Der Doktor und sein Fälscher - Alexander Emmerich - E-Book
Beschreibung

Angst geht um an der Mannheimer Universität: Während der Graduierungsfeier wird ein ehemaliger Privatdozent aus einem Fenster des Universitätsgebäudes gestoßen - er ist sofort tot. Am nächsten Morgen wird zudem auch noch der Hausmeister der Hochschule erschossen aufgefunden. Doch hängen die Morde wirklich zusammen? Eine heiße Spur führt die Kommissare Olivia von Sassen und Moritz Martin in die Heidelberger Altstadt ... Und unweigerlich drängt sich dem Ermittlerduo auch die Frage auf: Wer hat eigentlich diese ganzen gefälschten Doktorarbeiten geschrieben? Hier bringt Alexander Emmerich sein Insiderwissen über den akademischen Betrieb mit ein. Emmerich, Jahrgang 1974, hat selbst als Wissenschaftlicher Mitarbeiter gearbeitet und als Historiker in Heidelberg promoviert. Sein zweiter Krimi "Der Doktor und sein Fälscher" taucht tief ein ins Uni-Leben - und forscht nach, was seit dem Guttenberg-Skandal immer wieder für Rätselraten sorgt: Wer steckt hinter den Plagiaten von Doktorarbeiten, wie sie mittlerweile zuhauf aufgedeckt worden sind? Nach "Wut im Quadrat" der zweite Band der Krimireihe aus der Quadratestadt in der Metropolregion, die auch im Rhein-Neckar-Delta ihre Kreise zieht.

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Seitenzahl:268

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Alexander Emmerich

Der Doktor und sein Fälscher

ALEXANDER EMMERICH

DER DOKTOR UND SEIN FÄLSCHER

MANNHEIM-KRIMITeil 2

Alexander Emmerich, Jahrgang 1974, lebt in Mannheim und Paris. Während er im Zug zwischen beiden Städten pendelt, schreibt er Kriminalliteratur, Sachbücher, Drehbücher und Hörbücher. Er ist promovierter Historiker und lehrt an der Universität Mannheim.

Ähnlichkeiten mit Personen und Sachverhalten sind reiner Zufall und vom Autor nicht beabsichtigt. Mörder und Opfer sind frei erfunden.

Impressum

G. BRAUN

© 2014 G. Braun Telefonbuchverlage GmbH & Co. KG, Karlsruhe

Lektorat: Andrea Hahn, Literaturbüro am Cottaplatz, Marbach a. N.

Umschlaggestaltung: Röger & Röttenbacher GbR, r2 Büro für Gestaltung, www.roeger-roettenbacher.de

Umschlagbild: table/photocase.com

ISBN: 978-3-7650-2106-0

Dieser Titel ist auch als Print-Buch erscheinen: ISBN: 978-3-7650-8806-3

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes (auch Fotokopien, Mikroverfilmung und Übersetzung) ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Dies gilt auch ausdrücklich für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen jeder Art und von jedem Betreiber.

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Inhalt

prolog

erster tag

zweiter tag

dritter tag

epilog

prolog

Hass ist ein menschlicher Gefühlszustand, der durch eine heftige und anhaltende Antipathie ausgelöst wird. Er ist das Gegenteil von Liebe und reicht bis weit in die Abgründe der menschlichen Seele. Ausgelöst wird Hass durch Eigennutz, Neid, gekränkten Ehrgeiz, Eifersucht oder verschmähte Liebe. Er ist das Ergebnis einer tiefen Verletzung, der der Betroffene ohnmächtig gegenübersteht. Im Moment der Kränkung ist er seinem Gegenüber hilflos ausgeliefert. Sein Körper kennt dann nur eine Reaktion: Er lernt zu hassen. Der Wille, dem anderen zu schaden, brennt sich tief in die Seele ein.

Hass bezieht sich immer und ausschließlich auf Lebewesen. Dinge kann man nicht hassen, denn nur einem Lebewesen kann ein Mensch schaden wollen – nur dann vermengt sich Abscheu und Verachtung mit dem Trieb, jemanden unbedingt verletzen, ja, ihn nicht nur verletzen, sondern ihn voll und ganz auslöschen zu wollen.

