Zerbin, oder die neuere Philosophie - Jakob Michael Reinhold Lenz - E-Book
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Zerbin, oder die neuere Philosophie E-Book

Jakob Michael Reinhold Lenz

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Beschreibung

In "Zerbin, oder die neuere Philosophie" entführt Jakob Michael Reinhold Lenz die Leser in die komplexe Welt des 18. Jahrhunderts, in der sich philosophische Strömungen und literarische Strukturen miteinander verweben. Lenz, ein herausragender Vertreter des Sturm und Drang, nutzt einen eloquenten und oftmals avantgardistischen Stil, um die inneren Konflikte seiner Charaktere zu beleuchten. Der Text ist durchdrungen von philosophischen Fragen zu Identität und Existence, was ihn zu einem bedeutsamen Werk seiner Zeit macht und zeitlose Relevanz verleiht. Jakob Michael Reinhold Lenz, geboren 1751, war ein Schlüsselfigur der deutschen Aufklärung und der Sturm-und-Drang-Bewegung. Mit seinem kritischen Blick auf die Gesellschaft und seine tiefgründigen Überlegungen zur menschlichen Natur und Freiheit, spiegelt Lenz in "Zerbin" seine persönlichen Erfahrungen und intellektuellen Auseinandersetzungen wider. Seine Zeit in unterschiedlichen literarischen Kreisen und sein Kontakt zu bedeutenden Denkern wie Goethe und Schiller prägten ihn und füllten seine Werke mit tiefsinnigem Gedankengut. "Zerbin, oder die neuere Philosophie" ist ein unverzichtbares Werk für jeden, der sich für die Entwicklung der deutschen Literatur und Philosophie im 18. Jahrhundert interessiert. Die facettenreiche Darstellung von Konflikten und die stilistische Brillanz Lenz' machen das Buch zu einer fesselnden Lektüre, die den Leser herausfordert, über die Grundfragen des Daseins nachzudenken. Es ist ein Werk, das sowohl Historiker als auch Liebhaber klassischer Literatur inspiriert. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Jakob Michael Reinhold Lenz

Zerbin, oder die neuere Philosophie

Bereicherte Ausgabe.
Einführung, Studien und Kommentare von Felix Schulze
EAN 8596547077596
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2022

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Zerbin, oder die neuere Philosophie
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Zwischen der Verlockung systematischer Vernunft und der Unberechenbarkeit gelebten Lebens entfaltet Lenz in Zerbin, oder die neuere Philosophie ein Spannungsfeld, in dem Gewissheiten an Reibung Wärme, Zweifel und komische Funken erzeugen, weil die verheißene Klarheit der neueren Denkweisen immer wieder an den Ecken des Alltags hängen bleibt, sich in Gesprächen verheddert, in Affekten verdampft und doch, wie ein leuchtender Faden, durch Figuren, Szenen und Gedankenspiele zieht, die zugleich locken und entlarven, sodass aus der Kollision von Idee und Erfahrung eine Literatur entsteht, die Theorien erprobt, Menschen beobachtet und beide konsequent auf ihre Belastbarkeit hin befragt und dabei weder dem Trost fester Systeme noch der Laune bloßer Willkür nachgibt.

Zerbin, oder die neuere Philosophie lässt sich als satirische, experimentelle Prosa zwischen Romanfragment und philosophischer Erzählung verorten. Es steht im Umfeld des literarischen Aufbruchs, der die 1770er Jahre im deutschsprachigen Raum prägt und mit dem Namen Sturm und Drang verbunden ist. Als Schauplätze erscheinen bürgerliche Innenräume, Straßen und gelehrte Zirkel einer zeitgenössischen, urbanen Welt, weniger als topografisch fixierte Orte denn als soziale Resonanzräume, in denen Redeweisen und Haltungen aufeinanderprallen. In diesem Kontext erprobt Lenz formale Mischungen, verschiebt Grenzen zwischen Reflexion und Szene und prüft die Wirksamkeit neuer Denkmoden, ohne ihnen die Bühne kampflos zu überlassen oder sie bloß zu denunzieren.

