du sahst, wie der Körper des Schauspielers sich entspannte, wie er auf eine feige Art erleichtert war, selbst wenn er dich um der Show willen immer noch finster anblickte, und sich wahlweise angewidert zeigte, voller Verachtung, betroffen oder entschlossen. War er ein guter Schauspieler, schaffte er es, das alles gleichzeitig zum Ausdruck zu bringen.

Das letzte Mal, als man dich einlud, und sicher war es deshalb auch das letzte Mal gewesen, war dir ein kleines Kunststück gelungen, das dir eine gewisse Sympathie einbrachte über den Kreis der üblichen Claqueure und Opportunisten hinaus, diesen jungen Nationalisten mit Dackelblick, die ganze Seiten von dir auswendig zitieren konnten. Jemand, der deine Romane richtig gelesen hätte und nicht als Romane von jemandem, der Dorgelles nahestand, hätte in dir einen Schriftsteller erkannt, der voller Wehmut und Melancholie war, der den Ekel an seiner Zeit in die Reflexionen eines Einsiedlers von Port Royal des Champs fließen ließ oder in die eines gallischen Häuptlings, der am Vorabend der großen Invasionen aus Rom zurückgekehrt war.

Jedenfalls war an dem Abend unter den Gästen der Rotschopf. Das Idol der Linken seit ’68, der ins Lager der Neoliberalen gewechselt war, der ideale Studiogast. Erst tat er so, als würde er dich ignorieren, dann kehrte er auf seine typisch demagogische Art den Netten raus, machte auf ungezwungen und begann, dich mit der größtmöglichen Herablassung zu duzen: »Wie alt bist du, so dreißig, fünfunddreißig? Das ist eine Jugendsünde … Ihr seid einfach furchtbar unreif, diese Generation nach ’68 … Weißt du eigentlich, was der Bloc Patriotique wirklich ist? Weißt du, wer Dorgelles wirklich ist, dieser Folterknecht? Was du da ideologisch alles durcheinanderschmeißt, wenn du deine Artikel für den Fou Français schreibst, der ja noch schlimmer ist als das Kollaborateurs-Blatt Je suis partout. Du bist die SA dieser Leute, Maynard! Wenn die die Macht hätten, würdest du als Erster über die Klinge springen …«

Du startetest daraufhin sofort einen Gegenangriff zum Thema Faschismus. Dabei stelltest du klar, dass die einzigen Faschisten, die du kanntest, eben solche Leute waren wie er, die eine Menge Moos hatten, sich gerne wolkig ausdrückten und auf nachfolgende Generationen herabsahen, die ein Leben lang als Praktikanten arbeiten durften, weil die Baby-boomer nicht abtreten wollten. Dass ihretwegen eine ganze Generation zu politischen Analphabeten geworden war und noch nicht einmal auf irgendeine Art von Revolution hoffen konnte, da ihre Väter die Idee der Revolution diskreditiert hatten, indem sie sich nach ’68 fleißig ihre Pfründe sicherten und anschließend jede mögliche tiefergehende Veränderung blockierten, indem sie geradezu obsessiv wiederholten, dass man ihnen sei Dank in der besten aller Welten lebte.

Der Rotschopf wurde puterrot, er stieß wiederholt aus: »Du bist ein echter Widerling, Maynard, ich polier dir gleich die Fresse!«

Dann wandte er sich hilfesuchend an den Moderator, der wie versteinert dasaß.

Schließlich verließ der Rotschopf unter großem, theatralischem Getöse das Studio. Das Publikum buhte, aber da das Fernsehen ein uneindeutiges Medium ist, war es unmöglich zu sagen, ob die Buhrufe dir galten oder dem 68er, der den Ring verließ. Vermutlich eine Mischung aus beidem. Du erkanntest trotz der Scheinwerfer in den Sitzreihen ein paar Köpfe mit ein wenig zu kurz geschnittenen Haaren, die dir entfernt bekannt vorkamen, vermutlich Mitglieder von Bloc-Jeunesse.

Du wolltest natürlich nicht, dass Agnès dich zu diesen Sendungen begleitete. Auch wenn sie damals noch nicht so bekannt war und im Block nur eine untergeordnete politische Rolle spielte. Aber man weiß ja nie. Du wolltest nicht, dass ihr irgendetwas zustieß. Das hättest du nicht ertragen. Du achtetest penibel darauf, dass bloß niemand mitbekam, in welchem Maß du damals von ihr abhängig warst und es bis heute bist. In welchem Maß du ohne sie ein Niemand bist. Was war der Block für dich am Anfang schon? Ein Mittel gegen die Langeweile, reine Provokation, eine bloße Dummheit, was auch immer … Aber da war Agnès. Die einzige Person, die du wirklich liebst.

Sie und Stanko, vielleicht.

Warum »vielleicht«? Natürlich auch Stanko.

Agnès selbst, und das ist sicher auch besser so, ist vermutlich gar nicht klar, auf welche fast unreife Art und Weise du sie liebst, dass du wirklich abhängig von ihr bist. Psychisch. Physisch. Deine einzige Abhängigkeit. Koksen tust du nur zum Spaß. Du hast es zuletzt vielleicht ein wenig übertrieben, aber du musstest schließlich ununterbrochen die Stellung halten, seit dem Beginn der Unruhen.

Faschist wegen der Möse einer Frau. Da kommt man nicht raus, da kommt man nie mehr raus, das kann man wohl sagen.

Im Übrigen war ihr Vater, den du damals allmählich besser kennenlerntest, nicht uneingeschränkt begeistert von deinen Fernsehauftritten. Er amüsierte sich, klar, aber er war schon so von seiner eigenen Medienwirkung besessen, dass es ihm nicht sonderlich gefiel, wenn ein anderer vom Bloc Patriotique ihm die Schau stahl. Auch wenn du, rein politisch betrachtet, in der Partei in Wirklichkeit kein großes Gewicht hattest. Du bist nicht mal sicher, ob du damals schon Mitglied warst. Aber du spürtest diese leichte Irritation beim Chef. Sehr leicht, aber sie war da.

Ansonsten ließ Roland Dorgelles dir alles durchgehen.

Aber einer begleitete dich immer, ohne dass du ihn je darum gebeten hättest, nämlich Stanko.

