Der Club der Serienkiller - Jeff Povey - E-Book

Der Club der Serienkiller E-Book

Jeff Povey

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  • Herausgeber: Heyne
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
Beschreibung

Serienkiller sind auch nur Menschen

»Ich schätze, es geschieht nicht alle Tage, dass dir ein toter Serienkiller zu Füßen liegt.« Mit dieser Erkenntnis beginnt für unseren neugierigen Helden eine Odyssee in eine unglaubliche Welt. Nachdem er in der Brieftasche des Toten eine mysteriöse Einladung gefunden hat, nimmt er eine fremde Identität an und betritt den »Club der Serienkiller«, eine Vereinigung von Psychopathen, die sich regelmäßig trifft. Wie alle Minderheiten bestehen auch sie auf ihrem Recht auf Geselligkeit. Doch wie lange kann unser Held sein falsches Spiel geheim halten? Bald ist er gezwungen, sich der ersten misstrauischen Kollegen zu entledigen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 356

Veröffentlichungsjahr: 2010

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Inhaltsverzeichnis
Zum Buch
Zum Autor
Widmung
Inschrift
PROLOG: CLUB SERIEMÖRDER
ZWEIFACHE ENTHAUPTUNG
GANZ PLÖTZLICH
PLANLOS
CAROLE LOMBARD
HI, BETTY
SAUBERE ARBEIT
WILLIAM HOLDEN
FAHNDUNGSAUFRUF: SERIENMÖRDER WERMISST?
DIE LISTE
TALLULAH BANKHEAD
TÖDLECHE TATTOOS
DIE TÄTOWIERMASCHINE
KILLER RAP
SPANNUNGER OHNE TALLULAH
RICHARD BURTON
BÜCHEREI DER LIEBE
LAGEBESPRECHUNG MIT WADE
DER MISTKERL MIT DER MISTGABEL
BURT LANCASTER
APROPOS ERTHAUPTUNG
JETZT NICHT ZUSAMMENKLAPPEN
KOPFLOSE HÜHNCHEN
CHER
DOPPELGÄNGERIN
KENTUCKY-FRIED CHICAGO
ES LEBT
JAMES MASON
LEICHT DEZIMIERT
SCHÄFERSTÜNDCHEN
DIE LETZTE LISTE
KALTE KAMILLE
SPIELCHEN
AUFTRITT KENTUCKY KILLER
HOMO SAPIENS GANZ ALLEN
CHUCK NORRIS, MYRNA LOY
HUMMER IM SINN
STEG OHNE BETTY
BETTY GRABLE
FAMILIENMENÜ
EIN AMERIKANISCHER HELD
GERONIMO
Danksagung
Copyright
Zum Buch
»Ich schätze, es geschieht nicht alle Tage, dass einem ein toter Serienkiller zu Füßen liegt.« Mit dieser Erkenntnis beginnt für unseren neugierigen Helden eine Odyssee in eine unglaubliche Welt. Nachdem er in der Brieftasche des Toten eine mysteriöse Einladung zu einem geheimen Treffen gefunden hat, nimmt er eine fremde Identität an und betritt den »Club der Serienkiller«, eine Vereinigung von Psychopathen, die sich regelmäßig trifft. Wie alle Minderheiten bestehen auch sie auf ihr Recht auf Geselligkeit. Sie trinken reichlich Hochprozentiges und tauschen sich über die jüngsten Mordfälle aus. Doch wie lange kann unser Held sein falsches Spiel geheim halten? Bald ist er gezwungen, sich der ersten misstrauischen Kollegen zu entledigen. Und auch das FBI kommt ihm allmählich auf die Spur und schlägt ihm einen fatalen Deal vor.
Zum Autor
Jeff Povey wurde in England geboren, wuchs in Schottland auf und kehrte nach England zurück, um reich und berühmt zu werden. Nach einer Reihe ungeeigneter Jobs fing er mit dem Schreiben an, hat seitdem mehr als hundert Stunden Fernsehen geschrieben, überwiegend für die beste Sendezeit, und war einer der Hauptautoren der BBC-Serie EastEnders. Dies ist sein erster Roman, doch weitere warten schon in den Startlöchern. Povey lebt mit seiner Frau und seinen vier Kinder sowie seiner Spielleidenschaft in England.
Besuchen Sie die Website
www.theserialkillersclub.com
Für Jules – in ewiger Treue.
On tue un homme, on est un assassin.On tue des millions d’hommes,on est un conquerant.On les tue tous, on est un dieu.
Töte einen Menschen, und du bist ein Mörder.Töte Millionen, und du bist ein Eroberer.Töte alle, und du bist ein Gott.
- Jean Rostand 1894-1977 Pensées d’un biologiste (Gedanken eines Biologen, 1939)
PROLOG: CLUB SERIEMÖRDER
Ich schätze, es passiert nicht alle Tage, dass einem ein toter Serienmörder zu Füßen liegt.
Ich ging wie üblich meiner Wege, als plötzlich dieser Irre aus den Schatten springt, mit einem großen Messer auf mich losgeht und brüllt, dass er mir das Herz rausschneiden will. Damals arbeitete ich noch als Packer auf einer Werft und war sehr viel durchtrainierter, als es für andere – und damit auch für Serienmörder – den Anschein hatte. Ich setzte mich wie ein Verrückter zur Wehr, und schließlich steckte das Messer in seinem Körper. Keine Ahnung, wie es dahin gekommen war, aber offensichtlich unterschätze ich manchmal meine eigenen Kräfte.
Zwar kann ich mich nicht mehr an jede Einzelheit erinnern – das ist bereits vier Jahre her -, doch nachdem sich mein Schreck etwas gelegt hatte, wollte ich unbedingt mehr über meinen verhinderten Mörder erfahren, also schaute ich einfach in seiner Brieftasche nach. Darin stieß ich – neben ein paar mickrigen Dollars – auf einige Zeitungsausschnitte, in denen seine Karriere als Killer ausführlich beschrieben wurde. Offenbar genoss er die Aufmerksamkeit, die man ihm entgegenbrachte, denn jeder Artikel war fein säuberlich gefaltet und steckte in einem durchsichtigen Kreditkartenfach, sodass er jederzeit seine Brieftasche aufklappen und sich an seinen eigenen Taten berauschen konnte. Außerdem trug er die Kopien mehrerer großspuriger Botschaften bei sich, die er an die Medien geschickt und alle mit »Hochachtungsvoll, Grandson-of-Barney« unterzeichnet hatte. Ich muss zugeben, dass es mir bei ihrem Anblick eiskalt den Rücken runterlief. Das Fernsehen hatte über seine Taten berichtet-wahrscheinlich mit Millionenquoten-, und ich hatte ihn hautnah erlebt.
