7,99 €
Eigentlich sucht Paula Abendroth Erholung, als sie in ihr altes Elternhaus in Erlenheim wieder einzieht. Doch dann findet sie in einer Winternacht einen Toten am Brunnen auf dem Marktplatz des Städtchens. Während der Arzt einen Herzinfarkt vermutet, fallen Paula rasch Ungereimtheiten ein, die sie an einen gewaltsamen Tod glauben lassen. Der Tote wirkte kerngesund, sein Hund, der ihn stets begleitete, ist verschwunden. Paula überzeugt ihre engsten Freundinnen Kathrin und Monika und einen Lokalreporter, ihr bei der Suche nach der Wahrheit zu helfen. Nachdem die Ermordung des Toten offiziell feststeht und eine zweite Leiche am Brunnen aufgefunden wird, fürchten die Einwohner Erlenheims, dass ein Serienkiller unterwegs ist. Paula folgt jedoch einer anderen Spur, die sie schließlich in Lebensgefahr bringt. Denn der Mörder beobachtet sie genau und ist bereit, jeden zu töten, der ihm gefährlich werden könnte.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 199
Veröffentlichungsjahr: 2025
SILVIA A. PETERSEN
Der Brückenmörder von Erlenheim
Buch
Eigentlich sucht Paula Abendrodt Erholung, als sie in ihr altes Elternhaus in Erlenheim wieder einzieht. Doch dann findet sie in einer Winternacht einen Toten am Brunnen auf dem Marktplatz des Städtchens. Während der Arzt einen Herzinfarkt vermutet, fallen Paula rasch Ungereimtheiten ein, die sie an einen gewaltsamen Tod glauben lassen. Der Tote wirkte kerngesund, sein Hund, der ihn stets begleitete, ist verschwunden. Paula überzeugt ihre engsten Freundinnen Kathrin und Monika, mit ihr gemeinsam nach der Wahrheit zu suchen. Ein Lokalreporter, den Paula in der Mordnacht kennenlernt, unterstützt sie ebenfalls mit wertvollen Hinweisen. Als durch eine zweite Leichenschau festgestellt wird, dass der Tote tatsächlich ermordet wurde, sind Paula und ihr Freundeskreis bereits gut informiert über die Schattenseiten im Leben des Toten. Nachdem eine zweite Leiche am Brunnen aufgefunden wird, diesmal ein Polizist, fürchten die Einwohner Erlenheims, dass ein Serienkiller unterwegs ist. Paula folgt einer anderen Spur, die sie schließlich in Lebensgefahr bringt. Denn der Mörder beobachtet sie genau und ist bereit, jeden zu töten, der ihm gefährlich wird.
Autorin
Silvia A. Petersen, geboren 1965 in Frankfurt am Main, schreibt neben fesselnden Kriminalromanen und Kurzgeschichten auch Generationenromane. Petersens Figuren sind lebendig, vielschichtig und authentisch. Ihre klare, humorvolle Sprache, feine Beobachtungsgabe und akribische Recherche zeichnen ihre Romane aus.
Die Autorin lebt in Heidelberg und arbeitet an weiteren Kriminalromanen mit Paula Abendrodt und ihrem Freundeskreis.
Silvia A. Petersen
Der Brunnenmörder von Erlenheim
Roman
© 2025 Silvia A.Petersen
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
Kontaktadresse nach EU-
Produktsicherheitsverordnung:
Cover
Halbe Titelseite
Titelblatt
Urheberrechte
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Kapitel 1
Kapitel 15
Cover
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
31
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
53
54
55
56
57
58
59
60
61
62
63
64
65
66
67
68
69
70
71
72
73
74
75
76
77
78
79
80
81
82
83
84
85
86
87
88
89
90
91
92
93
94
95
96
97
98
99
100
101
102
103
104
105
106
107
108
109
110
111
112
113
114
115
116
117
118
119
120
121
122
123
124
125
126
127
128
129
130
131
132
133
134
135
136
137
138
139
140
141
142
143
144
145
146
147
148
149
150
151
152
153
154
155
156
157
158
159
160
161
162
163
164
165
166
167
168
169
170
171
172
1
Er saß zusammengesackt an die Sandsteinwand des Brunnens gelehnt, und schien in die nebelverhangene, grauschwarze Nacht zu starren. Ein oberflächlicher Beobachter hätte ihn für einen Betrunkenen halten können, der zu spät nach Hause aufgebrochen war. Doch es war unwahrscheinlich, dass Walter Breitsieg vor dem nächsten Morgen entdeckt werden würde.