Weil er eben Stanko war.

Selbst wenn er für den Block gerade am anderen Ende des Landes eine Aktion leitete, kam er zurück und war rechtzeitig zur Stelle. Er holte dich im Verlag ab. Nie hatte eine dieser PR-Tussis Zeit, dich zu begleiten, so ein Zufall aber auch. Du gingst trotzdem dort vorbei, nur so aus Spaß, um dir anzuhören, welche peinlichen Ausflüchte sie wohl dieses Mal erfinden würden, diese großen Moralpredigerinnen. Und dabei warst du dir sicher: Unter diesen sich mondän gebenden, eleganten, geschwätzigen Frauen waren zwangsläufig ein oder zwei dabei, die mindestens einmal den Block gewählt hatten, auch wenn sie zwar über eine Besprechung in Télérama in Verzückung geraten konnten (die du natürlich nie hattest und nie haben würdest), sich aber einen Dreck um die Artikel scherten, die François Erwan Combourg über dich schrieb, ganz zu schweigen von den Einseitern, die du in Maintenant hattest, einer Tageszeitung, die dem Block nahestand, und die dir ein halbes Dutzend Artikel und genauso viele Interviews gewidmet hat. Sie wählten den Block, weil ihnen irgendwelches Gesindel das Handy geklaut hatte, weil der sozialistische Bürgermeister ihres Arrondissements eine Obdachlosenunterkunft in ihrer Nähe nicht schließen wollte. Rein statistisch gesehen musste es so sein. Trotzdem sagten sie mit ausgesuchter Höflichkeit: »Aber wir rufen Ihnen gerne ein Taxi, wenn Sie möchten, Antoine …«

Und du sagtest: »Vielen Dank, aber mein Taxi kommt gleich.«

Und dann tauchte Stanko auf, nicht gerade der Typ, der ins VI. Arrondissement passte oder gar in die Closerie des Lilas. Ein knapp 1,67 Meter großes Muskelpaket in einem schlecht geschnittenen Anzug. Rasierter Schädel.

Man sah ihm schon von weitem an, was er war. Ein ehemaliger Skinhead mit einer dünnen, aber wirklich sehr dünnen Firnis Zivilisation, welche die darunter lauernde Grausamkeit nur notdürftig verdeckte. Die PR-Tanten vermieden es, den Blick auf seine Tätowierungen zu richten, insbesondere die feuerrote auf seinem Nacken, eine Schwertspitze, die so aussah, als würde sie aus seinem Hemdkragen emporschießen, der immer zu eng war für seinen Stiernacken.

Besonders abgestoßen waren sie von den Flammen, die das Ganze krönten, Stankos gesamten Hinterkopf einnahmen und in einer rotglühenden Feuerzunge auf seiner Stirn endeten wie eine akkurate orangefarbene Schmachtlocke.

Du wusstest, dass das Schwert außerdem einen großen Teil von Stankos Rücken einnahm. Und dass links das Wort »Commando« und rechts das Wort »Excalibur« eintätowiert waren. Alles natürlich in Frakturschrift. Das Kunstwerk, so behauptete er, stammte von einem Tätowierer in Lens oder Liévin. Er hatte es stechen lassen, als er gerade mal fünfzehn war, aber älter aussah, nachdem er in diese Gruppe kahlrasierter Schädel aufgenommen worden war. »Commando Excalibur«. Das klang lächerlich und furchterregend zugleich. Eine Sache unter vielen anderen, die dich dazu brachten, Stanko wie einen kleinen Bruder zu lieben, der zwar dauernd Dummheiten machte, dem man aber alles durchgehen ließ.

Dein Kleiner.

Stanko, verflucht, wo ist er heute Nacht? Hat er Angst? Ist er wütend? Hat er verstanden, was sie mit ihm vorhaben, und warum? Mit Sicherheit, er ist ja kein Idiot, dieser Stanko. Und er war es auch damals nicht, zur Zeit deiner Literatursendungen …

»Ich will nicht, dass dir irgendwas Übles zustößt«, sagte er, während ihr in seine Schrottkiste von Golf einstiegt, den er in zweiter Reihe auf der Rue Notre-Dame-des-Champs geparkt hatte.

Das Gehupe hörte ziemlich schnell auf, wenn Stanko erschien. Aufmerksamen Beobachtern waren die Aufkleber der französischen Karate-Föderation und der Fallschirmspringerschule ETAP in Pau auf der hinteren Windschutzscheibe nicht entgangen. Das beruhigte die erhitzten Gemüter.

Stanko fing damals an zu lesen. Er las alles, was du ihm gabst. Du fühltest dich für seine Bildung verantwortlich. Da kam der Lehrer in dir durch. Diese eine Geschichte ließ ihm keine Ruhe: Dass ein anderer Schriftsteller dir nach einer Apostrophes-Sendung beim anschließenden Büffet aufgelauert war, fernab der Kameras. Das war Anfang der 80er Jahre passiert. Als es bei Stanko im Département Nord-Pas-de-Calais gerade ums nackte Überleben unter extrem rauen Bedingungen gegangen war und die grauenhafte Zeit mit dem Commando Excalibur und dem Doktor ihren Anfang genommen hatte.

Stanko fuhr fort: »Ich bezweifle nicht, dass du dich allein verteidigen kannst, Antoine, aber es könnten dich auch mal mehrere auf dem Parkplatz erwarten.«

Das kam nie vor. Nur einmal, als ihr spät am Abend aus einem Fernsehstudio in der Nähe der Avenue Montaigne kamt, hattet ihr ein komisches Gefühl.

»Man folgt uns«, sagte Stanko auf dem Weg zum Golf.

Tatsächlich liefen drei Typen, die noch ziemlich jung aussahen, dicht hinter euch. Lieft ihr langsamer, liefen auch sie langsamer, lieft ihr schneller, liefen auch sie schneller.

»Kleinganoven?«, fragtest du.

