Der Domino-Klub - Allen Upward - E-Book

Der Domino-Klub E-Book

Allen Upward

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Beschreibung

"Der Domino-Klub" ist ein fesselnder Kriminalroman, der den Leser in die geheimnisvolle Welt eines exklusiven Clubs entführt. In diesem packenden Thriller dreht sich alles um den rätselhaften Domino-Klub, dessen Mitglieder in London eine einflussreiche Rolle spielen. Als plötzlich ein Mitglied des Klubs unter mysteriösen Umständen stirbt, beginnt eine packende Suche nach der Wahrheit. Mit meisterhafter Spannung und geschickten Wendungen entfaltet sich eine Geschichte voller Intrigen, Verrat und unerwarteter Enthüllungen. Allen Upward entführt die Leser in eine Welt voller Geheimnisse und unerwarteter Wendungen. Der Leser wird mitgerissen von der Atmosphäre des Londoner Nachtlebens und den dunklen Machenschaften, die hinter den glänzenden Fassaden lauern. "Der Domino-Klub" ist ein Meisterwerk des Kriminalromans, das mit seinem cleveren Plot und seinen faszinierenden Charakteren fesselt. Für Liebhaber von spannenden Geschichten und raffinierten Krimis ist dieses Buch ein absolutes Muss.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Allen Upward

Der Domino-Klub

Kriminalroman
Übersetzer: Otto Albrecht van Bebber
e-artnow, 2024 Kontakt:

Inhaltsverzeichnis

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Inhaltsverzeichnis

Ich hatte mich gerade in die Halle des vornehmen, unweit des Britischen Museums gelegenen Hauses geschlichen, als mein Ohr durch das gedämpfte Schrillen des Telephons über mir erschreckt wurde. Ob es das erste Alarmzeichen war oder der Nachfolger von anderen, vermochte ich nicht zu beurteilen. Vorsichtig und dennoch so schnell, wie es die Situation erlaubte, schob ich den Haustürriegel vor und begann auf Zehenspitzen die Treppen emporzujagen. Das Nachttelephon befand sich neben meinem Bett im zweiten Stockwerk, und im gleichen schlief auch Sir Frank Tarleton. Wenn es mir nicht gelang, mein Zimmer zu erreichen und jenes hartnäckige Klingeln zu beschwichtigen, ehe es durch Sir Franks Schlummer drang, lief ich Gefahr, daß er herauskam, um nachzusehen, weshalb ich nicht antwortete. Und nicht für alles in der Welt wünschte ich, daß er mich zu einer Stunde, da schon das Tageslicht die einsamen Straßen überschwemmte, in sein Haus zurückkehren sah.

Etwas Drohendes lag in diesem unaufhörlichen Ruf, der mit jedem Schritt, den ich tat, lauter und lauter in meinen Ohren widerhallte. Es schien, als ob der unbekannte Störenfried von meiner heiklen Lage wisse und gesonnen sei, mich bloßzustellen. Ich packte das Geländer fester, während ich diese endlosen Treppen im Dunkeln hinaufkeuchte und mein Hirn gleichzeitig nach einer eventuellen Entschuldigung für meine Pflichtwidrigkeit suchte, deren ich mich schuldig gemacht hatte, indem ich die Nacht anderswo zubrachte. Denn der wahre Grund durfte niemals über meine Lippen kommen.

Die Finsternis ringsum schien unter dem erbarmungslosen Geläut dort droben zu vibrieren. Meine Knie zitterten, und mein Herz setzte fast aus, als ich den letzten Treppenkopf erreichte. Angstvoll suchten meine Augen die Tür, hinter der der große Arzt schlief. Dem Himmel sei Dank – kein Zeichen, daß er aufgescheucht worden war! Jetzt nur noch drei blitzschnelle Schritte bis zu meiner eigenen Tür, und nie würde Sir Frank von meinem nächtlichen Ausflug erfahren.

Endlich war ich von den Folterqualen der Angst erlöst. Noch atemlos nahm ich den Hörer ab.

»Hier Inspektor Charles von Scotland Yard«, klang es grimmig über den Draht. »Mit wem spreche ich?« Ein Anruf der Polizei, selbst zu mitternächtlicher Stunde, war kein Grund, mich in Unruhe oder Sorge zu versetzen. Tarleton, den das Ministerium des Innern mit einem schrankenlosen Vertrauen auszeichnete, wie sich dessen kein anderer Sachverständiger rühmen konnte, galt als die größte lebende Autorität in bezug auf Gifte, und das Studium ihrer mysteriösen Geschichte bewog ihn, in der unmodernen Nachbarschaft des Britischen Museums zu leben. Auch in des Inspektors vorsichtiger Frage lag nichts Ungewöhnliches. Sehr vielen der Anrufe, die diesem schlichten Hause in dieser stillen Londoner Ecke galten, wohnte eine gewisse Heimlichkeit inne, und man vergewisserte sich vorher gern, mit wem man verhandelte.

Mechanisch formten meine Lippen die übliche Antwort: »Dr. Cassilis, Sir Frank Tarletons Assistent. Der Doktor schläft.«

Eine Pause, die mich keineswegs verwunderte. In den ersten Wochen, die ich unter dem Dach des großen Gelehrten verlebte, hatte ich mich an derartige Pausen gewöhnt. Wenige von denen, die seine Dienste benötigten, liebten es, ihre Angelegenheiten einem Stellvertreter zu enthüllen.