Ich fand heraus, dass ich Grandsons sechstes Opfer gewesen wäre, und ich glaube, dass diese Erkenntnis mehr als alles andere in meinem Leben eine Offenbarung für mich war. Der Ausdruck »Offenbarung« stammt allerdings nicht von mir; sondern vom Bundesbeamten Kennet Wade, einem großartigen Burschen, mit dem ich eine Zeit lang zu tun hatte. Irgendwie kam ich mir privilegiert vor. Das klingt vielleicht verrückt, aber nach einem Leben in weitgehender Anonymität versetzte mich der Gedanke, die Aufmerksamkeit eines so berüchtigten Serienmörders geweckt zu haben, in absolute Hochstimmung. Was für ein fantastisches Gefühl, unter weiß Gott wie vielen Tausenden auserwählt zu sein! Dieses Gefühl machte das wahre Wesen meiner Offenbarung aus: die bloße Begeisterung, endlich wahrgenommen zu werden. Ich hätte Grandson auf der Stelle umarmen können.
Nicht dass ich es tat, nur damit das klar ist.
Zuletzt entdeckte ich in seiner Brieftasche einen Ausschnitt mit einer Kontaktanzeige aus der hiesigen Zeitung. Sie war dick eingekreist und lautete in etwa: »GOB, wir wissen, dass du dort draußen bist, warum schaust du nicht auf Kaffee und Kuchen vorbei? Dein Errol Flynn.«
Ich konnte es nicht glauben.
Warum sollte ausgerechnet Errol Flynn einem Serienkiller schreiben wollen, und wie sollte das überhaupt gehen, wo er doch, soweit ich wusste, seit fast fünfzig Jahren tot ist?
Dennoch, meine Neugier war geweckt. Ich meine, wem wäre es nicht so gegangen? Errol Flynn ist einer der besten Schauspieler aller Zeiten, und er hatte mir eine Nachricht geschickt. Auch wenn er nicht wusste, dass sie bei mir gelandet war, aber das war mir egal.
Ich hatte wirklich keine Lust, von der Polizei wegen des Mordes an Grandson aufs Korn genommen zu werden. Bei meinem Glück wäre ich wahrscheinlich wegen Mordes angeklagt und sofort gehängt worden. Nachdem ich also Grandsons Leiche in einen Schrankkoffer gestopft und zusammen mit mehreren Gepäckstücken einer Theatertruppe an Bord eines Schiffes mit Kurs auf Südafrika verstaut hatte, durchstöberte ich in aller Ruhe die Zeitungen nach einer weiteren Nachricht von Errol. Doch zwei Wochen verstrichen, ohne dass etwas passierte. Ich konnte es nicht glauben; warum gab er keine weitere Anzeige auf? Die Sache fing an, mich runterzuziehen. Ich war so kurz davor, mich dauerhaft mit diesem berühmten Mann anzufreunden, und plötzlich meldete er sich nicht mehr. Dann, gerade als ich daran dachte, einen wütenden Brief an seinen Fanclub zu schicken, fiel es mir wie Schuppen von den Augen – vielleicht hatte Grandson auf die erste Nachricht nicht geantwortet, und vielleicht wartete Errol immer noch auf ein Lebenszeichen von ihm! Ich eilte zur nächsten Bibliothek, schnappte mir alle vorhergehenden Abendausgaben der Zeitung, die verfügbar waren, und durchforstete die Kontaktanzeigen nach einer Antwort von Grandson-Of-Barney. Nichts. Mein Herz fing an zu klopfen – daran kann ich mich noch gut erinnern -, und bevor ich lange darüber nachdenken konnte, schickte ich im Namen GOBs eine Antwort: »Errol, ich hätte Lust auf ein Plunderstückchen, Sohn von Barneys Sohn.«
Nachdem ich die nächsten zehn Tage auf eine Reaktion gewartet hatte, verlor ich fast den Verstand, als sie endlich in zeitlosem Schwarzweiß vor mir auftauchte: »SBS, magst du Chicago? Steig in den Flieger, wenn du mehr erfahren willst. Herzliche Grüße, Errol.«
Chicago? Das war mindestens dreitausend Kilometer entfernt, vielleicht sogar noch mehr. Ich war am Boden zerstört. Wer fliegt über dreitausend Kilometer, nur um einen neuen Freund zu gewinnen?
Niemand ist so einsam.
Niemand.
Ich kann mich noch an die wunderschöne Frau erinnern, die auf dem Flug nach Chicago neben mir saß; sie muss Filmschauspielerin gewesen sein, auch wenn sie auf meine mehrmalige Nachfrage nicht antwortete und das bestätigte. Jedenfalls war sie die mit Abstand umwerfendste Frau, die ich je gesehen hatte, und während ich dort hockte und ihr meine Lebensgeschichte erzählte, wusste ich, dass sich das Blatt gewendet hatte. Die Gegenwart eines so bezaubernden Geschöpfs war wie eine Botschaft von ganz oben; sie war ein Engel, der mir den Weg wies, und ich bereue immer noch aufrichtig, dass ich mir ihre Telefonnummer falsch aufgeschrieben habe. Wie sich herausstellte, handelte es sich bei der Nummer, die sie mir gab, um den Anschluss einer Fischfabrik in einem Außenbezirk der Stadt; wahrscheinlich habe ich sie vor lauter Aufregung nicht richtig verstanden.
Vor vier Jahren setzte ich also zum ersten Mal meinen Fuß in die Windy City, ohne zu wissen, was das Schicksal für mich bereithielt. Instinktiv ahnte ich jedoch, dass es etwas Gutes war. Tatsächlich wartete direkt nach der Landung zwischen den Kontaktanzeigen eine Mitteilung auf mich: »Hi GOB, der Club freut sich auf dich. Bring reichlich Biergeld mit. Wie immer, Errol F.«
Rasch gab ich eine weitere Anzeige auf, etwas in der Art wie: »Ich bin hier, und jetzt?« Die Antwort, die ich darauf bekam, haute mich um: »Hallo Gobby, treffen wir uns zum Essen. Tony Curtis.« Tony Curtis! Ich hatte nicht damit gerechnet, dass noch jemand anders beteiligt war – geschweige denn ein weiterer Filmstar -, doch dann fiel mir ein, dass Errol irgendeinen Club erwähnt hatte, auch wenn ich mir nicht vorstellen konnte, welche Art von Club mich – in der Verkleidung eines weltberühmten Serienmörders – aufnehmen würde. Irgendwann dämmerte es mir schließlich: Garantiert handelte es sich dabei um irgendeine Polizeiaktion; sie versuchten Grandson mit dem Versprechen auf Kuchen und Hollywood-Berühmtheiten aus der Deckung zu locken und warteten nur darauf zuzuschlagen, sobald er sich zeigte. Ich war ziemlich sauer, das kann ich euch sagen. Dreitausend Kilometer, und wofür?
Doch je mehr ich darüber nachdachte, desto aberwitziger schien es, Grandson den ganzen Weg nach Chicago zu lotsen, wo er laut Zeitungsausschnitten niemanden getötet hatte und somit wahrscheinlich gar nicht in den Zuständigkeitsbereich der Chicagoer Polizei fiel. Also ging es vielleicht doch um etwas anderes. Bloß um was?