Die Ausgangssituation bleibt bewusst offen gehalten: Eine Figur, deren Name dem Titel den Klang gibt, bewegt sich durch Situationen, Gespräche und Begegnungen, in denen die neuere Philosophie als Versprechen, Reiz und Zumutung aufscheint. Der Text begleitet diese Bewegungen in Episoden, die zwischen Beobachtung und Zuspitzung changieren, und öffnet so ein Feld, in dem Leserinnen und Leser Positionen mitvollziehen, ohne sich an eine definitive Erzählperspektive binden zu müssen. Stilistisch begegnen schnelle Übergänge, pointierte Miniaturen und eine ironisch geschärfte Genauigkeit; der Ton schwankt zwischen heiterer Skepsis und ernstem Prüfdrang, immer darauf bedacht, das Denken an der Erfahrung zu messen.

Zentrale Themen sind die Reibung von Theorie und Praxis, die Versuchung, das Leben in Systeme zu pressen, und die Gegenwehr der Wirklichkeit, die sich nicht restlos ordnen lässt. Lenz interessiert sich für die soziale Bühne, auf der Meinungen zu Rollen werden, und für die Sprache, die dabei sowohl Werkzeug der Aufklärung als auch Mittel der Vernebelung sein kann. In Zerbin artikuliert sich eine Kritik an gedankenloser Modernitätsgläubigkeit ebenso wie an altvertrauter Bequemlichkeit; beides unterliegt dem Test, ob es trägt, wenn Menschen sprechen, fühlen, handeln und im Spiegel der anderen ihr Selbst erst zusammensetzen.

Die ästhetische Energie des Textes speist sich aus Kontrast, Tempo und einem Sinn für szenische Verdichtung. Dialogische Passagen wechseln mit knappen Erzählbewegungen; Gedankengänge treiben voraus und werden von Situationen eingeholt. Lenz nutzt Reihungen, kleine Paradoxien und überraschende Anschlussstellen, um Denkfiguren ins Stolpern zu bringen oder sie neu auszubalancieren. Die Sprache hält Nähe und Distanz in produktiver Schwebe: mal zugreifend, mal tastend, doch stets rhythmisch sensibel. Daraus entsteht ein Leseerlebnis, das nicht beruhigt, sondern wach macht, weil es Komik nicht gegen Ernst ausspielt, sondern beide Kräfte auf ein gemeinsames Ziel hin bündelt: Prüfung durch Darstellung.

Die anvisierten Konflikte sind erstaunlich gegenwärtig: Wie weit darf Methode reichen, bevor sie das Wahrnehmen verengt? Wo schützt Skepsis vor Täuschungen, und wo lähmt sie Entscheidungen? In einer Welt, die zwischen fachsprachlicher Abstraktion und schneller Meinung pendelt, gewinnt Lenz’ satirische Versuchsanordnung Aktualität, indem sie die Rhetorik des Neuen befragt, ohne den Impuls zur Erneuerung zu diskreditieren. Wer über die Macht der Begriffe, die Politik der Plausibilität und die Zumutungen von Rollenbildern nachdenkt, findet hier ein Labor, in dem Ambivalenz nicht als Mangel, sondern als Bedingung ernsthafter Urteilsbildung behandelt wird.