Jetzt war es bereits nach elf Uhr abends und Erlenheim wie gewöhnlich werktags bereits seit Stunden in stumme, träge Schläfrigkeit gehüllt. Selbst der Marktplatz, der einer der zentralen Orte des Städtchens war, wirkte verlassen bis auf einen zweiten Mann neben Breitsieg. Er hatte sich über den Toten gebeugt, ihn ein letztes Mal intensiv angesehen. Dann richtete er sich rasch auf , schob eine Umhängetasche, die vor seinen Bauch gerutscht war, zur Seite und warf noch einen kurzen Blick auf den Toten, der in einer dunklen Nische zwischen dem Brunnen und einer Hauswand saß.
Daraufhin entfernte sich der Mann mit schnellem, leisen Gang an der Bäckerei vorbei in Richtung des Flussufers. Seine Schritte wirkten gehetzt, doch über sein Gesicht huschte ein zufriedenes Lächeln, ehe er ernst wurde. Seine Augen nahmen erneut jenen melancholischen Ausdruck an, den sie seit vielen Jahren hatten, vor allem dann, wenn er sich unbeobachtet fühlte. Etwas jedoch hatte sich an seinem Blick geändert in den letzten Tagen und Wochen. Es lag mehr Härte in seinen Augen, eine kalte Entschlossenheit. Es waren nun die Augen eines Menschen, der vor nichts mehr zurückschrecken würde, wenn er es für nötig hielt.
»O.k., Fjodor, ist ja schon gut, wir gehen gleich!«
Während ihr Hund bereits schon freudig wedelnd bis zur Haustür gelaufen war, erhob sich Paula sehr gemächlich von ihrer bequemen Wohnzimmercouch, auf der sie in den letzten Stunden, in eine dünne Decke gehüllt, einem mäßig spannenden Krimi im Fernsehen gefolgt war. Sie hatte fast schon geschlafen, als Fjodor sie sanft, aber beharrlich gestupst hatte, um ihr zu zeigen, dass er ein weiteres Mal in der heutigen Nacht auf die Straße hinaus musste.
»Die Tabletten scheinen wohl nicht zu wirken«, seufzte Paula, während sie den Fernseher ausschaltete.
Fjodor lief von der Haustür wieder den Flur entlang, blieb an der Wohnzimmertür stehen und sah sie erwartungsvoll an.
Paula lächelte spontan, wie es so oft geschah, seit sie den alten Hund aus dem Tierheim bei sich aufgenommen hatte. Auf dem Weg zur Haustür erinnerte sie sich daran, wie ihre Freundin Kathrin, die sonst nicht zu spontanen Handlungen neigte, vor einigen Monaten bei ihr aufgetaucht war mit einem Hund an ihrer Seite. Damals hatte es so ausgesehen, als ob Paulas Umzug in ihr früheres Elternhaus nach Erlenheim nicht gelungen sei.
»Mal ehrlich, ist doch kein Wunder, das mir der Neuanfang hier nicht leicht fällt, nach allem, was passiert ist!« , hatte Paula gerade laut gesagt, als es klingelte. Auch das fiel Paula wieder ein, während sie Fjodor anleinte und in die kalte Winternacht hinausging.
Kathrin hatte ihr, scheinbar vom Mitleid mit einem armen, alten Hund angetrieben, eine rührselige Geschichte erzählt, von Fjodor, dessen Herrchen kürzlich verstorben war.
»Den nimmt doch keiner mehr«, behauptete sie in einem Tonfall, der Paula nicht zögern ließ. »Er ist schon 14 Jahre und na, ja, objektiv gesehen, keine Schönheit.«
Paula hatte gleich widersprochen und sie tat es auch jetzt innerlich, während sie sich mit Fjodor auf dem Weg zum Marktplatz machte, ihre gewohnte Runde in der Nacht, wenn die geschwächte Blase Fjodor keine Ruhe ließ.