»Bitte, wecken Sie ihn umgehend. Dienstsache.«

Trotz dieser lakonischen Entschiedenheit verspürte ich keine Neigung, so rasch die Segel zu streichen. Dienstsache? Was hieß Dienstsache? ... Ich befand mich genau so gut im Staatsdienst wie mein Chef, und mir, nicht aber einem Kriminalinspektor lag die Entscheidung ob, wer für den Fall in Frage kam. Dabei begann ich, hastig meine Kleider abzustreifen, um gegebenenfalls Tarleton wecken zu können. Und während die eine Hand den Hörer festhielt, nestelte die andere an Kragen und Kravatte.

»Meine Instruktionen lauten, Sir Frank nicht früher zu stören, bis ich mich überzeugt habe, daß die Sache dringlich ist und sein persönliches Eingreifen erfordert«, erwiderte ich fest. »Daher muß ich Sie bitten, mir etwas mehr zu sagen.«

Abermals eine Pause, die ich zur Entfernung von Rock und Weste benützte. Doch das erste Wort, das mir der Draht dann zutrug, war so schwerwiegend, daß der Hörer beinahe meinen Fingern entglitt.

»Ich spreche vom Domino-Klub aus, Tarifa Road, Chelsea. Heute nacht hat man hier einen Maskenball veranstaltet, und einer der Tänzer wurde tot, offenbar vergiftet, aufgefunden.«

Kaum, daß ich einen Schrei der Bestürzung unterdrückte! Denn um dieses Klubs willen, mit seinem bösen Ruf und seinem seltsamen Gemisch von Eleganz und Verworfenheit, hatte ich diese Nacht meinen Posten verlassen, hatte mich mit einer unbekannten Menge unter jenen abgedämpften Lichtern und in jenen verhangenen Nischen gedrängt, die man irreführend Atelier nannte. Ah, wie die Szene jener Stunden nach Mitternacht vor meinem Auge erstand – das Gewoge lüsterner, durch schwarze Seidenmasken geschützter Gesichter unter den roten Seidenschirmen, das bizarre Durcheinander – von Mönchen und Kreuzfahrern, Columbinen und Königinnen, Pierrots und Zigeunerinnen, das Rascheln von Seide, das Klirren von Schwertern und Armreifen und das unaufhörliche Gewisper, das mich an Miltons Versammlung gefallener Engel gemahnte, die jäh das Sprachvermögen einbüßen und sich in zischende Schlangen verwandeln.

Beim Kommen und Gehen hatte ich die größte Vorsicht walten lassen, und daher war es höchst unwahrscheinlich, daß meine Anwesenheit dort je entdeckt werden würde. Nichtsdestoweniger legte sich eine beklemmende Furcht auf mein Herz. Es kostete mich Mühe, dem Inspektor, der so unerwartet ein Gespenst jener Lustbarkeit heraufbeschworen hatte, Rede und Antwort zu stehen. Nun hieß es, keinen Fehler zu begehen und vor allem jedes Anzeichen, daß ich die Nacht nicht in meinem Bette zugebracht hatte, zu tilgen.

»Deshalb kann ich leider Sir Frank nicht wecken«, entgegnete ich, indem ich rasch mein Hemd aufknöpfte. »Es scheint mir ein Fall zu sein, für den meine Mitarbeit genügt. Sind besondere medizinische Symptome vorhanden? Was sagte der Revierarzt?«

Endlich gestand Inspektor Charles den wahren Grund, weshalb er so inständig nach meinem Chef verlangte. »Ich habe den zuständigen Revierarzt noch nicht benachrichtigt. Die Todesursache dürfte eine einfache Opiumvergiftung sein, vielleicht Selbstmord. Aber der Fall muß wegen einiger hochgestellter Persönlichkeiten, die in dem Klub verkehrten, nach Möglichkeit geheimgehalten werden. Auch ein ausländischer Prinz, Angehöriger eines regierenden Hauses, soll den Ball heute nacht besucht haben ...«

Jetzt hatte ich genug gehört, um zu wissen, daß es ein Fall für Tarleton selbst sei. Im stillen aber segnete ich die fremde Königliche Hoheit, um deretwillen der Fall wohl ziemlich vertuscht werden würde, was fraglos auch mir zugute kam.

Ich bat den Inspektor, zu warten, schlüpfte in Pyjama und Schlafrock, richtete einen Wirrwarr in meinen Haaren an, um mir das Aussehen eines just aus dem Schlaf Gerissenen zu geben, und wagte nun endlich, vor das Angesicht meines verehrten Chefs zu treten.

Doch als ich auf den Korridor hinaustrat, wartete meiner ein neuer Schreck. Unter der schräg gegenüberliegenden Tür sah ich eine feine Lichtlinie hervorquellen: Sir Frank Tarleton war wach.

