Der Fahrer - Andreas Winkelmann - E-Book
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Der Fahrer E-Book

Andreas Winkelmann

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Beschreibung

Du hattest einen höllischen Tag und einen Gin Tonic zu viel. Das Auto kannst du nicht mehr nehmen. Zum Glück gibt es MyDriver, die App, mit der man jederzeit ein Auto samt Fahrer bestellen kann. Aber du kommst nie zu Hause an… Überall in der Stadt verschwinden junge Frauen. Kommissar Jens Kerner und seine Kollegin Rebecca Oswald ermitteln fieberhaft - obwohl beide mit privaten Herausforderungen kämpfen. Jens wird mit seiner Vergangenheit konfrontiert, und Rebecca versucht erfolglos, ihn in die Gegenwart - und zu sich - zu ziehen. Dann verschwindet eine Fahrerin von MyDriver - auf dem Wagen steht in Leuchtschrift: #findemich ...

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Seitenzahl: 454

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Andreas Winkelmann

Der Fahrer

Thriller

 

 

 

Über dieses Buch

Die Gestalt sitzt zusammengesunken auf einer Bank im Hamburger Stadtpark und rührt sich nicht – sie ist tot. Ihr Gesicht scheint zu leuchten – fluoreszierend im Licht der Straßenlaternen. Jemand hat die Leiche mit Leuchtfarbe angemalt.

In Hamburg treibt ein Serienmörder sein Unwesen. Die Opfer: junge Frauen, die nachts unterwegs waren. Viele waren Kundinnen beim neuen Fahrdienst namens MyDriver. Aber da enden auch schon die Gemeinsamkeiten. Kommissar Jens Kerner und seine Kollegin Rebecca Oswald ermitteln fieberhaft – obwohl beide mit privaten Herausforderungen kämpfen. Jens wird mit seiner Vergangenheit konfrontiert, und Rebecca versucht erfolglos, ihn in die Gegenwart – und zu sich – zu ziehen. Dann tauchen überall merkwürdige Hashtags auf. Erst auf den Privatautos der Opfer, dann an immer mehr Orten steht: #findemich – in Leuchtfarbe. Und es scheint, als wäre diese Aufforderung direkt an Jens Kerner gerichtet ...

Vita

Andreas Winkelmann, geboren 1968 in Niedersachsen, ist verheiratet und hat eine Tochter. Er lebt mit seiner Familie in einem einsamen Haus am Waldrand nahe Bremen. Wenn er nicht gerade in menschliche Abgründe abtaucht, überquert er zu Fuß die Alpen, steigt dort auf die höchsten Berge oder fischt und jagt mit Pfeil und Bogen in der Wildnis Kanadas. Mit seinen Thrillern «Das Haus der Mädchen» und «Die Lieferung» eroberte er die Bestsellerliste und begeisterte Hunderttausende Leserinnen und Leser.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Juli 2020

Copyright © 2020 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

Covergestaltung Hafen Werbeagentur, Hamburg

Coverabbildung Supadit Artwichai/EyeEm/Getty Images; Akirastock/istock; textures.com

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-644-00308-8

www.rowohlt.de

 

Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

Prolog

Er wischte im roten Licht der Kerzen den Staub vom Granit. Plötzlich erinnerte er sich wieder an all das Blut.

An die gerissene Hülle, den zerstörten Körper, der es nicht länger bewahren konnte. Unaufhaltsam war es zwischen seinen Fingern hindurchgeflossen, hatte seine Hände rot gefärbt, so wie es jetzt das Licht der Kerzen tat, war auf den nassen Asphalt getropft, hatte sich dort mit dem Regenwasser vermischt, um in den Gully und schließlich fortgespült zu werden.

Ihr Fleisch noch in den Händen, hatte er diesem roten Strom nachgeschaut und begriffen, dass diese Straßen einen Blutzoll verlangten. Er stand ihnen zu, heute und für alle Zeiten, und es war an ihm, dafür Sorge zu tragen. Keine Stimme in seinem Inneren befahl es ihm, es war keine Vision, er litt an keiner Geisteskrankheit. Es war ganz einfach nur seine Pflicht. Diese Straßen waren nicht länger tote schwarze Bänder, nicht nur Asphalt und Beton, nein, sie waren die Lebensadern dieser Stadt, und wie in allen anderen Adern auch musste Blut in ihnen fließen.

Vielleicht hatte er diese Erinnerung noch einmal gebraucht, jetzt, kurz bevor es wirklich losging. Denn dort oben wartete sein erstes Opfer, ans Bett gebunden, und es gab einen bedeutenden Unterschied zwischen Planung und Ausführung. Zwischen rotem Licht auf den Händen oder Blut, das daran klebte.

Aber er hatte sich entschieden, schon damals, als der Blutstrom den Gully füllte. Also erhob er sich von diesem stillen Ort, der zu seinem Zuhause geworden war, und ging hinüber.

Dunkel lag das Haus vor ihm. Kein Fenster war erleuchtet. Ohne Zögern trat er durch die Tür, wandte sich nach rechts, stieg die Treppe ins erste Stockwerk hinauf und von dort aus die hölzernen Stufen ins Dachgeschoss, wo er das Versteck eingerichtet hatte. Sie knarrten unter seinem Gewicht. Ganz leise nur, er glaubte nicht, dass sie es hören konnte.

Aber sie tat es doch.

Er hätte es wissen müssen.

Auf dem Nachtschrank neben dem Bett, das er selbst auseinandergebaut, hier hinaufgeschleppt und wieder zusammengesetzt hatte, brannte ein kleines Licht. Nur wenig davon erreichte ihr Gesicht, aber es war genug, um der Panik, dem Wahnsinn darin Konturen zu verleihen. Tief in die Haut eingegrabenes Leiden, die Täler mit schwarzen Schatten gefüllt, in den Augen ein letztes Glimmen.

«Wer ist da? Bist du es? Ja, du bist es, ich kann es spüren. Bring sie zu mir, hörst du, ich will sie hier haben, hier bei mir, sie soll sterben vor Angst, hörst du. Ich will, dass sie stirbt vor Angst. Jetzt und für alle Zeiten.»

Er hatte sich entschieden, das Monster zu töten.

Also nahm er das Kissen und drückte es auf ihr Gesicht.

Erstickte den Wahnsinn, die Schuld und die Verzweiflung.

Kapitel 1

1

«Nein … bitte, nicht schon wieder!»

Von einer Sekunde auf die andere raste Krystina Zollers Herz, das Blut schoss ihr heiß in Ohren und Wangen.

Aus dem Fahrerfenster des schwarzen Wagens, der sie soeben überholt hatte, ragte eine Polizeikelle, die ungeduldig auf und ab geschwenkt wurde. Das Blinklicht wies sie an, an den rechten Fahrbahnrand zu fahren.

Hastig ließ Krystina ihr Handy in der Handtasche auf dem Beifahrersitz verschwinden. Gerade hatte sie noch einmal die Reaktionen auf ihren letzten Post bei Instagram überprüft. Das Foto war wirklich gut geworden und gefiel immerhin schon 421 Followern. Wirklich interessiert hatte sie jedoch nur dieser eine Kommentar: just_niclas hatte geschrieben, ihre Augen machten ihn fertig. Das war vielleicht nicht besonders originell, klang aber ehrlich und authentisch. Niclas war schließlich Mechaniker, kein Poet. In Gedanken an ihn und voller Vorfreude auf den morgigen Abend war sie wieder einmal zu schnell gefahren, aber das war nicht das Hauptproblem. Sie hatte einen Mai Tai getrunken. Zwar schon vor zwei Stunden, und sie spürte nichts von dem Alkohol, aber wenn die Bullen sie pusten ließen, war sie dran.

Drakonische Geldstrafe, Fahrverbot, Punkte in Flensburg, das volle Programm.

Warum hatte sie dem Drängen des Gastes nur nachgegeben, der ihr unbedingt einen Cocktail ausgeben wollte? Sie wusste doch, wie das lief. Und warum war sie nicht mit MyDriver gefahren, so wie die anderen Abende auch, wenn sie etwas getrunken hatte? Der neue Fahrdienstanbieter betrieb eine Haltestelle keine zwanzig Meter vom Flying Dutchman entfernt, das war unglaublich praktisch, auch für die Gäste, und deren Preise waren wirklich unschlagbar.

All das schoss ihr durch den Kopf, als sie ihren Wagen an den Straßenrand lenkte. Zehn Meter hinter dem zivilen schwarzen Wagen mit Hamburger Kennzeichen kam sie zum Stehen.

Über ihr schlossen sich die belaubten Äste der Bäume zu einem schwarzen Dach, durch das der Mondschein nicht drang. Ausgerechnet hier, in dieser düsteren Ecke des Stadtparks, musste die Streife sie stoppen.