»Selbstverständlich bist du ein prachtvolles Tier, Fjodor!« Sie sprach laut aus, was sie dachte, und Fjodor wedelte eifrig und zustimmend mit dem Schwanz.
Paula grinste, weil sie an Kathrin dachte, die genau gewusst hatte, was Paulas Neuanfang erleichtern würde. Von wegen Mitleid mit dem armen, alten Hund!
Es waren nur wenige Schritte von dem alten Gründerzeithaus, in dem Paula wohnte, bis zum Marktplatz. Der kurze Spaziergang überforderte weder Paula noch Fjodor und Paula genoss es, den tagsüber meist lebhaft besuchten Platz in der nächtlichen Stille zu erleben. Die Figuren am Brunnen, die ihr als Kind ein wonniges Grausen bereitet hatten, waren zu alten Vertrauten geworden, zu einer Garantie, dass nicht alles beliebigen Modernisierungsfantasien der Stadtplaner zum Opfer fiel.
Fjodor zog heftig in Richtung des Brunnens und Paula glaubte, den Grund dafür zu kennen. Gleich hinter dem Brunnen auf der linken Seite des Marktplatzes lag ein kleiner Park neben der Kirche, den ihr Hund bevorzugt aufsuchte. Doch Fjodor hatte Witterung aufgenommen. Er hatte früher zwar nicht als Jagdhund, jedoch bei der Polizei mitgearbeitet. Nun schnüffelte er eifrig. Dann bellte er laut in die ansonsten beinahe geräuschlose Nacht hinein.
»Was ist denn los, Fjodor?« Paula war sehr überrascht. Ihr Hund bellte selten, vor allem nicht ohne Anlass. Sie schaute in die gleiche Richtung wie er, sah den menschenleeren, friedlich wirkenden Platz mit dem steinernen Brunnen, der in der Mitte des Platzes an dessen linken Rand lag.
Fjodor bellte erneut, zerrte Paula zum Brunnen hin. Sie nahm die Umrisse eines Pakets wahr, das am Boden in der Nähe des Brunnens abgelegt worden war. Erst als sie wenige Schritte entfernt war, erkannte sie, dass statt eines Pakets ein älterer Mann dort saß. Er rührte sich nicht, trug einen Anzug und Schuhe, die teuer wirkten. Vorsichtig trat Paula an ihn heran und beugte sich nach unten.
»Hallo«, rief sie, nicht zu laut, aber deutlich. »Brauchen sie Hilfe?« Er reagierte nicht. Paula berührte ihn sanft an der Schulter, wiederholte ihre Frage. Nichts geschah. Im Dunkeln konnte Paula sein Gesicht kaum erkennen. Paula schüttelte ihn kräftiger, während Fjodor ebenfalls näher kam und sich eng an Paulas Beine schmiegte.
»Ich glaube, da rufe ich mal lieber die Polizei«, bemerkte Paula, halb zu ihrem Hund, halb zu sich selbst und zog ihr Smartphone aus der Jackentasche. Sie hielt den Hörer bereits an ihr Ohr, als sie etwas sehr Merkwürdiges erblickte. In der geschlossenen Hand des Mannes lag eine Hundeleine. Nur der Hund dazu fehlte.
Paula blickte sich automatisch um, obwohl sie sich sicher war, dass kein zweiter Hund in der Nähe war. In die gespenstische Stille brüllte plötzlich eine tiefe, schroff klingende Stimme: „Polizeinotruf, wo befinden sie sich?“
Paula zuckte zusammen. Dann begriff sie, dass die Stimme aus ihrem Smartphone gekommen war. Noch bevor sie antworten konnte, hörte sie, wie die Stimme unwirsch fragte: »Hallo,wer ist da?«
Paula nannte ihren Namen und schilderte kurz, warum sie anrief.
»Gut, wir schicken gleich Rettungsdienst und Polizei zu Ihnen, bleiben sie bitte vor Ort«, es klang eine Spur freundlicher.
»Selbstverständlich gehe ich jetzt nicht gemütlich nach Hause!«, Paula konnte sich einen spöttischen Unterton nicht verkneifen. Es verging weniger als eine viertel Stunde, bis Polizeiwagen, Notarzt und Rettungsfahrzeug eintrafen.