Kein Mensch kann mir, glaube ich, wegen der Gefühle, die mich in jenen verzweifelten Momenten beherrschten, Feigheit vorwerfen. Nicht nur meine Laufbahn stand auf dem Spiele – nein, es gab noch besondere Umstände, durch die meine heuchlerische Verstellung doppelt schändlich wurde. Sie gingen zu dem Tage zurück, als ich Tarletons Vorlesungen über gerichtliche Medizin zu besuchen begann. Ich hatte bereits meinen medizinischen Doktorgrad an der Londoner Universität erworben, mit der Absicht, mich auf Analysen zu spezialisieren, und was konnte mir dabei besser zustatten kommen als Sir Franks einzig dastehende Kenntnisse über Gifte? Vom ersten Kolleg an würdigte er mich einer wohlwollenden Beachtung – vielleicht auf Grund meiner Zeugnisse –, lud mich ein, ihn zu besuchen, und gewährte mir Eintritt in seinen engsten Freundeskreis. Dann, bei Beendigung des Jahreskursus, überraschte er mich durch ein Anerbieten, das meine kühnsten Hoffnungen überstieg.

Heute noch sehe ich ihn vor dem Kamin des dämmerigen Sprechzimmers im Erdgeschoß stehen, eine untersetzte Gestalt mit einem ungemein klugen Gesicht, das ein Schopf grauer Haare krönte. Seiner Gewohnheit getreu ließ er seine kostbare goldene Repetieruhr an ihrem schäbigen schwarzen Seidenbande hin und her baumeln.

»Ich habe mich entschlossen, einen Assistenten zu nehmen, Cassilis«, eröffnete er mir. »Obwohl mich meine Arbeit so lebhaft wie immer interessiert, will ich mich als Sechzigjähriger ein bißchen schonen und nicht mehr bei Nacht und Nebel aus dem warmen Bette springen, weil irgendeine cholerische, gallenleidende Herzogin sich einbildet, man habe ihre französische Kammerfrau bestochen, sie zu vergiften. Und ich habe dem Innenministerium – es ist Ihnen wohl bekannt, daß ich sein erster Sachverständiger bin – klipp und klar gesagt, daß ich es satt habe, heute nach Cornwall und morgen nach Cumberland zu reisen, sobald irgendein Gerichtsarzt angesichts eines einfachen Strychnin- oder Arsenikfalles konfus wird. Das ziemt sich für einen jüngeren Mann.«

Jetzt wies die goldene Uhr auf mich.

»Sir James Ponsonby, der ständige Unterstaatssekretär, hat mir einen Gehilfen bewilligt, und ich habe Sie vorgeschlagen.«

Brüsk brach er ab, und seine scharfen Augen beobachteten unter dem buschigen Augenbrauengewölbe hervor die Wirkung seiner Worte. Ich aber rang nach Atem – genau wie jetzt. Im Alter von fünfundzwanzig Jahren sollte ich aus der großen Menge namenloser junger Mediziner mit einem Satz zu einem Posten emporfliegen, der an sich schon märchenhafter Erfolg war und zudem ungeahnte Möglichkeiten bot? ...

Meine Antwort muß sehr unzusammenhängend ausgefallen sein. Jedenfalls unterbrach Tarleton sie mit einem Vorwärtsschnellen seiner Golduhr, so daß ich beinahe den Kopf duckte.

»Ich werde Ihnen ein gutes Gehalt zahlen, doch die meisten Leute unseres Berufs würden dies als ein zweifelhaftes Kompliment betrachten, wenn ich als Grund angebe, daß Sie mir ein junger Mann mit Gedanken und Vorstellungskraft zu sein scheinen, Cassilis. Und das ist es, was ich bei meiner Arbeit benötige. Es handelt sich bei mir nicht um richtige Doktorarbeit, sondern ebenso sehr um Detektivarbeit. Nicht nur nach Symptomen muß ich Ausschau halten, nein, auch nach Motiven. Im Laufe eines Jahres habe ich mich vergewissert, daß Sie selbständig denken und nachsinnen können – sozusagen geistig spekulieren. Spekulation aber ist der Hauptschlüssel der Wissenschaft, obwohl alle mittelmäßigen Geister es verschreien. Da ihnen selbst jede Einbildungsfähigkeit abgeht, möchten sie diese jedem verwehren.«

Er hatte mit einer gewissen Bitterkeit gesprochen, die ich verstand. So rückhaltslos man auch seine überragende Autorität anerkannte – Beliebtheit genoß Tarleton im medizinischen Beruf nicht. Spät erst und widerwillig war ihm die Baronetswürde verliehen worden. Vielleicht erkannte er in mir etwas, was ihn an seine eigene Jugend erinnerte, und hatte einen großmütigen Entschluß gefaßt, meinen Weg zu ebnen. Unbedingt glich sein Verhalten mir gegenüber eher dem eines Vaters als dem eines Brotgebers.

Noch viel mehr sagte er mir in jener Stunde, das sich meiner Seele unauslöschlich eingeprägt hat.