»In der Avenue Montaigne? Um ein Uhr morgens? Das würde mich wundern, Antoine …«

Auf einmal drehte Stanko um und ging auf sie zu. Die drei Figuren hielten überrascht an und wussten offenbar nicht, wie sie sich verhalten sollten. Du warst Stanko gefolgt, hieltest dich im Hintergrund. Er holte eine Zigarette hervor und bat sie um Feuer. Einer der Typen hielt ihm ein Feuerzeug hin, und Stanko legte seine Hände schützend um die Zigarette und forderte den anderen so auf, ihm Feuer zu geben. Der Lichtschein des Feuerzeugs fiel auf die Gesichter von drei Langhaarigen, sehr junge Gesichter mit Pickeln und nur leichtem Bartflaum.

»Danke, Jungs!«

Sie zögerten kurz, als ihr ihnen Platz machtet, Stanko und du, damit sie vorbeigehen konnten. So drehtet ihr den Spieß um und wurdet von Verfolgten zu Verfolgern. Sie verschwanden in einer Querstraße und ihr erreichtet ohne weitere Vorkommnisse den Golf.

»Kleine Linke«, sagte Stanko. »Sie hätten gerne zugeschlagen, aber dann haben sie Bammel bekommen. Wenn du jemandem eine reinhauen willst, und der bittet dich um Feuer, wird die Sache mit einem Mal viel schwieriger.«

»Kann schon sein, Stanko. Ich glaube allerdings, dass die Sache für sie schon ab dem Moment viel schwieriger wurde, als sie dich sahen. Im Übrigen, ganz allgemein, ich weiß nicht, ob dir aufgefallen ist, dass durch deine schlichte Anwesenheit die Sache für unsere Gegner sehr viel schwieriger wird. Waren das welche von der ASAB?«

Die Anarchistische Sektion der Anti-Blockisten. Durchtrainierte Redskins, die sich bei euren Kundgebungen regelrechte Schlachten mit der Polizei lieferten, die eure Anhänger beim Plakatekleben angriffen. Die ASAB, die gerne behauptete, sie wolle ihre Gegner das Fürchten lehren, was ihr teilweise sogar gelang.

»Und du, Antoine, denkst du etwa, du flößt anderen keine Angst ein? Glaube kaum, dass das welche von der ASAB waren. Hast du gesehen, wie die aussahen? Lange Haare … Und dann habe ich gleich gemerkt, dass die nicht besonders durchtrainiert waren. Darum hatten sie auch solchen Schiss. Sich einen Fascho-Schriftsteller und seinen Freund vorknöpfen, warum nicht? Aber wenn du deshalb drei Monate ins Krankenhaus musst …«

Stanko, guter alter Stanko, immer da, wenn man ihn brauchte …

Über den Flachbildschirm flackern jetzt hellere Bilder, die deinen Blick auf sich ziehen.

Großbrände.

Ein Sozialbau-Häuserblock in Clichy-sous-Bois.

Das rote Rechteck in der linken Ecke ist von 752 auf 756 hochgeschnellt.

Die Feuerwehr, die Bullen.

Du liest den Laufband-Text. Zwei Todesopfer unter den Bewohnern und zwei Todesopfer unter den Brandstiftern. Offenbar eine Aktion der Zids. Dummköpfe vom Combat Blanc, Polizeiquellen zufolge. Wenn sie so weitermachen, schaffen diese Idioten es noch, die bisher erzielten Übereinkünfte zu torpedieren.

Der Chef hat sie nicht mehr unter Kontrolle. Dorgelles ist einfach zu alt. Und dann ist das eine neue Generation. Du weißt, dass Agnès einige ihrer Kontakte reaktiviert hat, zu ihren alten Freunden vom BE, dem Bloc-Étudiant, der Studenten-Gruppierung, die mit den Boulogne Boys, den Ultras von Paris Saint-Germain, unter einer Decke steckt und auch Verbindungen zur Skin-Szene hat, aber auch da ist jetzt eine andere Generation am Zug. Der Einzige, der da vielleicht noch etwas hätte machen können, war Stanko. Er kennt sie. Er war mal einer von ihnen, kommt zwar aus einer anderen Gegend, aber sonst ist es das Gleiche. Prolos, white trash, Bier, Fußball, Prügeleien und Nazismus als kleines Extra obendrauf. Er allein konnte dort noch verdeckt jemanden anwerben, wenn der Ordnerdienst Unterstützung brauchte.

Aber Stanko muss sterben. Stanko und ein paar andere, die zu tief drinstecken, die zu viel Hass gesät haben für eine zukünftige Regierungspartei. Also muss man jemand anderen finden, der den Krieg gegen die Zids führen kann, wenn sie dem Block bei seinen Plänen weiter in die Quere kommen. Ravenne vielleicht. Ja, Ravenne könnte …

Du siehst dich durch einen Spiegeleffekt auf einmal selbst für einen Moment auf dem Flachbildschirm, inmitten der Flammen.

Ein Mann in den späten 40ern, eigentlich fast 50, zwanzig Kilo zu viel, eine beträchtliche Wampe, der im Wohnzimmer einer 150-qm-Wohnung sitzt, in der obersten Etage eines Gebäudes, das 1970 mal modern war, in der Rue La Boétie. Nicht gerade das Viertel von Paris, von dem du geträumt hattest, als du ohne einen Heller in der Tasche, aber voll jugendlichem Elan in die Hauptstadt gekommen warst. Aber das ist nun bald fünfundzwanzig Jahre her.

Die Wohnung gehörte den Dorgelles’, so etwas lehnt man nicht ab.

So oder so hast du nie irgendeine Wahl getroffen. Kannst du dich erinnern, auch nur ein einziges Mal etwas selbst entschieden zu haben? Auch nur ein einziges Mal wirklich ja oder wirklich nein gesagt zu haben? Je etwas anderes gewesen zu sein als der Odysseus deines eigenen Lebens? Doch das Bild passt nicht, denn du bist ein Odysseus ohne Ithaka, der die Irrungen und Wirrungen des Reisens nur aus der Ferne kennt. Als Fascho solltest du dich eigentlich mit Triumph des Willens von Leni Riefenstahl identifizieren, stattdessen fühlst du dich eher wie Der kleine Soldat von Godard. Das deutsche Kino, ob Nazi-Kino oder nicht, hat dich sowieso von jeher zutiefst gelangweilt. Du hast immer die Nouvelle Vague oder italienische Komödien bevorzugt.