Die Bremsleuchten des Polizeiwagens erloschen, die Kelle wurde eingeholt, das Warnblinklicht ersetzte den Blinker. In vorauseilendem Gehorsam schaltete Krystina ebenfalls ihre Warnleuchten ein und gab sich der irrationalen Hoffnung hin, dieses vorbildliche Verhalten könnte die Polizisten milde stimmen.

Wider Erwarten flogen die Türen des Wagens nicht sofort auf, und es kamen auch keine böse dreinschauenden Beamten auf sie zugestürmt. Ganz im Gegenteil tat sich zunächst einmal gar nichts. Das Ticken des Warnblinklichts schien immer lauter zu werden.

Auf dem Beifahrersitz des Zivilfahrzeugs saß eine weibliche Beamtin mit langen blonden Haaren. Sie hielt ihren Kopf leicht geneigt und wurde von fahlblauem Licht angestrahlt. Wahrscheinlich überprüfte sie auf dem Computer bereits ihr Konto in Flensburg.

Plötzlich war Krystina nach Heulen zumute. Der Kloß in ihrem Hals ließ sich kaum mehr herunterschlucken.

«Bitte, bitte, lieber Gott, lass mich noch dieses eine Mal ohne Strafe davonkommen. Ich schwöre, ich fahre ab jetzt langsamer, und ich werde nie wieder fahren, wenn ich getrunken habe», sagte sie leise.

Zwar wusste Krystina, sie würde diesen Schwur nicht einhalten können, denn ihr Charakter, ihr ganzes Wesen waren auf Geschwindigkeit gepolt und immerhin ja auch von Gott so gemacht worden, aber in diesem Moment meinte sie es ehrlich und nahm es sich fest vor.

Im Wagen flackerte das bläuliche Licht kurz auf, und Krystina schien es, als bewegte die blonde Beamtin den Kopf. Jäh wurde die Fahrertür aufgestoßen, ein Fuß in einem schwarzen Stiefel fest auf den Asphalt gestellt. In dieser Position verharrte der Moment, so als wäre die Zeit plötzlich eingefroren. Von hinten näherten sich die Scheinwerfer eines Fahrzeuges, wurden größer und größer, füllten Innen- und Seitenspiegel aus, bis der Wagen an Krystinas Ford Focus vorbeizog. Erst als er auch den zivilen Polizeiwagen passiert hatte, stieg der Beamte aus.

Er trug die übliche Uniform aus nachtblauer Hose und nachtblauem Hemd. Bevor Krystina jedoch sein Gesicht erkennen konnte, blendete er sie mit einer starken Taschenlampe mit kaltem Licht.

Krystina musste den Blick abwenden und eine Hand vor die Augen halten. Mit der anderen Hand betätigte sie den elektrischen Fensterheber und ließ die Scheibe herab. Sofort drang die frische Nachtluft ins Wageninnere und kühlte die erhitzte Haut ihrer Wangen.

Der Polizist war groß und kräftig, so viel konnte Krystina hinter dem Lichtkegel der Taschenlampe erkennen, aber nicht mehr. Er blieb vorn an der Motorhaube stehen.

Der hatte doch wohl seine Hand nicht auf der Waffe liegen, oder?!

«Würden Sie bitte aussteigen und zu meiner Kollegin gehen!», rief er.

«Hören Sie …», begann Krystina mit dieser piepsigen Kleinmädchenstimme, in die sie verfiel, wenn sie es mit Autoritäten zu tun bekam. «Ich weiß, ich war ein klein bisschen zu schnell, das tut mir leid, und ich verspreche, es wird nie wieder vorkommen, aber könnten Sie nicht …»

«Gehen Sie bitte zu meiner Kollegin», unterbrach sie der Polizist. Sein Tonfall war scharf und autoritär. Krystina wagte es nicht, seine Anweisung zu missachten, obwohl sie für den Bruchteil einer Sekunde daran dachte. Es war kein wirklicher Gedanke, eher ein Bauchgefühl, das ihr riet, den Wagen nicht zu verlassen, stattdessen besser die Scheibe hochzufahren und die Türen zu verriegeln.

Doch sie öffnete die Tür und stieg aus. Der Lichtstrahl der Taschenlampe wanderte auf ihren Brustkorb und verharrte dort. Von dem Beamten erkannte sie nicht mehr als dessen Umrisse.

Irgendwas stimmt hier nicht, dachte Krystina.

«Meine Kollegin wartet auf Sie, gehen Sie bitte zu ihr», sagte der Polizist. Vielleicht war diese Vorgehensweise nachts ja üblich: Der männliche Beamte sicherte, während seine Partnerin im Wagen blieb und von dort aus die Formalitäten erledigte. Krystina kannte sich mit dem Prozedere der Polizei nicht aus. Bisher war sie immer nur in mobile Radarfallen gefahren.

«Bin ich denn viel zu schnell gewesen?», fragte sie und ging auf den Polizisten zu. Der wich vor ihr zurück und achtete darauf, dass sie im Lichtkegel der Taschenlampe blieb.

«Meine Kollegin erklärt es Ihnen», antwortete er.

Der Mann wirkte auf Krystina unnahbar und abweisend. Aber da war noch mehr. Eine Ausstrahlung, eine Aura, die Krystina als böse empfand. Sie hatte sensible Sinne für so etwas, eine Gabe, die sie von ihrer Großmutter geerbt hatte.

Ohne die Beamtin auf dem Beifahrersitz wäre Krystina vielleicht doch wieder in ihren Wagen gestiegen und hätte die Türen verriegelt. So aber riss sie sich zusammen und ging zwischen den beiden Fahrzeugen hindurch zur Beifahrerseite des Polizeiwagens. Langes blondes Haar leuchtete zwischen Kopfstütze und Rückenlehne. Die Scheibe in der Beifahrertür war bereits heruntergelassen. Krystina sah, dass auf den Oberschenkeln der Polizistin ein eingeschalteter Laptop lag. Von dessen Display stammte das bläuliche Licht.

Krystina trat neben die Tür, strich sich das dunkelbraune Haar aus dem Gesicht und zwang sich zu einem Lächeln, obwohl ihr schon wieder nach Heulen zumute war.

«Entschuldigen Sie bitte, ich bin so müde und wollte einfach nur schnell nach Hause und ins Bett, und da habe ich …»

Krystina stockte.

Einen Moment lang begriff sie nicht, was sie da sah, und als ihr Gehirn die Information endlich verarbeitet hatte, war es zu spät.

Sie wollte sich aufrichten, warf einen Blick hinter sich und sah die Taschenlampe in einem engen Bogen auf sich zuschnellen. Der harte Aluminiumschaft erwischte sie an der Schläfe. Krystina sackte auf der Stelle zusammen. Sie fiel gegen den Streifenwagen, und während sie bäuchlings daran herabglitt, sah sie noch einmal in das grauenhafte Gesicht der Polizistin.

Ein weiterer Hieb mit der Lampe, und alles wurde schwarz.

2

«Zehn … neun … acht … sieben … sechs … fünf … vier … drei … zwei … eins …

Herzlichen Glückwunsch!»

Ein angetrunkener Chor aus über fünfzig Stimmen setzte zu einer Jubelarie an, einige applaudierten, Gläser stießen klirrend gegeneinander. Der Discjockey stimmte «For he’s a jolly good fellow» an, und ein Sturm der Gratulationen brach über Jens Kerner herein.

Keine Chance, sich zu wehren.

Sie umringten ihn, umarmten ihn, schüttelten ihm die Hand, klopften ihm auf die Schulter, küssten seine Wangen, machten Selfies mit ihm. Und er ließ all das über sich ergehen.

Jens Kerner hasste Partys. Die, bei denen er im Mittelpunkt stand, erst recht. Er hasste den Lärm und das Gerede, die Pflicht zu tanzen und überhaupt die Erwartung, eine ganze Nacht lang gute Laune zu haben. For he’s a jolly good fellow passte auf ihn ungefähr genauso gut wie auf den Papst. Jens wollte kein lustiger Kerl sein – aber was spielte das für eine Rolle, wenn er seine Kollegin Rebecca Oswald damit glücklich machen konnte.

Und das konnte er!

Sie hatte diese Party hinter seinem Rücken geplant und organisiert. Und er, der große Ermittler, hatte nichts davon mitbekommen, obwohl sie doch so ziemlich mit jedem aus dem 33. Kommissariat gesprochen haben musste. Heute Abend um neun Uhr hatte sie ihn dann angerufen und gebeten, sie aus der Lobby eines Hotels abzuholen, wo sie angeblich gefeiert und zu viel getrunken hatte, um selbst noch fahren zu können. Also hatte er sich von Clint Eastwoods «Gran Torino» gelöst, seine ausgebeulte Lieblings-Jogginghose gegen eine Jeans ersetzt, sich ein bisschen hübsch gemacht – zum Glück – und war aufgebrochen.