»Wenn Sie mir in meinen wichtigsten Fällen assistieren und – was ich hoffe – Ihre Fähigkeit beweisen wollen, einmal mein Nachfolger zu werden, müssen Sie lernen, diskreter zu sein als in allen anderen Lebensumständen. Es werden sich Ihnen Geheimnisse enthüllen, die die Ehre großer Familien bloßstellen; Männer in den höchsten Stellungen werden Ihnen auf Gnade und Ungnade ausgeliefert sein; die Sicherheit des Staates selbst mag bisweilen von Ihrer Verschwiegenheit abhängen. Ich kenne zum Beispiel einen Mann, der – im Oberhaus sitzend – seine Pairswürde einem unbekannten Mord verdankt; und was mehr ist: der Betreffende weiß, daß ich eingeweiht bin. Ich habe es mir zur Regel gemacht, nie eine Gesellschaft zu besuchen, wo ich Gefahr laufe, ihm zu begegnen, und er trifft die gleichen Vorsichtsmaßregeln. Wenn er aber jemals denken sollte, daß nur mein Tod seine Sicherheit verbürgte, würde er mich ohne Zögern aus dem Wege räumen, wie er seinen Neffen aus dem Wege geräumt hat – einen reizenden zwölfjährigen Knaben.«

Zweifellos hatte Tarleton meine Veranlagung genügend abgeschätzt, bevor er mich zu seinem Assistenten erkor, und ahnte sicher, daß mich solche Andeutungen eher reizten als abschreckten. Mein Blut wallte auf bei der Aussicht, die sich mir eröffnete. Die Tage Richards III. und des Blutigen Tower schienen wiedergekommen zu sein. Und ich durfte hinter den Kulissen tätig sein? Den mitternächtlichen Mörder bei seiner Freveltat im Herzen des modernen Londons aufspüren und sogar in der Umgebung der Paläste? ...

»Ich will Ihnen nicht verhehlen«, fuhr mein gütiger Chef fort, »daß sich Ihrer Ernennung starke Widerstände entgegenstellten. Sir James Ponsonby verfocht den Standpunkt, Sie seien zu jung, um mit solch schwerer Verantwortung betraut zu werden. Sie können sich nicht wundern, daß das Ministerium gewisse Vorsichtsmaßregeln getroffen hat. Ich schlug Ihren Namen bereits vor einem Monat vor, und gestern erst erhielt ich die Erlaubnis, Ihnen mein Anerbieten zu unterbreiten. Daß Sie in der Zwischenzeit unter Beobachtung standen, unterliegt für mich keinem Zweifel.«

Dies war der Teil der Unterhaltung, dessen ich mich in jener Nacht, als ich wie toll der anklagenden Telephonklingel entgegenhetzte, am lebhaftesten entsann.

Ich empfand weniger Bestürzung als vermutlich die meisten jungen Männer meines Alters – insonderheit die meisten Mediziner meines Alters – empfunden haben würden, als ich erfuhr, daß mein Leben einen vollen Monat lang unter dem Mikroskop gelegen hatte. Ernstliches hatte ich mir nicht vorzuwerfen. Die Erinnerung an eine verschwiegene Liebesaffäre – eine unglückliche – wirkte genügend in mir nach, um mich vor den gefährlichsten Fallen, die das Leben für die Jugend aufstellt, zu bewahren. Mein Glück wollte ferner, daß ich niemals Alkohol gekostet – und auch niemals Verlangen trug, ihn zu kosten – und imstande war, mit einer Tasse starken Kaffee vor mir inmitten der ausgelassensten Gesellschaft zu sitzen. Fast glaube ich, daß dieses ungewöhnliche Verhalten Sir James Ponsonbys Bedenken zerstreute. Dem Spiel vermochte ich ebenfalls keinen Geschmack abzugewinnen, und das edle Tier, das Pferd, und seine Leistungen auf dem grünen Rasen ließen mich kalt. Mein wirkliches Laster war die Liebe für Erregung um ihrer selbst willen. Ein Boxkampf hatte mehr Anziehung für mich als hundert Cricketpartien, und auf der Suche nach Sensation geriet ich in das Nachtleben Londons. Das Geheimnis stiller Straßen und schattenhafter Höfe tat es mir an. Wie Stevenson fühlte ich, daß das Leben eine Reihe von Abenteuern, beginnend in Leicester Square, sein sollte. Der Presseklub und der Kunstklub von Chelsea wurden die beiden Pole meiner romantischen Sphäre, und ich verkehrte in der Gesellschaft von Menschen, die mir ein viel geheimnisvolleres Leben zu führen schienen als ich.

»Sir James Ponsonby knüpfte an Ihre Ernennung allerdings eine Bedingung, Cassilis«, hörte ich Tarleton sagen, wobei die Schwingungen seiner Uhr plötzlich stoppten. »Er verlangt, daß Sie bei mir wohnen. Ein Telephon soll in Ihrem Schlafzimmer angebracht werden, damit Sie die Nacht anrufe entgegennehmen und mich nur wecken, wenn es wirklich nötig ist.«

O weh, das bedeutete ein Aufgeben meiner persönlichen Freiheit, ein Verzichten auf meinen Umgang mit dem Völkchen der Künstler und Schriftsteller, bedeutete ein streng geregeltes Leben unter Tarletons Dach und Aufsicht. Mein Hauptbeweggrund, die Laufbahn eines Analytikers jener des praktischen Arztes vorzuziehen, war die größere. Freiheit gewesen, die ich so genoß. Mir hatte vor der Idee gegraut, mich in einer Provinzstadt oder auf dem Lande niederzulassen, wo ich mich einem genau eingeteilten Tageslauf anpassen, Sonntags im schwarzen Rock zur Kirche gehen, mich für eine politische Partei entscheiden und allen Regeln der Schicklichkeit beugen mußte. Beinahe ebenso schmerzlich würde, es für mich sein, meinem lustigen Kreis von Journalisten, Malern und Bildhauern Valet zu sagen und allabendlich unter dem wachsamen Auge meines Chefs gerade dann unter die Bettdecke zu schlüpfen, wenn der wirkliche Tag begann.