Ich konnte mir immer noch keinen Reim darauf machen. Wozu einen Killer in einen Club einladen? Ich hatte von Frauen gehört, die mit Serienmördern korrespondierten und sie sogar heirateten, während diese ihre Zeit im Todestrakt absaßen, und ich fragte mich, ob vielleicht irgendeine Art Fanclub zu Ehren von Grandson-Of-Barney gegründet worden war. Wäre das nicht ein Ding? Ich gebe zu, dass mich die Vorstellung erregte; also ließ ich meinen Gedanken freien Lauf und malte mir aus, was für ein Spaß es wäre, mich als Killer auszugeben und obendrein gleich noch meine zukünftige Frau zu finden. Wenn man viel Zeit alleine verbringt, neigt man dazu, sich in etwas zu verbeißen, ohne es wirklich zu Ende zu denken. Ich schätze, das passiert selbst den Besten.
Ich schaltete ein weiteres Inserat, auf das Tony antwortete, und noch den ganzen Monat lang tauschten wir uns immer wieder über verschlüsselte Kleinanzeigen aus. Ich blieb allerdings vorsichtig und versuchte möglichst viele indirekte Fragen unterzubringen. So erfuhr ich, dass der Club nicht zwei, sondern achtzehn Mitglieder hatte, Männer und Frauen -was mich absolut elektrisierte -, und dass sie mich unbedingt kennenlernen wollten.
In dieser Zeit fand ich auch einen Job, ausgerechnet im Zoo der Stadt; ich säubere dort die Käfige und mache den eingesperrten Raubkatzen das Leben ein wenig angenehmer. Wie sich herausstellte, bin ich für diesen Job geboren und nur schwer zu ersetzen, sollte ich je gefeuert oder zerfleischt werden.
Außerdem mietete ich eine kleine möblierte Wohnung – der Vermieter hatte sich die Mühe gemacht, sämtliche Möbelstücke am Boden festzuschrauben – und fing an, mich den Lebensgewohnheiten in Chicago anzupassen, die sich, wenn man mal von der Luftfeuchtigkeit absieht, kaum von denen anderswo unterscheiden.
In der letzten Anzeige, die der Club aufgab, standen Name und Adresse eines Lokals, wo ich mich am darauffolgenden Montagabend einfinden sollte – Grillers Steak House. Alle würden da sein, hieß es, und man versprach mir einen amüsanten Abend, andernfalls würde Tony Curtis für meine sämtlichen Unkosten aufkommen. Wie die meisten Leute freue ich mich immer über eine Geld-zurück-Garantie, und auch diesmal gab das für mich den Ausschlag. Außerdem, die Tatsache, dass man mich für einen Serienkiller hielt, würde meinem Auftritt einen gewissen Nachdruck verleihen, sollten die Dinge nicht zu meiner vollen Zufriedenheit verlaufen.
Natürlich hatte ich nicht die leiseste Ahnung, worauf ich mich einließ, doch ich hatte mich bereits so weit vorgewagt, dass es kein Zurück gab. Falls der Club meinen Erwartungen nicht entsprach, dachte ich, würde ich mich dort einfach nicht mehr blicken lassen. Fertig.
Extra für diesen Anlass mietete ich mir einen Anzug – einen Dreiteiler aus Baumwolle in einem gelblichen Beige -, den ich durch ein rotes Hemd und eine dunkelblaue Krawatte komplettierte. Der Typ im Verleih gratulierte mir zu meiner geschmackvollen Zusammenstellung.
Als mich das Taxi vor dem Lokal absetzte, regnete es in Strömen, und selbst die kurze Strecke zum Eingang genügte, um das gelbliche Beige in ein schmutziges Braun zu verwandeln, was mir die ganze Farbauswahl versaute.
Das Grillers Steak House war einer jener Läden, die vollständig aus Holz bestehen. Unter den Fenstern erstreckten sich Bänke aus Mahagoni, jeder Quadratzentimeter der Wand war mit Teakholz vertäfelt, dazu ein abgewetzter und ungeschliffener Bodenbelag, vielleicht Platz für achtzig Gäste und in der Mitte des Restaurants eine große Bar – offensichtlich hatte man den halben Regenwald für die Inneneinrichtung abgeholzt. An den Wänden hingen gerahmte Drucke von englischen Schlössern, das Licht war gedämpft, und aus einer Jukebox waberte Countrymusic über die Köpfe der wenigen Gäste hinweg, die sich heute Abend hier eingefunden hatten.
Während ich mit einem Exemplar der Abendausgabe als Erkennungszeichen in der Einganstür stand und in diesen hölzernen Schlund starrte, ertönte ein Schrei; die Stimme, die irgendwie an einen Bären erinnerte, weckte meine Aufmerksamkeit, und als ich den Blick in einen entfernten Winkel des Restaurants richtete, sah ich sie zum ersten Mal, alle achtzehn, wie auf einer Betriebsfeier, die außer Kontrolle geraten war. Alle hatten mir das Gesicht zugewandt, und plötzlich wurde mir klar, dass er da war: der Moment der Wahrheit. Vorsorglich hatte ich mir den Inhalt aus Grandsons Ausschnitten so gut wie möglich eingeprägt, in der Hoffnung, selbstsicher genug aufzutreten, um als Serienkiller durchzugehen. Glücklicherweise war zwei Wochen zuvor eine Fernsehdokumentation über ihn ausgestrahlt worden (Gott sei Dank ohne Bilder von Grandson, ausgenommen die verschwommene Aufnahme einer Überwachungskamera, bei der es sich genauso gut um das Foto von Big Foot in einem Arbeitsanzug hätte handeln können), und einer dieser Fernsehpsychiater hatte ein wirklich hervorragendes Profil von ihm skizziert – »ein Vegetarier mit einem Faible für Nagetiere, der einer ungeregelten Tätigkeit nachgeht.«
Der Mann mit der Bärenstimme stand auf, wedelte mit seiner riesigen Pranke und schnippte laut mit den Fingern; sein Körper zeichnete sich deutlich unter dem engen, weißen kurzärmeligen Hemd ab. »Hier drüben. Wir haben dir einen Platz freigehalten.«
Ich warf einen Blick auf meine Hand mit der Abendausgabe hinab und sah, dass ich zitterte. Rasch ließ ich die Zeitung auf den nächsten freien Tisch fallen und vergrub meine Hände tief in den Hosentaschen, damit niemand meine Nervosität bemerkte. Nachdem ich kräftig Luft geholt hatte, richtete ich mich zu voller Größe auf-was bei meiner Statur nicht viel heißen will -, dann marschierte ich auf die Clubmitglieder zu. Währenddessen ging ich im Kopf immer wieder durch, was ich über Grandson in Erfahrung gebracht hatte. Er verabscheute Gesindel, mochte Gemüse...