Zerbin, oder die neuere Philosophie lädt dazu ein, eine Denkbewegung mitzuvollziehen, die ihr eigenes Verfahren sichtbar macht: Sie stellt aus, wie Ansprüche entstehen, woran sie sich bewähren und wie Menschen dazwischen atmen. Ohne auf eine Pointe zuzusteuern, öffnet das Buch Räume für Rückfragen und Gegenmotive und vertraut darauf, dass Lesende die Spannungen tragen. Wer sich darauf einlässt, findet eine wendige, anspruchsvolle, im besten Sinne widerspenstige Prosa, die das Erfahrbare nicht an Theorien verliert und die Theorien nicht dem Zufall überlässt, sondern beides sich aneinander entzünden lässt – hell, beweglich und nachdrücklich.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Zerbin, oder die neuere Philosophie ist eine Prosaerzählung von Jakob Michael Reinhold Lenz, einem prägenden Autor des Sturm und Drang. Der Text stellt einen jungen Protagonisten vor, der vom Glanz der sogenannten neueren Philosophie angezogen wird und sich ihr prüfend aussetzt. Gleich zu Beginn entsteht ein Spannungsfeld zwischen Versprechen theoretischer Stringenz und der Vielgestalt des Lebens. Lenz setzt keine Abhandlung, sondern eine Folge pointierter Szenen: Figuren verkörpern Haltungen, Episoden bilden Argumente ab. So wird früh die Leitfrage umrissen, ob strenge Vernunftprogramme Orientierung in Angelegenheiten bieten können, in denen Gefühl, Gewohnheit und Verpflichtung ineinandergreifen.

Zerbin wendet sich mit Eifer jenen Lehrsätzen zu, die Ordnung, Begründung und methodische Skepsis verheißen. Er nimmt sie nicht bloß auf, sondern versucht, sie konsequent in Denk- und Lebensvollzügen zu erproben. Das bedeutet, Gewissheiten zu hinterfragen, Motive zu analysieren und Konventionen auf ihren Nutzen zu prüfen. Lenz zeigt diesen intellektuellen Aufbruch zugleich als Verheißung und als Risiko: Was an Klarheit gewonnen wird, schafft Distanz. Die frühe Phase ist geprägt von gedanklicher Selbstermächtigung, doch im Hintergrund wächst die Unsicherheit, ob die neuen Raster dem Reichtum der Erfahrung gerecht werden.

In Alltagsbegegnungen testet Zerbin seine Grundsätze aus: in Gesprächen mit Bekannten, in familiären Bezugslagen, in Fragen der Zuneigung und des Anstands. Was zunächst als präzise Unterscheidungskraft erscheint, gerät zur Reduktion, wenn Menschen und Situationen auf Prinzipien heruntergebrochen werden. Lenz spitzt dies satirisch zu, indem er den Reiz des Modischen im Philosophieren aufscheinen lässt: das lustvolle Spiel mit Begriffen, die Pose der Aufgeklärtheit. Zugleich markiert er die Kosten solcher Konsequenz. Erste Spannungen werden sichtbar, wenn andere Figuren sich dem Analysedrang entziehen oder dessen Kälte spüren.

Ein mittlerer Wendepunkt entsteht, als eine Entscheidung ansteht, die nicht aufgeschoben werden kann und praktische Folgen zeitigt. Zerbins Versuch, das Problem ausschließlich aus den Prämissen seiner neuen Überzeugungen zu lösen, bringt unerwartete Nebenwirkungen hervor. Menschen reagieren, Bindungen werden belastet, und das vermeintlich neutrale Räsonnement zeigt moralische Blindstellen. Lenz inszeniert keine Schuldzuweisung, sondern lässt Konsequenzen sprechen: Theorie kollidiert mit Kontingenz, und der Anspruch, alles deduktiv zu ordnen, stößt auf das Unverfügbare. Damit verschiebt sich die Erzählbewegung: vom Triumph der Methode zur Bewährung im Ungeplanten.

Daraufhin treten Widersprüche offen zutage. Die Spannung zwischen Gefühl und Vernunft, Selbstbestimmung und sozialer Rücksicht, Nutzenkalkül und Würde lässt sich nicht mehr harmonisch zuschneiden. Lenz nutzt Konfrontationen und Dialoge, um zu zeigen, wie schnell Grundsätze zu Schlagworten erstarren, wenn sie nicht an der Erfahrung rückgebunden sind. Zerbin beginnt, die Reichweite seiner Maximen zu befragen, ohne sie gänzlich zu verwerfen. Die Autorität abstrakter Systeme verliert an Selbstverständlichkeit, und die Erzählung legt nahe, dass Verständigung weniger aus Definitionen als aus Takt, Anteilnahme und Situationserkenntnis entsteht.

