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Der atemberaubende Liebesroman vom internationalen Wattpad-Star Elizabeth Seibert: Brillant, scharfzüngig und todkomisch – Schmetterlinge im Bauch und Herzrasen inklusive! Regel Nummer 1: Date niemals die Schwester deines Bros ... Was passiert, wenn du dich zwischen Liebe und Freundschaft entscheiden musst? Diese Frage musste sich Star-Fußballer Nick niemals stellen. Zusammen mit seinen Freunden hält er sich an den Bro-Code, sie brechen keine der Regeln. Bis Eliza, die Schwester seines Kumpels Carter, aus Australien zurückkommt. Eliza ist einfach umwerfend, und Nick ist völlig von den Socken. Zwischen den beiden sprühen die Funken ... und bald scheint er keine der Regeln mehr einhalten zu können. Aber manche Regeln muss man einfach brechen! ♥♥♥♥ Wattpad verbindet eine Gemeinschaft von rund 90 Millionen Leser*innen und Autor*innen durch die Macht der Geschichte und ist damit weltweit die größte Social Reading-Plattform. Bei Wattpad@Piper erscheinen nun die größten Erfolge in überarbeiteter Version als Buch und als E-Book: Stoffe, die bereits hunderttausende von Leser*innen begeistert haben, durch ihren besonderen Stil beeindrucken und sich mit den Themen beschäftigen, die junge Leser*innen wirklich bewegen! »Ein absolut lesenswertes, witziges Buch aus der Sicht eines Highschool-Kings (bzw Bros)! Sehr empfehlenswert!« ((Leserstimme auf Netgalley)) »Elizabeth A. Seiberts Erzählung war vollkommen anders. Sie enthielt Witz, Ernsthaftigkeit und spannende Figuren.« ((Leserstimme auf Netgalley)) »Ich kann das Buch allen empfehlen, die eine Geschichte voller Gefühle suchen, die süchtig macht, sie nicht mehr los lässt und bei der es den Leser regelrecht nach Nachschlag gelüstet.« ((Leserstimme auf Netgalley))
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Veröffentlichungsjahr: 2021
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Bei »Der Bro-Code« handelt es sich um eine übersetzte Version des erstmals auf Wattpad.com von joecool123 ab 2012 unter dem Titel »The Bro Code« veröffentlichten Textes.
Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, schreiben Sie uns unter Nennung des Titels »Der Bro-Code« an [email protected], und wir empfehlen Ihnen gerne vergleichbare Bücher.
Dieses Buch ist für die Mädchen, die es nicht lesen dürfen, für jeden, der noch liest, obwohl schon Schlafenszeit ist, für Giraffen, S&B, A&M, M&D, Mr. Dog, für jeden, der während der High School ein totaler Idiot ist/war/sein wird, für mich und für dich.
Und für Kevin, der wirklich nicht erwähnt werden wollte.
Deutsche Erstausgabe
© Elizabeth A. Seibert 2020
Titel der englischen Originalausgabe: »The Bro Code«, Wattpad Books, Toronto 2020
© der deutschsprachigen Ausgabe: Piper Verlag GmbH, München 2021
Übersetzung: Martina Schwarz
Redaktion: Julia Feldbaum
Covergestaltung: Elliot Carrol
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Cover & Impressum
Ein Brief
Regel Nummer 1
Regel Nummer 2
Regel Nummer 3
Regel Nummer 4
Regel Nummer 5
Regel Nummer 6
Regel Nummer 7
Regel Nummer 8
Regel Nummer 9
Regel Nummer 10
Regel Nummer 11
Regel Nummer 12
Regel Nummer 13
Regel Nummer 14
Regel Nummer 15
Regel Nummer 16
Regel Nummer 17
Regel Nummer 18
Regel Nummer 19
Regel Nummer 20
Regel Nummer 21
Regel Nummer 22
Epilog
Der Bro-Codex
Danksagung
Lieber Nick,
ich muss immer daran denken, was du als Erstes zu mir gesagt hast: Zeig mir, dass ich mich irre!
Ich war allerdings gar nichts Besonderes – du hast schon immer dafür gesorgt, dass sich alles nur um dich dreht.
Das war während des drückend heißen Sommers, kurz nach unserem Umzug hierher, als Olivia uns gezwungen hat, zum Spielen im groben Sand am Bonfire Beach Turnschuhe zu tragen, damit sich die Haut an unseren Füßen nicht abschält. In dem Sommer, in dem dir die Haare ständig an der Stirn klebten.
Carter und ich hatten es leichter als die meisten anderen neuen Kids, weil wir ein Trampolin und einen Pool hatten. Wenn du zu uns rüberkamst, gab’s für dich trotzdem immer nur Carters Fußball. Nach dem Mittagessen bis zu dem Moment, als Olivia Carter gerufen hat, damit er den Tisch fürs Abendessen deckt, habt ihr so getan, als sei das Trampolin ein Tor, und Carter musste es verteidigen, als hättet ihr euch in der Verlängerung eines World-Cup-Spiels befunden. Du hast ein Tor geschossen, in die Hände geklatscht, um dich zu konzentrieren, und wolltest sofort weitermachen. Ich hoffe, es klingelt bei dir, denn so wurdest du Carters bester Freund.
An dem Nachmittag, an dem du zum ersten Mal mit mir gesprochen hast, hat Carter den schwülen Julitag in ein Grillfest mit eisgekühlter Wassermelone und Maiskolben verwandelt. Du hast die Sechstklässler zu uns eingeladen, ohne vorher zu fragen – absolut unverfroren! Einer von ihnen hatte Wasserbomben dabei, und du hast uns im klebrigen Gras in zwei Reihen einander gegenüber aufgestellt: Jeder bekam einen Partner, und wir mussten die Wasserbombe so lange hin und her werfen, bis sie geplatzt ist.
Wir waren eine ungerade Anzahl an Kindern und du hast bestimmt, dass ich, die Fünftklässlerin, aussetzen musste. Du hast behauptet, ich wäre nicht in der Lage, so weit zu werfen wie alle anderen.
»Das sage ich«, habe ich mich beschwert.
»Zeig mir, dass ich mich irre!«
Du hast keine Miene verzogen, aber die Freude in deinen Augen hat dich trotzdem verraten.
Aus welchem bescheuerten Grund auch immer – die Tatsache, dass du eine Wasserbombenschlacht veranstaltet hast, fand mein zehnjähriges Ich total süß (keine Ahnung). Du hattest Schmutz in deinen verstrubbelten Haaren, von deinem Kinn ist Wasser getropft, und dein albernes Grinsen schien nur für mich bestimmt. Ich war erledigt.
Doch das hat keine Rolle gespielt. Als die Schule anfing, hast du an den Schließfächern aller möglichen Mädchen rumgehangen, nur nicht an meinem. (Das kommt dir sicher bekannt vor.) Du hast mit ihren Haaren gespielt, sie haben gekreischt, und du hast sie dafür geliebt. Ich weiß natürlich, dass das im Vergleich zu dem, was Carter getan hat, nichts ist.
Ich habe wirklich gehofft, Nick, dass du sechs Jahre später anders sein würdest.
Ich bin selbst schuld.
Ich schreibe dir das, damit du dich erinnerst. Du hast eine Wahl. Die Situation mit Carter ist nicht so schwarz-weiß, wie sie scheint. Wie auch immer du dich hinsichtlich Leben und Tod deiner Bro-Bibel entscheidest – der Heiligen Schrift aller Männer, dem Glaubensbekenntnis von Strebern, Sportlern und jedem Kerl dazwischen: dem unantastbaren Bro-Codex … Hier bist du selbst schuld.