»Guten Abend, Sie sind Frau Abendrodt?« Eine junge, sportliche Polizistin war direkt zu Paula gegangen, während ein Kollege mittleren Alters zu den Rettungskräften trat, die zu dem Mann geeilt waren, der am Brunnen lehnte.
»Ja, ich bin Paula Abendrodt«, bestätigte Paula, die sich beim Eintreffen der Rettungskräfte mit Fjodor auf eine Bank gesetzt hatte. Die junge Polizistin setzte sich neben sie.
»Mein Name ist Giesser, ich müsste dann noch ihre Personalien aufnehmen…« Sie hatte ein freundliches, intelligentes Gesicht. An einem A auf ihren Streifen sah Paula, dass sie sich noch in der Ausbildung befand. Paula nannte ihre Adresse. Im Hintergrund sah sie, dass Arzt und Rettungskräfte ihren Einsatz beendet hatten. Der Mann am Brunnen war also tatsächlich tot. Paula fröstelte trotz ihrer warmen Winterjacke.
»Können Sie mir sagen, wann Sie den Mann gefunden haben?«
Paula überlegte nur kurz. »Das muss so kurz nach zwei Uhr gewesen sein, als ich auf dem Marktplatz ankam, schlug die Turmuhr gerade zwei mal« fiel ihr ein.
Sie sah, wie der untersetzte Kollege der Polizistin jetzt ebenfalls auf sie zukam.
»Guten Abend, Wagner mein Name« stellte er sich knapp vor. »Leider tatsächlich ein Todesfall, da war nichts mehr zu machen, sagt der Notarzt. Vermutlich ein Herzinfarkt«, klärte er seine Kollegin und Paula auf. »Der Notarzt kannte den Toten, er ist sein Hausarzt, das macht die Sache leichter.« Polizeihauptmeister Wagner schien zufrieden zu sein. Er wandte sich zu Paula. »Ist Ihnen denn irgendwas Ungewöhnliches aufgefallen?«
Paula dachte kurz nach, aber als sie antworten wollte, ergänzte Wagner rasch: »Also braucht es nicht, wissen Sie? Sieht alles nach einem ganz gewöhnlichen Herzinfarkt aus«. Seine sonore Stimme ließ jeden aufkommenden Zweifel vergessen.
»Die leere Hundeleine…«,warf Paula ein und ärgerte sich insgeheim, nicht zu Wort gekommen zu sein.
»Ach, so, das«, Herr Wagner lächelte nachsichtig. »Der Hund ist, nehme ich an, nach Hause gelaufen. Der Tote wohnte nämlich hier ganz in der Nähe. In seiner Hosentasche haben wir seine Geldbörse mit dem Personalausweis gefunden.«
Paula war nicht überzeugt und wich Herrn Wagners Blick aus. Erstaunt nahm sie wahr, dass rings um den Marktplatz in den oberen Etagen inzwischen trotz der Winterkälte und der fortgeschrittenen Uhrzeit zahlreiche Fenster geöffnet waren. Neugierige Blicke versuchten alle Einzelheiten der Ereignisse um den Brunnen herum zu verfolgen. Ein Leichenwagen fuhr auf den Marktplatz, ein auffallend gelber Bulli folgte ihm und parkte am Rand des Platzes.
»Also, wenn Ihnen sonst nichts weiter einfällt, können Sie nun gern nach Hause gehen. Hier ist meine Karte, für alle Fälle«, beendete der Polizeihauptmeister das kurze Gespräch mit Paula. Er schien es eilig zu haben, den nächtlichen Einsatz zu beenden.
»Ja,danke«, Paula blickte ihm nur noch kurz und flüchtig ins Gesicht, denn ihre Aufmerksamkeit konzentrierte sich nahezu vollständig auf den Mann, der schwungvoll dem gelben Bulli entstieg. Er war nur wenige Meter von Paula entfernt. Trotz der dämmrigen Beleuchtung auf dem Platz fiel seine schlanke, hohe Figur und sein markantes Profil mit kurzem, hellgrauem Haarschnitt Paula angenehm auf. Am meisten jedoch faszinierte sie ein Detail, von dem sie zunächst annahm, dass sie sich in der Dunkelheit habe täuschen lassen. Ihr schien, als habe der Mann eine Sonnenbrille auf seinem Haarschopf, als nehme er weder die Jahreszeit noch die Uhrzeit wahr.
