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Auf der Bislicher Insel bei Xanten wird der 80-jährige Egon Bullmeier von seiner Frau mit einem Kartoffeltopf erschlagen. Ihre Enkelin Anne Nielsen findet in dem kleinen Häuschen der Großeltern geheime Unterlagen über einen Flusstunnel, der in Wesel den Rhein unterquert. Am Deich bei Wesel-Büderich wird der niederländische Drogenboss Bernard de Mol von der Polizei gefasst. Bei ihm werden ebenfalls Hinweise auf den Weseler Flusstunnel gefunden. Wo liegt der Tunnel, und was haben die Bullmeiers mit de Mol zu tun? Kriminal-Hauptkommissar Brasche vom KK11 der Kreispolizei Wesel und sein Kollege Lüdenkamp versuchen das Rätsel zu lösen. Anne Nielsens Freunde Beo und Enna Wulf, die eine private Detektei betreiben, machen sich ebenfalls auf die Suche nach dem ominösen Tunnel. Keiner ahnt, welches Geheimnis dieser seit vielen Jahren birgt.
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Seitenzahl: 158
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Friedrich Bornemann
Der Fall de Mol
Ein Niederrhein-Krimi
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Pantoffel-Püree
Beo und Enna
Ermittlungen
Improvisation
Streng geheim
Der Flusstunnel
Hypothesen
Schreibtischtäter
Der Esel von Wesel
Dr. Mauswich
Vermisst
Tunnelblick
Der Dunkelmann
Rheinfälle
Heimkehr
Fragerunde
Besuch
Der Trecker
Emmenstraat
Die andere Seite
Amsterdam
Fragmente
Tarnung
Termine
Folianten
Erkenntnis
Telepathie
Chaos
Geheimnis
Erleuchtung
Rote Rosen
Auf der Mauer
Erkenntnis
Wandmalerei
Knochenjob
Fundstücke
Visionen
Widmung
Nachlese
Anhang
Impressum neobooks
„Sie haben Ihr Ziel erreicht“, verkündete die freundliche weibliche Stimme aus dem Navi. Kriminal-Hauptkommissar Armin Brasche brummelte: „Ist ja wunderbar“, nahm den Gang heraus und ließ den silbergrauen Audi A4 im Leerlauf langsam den Eyländer Weg hinunterrollen.
„Herrlich, diese Ruhe auf der Bislicher Insel“, stellte er zufrieden fest und rekelte sich gemütlich auf dem anthrazitfarbenen Polster. Sein Kollege Hans Lüdenkamp neben ihm auf dem Beifahrersitz stimmte zu:
„Wie im Sanatorium. Hier müsste man sich ab und zu mal ein Stündchen auf die Wiese legen und nichts tun.“
„Links oder rechts?“, fragte Brasche grinsend.
„Wie, links oder rechts? Hier geht’s doch nur geradeaus“, entgegnete Lüdenkamp verwundert.
„Ich meine, ob du lieber links oder rechts von der Straße nichts tun möchtest.“
Links dösten hinter dem Zaun ein Dutzend schwarz-bunter Kühe vor sich hin; auf der rechten Seite war eine Schafherde damit beschäftigt, das Gras kurz zu halten.
„Das ist mir egal“, ließ Lüdenkamp offen. „Ich würde sowieso erst kommen, wenn die Viecher Feierabend haben.“
Brasche schmunzelte. Typisch Lüdenkamp, dachte er. Der war auch bei der Arbeit im Kriminal-Kommissariat 11 der Kreispolizeibehörde Wesel einer von den ganz Vorsichtigen. Alles musste immer so weit wie möglich geklärt und vorbereitet sein, bevor Lüdenkamp eine Meinung äußerte oder zur Tat schritt. Brasche musterte seinen Kollegen kurz von der Seite. Lüdenkamp hatte die Augen geschlossen und genoss das schöne Wetter. Gestern hatte es noch hin und wieder geregnet. Jetzt war der Himmel makellos blau, und die Sonne strahlte.