Ich glaube, Sir Frank fühlte ein gewisses Mitleid mit mir, obwohl seine Klugheit ihn hinderte, es in Worte zu fassen.

»Ein Mann muß sich darauf gefaßt machen, daß man ihn nach der Gesellschaft, die er aufsucht, beurteilt«, bemerkte er anzüglich. »Sie können dem Ministerium wirklich nicht zumuten, Cassilis, sich behaglich zu fühlen bei dem Gedanken, daß es wichtige Geheimnisse einem jungen Mann anvertraut, der seine Nächte in – ich will nicht sagen anrüchiger Gesellschaft – immerhin aber in Kreisen verbringt, wo auch manche Abenteurer zu finden sind. Sehen Sie, mein junger Freund, eine solche günstige Gelegenheit bietet sich Ihnen bestimmt nicht wieder. Greifen Sie zu. Sie müssen vergessen, daß Sie ein Genie sind, und etliche Jahre Ihren Nacken in das Joch stecken. In dieser Zeit wird sich Ihr Ruf genügend gefestigt haben, daß Sie innerhalb vernünftiger Grenzen tun dürfen, was Ihnen beliebt. Ich hoffe, Sie vertrauen sich mir an.«

Natürlich tat ich es. Er hatte mich zum Ministerium des Innern mitgenommen, mich dort feierlich dem Unterstaatssekretär vorgestellt, und etliche Tage später erhielt ich meine Bestallung.

Vielleicht dünkte mich meine Tätigkeit seither ein bißchen enttäuschend. Nachtrufe kamen nur noch selten vor; sie waren nach dem ersten oder zweiten Monat weniger geworden, als ob Tarletons Klienten oder Patienten – ich bin mir nicht ganz klar, welcher Name besser zutrifft – herausgefunden hätten, daß er nicht mehr aufstand, sofern ich mich dem Fall gewachsen fühlte. Die meiste Zeit hatte ich im Laboratorium in der Montague Street verlebt, unter Sir Franks Leitung Analysen vornehmend und mein Wissen über seltene Gifte ergänzend, von denen er wahrscheinlich die schönste und reichhaltigste Sammlung auf diesem Erdenrund besaß. Wirklich sensationelle Fälle, durchwoben von Mysterium und kriminellem Verdacht, waren mir vor jenem verhängnisvollen Anruf aus dem Domino-Klub nicht beschert worden.

Aber ich wagte die Botschaft Sir Frank nicht länger vorzuenthalten. Jede Verzögerung konnte die Sachlage nur verschlimmern. Entschlossen durchquerte ich den Korridor und klopfte an die geschlossene Tür.

»Herein!« klang es unmittelbar danach.

Ich gehorchte, sah mich der vollen Lichtflut der elektrischen Krone ausgesetzt, während Tarleton aufrecht im Bett saß, die geliebte Repetieruhr in der Hand.

»Vor neun Minuten hörte ich das Telephon zum ersten Male, Cassilis. Sie haben sich reichlich Zeit gelassen, ehe Sie es beantworteten«, rügte er mit gefurchter Stirn.

2

Inhaltsverzeichnis

Anstatt mich zu entschuldigen, hielt ich es für besser, schleunigst Bericht über die Vorfälle im Domino-Klub zu erstatten, in der Hoffnung, daß seine Gedanken hierdurch von meiner Person abgelenkt würden.

»Ein Fall von Inspektor Charles pflegt fast immer auch ein Fall für mich zu sein«, lautete das Urteil des greisen Arztes, als ich geendet hatte. »Doch das wußten Sie nicht.« Im nächsten Moment stand er schon vor dem Bett. »Richten Sie ihm bitte aus, daß ich sofort kommen werde, und bestellen Sie meinen Wagen. Und dann machen Sie sich ebenfalls so schnell wie möglich fertig.«

Ich brauchte keinen Ansporn zur Eile. Fiebernd sehnte ich mich nach dem Schauplatz jenes Maskengetümmels zurück, um zu erfahren, was sich dort zugetragen hatte. Ich beglückwünschte mich zu der geübten Vorsicht: in meinem gewöhnlichen Anzug war ich von Sir Franks Haus fortgegangen und genau so gekleidet heimgekehrt. Keine Seele im Domino-Klub – mit Ausnahme des Mitglieds, dem ich die Eintrittskarte verdankte – ahnte meine Identität; Entlarvung drohte mir nach menschlichem Ermessen demnach nicht. Aber es galt ein gefährliches Spiel zu spielen – mit Tarleton als gefährlichem Gegner. Und ungeachtet seiner Güte und Freundlichkeit für mich zitterte ich bei dem Gedanken, in das Bereich seiner unheimlichen Fahndungsgabe zu kommen.