Werden sie Stanko kriegen?

Vermutlich. Stanko hat die meisten von ihnen ausgebildet.

Wird sie das teuer zu stehen kommen, wird euch das teuer zu stehen kommen? Schließlich bist du in die Entscheidung involviert, da du kein Veto dagegen eingelegt hast.

Mit Sicherheit. Stanko ist ein Guter.

Eigentlich hoffst du fast, dass es euch teuer zu stehen kommt, dass ihr drei oder vier Leichen von irgendwelchen GPP-Idioten einsammeln müsst, die zur letzten Generation gehören, die Stanko ausgebildet hat.

Nützliche Idioten, Stanko hat sich den Arsch aufgerissen, um sie zu rekrutieren, damit sie nicht zu den Zids von Combat Blanc gehen, zu Europe et Peuples oder zu Nation-Révolution.

Kleine, bescheuerte Cyberautisten, die die virtuelle Welt ihrer Spielkonsolen oder ihrer Blogs voller herausgekotzter Naziparolen nur für die vier täglichen Stunden Training verlassen, nach dem Unterricht an der Fachoberschule für Marketing und Verkauf. Und natürlich für die Aktionen der GPP. GPP, Groupes de Protection du Parti, so heißt nun mal der Ordnerdienst der Partei. Aber sie fanden es unheimlich schlau, die GPP G2P zu nennen. G2P, sonst noch was?

Aber irgendwann haben alle in der Partei ihn so genannt. Sogar die alten Block-Anhänger, die Urgesteine, die, die beim sagenumwobenen Gründungskongress dabei waren, der 1970 in einer heruntergekommenen Festhalle in der Nähe von Sartrouville stattfand. Jedenfalls die, die noch am Leben sind. Damit will man auf jung machen. G2P, so heißt vielleicht ein Computer oder ein beknacktes Handy. So heißt doch keine Elitetruppe. Du trauerst der Zeit nach, als man noch schlicht »Gehpehpeh« sagte.

G2P … wenn sie auf so etwas nicht mehr achten beim Block, dann sind sie verratzt. Wenn du Agnès darauf ansprichst, sagt sie, du übertreibst, und die GPP würde sowieso bald der Vergangenheit angehören. Eine Regierungspartei braucht einen Ordnerdienst, aber keine Privatarmee.

Auch dafür muss Stanko zahlen, dass er ein Mann der Vergangenheit ist. Womöglich haben sie sogar die Fanatiker der Delta-Gruppe auf ihn losgelassen oder ihm gar Ravenne höchstpersönlich geschickt … Das Frankenstein-Syndrom des Stanko. Getötet von seiner eigenen Kreatur.

Auf einmal wünschst du dir, Agnès möge zurückkommen. Es zerreißt dich innerlich, du bist regelrecht verzweifelt. So ein Gefühl in der Magengrube, Kribbeln in den Händen, als würde sich eine Panikattacke ankündigen. Agnès, Agnès, Agnès. Sie soll da sein. Sie soll dir ihr schönes Gesicht zuwenden, das mit den Jahren etwas fülliger geworden ist, ihren Kopf mit dem nachlässig gebundenen schwarzen Haarknoten, in dem schon hier und da ein erstes weißes Haar zu sehen ist.

Sie muss gar nicht erst duschen, wenn sie kommt. Du möchtest sie riechen, an ihr schnuppern, die mühsam zurückgehaltene Wut nach endlosen Verhandlungen erschnüffeln, auch das Verlangen, das sie nach dir gehabt haben wird, irgendwann an diesem Tag. Du willst sie nehmen, damit sie den Pavillon de la Lanterne vergisst.

Und damit du Stanko vergisst.

Sie nehmen, aber vorher ausgiebig ihre Muschi lecken, ihren Geschmack im Mund haben, den einer rassigen Dunkelhaarigen, an ihr knabbern, sie in dich einsaugen, dich mit ihr vollschmieren, dich in dem schäumenden Rosa verlieren. Für immer.

Letztlich bist du Faschist geworden wegen der Möse einer Frau.

2

Alles ist wieder so einfach. So wie dort. Wie damals dort. Alles ist wieder so einfach wie in Denain, vor dreißig Jahren.

Ich würde gerne schlafen, aber in diesem Neger-Hotel dürfte das schwierig werden. Bestimmt habe ich, weil ich dem Wirt vorhin fünfzig Euro hingeblättert habe, das schönste Zimmer bekommen, das dieses Loch zu bieten hat.

Alles ist relativ. Es ist groß, halbwegs sauber, aber die Möbel wirken alt, schäbig, als könnten sie jeden Moment auseinanderfallen. Wenn ich mich im Schrankspiegel sehe, der voller blinder Flecken ist, habe ich das Gefühl, nicht mehr ganz zu dieser Welt zu gehören.

Immerhin habe ich Dusche und Klo im Zimmer, so dass ich nicht auf den Treppenabsatz raus muss und dabei den Familien über den Weg laufe, die hier zusammengepfercht leben und ihr Fisch-Mafé kochen, das so furchtbar stinkt. Dabei hängen überall Zettel, dass das verboten ist. Der Mann an der Rezeption, ein fetter, schmieriger Kanake, schert sich scheinbar einen Dreck darum. Er wird sein Bakschisch einstreichen und dafür beide Augen zudrücken. Ein Kanake, Türke oder Georgier, der von Senegalesen und Maliern Geld erpresst. Nur als Linker kann man so bescheuert sein, an die Solidarität der Unterdrückten zu glauben. Mir ist das inzwischen so was von scheißegal. Sollen sie doch abkratzen. Alle.

Das Hotel liegt nur ein paar Meter von der Saint-Ambroise-Kirche entfernt. Gerade hat die Kirchturmuhr geschlagen, keine Ahnung wie oft. Ich habe jedes Zeitgefühl verloren. Das ist hier, glaube ich, die Rue Saint-Étienne.

Meine eigenen Männer sind mir auf den Fersen, die Besten, die von der Delta-Gruppe.