Du weißt, was ich über deine Lage denke. Du weißt, dass ich weiß, was du tun wirst.
Zeig mir, dass ich mich irre.
Eliza
Broes* before hoes
*Jeder Bro ist als »Bro**«, »Alter«, »Mann«, »Amigo« oder »Homie« zu bezeichnen, niemals als »Typ«, »Kumpel« oder »guter Kerl«. Ein Bro bleibt bis ans Ende aller Tage ein Bro.
**Unter bestimmten Umständen kann auch »Bruder« verwendet werden, jedoch niemals ironisch.
Entgegen dem, was ihr vielleicht gehört habt, habe ich nicht mit Eliza O’Connor geschlafen. Hätte ich es gewollt? Habt ihr sie gesehen? Hätte ich gekonnt? Habt ihr mich gesehen? Aber ich habe es nicht getan, auch wenn euch die Leute etwas anderes erzählen werden, denn ich bin mit ein paar Weltklasse-Trollen auf der Highschool. Sie werden euch noch eine Menge anderer Geschichten über mich erzählen, von denen manche stimmen, wie die über den Streich, den ich Mr Hoover gespielt habe (das Lila war eine ganze Woche lang nicht aus seinen Haaren zu kriegen), viele fast stimmen, wie die, dass ich einmal ein Mädchen aufgerissen habe, indem ich bei einem Football zu ihr an den Essensstand gegangen bin und »Nein« gesagt habe (in Wirklichkeit habe ich gesagt: »Nein, wir sind noch nicht miteinander ausgegangen, aber ich bin dafür, dass wir das ändern.«). Ein paar der Geschichten sind aber definitiv nicht wahr. Und dazu gehört die, dass ich mit Eliza O’Connor geschlafen habe.
Einige Typen werden behaupten, dass ich das Gerücht selbst in die Welt gesetzt habe. Ich wünschte, das hätte ich – meine Geschichte wäre viel schöner ausgestaltet als jede Version, die ihr gehört habt. Falls ihr herausfindet, wer es war, gebt mir Bescheid und sagt demjenigen, dass er mich draußen treffen soll, wo wir die Sache wie Erwachsene klären können. Was ich aber weiß, ist, wie alles anfing – nicht auf Jeff Karvotskys Party, wie alle glauben. In Wirklichkeit begann es einige Monate früher, und zwar so wie die meisten Gerüchte: mit ein paar Leuten, denen unglaublich heiß war und die Pizza aßen.
Es war Mittwochnachmittag und ich spielte im Straight Cheese ’n’ Pizza mit der Hälfte der Abschlussklasse Air-Hockey. Wir genossen unsere letzten ersten Tage des Schuljahres, hatten fünfzehn fettige Pizzas und dazu unbegrenzt Limo bestellt und uns an der Bar, an zusammengestellten Holztischen und in ein paar der Nischen am Rand des Restaurants ausgebreitet, ganz in der Nähe der Spielautomaten und des berüchtigten Pizzabäckers. Der Pizzabäcker war eine lebensgroße Kupferstatue eines Mannes mit einem ausgefallenen Hut, der eine Pizza in die Luft warf. Und ja, er war natürlich jedes Frühjahr die Krönung des Cassidy-High-Abschlussstreiches. (Zuletzt stand er auf dem Dach unserer Schule mit einem Schnurrbart und einer Perücke, die ihn aussehen ließen wie unseren Rektor.)
Die Cassidy High war selbstverständlich die Highschool in North Cassidy, Massachusetts. Sie war eine dieser Schulen, an der das Wissenschaftsteam mehr Geld bekam als der Football, und es gab gerade genug Schüler, damit sie nicht mehr als Regional Highschool galt. Meine Mitschüler und ich wussten alles voneinander, damit angefangen, wer in der dritten Klasse in Musik gefurzt hatte, bis dahin, wer heute Morgen in Biologie gefurzt hatte. Wir alle würden in North Cassidy heiraten und für immer hierbleiben, und dann würden unsere Kinder ebenfalls Freunde werden. Außer mir – ich wartete auf ein Fußball-Stipendium, aber das war eine unsichere Partie (Achtung, Wortspiel!).
»Yo, Nick! Erzähl doch noch mal die Geistergeschichte,« rief Robert Maxin, der einzige Abschlussschüler im Fußballteam, der noch nie jemanden geküsst hatte.
»Versprichst du, dir diesmal nicht in die Hose zu machen?«, fragte ich.
Robert saß auf einem Barhocker am Tresen und hatte sich zum Rest von uns herumgedreht. Er hielt ein Stück Peperoni in der Hand, das so fettig war, dass es ihm in den Schoß tropfte. Er wischte darüber und verschmierte so den Fleck auf seiner Jeans, die ihm seine Mom gerade erst gekauft hatte, noch mehr. Robert war die nahe liegende Wahl für den Titel des bestgekleideten Schülers im Superlative-Ranking des diesjährigen Jahrbuchs.
Ich zwinkerte dem Mädchen auf dem Barhocker neben ihm zu: Hannah Green war eine brünette Schönheit und eine der wenigen Cheerleader auf der Cassidy High, die nur Einser schrieb. Dass Robert mich bat, die Geistergeschichte zu erzählen (sie handelte davon, dass unsere Schule von Geistern heimgesucht wurde und einer der Lehrer sich nachts in einen Vampir verwandelte), war sein letzter Versuch, sie davon abzuhalten, den Platz neben ihm zu verlassen, doch ich war damit beschäftigt, meinen Rekord im Air-Hockey zu verteidigen. Bisher war ich ungeschlagen.
Austin Banks, der Mann, der Mythos, die Legende und Teil unseres Bro-Trios, schmetterte den Air-Puck in Richtung meines Tors, als wäre es das wichtigste Spiel seines Lebens. War es nicht, aber Austin spielte immer so.
»Versucht, einen Mann zu treffen, während er abgelenkt ist …«, sagte ich. Der Puck glitt mit einer gekonnten Drehung über die Platte, als ich ihn zurückschoss. Bevor Austin merkte, was passierte, landete das Ding mit einem lieblichen Klacken in seinem metallenen Tor.
»Zehn zu neun. Und die Menge jubelt! Jaaaaaaa!«
»Wie auch immer.« Austin rückte seine Brille mit dem breiten schwarzen Rahmen zurecht und zog sich die Kapuze seines Cassidy-High-Fußballteam-Pullis über den Kopf, obwohl draußen immer noch Sommerwetter herrschte. Er war auch dafür bekannt, nach einem Schneesturm Basketballshorts zu tragen. Wir hatten alle unsere Macken.
»Gutes Spiel, Nick.« Austin streckte mir seine Faust zum Fistbump entgegen. Wir rutschten auf die weiche rote Bank der nächsten Nische, das dritte Mitglied unseres Bro-Triumvirats, der hellblonde Carter O’Connor, saß gegenüber.
Wenn Austin LeBron James war, dann war Carter Michael Jordan – der OB (Original-Baller, das heißt, ein echter Crack, der es geschafft hatte). Natürlich hätte man Fußball von überall außer vom Pluto verbannen müssen, damit Austin und Carter zu Basketball gewechselt hätten, aber wir wollten einen neuen Trend starten, deshalb benutzte ich den Begriff OB, wann immer ich konnte. Unsere Mütter waren sehr stolz auf uns.