Ein Mann schritt über den Paradeplatz und ging geradewegs auf die seit ihrer Gründung im Jahr 1967 im Mannheimer Schloss untergebrachte Universität zu. Als er die Quadrate verlassen hatte und an der vielbefahrenen Bismarckstraße stand, hielt er einen Moment inne und betrachtete das Farbenspiel am Firmament. Schon lange, seit seinem Studienbeginn, lebte er in dieser Stadt, doch im Herbst erstaunten ihn die Sonnenuntergänge über Mannheim jedes Mal aufs Neue. Besonders schön waren sie seiner Meinung nach im September, doch auch dieser Novembersonnenuntergang hatte es in sich.

Feuerrot glühte der Himmel über dem nahen Pfälzerwald, als seien seine Berge die Pforten zur Hölle. Jenseits des Höllenfeuers mischte sich ein tiefes, sattes Orange hinzu, wie man es sonst nur am Abendhimmel Afrikas vermuten würde. Das beeindruckende Farbenspiel am Himmel tauchte die gesamte Rheinebene bis weit in das französische Elsass hinein in eine warme und dennoch dunkle Atmosphäre. Schön und schauerlich zugleich war der Eindruck, dessen Abbild auch aus einer Oper von Richard Wagner hätte stammen können, schoss es ihm durch den Kopf.

Der Mann war fasziniert. Er ließ mehrere Grünphasen der Fußgängerampel vorbeiziehen und starrte weiter Richtung Westen in den Himmel. Die Sonne wirkte auf einmal nah, beinahe zu nah. Satt und vollgesaugt schwebte sie über dem fernen Neustadt, bis sie schließlich versinken und sich immer weitere purpurne Streifen durch das zurückbleibende Höllenfeuer ziehen würden. Er war über seine Assoziation selbst erstaunt. Die Hölle … Er schüttelte sich. Genau in diesem Moment sprang die Fußgängerampel wieder auf Grün, und er setzte seinen Weg zur Universität fort.

Viele Gebäude der Quadratestadt waren mittlerweile in ein warmes Orange gehüllt, doch besonders schön reflektierte das Schloss die Strahlen des Sonnenuntergangs. Es glühte wie ein Lagerfeuer, und seine Fenster flackerten im rötlichen Licht, was der Atmosphäre zusätzlich Wärme und Glanz verlieh. Der Winter stand unmittelbar bevor, daher genoss der Mann den Anblick.

„Irgendwie passend“, murmelte er, „heute werden noch einige ihren ganz persönlichen Sonnenuntergang erleben.“

Für einen Moment blieb er am Eingang zum breiten Ehrenhof stehen, der von der Universität u-förmig umklammert wurde. Hier hatte er früher unterrichtet, und hier hatte er ursprünglich Karriere machen wollen. Doch dann war vieles anders gekommen, als er es sich vorgestellt hatte. Irgendwann war er vor dem Nichts gestanden, und es hatte für ihn nur einen Ausweg gegeben.

Der Mann schaute um sich und nahm einen tiefen Atemzug der kalten Luft, die ihn erfrischte. Er war wieder hier. Und heute sollte die Nacht sein, auf die er seit Jahren hingearbeitet hatte.

Der Mann schritt weiter. Mitten vor dem Schloss blieb er erneut stehen, bückte sich und band sich die Schnürsenkel. Dabei fiel ihm unweigerlich Schiller ein: „Heute muss die Glocke werden, frisch Gesellen, seid zur Hand. Soll das Werk den Meister loben …“, er unterbrach sich selbst und grinste: „… und der Meister, das bin ich.“

Vor der im östlichen Gebäudeflügel eingerichteten Cafeteria saß zu seiner Linken eine Gruppe Studenten an kleinen Tischen. Sie genossen die letzten Sonnenstrahlen des Herbstes und tranken das letzte Weißbier der Saison. Die dunkle Jahreszeit stand an. Zu ihnen hatten sich einige Kommilitoninnen gesellt, die sich mit Sonnenbrillen und sommerlicher Kleidung viel zu dünn für die Jahreszeit angezogen hatten. Mit aller Gewalt wollten sie die Stimmung des Sommers konservieren. Der Mann seufzte: „In zwei Tagen seid ihr erkältet, und dann jammert ihr bis Mitte Mai.“

Vieles sah noch genauso aus wie vor sechs Jahren, als er hier seinen letzten Tag verbracht hatte. In Gedanken begrüßte er die Studierenden mit einem gehässigen Nicken. Dann drehte er seinen Kopf, blickte reihum von einem Flügel des Schlosses zum anderen und dachte selbstzufrieden: „Liebe Professorenkollegen, genießt die Ruhe vor dem Sturm!“

Schließlich streichelte er mit seiner freien Hand über den braunen Aktenkoffer, den er bei sich trug. Heute würde er hier an der Uni eine Bombe hochgehen lassen, die ihresgleichen suchte. Mit seiner Tat würde er die Universitätslandschaft für immer verändern und sich für das rächen, was ihm angetan worden war.