Sobald ich Inspektor Charles verständigt und einen Topf mit Kaffee auf die kleine Spiritusmaschine gestellt hatte, tauchte ich meinen Kopf in kaltes Wasser. Dann rasch wieder in die eben erst abgestreiften Kleider hinein! Als mein Chef sein Zimmer verließ, konnte ich, fix und fertig, ihm eine dampfende Tasse Mokka anbieten und wurde durch das Behagen, mit der er sie austrank, für meine kleine Mühe belohnt. Ich nahm ihm die viereckige Ledertasche ab, die alles enthielt, was für die Behandlung eines Giftfalles in Frage kam, und ständig in seinem Schlafzimmer bereit stand, und schritt neben ihm die Treppe hinunter.

Unten vor der Haustür wartete schon der Wagen. Während wir dann durch die Straßen rollten, in denen sich gerade die ersten Anzeichen des morgendlichen Lebens regten, teilte mir Tarleton Näheres über die Persönlichkeit von Inspektor Charles mit.

»Er ist ein ehemaliger Offizier und sieht es nicht ungern, wenn man ihn Captain Charles nennt. Nebenher ist er auch der jüngere Sohn eines Peers. Da seine Familie albern genug ist, seinen Dienst bei der Polizei als unvereinbar mit der Ehre eines adligen Sprößlings zu finden, verschweigt er aus Rücksicht auf diese verbohrten Angehörigen seine Abstammung meist. In Scotland Yard ist sie natürlich bekannt, und deshalb verwendet man ihn bei allem, was in die gute Gesellschaft hineinspielt. Vermutlich wähnt man, daß er unter diesen hohen Herrschaften gut Bescheid weiß. Aber wenn Sie mich fragen, Cassilis, so sage ich Ihnen, daß ein erfahrener Kammerdiener zehnmal mehr weiß. Sie werden in Charles einen aufrechten, korrekten, gewissenhaften Menschen finden, doch erwarten Sie nur nicht, daß er einen Zoll über seine eigene Nase hinaussieht.«

Dies letztere tröstete mich. Aber leider gaben mir die nächsten Worte meines Chefs einen schrecklichen Stoß. »Eigentlich müßten Sie, Cassilis, doch imstande sein, mir ein bißchen über unser Ziel zu erzählen. Domino-Klub! Das klingt wie diese Nachtvergnügungen, die das Ministerium so unpassend für meinen künftigen Assistenten fand.«

Wie sich aus dieser Klemme ziehen? ... Die Wahrheit zu sagen, schied von vornherein aus. Weniger um meinetwillen als um einer anderen Person willen mußte meine Teilnahme an diesem verhängnisvollen Maskentrubel verschwiegen bleiben. Und schon stand ich im Begriff, jegliche Bekanntschaft mit dem Klub rundweg zu leugnen, als mir einfiel, daß vielleicht irgendeine unbewußte Bewegung, irgendeine gedankenlose Bemerkung dem scharfsichtigen Tarleton später verraten könnte, daß mein Fuß die Schwelle dieses fragwürdigen Lokals doch schon überschritten hatte.

»Ja«, erwiderte ich langsam, »jetzt, da Sie davon sprechen, erinnere ich mich eines dort verlebten Abends. Jeder der Anwesenden trug eine Maske und irgendein Kostüm. Man munkelte, es sei ein Ort, wo Leute von höchstem Rang sich amüsierten und austobten ... Gerichtspräsidenten, Minister, Aristokraten und so weiter.«

Nach einer Viertelstunde hielt der Wagen in einer der altmodischen Straßen von Chelsea, vor dem Eingang eines sonderbaren Gebäudes oder besser einer Gruppe von Gebäuden, die den Namen Vincent-Ateliers trugen.

Die Räumlichkeiten ähnelten einem Kaninchenbau. Ein paar Stufen führten vom Straßenpflaster abwärts in eine dunkle, höhlenartige Halle, die an drei Seiten zahlreiche Türen aufwies. Hinter den meisten dieser Türen befanden sich Ateliers von Künstlern – etliche mir persönlich bekannt; Ateliers, so höhlenartig, wenn auch nicht ganz so dunkel wie die Halle. An ihrer hinteren Querwand führten riesige Glastüren in verwunschene Gärten oder gartenähnliche Höfe, überwuchert von Kresse und anderen Pflanzen, die den Ruß und den Schmutz der Vorstädte Londons zu lieben scheinen. Als Abschluß lagerten ganz hinten riesige Stapel Bauholz, wie eine Bergkette, die eine Landschaft begrenzt. Irgendein längst vergessener, vielleicht schon vermoderter Bauherr hatte es hinterlassen, und da es von den Erben nie entdeckt worden war, blieb es jahraus, jahrein ein Besitztum der Ratten.