Fünfzehn Meister, fünfzehn Schwerter, fünfzehn Killer. Ich kann es ihnen nicht verübeln. Das sind echte Bluthunde, die ich gelehrt habe, dass sie nur einer Instanz Gehorsam schulden: dem Block. Dass ich nur der Treibriemen bin zwischen ihnen und dem Willen des Blocks. Nun bin ich das Tier, das erlegt werden muss. Sie tun nur ihre Arbeit, ohne jeden Hass, aber mit der gewohnten Effizienz.

Diese fünfzehn habe ich selber rekrutiert, so wie alle, die für die professionell organisierten Ordnerdienste der Partei tätig sind.

Auf der Suche nach einem Führer, einem für die Delta-Gruppe, waren meine Ansprüche allerdings deutlich höher.

Zuerst gab es immer ein Gespräch in meinem Büro im Bunker, dem Parteisitz bei La Défense. Es war ein echtes Vergnügen, diese hübschen, jungen Kerle vor sich zu haben, die sich in Schale geworfen hatten, nach Eau de Toilette dufteten und sich in ihren billigen Anzügen, die sie extra für diesen Anlass gekauft hatten, sichtlich unwohl fühlten. Ich konnte mich noch gut daran erinnern, wie es war, als ich an ihrer Stelle gesessen hatte, damals, vor einer halben Ewigkeit, als Antoine mich zur GPP geholt hatte. Das Büro hatte sich nicht verändert, es war immer noch genauso kahl, hatte die gleichen, einfachen Metallmöbel, Wahlplakate an den Wänden, auf denen die Dreizack-Tricolore prangte, und die üblichen Porträts vom Chef. Nur dass es jetzt einen Computer anstelle des Minitel gab. Das war der einzige Unterschied.

Ich liebte es, diese Jungs zu verunsichern, wenn ich das Gefühl hatte, sie kämen als Rekruten für die Delta-Gruppe in Betracht. Nachdem der Alte sein Einverständnis zur Gründung dieser geheimen Einsatztruppe gegeben hatte, musste ich mir für jeden Posten, den ich zu besetzen hatte, gut dreißig Bewerber ansehen, von denen ich am Ende dann einen aussuchte.

Schon Wahnsinn, wie viele Typen unter dreißig es gab, die durchtrainiert waren und bereit, in den Kampf gegen das linke Gesocks oder gegen den Musel zu ziehen. Antoine amüsierte sich, wenn ich ihm erzählte, wie groß der Andrang der Kandidaten war, und meinte, das wären sicherlich Typen, die in jeden Kampf ziehen würden, gleich welchen.

Und er fuhr fort: »Der beste Beweis dafür ist doch, dass sich bei dir selbst Musel bewerben, wie du sie nennst.«

Er hatte Recht. Nicht nur nervöse, algerische Harkis, sondern auch ein paar ganz Schlaue aus den Vorstädten. Massenweise. Das ging mir echt auf den Geist, aber das war nun einmal die neue Politik des Alten, der zog sie an wie die Scheiße die Fliegen: ›Die muslimischen Franzosen haben von uns nichts zu befürchten, da sie Franzosen sind. Der Bloc Patriotique ist sogar die Partei, die sie am besten vor jeder Art von Rassismus schützen wird, weil wir gegen Immigration sind, mit der man sie allzu oft in einen Topf wirft.‹

Manchmal verstand ich den Alten echt nicht mehr so richtig. Da spürte man den Einfluss von Agnès und ihren Partei-Kumpanen. Das Ergebnis war, dass ich Mohameds und Selims ohne Ende in meinem kleinen Büro hatte, die drauf und dran waren, dem Block beizutreten und sich auf die Gehaltsliste der GPP setzen zu lassen. Ich schaffte es irgendwie, halbwegs höflich zu bleiben, aber verdammt, ich hätte sie wirklich allzu gerne von der Tür des Bunkers aus mit einem Arschtritt in den nächsten Vorortzug befördert.

Ein Musel bleibt ein Musel, ob er einen Pass hat oder nicht. Der beste Beweis dafür ist, dass sie es sind, die gerade in den Vorstädten das totale Chaos anrichten und Bullen umbringen. So oder so, für die Delta-Gruppe wollte ich nur ehemalige Grünbaretts oder Rotbaretts – Fremdenlegion oder Fallschirmspringer.

Die, die das Gespräch erfolgreich absolviert hatten, mussten anschließend, einer nach dem anderen, zum Testverfahren in Vernery. Das war das Schloss eines Sympathisanten im Berry, in der Nähe von Saint-Armand-Montrond. Ein steinreicher Adliger, der dort selbst nicht wohnte, es aber dem Block zur Verfügung stellte, das heißt, vor allem dem Alten. Aus alter Freundschaft, die zurückreicht bis in die Zeit von Bob Denard und den Schrecklichen, so erzählte es mir der Alte einmal.

Ach ja, wie oft bin ich nicht zwischen dem Bunker und Vernery hin- und hergefahren. Auf der Autobahn überließ ich dem Typen das Steuer. So konnte ich ihn beobachten. Ich sehe mir gerne das Profil der warriors an, es erinnert mich an die auf Medaillen oder römische oder griechische Münzen geprägten Köpfe, wie der Alte sie in Vitrinen in der Eingangshalle oder im roten Salon hat. Ich lasse meinen Blick auch gerne auf ihrer Halsvene ruhen, dieser weichen Stelle am Hals. Die einzige Stelle an diesen unter Hochspannung stehenden, muskulösen Körpern mit den vorspringenden Sehnen, an der man eine gewisse Wärme spürt, ein Pulsieren, eine Verwundbarkeit.

Wenn wir in Vernery ankamen, war es meist schon dunkel. Ich nahm den Kerl mit zum Pool im Haus. Ich schlug vor, ein paar Bahnen zu schwimmen, zur Entspannung. Und dann aßen wir.

Die Frau des Gutsverwalters wusste Bescheid und hatte genug aufgetischt, um ein ganzes Regiment satt zu kriegen: Pâtés, Terrinen, Salate, dicke Landbrote, Käseplatten und zwei, drei Flaschen Landwein, Châteaumeillant, einen leichten Roten, durchaus trinkbar. Dem Typen wurde leicht schwindlig. Das war normal, echte Krieger sind Asketen wie die Spartaner. Ach ja, auch so eines der großen Leseerlebnisse, die ich Antoine verdanke, Der Peloponnesische Krieg von Thukydides …

Ich dachte immer, dass wir, wenn der Block eines Tages die Macht ergreifen würde, aus Frankreich ein neues Sparta machen würden. Wir würden den Museln, den Negern und den Juden wieder ihre Heloten-Plätze zuweisen. Nach dem Essen, wenn ich merkte, dass der Kerl auch wollte, stiegen wir zusammen ins Bett.