Vorgefunden hatte er eine leere Hotellobby, aber keine Becca. Dafür einen betont harmlos dreinschauenden Rezeptionisten, der ihn bat mitzukommen.

Und dann das große Hallo im extra für diese Zwecke angemieteten Saal des Hotels. Kolleginnen und Kollegen, Bekannte, Freunde, mittendrin Becca, freudestrahlend und mit geröteten Wangen. Sie hatte es sogar geschafft, dass seine Chefin, die unterkühlte Baumgärtner, gekommen war. Und als wäre das nicht schon genug, schickte genau diese sich nun an, eine Rede zu halten.

Mareike Baumgärtner, Kriminalrätin und Chefin des 33. Kommissariats am Wiesendamm in Hamburg, war auf die Bühne an der Stirnseite des Saals gestiegen und schlug mit einem Dessertlöffel gegen ihr Sektglas. Zuerst nur leise, aber dann vehementer, bis alle Blicke sich ihr zuwendeten.

Noch bevor sie zu sprechen begann, wünschte Jens sich in seine Red Lady zurück. Auf die nächtlichen Straßen, wo er mitten in der Millionenstadt Hamburg noch Ruhe und Einsamkeit spürte. Aber keine Chance – er hatte den Schlüssel dem Rezeptionisten geben müssen, damit der den Wagen einparken ließ, weil die Meute ihn nicht wieder hatte gehen lassen wollen.

«Vierundfünfzig», begann die Baumgärtner, und Jens verzog das Gesicht. Musste denn wirklich jeder sein Alter kennen?

«Und kein bisschen weise», fügte sie hinzu und erntete einige Lacher.

«Immer geradeheraus, immer mit dem Kopf durch die Wand, so kennen wir unseren geschätzten Kollegen Jens Kerner. Ich gebe zu, anfangs hatte ich meine Probleme mit seinem Charakter und seiner Unfähigkeit, sich einzuordnen, Vorgaben und Anweisungen zu beachten, ein Teamplayer zu sein. Ach was, anfangs … nach drei Jahren im 33. Kommissariat habe ich immer noch Probleme damit. Andererseits …», fuhr die Baumgärtner fort, «weiß man bei Jens Kerner immer, woran man ist. Man wird nicht betrogen, er spielt keine Spielchen, und wenn er einen für einen auf Hochglanz polierten Kühlschrank hält, dann sagt er das auch.»

Jens spürte die Hitze der Schuld in seinen Kopf steigen. Woher wusste die Baumgärtner, dass er sie so bezeichnet hatte? Ihr selbst hatte er das nie gesagt. Irgendeine Kollegin oder irgendein Kollege musste gequatscht haben.

Herrje, war das peinlich! Wäre er doch bloß zu Hause geblieben, bei seinem alten Kumpel Clint, dem es scheißegal war, was die anderen über ihn dachten.

«Jens Kerner ist kein Mann vieler Worte, sondern ein Mann der Tat. Und wie heißt es doch so treffend: An ihren Taten sollt ihr sie erkennen. Das habe ich. Ich habe Jens Kerner an seinen Taten erkannt, und ich denke, alle anderen hier im Saal ebenso. Ich habe also einen Mann und Kollegen erkannt, auf den ich mich verlassen kann, der immer da ist, wenn er wirklich gebraucht wird, der ein sehr starkes Gerechtigkeitsempfinden hat, der Menschen respektiert, wenn sie es sich verdient haben, nicht wegen ihres Ranges – zu meinem Leidwesen. Kurzum, ich habe einen Mann alten Schlages erkannt, wie er heutzutage selten geworden ist. Einen Mann wie meinen Vater, den ich jeden Tag vermisse.»

Nach einer kurzen Pause hob sie das Glas.

«Auf Ihr Wohl, Herr Kerner. Bleiben Sie, wie Sie sind. Darauf zählen wir alle hier!»

Ein Saal voller Blicke wandte sich Jens zu, und schon wollte Applaus aufbranden, doch da schob die Baumgärtner noch einen Satz nach.

«Bevor ich es vergesse: Für die Zukunft würde ich doch eine Ihrem Alter angemessene Weisheit begrüßen. Vielleicht können Sie sich darum ja etwas bemühen!»

Doch ihre Worte gingen in dem ansteigenden Lärmpegel unter, niemand wollte ihr noch zuhören. Vielleicht war Jens sogar der Einzige, der diese Aufforderung mitbekam. Jemand drückte ihm ein Glas Sekt in die Hand, er musste anstoßen, bis er den Arm kaum noch heben konnte, und die ganze Zeit fragte er sich, wo eigentlich Becca abgeblieben war. Es war fünf vor zwölf gewesen, als er sie zuletzt gesehen hatte. Da berührte ihn etwas an der Wade, und er fuhr herum.

Da saß sie in ihrem Rollstuhl, den sie nach einem billigen Ikea-Holzstuhl Ivar nannte, und sah ihn an. Sie hatte sich in Schale geworfen für dieses Ereignis, trug ein langes schwarzes Kleid mit freien Schultern – ein Outfit, in dem Jens sie nie zuvor gesehen hatte. Ihre Oberarme waren kräftig und durchtrainiert vom Rollifahren und vom Rudern, um ihren Hals trug sie eine Silberkette mit einem Amulett in Form einer Sonne. Das passt, dachte Jens. Für ihn war Becca mit ihrem nahezu unzerstörbaren fröhlichen Gemüt ein richtiger Sonnenschein.

«Alles klar?», fragte sie.

Jens nickte.

«Dann komm her.»

Sie beugte sich vor und streckte die Arme aus. An der Innenseite ihres linken Oberarms entdeckte er ein kleines Tattoo, das er nie zuvor gesehen hatte. Drei Worte, die er auf die Schnelle nicht entziffern konnte.

Jens stellte das Sektglas auf einem Tisch ab und ließ sich von Becca umarmen. Sie fühlte sich warm an und duftete dezent nach einem teuren Parfum.

«Aus tiefstem Herzen alles Gute», flüsterte sie in sein Ohr, und in seinem Nacken stellten sich die Härchen auf.

«Danke.»

«Entschuldige bitte … ich weiß, du magst dieses Brimborium nicht, aber ich finde, du hast es verdient, dass all diese Menschen dich feiern. Verzeihst du mir?»

«Längst verziehen», sagte er und wollte sich wieder aufrichten, doch Becca ließ ihn nicht los.

«Ich muss dir noch etwas sagen, und ich finde, heute ist der richtige Tag dafür», flüsterte sie mit den Lippen an seinem Ohr. «Weißt du eigentlich, dass ich dich …»

«Jetzt ist aber Schluss, ihr Turteltäubchen!», rief eine markante männliche Stimme und schnitt Becca damit das Wort ab. Eine kräftige Pranke landete auf Jens’ Schulter, sodass ihm nichts anderes übrig blieb, als sich aufzurichten.

Augenblicklich riss Rolf Hagenah Jens an seine Brust. Hagenah, Hamburger Streifenpolizist und Urgestein, war in bier- und rührseliger Laune.

«Genau … Weisheit … da hat die Baumgärtner recht», stammelte er sentimental. «Damit du uns noch ein paar Jahre erhalten bleibst und nicht in eine Kugel läufst. Glückwunsch, mein Freund.»

Jens ließ auch dies über sich ergehen und bereute es, sich nicht schnell einen ordentlichen Alkoholpegel angetrunken zu haben.

Schon verlangten die nächsten Gäste nach Aufmerksamkeit. Schulterklopfen, Küsschen, Glückwünsche, Selfies; es hörte einfach nicht auf. Als die Prozession der Gratulanten endlich versiegte, war es an der Zeit, endlich die Frage zu stellen, die ihm schwer auf der Zunge lag. Also drehte er sich zu Becca um, die hinter ihm gewartet hatte, beugte sich hinunter und fragte:

«Was wolltest du gerade sagen … bevor Hagenah dich unterbrach?»

«Bring mich weg von hier, und ich sage es dir unter vier Augen», antwortete sie, und der Blick aus ihren großen braunen Augen drehte ihm den Magen um.

«Jetzt? Du meinst …»

Becca nickte. «Meine ich. Lass uns hier verschwinden.»

Jens trat hinter den Rollstuhl, packte die Griffe und schob Becca aus dem Saal. Niemand hielt sie auf, niemand fragte, wohin sie wollten. In der Hotellobby war es angenehm ruhig, und der Rezeptionist grinste Jens an, als wüsste er Bescheid.

Jens steuerte auf den Tresen zu, um seinen Autoschlüssel zu holen, doch Becca hielt ihn auf.

«Wohin willst du?», fragte sie.

«Nach Hause.»