Im weiteren Verlauf sucht Zerbin nach einem Ausweg aus der selbstverschuldeten Verengung: Entweder er verschärft die Strenge seiner Ableitungen, oder er öffnet sich dem Unberechenbaren des Lebens. Lenz gestaltet diese Suche als Prüfstein für Integrität und Lernfähigkeit. Ein entscheidender Moment lässt sichtbar werden, welche Kosten eine dogmatische Haltung verursacht und welche Risiken ein Zugehen auf Ambivalenzen birgt. Ohne die Auflösung vorwegzunehmen, zeichnet der Text die Kontur einer möglichen Umkehr ebenso wie die Versuchung des Rückzugs ins System. Die Spannung zwischen Konsequenz und Menschlichkeit bleibt bestimmend.

Am Ende steht weniger eine fertige Lehre als eine anspruchsvolle Einladung zur Reflexion. Lenz’ Erzählung macht spürbar, worin die Stärke und das Versäumnis der neueren Philosophie liegen können: im Drang zur Klarheit und in der Gefahr der Verabsolutierung. Indem sie die Reibung von Theorie und Lebenswirklichkeit erzählerisch ausstellt, bewahrt sie die Frage nach Maß, Empathie und Urteilskraft. Damit wirkt der Text über seine Entstehungszeit hinaus: Er gibt dem Bedürfnis nach Orientierung Raum, ohne das Unabgeschlossene zu glätten, und hinterlässt eine nachhaltig produktive Unruhe statt eines beruhigenden Schlussworts.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Zerbin, oder die neuere Philosophie entstand in der Mitte der 1770er Jahre im Umfeld des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Prägende Orte für Jakob Michael Reinhold Lenz und seine Generation waren Universitäten wie Königsberg und Straßburg, literarische Zeitschriften und Lesegesellschaften, sowie die reformfreudigen Höfe – besonders Weimar. In diesem Milieu verdichteten sich Aufklärung, frühromantische Sensibilität und Sturm-und-Drang-Erfahrungen. Theatertruppen, Zensurbehörden und Verlegernetzwerke strukturierten den Literaturbetrieb, während Periodika wie die Allgemeine Deutsche Bibliothek oder Wielands Der teutsche Merkur Debatten bündelten. Lenz’ prosaisches Satirestück reagiert auf diese institutionellen Rahmenbedingungen und auf die modische Verbreitung philosophischer Systeme im bürgerlichen Diskurs.

Die 1770er waren von der Aufklärung und einer populären Vermittlung der Philosophie geprägt. Autoren wie Moses Mendelssohn und Christian Garve machten anspruchsvolle Theorien für ein breiteres Publikum zugänglich, während Rezensentenstreitigkeiten Normen setzten. Zugleich traten Vertreter des Sturm und Drang – darunter Lenz – mit einer Poetik des Genies, der Erfahrung und der sprachlichen Ungebundenheit auf. Zerbin steht an dieser Schnittstelle: Das Stück greift Vokabular und Formen der Popularphilosophie auf, um dessen Geltungsansprüche im Alltag zu prüfen. Anspielungen auf moralphilosophische Debatten und Erkenntnistheorie dienen weniger der Lehrhaftigkeit als der satirischen Sichtbarmachung von Mode- und Systemzwängen.

Lenz profilierte sich im Sturm und Drang vor allem als Dramatiker. Mit Der Hofmeister (1774) und Die Soldaten (1776) verband er Gesellschaftskritik, genaue Beobachtung und szenische Radikalität. Seine Anmerkungen übers Theater (1774) forderten Unmittelbarkeit, lebensnahe Figuren und die Prüfung von Ideen am praktischen Konflikt. Zerbin überträgt diese ästhetische Programmatik ins Prosaische: Der Text arbeitet mit Szenenfolge, Tonwechseln und Perspektivverschiebungen, die an Bühnenverfahren erinnern, um philosophische Schlagworte in Handlungs- und Dialogsituationen zu zerreiben. So reflektiert die Erzählweise selbst die zeitgenössische Abkehr von regelpoetischen Normen und den Vorrang von Erfahrung gegenüber abstrakten Systemen.