Lüdenkamp schützte seine Augen mit einer schicken Sonnenbrille, und seine Kleidung war wie immer sportlich-lässig: hellblaue stonewashed Jeans, Sneakers und ein orangefarbenes T-Shirt. Der 32-jährige Kommissar war der Schwarm aller Kolleginnen im K 11.
Brasche mochte es etwas konservativer. Er war ja auch schon gute zehn Jahre älter. Er trug dunkelgraue Jeans, einen leichten olivfarbenen Rolli und schwarze Straßenschuhe. Das anthrazitfarbene Sakko, das normalerweise zu seinem Erscheinungsbild gehörte, hatte er ausgezogen und auf den Rücksitz gelegt.
„Na, zufrieden mit mir?“, grinste Lüdenkamp. Er hatte Brasches Seitenblick gespürt. „Bist du sicher, dass ich dir keine Schande mache?“
„Ich schätze, dass die Oma andere Sorgen hat als dein Outfit“, antwortete Brasche. Sie waren auf dem Weg zu einer älteren Frau, die bei der Polizei angerufen und mitgeteilt hatte, dass ihr Mann tot im Wohnzimmer liege. Nein, nicht einfach so. Sie habe schon etwas nachgeholfen.
„Wäre schön, wenn wir jetzt auch mal das Haus finden würden“, meinte Lüdenkamp. Sie rollten gerade am ‚Naturforum Bislicher Insel’ vorbei. Im Innenhof, in den man von der Straße aus hineinsehen konnte, saß eine Gruppe munter Diskutierender im Kreis und genoss ebenfalls das schöne Wetter. Vermutlich beschäftigten sie sich mit den Zigtausend arktischen Wildgänsen, die auch in diesem Jahr wieder auf der Bislicher Insel Station machen und sich ein Fettpolster für ihre weitere Reise anfressen würden.
„Wo ist denn jetzt die Nummer 17?“, fragte Brasche. „Da kommt nicht mehr ganz viel.“
„Wie heißt die Straße?“ wollte Lüdenkamp wissen.
„Hier steht: Bislicher Insel 17“, erklärte Brasche.
Das Navi hatte die Bislicher Insel akzeptiert, aber nicht die Nummer 17. Die kannte es offenbar nicht.
„Hast du den Weg gesehen, der hier links abgeht? Der heißt Bislicher Insel.“
Brasche setzte ein Stück zurück und bog nach links in den kleinen Feldweg ein. Sie fuhren bis zum Ende, wendeten und kehrten wieder zurück.
„Hier gibt es ganz vorn nur die Nummern 3 und 13. Danach kommen überhaupt keine Häuser mehr“, stellte Lüdenkamp fest. „Lass uns noch mal bis zum Deich zurückfahren.“
Dieses Mal weideten die Schafe links; dafür schnarchten die Kühe rechts. Ein paar von ihnen waren mittlerweile aufgestanden und labten sich an einer ziemlich langen Tränke.
„Das sieht aus wie bei Vera an der Theke“, meinte Lüdenkamp. Vera war die Wirtin des Lokals, in dem das gesamte Kommissariat einmal im Monat kegelte.
Sie kamen jetzt wieder am Naturforum vorbei. Die Gänsefreunde waren inzwischen verschwunden. Vermutlich nahmen sie ihr zweites Frühstück ein. Oder sie waren irgendwo in den umliegenden Feldern und Wiesen unterwegs, um Kammmolche oder Wachtelkönige zu zählen.
Brasche wurde allmählich ungeduldig. Er klopfte einen monotonen Rhythmus aufs Lenkrad, und seine Miene wirkte leicht angespannt.
„Hier rechts ist noch ein kleiner Weg“, verkündete Lüdenkamp, der seine Rückenlehne ein bisschen schräg gestellt hatte und sich gemütlich durch die Gegend kutschieren ließ. Sein rechter Arm hing aus dem offenen Fenster, und seine Finger unterstützten Brasches Rhythmus, allerdings in doppeltem Tempo.