Carter hatte es sich auf seiner Hälfte der Sechspersonennische mit einem Mathematik-Schulbuch und einer dicken Sammlung loser Zettel breitgemacht. Während er sich darüberbeugte, tippte er geistesabwesend mit einem Stift gegen seine Zähne. Blau angemalt hatte er sie sich nur ein Mal.
»Yo«, sagte ich. »Hast du deine Unbekannte schon gefunden? Denn ich bin mir ziemlich sicher, dass du da drin lange suchen kannst.«
Austin schnaubte. »Hey, kriegen wir bald mal unsere Pizza …?«
»Alter, das ist kein Witz«, unterbrach ihn Carter. »Wir werden dieses Jahr ernsthaft Hausaufgaben machen müssen. Schätze, ich habe Mathe.« Er kritzelte eine Antwort in ein dickes Notizbuch. Mit einem Kugelschreiber. Denn Carter glaubte an sich.
»Das ist nicht fair. Du hattest letztes Jahr schon Mathe«, sagte Austin. »Ich bin auf fünfzehn Essays für Ms Peterson sitzen geblieben. Und das waren in Wirklichkeit eher vierzig, weil ich jeden dreimal schreiben und ein bisschen abändern musste.«
»Ich habe definitiv Mathe.«
»Bin raus.« Ich berührte meine Nase. »Quiero español.«
»Ich nehme Bio«, sagte Carter.
»Psychologie«, fügte ich hinzu. »Damit bleiben dir, Austin« – Carter, der seine Nase immer noch in seiner (unserer) Hausaufgabe vergrub, lachte, als ich eine dramatische Pause einlegte –, »Englisch und Geschichte. Tut mir leid für dich.«
»Arschlöcher.«
Wir teilten unsere Hausaufgaben jedes Jahr nach Fächern unter uns auf, um Zeit zu sparen. Das funktionierte, weil wir im Grunde immer zusammen waren: derselbe Sport, dieselben Fächer, dieselbe unwiderstehliche Persönlichkeit … Wir hatten viel gemeinsam.
Austin ließ sich in sein Polster sinken und blickte sich im Restaurant um. Straight Cheese ’n’ Pizza war großartig, weil es hier nicht nur die beste Pizza, den besten gegrillten Käse und die besten Mozzarella-Sticks gab, die das ländliche Massachusetts zu bieten hatte (die Besitzer waren echte Genies bei allem, was mit Teig oder Käse zu tun hatte), sondern auch kostenlose Spielautomaten und eine echte Jukebox. Austin betrachtete die verschiedenen Cliquen unserer Mitschüler, die ein Querschnitt der beliebtesten Kids in leicht unterschiedlichen Klamotten waren, und lachte über Roberts wilde Handbewegungen, als der versuchte, die Geistergeschichte über unseren Biolehrer zu erzählen. Hannah hatte die Beine fest übereinandergeschlagen und ihren bedruckten Rock so weit nach unten gezogen wie nur möglich. Austin grinste, als würde er sich YouTube-Videos von ungeschickten Leuten ansehen.
»Was glaubt ihr, wie lange es dauert, bis Hannah rüberkommt?«
»Zwei Minuten«, sagte ich. »Kürzer, wenn er ihr von unserem Ausflug zu Build-A-Bear erzählt.«
»Armer Kerl. Hat absolut keine Ahnung, wie man mit Mädchen spricht.«
»Ihr zwei solltet ihm Unterricht geben.« Carter blätterte eine Seite in seinem Schulbuch um.
»Mein Gott«, antwortete ich so laut, dass die Leute neben uns herüberblickten. »Wir haben dir gesagt, dass uns die Sache mit Sarah leidtut, okay? Komm drüber weg.«
»Ich bin drüber weg«, sagte Carter.
»Du kannst uns keinen Vorwurf daraus machen, dass wir dich dazu herausgefordert haben, bei ihr zu landen, und dann sauer werden, wenn es tatsächlich leicht ist.«
»Ich habe gesagt, ich bin drüber weg.«
»Schwachsinn.«
Der plötzliche Stimmungswandel im Restaurant war spürbar – die meisten Leute, vor allem diejenigen in den Nischen neben unserer, ließen ihre Pizza kalt werden, um zu uns zu starren. Statt der Rufe und dem Geschrei war nur mehr Flüstern zu hören, und sogar die Statue des Pizzabäckers schien nervös zu lauschen.
»Wuhu, Eulen vor!«, rief Austin.
Das brachte ihm ein paar Lacher ein, und bald darauf kümmerten sich die Leute wieder um ihren eigenen Kram. Cassidy Highs Maskottchen funktionierte immer.
Carters Handy vibrierte auf dem Tisch. Da sich jede Form mobiler Kommunikation zwischen Bros im heiligen Gruppenchat abspielte, musste das ein Mädchen sein.
»Wer ist das?«, fragte Austin.
Carter schüttelte Austins Arm ab. »Meine Schwester. Meine Mom hat wieder eine Veranstaltung. Eliza wird mit uns essen. Hoffe, das ist okay, Alter.«
»Sie ist deine Schwester«, antwortete Austin, als hätte ihn jemand gefragt, ob er lieber Vanillekuchen oder Vanillecupcakes mochte. (Fangfrage, Schokolade oder gar nichts.)
Der Bro-Codex legte ganz klar fest, dass ein Bro niemals irgendetwas mit der Schwester eines Freundes anfing. Da Austin jedoch der absolute Boss war und Eliza sowieso machte, was sie wollte, hatte Carter schlechte Karten gehabt, als die beiden vor zwei Jahren zusammen gekommen waren. Es hatte böse geendet, hatte ich gehört – ich wusste nicht, was passiert war, weil Austin kein Wort sagen konnte, ohne dass Carter sofort einschritt, um die Ehre seiner Schwester zu verteidigen.
»Vielleicht hat sie’s ja vergessen«, meinte ich. Was auch immer »es« war … Eliza hatte das gesamte letzte Jahr in Australien verbracht, irgendeine Art von Auslandsaufenthalt für Streber. Sie war letzte Woche zurückgekommen und (bis jetzt) so mit ihren Freunden beschäftigt gewesen, dass sie noch keine Zeit für uns Nerds gehabt hatte.
»Wie auch immer.« Austin stapfte mit lauten Schritten davon, um auf die Jagd nach einer Pizza zu gehen. Kurz darauf kam er mit einem ofenfrischen Exemplar, einem Korb lauwarmer Mozzarella-Sticks und niemand anderem als Hannah Green zurück.
»Hey, Leute. Robert hat mir von eurem Ausflug in die Mall erzählt.« Statt mich anzusehen, war ihr Blick auf Carter geheftet. »Ich würde echt gern mal den Teddybären sehen, den ihr gemacht habt.«
Austin räusperte sich, wobei er sich fast an einer Peperoni verschluckte. Das war eine fantastische Vorlage von ihr gewesen. Aber Carter war ein Bro. Er hielt sich an den Codex. Er würde sich niemals an das Mädchen eines anderen Bro heranmachen.
In genau diesem Moment kündigte ein Klingeln an, dass die Tür zum Restaurant geöffnet wurde. Und Trommelwirbel, denn herein kam … das Mädchen.
Sie hatte dasselbe hellblonde Haar wie Carter. Seit ich sie zuletzt gesehen hatte, war sie gewachsen, und sie hatte jetzt einen perfekten australischen Teint. Denn, klar …
Carter rutschte zur Seite, um Platz für seine Schwester zu machen.