»Herr Wagner, guten Abend«, ein strahlendes, jungenhaftes Lächeln begleiteten den Gruß des Bullifahrers, der sich mit wenigen Schritten der Bank näherte. Unter dem hellen Laternenlicht sah Paula, dass sie sich nicht getäuscht hatte: Der Mann war sehr attraktiv und trug tatsächlich ein Sonnenbrille. Ein zartes Lächeln huschte über Paulas Gesicht.
»Einen wunderschönen guten Abend, Herr Findling«, der ironische Unterton in der Stimme des Polizeihauptmeisters war nicht zu überhören. »Wieder mal fast schneller am Ort des Geschehens als die Polizei! Jetzt wollen Sie sicher wieder mal von mir Dinge erfahren, die ich Ihnen entweder nicht sagen darf oder noch nicht sicher weiß, nicht wahr?« Wagner musterte sein Gegenüber, sein Blick blieb an der Sonnenbrille hängen.
»Vielleicht gibt es ja doch etwas, was Sie mir verraten dürfen?« Paula stellte mit stiller Freude fest, dass Herr Findling nicht zu dem Typ Mann zu gehören schien, der sich schnell entmutigen ließ.
»Da muss ich Sie wohl enttäuschen«, entgegnete Wagner mit einer Stimme, die nicht nach Bedauern klang.»Aber eventuell mag Ihnen diese Dame hier«, er deutete mit einer Kopfbewegung zu Paula, »erzählen, was Sie heute Abend erlebt hat. Frau Giesser und ich werden uns jetzt jedenfalls verabschieden« Er blickte die junge Polizistin mit einem Blick an, der keinen Widerspruch duldete. Kurz darauf verschwanden beide in Richtung des Polizeiautos. Paula bemerkte erst jetzt, dass der Wagen des Arztes und der Rettungswagen bereits abgefahren waren. Die Bestatter waren eben dabei, den Leichnam auf eine Bahre zu heben. Herr Findling folgte Paulas Blick.
»Bitte bleiben Sie noch kurz«, er zwinkerte ihr zu. Dann lief er rasch zu der Bahre. Trotz der Entfernung konnte Paula erkennen, dass er erstaunt schien, als er die Leiche sah. Als er zu ihr zurückkehrte, fragte sie, einer Eingebung folgend: »Kennen Sie den Toten?«
Findling stutzte kurz, dann antwortete er: »Ja, tatsächlich, wenn auch nur flüchtig aus dem Sportverein. Sein Name war Walter Breitsieg und auf mich wirkte er eigentlich noch recht fit. Wie kamen Sie darauf, dass ich ihn kenne?« Neugierig blickte er Paula an.
»Ich habe Ihren Gesichtsausdruck eben interpretiert«, antwortete Paula ehrlich.
»Auf die Entfernung, in der Nacht? Sie scheinen eine sehr gute Beobachterin zu sein!« In seinem Lob schwangen sowohl Wertschätzung als auch Überraschung mit.
Paula lächelte.» Wollen Sie wirklich von mir noch etwas wissen über heute Nacht?«, fragte sie rasch, als sie spürte, dass sie verlegen wurde.
Er antwortete nicht sofort, sondern schien einen kurzen Augenblick zu überlegen, während er sie intensiv musterte. »Ich will Sie nicht jetzt um diese Uhrzeit und bei der Kälte noch ausfragen. Die Bestatter haben mir erzählt, dass der Arzt einen natürlichen Tod festgestellt hat. Eher unwahrscheinlich, dass ich da einen längeren Artikel schreibe. Aber falls doch, verraten sie mir ihren Namen und ihre Telefonnummer?«
Er zog rasch eine Visitenkarte aus der Hosentasche. »Mein Name ist übrigens Findling, aber das haben Sie ja wahrscheinlich eben schon mitbekommen.«
Michelle Findling, las Paula und musste unwillkürlich wieder lächeln über diese Namenskombination.