Aber so oft nun auch wieder nicht. Nicht so oft, wie manche beim Block behaupten. Auf jeden Fall war das am nächsten Tag kein Thema mehr. Der Typ hatte es genauso verstanden, wie es gemeint war, als Mittel, um sich kennenzulernen, sich zu beweisen, so wie man sich im Kampf beweisen muss.

Wir begannen den Tag mit einem 15-km-Geländelauf mit einem Rucksack auf dem Rücken, der bis oben hin mit Milchkartons gefüllt war. Zwanzig Kilo. Dann ging es weiter mit einem Kämpfer-Parcours, der im Wald hinter dem Schloss angelegt war. Ich fand es immer schön, wenn das zufällig im Herbst stattfand. Die rötlich verfärbten Blätter natürlich, aber auch den Geruch der Erde. In Denain riecht die Erde nicht nach Erde, nicht mal im Herbst. Sie riecht nach Stahl- und Kohlenstaub, auch wenn es dort schon lange keinen Stahl und keine Kohle mehr gibt.

Wir aßen mittags auf die Schnelle eine Kämpfer-Ration und begannen mit einem neuen Geländelauf.

Manchmal brach der Typ dann zusammen. Ich nahm es ihm nicht übel. Ich brachte ihn zurück ins Schloss, oft trug ich ihn auf meinen Schultern. Ich verabreichte ihm ein Bad im Pool und fuhr ihn anschließend nach Bourges, von wo aus er den Zug nach Paris nahm, ausgestattet mit einem Brief an meinen Oberleutnant, in dem ich darum bat, ihn zurück in ein mobiles Einsatzkommando der GPP zu schicken. Der Typ hatte keinen Grund, enttäuscht zu sein, er wusste nicht wirklich, dass ich Mitglieder für eine Elite-Truppe suchte. Im Gegenteil, wenn ich ihn später im Bunker oder auf dem Gelände wiedersah, war er mir direkt dankbar, dass ich ihn nicht gefeuert hatte.

Für die, die das ausgehalten hatten, ging es im Keller des Schlosses weiter, da war ein Schießstand eingerichtet. Im hinteren Teil des Raumes war eine Waffenkammer, hinter einer Panzertür, zu der nur ich den Code hatte.

Da drin gab es alles, was das Herz begehrt: Sturmgewehre, vom Famas bis zum M16 über die AK-47 und das finnische RK 62, für das ich wegen seiner Schussfrequenz eine gewisse Schwäche habe. Dann PM, Scorpio, Uzi, Heckler und Koch, von den Faustfeuerwaffen die wichtigsten Modelle, die auf dem Markt waren, und sogar ein paar Antiquitäten, wie Sten, Mat 49, FR-F1 und Mac 50 »vintage«, die aber unbenutzt waren. Sie stammten aus der Zeit der postkolonialen Agententätigkeit und aus Waffenverstecken des Gladio-Netzwerks. Es war sogar eine Rarität darunter, ein Sturmgewehr 44, das erste Sturmgewehr, das die Deutschen in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs entwickelt hatten und das kaum noch zum Einsatz gekommen war.

All das stammte von meinem Vorgänger, dem alten Molène, ehemaliger LVF-Mann, Légion Charlemagne und Brigade Frankreich, dem Verband der Waffen-SS, ehemaliger Indochina-Kämpfer, ehemaliger Algerien-Kämpfer, ehemaliges OAS-Mitglied, der sogar noch mit über fünfzig, nur der Ehre wegen, mit der christlichen Phalange ’75 im Libanon Attentate verübt hatte.

Er war es, der mir die Verantwortung für die GPP übertrug, die er unter dem Namen OSM (Organisation Securité Meeting) nur wenige Monate nach der Gründung des Bloc Patriotique durch den Alten aus der Taufe gehoben hatte. Kurz vor seinem Tod hatte er mir das Zepter übergeben. Ich sehe ihn noch vor mir in seinem Büro im Bunker: »Ich gebe die Verantwortung ab, Stanko, und Dorgelles ist einverstanden, dass du übernimmst.«

Es sollte sich bald herausstellen, warum Molène es so eilig damit hatte. Zwei Tage später jagte er sich in seiner Villa in Hyères eine Kugel in den Kopf, einen Monat zuvor hatte er erfahren, dass er Alzheimer hatte.

Molène war mir beim Block einer der Liebsten gewesen, neben Antoine und Dorgelles.

In Vernery beendete ich den Tag mit meinen zukünftigen Rekruten der Delta-Gruppe mit Nahkampf, Karate, Krav Maga. Manchmal verlor ich, manchmal gewann ich. Das war nicht so entscheidend. Entscheidend war, wie der Typ sich schlug, wie er seine Niederlage oder seinen Sieg verdaute, wie er die Hand ergriff, die ich ihm entgegenstreckte, um ihn hochzuziehen, oder wie er mir seine Hand entgegenstreckte, wenn ich am Boden lag.

Eben darum bin ich hier in meinem Zimmer bei der Saint-Ambroise-Kirche ziemlich pessimistisch, was meine Chancen davonzukommen betrifft, weil ich weiß, dass die Delta-Gruppe mit meinem Fall beauftragt ist, und weil ich besser als jeder andere weiß, wozu ihre Mitglieder fähig sind.

Zumal die Delta-Gruppe seit zwei Jahren von diesem kleinen Luder von Ravenne befehligt wird, der immer schon gerne Kalif anstelle des Kalifen, also gerne an meiner Stelle Chef der GPP geworden wäre, oder, wie man mich offiziell im Organigramm des Blocks nennt, um einen seriösen Eindruck zu machen und zur Beruhigung der Öffentlichkeit, Sicherheitsbeauftragter.