»Hey, Hannah«, sagte Eliza und ließ ihre Büchertasche auf den Boden sinken. »Isst du mit uns?«
»Leider nein,« antwortete Hannah und klang tatsächlich so, als würde es ihr leidtun. »Ich habe schon jetzt einen Haufen Hausaufgaben. Der Sommer ist definitiv vorbei.« Sie winkte uns zum Abschied. Hauptsächlich winkte sie Carter.
»Danke, dass ich kommen durfte, Broskis.« Eliza nahm sich ein Stück Pizza. »Olivia und ihr Buttercremeguss haben unser Haus übernommen. Ich bin gerade noch rechtzeitig rausgekommen, bevor es eine echte Geiselnahme wurde.«
Inzwischen wurden wir von unseren Mitschülern sogar noch mehr angestarrt als vorhin nach meinem Zornausbruch. Eliza, die ein extrem normales weißes T-Shirt mit V-Ausschnitt und gemütliche Leggings trug, tat, als würde sie es nicht bemerken.
»Betrachte es doch mal von dieser Seite: Jetzt hast du Gelegenheit, mich zu sehen«, meinte ich.
»Immer noch derselbe alte Nick Maguire, hm?«, fragte Eliza.
»Der, den du kennst und liebst.«
»Alter, aufhören«, sagte Carter.
Eliza schlug ihm gegen die Schulter. Eine Sekunde später traf ihr Blick meinen, und sie erwischte mich dabei, wie ich sie einen Augenblick zu lange ansah.
Austin trommelte mit den Fingern auf dem Tisch und stellte die Frage, die uns alle beschäftigte: »Hast du welche mitgebracht?«
»Was?« Sie wandte sich zu Carter um, der sich wieder seinen (unseren) Mathehausaufgaben widmete.
»Cupcakes«, antwortete Carter. »Auch noch immer derselbe alte Austin Banks.«
Ms O’Connor, die Eliza Olivia nannte (und Carter schlicht Mom), war die beliebteste Mutter der Cassidy High, vielleicht sogar der ganzen Stadt. Nachdem der Boston Globe ein Porträt ihres Cupcake-Start-ups – als süßestes kleines Hobby-Unternehmens der Region – gebracht hatte, startete Ms O’Connor jetzt voll durch. Von ihrer komfortablen Profiküche aus belieferte sie Veranstaltungen im ganzen Nordosten. Austin und ich waren große Bewunderer ihrer Arbeit.
»Ah.« Eliza lehnte sich gegen das rissige Lederpolster. »Lasst mich nur schnell in meiner Tasche nach den vier Dutzend Cupcakes suchen, die Olivia von ihrer Benefizveranstaltung abgezwackt hat, um sie diesen Losern hier zu schenken.«
Sie deutete auf unsere Mitschüler, die inzwischen an den Tischen saßen und Pizzarand-Football spielten. (Eine Abart von Papierkugel-Football, nur mit köstlichen Kohlehydraten.) Austin bückte sich langsam, um unter den Tisch zu sehen – vorsichtshalber. Elizas blaue Tasche lehnte an ihren neonfarbenen Laufschuhen, und es gab keine Spur von Cupcakes.
Die Lichter wurden gedimmt, um eine gemütliche Atmosphäre zu schaffen.
»Wie war’s in Australien?«, fragte ich.
»Großartig. Trotzdem ist es schön, wieder hier zu sein. Ich will nie wieder ein Känguru sehen.«
»Wenn das so ist«, sagte ich, »solltest du lieber gehen, Carter.«
»Autsch.« Austin hustete.
»Der war gut, Nick. Echt witzig«, antwortete Carter.
Nachdem sie ihr Stück Pizza verschlungen hatte, stand Eliza auf, um sich mit ihren anderen Freunden zu unterhalten. Offensichtlich war sie inzwischen zu cool für uns. Schön für sie.
»Vielen Dank für die Pizza, Jungs«, sagte sie. »Und coole Brille, Austin.«
Als er sie vor ein paar Monaten bekommen hatte, war Austins Brille das Stadtgespräch in North Cassidy gewesen. Da er Angst davor hatte, sich Kontaktlinsen in die Augen zu stecken, aber auch auf keinen Fall als offizieller Nerd gelten wollte, war er, nachdem sie ihm verschrieben worden war, noch ein Jahr lang ohne Brille herumgelaufen. Erst als Carter und ich uns geweigert hatten, ihn noch irgendwohin fahren zu lassen, hatte Austin sich die am meisten nach Hipster aussehende Brille ausgesucht, die er finden konnte – und von der die Mädchen behaupteten, sie passte perfekt zu seinen braunen Augen. Er hätte sich keine Sorgen machen müssen. Einen Monat, nachdem er sie bekommen hatte, fingen einige Promis an, exakt die gleiche Brille zu tragen, und jetzt sah man sie plötzlich überall in der Schule. Austins Ego würde wohl nie wieder in Gefahr geraten.
Austin wartete kaum, bis Eliza außer Hörweite war. »Ich habe sie fast nicht wiedererkannt, Alter. Ich kann nicht glauben, dass das nur ein Jahr war.«
»Ich weiß.« Carter schüttelte sich. »Josh Daley hat sie gestern nach einem Date gefragt. Vor einem Monat wusste er noch nicht einmal, wer sie ist.«
Josh Daley? Mir war nach Schreien zumute. Mit Josh Daley stand ich auf Kriegsfuß, seit er in der sechsten Klasse versucht hatte, mich aus dem Fußballteam werfen zu lassen.
»Der Typ ist so ein Opfer«, sagte ich.
»Sie hat ihn zum Glück abblitzen lassen. Aber das ist sicher noch nicht das Ende der Geschichte.« Carter nahm den letzten Bissen seiner Pizza, als einige Familien mit kleinen Kindern das Restaurant betraten. Die Abendessenszeit normaler Leute bedeutete für uns, dass unser Nachmittag zu Ende ging.
»Tut mir leid, Mann«, sagte Austin.
»Du hast ein paar Fächer mit Josh zusammen, oder, Mags?«, fragte Carter.
»Ein paar Wahlfächer, die wir bisher beide verpennt hatten zu nehmen. Ich wünschte, ich könnte sie ausfallen lassen, aber die nervige Schulleitung nennt das ›Schwänzen‹.«
»Ihr seid miteinander in Sport?«
»Du sagst es.«
»Eliza ist auch in dem Kurs«, fuhr Carter fort. »Tu mir einen Gefallen und gib auf sie acht.«
Austin machte Anstalten, nach dem letzten Stück Pizza zu greifen, zog aber, ohne zu zögern, die Hand zurück, als ich dasselbe machte. Normalerweise hatte ein Bro das Recht, das letzte Stück von, na ja, allem zu nehmen. Doch während ich mit Eliza gesprochen hatte, hatte Austin die Mozzarella-Sticks aufgegessen, weshalb mir die Pizza zustand.
»Nick?«, bohrte Carter nach.
»Ich werde auf sie aufpassen, Alter«, sagte ich. »Ist doch klar.«
Ich hätte mein letztes Stück Pizza geopfert, um Josh Daley von ihr fernzuhalten. Bleib cool, Nick.
Sah so aus, als würde ich doch zum Unterricht gehen.
Als hätte ich eine Wahl gehabt.
Ein Bro fliegt beim Völkerball nicht raus.