» Und falls Sie mal was Spannendes für mich haben, jederzeit gerne anrufen.«
Paula sah in seine warmen, braunen Augen, die zu dem Hintergrund passten, den der Marktplatz nun wieder bot, nachdem der Leichenwagen abgefahren war und die Menschen an den Fenstern und auf dem Marktplatz verschwunden waren. Der Brunnen in der Mitte des Platzes bot wieder das vertraute friedliche Bild. Die Blumentröge, die auf dem Brunnenrand standen, waren mit weißen Christrosen geschmückt, für Paula eine Erinnerung an die Weihnachtszeit, weil ihre Mutter die Pflanzen als Geschenk geliebt hatte. Was sie hier in der letzten Stunde erlebt hatte, erschien ihr beinahe unwirklich.
»Ja, das würde ich gerne tun«, antwortete sie charmant. »Doch ich glaube, was ich heute Abend erlebt habe, ist vermutlich das Spannendste im ganzen Jahr!«
»Das weiß man vorher nie«, Michelle Findling blickte aufmunternd,» es muss ja nicht so was Gruseliges wie heute Nacht sein.« Er reichte Paula die Hand. »Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall einen guten Schlaf nach der Aufregung«, meinte er zum Abschied.
Paula bedankte sich mit einem herzlichen Lächeln. Dann schlug sie mit Fjodor den Weg nach Hause ein, während Findling zu seinem Bulli in eine andere Richtung aufbrach. Trotzdem schien es Paula, als begleite sie sein Blick noch eine ganze Weile auf den Nachhauseweg.
In dieser Nacht schlief Paula trotz des freundlichen Wunsches des Lokalreporters sehr schlecht, sie wurde von Träumen verfolgt, die abwechselnd von einem toten Mann, Michelle Findling und einer unendlich langen Hundeleine handelten, an deren Ende sie Herrn Wagner, den Polizisten, erkennen konnte. Sie wachte immer wieder auf, blickte auf den Wecker, stöhnte, weil sie erkannte, dass sie erst vor einer Stunde nachgesehen hatte, wie spät es war. Um halb sechs stand Paula schließlich müde, aber entschlossen auf.
Es war fast die Uhrzeit, die sie seit über dreißig Jahren gewohnt war und es war ihr bisher noch nicht gelungen, ihren Rhythmus um mehr als eine Stunde zu verschieben. Was hatte sie sich früher gewünscht, bis neun Uhr im Bett liegen bleiben zu können! Doch bis auf ihre Studienzeit war sie immer gegen sechs Uhr aufgestanden, als Rektorin teilweise noch früher. Selbst als sie krank geworden war, hatte sie selten länger schlafen können.
Paula dachte an das vergangene Jahr nur kurz, dann verscheuchte sie die Gedanken schnell, um nicht einen verhangenen Wintertag in missmutiger Stimmung zu beginnen.
Fjodor trottete zu ihr in die Küche, als sie sich Kaffee kochte. Paula schaltete das alte Küchenradio ein und setzte sich mit der Kaffeetasse an den gläsernen Küchentisch.
»Bei einem Brand in einem Mehrfamilienhaus in Solburg wurden in der vergangenen Nacht mehrere Menschen leicht verletzt. Die Ursache des Brandes ist noch ungeklärt. Das Mehrfamilienhaus brannte völlig aus, Es entstand ein Sachschaden von ….«
Paula hörte den Namen der Großstadt, in der sie so lange gelebt hatte und tauchte für einige Minuten in die Vergangenheit ein. Erst bei den Wetternachrichten hörte sie wieder zu: »und nun die Wetternachrichten: Am Morgen ist es noch überwiegend freundlich, am Nachmittag muss mit anhaltenden Regenfällen gerechnet werden. Gegen Abend und in der Nacht…«
Paula verzog die Mundwinkel nach unten und rief Fjodor zu: »Hast du das gehört? Wird wohl heute nichts mit einer Winterwanderung mit Kathrin. Für uns ist das bedauerlich, für Kathrin wohl eher nicht!«
Fjodor legte den Kopf schräg, als überlege er, was Paulas Sätze für ihn zu bedeuten hätten.