Brasche bog nach rechts ab in einen zugewachsenen, schmalen Feldweg. Zweige streiften durch die geöffneten Fenster. Endlich wurde ein kleiner Kotten sichtbar, der auf einem Hügel - hinter Kopfweiden versteckt - lag und von der Straße aus nicht zu sehen war. Ein kleines, verwunschenes Häuschen, früher vermutlich Teil eines Bauernhofes, das zur Hälfte mit Efeu zugewachsen war. Sogar von dem Dach war nur noch ein kleiner Teil sichtbar. Ein paar Butzenscheiben ließen sicher nicht allzu viel Licht in das Haus. Neben der Haustür war eine schmiedeeiserne ‚17’ angebracht und ein getöpfertes Namensschild: ‚Bullmeier’.
Brasche drückte schon zum dritten oder vierten Mal auf den Klingelknopf. Gleichzeitig rüttelte er ungeduldig an dem Türknauf. Endlich wurde im Haus ein leises Schlurfen hörbar; quietschend und ächzend öffnete sich die alte Eichentür.
„Hallo, Sie müssen schon klingeln, wenn Sie rein wollen! Wenn Lisa nicht Bescheid gesagt hätte, hätte ich Sie gar nicht bemerkt“, begrüßte sie eine alte weißhaarige Frau um die 80.
„Mein Name ist Brasche, Hauptkommissar Brasche. Das ist mein Kollege Lüdenkamp. Sie haben angerufen?“
„Ja. Gut, dass Sie endlich kommen. Meinem Mann geht es nicht gut.“
„Wie? Geht es nicht gut? Am Telefon haben Sie gesagt, dass er tot ist“, wunderte sich Brasche.
Die Antwort der alten Frau verwunderte ihn noch mehr: „Er hört so schlecht.“
„Und deswegen rufen Sie die Polizei?“
Brasche warf Lüdenkamp einen kurzen Blick zu. Die beiden waren sich spontan einig, dass die Oma, die jetzt vor ihnen durch den düsteren Hausflur tapste, nicht ganz ernst zu nehmen war. Der Einsatz würde wahrscheinlich schnell erledigt sein. Abzuhaken unter: falscher Alarm; etwas merkwürdige Alte.
Sie waren inzwischen in der Küche angekommen und setzten sich an den in der Mitte stehenden Küchentisch. Die Tischdecke, rotblau gemustert und aus Plastik, lag ein wenig schief. Brasche war stark in Versuchung, sie gerade zu ziehen.
„Er hört so schlecht, und deswegen ist er jetzt tot“, hörte er die alte Frau sagen.
Lüdenkamp mischte sich ein: „Ich habe noch nie gehört, dass Schwerhörigkeit zum Tod führt.“
„Die nicht, aber die Kartoffeln“, war die Antwort.
„Die was?“ fragte Brasche ungläubig. „Aber lassen Sie uns zuerst einmal Ihre Personalien aufnehmen; und dann erzählen Sie uns ganz genau, was passiert ist. Sie heißen?“
„Ja, beißen konnte er in letzter Zeit auch nicht mehr so gut. Deshalb habe ich ihm ja fast nur noch Kartoffelpüree gemacht. Das isst Lisa auch so gern.“
Brasche hatte den Eindruck, dass die Schwerhörigkeit epidemisch um sich griff. Etwas lauter fragte er: „Lisa ist Ihre Tochter?“
„Ob er kocht? Nein, er kocht nicht. Er hat er in seinem ganzen Leben noch nicht gekocht. Und jetzt ja sowieso nicht mehr.“
Brasche stöhnte kurz. Dann fragte er: „Sie heißen Bullmeier? So steht es jedenfalls auf dem Klingelschild vorn an der Haustür. Ihr Vorname?“
„Möchten Sie Kaffee?“
„Nein, danke. Ich wüsste gern, wie Sie heißen.“
„Elsa Bullmeier. Früher hieß ich Berta Möllering.“
„Möllering ist also Ihr Mädchenname?“
„Ja“.