Die Zeit sah intensive Reformdiskussionen über Erziehung, bürgerliche Tugend und Nützlichkeit. Projekte wie Basedows Philanthropinum in Dessau (gegründet 1774) erprobten neue pädagogische Praktiken, während Rousseaus Erziehungsdenken in Deutschland breit rezipiert wurde. Lenz hatte die sozialen Nebenfolgen didaktischer Systeme bereits in Der Hofmeister satirisch ausgeleuchtet. Zerbin knüpft daran an, indem er die Übersetzung philosophischer Maximen in Bildungs- und Alltagsroutinen befragt. Nicht die Doktrin selbst, sondern ihre modische Anwendung, der Ton der Autorität und die Erwartung an „vernünftiges“ Verhalten rücken in den Fokus – Themen, die im bürgerlichen Milieu der Lesegesellschaften und gelehrten Rezensionen ständig verhandelt wurden.

Die Debatten über „neuere“ Philosophie kreuzten sich mit theologischen und moralischen Diskursen. In protestantischen Territorien verbanden sich aufklärerische Rationalität und pietistische Frömmigkeit zu einem vielstimmigen Hintergrund von Seelsorge, Schulwesen und bürgerlicher Lebensführung. In Königsberg lehrte Immanuel Kant in den 1770er Jahren und prägte mit Vorlesungen und Schriften eine neue Aufmerksamkeit für die Bedingungen der Erkenntnis, die in gelehrten Journalen intensiv diskutiert wurde. Solche Konstellationen bilden den Resonanzraum, in dem Zerbin moralische Maximen, Vernunftappelle und Erfahrungswissen aufeinanderstoßen lässt, ohne sich auf konfessionelle Parteinahme festzulegen; die literarische Form übernimmt vielmehr die Prüfung, die sonst Predigt und Traktat beanspruchten.

Der deutschsprachige Buchmarkt war stark durch Rezensionsorgane und Auflagenpolitik strukturiert. Friedrich Nicolais Allgemeine Deutsche Bibliothek (seit 1765) setzte Maßstäbe der Kritik; Zeitschriftennetzwerke, Leihbibliotheken und Lesegesellschaften beschleunigten Zirkulation und Modewellen. Territorialherrschaften übten Zensur je nach Ort unterschiedlich aus, doch förderten reformoffene Höfe auch literarische Experimente. Für Autoren bedeutete dies prekäre Bedingungen zwischen höfischer Patronage und Marktlogik. Vor diesem Hintergrund lässt sich Zerbin als Reaktion auf die Serialität von Thesen, Schlagworten und Rezensionen lesen: Die Erzählung spiegelt den Takt der gelehrten Öffentlichkeit, indem sie philosophische Behauptungen in kurze, pointierte Szenen zerlegt und deren Tragweite erprobt.

Gesellschaftlich stand der deutsche Raum nach dem Siebenjährigen Krieg (bis 1763) unter dem Eindruck fiskalischer Reformen, Militärpräsenz und kleinstaatlicher Verwaltung. In Städten wuchsen bürgerliche Milieus, die sich über Bildung, Geschmack und Geselligkeit definierten. Übersetzungen verbreiteten französische und britische Moral- und Erkenntnistheorien; Debatten über „moral sense“, Sympathie und Nützlichkeit fanden in Salons und Zeitschriften Resonanz. Zerbin spiegelt diese transnationale Gemengelage, indem es die Reibung zwischen höfischer Etikette, bürgerlicher Moral und gelehrter Selbstvergewisserung sichtbar macht. Der Text vermeidet Programmsätze und zeigt vielmehr, wie Sprachmoden, Zitierweisen und Verhaltensnormen die sozialen Spiele der Zeit strukturierten.