«Heute Nacht bin ich hier zu Hause.» Becca hob die Hand mit der Schlüsselkarte des Hotels darin. «Zimmer 304.»

Die Aufforderung war so eindeutig, wie sie nur sein konnte. Jens sah Becca an; ihre Wangen leuchteten rosig, ihr lockiges braunes Haar glänzte im Licht der Deckenstrahler. Ihre Augen fanden einander, loteten Verlangen und Lust aus, und in diesem Moment fielen alle Barrieren, die bislang noch verhindert hatten, worüber Jens in seinen einsamen Nächten schon so oft nachgedacht hatte.

Er wollte zu ihr gehen und ihr die Schlüsselkarte abnehmen, als hinter ihm eine Stimme erklang, die ihm wie ein Messer in den Rücken fuhr.

«Hallo, Großer!»

3

Um 00:24 ging auf dem 33. Kommissariat am Wiesendamm im Hamburger Stadtteil Eppendorf ein Anruf ein. Ein Mann meldete ein verlassenes Auto, das mit offen stehender Fahrertür an der Otto-Wels-Straße parkte. Das war nur wenige Minuten vom 33. entfernt. Sofort machte sich eine Streife auf den Weg dorthin.

In dieser Nacht hatten Carina Reinicke und ihr jüngerer Kollege Levin Oktay Dienst und übernahmen den Einsatz. Besonders Carina hatte nicht die beste Laune, weil sie nicht an der Party zu Jens Kerners Geburtstag teilnehmen konnte. Seit sie Jens bei dem grausamen Fall um den Lieferdienst food2you besser kennengelernt hatte, mochte und respektierte sie ihn sehr und ließ keine Gelegenheit aus, mit ihm zu arbeiten. Carina hätte ihm gern während der Party gratuliert, aber natürlich musste irgendjemand auch Dienst schieben. Die Kollegen und Kolleginnen, die in Frage kamen, hatten Streichhölzer gezogen. Carina hatte einfach Pech gehabt.

Aber noch etwas anderes verdarb ihr die Laune.

Diese Unsicherheit seit Tagen. Sie musste endlich den Schwangerschaftstest machen, hatte aber Bammel davor.

«Fahr du!», sagte sie kurz angebunden und warf Levin die Schlüssel zu.

Er war zwei Jahre jünger als sie, ein Frischling, der seine Ausbildung gerade erst abgeschlossen hatte – das allerdings mit Bravour und Bestnoten. Levin war ein zurückhaltender junger Mann mit dunklen Augen, schwarzem Haar und nachdenklichem Blick.

Die Fahrt auf nahezu leeren Straßen dauerte nur wenige Minuten. Carina sah den Wagen, einen silbernen Ford Focus, schon von weitem.

Er stand leicht schräg am rechten Fahrbahnrand auf dem Parkstreifen unter den weit überhängenden Ästen der bereits dicht belaubten Bäume. Das Licht der Warnblinkanlage ließ die Bäume rhythmisch orange aufleuchten. Die weit geöffnete Fahrertür war ein unheilvolles Zeichen.

Eine gespenstische Szene, und obwohl noch nichts darauf hindeutete, dass hier gerade ein Verbrechen geschehen war, sagte ihr Bauchgefühl genau das.

«Park mit ein bisschen Abstand dahinter», wies sie ihren jungen Kollegen an.

Während Levin Oktay den Streifenwagen abbremste und ebenfalls die Warnblinkleuchten einschaltete, funkte Carina die Zentrale an. Sie fragte, ob der Mann, der den Wagen gemeldet hatte, nicht die Anweisung erhalten habe, auf die Streife zu warten. Die Zentrale antwortete, man habe den Anrufer gebeten zu warten, aber er sei schon bei der Frage nach seinem Namen wenig kooperativ gewesen und lieber anonym geblieben.

Carina gab das Kennzeichen des Ford Focus an die Zentrale durch und bat darum, den Halter zu ermitteln. Dann stieg sie aus. Levin folgte ihr.

Sie gingen ein paar Schritte auf den Wagen zu und schauten sich um. Von den Insassen war nichts zu sehen. Niemand stand vornübergebeugt oder mit heruntergelassener Hose im Gebüsch, und es waren auch keine Geräusche zu hören, die auf eine Person in Not schließen ließen.

Levin Oktay erreichte das Heck des Wagens zuerst.

«Siehst du das?», fragte er.

Es war nicht zu übersehen.

Unter den Rand der schrägen Heckscheibe hatte jemand mit fluoreszierender Farbe ein Hashtag gemalt. Nicht sehr groß, aber doch deutlich zu sehen, da die spezielle Farbe das Licht der Scheinwerfer reflektierte und mit der Warnblinkanlage zu pulsieren schien.

Carina näherte sich der Fahrertür des Wagens, während Levin sich ein paar Meter seitlich hielt und aufmerksam die Umgebung im Blick behielt. Die rechte Hand lag auf seiner Dienstwaffe, der Halteverschluss war geöffnet.

Das Fahrzeuginnere war leer. In der Mittelkonsole lagen Lippenstift und Eyeliner.

Carina hatte das bedrückende Gefühl, zu spät zu kommen.

Sie richtete sich auf und schaute hinüber zum Stadtpark, der die Straße hier zu beiden Seiten säumte.

«Ich glaube, wir sollten Unterstützung rufen», sagte Carina gerade laut genug, damit Levin es hören konnte.

«Was, meinst du, ist hier passiert?», fragte er.

«Meine Ahnung sagt mir, nichts Gutes», antwortete Carina, ohne den Blick vom dunklen Rand des Stadtparks zu lösen.

«Geh zum Wagen und ruf in der Zentrale an. Wir brauchen ein paar Einheiten, um nach der Fahrerin zu suchen.»

«Fahrerin?»

«Ja. Und für mich sieht das nicht so aus, als hätte sie den Wagen freiwillig verlassen.»

«Alles klar!»

Levin eilte zum Streifenwagen. Carina zog sich von dem Ford Focus zurück, da sie ihn mittlerweile für einen Tatort hielt und ihn nicht mit ihren eigenen Spuren verunreinigen wollte. Jetzt ebenfalls mit einer Hand auf dem Griff ihrer Dienstwaffe, ging sie vor zur Motorhaube.

Was sie dort zu sehen bekam, ließ sie auf der Stelle erstarren.

«Scheiße», flüsterte sie, und es fühlte sich an, als griffe ihr eine eiskalte Hand in den Nacken.

4

«Karsten!?», stieß Jens Kerner aus.

Er war vollkommen perplex. Dieses Gesicht hatte er schon lange nicht mehr gesehen. In den vergangenen dreißig Jahren hatte es sich stark verändert, und doch erkannte er seinen kleinen Bruder sofort wieder. Das lag an den Augen. Diesen kleinen, dicht beieinanderstehenden und tiefliegenden Augen, über denen stets ein Schatten zu liegen schien.

Wie heißes Wasser aus einem isländischen Geysir schossen aus den Tiefen seiner Erinnerungen Bilder, Gedanken und Gefühle empor, die ihn taumeln ließen.

«DU!?», brachte Jens mühsam hervor.

Er konnte es nicht fassen. Sein kleiner Bruder, der schon als Kind und Jugendlicher stets Zwietracht gesät, manipuliert und intrigiert hatte. Der Jens’ Eltern nur Kummer gemacht hatte, bis der Krebs und ein Herzinfarkt beiden den Tod gebracht hatten. Jens war zutiefst erschüttert, aber seine trainierte Beobachtungsgabe funktionierte noch, und er erkannte, dass Karsten nicht besonders überrascht wirkte – so als hätte er mit diesem Zusammentreffen gerechnet.

Deshalb galt Jens’ nächster Blick Rebecca.

Sie schaute zu ihm auf, die Zimmerkarte noch in der Hand, die endlich hätte einlösen sollen, was zaghafte Küsse, neckische Spielereien und zweideutige Anmerkungen über einen langen Zeitraum versprochen hatten.

Beccas Blick flackerte unsicher.

Offenbar war ihr bewusst, dass sie einen entscheidenden Schritt zu weit gegangen war.

«Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, großer Bruder», sagte Karsten und machte einen Schritt auf Jens zu. Er wagte es nicht, die Hand auszustrecken, aber seine offene Art und die verständnisvolle Milde in seinem Blick waren Provokation genug.

«Was willst du», fuhr Jens ihn an.

Karsten war ein wenig dick geworden, am Körper ebenso wie im Gesicht. Früher waren sie beide gertenschlank gewesen, das lag bei ihnen in der Familie, aber wie es schien, waren sie beide mit ihren guten Genen nicht gerade pfleglich umgegangen. Jens’ Übergewicht, von dem er in den vergangenen Monaten einiges verloren hatte, stammte von zu wenig Bewegung und zu viel Essen, das wusste er. Bei Karsten jedoch schien es anders zu sein. Sein Gesicht wirkte aufgedunsen.