»Hübscher Anzug.« Ich erinnere mich noch, wie jemand das sagte, während ich auf sie zutrat, nickte und in die mir zugewandten Gesichter lächelte. Ich glaube, es war Chuck Norris, aber ich bin mir nicht mehr ganz sicher.
Der große Bursche, der mich hergewinkt hatte, streckte mir zur Begrüßung seine Pranke hin und rülpste mir jovial ins Gesicht. »Ich bin Tony.« Ich beobachtete, wie meine zitternde Hand in seiner gigantischen Faust verschwand, und während ich dastand und mir den Arm quetschen ließ, hatte ich nur noch einen Gedanken im Kopf: dass Tony Curtis sich in einem schier unglaublichen Ausmaß aufgebläht und zudem sein gutes Aussehen eingebüßt hatte. Ich konnte spüren, wie alle mich anstarrten, mich taxierten, und erneut versuchte ich mich so gerade und so groß wie möglich zu machen.
»Ich bin, äh -«
»Nein, keine Namen. Zumindest nicht deinen richtigen.«
»Oh...«
Tony schwenkte seinen schweren Arm in Richtung der anderen Anwesenden. »Du wirst zwar nichts davon behalten, aber von links angefangen haben wir dort Cher, Burt Lancaster, Roger Moore, Rock Hudson, Tallulah Bankhead, Chuck Norris, James Mason, Jerry Lewis, Dean Martin, Raquel Welch, Errol Flynn, William Holden, Carole Lombard, Humphrey Bogart, Stan Laurel und Laurence Olivier. Puh, hätte nicht gedacht, dass ich das alles noch zusammenkriege.«
Einige sagten »hallo«, andere nickten bloß; doch alle schienen sich zu freuen, mich begrüßen zu dürfen. Ich konnte die Erwartung spüren, die in der Luft hing. Und ich weiß noch, wie ich die aufgeregten Gesichter musterte, leicht bestürzt, dass die weiblichen Anwesenden im Großen und Ganzen nicht dem Typ Frau entsprachen, mit dem ich zusammenziehen und Kinder haben wollte.
»Hi...« Ich nickte den Mitgliedern zu und lächelte. »Freut mich, hier zu sein.«
Tony versetzte mir einen kräftigen Schlag auf den Rücken. »Willkommen im Club, Gob.«
»Ist das die Kurzform von Goblin, ›Goblin< wie Kobold?«
Das kam von einer der Frauen, allerdings hatte ich nicht mitgekriegt, von welcher, und einige der Anwesenden lachten, worauf ich mich ein wenig entspannte. Sie schienen sich bereits bestens zu amüsieren, genau wie Tony versprochen hatte.
Ein großer, kräftig gebauter Schwarzer – Stan Laurel, soweit ich mich erinnere – schnappte sich einen Stuhl und schleifte ihn über den Holzboden. Dann winkte er mir zu. »Komm her und setz dich, Kleiner. Soll ich dir ein Kissen holen, damit du über den Tisch gucken kannst?«
Erneut ertönte schallendes Gelächter, und ich ertappte mich dabei, wie ich mit einstimmte. Ich weiß noch, wie ich mir sogar auf den Oberschenkel schlug, während ich neben dem lustigen Stan Platz nahm.
»Oder willst du lieber einen Hochstuhl?«
Tony sorgte für Ruhe, indem er auf die Tischplatte hämmerte.
»Zunächst werd ich dir mal bisschen was über uns erzählen, Gob, und danach gehört die Bühne dir ganz allein.« Tony ließ sich nieder und fischte ein Stück Brot vom Teller der Frau, die er Cher genannt hatte.
Obwohl ich innerlich grinsen musste, gab ich mir größte Mühe, einen ernsten und aufmerksamen Eindruck zu machen, während Tony redete.
»Für die Uneingeweihten, also für dich, Gob: Unseren kleinen Club gibt es jetzt seit etwa drei Jahren. Und dafür müssen wir uns bei Rock and Roger bedanken.«
Tony warf den beiden gut aussehenden blonden Männern in Rollkragenpullis einen flüchtigen Blick zu. Während eine Welle des Applauses um den Tisch brandete, fragte ich mich, ob die beiden Zwillinge waren. Allmählich ließ meine Anspannung nach, und ich genoss die allgemeine Atmosphäre des guten Willens, die von sämtlichen Anwesenden ausging. Ja, ich klatschte ebenfalls in die Hände.
»Danke«, sagte Roger.
»Vielen Dank«, ergänzte Rock.
Die beiden nahmen den Applaus wie erfahrene Profis entgegen, und ich spürte gleich, dass ich diese Burschen schon bald ins Herz schließen würde.
»Wenn die zwei nicht in irgendeine Studentenbude eingebrochen wären – ohne zu ahnen, dass sie in exakt derselben Nacht jeder exakt dasselbe Opfer ausgewählt hatten -, dann wäre das hier alles vielleicht gar nicht zustande gekommen.«
Ich weiß noch, dass das Wort Opfer wie die Freiheitsglocke gegen meine Stirn knallte, mein ganzer Kopf schien nach hinten zu schwingen, zurückgeworfen von seiner Wucht. Ich hockte da in der Hoffnung, dass jemand Tony korrigierte und dazu brachte, das Wort auszusprechen, dass er eigentlich meinte.
Doch niemand sagte etwas.
»Wie auch immer, die zwei stehen wie angewurzelt da, als dieser blöde Student zu sich kommt und Alarm schlägt. Darauf machen Rock und Roger sich zusammen aus dem Staub. Rocks Mietwagen hat prompt einen Platten, also bietet Roger ihm an, ihn mitzunehmen, und sie schaffen es ohne Zwischenfall bis über die Staatsgrenze.«
Meine Augen traten immer weiter aus ihren Höhlen.
»Die beiden sind schließlich hier gelandet, wo wirjetzt sitzen – in diesem Lokal...« Tony ruderte erneut mit seinem massigen Arm, als würde er eine Touristengruppe an bekannten Hollywood-Wahrzeichen vorbeiführen. »Und der Name Grillers schien ihnen irgendwie passend, er reimt sich schließlich auf Killer – na ja, fast.«
Es gelang mir nicht, das anschwellende Dröhnen in meinem Kopf abzuschütteln. Hätte man es in Worte gefasst, hätte es mich aufgefordert: »Raus hier! Sofort! Mach, dass du abhaust, du dämlicher -«
»Sie haben sich in eine der Nischen für zwei Personen dort drüben verzogen, sich was zu essen bestellt und ein paar Bier.«
»Budweiser.« Roger nickte mir zu, um sicherzugehen, dass ich auch jede Einzelheit mitkriegte.
»Ich hatte Hühnchen, Roger Fisch«, ergänzte Rock.
Und ich hatte das Gefühl, ich müsste mich übergeben.