Zwei Tage später – am dritten Tag meines vierten und letzten Jahres der Folter, auch bekannt als »Highschool« – kam mein Mustang mit einem sanften Scheppern auf unserem Lieblingsparkplatz zum Stehen: letzte Reihe, letzter Platz auf dem Schülerparkplatz neben dem Baseballfeld. Wer auch immer die Idee gehabt hatte, ein Baseballfeld direkt neben einen Parkplatz zu bauen, war ein bösartiges Genie gewesen. Jedes Mal, wenn ein Spieler einen Homerun erzielte, bestand die Gefahr, dass der Ball in jemandes Windschutzscheibe krachte – wie sich herausstellte ein extrem effektives Mittel, um Schüler davon abzuhalten, nach der Schule dort herumzulungern.
Mr Hoover, der morgens Aufsicht im Schulgebäude hatte, würde mich sicherlich zum Nachsitzen wegen Zuspätkommens verdonnern. Doch obwohl der Unterricht schon vor zehn Minuten begonnen hatte, blieb ich sitzen und ließ meinen Kopf aufs Lenkrad sinken. Ein leichtes Schädelbrummen sorgte dafür, dass meine Gedanken ineinanderschwammen.
Letzte Nacht war mein Schlaf ein Chaos aus Fast-Sorgen und Beinahe-Lösungen gewesen. Es gab einfach zu viele Dinge, über die ich nachdenken musste, angefangen bei meiner blöden Psychologiehausaufgabe über die Tatsache, dass mein Dad supernervig war, bis zum möglichen Aussterben von Bananen und wie furchtbar das fürs Pfannkuchenfrühstück überall auf der Welt gewesen wäre.
Der Schülerparkplatz lag auf der Rückseite der Highschool, die Lehrerparkplätze auf der Vorderseite. Nur Schüler der Oberstufe parkten hier, denn man brauchte einen Führerschein, um eine Erlaubnis zu bekommen. Was die Unterstufenschüler aber nicht davon abhielt, am Hintereingang herumzulungern, ihre ekelhaften Zigaretten zu rauchen und noch ekelhafteren Tratsch auszutauschen.
Als ich sie sah, stöhnte ich und stemmte die klemmende Autotür mit einem Quietschen auf. Die schwüle Augustluft schlug mir entgegen, begrüßte mich in der Hölle, und ich zuckte zusammen. Mein Rucksack lastete auf meinen Schultern, als wollte er mich davon abhalten, einen weiteren Schritt zu machen.
»Mein Rucksack ist schuld.«
Genau, Mr Hoover würde mich zweimal nachsitzen lassen, wenn ich die Nummer brachte.
Die Sonne versteckte sich hinter feuchten Wolken, wodurch die mit »Eulen vor!« beschmierten Außenwände der Schule und die rissigen Fußwege noch mehr hervorstachen. Man wäre nie auf die Idee gekommen, dass das gesamte Gebäude vor drei Jahren renoviert worden war – glänzende Flure, keine Neonbeleuchtung mehr und Alarmanlagen, die losgingen, wenn man versuchte, das Haus durch einen Notausgang zu verlassen.
Ein paar Schüler hingen an der Hintertreppe herum, begrüßten mich mit Fistbumps und einem »Was geht, Maguire?«.
Der nach Gras riechende Rauch ihrer Kippen hing in der drückenden Luft wie ein trauriger Ballon. Mit angehaltenem Atem nickte ich zurück und eilte an ihnen vorbei, darauf bedacht, dass nichts von dem Geruch an meinen Klamotten hängen blieb, sonst hätte mich Coach Dad einen Monat lang extrahart rangenommen. Die Lehrer waren bisher nie auf die Idee gekommen, dass Schüler schon so früh am Morgen mit dem Rauchen anfangen könnten, obwohl man augenblicklich suspendiert werden würde, würde man es nur ein paar Stunden später an genau derselben Stelle versuchen.
Als ich den obersten Absatz der feuchten, dreckigen Treppe erreichte, wurde die Tür aufgestoßen und krachte in mein Schienbein. Das hätte wehgetan, hätten nicht all die Jahre des Fußballspielens die Nerven in meinen Schienbeinen schon lange abgetötet.
»Ups«, hörte ich die Stimme von Madison Hayes. Ihr Rosenparfum vertrug sich nicht mit dem Rauch, weshalb ich husten musste, als sie näher kam.
Wenn jemand behauptet hätte, dass ich eine feste Freundin hatte, hätte er damit wohl Madison gemeint. Wir waren alles andere als ein offizielles Paar, obwohl wir für den Austausch von Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit bekannt waren, der mit dem jeden Paares mithalten konnte, Instagram-Beziehungen mitgerechnet. Madison sah das jedoch ganz locker und machte keine große Sache daraus. Die paar Mal, die wir ernsthaft miteinander sprachen, beschwerten wir uns hauptsächlich über unsere Familien.
Madison presste ihre Brust an meine und drängte mich gegen das rostige Geländer. Ihr lockiges schwarzes Haar fiel über meine Schulter und sorgte für Gänsehaut auf meinem Arm, als sie sich zurücklehnte.
»Lange nicht gesehen, Hübscher«, sagte sie.
Ich räusperte mich. »Yo.«
»Nick Maguire, ignorier mich nicht!« Sie stellte ihren Fuß zur Seite und schaffte es dadurch irgendwie, mit ihren Kristallaugen und ihrem schlanken Körper den gesamten Eingang zu blockieren.
Trotz der drückenden Schwüle trug sie ein Oversize-Sweatshirt und abgeschnittene Jeans. Andere (wahrscheinlich neidische) Mädchen behaupteten oft, Madison würde sich zu sehr anstrengen, um zu wirken, als würde sie sich nicht anstrengen. Aus sicherer Quelle wusste ich aber, dass das Sweatshirt dazu gedacht war, mögliche, ähm, klitzekleine Knutschflecken zu verdecken, die vor ein paar Tagen auf ihrem Hals, äh, erschienen waren.
»Madison …«, sagte ich. »Ich muss zum Unterricht.«
»Wow, komm runter.« Ihre Wangen verfärbten sich pastellrosa – ihr liebster Köder, um mich an den Haken zu kriegen. »Hm, Lust auf etwas, das gleich dafür sorgt, dass es dir besser geht?«
»Und Sport verpassen?« Ihr Rosenduft war jetzt außer Reichweite meiner Nase, doch ich wollte mehr davon. »Ich wette …« Ich unterbrach mich. »Nein, warte, ich kann nicht. Muss was für Carter erledigen.« Meine zwei neuen besten Freunde waren im Sportkurs, also hatte ich nicht wirklich eine Wahl. Sie runzelte die Stirn, und ich klopfte ihr auf die Schulter, während ich einen schnellen Schritt zur Seite machte, bevor sie Gelegenheit hatte, noch mehr ihrer Voodoo-Künste zu zeigen.
Unheimliche Leere, schmutzige Wischspuren auf dem Boden und der anhaltende Geruch nach Thunfischsandwiches erwarteten mich, als ich die vom Staat finanzierte Unterwelt betrat. Da ich zu spät war, waren alle anderen bereits in den Klassenräumen. Es gab nur mich und …
»Mr Maguire!« Mr Hoover, der mittelalte, zur Glatze neigende Aufsichtslehrer rief nach mir.
Ich schloss meine Augen ganz fest, versuchte damit, ihn verschwinden zu lassen. Einen Versuch war’s wert. Seine Slipper quietschten auf dem feuchten Boden, bis er vor mir zum Stehen kam. Ich öffnete die Augen und erblickte eine wohlbekannte Gelbe Karte in seiner Hand.