Er presste seine schmalen Lippen zusammen und formte mit seinen Mundwinkeln ein kaltes, müdes Lächeln. Noch einmal blickte er an sich hinunter. Alles war korrekt. Die Krawatte saß, und die Schuppen waren von seinen Schultern gewischt. Er war bereit.

Wenige Minuten später lief er die Treppen in eines der oberen Stockwerke hinauf, zu einer Person, die ihn wahrscheinlich am allerwenigsten erwartete. Er hatte sich nicht angemeldet, wie das sonst an der Universität üblich war. Früher hatte er sich immer gefragt, ob man sich bei den Professoren anmelden musste, damit diese ihre Termine auf dem Tennisplatz koordinieren konnten. Ja, so waren seine Kollegen. Sie litten an dem allseits bekannten DiMiDo-Syndrom und waren nur dienstags, mittwochs und donnerstags an der Uni anzutreffen. Den Rest verbrachten die Herrn Professoren angeblich mit eigener Forschung zu Hause. Wie jeder andere wusste auch der Mann, dass es schwarze Schafe gab, die seit Jahren nicht mehr geforscht oder publiziert hatten. Montags und freitags waren sie nicht an ihrem Schreibtisch, sondern zumeist beim Tennis- oder Golfspiel. Um die Universität kümmerten sie sich längst nicht mehr. Sie verwalteten ihre Plätze und blockierten den Aufstieg anderer. Seinen Aufstieg. Er war immer da gewesen, auch am Wochenende. Irgendwer musste schließlich die ganze Arbeit tun. Zu ihm hatten immer alle kommen können. Aber das hat an der Universität niemanden interessiert, auch sein Opfer nicht.

Obwohl er schon seit einigen Jahren nicht mehr an der Uni arbeitete, drehten sich seine ganzen Gedanken noch immer Tag für Tag um die kaputte akademische Karriere. Es war eine Qual. Er war süchtig nach Informationen über die Hochschule, und er wusste über den universitären Alltag Bescheid. Er kannte die neuesten Forschungsarbeiten, las Rezensionen, verfasste Aufsätze. Ja und er kannte, hier musste er lächeln, die Gewohnheiten seiner ehemaligen Kollegen. Er wusste, wann und wo sein Opfer an der Universität anzutreffen war. Er hatte es seit Jahren beobachtet und analysiert, um auf den heutigen Tag vorbereitet zu sein. Und heute Abend war das Opfer zugegen. Es rechnete nicht mit ihm und noch weniger mit seinem Vorhaben.

Keuchend war der Mann in den oberen Stockwerken angekommen. Er versuchte, tief zu atmen, denn aufgeregt wollte er nicht wirken. Daher wartete er eine Weile. Erst als er innerlich wieder ruhig und seiner Atmung nichts mehr anzumerken war, trat er an die Bürotür seines Opfers heran und riss sie mit einem gewaltigen Ruck auf. Das Opfer, das sich gerade am Schreibtisch befand, erschrak und stieß einen Schrei aus. Mit weit aufgerissenen Augen starrte es ihn ungläubig an. Ein Gespenst hätte es vermutlich nicht stärker schockieren können. Der Mann verhöhnte sein Opfer mit einem tiefen, künstlichen Lachen. Er genoss den Moment.

„Da bin ich wieder, und ich habe etwas mitgebracht!“, begann er.

Die Überraschung war geglückt. Dem Opfer hatte es die Sprache verschlagen. Der Mann blickte sich um. Er erinnerte sich, dass auch er einmal in diesem Zimmer gearbeitet hatte. Doch damals hatte er sich mit alten Möbeln begnügen müssen. Zwei Hiwis hatten zudem den Raum mit ihm geteilt. Er hatte sein Büro stets in Ordnung gehalten. Und das Chaos, in dem sein Opfer arbeitete, gefiel ihm nicht. Er ging einige Schritte auf den nagelneuen Designer-Schreibtisch zu und baute sich davor auf. Mit einer schnellen Armbewegung wischte er die Unterlagen von der Platte und sah seinem Opfer tief in die Augen.

„Hat man dir keinen Ordnungssinn beigebracht?“, fragte er eiskalt.

Nun fand sein Gegenüber die Sprache wieder.