«Einen ersten Schritt machen», sagte Karsten.

«Dann rate ich dir, dass dich dein zweiter Schritt gleich wieder aus der Tür rausführt», entgegnete Jens.

Und an Rebecca gewandt fragte er: «Hast du ihn etwa eingeladen?»

«Jens, bitte, ich dachte …»

«Ist schon gut», sprang Karsten ihr bei. «Ich habe damit gerechnet. Er war schon früher so unversöhnlich. Aber es war einen Versuch wert, und wer weiß, wenn er den ersten Schock überwunden hat, vielleicht erkennt er dann ja, wie viel guter Wille dahintersteckt.»

Vor allem steckte in dieser kleinen Ansprache so einiges, was Jens’ Blut zum Kochen brachte.

Der Vorwurf, er sei schon immer ein unversöhnlicher Sturkopf gewesen und könne überdies Beccas gute Absicht nicht erkennen. Zudem ließ Karsten es so aussehen, als sei Jens schuld an dem Bruderstreit und nicht etwa er selbst. An seiner manipulativen Art hatte sich also nichts geändert, wie sollte es auch. Der grundlegende Charakter eines Menschen war unveränderlich.

«Hau ab!», stieß Jens aus.

Karsten schüttelte den Kopf.

«Tut mir leid, ich wohne hier.»

«Hier im Hotel?»

«Dafür sind Hotels da, nicht wahr.»

Jens versuchte, seinen Zorn zu unterdrücken, spürte aber, dass es ihm nicht viel länger gelingen würde. Er fühlte sich überrumpelt und vorgeführt und wusste nicht, wie er sich verhalten sollte.

«Dann genießt den Abend noch ohne mich», sagte er, ging zum Empfang und verlangte seinen Autoschlüssel, der ihm sofort ausgehändigt wurde.

«Jens … bitte, warte doch», flehte Becca.

Doch er hörte nicht auf sie, beachtete sie nicht einmal mehr, sondern stürmte an seinem kleinen Bruder vorbei durch die Drehtür hinaus in die Mainacht.

Erst dort warf er einen Blick zurück durch die getönte Panoramascheibe ins Foyer des Hotels und sah Rebecca in ihrem schwarzen Kleid im Rollstuhl sitzen, klein, verletzlich, verzweifelt, und es brach ihm das Herz. Aber er konnte nicht zurück, konnte nicht über seinen Schatten springen, der in diesem Moment viel größer war als er selbst, weil all die Erinnerungen an die Vergangenheit ihn zu einem riesenhaften schwarzen Albtraum heranwachsen ließen.

5

Die Dunkelheit war vollkommen und schien Krystina einzuhüllen wie eine feste und zugleich nachgiebige Substanz. Sie konnte weder Arme noch Beine bewegen, nur den Kopf ein wenig, und als sie das tat, spürte sie, wie die Dunkelheit sich zusammendrücken ließ, ihren Bewegungen aber folgte und jede, für einen kurzen Moment entstehende winzige Lücke sofort wieder füllte. Dabei raschelte es, und sie spürte an den Wangen und der Stirn zarte Berührungen, die sie an den Flügelschlag eines Schmetterlings erinnerten. Sie wusste, wie sich das anfühlte. In ihrer Kindheit hatte sie so gern im Wildblumenfeld hinter dem Haus ihrer Eltern gelegen und durch die unzähligen verschiedenen Blüten hindurch zum blauen Himmel emporgeschaut. Am schönsten hatte sie es gefunden, wenn die großen bauschigen, von schwüler Luft genährten Wolken an ihr vorbeizogen, denn in dieser drückenden Luft waren die Schmetterlinge nicht so flügelwild wie sonst, dann blieben sie länger auf ihrem Gesicht sitzen und streichelten sie mit ihren Flügeln.

Krystina begriff, dass es nicht die Dunkelheit sein konnte, die sie spürte. Dafür waren die Berührungen zu real.

Die Schmerzen an und in ihrem Kopf hämmerten im Gleichklang mit ihrem Herzen, und sie konzentrierte sich auf diesen Schmerz, um nicht wieder die Besinnung zu verlieren. Vor allem aber, um sich in einer Umgebung daran orientieren zu können, die sonst keine Orientierung bot.

Wo war sie?

Was war geschehen?

Nach und nach kam die Energie in ihre Muskeln zurück. Doch schnell stellte sie fest, dass ihr Körper ein kompaktes Paket war und sich absolut nicht bewegen ließ, mit Ausnahme des Halses. Also drehte sie den Kopf, spürte die Berührungen, den Schmerz – und vernahm ein leises Rascheln von überallher.

Jetzt erinnerte sie sich an die Polizeikelle, die aus dem Fenster auf der Fahrerseite gestreckt worden war, und dieses Bild löste einen Schwall von Bildern aus. Ein ziviler Streifenwagen, blaues flackerndes Licht darin, blondes Haar, ein Polizist hinter einer starken Taschenlampe, dessen Kollegin auf dem Beifahrersitz … mit dem Laptop auf den Knien, das Gesicht eine erstarrte, verzerrte Maske …

Dann der Schlag auf ihren Kopf und jetzt die Enge und Dunkelheit.

Ist das ein Sarg?, fragte sich Krystina. Liege ich etwa in einem Sarg? Hat dieser Polizist mich lebendig begraben?

Sie hörte auf mit den vergeblichen Versuchen, sich zu bewegen, hielt den Kopf still und lauschte. Jetzt, ohne dieses allgegenwärtige Rascheln direkt an ihren Ohren, glaubte sie, Geräusche zu hören. Irgendwie gedämpft und weit entfernt, aber sie waren da, zweifellos.

Hörte man in einem Sarg unter der Erde Geräusche?

Sicher nicht.

Bemerkbar machen konnte sie sich nicht, denn ihr Mund ließ sich nicht öffnen. Sie konnte die Kiefer um vielleicht zwei Zentimeter bewegen, nicht mehr, und Krystina begriff, dass der Angreifer ihr den Mund zugeklebt hatte. Sie war gefesselt und verklebt, ein menschliches Paket.

Sie begann zu weinen. Wenigstens das konnte sie noch. Die Tränen rannen ihr über die Wangen, und sie fragte sich, ob sie ihre Eltern und ihre beste Freundin Imke jemals wiedersehen würde.

In diese Gedanken mischte sich die Frage, warum sie entführt worden war. Ganz sicher nicht des Geldes wegen, denn sie hatte keines und ihre Familie ebenfalls nicht. Warum also sie?

Der Mann fiel ihr ein.

Dieser stille, unheimliche Beobachter neulich Abend in dem MyDriver-Bus. Er hatte Krystina beobachtet, und sie hatte seinen Blick als unangenehm empfunden. Diese böse Ausstrahlung, die sie in Gegenwart des angeblichen Polizisten empfunden hatte, die hatte der Mann auch gehabt. War sie kein zufälliges Opfer? Hatte er sie ausspioniert? Aber warum? Sie hatte doch niemandem etwas getan?

Ein lautes «Klonk» beendete Krystinas Gedankenfluss. Sie zuckte zusammen und hätte geschrien, wenn es ihr möglich gewesen wäre.

Dem ersten folgte ein zweites «Klonk». Metallen und hohl, und mit einem Mal wusste Krystina, dass sie im Kofferraum eines Wagens lag.

Sie hörte weitere Geräusche, vielleicht das Klappern eines Schlüsselbundes, ein leises Husten, schließlich ein Piepsen, wie es Autos von sich geben, wenn sie mit der Funkfernbedienung geöffnet werden. Dann ein Klacken. Die Kofferraumklappe war entriegelt worden.

Krystinas Körper verspannte sich schmerzhaft vor Angst. Plötzlich konnte sie nicht mehr atmen, gleichzeitig raste ihr Herz.

Die Kofferraumklappe flog auf. Grelles Licht ersetzte die Dunkelheit und blendete Krystina. Hinter ihrem Knebel stieß sie verzweifelte Geräusche aus und spürte, wie sich ihre Blase entleerte.

«Sieh her! Sieh mich an!», befahl eine männliche Stimme. «Wir müssen Content haben, sonst glauben die uns nicht.»

Völlig unfähig, auch nur irgendwas zu tun, geschweige denn den Anweisungen des Mannes Folge zu leisten, wimmerte Krystina vor sich hin. Eine Hand packte ihr Kinn und drehte ihren Kopf auf die Seite. Instinktiv riss Krystina die Augen auf, und bevor sie sie wegen des grellen Lichtes wieder schließen musste, sah sie das Kameraauge eines Handys, das auf sie gerichtet war. Den Mann dahinter sah sie nicht, ihr fielen nur die quer verlaufenden Narben an seinen kräftigen Unterarmen auf.