Am Ende der Eingangshöhle las man auf zwei nebeneinander liegenden Türen noch den Namen zweier Künstler, von denen der eine, unlängst siegreich in die Akademie eingezogen, seine Schaffensstätte in die sonnigere Region von Bedford Park verlegt hatte, während der andere den Pinsel mit einer größeren Profit versprechenden Waffe vertauschte. Lediglich die Eingeweihten wußten, daß die Tür mit der Aufschrift »J. Loftus, Kunstmaler« jetzt zum Domino-Klub führte. Die Nachbartür – nur oberflächlich von dem Namen James Yelverton befreit – diente als Lieferanten- und Personaleingang für den Klub. Ferner benutzten sie solche Mitglieder, die aus irgendwelchen Gründen sich nicht in Karnevalskostümen durch die Straßen wagten. Mit Rücksicht auf diese Herrschaften waren kleine Ankleidekabinen eingerichtet worden, in denen sie sich von grauen Motten in glänzende, farbenfreudige Schmetterlinge verwandeln und wieder zurückverwandeln konnten.

Vor dem Klubeingang stand breitbeinig ein Kriminalpolizist, der Sir Frank respektvoll grüßte.

»Inspektor Charles werden Sie drinnen finden, Sir«, sagte er, die Tür für uns aufreißend.

Ein schmaler Gang mit vielen Kleiderhaken nahm uns auf, und die Tür an seinem Ende führte direkt in den Tanzsaal.

Das ehemalige Atelier hatte sich eine Dekoration gefallen lassen müssen, die fraglos Träume von Arabischen Nächten heraufzaubern sollte. Ansichten maurischer Arkaden und plätschernder, von Palmen und Oleander beschatteter Springbrunnen waren auf die Wände gemalt. In gewissen Zwischenräumen ragten hölzerne Säulen empor, um Vorhänge von gestickter Gaze zu tragen, die diese so gebildeten Nischen halbwegs den Blicken der Tanzenden entzogen. Der ganze Saal wurde noch von dem Schein einer Reihe roter Laternen übergossen. Aber durch eine jetzt weitgeöffnete Glastür drang gleichzeitig das Tageslicht herein, und wo es hinfiel, bekam der rötliche Lampenschein etwas Verstörtes, Gespensterhaftes. Er mutete an wie das Antlitz einer alten Frau, von dem die Schminkschicht in Streifen abgeschält war, so daß die Runzeln und scharfen Knochen erbarmungslos hervortraten.

Inspektor Charles, groß und stattlich, in seiner ganzen Erscheinung Gesetz und Ordnung versinnbildlichend, winkte uns mit feierlicher Geste nach einem verhangenen Alkoven, ganz nahe der Gartentür.

Vor diesem Moment hatte ich gebangt. Aber ich zwang meinem Gesicht eine gleichmütige Maske auf, als ich hinter meinem Chef die Nische betrat. Auf einem niedrigen Diwan lag eine Gestalt im Gewand eines Inquisitors. Die schwarze Robe umschloß ihn in schön geordneten Falten, jedoch die spitze Haube mit den beiden Augenschlitzen war über den Kopf zurückgestreift und gab das Gesicht frei. Ein fesselndes Gesicht, fesselnd in jeder Weise; das Gesicht eines Mannes, den ich auf achtundvierzig bis fünfzig Jahre schätzte. Eine gut gewölbte Stirn, die auf Intelligenz schließen ließ; die Augen, weit geöffnet und glasig im Tode, hatten sicher im Leben scharf und durchdringend geblickt. Nase und Kinn wie von dem Meißel eines schönheitsdurstigen Künstlers geformt; nur die Lippen – überreife Früchte – deuteten etwas Böses an, das die Würde und Kraft der sonstigen Züge Lügen strafte. Ich prüfte die ruhende Gestalt mit schmerzhafter Neugier. Nur allzu gut kannte ich das Kostüm. Im Laufe der verflossenen Nacht hatte ich überreichlich Gelegenheit gehabt, es zu bemerken. Aber das Gesicht war mir ebenso fremd wie meinen beiden Gefährten. Selbst die Augen, infolge des Rauschgiftes unnatürlich geweitet, schienen wenig Ähnlichkeit mit denen zu haben, die vor einigen Stunden durch die schwarzen Seidenschlitze gespäht hatten.

»So, wie Sie ihn hier sehen, ist er gefunden worden«, wandte sich Inspektor Charles an meinen Chef, »als man kam, um die Lichter in der Nische abzudrehen. Anfänglich wähnten die Kellner, er läge im schweren Schlaf des Alkohols, und versuchten ihn durch Schütteln zu ermuntern. Als das mißlang, holten sie Madame Bonnell, die Besitzerin des Klubs, ohne deren Genehmigung sie das Antlitz nicht zu entblößen wagten. In dieser Hinsicht sind die Regeln des Klubs sehr streng. Madame Bonnell erkannte sofort, daß sie neben einem Toten stand, benachrichtigte unverzüglich Scotland Yard und achtete darauf, daß die Leiche bis zu unserer Ankunft nicht berührt wurde. Ich selbst habe sie auch noch nicht angerührt.«

Knapp, sachlich, sich auf die nackten Tatsachen beschränkend, lautete Inspektors Charles' Bericht, dem der berühmte Arzt mit einem befriedigten Nicken lauschte.

»Sie deuteten in Ihrem Gespräch mit Dr. Cassilis an, es liefe vermutlich auf eine Opiumvergiftung hinaus«, bemerkte er.