Im Kanon des Sturm und Drang fungiert Zerbin als pointierter Kommentar zur Epoche: Es untersucht, wie weit „neuere“ Philosophie im sozialen Vollzug trägt, und entlarvt die Rhetorik der Gewissheit dort, wo Erfahrung und Widerspruch überwiegen. Dabei bündelt der Text Merkmale der Zeit – Popularisierung des Wissens, Rezensentenkultur, Bildungsreform, bürgerliche Selbstprüfung – in einer beweglichen Prosagestalt. Ohne zentrale Wendungen vorwegzunehmen: Die Erzählung setzt weniger auf Auflösung als auf Prüfung, wodurch sie Lenz’ kritische Experimentierlust bestätigt und die Spannungen zwischen Aufklärungsanspruch und Lebenswirklichkeit sichtbar macht, die die deutsche Literatur der 1770er Jahre nachhaltig beschäftigten.

Zerbin, oder die neuere Philosophie

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Zerbin (oder die neuere Philosophie)

Inhaltsverzeichnis

Jakob Michael Reinhold Lenz

O let those cities, that of plenty's cup And her prosperities so largely taste, With their superfluous riots hear these tears—Shakespeare

Wie mannigfaltig sind die Arten des menschlichen Elends[1q]! Wie unerschÖpflich ist diese Fundgrube fÜr den Dichter, der mehr durch sein Gewissen, als durch Eitelkeit und Eigennutz sich gedrungen fühlt, den vertaubten Nerven des Mitleids für hundert Elende, die unsere Modephilosophie mit grausamen LÄcheln von sich weist, in seinen Mitbürgern wieder aufzureizen! Wir leben in einem Jahrhundert, wo Menschenliebe und Empfindsamkeit nichts Seltenes mehr sind[2q]: woher kommt es denn, daß man so viel Unglückliche unter uns antrifft? Sind das immer Unwürdige, die uns unsere durch hellere Aussichten in die Moral bereicherten Verstandesfähigkeiten als solche darstellen? Ach! ich fürchte, wir werden uns oft nicht Zeit zur Untersuchung lassen, und, weil wir unsere Ungerechtigkeiten desto schöner bemänteln gelernt haben, aus allzugroßer Menschenfreundschaft desto unbiegsamere Menschenfeinde werden, die zuletzt an keinem Dinge außer sich mehr die geringste moralische Schönheit werden entdecken können, und folglich auch sich berechtigt glauben, an dem menschlichen Geschlecht nur die Gattung, nie die Individuen zu lieben.

Folgende Erzählung, die aus dem Nachlaß eines Magisters der Philosophie in Leipzig gezogen ist, wird, hoffe ich, auf der großen Karte menschlicher Schicksale verschiedene neue Wege entdecken, für welche zu warnen noch keinem unserer Reisebeschreiber eingefallen ist, ob schon unser Held nicht der erste Schiffbrüchige darauf gewesen.

Zerbin war ein junger Berliner, mit einer kühnen, glühenden Einbildungskraft, und einem Herzen, das alles aus sich zu machen verspricht, einem Herzen, das seinem Besitzer zum voraus zusagt, sich durch kein Schicksal, sei es auch von welcher Art es wolle, erniedrigen zu lassen. Er hielt es des Menschen für unwürdig, den Umständen nachzugeben, und diese edle Gesinnung (ich kenne bei einem Neuling im Leben keine edlere) war die Quelle aller seiner nochmaligen Unglücksfälle. Er war der einzige Sohn eines Kaufmanns, der seine unermeßlichen Reichtümer durch die unwürdigsten Mittel zusammengescharrt hatte, und dessen ganze Sorge im Alter dahin ging, seinen Sohn zu eben diesem Gewerbe abzurichten. Sein Handel bestand aus Geld, welches er auf mehr als jüdische Zinsen auslieh, wodurch er der Wurm des Verderbens so vieler Familien geworden war, deren Söhne sich, durch ihn gereizt, aufs Spiel gelegt hatten, oder zu andern unwiederbringlichen Unordnungen gebracht worden waren. Umsonst, daß er itzt seinen Sohn in alle den Kunstgriffen unterrichtete, womit er die Unglücklichen in sein Netz zu ziehen gewohnt gewesen, umsonst, daß er ihm vorstellte, wie leicht und bequem diese Art zu gewinnen sei, umsonst, daß er, wegen seines offenen Kopfs, und der an ihm sich zeigenden Talente, alle mögliche Liebkosungen affenmäßig an ihn verschwendete: Zerbins Gradheit des Herzens (soll ich es lieber Stolz nennen?) drang durch, und weil er sahe, daß die Grundsätze seines Vaters allen möglichen Gegenvorstellungen des Kindes entwachsen waren, und er doch am Ende der Obermacht der väterlichen Gewalt nicht würde widerstehen können, so wagte er einen herzhaften Sprung aus all diesen Zweideutigkeiten und, ganz sich auf sich selbst verlassend, entlief er seinem Vater, ohne außer seinem Taschengelde einen Heller mitzunehmen.