»Als die beiden ins Gespräch kamen, beschlossen sie, sich das nächste Mal bei der Wahl ihres Opfers abzusprechen – nur für den Fall, dass sie sich noch mal dieselbe Person aussuchen.«
Ich fühlte mich, als würde mein geliehener Anzug mich von Sekunde zu Sekunde fester umschließen und das Leben aus meinem Körper pressen.
»Sie haben viel über die Gründe für ihre Taten gesprochen, darüber, wer ihrer Meinung nach in Wirklichkeit schuld daran ist, dass sie sich von ganz normalen, anständigen Bürgern in böse Serienkiller verwandelt hatten.«
Bei dem Wort Serienkiller prustete ich laut über den Tisch; ich musste mich zwingen, einen aufsteigenden Schwall Gallenflüssigkeit herunterzuschlucken. Hilfesuchend ließ ich meinen Blick durchs Restaurant wandern. Außer ein paar fülligen Damen und einem älteren Herrn mit seinem Enkel war niemand hier. Die Holzwände rückten immer näher, und mich beschlich das schreckliche Gefühl, in einem riesigen Sarg zu hocken. Ich kriegte keine Luft mehr.
»Aber warte, jetzt wird’s erst richtig lustig.« Tony musste lachen und schüttelte den Kopf. »Das versetzt mir immer noch einen Kick. An besagtem Abend saß ich nämlich zufällig in der Nische direkt hinter R und R. Ich kam gerade von der Schicht – und hol’s der Geier, aber ich hab mich über die Trennwand gebeugt und meinte zu den beiden, dass wir wirklich verdammt viel gemeinsam hätten.« Tony schüttelte immer noch den Kopf und tupfte sich währenddessen Schweißperlen von der Oberlippe. Er schaute mir direkt in die Augen, und alles, was ich hervorbrachte, war ein leises Wimmern. »Kurz darauf fingen wir an, uns einmal pro Woche zu treffen. Und nach einer Weile beschlossen wir, einen Club zu gründen. Einen Treffpunkt für Serienmörder, wo man Geschichten austauschen und die Bekanntschaft gleichgesinnter Psychopathen machen kann. Hey, es ist wie bei allen anderen Minderheiten auch – es gibt heutzutage einfach keine Möglichkeiten mehr, sich in Ruhe zu treffen.«
Das Zimmer um mich herum drehte sich wie ein Karussell auf Höchstgeschwindigkeit. Ich konnte nichts mehr erkennen außer den versammelten Serienkillern, die bedrohlich an mir vorbeiwischten. Ich klammerte mich an der Tischkante fest, bis meine Finger wehtaten.
»Wir haben so viele Serienmörder kontaktiert, wie wir nur konnten. Mein Job als Cop war dabei natürlich recht nützlich, kannst du dirja vorstellen. Die anderen meinten, dass wir ganz ordentliche Arbeit geleistet haben.«
»Ja, wirklich super, Tony.«
»Mehr als das.«
»Verdammt nochmal, das hier ist der beste Club, dem ich je angehört habe.«
Die anderen Killer starrten mich an und bekundeten beflissen ihre Zustimmung. Ich ließ meinen Blick reihum über die Mitglieder schweifen, und alles, was ich denken konnte, war: Das ist ein Witz, oder? Ein Komplott. Irgendwo ist eine Kamera versteckt. Allmächtiger, sagt mir, dass das ein Witz ist!
»Wie auch immer, genug über uns geredet, Gobby.« Tony setzte sich und fischte ein Stück Brathähnchen vom Teller eines der anderen Mitglieder. »Jetzt lass mal was über dich hören.«
»Ja – erzähl uns deine Geschichte.«
»Ich wusste gar nicht, dass Kobolde sprechen können.« Ich konnte zwar ihre Stimmen hören, aber nicht, wer was sagte.
»Du hast ihnen die Herzen rausgeschnitten, stimmt’s?«
»Das nennt man wohl einsame Herzen.«
»Und sie dann gebraten.«
»Wie viele hast du erledigt?«
»Er ist ’ne ziemlich kleine Nummer – höchstens fünf.«
»Das ist allerdings nicht viel.«
Tony schnippte laut mit den Fingern, und nach und nach verstummten die Stimmen. Dann drehte er sich um und blickte mir ins Gesicht. Erneut gab ich ein leises Wimmern von mir.
»Wir brauchen erst mal einen Namen.«
Meine Zähne waren so fest aufeinandergepresst, dass ich das Gefühl hatte, ich könnte keinen einzigen Ton hervorbringen.
»Komm schon, Gob, spuck einen aus.«
Ich hatte keinen Ahnung, wer gerade redete, aber ich wusste, das ich etwas sagen musste, irgendwas.
Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich was von einem Schauspieler murmelte, den ich schon immer bewundert hatte. Dieses schneidige, attraktive Spiegelbild meiner selbst.
»Douglas.«
»Häh?«
»Douglas wer?«
»Kirk Douglas? Michael Douglas?«
»Fairbanks. Junior. Douglas Fairbanks Jr.« Wie ich diese Worte herausbrachte, wird mir immer ein Rätsel bleiben, doch ihnen schien das zu genügen.
Tony klatschte laut in die Hände. »Also schön, Dougie... lass deine Geschichte hören.«
Ich weiß nicht, wie, aber ich schaffte es, den Inhalt der Dokumentation über Grandson-of-Barney zu rekapitulieren. Ich erzählte ihnen, dass ich mir gerne einsame, unbeliebte Versager suchte, und einer der Anwesenden – Chuck, glaube ich – fragte, ob ich jemals an Selbstmord gedacht hätte. Es ist mir immer noch ein Rätsel, was er damit meinte, doch er erntete dafür schallendes Gelächter.
Ich schmückte die Geschichte mit den herausgeschnittenen Herzen etwas aus, indem ich erzählte, dass ich sie für individuell abgestimmte Valentinskarten benutzte, und ließ mich irgendwann zu der haarsträubenden Behauptung hinreißen, dass eine große Grußkarten-Firma daran interessiert sei, das Copyright daran zu erwerben. Ich stellte fest, dass ich, sobald ich erst mal angefangen hatte, nicht mehr aufhören konnte zu reden. Auf die Frage nach den Gründen für meine Taten erklärte ich, alles sei die Schuld meiner Mutter. Seit frühester Kindheit hatte sie mich mit Liebesentzug bestraft. Allerdings war das nur die halbe Wahrheit. Denn mein Vater hat mir ebenfalls alle seine Gefühle vorenthalten, alle – bis auf Verachtung und Wut. Und so kam es, dass ich mich heute revanchierte, indem ich andere Menschen mit Liebesentzug bestrafte – in Form der herausgeschnittenen Herzen.
Keine Ahnung, wie ich diesen Abend überstand. Immer noch vergeht kaum ein Tag, ohne dass ich erneut diese grauenvolle Nacht durchlebe. Dabei ist das jetzt vier Jahre her. Vier lange und beschwerliche Jahre, in denen ich zur Position des Club-Geschäftsführers aufgestiegen bin.