Captain Charles würdigte mich eines Blickes, in dem ich so etwas wie Mißbilligung über mein jugendliches Aussehen las.

»Jawohl, Sir Frank, ich schloß das, weil nichts auf einen Kampf oder ein Unwohlsein deutet. Er scheint in seinem Schlaf den letzten Atemzug getan zu haben.« Abermals nickte Tarleton zustimmend. Und nun drehte er sich zu mir um:

»Was meinen Sie, Cassilis?«

»Bis zu einem gewissen Grade pflichte ich Captain Charles bei. Aber ...« Zweifelnd wiegte ich den Kopf. »Können Sie uns angeben, zu welcher Stunde man den Mann leblos fand?« fragte ich den Kriminalbeamten.

»Jetzt ist es halb sieben«, erwiderte dieser, nachdem er einen Blick auf seine Uhr geworfen hatte. »Kurz nach fünf kam ich hierher, demnach wird es halb fünf gewesen sein, als der Tote gefunden wurde.«

Ich sah zu dem Gelehrten hinüber, dessen Finger schon wieder an dem Bande seiner Uhr lagen, und mit der langsamen Bewegung eines Pendels ging sie hin und her. »Wenn das Opium nicht sehr früh genossen wurde – in welchem Falle sicherlich irgend jemand die Wirkung bemerkt haben dürfte –, muß es eine gewaltige Dosis gewesen sein, um so bald den Tod herbeizuführen«, ließ ich mich vernehmen, da mein Chef Schweigen bewahrte. »Ich argwöhne fast, daß die rapide Wirkung mit Herzschwäche oder sonst einem physischen Fehler zusammenhängt. Mir gefällt nämlich die Hautfarbe nicht.«

»Ah! Ist es Ihnen aufgefallen? ...« Tarleton beugte sich einige Sekunden tief auf das tote Antlitz herab. »Und nun – wer ist der Mann?« forschte er, sich wieder aufrichtend.

»Wilson hieße er, erklärte mir die Besitzerin. Doch sie scheint wenig über ihn Bescheid zu wissen.«

»Wilson? ...« Mit skeptischer Betonung wiederholte Tarleton den Namen. »Smith, Miller, Wilson – solche Decknamen sind an Stätten dieser Art recht beliebt. Kann ich die Besitzerin sprechen?«

Captain Charles ging fort, um sie zu holen. Und kaum hatte er uns verlassen, so wisperte mir mein Chef ins Ohr: »Kein Wort mehr über die Todesursache im Beisein eines Dritten, Cassilis. Ich tadele mich schon, daß ich Sie nach Ihrer Meinung fragte. War falsch. Aber ich unterschätzte Ihre Beobachtungsgabe. Pst! ...«

Bei diesem warnenden Laut drehte ich mich um und sah, wie eine, nicht mehr junge Frau, in schwarze Seide gekleidet, quer durch den Raum auf uns zukam. Sehr tüchtig und geschäftsmäßig schaute sie aus, mit ihrem gut frisierten Haar und befehlenden schwarzen Augen, ihrem gepflegten Gesicht, ihrer vollschlanken Gestalt und jenem erstaunlichen Anstrich von Ehrbarkeit, den nur eine Französin in einer mit Sünde geschwängerten Atmosphäre aufrechterhalten kann. In Madame Bonnells Gegenwart wurde das Laster seiner Unschicklichkeit beraubt, und selbst Mord nahm den Charakter eines geschäftlichen Fehlschlages an, von dem man am besten möglichst wenig Aufhebens macht. Offensichtlich hatte Madame die Zeit seit der Entdeckung dieses besonderen Fehlschlages dazu benutzt, ihr persönliches Erscheinen wirksam vorzubereiten. Sie begrüßte uns mit gewinnender Liebenswürdigkeit. Sogar Tarleton, so dünkte es mich, wurde von ihrer anmutigen und dennoch würdigen Haltung gefangen genommen. Im Handumdrehen schienen wir uns in vier Freunde verwandelt zu haben, die vertraulich über eine Angelegenheit von allgemeinem Interesse plaudern. Und Madame war es, die uns einlud, Platz zu nehmen.

»Nicht wahr, Madame, Sie begreifen hoffentlich, daß uns keine feindliche Absicht hergeführt hat«, begann der Vertrauensmann des Ministeriums. »Wenn es sich ermöglichen läßt, die Angelegenheit im Stillen zu erledigen, ohne Sie und Ihr Etablissement in einen Skandal zu verwickeln, soll es mich herzlich freuen.«

Eigentlich erübrigte sich diese Versicherung. Madame Bonnell wies allein schon durch ihre Art die Möglichkeit ab, in einen Skandal oder in irgend etwas, was sich mit dem Charakter einer ehrbaren Geschäftsfrau nicht vertrug, verwickelt zu werden.

»Sie haben, wie ich hörte, den Toten mit dem Namen Wilson identifiziert. Haben Sie eine Ahnung, ob dies sein wirklicher oder ein vorgeschützter Name ist?«

Madame Bonnell hatte keine Ahnung. Und Madame Bonnell war untröstlich darüber, weil Sir Frank doch anscheinend gern das Gegenteil von ihr gewünscht hätte.