»Drei Karten in drei Tagen. Und heute ist erst der dritte Tag des Schuljahres. Jemand sollte dir eine Medaille verleihen.«
»Geniale Beobachtung.« Ich steckte die Karte in die hintere Hosentasche meiner Jeans. »Jetzt verstehe ich, warum man Sie zum Aufsichtslehrer gemacht hat.«
Mr Hoover seufzte. »Ich dachte, so etwas hätten wir hinter uns, Nick. Schau!« Er deutete auf den leeren Flur. »Hier ist niemand, den du beeindrucken müsstest. Es ist kein Wunder, dass du keinen Respekt vor anderen hast, du hast auch keinen Respekt vor dir selbst.«
Darum kriegt er auch keine Freundin. Obwohl er der Mann war, der die Karten fürs Nachsitzen verteilte, konnte ich einfach nicht anders. »Ups, ich meinte natürlich, geniale Beobachtung, Sir.«
Mit einer raschen Handbewegung riss Mr Hoover eine weitere Karte ab. »Und wir haben einen Gewinner. Wir sehen uns nach der Schule, Mr Maguire.«
»Ich freue mich darauf.« Die scharfen Kanten des Papiers schnitten in meine Hand, als ich die Karte zerknüllte. Coach Dad würde nicht glücklich sein.
Zum Glück waren die ersten fünfzehn Minuten des Sportunterrichts dazu gedacht, sich umzuziehen, also hatte ich kaum etwas verpasst, als ich in die glänzende Sporthalle joggte.
»Beeil dich nächstes Mal ein bisschen, Maguire.« Ms Johnson, die Sportlehrerin, klopfte mir auf die Schulter und hakte mich auf ihrem Klemmbrett als anwesend ab. Sie war um die fünfunddreißig und hatte früher olympisches Volleyball gespielt. Sie brachte uns ernsthaft etwas über Sport bei, liebte ihren Job, hatte ein Herz für Jugendliche und scherte sich nicht allzu sehr um die Regeln. Kurz zusammengefasst: Ms Johnson war eine echte Heldin.
Ich stellte mich zu meinem Kumpel Robert Maxin und, unglücklicherweise, Josh Daley. Er schaffte es irgendwie, immer am Rand meiner Freundesclique herumzulungern. Laut den Regeln der Highschool hatte das zur Folge, dass er, bildlich gesprochen, immer »bei uns saß«.
Wo es Rockstars gibt, gibt es auch Groupies. Was will man machen?
»Mags,« sagte Josh. »Hast du O’Connors Schwester gesehen?«
Ich spürte einen ärgerlichen Schmerz in der Seite, als er mich anstieß und in die Richtung nickte, wo Eliza mit ihren Freunden auf den Bänken saß. Sie waren die Art von Leuten, die Austin und ich die »coolen Nerds« nannten. Also Nerds, die nicht heiß waren, aber einen tollen Charakter hatten. Er war wahrscheinlich immer noch nicht ihr Typ.
Richtig?
»Lass das bloß nicht Carter hören. Hey, wie läuft’s mit HG?« Ich wechselte das Thema und brachte das Gespräch auf Roberts Lieblingsthema: Hannah Green.
»Ist noch zu früh, um das zu sagen.« Robert legte die Hand auf sein Herz. »Darüber zu sprechen wird wahrscheinlich einen Fluch über sie und unser erstgeborenes Kind bringen, also … sollen wir es vielleicht lassen?«
Der Vollidiot Josh kippte fast um, als er so heftig lachte, dass Eliza und ihre Freunde zu uns herübersahen. Ich zuckte zusammen und trat von einem Fuß auf den anderen. Chill, Nick. In was für einem Universum lebten wir, in dem mich Vollidiot Josh aus dem Gleichgewicht bringen konnte?
Ms Johnson blies in ihre Pfeife, um den Unterricht zu beginnen, und rief uns alle unter den hellen, an ein Stadion erinnernden Strahlern zusammen. »Okay, Leute. Heute ist Freitag, das bedeutet …«
Oh, verdammt ja! Freitag war Völkerball-Tag und Völkerball hieß, Unterstufenschüler um acht Uhr morgens so richtig fertigmachen.
»Maxin, Daley, ihr seid die Kapitäne«, sagte Ms Johnson. »Wählt abwechselnd Jungs und Mädchen. Ihr wisst, wie’s läuft.«
»Mags«, sagte Robert und schlug bei mir ein.
Das war keine Überraschung, denn der Bro-Codex verlangte, dass ein Bro ein fanatischer Völkerball-Fan sein musste. Ich hielt mich haargenau an diese Regel. Robert konnte Eliza wählen, bevor Josh die Möglichkeit dazu hatte, und sie wartete neben mir.
»Wie kommt’s, dass du zu spät warst?«, fragte sie. Sie trug ein altes Baumwolltop, auf dem I need my space stand, darunter das NASA-Logo. Süß.
»Selena Gomez hat vergessen, sich umzudrehen und mich zu wecken.«
»Wie blöd.«
»Ja, wirklich.«
Sie beobachtete, wie Josh sein Team aufstellte. Er winkte ihr zu. Die abgestandene Luft der Turnhalle schien plötzlich extrem stickig.
»Mein Dad hat mich beim Training heute Morgen extrahart rangenommen«, gestand ich. »Danach ging’s mir nicht so gut.«
»Willst du darüber reden?«
Auf keinen Fall. »Ne.«
»Nick …« Eliza berührte mich leicht am Ellbogen. Zum Glück blies Ms Johnson in diesem Moment in ihre Pfeife. Es war Zeit zu spielen. Ich folgte Robert zum Ende des Spielfelds und ignorierte die Gänsehaut, die sich unter meinem weiten T-Shirt ausbreitete.
Ehrlich … ja, ich war einer dieser Typen bei Völkerball. Jedes Mal, wenn ich den Ball hatte und jemanden mitten auf die Brust traf, fühlte es sich an, als würde ein Gewicht von mir genommen, bis sich mein ganzer Stress und alle negativen Gedanken in Endorphine und ein Gefühl von Stärke aufgelöst hatten, so, als könnte ich wirklich etwas bewirken. Völkerball konnte einen Bro echt aufmuntern, oder?
Nur nicht neidisch werden!
Mein Team gewann zwei Spiele in Folge. Erst im dritten Spiel hatte es Josh speziell auf mich abgesehen und versuchte, mich mit schnell aufeinanderfolgenden Würfen in die Enge zu treiben. Ein echtes Kompliment. Als ich mich wegduckte, damit er mir nicht die Nase brach, traf mich ein Typ aus Joshs Team mit einem großen, dicken Gummiball mitten am Knie, was eigentlich das größte Ärgernis der Woche hätte sein sollen. Nur dass es damit weiterging, dass nach und nach noch mehr Spieler meines Teams rausflogen. Erst Robert, dann ein paar andere, dann Eliza, bis die letzte im Spiel verbliebene Person schließlich ein ein Meter fünfzig großer Unterstufenschüler namens Stephen Ross war.
Er allein gegen das gesamte andere Team.
»Los geht’s, Steve!«, rief ich. Ich hatte bisher nie wirklich mit Stephen gesprochen, und zugegebenermaßen wusste ich wenig über ihn, außer dass ich für sein Baseballteam mal den Schiedsrichter gemacht hatte.