Erst letzten Monat ist es mir gelungen, eine Antwort auf eine Anzeige zu erhalten, die ich in der Tribune geschaltet habe. Dort draußen ist eine neue Killerin unterwegs, und wir hoffen, dass sie sich uns anschließt. Die Zahl der Mitglieder ist seitjener schicksalhaften Nacht alarmierend zurückgegangen – von den ursprünglichen achtzehn Personen, mich ausgenommen, und den wenigen, die in der Zwischenzeit zu uns gestoßen sind, sind mittlerweile nur noch zehn übrig, doch seit kurzem versuchen wir alles, um diese Entwicklung zu stoppen. Tony ist wegen des Mitgliederschwundes ziemlich niedergeschlagen, und als unser Vorsitzender nimmt er die Sache recht persönlich, mehr als die meisten von uns.
Ich habe versucht ihm zu erklären, dass die Mitglieder einfach irgendwann die Lust verlieren und sich anderen Dingen zuwenden, doch er hört mir nicht zu.
»Irgendwas stimmt da nicht, Dougie... die Sache stinkt. All die Mitglieder, die ausgetreten sind. Warum, glaubst du, haben sie das getan? Das ist ein verdammt großartiger Club, und diese Verrückten hauen einfach ab, ohne Auf Wiedersehen zu sagen?«
Ich antworte Tony dann mit einem Schulterzucken, wie ich das die letzten paar Jahre stets getan habe. »Verdammt, wenn ich das wüsste.«
Das ist nicht gerade die beste Antwort.
Ehrlich gesagt, es ist nicht mal die Wahrheit.
Ich liebe den Club wirklich. Ich meine, wirklich. Okay, das wäre nicht jedermanns Sache, doch für mich gibt es in der Stadt nicht Besseres. Dumm nur, dass in den letzten vier Jahren mehrere Mitglieder dahintergekommen sind, dass ich womöglich nicht derjenige bin, als der ich mich ausgebe – da ich kein echter Serienmörder bin, heißt das, dass Grandson-Of-Barney niemanden mehr getötet hat, seit ich dem Club beigetreten bin. Ich habe den anderen Mitgliedern mehr oder weniger weisgemacht, dass ich unter einer Killblockade leide, was so was Ähnliches ist wie eine Schreibblockade, nur ohne Schreibmaschine. Und obwohl ich das für eine völlig ausreichende Erklärung halte, sind ein paar von ihnen meinetwegen ein wenig nervös. Einige haben mir unter vier Augen Fragen gestellt, andere haben mir ein paar ziemlich unangenehme Clubabende bereitet. Und... ich hasse es, das zuzugeben, aber ich hatte keine andere Wahl, als sie zum Schweigen zu bringen, bevor sie herausfanden, dass ich kein Killer bin. Elf Leute in vier Jahren. Ich bin nicht stolz darauf – nicht im Geringsten -, doch wie gesagt, ich liebe den Club wirklich, und ich werde alles tun, um ihm weiterhin anzugehören. Ehrlich gesagt, bezweifle ich, dass man irgendwo auf der Welt einen besseren Abend verbringen kann als bei uns.
ZWEIFACHE ENTHAUPTUNG
»Ihr kennt mich – ich bin ein Familienmensch. Ein ausgesprochener Familienmensch. Gebt mir eine Familie, die ich köpfen kann, und ich hab alles, was ich brauche.«
Burt Lancaster erntet eine Menge Gelächter für seine Geschichte. Er wirkt zufrieden, und ich weiß, dass er dafür wahrscheinlich stundenlang vor dem Spiegel geübt hat. Ich muss zugeben, sein Timing ist perfekt, seine Darbietung großartig, er spielt mit uns wie ein Komiker mit seinem Publikum. Vor uns liegt mal wieder ein weiterer vergnüglicher Clubabend.
»Ich bin also in dieses Haus eingestiegen und hab sofort gemerkt, dass der Ehemann so ein Heimwerkertyp ist. Es gab kaum etwas, das er nicht selbst zusammengebastelt hatte. Sogar der Herd sah aus wie ›hergestellt von einem echten Volltrottel‹.«
Burt ist in Höchstform.
Zu meiner Rechten sitzt William Holden. Er bietet mir eine Zigarette an, ich nehme mir eine und stecke sie mit meinem versilberten Feuerzeug an. Ich rauche nur auf den Treffen, weil ich zu meinem großen Erstaunen festgestellt habe, dass alle Serienmörder rauchen. Fragt mich nicht warum, aber es ist so.
»Ich überlege also, was eine geeignete Methode wäre, um einen Heimwerker zu köpfen.«
Burt zieht uns in seinen Bann, lässt uns zappeln. Doch Chuck Norris ruft dazwischen:
»Ihn eine Guillotine bauen lassen!«
Allgemeines Gelächter. Jeder liebt Chuck, und wenn wir die Möglichkeit hätten, einen Tag jemand anders zu sein, würden wir uns wahrscheinlich alle für ihn entscheiden.
Burt wartet, bis sich das Gelächter gelegt hat, nickt zustimmend und fährt fort; wir kleben an seinen Lippen.
»Ich will mir schon seine kleine Werkbank aus der Garage schnappen, da fällt mein Blick auf etwas, das an der Wand darüber hängt. Eine Säge, bestens in Schuss – eine echte Schönheit, auf Hochglanz poliert -, und mir wird klar, dass ich es benutzen muss... dieses großartige Gerät, dieses coole Ding.«
Ich werfe William Holden, der zu meiner Linken sitzt, einen flüchtigen Blick zu und flüstere: »Schreibst du immer noch deine Romane?«
William runzelt die Stirn, rümpft die Nase. »Ich schreibe keine Romane. Das sind Tatsachenberichte.« Ich weiß das und ziehe William nur ein bisschen auf. Seine Antwort auf diese Frage ist stets dieselbe, doch das ist nur Spaß, und wir genießen den Schlagabtausch unter Kumpels. Manchmal, wenn ich betrunken bin, stelle ich ihm die Frage später nochmal.
»Ich habe auch deine beiden anderen Romane gekauft. Echt spannend.«
Jemand bedeutet mir zu schweigen, ich glaube, es ist Cher, und ich hebe entschuldigend die Hand und wende mich wieder Burts Showeinlage zu.
»Da stehe ich also, in der einen Hand seine kostbare Säge, in der anderen seinen kostbaren Kopf. Und starre seine Frau an, die bleich ist wie ein Bettlaken, und mir fällt nichts anderes ein, als zu sagen: ›Geh in den Baumarkt, und du findest alles, was du brauchst.‹«
Die Mitglieder brechen in schallendes Gelächter aus, und Burt stimmt mit ein.
Während er unter wohlverdientem Applaus Platz nimmt, wischt sich William die Lachtränen aus den Augen und rückt näher an mich heran. Seine Stimme ist nie lauter als ein heiseres Flüstern, und ich muss genau hinhören, um zu verstehen, was er sagt.
»Ich hab eine großartige Idee für einen Roman«, zischt er, offenbar kommt er langsam in Fahrt.