„Sofort raus aus dem Zimmer, oder ich rufe die Polizei!“

„Glaube mir, die Polizei ist das Letzte, was du gleich sehen möchtest.“

Er nahm sich einen Stuhl und setzte sich seinem Opfer gegenüber.

„Was willst du?“, fragte es ängstlich.

„Du armer Tor, stehst hier und bist so klug wie je zuvor“, lachte der Mann.

Auf seine Faust-Einlage konnte das Opfer nichts antworten. Im Gegenteil, das Zitat verwirrte es.

„Heinrich, mir graut’s vor dir!“, bellte der Mann. „Das wäre die richtige Antwort gewesen.“

Er stellte sein Köfferchen auf dem Schreibtisch des Opfers ab und schob damit die restlichen Gegenstände, die sich dort befanden, rechts und links vom Tisch. Kugelschreiber, Locher und Büroklammern flogen davon. Eine Kaffeetasse, auf der das große Y der Yale-Universität prangte, zerbrach, und ein mit Gold überzogener Briefbeschwerer, der aussah, als stammte er aus den 1950er-Jahren, donnerte auf den Boden.

„Was willst du?“, fragte das Opfer abermals. Seine unsichere Stimme verriet, dass es Angst vor ihm hatte. Es ließ ihn gewähren. Mit den Füßen drückte das Opfer seinen Schreibtischstuhl so weit wie möglich nach hinten zur Wand, weg von dem Mann. Es krallte seine Hände in den Schreibtischstuhl, als säße es in einer Achterbahn gefangen. Doch die Augen beschrieben ein anderes Lied. Fieberhaft suchte das Opfer nach einem Ausweg.

Der Mann ließ sich auf einen der Stühle fallen, die am Schreibtisch standen, und lehnte sich zurück. Er schaute nach rechts und zuckte mit den Schultern, er schaute nach links und zuckte mit den Schultern. Er wartete mit seiner Antwort noch etwas und putzte mit zwei schnellen Griffen seine Brille. Daraufhin beugte er sich wie ein Märchenonkel über den Schreibtisch nach vorne, um möglichst nahe an sein Opfer heranzukommen.

„Ich will Gerechtigkeit“, sagte er in einem ruhigen, sachlichen Ton, als hätte er gerade in einem Copyshop zwanzig DIN-A4-Kopien bestellt. Mit der rechten Hand wischte er sich währenddessen ein paar frische Schuppen von der linken Schulter und lehnte sich wieder zurück. Erneut presste er die Lippen zusammen und bestätigte sich selbst mit einem Nicken. Schließlich legte er ein künstliches Grinsen auf, das seinem Opfer offenbar Unbehagen bereitete, denn es rutschte auf dem Stuhl herum. Er wiederholte seinen letzten Satz, langsam und eher für sich selbst.

„Ich will Gerechtigkeit.“

Grinsend öffnete er sein todbringendes Köfferchen.

Sein Opfer hielt den Atem an.

erster tag

Am gleichen Abend stand Kriminalhauptkommissarin Olivia von Sassen vor dem alten, großen und ovalen Holzspiegel, den ihr einmal ihre Großmutter vermacht hatte und den sie regelmäßig in alle Wohnungen mitschleppte, in denen sie mehr als drei Tage lebte. Bereits in ihrer Ausbildungszeit und auch in den beiden Berliner Wohnungen auf dem Prenzlauer Berg, in denen sie vor ihrem Umzug nach Mannheim gelebt hatte, war der Spiegel stets ihr Begleiter gewesen. Mit großer Sorgfalt hatte sie ihn vor einem halben Jahr hierhertransportiert.

Die letzten Monate waren wie im Flug vergangen. Im Frühsommer war sie gleich in ihren ersten Fall gestolpert, glücklicherweise hatte sie ihn gemeinsam mit ihrem Kollegen Moritz Martin schon nach wenigen Tagen lösen können. Seither war es verhältnismäßig ruhig in Mannheim. Verhältnismäßig im Vergleich zu Berlin, wo sie im Dauereinsatz gewesen war – bis man sie hatte versetzen müssen.

Der Spiegel stand am Ende des Ganges ihrer kleinen Wohnung, die in der Schwetzinger Vorstadt lag, und wirkte wie aus einem anderen Jahrhundert. Draußen wurde es allmählich dämmrig. Da Olivia das Licht im Flur noch nicht eingeschaltet hatte, war es um sie herum schummrig. Allmählich erkannte sie kaum noch ihr Spiegelbild.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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