Ich nutzte meine Zeit auf der Bank dafür, mich auf den dreckigen Boden zu legen und meine Beine zu heben. Ich spürte eine gleichmäßige Dehnung in meiner hinteren Oberschenkelmuskulatur. Seit meinem ersten Highschooljahr weckte mich mein Dad, lange bevor ein Teenager vernünftigerweise wach sein sollte, für eine extra Runde Fußballtraining vor der Schule. Da ich mich noch daran gewöhnen musste, wieder im »Schulmodus« zu sein, konnte ich mich am Morgen nach den Trainingseinheiten nur im Schneckentempo bewegen und hatte superverhärtete Muskeln. Ich konnte praktisch fühlen, wie mich die winzigen Risse in meinen Waden anflehten, mich auszuruhen, weil sie sich wieder richtig zusammenflicken wollten. Jep … das würde nicht passieren. Man hätte meinen können, mein Dad würde großen Wert auf Stretching legen, weil er selbst genug Verletzungen abbekommen hatte, die schließlich sogar das Ende seiner Fußballkarriere bedeutet hatten, doch er hatte keine Lust herumzustehen und zu warten, während ich meinen anbetungswürdigen Hintern dehnte.
Meine Mom und mein Dad waren nicht gerade redselig, aber sie waren besonders wortkarg, wenn es um Dads Verletzung ging. Mit der Zeit hatte ich herausgefunden, dass es zwischen seinem dritten und vierten Jahr am College passiert war, kurz bevor er sich für ein Hauptfach hatte entscheiden müssen. Es hatte etwas mit seinem Knie zu tun, und obwohl es dazu geführt hatte, dass er Lehrer, Vater und Trainer geworden war … hätte er wahrscheinlich trotzdem gesagt, dass es sein Leben ruiniert hatte.
Eliza saß am nächsten bei mir. Sie feuerte ihre Freunde in Joshs Team an, und als ich ihre Stimme hörte, musste ich mich gegen einen verwirrenden Schwindel wehren – als hätte ich einen Geist gehört.
Ich lehnte mich gegen die Metallbank. Inzwischen hatte Stephen den Großteil des anderen Teams rausgekickt, und ein paar Leute unserer Mannschaft waren wieder zurück im Spiel, was echt angenehm war, weil mir das unregelmäßige Geräusch von aufschlagenden Gummibällen beim Entspannen half.
»Nick, fällt dir eine gute Dehnübung für die Schulter ein?«, fragte Eliza. Sie winkelte ihre Arme vor dem Körper an. Wie Carter war Eliza groß und langgliedrig, ihr Oberkörper muskulös vom Volleyballspielen. Ms Johnson hatte sie fürs Schulteam rekrutiert, als Eliza noch in der Middle School gewesen war, und hätte sie den ganzen Monat vom Sportunterricht befreit, wenn sie auch nur den kleinsten Hauch einer möglichen Schulterverletzung abbekommen hätte.
»Das sieht ziemlich effektiv aus.«
Sie streckte mir die Zunge heraus.
Ich lachte. »Nein, echt, genau das würde ich machen.«
Eliza musterte mich, versuchte herauszufinden, ob ich sie verarschte. Das hatte ich verdient. »Danke dir«, sagte sie.
Jederzeit gern.
Ich verließ den Sportunterricht voll produktiver Energie. Tatsächlich hätte ich beinahe vergessen, wie schwer mein Dad es mir heute Morgen gemacht hatte, und auch an das kurze Gespräch mit Eliza dachte ich nicht mehr, bis ich zum Nachsitzen musste.
Bevor ich mich Mr Hoovers grausamer und gewohnter Bestrafung unterwerfen konnte, musste ich jedoch Carter finden, um ihm zu sagen, dass ich es nicht zum Fußballtraining schaffen würde, weshalb ich zu Mr Hoovers Gesundheits- und Ernährungskurs exakt eine Minute zu spät kam.
»Du schaffst es nicht mal pünktlich zum Nachsitzen. Das wird auf deinen College-Bewerbungen sicher großartig aussehen.« Mit diesen Worten begrüßte mich Mr Hoover von seinem Metallpult aus.
Als hätte er irgendeinen Einfluss auf meine Bewerbungen. O Mann. Er war der unwichtigste Lehrer der Schule. Was sicher der Grund dafür ist, dass er die Enttäuschung über sein trauriges, langweiliges Leben an mir auslässt.
Mr Hoover fuhr fort, indem er mir eine einstündige Predigt darüber hielt, wie wichtig es war, pünktlich zu sein, und dass ich ihm, meinen Lehrern, Mitschülern und dem Rest der Schule gegenüber respektlos war, wenn ich »meine Prioritäten an meinen Schlafenszeiten ausrichtete«.
Dann musste ich seine Tafeln putzen. Alle sechs, mehrmals, bis sie sauber genug waren, dass man darauf hätte operieren können. Zu seinem persönlichen sadistischen Vergnügen.
Nach sechs Stunden Schule und zusätzlichem Leiden im Purgatorium schaffte ich es endlich nach Hause – trautes Heim, Glück allein. Die Schule war mit dem Auto nur zehn Minuten entfernt, aber dank des Nachsitzens und einer zusätzlichen Trainingseinheit danach kam ich viel zu spät fürs Abendessen. Hoffentlich hatten meine Eltern mir etwas aufgehoben.
Mein Mustang quietschte, als ich in die gekieste Einfahrt bog, und ich zuckte zusammen. Hätte ich noch deutlicher darauf aufmerksam machen können, dass ich zwei Stunden später nach Hause kam, als ich es eigentlich hätte tun sollen? Vor dem Haus parkte nur das antike Fahrzeug meiner Mom, dennoch spürte ich drohendes Unheil im Schatten lauern. Mein Motor ging mit einem Stottern aus, und ich holte tief Luft. Zeit, meinen inneren Ninja rauszukramen.
Der Kies knirschte, als ich im Stealth-Modus vorsichtig ums Haus und zu der kleinen, ungepflegten Terrasse schlich. Ich betrat den hinteren Flur, wo der noch immer in der Luft hängende Geruch von Spaghettisoße meinen Magen knurren ließ. Gerade als ich dachte, ich könnte unbemerkt die Treppe hinaufsteigen, fiel die Hintertür mit einem lauten Klick ins Schloss.
»Sieh an, wer sich dazu durchgerungen hat, nach Hause zu kommen«, ertönte eine müde Stimme nur eine halbe Sekunde später. »Lass uns reden, Nick.«
Ich konnte meine Mom nicht wie Mr Hoover behandeln, ganz gleich, wie viele Predigten sie mir hielt. Ganz gleich, wie oft ich bestraft wurde. Dazu hatte ich mich entschlossen, nachdem sie angefangen hatte, wegen meiner zwangsläufig zu hohen Studiengebühren sogar noch mehr zu arbeiten: Ich würde ihr das Leben nicht noch schwerer machen. Stattdessen machte ich einen Bogen um sie und versuchte, Gespräche wie das, das wir gleich führen würden, zu vermeiden, und sie fand Wege, sie trotzdem zu führen.
»Was gibt’s?« Ich betrat unsere chaotische Küche – mit längst vergessenen Schokoladenstückchen unter den Schränken und einem Topf auf dem Herd, an dessen Seiten langsam trocknende Spaghettisoße klebte. Sie saß bereits in ihrem Morgenmantel mit einer Tasse heißem Tee in der Hand da. Meine Mom und heißer Tee waren wie Erdnussbutter und Bananen oder Oreos und Jell-O-Shots: absoluter Kult. Hätte ich meine Mom jemals ohne ihren beruhigenden Pfefferminztee gesehen, hätte ich die Streitkräfte der US-Army sofort in Alarmbereitschaft versetzt.
Sie bedeutete mir, mich auf die Anklagebank auf der anderen Seite des mit Magazinen bedeckten Tisches zu setzen. »Wo ist Dad?«
»Bei den Maxins.«
Richtig. Bei Robert zu Hause. Unsere Dads waren einfach zwei Bros, die gemütlich vor dem Fernseher saßen und sich irgendein Spiel ansahen, ein kühles Bier und Minipizzas in den Händen – dieses Bild hatte ich jedes Mal vor Augen, wenn jemand vom American Dream sprach.