Aber auf Ravenne zu verzichten, wäre trotz seiner offenkundigen Ambitionen ein Riesenfehler gewesen. Eine echte Fehlentscheidung. Ravenne ist ausgeglichen, intelligent. Ravenne war fünf Jahre bei den Fallschirmspringern, hat als Unteroffizier abgeschlossen, mit militärischer Auszeichnung. Die hat er sich in seinen zwei Jahren in Afghanistan und Pakistan als Mitglied der Eliteeinheiten inmitten der Stammesgebiete verdient.

Er kehrte von dort mit der Überzeugung zurück, dass wir uns in einem Kampf auf Leben und Tod mit dem Islam befinden und alle Museln rausschmeißen müssen, wenn wir nicht untergehen wollen. Das heißt, Ravenne ist auch in ideologischer Hinsicht vertrauenswürdig. Der beste Beweis dafür ist: Er ist dem Block und der GPP beigetreten, wo er weniger verdient als bei der Armee, weil er verstanden hat, dass die Taliban die Welt bedrohen und schon in unseren Vorstädten sind.

Ravenne ist ein echter politischer Soldat, wie die von der SS.

Wie Molène zu seiner Zeit.

Außerdem ist er schön wie ein Gott: 1,80 Meter groß, graue Augen, ein fein geschnittenes Gesicht, breite Schultern, kein Gramm Fett. Ein bisschen wie Antoine, bevor der so zugelegt hat. Antoine war es, der mir alles beigebracht hat in Coët, da war ich nur ein kleiner Soldat mit Mannschaftsgrad, ohne jede Perspektive, dafür mit einem Strafregister, das mir eine Sonderbehandlung seitens eines in Ansätzen sadistischen Oberfeldwebels einbrachte. Dieses Schwein von Unteroffizier wusste genau, dass ich, gerade ich, mich nicht zur Wehr setzen konnte. Ich war auf Bewährung und würde bei der ersten Eskapade im Karzer landen, als Übergangsstation zum richtigen Knast.

Ich musste die Klos schrubben, nackt und auf allen Vieren. Mit einer Zahnbürste, ganz in der guten alten Tradition der frustrierten Militärs, die selber am Schreibtisch eine ruhige Kugel schieben. Und während ich mit einer Riesenwut im Bauch das Porzellan polierte, streichelte er mir den Arsch oder versetzte mir kleine Schläge mit der Nylonbürste, die normalerweise dazu diente, die Famas-Sturmgewehre zu reinigen. Er lachte sich kaputt, und ich versuchte, keinen Ständer zu kriegen.

Das war die größte Erniedrigung, dass ich aufpassen musste, keinen Ständer zu kriegen.

Zurück zu Ravenne: Es ist wichtig, dass die Krieger schön sind. Die Männer, die unter ihrem Kommando stehen, haben dann mehr Vertrauen und weniger Angst zu sterben. Kurzum, mit seinem pädagogischen Sachverstand und seinen Fähigkeiten war er der ideale Typ, um mir innerhalb der GPP bei der Ausbildung der zukünftigen Rekruten der Delta-Gruppe zu helfen. Denn so ist das leider, bei der Delta-Gruppe ist man schnell verbraucht. Es kommt auch vor, dass man es nicht überlebt.

Indem sie mir Ravenne und die Delta-Gruppe auf den Hals geschickt haben, haben sie beim Block die Lage schon richtig eingeschätzt. Denn diese Krieger kennen mich besser als ich mich selbst. Darum habe ich aufs Geratewohl dieses Hotel gewählt, das war eine ganz spontane Entscheidung. Und darum habe ich mein Handy ausgemacht, denn ich habe diesen kleinen Idioten beigebracht, wie man ein Gerät durch Triangulation ortet. Es liegt auf dem Nachttisch, neben meiner geladenen GP35.

Damit mir die Zeit bleibt, einen oder zwei niederzuknallen, sollten sie in meiner Bude auftauchen.

Offiziell gibt es die Delta-Gruppe natürlich gar nicht. Im Übrigen wissen selbst beim Block nur wenige Bescheid. Selbst im Parteipräsidium sind nicht alle auf dem Laufenden. Es gibt zwar immer mal wieder Gerüchte, aber mehr auch nicht.

Wenn das Thema auf die GPP kommt, heißt es beim Block immer, wir setzten nur Freiwillige als Ordner ein. Das sind nette Opis, die gerne Bulle spielen, pensionierte Wachleute oder Militärs. Sie werden mit schönen blauen Blazern und grauen Hosen ausstaffiert. Sie haben auch ein Wappen auf ihrer Uniform, den Tricolore-Dreizack vom Bloc Patriotique und das Motto der GPP, das wir der Polizei von Los Angeles geklaut haben: »Schützen und dienen.«

Die stellen wir bei unseren Kundgebungen oder der jährlich stattfindenden Dreizack-Feier in der Messehalle von Villepinte brav an den Eingang. Da plaudern sie dann mit den alten Damen und verfügen über eine ausreichend einschüchternde Statur, um überneugierige Journalisten oder Gelegenheitsprovokateure abzuschrecken. Wenn es ein größeres Problem gibt, dann sprechen sie in ihr Headset. Denn der Verantwortliche vor Ort oder ich selbst haben dafür gesorgt, dass sie alle ein »Double« haben, Typen, die jünger und durchtrainierter sind, die sich in der Menge verteilen, aber beim ersten Alarm mit ihren Teleskop-Schlagstöcken und ihren Goliaths aufkreuzen, 50-cl-Tränengas-Dosen.

Der Block räumt auch die Existenz von mobilen Eingreifteams ein, bestreitet aber, dass es sich dabei um professionell und dauerhaft organisierte Strukturen handelt. Tatsächlich bezahlen wir sie pro Einsatz aus einer schwarzen Kasse. Nach außen geben wir diese Kerle auch als Ehrenamtliche aus, die sonst für befreundete Wachdienste arbeiten, untadelige Firmen, für die der Block ein ganz normaler Kunde wie jeder andere ist. Tatsächlich sind unsere mobilen Kommandos rund um die Uhr einsatzbereit und trainieren regelmäßig im Bunker, wo es Krafträume und einen Pool gibt. Schießen üben sie in Schießständen, die von der Polizeipräfektur zugelassen sind. Und dann organisiere ich auch für kleine Gruppen von maximal zwanzig Mann Trainingslager in Vernery, im Schloss.

