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In "Der Engländer" präsentiert Jakob Michael Reinhold Lenz ein eindringliches Drama, das die Komplexität menschlicher Beziehungen und den Konflikt zwischen individuellen Wünschen und gesellschaftlichen Normen beleuchtet. Lenz' beeindruckender literarischer Stil, geprägt von einer klaren und präzisen Sprache, verwebt psychologische Tiefen mit einer kritischen Analyse der damaligen gesellschaftlichen Strukturen. Die Erzählung reflektiert die Widersprüchlichkeit von Aufklärung und romantischem Denken und entfaltet sich in einem Spannungsfeld zwischen idealisierter Fremde und der harten Realität des Alltags. Jakob Michael Reinhold Lenz gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des Sturm und Drang. Sein Leben, geprägt von persönlichen Krisen und einem ständigen Streben nach künstlerischer Identität, spiegelt sich in seinen Werken wider. Die politischen und sozialen Umbrüche seiner Zeit, sowie seine eigenen Erfahrungen aus der Literatur- und Theaterwelt, haben sicherlich dazu geführt, dass er in "Der Engländer" eine tragische Betrachtung über das Streben nach Anerkennung und den Schmerz der Entfremdung verfasst hat. Dieses Werk ist nicht nur für Literaturinteressierte von Bedeutung, sondern auch für Leser, die sich mit den zeitlosen Themen Identität und gesellschaftlichen Konventionen auseinandersetzen möchten. Lenz' meisterhafte Erzählkunst und die eindrucksvolle Charakterentwicklung laden dazu ein, die innere Zerrissenheit und den psychologischen Reichtum seiner Figuren hautnah zu erleben.
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Veröffentlichungsjahr: 2020
eine dramatische Phantasterei
Personen
Robert Hot, ein Engländer Lord Hot, sein Vater Lord Hamilton, dessen Freund Die Prinzessin von Carignan ein Major in sardinischen Diensten verschiedene Soldaten Tognina, eine Buhlschwester ein Geistlicher verschiedene Bediente
Der Schauplatz ist Turin.
Erste Szene
(Robert Hot spaziert mit einer Flinte vor dem Palast auf und ab.)
(Es ist Nacht. In dem einen FlÜgel des Palasts schimmert hinter einer roten Gardine ein Licht durch.)
ROBERT. Da steck ich nun im Musketierrock, ich armer Protheus. Habe die Soldaten, und ihre Knechtschaft, und ihre Pünktlichkeit sonst Ärger gehaßt, wie den Teufel.—Ha! was täte man nicht um dich, Armida? Es ist kalt. Brennt doch ein ewigs Feuer in dieser Brust, und wie vor einem Schmelzofen glüh` ich, wenn ich meine Augen zu jenen roten Gardinen erhebe. Dort schläft sie, dort schlummert sie jetzt vielleicht. O, der Kissen zu sein, der ihre Wange wiegt.—Wenn der Mond, der so dreist in ihn Zimmer darf, sie weckte, wenn er sie an's Fenster führte!—GÖtter!—Mein Vater kommt morgen an, mich nach England zurückzuführen—Komm, schöne Armida, rette mich! Laß mich dich noch einmal demütig anschauen, dann mit diesem Gewehr mir den Tod geben; meinem Vater auf ewig die grausame Gewalt nehmen, die er über mich hat. Mich nach England zurückzuführen! Mich zu den öffentlichen Geschäften brauchen! Mich mit Lord Hamiltons Tochter verheiraten! (schlägt auf sein Gewehr) Kommt nur! Eher möchtet ihr mich mit dem Teufel verheiraten. (geht lange stumm auf und ab.) O wie unglücklich ist doch der Mensch! In der ganzen Natur folgt alles seinem Triebe, der Sperber fliegt auf seine Beute, die Biene auf ihre Blume, der Adler in die Sonne selber—Der Mensch, nur der Mensch—Wer will mirs verbieten? Hab ich nicht zwanzig Jahre mir alles versagt, was Menschen sich wünschen und erstreben? Pflanzenleben gelebt, Steinleben? Bloß um die törichten Wünsche meines Vaters auszuführen; alle sterbliche Schönheit hintan gesetzt, und wie ein Schulmeister mir den Kopf zerbrochen; ohne Haar auf dem Kinn wie ein Greis gelebt, über nichts als Büchern und leblosen, wesenlosen Dingen, wie ein abgezogner Spiritus in einer Flasche, der sich selbst verraucht. Und nun, da ich das Gesicht finde, das mich für alles das entschädigen kann, das Gesicht, auf dem alle Glückseligkeit der Erde und des Himmels, wie in einem Brennpunkt vereinigt, mir entgegen winkt, das Lächeln, das mein ganzes unglückliches, sterbendes, verschmachtendes Herz umfaßt, und meinen ausgetrockneten, versteinerten Sinnen auf einmal zuzuwinken scheint: Hier ist Leben, Freude ohne Ende, Seligkeit ohne Grenzen—Ach! ich muß hinauf,—so wahr ein jeder Mensch einen Himmel sucht, weil er auf Erden nicht zufrieden werden kann.
(Er schießt sein Gewehr ab, das Fenster öffnet sich, die Prinzessin sieht heraus.)
ROBERT. (kniet.) Sind Sie's, göttliche Armida?—O zürnen Sie nicht über diese Verwegenheit! Sehen Sie herab auf einen Unglücklichen, der zu sterben entschlossen ist, und kein anderes Mittel wußte, Sie vor seinem Tod noch einmal zu sehen, Ihnen zu sagen, daß er für Sie stirbt. Die Sonne zürnt nicht, wenn ein dreister Vogel ihr entgegen fliegt und, von ihrem Glanz betäubt, sodann tot herab ins Meer fällt.
ARMIDA. Wer spricht dort mit mir?
ROBERT. Erlauben Sie mir, daß ich herauf komme, Ihnen meinen Namen zu nennen, meine Geschichte zu erzählen. Das tote Schweigen der Natur, und die feierliche Stille dieser meiner Sterbestunde flößt mir Mut ein. Ich gehe zum Himmel, wenn es einen gibt, und einem Sterbenden muß alles erlaubt sein.—(will aufstehen.)
ARMIDA. Verwegner! Wer seid ihr?