»Was ein Glück für dich ist«, fuhr meine Mom fort, »denn so bekommst du die Predigt von mir gehalten.«
Was für ein Glück!
Meine Eltern hatten in diesem Haus schon gewohnt, bevor ich geboren worden war. Eigentlich hatten sie es als ein Anfängerhaus gekauft (so etwas gibt es anscheinend), dann aber beschlossen, dass ein Kind genügte (mit lieben Grüßen), und sie waren geblieben. Es machte mir nichts aus, da ich sowieso nicht viel zu Hause war. Dass unser Haus klein war, war vermutlich der Hauptgrund dafür. Der zweite Grund? Bei Carter gab es Fast Food.
Das hieß aber auch, dass ich, wenn ich meiner Mom gegenübersaß, jede einzelne Falte auf ihrem einst so schönen Gesicht sehen konnte. Für die meisten dieser Falten war ich verantwortlich.
»Entschuldige, ich weiß, ich habe gesagt, dass ich dieses Jahr nicht nachsitzen müsste. Ich war zu spät und …«
»Auf dem Weg zur Schule Donuts zu kaufen kann dazu führen, dass man zu spät kommt, oder?«
»Ich brauchte den Kaffee …«
Meine Mom hob eine Augenbraue und stoppte mich damit, bevor ich mich total verrannte. Es wunderte mich nicht, dass sie von den Donuts wusste. So nervig sie auch manchmal war, sie war echt schlau. Chefwissenschaftlerin-Akte-X-Forscherin-Hermine-Granger-schlau. Firmen beauftragten sie, um Bewerbungsgespräche zu führen und Mitarbeiter zu beurteilen. Sie führte ein zwanzigminütiges Gespräch mit ihnen und konnte danach genau sagen, ob Leute angeheuert oder befördert werden sollten.
»Und wie war der Kaffee, Nick?« Da ich diese Predigt schon viele Male gehört hatte, konnte ich in Gedanken mitsprechen, als sie sagte: »War er es wert?«
Hätte Mr Hoover mich das gefragt, hätte ich eine schnippische Antwort gegeben. Ich hätte gesagt: »Ja, natürlich war er es wert, dafür einen Eintrag in meine Schulakte zu bekommen und meine Chancen auf ein Fußballstipendium aufs Spiel zu setzen.« So was von. Und ich wäre fröhlich zum Unterricht marschiert, zu irgendeinem Fach, das ich gerade in den Sand setzte. Wahrscheinlich Bio.
»Mom, es tut mir leid«, sagte ich und meinte es diesmal ein bisschen ernster als bei meiner letzten Entschuldigung.
Sie hob ihre Beste Frau der Welt-Tasse an ihre blassen Lippen und leerte den letzten Schluck Tee. Sie machte sich nicht die Mühe, darauf einzugehen – wir hatten das alles schon gehabt. Obwohl mein Dad und ich beide im Morgengrauen aufgestanden waren, war ich zu spät zur Schule gekommen, während er es irgendwie geschafft hatte, dort früher als sonst anzukommen, um Achtklässlern Nachhilfe in Kommasetzung zu geben. Außerdem war es mein Fußballstipendium, das auf dem Spiel stand. Falls ich das Stipendium überhaupt bekommen würde. Falls ich überhaupt in einem College-Fußballteam aufgenommen werden würde. Falls mich meine Mom nicht vorher umbrachte.
»Ich geh nach oben.« Die Beine ihres Stuhls schrammten über den Fußboden.
»Kann ich dir irgendetwas besorgen?«
»Sperr zu, wenn du außer Haus gehst.« Sie spülte ihre Tasse aus und griff zum Geschirrtuch, um sie penibel abzutrocknen. Mit einem zufriedenen Nicken trottete sie die Treppe hinauf. Ich sah auf mein iPhone, das ich gebraucht von Carter übernommen hatte: 17:50 Uhr. Neuer Rekord.
Eine Nachricht leuchtete auf dem Display. Kommst du rüber?
Ich lehnte mich zurück und fuhr mir mit den Fingern durch mein dunkles Haar. Carter O’Connor war aus drei Gründen mein bester Freund: Erstens kannte er mein Handypasswort (und ich hatte es ihm nicht einmal sagen müssen). Zweitens mochte er Hangover so gern wie ich (vielleicht sogar noch mehr). Drittens hatte er einen sechsten Sinn dafür, wann ich es zu Hause einfach nicht mehr aushielt, und ich konnte dann jederzeit bei ihm vorbeikommen.
Danke, Mann, schrieb ich zurück.
So war das nun mal, wenn deine Eltern dich gleichzeitig wie ein Kind und einen Erwachsenen behandelten und ihre emotionale Distanz so erdrückend war, wie sie einsam machte. Carter verstand das. Und so, wie es heute im Sportunterricht den Anschein gehabt hatte, Eliza vielleicht auch.
Buhu! Ich Armer!
Ja, ich weiß.
Wenn ich mich ab und zu bei Madison über meine Familie beschwerte, verspottete sie mich und sagte: »Wahhhh, dein Leben ist so hart. Schau dir nur deine privilegierte Stellung als weißer Mann der oberen Mittelschicht an! Echt jetzt!«
Und dann musste ich sagen: »Ich leugne nicht, dass ich nur ein weiteres Zahnrad in einem System der männlichen weißen Vorherrschaft bin, Madison.« Denn ich wusste, das war genau das, was sie hören wollte, ob es stimmte oder nicht, und ganz egal, ob ich überhaupt verstand, was ich da sagte. »Hashtag gesegnet.«
Madison rollte dann die Augen und wir stritten noch ein bisschen darüber und irgendwann ließ ich sie dann allein, um mit Carter und Austin abzuhängen, meinen besten (männlichen weißen Mittelschichts-)Freunden.
Im Klartext: Jedes Mal, wenn Madison mich mit der Nase darauf stieß, war ich mir der Tatsache natürlich superbewusst, dass meine Bros und ich im gemachten Nest saßen. Aber es ging nicht um die privilegierte Stellung, in die wir hineingeboren worden waren, sondern darum, was wir daraus machten, richtig? Was auch immer das hieß.
Sicher, ich geb’s zu: Die Welt hätte sich definitiv nicht gut angefühlt, wenn das Sprichwort Hoes before Bros gelautet hätte.
Aber.
Tat es nicht.
Ein Bro erzählt einen Witz immer zu Ende; er verzichtet nie, unter keinen Umständen, auf die Pointe.
Carters Haus hätte Tony Starks Privatspielplatz völlig in den Schatten stellen können.
Es gab einen Swimmingpool und ein Trampolin, ein IMAX-Kino mit Surround-Sound im Keller und mehr Auswahl an Spielekonsolen, als man sich wünschen konnte. Als wäre das noch nicht genug, konnte man aus dem Swimmingpool im Winter eine Schlittschuhbahn machen. Das hatte Carters Dad noch eingerichtet, bevor er einen polnischen Abgang aus seiner eigenen Familie gemacht hatte.
Um das Ganze zu krönen, hatten die Wände echte Farben, nicht das beige Zeug, das meine Eltern verwendet hatten. Und wenn man am Ende der Einfahrt ankam, nahm einem ein Parkdiener die Autoschlüssel ab.
Joke … Die O’Connors hatten keinen Parkdiener.