Sich selbst alles zu danken zu haben, war nun sein Plan, sein großer Gedanke, das Luftschloß aller seiner Wünsche. Und weil er von jeher außerordentliche Handlungen in den Zeitungen mit einem Enthusiasmus gelesen, der alle andere Begierden in ihm zum Schweigen brachte, so war sein fester Gesichtspunkt, den ihm nichts auf der Welt verrücken konnte, nun, unter einem fremden Namen, sich bloß durch seine eignen Kräfte emporzubringen, sodann als ein gemachter Mann zu seinem Vater zurückzukehren, und ihn, zur Ersetzung des von ihm angerichteten Schadens, zu außerordentlichen Handlungen der Wohltätigkeit zu bewegen, oder wenigstens nach seinem Tode seine Erbschaft dazu zu verwenden, um auch von sich in den Zeitungen reden zu machen. Meine Leser sehen, daß wir unsern Helden im geringsten nicht verschönern. Die edelsten Gesinnungen unserer Seele zeigen sich oft mehr in der Art, unsere Entwürfe auszuführen, als in den Entwürfen selbst, die auch bei dem vorzüglichsten Menschen eigennützig sein müssen, wenn ich den Begriff dieses Worts so weit ausdehnen will, als er ausgedehnt werden kann. Vielleicht liegt die Ursache in der Natur der menschlichen Seele und ihrer Entschließungen, die, wenn sie entstehen, immer auf den Baum der Eigenliebe gepfropft werden, und erst durch die Zeit und Anwendung der Umstände ihre Uneigennützigkeit erhalten. Man lobpreise mir, was man wolle, von Tugend und Weisheit; Tugend ist nie Plan, sondern Ausführung schwieriger Plane gewesen, mögen sie auch von andern erfunden sein.

Er wandte sich in Leipzig zuerst an den Professor Gellert[1], den er, durch eine lebhafte Schilderung seiner dürftigen Umstände, und durch alle mögliche Zeichen eines guten Kopfs, leicht dahin bewegte, daß er ihn unentgeltlich in die Zahl seiner Zuhörer aufnahm, und ihm zugleich eine Menge Informationen in der Stadt verschaffte, mit denen er, so sparsam sie ihm auch bezahlt wurden, Kost und Wohnung bestreiten konnte. Gellerts Moral war, wie natürlich, sein Lieblingsstudium; er schrieb sie Wort für Wort nach, zeigte aber seine Hefte keinem Menschen, sondern, wenn er durch öftere Lesung recht vertraut mit ihnen worden war, verbrannte er sie, um sie desto besser im Gedächtnis zu behalten.