Es war ihr Handy, mit dem sie fotografiert wurde, das erkannte sie an der bunten Hülle.

«Dein erstes wirklich authentisches Foto», sagte der Mann, bevor er die Kofferraumklappe wieder zuschlug.

6

Jens Kerner musste seine Red Lady auf dem Parkplatz des Hotels lange suchen, und dann sprang sie auch noch schwer an. Irgendwas hatte dieser unfähige Hotelpage, der seinen Wagen geparkt hatte, falsch gemacht. Wahrscheinlich hatte er den Motor absaufen lassen. Seine Lady war nun mal kein Wagen für Anfänger.

Die ersten Kilometer war Jens wütend auf alles und jeden. Dann schaffte er es, seine Wut zu kanalisieren und auf seinen Bruder Karsten, vor allem aber auf sich selbst zu richten.

Er war nicht in der Lage gewesen, ruhig zu bleiben, das wurmte ihn am allermeisten. Sein kleiner Bruder hatte ihn wieder einmal aus der Fassung gebracht, so wie früher, und das, obwohl Jens von sich glaubte, ein cooler Kerl zu sein, der mit beiden Beinen fest auf dem Boden stand und so leicht nicht ins Wanken zu bringen war. Ein Mann aus dem Norden, sturmfest und erdverwachsen.

Ha, ha, ha, dreimal laut gelacht.

Noch mit vierundfünfzig war seine Lunte so kurz wie eh und je, es kam nur darauf an, wer ein Streichholz dranhielt.

Ein paar ruhige Worte an der Hotelbar, nach all den Jahren, die sie sich nicht gesehen hatten, die hätte er sich abringen können, auch wenn es nur für Becca gewesen wäre. Noch immer sah er den verzweifelten Blick, mit dem sie ihm aus der Hotellobby hinterhergeschaut hatte, und das machte Jens fertig. Er hatte sie mit seinem Verhalten verletzt und einen Abend zerstört, den sie anders geplant hatte – und der der Beginn von etwas Neuem hätte werden können.

Die Schlüsselkarte in ihrer Hand, die Röte auf ihren Wangen … Sie war bereit gewesen und er auch. Ohne Zögern wäre er mit ihr aufs Zimmer gegangen.

Jens lachte unwillkürlich auf. Es war ein bitteres, dem Umstand geschuldetes Lachen, dass sein kleiner Bruder es mal wieder geschafft hatte, alles kaputt zu machen.

Sollte er umkehren und mit Becca reden? Den Abend würde das nicht retten, aber den nächsten Tag und die vielen, die noch kommen würden, vielleicht. Immerhin arbeiteten sie zusammen. Immerhin fühlte er sich zu ihr hingezogen.

Andererseits war Jens auch ein bisschen sauer auf Becca. Sie hätte Karsten nicht einfach einladen dürfen, ohne ihn zu fragen.

Allerdings wusste sie ja nichts von ihrer komplizierten Beziehung. Jens sprach nie über seine Vergangenheit oder gar seine Familie. Da waren sie wieder, die Gründe, an denen unter anderem seine beiden Ehen gescheitert waren: seine Wortkargheit und Verschlossenheit. Seine Sturheit und die Angewohnheit, alles allein mit sich selbst auszumachen.

Nein, Becca traf keine Schuld. Sie hatte es nur gut gemeint. Er musste das auf der Stelle geraderücken.

Weil er aber mit seinem feuerroten Pick-up-Truck nicht überall wenden konnte, fuhr Jens noch ein Stück weiter. Plötzlich war da Blaulicht vor ihm auf der Straße. Er hielt darauf zu und erkannte schon von weitem seine junge Kollegin Carina Reinicke. Sie stand mit dem Handy am Ohr neben einem am Straßenrand auf dem Parkstreifen abgestellten Auto.

Überrascht sah sie ihn in seinem auffälligen Wagen heranrollen und winkte.

Jens hielt auf der anderen Straßenseite, schaltete das Warnblinklicht ein und stieg aus.

«Ist deine Party schon zu Ende?», sagte Carina und kam ihm entgegen.

«Für mich schon.»

Sie wollte etwas sagen, aber Jens schnitt ihr mit einer Handbewegung das Wort ab.

«Frag bitte nicht. Was ist hier passiert?»

Sie sah ihn einen Moment fragend, ja, geradezu durchdringend an, bevor sie noch einen Schritt näher kam und ihn umarmte. Einfach so.

«Herzlichen Glückwunsch, Chef. So viel Zeit muss sein.»

Jens wusste, er war steif wie ein Brett, aber gleichzeitig freute er sich über Carinas Aufmerksamkeit und spürte die Anteilnahme in ihrer Umarmung.

Schließlich löste sie sich von ihm.

«Ich hab da ein ganz blödes Gefühl», sagte sie und deutete auf den mit offener Tür dastehenden Ford Focus. Im Hintergrund sah Jens den Kollegen Levin Oktay, der grüßend die Hand hob. Jens grüßte zurück.

«In der Zentrale ging ein Anruf ein, der uns auf diesen verlassenen Wagen hier aufmerksam machte. Levin und ich sind gleich losgefahren und fanden das Fahrzeug genau so vor. Leer, die Fahrertür geöffnet, die Warnblinkanlage eingeschaltet. Von der Fahrerin keine Spur.»

«Woher weißt du, dass es eine Fahrerin ist?»

«Frauenkram in der Mittelkonsole.»

«Handy?»

«Fehlt.»

«Hm … merkwürdig.»

«Ja, aber es wird noch merkwürdiger. Du solltest dir etwas ansehen. Oder bist du auf dem Weg nach Hause?», fragte Carina.

«Zu Hause kann warten», antwortete Jens und begleitete sie zu dem Wagen.

«Da», sagte sie und deutete auf den Schriftzug auf der Motorhaube, der aus sich selbst heraus zu leuchten schien.

«Findemich», stand dort in fluoreszierenden Lettern.

Jens wusste sofort, dass dies der Beginn eines neuen, krassen Falles war. Die Fahrerin des Wagens war nicht spontan entführt worden, das bewiesen diese beiden Worte.

«Das ist noch nicht alles», fuhr Carina fort und führte ihn zum Heck des Wagens.

Dort hatte jemand ein merkwürdiges Zeichen, ein Doppelkreuz, auf die Klappe gemalt, ebenfalls in dieser grüngelben Leuchtfarbe.

«Was soll das bedeuten?», fragte Jens.

«Das ist ein Hashtag.»

«Ein was?»

«Hashtag. Man benutzt es in den sozialen Netzwerken, markiert damit Beiträge, um besser gefunden werden zu können.»

«Aha», machte Jens, der noch nie ein Hashtag hatte benutzen müssen, damit ihn jemand besser finden konnte. Er selbst hatte keinen einzigen Social-Media-Account und nicht einmal WhatsApp auf dem Handy. Ermittlungsarbeit in diesen Bereichen überließ er den Kollegen oder Becca, die sich gut damit auskannte.

«Bei der Fahrerin handelt es sich um die dreiundzwanzigjährige Krystina Zoller, das hat die Kennzeichenabfrage ergeben, und die Daten stimmen mit dem Führerschein und dem Ausweis überein. Beides habe ich in der Handtasche gefunden.»

Jens stand einen Moment stumm da, betrachtete den leeren Wagen und versuchte, seine Gedanken zu ordnen, die noch unter dem Eindruck des abrupten Endes seiner Geburtstagsparty und des überraschenden Wiedersehens mit seinem Bruder standen. Aber so war es bei ihm schon immer gewesen: Wenn er arbeiten konnte, war seine Welt in Ordnung. Damals, als er mit seiner Dienstwaffe Menschen getötet hatte, hatte ihm die Arbeit geholfen, damit fertigzuwerden, nicht irgendwelche Gespräche mit Psycho-Heinis. Genauso war es nach seinen Scheidungen gewesen. Die Konzentration auf einen Fall ließ ihn den Rest ausblenden. Auch wenn er wusste, dass ihn all das eines Tages, wenn er seinen Fokus verlor, wieder einholen würde.

Ein verwaistes Auto am Straßenrand mitten in der Stadt. Ein Hinweis für diejenigen, die es fanden. Eine verschwundene Fahrerin …

«Wie sieht das hier für dich aus?», fragte Jens.

«Als hätte sie jemand aus ihrem Wagen gezerrt, verschleppt und mit dieser Leuchtfarbe eine Botschaft für die Polizei hinterlassen. Deshalb habe ich auch sofort Verstärkung gerufen. Zwei Streifenbesatzungen sind drüben im Stadtpark unterwegs. Ich dachte, wenn der Täter zu Fuß unterwegs ist, dann ist er mit ihr dorthin.»