Kathrin war eigentlich kein sportlich gesinnter Mensch, vor allem hätte sie sich bis vor kurzem niemals auf eine mehrstündige Wanderung eingelassen. Doch ein paar boshafte Bemerkungen ihres ältesten Sohnes und die eindringlichen Empfehlungen ihres Hausarztes hatten einen Sinneswandel herbeigeführt, der bereits mehrere Wochen andauerte und der wanderfreudigen Paula sehr entgegen kam. Heute jedoch würde Kathrin sicher nicht wandern wollen. Paula überlegte kurz, dann rief sie ihre Freundin an. Es war zwar noch sehr früh am Morgen, aber Kathrin war schon als Kind aufgestanden,so bald es dämmerte. freiwillig, voller Tatendrang für den neuen Tag. Tatsächlich, nach dem zweiten Klingeln nahm sie ab.
»Kathrin de Armas«. Ihre Stimme klang klar und freundlich.
»Morgen, Kathrin. Hast du schon die Wetternachrichten gehört?«
Es war selbstverständlich zwischen den Freundinnen, dass sie sich nicht mit Namen melden mussten.
»Nein, ich war nach dem Aufstehen auf dem Dachboden und habe aufgeräumt. Aber das klingt so, als wären sie nicht erfreulich, stimmt' s?«
»Tja, es sieht heute eher nach einen gemütlichen Nachmittag bei mir aus, bei einer Kanne Tee, Keksen und ein paar spannenden Neuigkeiten.« Paula hielt inne, wartete auf die Reaktion ihrer Freundin. Sie ahnte, dass Kathrin weder zu ihren Keksen noch zu einer spannenden Neuigkeit nein sagen konnte.
»Oh, ja. Das klingt gut.« Kathrin sagte noch schneller zu, als Paula gedacht hatte. »Dann bin ich so um vier bei Dir, o.k.?«
An einem anderen Küchentisch um die gleiche Uhrzeit saß ein Mann und zündete sich seine dritte Zigarette an. Er hatte vor einigen Jahren schon mit dem Rauchen aufgehört, doch es hatte sich in den letzten Wochen so vieles geändert, das dieser Rückfall zurzeit unbedeutend war. Er starrte aus dem Fenster in einen verlassenen, trostlosen Hof und blickte auf eine Reihe von Müllcontainern, die gegenüber an einer Mauer aufgereiht standen. Der Anblick schien seiner gehobenen Stimmung nicht zu schaden.
Er ging noch einmal den vergangenen Abend in Gedanken durch, besonders die letzten Stunden des Tages und war sich sicher, keinen Fehler begangen zu haben. Zumindest keinen wesentlichen. Sogar den Hund hatte er nicht getötet. Der Hund konnte ja nichts dafür, dachte er grimmig, den hat er genauso gleichgültig behandelt wie alle anderen.
Er musste plötzlich wieder lächeln wie gestern Nacht. Es wunderte ihn selbst nicht wenig, dass er auch einige Stunden nach der Tat keine Gedanken der Reue oder des Grauens verspürte über das, was er getan hatte. Im Gegenteil, seine anfängliche Zufriedenheit war einem Gefühl des Triumphs gewichen, so als habe er einen außergewöhnlichen Sieg errungen, für den er lange gekämpft hatte. Ein langer, grausamer Kampf war es tatsächlich gewesen, ging es ihm durch den Kopf. Ein jahrelanger Kampf gegen einen zähen, allzu übermächtigen Gegner. Wie lange hatte er sich als schwach und hilflos empfunden?
Als er begonnen hatte, den Plan zu schmieden, hatte er sich besser gefühlt. Es war von Anfang an ein Plan gewesen, der Walter Breitsieg vernichten sollte. Er goss sich eine Tasse Kaffee ein und setzte sie genüsslich an seine Lippen. Endlich konnte er nun das Leben fortsetzen, wie es gewesen war, bevor Breitsieg es zu zerstören drohte. Er konnte den Teil der Vergangenheit, an den er nie wieder erinnert werden wollte, nun vermutlich tatsächlich verdrängen, bis er so gut wie ausgelöscht war, so hoffte er. Er hatte seinen Widersacher besiegt, dessen Unrecht bestraft. Er fühlte sich gut.
2