»Wo.« Ich tue, als wäre ich beeindruckt. »Worum geht es denn?«
»Um meine Kindheit – es ist zum Teil autobiografisch. Also... eigentlich geht es um meine Mutter.«
»Hast du schon einen Titel?« Ich habe bereits eine Vermutung. Mutti, das Miststück. Sie geben immer ihrer Mutter die Schuld – immer.
»Ich habe zwar ein paar Ideen, aber noch nichts Konkretes. Er soll allerdings schön einfach sein. So was wie Und die Liebe, du Miststück?«
»Genialer Titel.«
»Meinst du?«
»Wenn ich das in einem Buchladen sehe, würde ich sofort zugreifen.«
William lächelt und bläst etwas Rauch in die Luft; James Mason atmet die Schwaden ein und greift sofort nach seinen extrastarken Filterlosen.
William will mir unbedingt eine Geschichte erzählen, die ich bereits hundertmal gehört habe. Fast wünschte ich, ich würde neben jemand anders sitzen, doch im Grunde trägt das alles zu der fantastischen Atmosphäre bei, und so lasse ich Williams Wortschwall auf mich herabprasseln wie eine Tasse warmer Milch.
»Es fing alles beim Baden an. Ich war ungefähr acht Jahre alt. Meine Mom war sehr spirituell und betrachtete die Badwanne als eine Art kleinen Jordan. Jeden Abend drückte sie mich unter Wasser, bis ich gereinigt war. Ich hab meine ganze Kindheit praktisch unter Wasser verbracht.«
Keine fünf Minuten reden wir über Wasser, und schon muss ich dringend auf Toilette.
Ich kichere immer noch über Burts saukomische Geschichte, als ich einen Typen bemerke, der mich anstarrt, als könnte er nicht begreifen, was so komisch daran ist zu pinkeln. Er ist groß, attraktiv, tadellos gekleidet und sieht mehr oder weniger aus wie der typische Amerikaner. Ich versuche es ihm zu erklären.
»Ich habe gerade die witzigste Geschichte aller Zeiten gehört.«
Der Mann nickt schwach und scheint mit seinen stechenden Augen für einen Moment tief in mein Inneres zu blicken, als würde er irgendwas suchen, wie ein Computer, der seine Festplatte durchforstet. Ich fühle mich ein wenig unwohl, weiche seinem Blick aus und tue so, als müsste ich erneut kichern.
»Mit tut vor lauter Lachen schon der Bauch weh.«
Der Mann verlässt die Toilette, doch als er an mir vorbeigeht, tut er etwas absolut Seltsames. Er legt mir die Hand auf die Schulter und drückt sie leicht.
»Schön, Sie kennenzulernen«, flüstert er. Dann ist er verschwunden und lässt mich mit dem Gefühl zurück, belästigt worden zu sein. So etwas tut man nicht – sich beim Pinkeln berühren. Das ist ein klarer Bruch mit einem Tabu, das seit den Anfängen unserer Zivilisation existiert. Ich bin mir sicher, selbst die Höhlenmenschen wussten, dass man sich beim Pissen nicht anfasst.
Ich ziehe den Reißverschluss zu, schaffe es jedoch nicht, diese Berührung abzuschütteln. Es kommt mir fast so vor, als läge seine Hand noch immer auf meiner Schulter.
Im nächsten Moment stürzt Tony Curtis in die Toilette; auch er lacht. »Dieser Burt... Mann, der weiß wirklich, wie man Geschichten erzählt. Ich hätte nie gedacht, dass eine Enthauptung so komisch sein kann.«
Ich versuche mich wieder zu sammeln. »Allerdings. Es war, äh... es war unglaublich.«
»Er könnte auch von einer Blinddarmentzündung erzählen, er ist einfach irre witzig...«
Während Tony rekordverdächtig lang und laut pinkelt, wirft er mir einen Blick zu. »Dieser Burt ist echt ein Wahnsinnstyp.«
Ich schaue ebenfalls zu ihm hinüber, und für einen Moment kommt es mir vor, als wären wir ganz alte Kumpel, und ich lächle. »Allerdings. Der absolute Wahnsinn. Er sollte seine eigene Fernsehsendung kriegen.« Lachend drehe ich den Wasserhahn auf. Ich achte darauf, meine Hände gründlich abzureiben, denn Tony hat schon Leute wegen ihrer mangelnden Sauberkeit und schlechten Manieren getötet. Schlauerweise ignoriert er dabei die Tatsache, dass er einem beim Sprechen ständig ins Gesicht rülpst.
»Die Enthauptungs-Show«, presst Tony rülpsend hervor, dann verschwindet er. Ohne sich die Hände zu waschen.
Es war mal wieder ein fantastischer Abend im Club, und als ich nach Hause komme, bin ich so aufgedreht, dass ich nicht schlafen kann. Das ist wirklich ein tolle Truppe. Was aber noch wichtiger ist: Sie akzeptieren mich – und das ist mehr wert, als wenn man mich in Gold aufwiegen würde. Viel zu lange habe ich darauf gewartet, ein Teil der Menschheit zu werden, und ich werde die verlorene Zeit unter allen Umständen nachholen. Ja, die Dinge laufen so gut für mich, dass ich überlege, nächstes Jahr als Club-Präsident zu kandidieren.
GANZ PLÖTZLICH
Ich glaube, ich werde von dem Typen verfolgt, der mir auf der Toilette die Schulter getätschelt hat.
Vor vier Tagen habe ich ihn zum ersten Mal gesehen. Seitdem ist er mir ständig auf den Fersen. Er macht sich erst gar nicht die Mühe, unbemerkt zu bleiben. Er weiß, dass ich ihn entdeckt habe, und das beunruhigt mich. Und zwar sehr.
Bisher habe ich den Ball flach gehalten, habe stupide die Käfige gesäubert, als würde ich tatsächlich nichts weiter tun, als hinter den Tieren herzuputzen. Ich stehe morgens auf, gehe zur Arbeit, komme nach Hause und benehme mich so unauffällig wie möglich.
Der Typ folgt mir auf Schritt und Tritt, und ich habe beim besten Willen keine Ahnung, warum. Wer weiß, vielleicht ist das mein erster Stalker.
Als ich zwischen den Lamellen des Rollos nach draußen spähe, sehe ich den Mann in seinem dunkelblauen Wagen hocken. Es ist schon spät, und ich bin erstaunt, dass er es dort so lange aushält. Während ich zu ihm hinausstarre, spüre ich, wie ein leichtes Frösteln meinen Nacken hochkriecht. Das hat nichts Gutes zu bedeuten. Ich lasse das Rollo zuschnappen und denke daran, einen Tunnel zu buddeln. Ich frage mich, ob ich mich so weit nach unten graben kann, dass ich auf das Abwassersystem stoße. Ich könnte in einer anderen Stadt wieder auftauchen und dort von vorne beginnen – ich habe mich schon einmal neu erfunden, ich könnte es wieder tun. Ich trotte ins Badezimmer und wünsche mir inständig, ich wüsste etwas über die Bauweise von Häusern. Wenn ich die Toilette rausreiße, ist das Loch für mich dann groß genug, um hindurchzukrabbeln? Und will ich das wirklich tun? Dort unten muss jede Menge menschlicher Unrat herumschwimmen, und ich habe eine gewisse Würde, wie jeder andere auch.