«Gut gemacht. Aber er kann sie ebenso gut mit dem Wagen fortgebracht haben.»

«Ja, ich weiß.»

«Finde mich», wiederholte Jens die Aufschrift auf der Motorhaube. «Und dieser Hashtag, der dient also dazu, in den sozialen Medien etwas zu finden, ja?»

«Das Hashtag», verbesserte Carina ihn. «Neutrum, laut Duden. Und ja, genau dazu dient es», bestätigte sie.

«Hm. Hast du die Ortung ihres Handys bereits in Auftrag gegeben?»

«Wir sind erst seit zwanzig Minuten vor Ort. Du weißt selbst, wie lange so etwas dauert. Wir kennen ja nicht einmal ihre Nummer.»

«Dann sollten wir sie so schnell wie möglich herausfinden und … Moment, sagtest du nicht, jemand habe in der Zentrale angerufen und den Wagen gemeldet?»

Carina bekam große Augen.

«Scheiße, du hast recht. Wer immer die Frau angegriffen hat, könnte uns von ihrem Handy aus angerufen haben. Ich kümmere mich sofort darum.»

Carina begann zu telefonieren.

Jens wandte sich ab, überquerte die Straße und ging ein paar Schritte auf den angrenzenden Stadtpark zu. Er meinte, im Dickicht hin und wieder die Taschenlampen der suchenden Polizisten aufblitzen zu sehen. Jens glaubte nicht, dass sie die Frau dort finden würden, auszuschließen war es aber nicht, und natürlich mussten sie jede Eventualität überprüfen.

Unter dem pechschwarzen Schatten eines Baumes blieb Jens stehen und drehte sich um. Betrachtete die Szenerie und ließ sie auf sich wirken. Mittlerweile hatten sich einige Menschen eingefunden, angezogen von den blinkenden Lichtern des Streifenwagens. Was das betraf, waren Menschen wie Motten. Sie konnten nicht anders: Blau blinkendes Licht zog sie geradezu magisch an.

Was für ein Geburtstag, dachte Jens und fragte sich, ob dies das Geschenk war, das er verdient hatte.

Plötzlich kam Carina Reinicke wild fuchtelnd auf ihn zugelaufen. Ihr blonder Pferdeschwanz flog von einer Seite zur anderen, in der Hand hielt sie ihr Handy.

«Jens … schnell … sieh dir das an!»

7

Das Radio spielte Kavinsky und Lovefoxxx in Dauerschleife, beides Musiker, die er sich stundenlang anhören konnte. Die Synthesizerklänge nahmen seinen Verstand in ihre zärtlichen Hände und trugen ihn davon. Nicht mehr länger an seinen Körper gebunden, sah er die nächtlichen Straßen der Stadt aus der Vogelperspektive, sah den Wagen dahingleiten, in dem er saß, spürte durch die Lederhandschuhe das Lenkrad in seinen Händen und das Vibrieren des Motors an seinen Füßen. In manchen Nächten gelang es ihm, eins zu werden mit der Maschine, dann wurde aus dem Fahren ein Fliegen, ein gleitender Flow, und er musste nicht ein einziges Mal die Bremse betätigen, an keiner Ampel stoppen. Die grauen Asphaltbänder wurden zu Flüssen, auf deren Strömung er dahinglitt.

Die Frau im Kofferraum empfand die Fahrt sicher anders, doch das war ihm gleichgültig. Er hatte es sich schwieriger vorgestellt, geglaubt, mit seinem Gewissen ringen zu müssen, doch das blieb ganz ruhig. Selbst die Panik und Todesangst in ihrem Blick, als er das Foto von ihr geschossen hatte, hatten nicht sein tiefstes Inneres erreicht, wo vielleicht noch ein wenig Menschlichkeit vergraben lag.

Vielleicht aber auch nicht.

Ehrlich gesagt war ihm das gleichgültig.

Wichtig war nur dieser erste Schritt: Er hatte mit seiner Therapie begonnen. Vielleicht würde er jetzt endlich wieder Ruhe und Ausgeglichenheit finden.

Wenn die Reifen unter ihm auf dem Asphalt summten, spürte er, dass er in der richtigen Richtung unterwegs war. Wenn die Welt in einem bestimmten Tempo an ihm vorbeizog, verstand er sie. Dann erkannte er ihren Sinn. Denn alles war in Bewegung, alles drehte sich oder schoss auf etwas zu: Planeten, Sonnen, Galaxien, schwarze Löcher.

Ab jetzt würde sich ein Teil der Welt auf ihn zubewegen.

Für eine ausgewählte Gruppe von Menschen war er von heute an ein schwarzes Loch, und er war gewillt, diesen Zustand so lange wie möglich aufrechtzuerhalten.

In einiger Entfernung sah er einen Streifenwagen langsam die Straße entlangfahren.

Hatte das Spiel begonnen?

Dann wurde es Zeit für eine andere Musik.

Er stellte Tick of the Clock von The Chromatics ein.

8

«Wir brauchen mehrere Einheiten auf der Straße und einen Hubschrauber für die Luft-Boden-Suche», bellte Jens Kerner in das Telefon. Dann hörte er sich an, was sein Gesprächspartner zu sagen hatte, und wurde noch lauter:

«Ihre Überstunden sind mir scheißegal! Der verdammte Hubschrauber soll sich sofort in Bewegung setzen und Kontakt zu mir aufnehmen.»

Damit beendete er das Gespräch.

«Zeig noch mal her», bat er seine Kollegin Carina Reinicke, die mit vor Aufregung hochrotem Kopf vor ihm stand. Aus ihrem Pferdeschwanz hatte sich eine Strähne gelöst und hing ihr ins Gesicht.

Zweierlei hatte sie herausgefunden: Der Anruf im 33. Polizeikommissariat, mit dem der verwaiste Wagen gemeldet worden war, war tatsächlich von Krystina Zollers Handy aus geführt worden. Des Weiteren gab es auf dem Instagram-Account krystinazoll ein aktuelles Foto, das vor weniger als einer halben Stunde hochgeladen worden war. Es zeigte eine junge Frau, gefesselt und geknebelt im Kofferraum eines Wagens. Der Kofferraum war voller gelber Schaumstoffflips, wie man sie im Versandwesen benutzte, um die leeren Räume von Paketen aufzufüllen. Die junge Frau, die aus panisch geweiteten Augen in die Kamera starrte, schien darin zu schwimmen.

Die Bildunterschrift lautete: #findemich

Nachdem Jens das Foto vor einer Viertelstunde zum ersten Mal gesehen hatte, hatte er nicht lange gezögert und telefonisch die Fahndung nach dem Wagen in Gang gesetzt, den der Fotograf gleich mit abgelichtet hatte: eine schwarze Limousine der Marke BMW mit dem amtlichen Hamburger Kennzeichen HH-XB 34.

Hatte der Fotograf die Kofferraumklappe absichtlich mit ins Bild genommen? Anders war es nicht denkbar, und das bedeutete, er wollte gefunden werden oder ihnen zumindest die Chance geben, die Frau zu retten. Wahrscheinlich ging Jens ihm mit seiner Fahndung voll auf den Leim, aber er hatte keine andere Wahl.

«Warum macht er das?», fragte Carina Reinicke.

«Um uns herauszufordern, nehme ich an.»

Jens studierte die anderen Fotos im Account von Krystina Zoller. Das letzte vor dem Kofferraumbild zeigte die junge Frau in einer Kneipe. Lächelnd balancierte sie ein Tablett mit drei vollen Biergläsern, goldgelb, die Schaumkrone perfekt. Sie hatte langes, dunkles Haar, war außergewöhnlich hübsch, hatte eine attraktive Figur, trug eine enge Jeans und ein schulterfreies Top.

Hab heute Spätschicht, kommt doch vorbei, stand unter dem Bild.

«Die Kneipe heißt Flying Dutchman», sagte Carina und deutete auf die Kürzel in blauer Schrift unter dem Post, denen ebenso ein Hashtag vorangestellt war, wie es mit Leuchtfarbe auf die Kofferraumklappe des Wagens gemalt worden war.

#flyingDutchman#happyhour#hamburg#nightlife#kneipe#spaß#letshaveadrink

«Kenne ich sogar», sagte Jens. «Da habe ich schon das eine oder andere Bier getrunken. Jemand soll da hinfahren und sich umhören. Sofort, nicht erst morgen.»

«Levin Oktay ist schon auf dem Weg.»

«Gut. Du bleibst bitte hier und kümmerst dich um die Spurensicherung am Wagen, die Einheit müsste ja gleich eintreffen.»

«Geht klar!»