So ein kleiner Schmierfink, freier Journalist für Libération und Politis, versuchte vor zwei Jahren, all das auseinanderzunehmen. Da war er nicht der Erste. Ravenne und ich beschlossen, die Delta-Gruppe aus dieser Sache rauszuhalten.

Ich informierte den Chef. Der sagte: »Gerade sind wir dabei, uns für die Europa-Wahl zu rüsten, und da müssen wir mit dieser Schlampe Louise Burgos konkurrieren. Ich will keinen Skandal. Sieh zu, wie du das regelst, Stanko.«

Dorgelles spricht immer in Rätseln, wenn er in der Klemme sitzt.

Keinen Skandal sollte heißen, keinen Skandal wegen der möglichen Enthüllungen eines Schmierfinks, aber auch keinen Skandal, falls ihr ihn außer Gefecht setzt, so dass er uns nicht mehr schaden kann. Oder vielmehr, wenn ihr ihn außer Gefecht gesetzt habt, so dass er uns nicht mehr schaden kann.

Also stellten Ravenne und ich unsererseits Nachforschungen über den Typen an. Ein Itzig, wie fast alle Schreiberlinge von der Presse. Ein Itzig, der in Montreuil lebte, wie alle diese Bobos. Schlimmer ging es nicht.

Wir bezogen unten vor seiner Tür Wachposten. Er wohnte ganz oben, im sechsten Stock eines Wohnhauses ganz in der Nähe des früheren Sitzes dieser Arschlöcher vom Gewerkschaftsbund CGT.

Ich dachte, ich werde wahnsinnig. Nicht wegen des endlosen Rumhockens in einem alten Peugeot 207, sondern weil ich Ravenne neben mir spürte, in diesem Auto, das für Männer unserer Statur viel zu klein war. Ich roch den Duft seiner Haut, den Duft seines Schweißes. Ich hatte einen Ständer wie ein Hirsch. Ich bin sicher, er merkte das, dieses Miststück. Mit voller Absicht legte er mir seine Hand auf den Oberschenkel, nur ein paar Zentimeter von meinen edlen Teilen entfernt, um mich darauf hinzuweisen, dass der Zeitungsfritze nach Hause gekommen war oder ins Bett ging, während er mit der anderen Hand auf das Fenster seiner Wohnung deutete, in der gerade das Licht an- oder ausging.

Tagelang schnüffelten wir ihm hinterher. Wir sahen, wie er Mädchen mit nach Hause brachte, manchmal ein halbes Dutzend. Nie dieselben. Oft Schwarze. So ein Zufall aber auch … Dieser Typ war offenbar ein leidenschaftlicher Anhänger der Rassenmischung.

Scheiß-Frankreich …

Aber wir hatten Pech. Wie die Amateure verloren wir ihn jedes Mal, wenn er sich mit neuen Neger-Muschis eindeckte oder, um es so auszudrücken, wie ich es in einem schriftlichen Bericht für den Chef formuliert hätte: ›Wenn er auf der Suche nach neuen Eroberungen unter farbigen Frauen war.‹ Mal hatte unser 207 einen Plattfuß, mal nahm er ein Taxi, dem wir hätten auffallen können. Diese Taxifahrer sind einfach verdammt gewieft darin zu merken, ob ihnen jemand folgt, man könnte meinen, sie hätten eingebaute Antennen.

Dafür sahen wir dann, wie er sich beim Bunker rumtrieb, die Typen ausfragte, die in unsere Geschäftsräume wollten, vor allem, wenn sie einen Trainingsanzug trugen oder eine Sporttasche dabeihatten. Eigentlich sollten die Jungs von der GPP alle vom PR-Chef des Blocks, von Frank Marie persönlich, eine Schulung erhalten haben. Aber man weiß ja nie, es sind immer ein paar dabei, die sich gerne aufspielen, oder die einem eins auswischen wollen, weil ein Ausbilder ihnen vor den anderen einen Arschtritt verpasst hat. Dann haben sie Schaum vorm Mund. Das kommt nicht oft vor, aber es passiert.

Und die Europa-Wahlen waren in drei Monaten. Wir mussten uns also ranhalten.

Aber wir wussten nicht, wie wir die Sache angehen sollten. Wir hatten das Gefühl, vom Pech verfolgt zu sein.

Antoine verhalf mir dann rein zufällig zu der rettenden Idee.

Wir aßen zusammen zu Mittag in einer Brasserie in seinem Viertel, dem 22, da gingen wir öfter hin, es lag in der Nähe der Metro-Station Saint-Philippe-du-Roule.

Ich war echt k.o., ich konnte einfach nicht mehr. Unsere gescheiterten Schnüffel-Aktionen, die ständige sexuelle Erregung durch Ravennes Anwesenheit. Weil ich nicht mehr ein noch aus wusste, zeigte ich ihm ein Foto von unserem Problemfall. Antoine stellte sein Glas Brouilly ab, ließ die Gabel sinken, mit der er eben noch sein Steak Tartare in sich hineingeschaufelt hatte, und lächelte: »Den Typen kenne ich doch! Also ›kennen‹ ist vielleicht etwas übertrieben. Er treibt sich öfter in einem Nachtclub in meiner Straße rum … Ja, in der Rue La Boétie. Weißt du wo? Der Laden heißt Maloya. Du weißt schon, da tanzen diese heißen Miezen aus La Réunion. In dem Club verkehren lauter Schwarze, aber es ist superschick. Schwarze Muschis in Hülle und Fülle, sie werden direkt aus der Banlieue über die Champs-Élysées eingeflogen, um den Diplomaten aus Zaire oder den Geschäftsmann von der Elfenbeinküste scharfzumachen. So ein Mittelding zwischen lockerflockiger Prostitution, zielgerichtetem Flirt und reiner Abzocke.«

»Und woher weißt du das?«

Fast hätte ich ihn gefragt, ob er nicht zufällig auch auf schwarze Muschis stand, aber nein, was für eine absurde Idee. Er hatte ja Agnès. Und wenn, dann sicher nicht in seiner eigenen Straße … Obwohl, vielleicht gerade …