„Und wieso jetzt Elsa und früher Berta?“
„Herta hieß meine Schwester, aber die ist schon lange tot. Die hat in Neukirchen-Vluyn gewohnt. Gemeinsam mit ihrem Mann und …“
Brasche unterbrach sie. „Ich möchte gern wissen, wieso Sie jetzt Elsa heißen?“ fragte er ziemlich laut.
„Weil Egons Frau auch Berta hieß. Da habe ich meinen zweiten Vornamen genommen. Meine Patentante hieß Elsa.“
„Und wer ist Egon?“
„Mein Mann“.
„Dann hat Egon zwei Frauen?“
„Ja. Aber nacheinander. Wie sich das gehört. Egon und ich, wir sind jetzt auch schon fast 40 Jahre verheiratet. Aber in letzter Zeit geht es ihm nicht mehr so gut.“
„Das sagten Sie bereits. Er hört schlecht“. Brasche klang genervt. Er sprach sehr langsam und viel lauter als sonst. Das tat er immer, wenn er genervt war. Lüdenkamp waren diese Anzeichen nur zu vertraut, und er zog vorsichtshalber schon mal den Kopf ein.
„Wo ist Ihr Mann jetzt?“, fragte Brasche.
„Er liegt im Wohnzimmer.“
„Er hat sich hingelegt?“
„So kann man es wohl sagen.“
„Können wir ihn mal sehen?“
„Sehen kann er noch ganz gut. Nur mit dem Hören ...“
Brasche rief: „Wir möchten ihn sehen!“
„Das ist aber kein schöner Anblick.“
Lüdenkamp sagte: „Das macht nichts. Das sind wir gewohnt.“
Brasche fragte - diesmal sehr leise, er flüsterte fast:
„Ist Ihre Tochter bei ihm?“
Elsa flüsterte zurück: „Wir haben keine Tochter.“
„Und wer ist Lisa?“
„Unsere Katze. Die hat auch schon von den Kartoffeln gegessen.“
Brasche sprang auf. Bisher hatte er gehofft, dass der Tote nur in der Fantasiewelt von Oma Bullmeier existierte. Aber jetzt kamen ihm doch Zweifel.
Mit Lüdenkamp im Schlepptau stürmte er aus der Küche und über den Flur. Er riss die Tür zu dem gegenüberliegenden Raum auf, wo er das Wohnzimmer vermutete. Dann sah er ihn: Mitten zwischen uralten dunklen Möbeln, im kargen Licht von ein paar Sonnenstrahlen, lag ein etwa 80 Jahre alter Mann mit wuseligem weißen Bart und weit aufgerissenen Augen. Um seinen Kopf herum war eine Anzahl roher Kartoffeln verstreut, und daneben lag ein verbeulter Aluminiumkochtopf.
Lüdenkamp stellte fest, dass der alte Mann tot war, und er schloss ihm die Augen.
Elsa Bullmeier saß jetzt auf einem roten Plüschsofa an der Stirnseite des Wohnzimmers, gegenüber der Tür, und betrachtete von dort aus das Geschehen. Sie hatte einen breitrandigen schwarzen Hut mit Schleier aufgesetzt und stellte offenbar die trauernde Witwe dar. Brasche blickte sie verwundert an.
Elsa erklärte: „Der ist noch von der Beerdigung meiner Schwester - vor 13 Jahren. Aber noch wie neu. Möchten Sie Kekse?“
„Nein, danke“, kam unisono die Antwort von Lüdenkamp und Brasche.
Lüdenkamp verließ den Raum. Er informierte seine Kollegen vom K 11 und forderte den Polizeiarzt an. Dann ging er in die Küche, wo Brasche und Elsa Bullmeier inzwischen wieder an dem Tisch mit der rotblauen Plastikdecke saßen. Die lag jetzt gerade. Die Befragung wurde fortgesetzt.
„Seit wann liegt Ihr Mann hier so?“, fragte Brasche.
„Seit das mit den Kartoffeln passiert ist.“
„Was ist denn nun eigentlich geschehen?“, wollte Lüdenkamp wissen.