Jens’ Handy klingelte. Es war der Rückruf der Hubschrauberbesatzung, auf den er gewartet hatte. Der Copilot informierte ihn darüber, dass die Maschine in wenigen Minuten startklar sein würde. Jens setzte ihn über den schwarzen BMW ins Bild und bat darum, über Funk auf dem Laufenden gehalten zu werden. Sie einigten sich auf eine Frequenz, auf der auch die Besatzungen der Streifenwagen funkten, die an der Suche beteiligt waren. In der Kürze der Zeit hatte Jens nur drei Wagen bekommen können, mehr war einfach nicht drin gewesen.

Er beendete das Gespräch.

«Ich beteilige mich an der Suche», sagte er zu Carina. «Halt mich bitte übers Handy auf dem Laufenden.»

Jens nahm ihr ein Funkgerät ab, lief zu seiner Red Lady hinüber, sprang hinein und wollte den Motor starten.

Doch der sprang nicht an.

Der Anlasser jaulte, aber mehr als ein verzweifeltes Blubbern entlockte er dem Motor nicht.

«Scheiße!», schimpfte Jens und schlug aufs Lenkrad.

Da ließ man einmal jemand anderen ein paar Meter mit dem Wagen fahren, und schon war er im Arsch. Dieser Hotelpage hatte seine Red Lady nachhaltig ruiniert!

Nach drei erfolglosen Versuchen sprang Jens aus dem Wagen und lief zu Carina Reinicke.

«Ich brauch den Streifenwagen.»

Ohne weiter nachzufragen, händigte sie ihm den Schlüssel aus.

Jens sprang hinein und fühlte sich in dem niedrigen Sitz sofort unwohl, da half es auch nicht, den Sitz auf seine Länge und Größe einzustellen. Diese modernen Wagen waren wie Särge: kuschelig, gut ausgestattet, aber kein Platz und keine Luft zum Atmen.

Er fuhr los und meldete sich über Funk bei den Einheiten, um sie darüber zu unterrichten, dass er an der Suche nach dem BMW teilnahm. Noch hatte keine der Streifen den Wagen entdeckt.

Hamburg war groß und verzwickt, und wer sich in dem Straßenwirrwarr auskannte, konnte die Polizei die ganze Nacht an der Nase herumführen.

Hatte der Täter es genau darauf abgesehen?

Gaukelte er ihnen diese Chance, die Frau zu retten, nur vor?

Davon ging Jens aus, glaubte aber, dennoch eine minimale Chance zu haben. Der Täter konnte nicht jede Eventualität vorausplanen, möglicherweise ging er ihnen durch Zufall ins Netz – es sei denn, er wäre schon gar nicht mehr unterwegs. Vielleicht hatte er den Wagen längst in irgendeiner Garage geparkt und die Frau in ein Versteck geschleppt. Im schlimmsten Fall hatte er sie getötet und entsorgt. Aber dann hätte er sich bei der Ausgestaltung des Kofferraums nicht solche Mühe geben müssen. Die Zellulosechips dienten sicher zu nichts anderem als der Geräuschdämmung, und eine Tote machte keine Geräusche mehr.

Der BMW war gestern Abend als gestohlen gemeldet worden, das hatten sie durch die Kennzeichenabfrage schnell herausgefunden. Jens hatte noch keine Information darüber, wer der eingetragene Halter war.

Der Hubschrauber meldete über Funk, dass er in der Luft war und die Suche aufgenommen hatte. Auf ihn setzte Jens seine größte Hoffnung. Schwarze BMW gab es viele, aber mit etwas Glück würde die Crew das Kennzeichen aus der Luft identifizieren können, und dann hatten sie ihn. Einmal im Visier, würde er dem fliegenden Auge nicht mehr entkommen.

Jens fuhr langsam und hatte seine Augen überall. Leider war an einem Freitagabend deutlich mehr los als unter der Woche. Hatte der Täter auch das eingeplant?

Vielleicht war er ein Spieler, der sich mit der Polizei messen wollte und es sogar darauf anlegte, von ihr verfolgt zu werden. In dem Fall würde er auf die Party- und Nachtschwärmer als Deckung setzen und sich im oder in der Nähe des Zentrums herumtreiben. Aber das war reine Spekulation, auf die sich Jens nicht verlassen wollte.

«Sichtung!», klang es plötzlich aus dem Funkgerät. «Verdächtiges Fahrzeug fährt auf der Rubbertstraße Richtung Süden.»

«Habt ihr das Kennzeichen?», rief Jens ins Funkgerät.

«Negativ, ist noch zu weit weg, aber wir sind dran.»

«Seht zu, dass er euch nicht bemerkt. Denkt dran, da ist wahrscheinlich eine Frau im Kofferraum. Sie zu retten hat oberste Priorität.»

9

Das eng geflochtene Netz der Straßen bot alle fünfzig Meter die Möglichkeit abzubiegen, und er nutzte jede einzelne. Die Musik hatte er laut gestellt, sodass sie das Mikrouniversum seines Wagens ausfüllte, und überließ sich vollkommen der Verbindung, die er mit der Maschine hatte. Nie fuhr er schneller als fünfzig Stundenkilometer, und wo nur dreißig erlaubt waren, hielt er sich auch daran. Einige Male sah er Streifenwagen, aber entweder entdeckten sie ihn nicht oder waren gar nicht auf der Suche nach ihm. Das wäre zwar eine Enttäuschung, aber er hatte die Möglichkeit natürlich einkalkuliert, dass sie ihm in der heutigen Nacht noch nicht auf die Schliche kommen würden.

Zu keiner Sekunde stieg sein Puls nennenswert an, auch nicht, wenn ein Polizeiwagen auftauchte. Mit jeder Faser seines Körpers genoss er die Musik und das damit einhergehende Gefühl, besser zu sein als die anderen. Einzigartig. Unbesiegbar.

Von dem Moment an, da er die Chromatics gestartet hatte, schenkte er der Polizei eine halbe Stunde. Dreißig Minuten, in denen sie ihn in diesem undurchschaubaren Dschungel aus Straßen, Häusern und Gewässern finden und die Frau retten konnten, und er war entschlossen, jede einzelne Sekunde zu genießen. Wie bei einem Meisterpianist sich die Finger auf den Tasten bewegten, bewegten sich seine Füße auf Gas-, Brems- und Kupplungspedal, und mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit änderte er Geschwindigkeit und Fahrtrichtung. Seine Hände lenkten nicht einfach nur, nein, sie streichelten das Lenkrad, bildeten eine Einheit mit der dahintersteckenden Mechanik, die seinen Willen und seine Gedanken auf den Asphalt transportierte.

Er hielt sich für einen großen Fahrkünstler.

Ein verdächtig langsamer Streifenwagen näherte sich von vorn.

Er bog in die nächste Seitenstraße ab, rollte langsam weiter, behielt den Rückspiegel im Auge und sah die plötzlich darin auftauchenden Scheinwerfer. Sie blendeten ihn, sodass er nicht erkennen konnte, ob es der Streifenwagen war.

Er gab Gas. Nicht zu viel. Es sollte nicht wie eine Flucht wirken.

Als der Wagen unter der nächsten Straßenlaterne hindurchrollte, bemerkte er die Einsatzlichter auf dem Dach. Sie waren clever genug, sie nicht einzuschalten, zudem blieben sie auf Abstand. Aber sie hatten ihn entdeckt und waren ihm auf den Fersen.

Er stellte die Musik leiser und öffnete das Fenster.

Da war es auch schon, das leise, aber schnell näher kommende Geräusch eines Helikopters.

Ein kleines Lächeln stahl sich in seine Mundwinkel.

Jetzt wurde es interessant.

10

Schönheit liegt nicht im Auge des Betrachters, sondern in seinen Gefühlen, das begriff Rebecca Oswald an diesem völlig verkorksten Abend.

Das Hotelzimmer war schön, eigentlich. Doch nachdem sie hineingerollt und die Tür hinter sich zugeschlagen hatte, verpuffte aller Schein, und zurück blieb einzig Tristesse. Die kam aus ihrem Herzen, ihrem Bauch, ihren Gedanken, und es war so viel davon in ihr, dass es ausreichte, den Raum damit zu fluten.

Ein Doppelbett. Ein großes Bad mit barrierefreier Dusche. Ein toller Ausblick.

Das alles hatte Becca ausgesucht für ihre erste Nacht mit Jens. Seit Monaten war ihr klar gewesen, dass es dazu kommen würde, und sie hatte nicht mehr warten wollen, bis er die Initiative ergriff. Aus Jens’ moralischem Selbstverständnis heraus durfte er das wahrscheinlich nicht – und das hatte nichts mit Beccas Behinderung zu tun. Darum hatte er nie ein großes Brimborium gemacht. Nein, er war ihr Chef, beruflich für sie verantwortlich, und das schien für ihn ein größerer Hemmschuh zu sein als für sie.

Doch heute Abend wäre er bereit gewesen, ihr auf das Hotelzimmer zu folgen …