Er trieb nach und nach auch andere Wissenschaften, und es glückte ihm, durch seinen offenen Kopf, geheimen, ungezierten Fleiß, und beständigen Glauben an den guten Ausgang seiner Bemühungen, daß er von dem Professor Gellert zum Führer und Mentor eines reichen jungen Grafen aus Dänemark empfohlen werden konnte. Er disputierte auch über eine sehr wohl ausgearbeitete gelehrte Abhandlung von der Unmöglichkeit, die Quadratur des Zirkels[2] zu finden, und erhielt dadurch die Erlaubnis, als Magister der Mathematik, ein Privatkollegium über die doppelte Baukunst, und ein anderes über die Algebra zu lesen, von der er ein großer Liebhaber war. Übrigens gewann er dem Grafen, durch seine ihm natürliche Anhänglichkeit an andere Leute, und Teilnehmen an ihre kleinsten Umstände, sein ganzes Vertrauen ab.

Wie schlüpfrig sind doch die Pfade durchs Leben[3q]! Wie nah sind wir oft, wenn wir den sichersten Gipfel unserer Wünsche erreicht zu haben meinen, unserm Untergange! O du, der du die Herzen der Menschen in Händen hast, und ihnen nach ihrem innern Wert auf die Schale legst: sollten die besten Menschen nicht oft im Fall sein, deine Waage anzuklagen? Aber du wägst in die Vergangenheit und in die Zukunft, wer darf rechten, wer kann bestehen vor dir? Glücklich das Herz, das, bei allen scheinbaren Ungerechtigkeiten seines Schicksals, noch immer die Hand segnen kann, die ihn schlägt[5q]!

Unser Held war bis hieher seinem großen Zweck immer näher gerückt, aber er hatte andere Wünsche, andere Begierden, die auch befriedigt sein wollten. Er hatte ein reizbares, für die Vorzüge der Schönheit äußerst empfindliches Herz. Mäßigkeit und Gesundheit des Körpers und Geistes hatten sein Gefühl fürs bessere Geschlecht noch in seiner ganzen Schnellkraft erhalten, und seine moralischen Grundsätze schienen Winde zu sein, dieses Feuer immer heftiger anzublasen. Er war oft ganz elend, so elend, daß er erschöpfte Wollustdiener, unter denen sein Graf auch war, um ihre Gleichgültigkeit, und den Geist freilassenden Kaltsinn beneidete; sah er aber das ungeheure Leere, das alle ihre Stunden, selbst ihre Vergnügen, belastete, sah er, wie jämmerlich sie sich winden und zerren mußten, um wieder einmal einen Tropfen Freude an ihren Herzen zu fühlen; so tröstete ihn das wieder über seine innerlichen Leiden, und machte sie ihm unendlich schätzbar.

Der Graf Altheim war, bei seiner Ankunft in Leipzig, an einen der reichsten Bankiers empfohlen worden[19q], der aus einem gewissen Eigensinn sich nie verheiraten wollte, sondern, mit seiner einzigen jungen und sehr schönen Schwester, eine der glänzendsten Haushaltungen in ganz Leipzig führte. Die Bekanntschaft in dem Hause des Herrn Freundlach (so hieß der Bankier), vielleicht auch die öftern Vorstellungen Zerbins, hatten ihn von seinen vorigen Ausschweifungen mit Frauenzimmern von verdächtigem Rufe zurückgebracht; er war übrigens eine der wächsernen Seelen, die sich gar zu gern von andern lenken lassen, weil sie zu bequem, und am Ende zu unvermögend sind, ihren Verstand selber zu brauchen. Er wollte keinem Menschen Übels, außer wenn er gegen ihn durch andere war aufgebracht worden, alsdann aber war sein Zorn auch unversöhnlich, solange das Maschinenwerk des fremden Verstandes, der ihn in Bewegung setzte, fortwirkte. Er hatte Zerbinen auf zu viele Proben gesetzt, um ihm nicht uneingeschränkt zu trauen; solange der also das Regiment in seiner Seele führte, ging alles nach Wunsch, und er hatte so viel Achtung für ihn, daß er ihm allemal seine Pension von seinen Wechseln voraus bezahlte, aus Furcht, er möchte durch jugendliche Verschwendungen in die Notwendigkeit gesetzt werden, Zerbinens Finanzen in Verwirrung zu bringen.