Ich latsche in die Küche, wo sich mehrere Bodenfliesen gelockert haben, und entferne einige davon – darunter kommt ein massiver Betonboden zum Vorschein. Als ich mit dem Fuß den Boden untersuche, stelle ich fest, dass er wahrscheinlich zu dick ist, um ihn zu durchbrechen. Zumindest ohne elektrischen Bohrer.
Das Letzte, was ich will, ist, den Club zu verlassen, aber vielleicht kann ich für ein paar Monate untertauchen und später wieder dazustoßen – ohne Stalker.
Da klopft es an die Hintertür. Ich blicke erschreckt auf. Durch die Tür mit dem Fliegengitter kann ich meinen Verfolger erkennen. Aus der Nähe wirkt er noch größer, außerdem sieht er wirklich gut aus. Nicht so wie unser Chuck Norris, sondern gesund, mehr wie ich. Er weiß, dass ich zu Hause bin, darum hat es auch keinen Zweck, sich im Schlafzimmer zu verstecken und so zu tun, als wäre ich nicht da. Ich stehe, so scheint es, eine Ewigkeit einfach nur da. Erneut klopft er an die Tür. Ich gebe ein kleinlautes »Hallo?« von mir, und ich hasse es, wie man mir die Nervosität anhört.
»Bundesbeamter Kennet Wade. Wie Kenneth, nur ohne ›h‹. Haben Sie einen Moment Zeit?« Seine Stimme ist tief und kräftig.
»Nein. Tut mir leid. Hab ich nicht.« Was soll ich sonst sagen?
»Ich bin vom FBI«, sagt er, als wäre das der Schlüssel, mit dem sich jede beliebige Tür öffnen lässt.
»Vom was?« Ich versuche Zeit zu gewinnen, während ich wie angewurzelt dastehe, mitten in der Küche, umgeben von herausgerissenen Bodenfliesen.
»Das Federal Bureau of Investigation.«
»Oh... FBI...«
»Richtig. Kann ich reinkommen?«
»Werden Sie auf mich schießen?« Ich habe keine Ahnung, warum ich das sage, es rutscht mir einfach so raus. Wahrscheinlich weil ich damit rechne, erwäge ich doch ernsthaft abzuhauen.
Meine Frage bringt ihn aus dem Konzept.
»Auf Sie schießen?«
»Ich wollte sagen, äh... mich festnehmen... Werden Sie mich festnehmen? Das wollte ich sagen.« Himmel, ich bin so nervös, ich brabble wie ein Wasserfall.
»Würden Sie mich bitte einfach reinlassen?« Das Wort bitte überrascht mich. Und besänftigt mich. Auf Höflichkeit war ich nicht gefasst. Auch wenn ich weiß, dass das ein Fehler ist, aber Agent Kennet Wade fängt wirklich an, mir zu gefallen.
»Ich will Ihren Ausweis sehen, bevor ich Sie reinlasse.«
»Den kann ich Ihnen nur zeigen, wenn Sie die Tür öffnen.«
Darauf falle ich nicht herein. No, Sir. Doch nach fünf endlosen Sekunden ohne ein Wort werde ich schwach. Ich öffne die Tür einen Spaltbreit und spähe nach draußen. Agent Wade beugt sich ein wenig vor, dann hält er seinen Ausweis in die Höhe. Das Foto ist hübsch, und er ist gut getroffen. Meine Augen wandern zu dem Menschen aus Fleisch und Blut, und unsere Blicke treffen sich. Er hat strahlend blaue Augen, meine hingegen sind dunkel und samtbraun. Und noch ein Unterschied: Ich schaffe es nicht zu blinzeln. Meine Augen starren geradeaus, treten aus ihren Höhlen, werden immer größer und offenbaren jeden Zentimeter meiner Furcht und Schuldgefühle.
»Kann das nicht bis morgen warten? Ich bin echt müde.«
Agent Wade schüttelt ernst den Kopf. Er macht einen ziemlich autoritären Eindruck und ist außerdem nicht der Typ Mann, den ich einfach so abweisen möchte.
Nach weiteren endlosen und lähmenden Sekunden öffnet ich die Tür, trete zur Seite und lasse Agent Wade herein. Er benutzt ein ziemlich aufdringliches Afterhave, und ich frage mich, ob ich es mir ebenfalls leisten könnte.
Ich schließe die Küchentür hinter ihm. Verharre einen Augenblick und nehme all meinen Mut zusammen, dann drehe ich mich in seine Richtung. Er betrachtet die verstreuten Bodenfliesen.
»Ich habe Mäuse.« Agent Wade nickt, doch das scheint ihn nicht sonderlich zu interessieren.
Für einen Moment herrscht Stille. Ich bin mir nicht sicher, was ich sagen soll, und Agent Wade wirkt ebenfalls, als hätte er Probleme, seine Stimme wiederzufinden.
»Also... worum geht’s?« Ich gebe mir größte Mühe, ruhig und gefasst zu klingen.
Agent Wade will etwas sagen und zögert dann. Er schmunzelt in sich hinein, dann setzt er erneut an.
»Das ist nicht ganz leicht zu erklären...«
Ich mustere Agent Wade, er hat meine Neugier geweckt. Denn ich werde nicht schlau aus ihm.
»Wie soll ich das erklären? Ich äh... also... Ich weiß, was Sie tun.« Er blickt auf und mir direkt in die Augen. »Ich weiß, was Sie tun«, wiederholt er, für den Fall, dass ich den Sinn seiner Worte nicht erfasst habe.
»Sie meinen das Säubern der Käfige?«
»Nein. Das meine ich nicht.«
Ich weiß, dass er das nicht meint, aber ich darf jetzt nichts sagen, was mich in Schwierigkeiten bringen könnte, erst recht nicht, als ich bemerke, dass Agent Wade inzwischen wieder ruhiger und entschlossener wirkt.
»Tut mir leid, aber das ist alles, was ich tue. Käfige putzen.«
»Nein. Das ist nicht alles. Was dagegen, wenn ich mir eine anstecke?«
Agent Wade klopft sich eine filterlose Zigarette aus der Packung, und mir bleibt nichts anderes übrig, als zaghaft mit den Achseln zu zucken. »Schon gut... nur zu...«
Mit einem versilberten Feuerzeug, meinem ganz ähnlich, zündet Agent Wade sich seine Zigarette an. Den Rauch bläst er Richtung Decke, dann betrachtet er mich einen endlosen Moment lang. »Ich habe hier ein Standfoto von einer Überwachungskamera.«