„Das ist alles nur gekommen, weil Egon so schlecht hört. Er sollte mir die Pantoffeln bringen.“
„Ja, und dann?“
„Dann hat es ewig gedauert, bis er endlich wiederkam.“
„Ja, und dann?“ Brasche versuchte, das Ganze ein bisschen zu beschleunigen.
„Dann hat er mir den Topf mit den Kartoffeln in die Hand gedrückt.“
„Ja, …?“
„Dann hat er gesagt: Da hast du Deine Kartoffeln.“
„Und dann?“
„Dann hat er gesagt, ich hätte gesagt, er sollte Kartoffeln holen. Dabei habe ich doch gesagt, er sollte mir die Pantoffeln bringen. Doch keine Kartoffeln! So'n Quatsch! Dann hat er gesagt, ich würde immer so nuscheln. Und manchmal wüsste ich überhaupt nicht, was ich wollte.
Das ginge ihm alles ziemlich auf die Nerven. Und das nicht erst seit gestern, sondern schon fast 40 Jahre. Und wenn er das alles früher gewusst hätte, dann hätte er gar nicht erst geheiratet; jedenfalls nicht zum zweiten Mal. In der Zeit vor unserer Hochzeit wäre alles viel besser gewesen. Und hören könnte ich auch nicht mehr richtig. Und irgendwie wäre ich manchmal nicht ganz bei Trost. Ich bildete mir ein, dass wir eine Katze hätten. Und meine verdammten Pantoffeln sollte ich gefälligst selbst holen.“
Berta machte eine Pause und seufzte tief. Dann fuhr sie
fort: „Da war auf einmal der Topf mit den Kartoffeln auf
seinem Kopf, und es hat so ein merkwürdiges Geräusch gemacht. Und dann war alles ruhig. Möchten Sie vielleicht ein Schnäpschen?“
Brasche und Lüdenkamp wollten kein Schnäpschen. Lüdenkamp telefonierte noch einmal und forderte auch die Spurensicherung an. Es dauerte nicht lange, bis der Arzt und die Kollegen erschienen und ihre Arbeit machten. Elsa Bullmeier wurde zur Untersuchung in die psychiatrische Abteilung des St. Vinzenz-Hospitals in Dinslaken gebracht.
Es klingelte an der Haustür. Genauer gesagt: Es klingelte nicht, es summte dezent. Das machte in diesem Fall aber keinen Unterschied, weil Beo Wulf sich vorübergehend von der Außenwelt verabschiedet hatte. Er saß an seiner Hammond-Orgel A 100, einem original amerikanischen Modell aus den 1960er Jahren, und spielte The Shadow of your Smile. Mit diesem Schmusesong hatte er schon unzählige Zuhörer beeindruckt; besonders weibliche.
Zu denen gehörte auch Enna, die seit zwei Jahren Tisch, Bett und Weinkeller mit Beo teilte und in seiner Detektei als ‚Vorzimmermaus’ fungierte. Die üblichen Berufsbezeichnungen wie Empfangsdame, Sekretärin oder einfach nur Mitarbeiterin fanden beide nicht passend. Deshalb hatten sie sich auf dieses possierliche Tierchen geeinigt, das im Moment allerdings nicht präsent war.
‚Enna-Maus’ - so wurde sie meistens, jedenfalls, wenn Friede im Haus Wulf herrschte, von Beo gerufen - stöberte gerade mit drei befreundeten anderen Mäusen durch die Weseler Fußgängerzone: vom Großen Markt über Viehtor, Kreuzstraße, Korbmacherstraße, Hohe Straße bis zum Berliner-Tor-Platz und wieder zurück. Die Vier fanden die deutlich in die Jahre gekommene Fußgängerzone an sich zwar nicht übermäßig attraktiv. Sie hofften deshalb auf die bevorstehende Neugestaltung nach den Plänen eines Berliner Architekten-Duos. Aber die Vielfalt der Läden und des Angebotes sagte ihnen trotzdem zu. Deshalb waren sie oft und gern in Wesel unterwegs, statt - wie viele andere - nach Bocholt oder Duisburg zu fahren.
Helen und Lola-Marie waren frühere Kolleginnen aus dem Schreibpool der Kreispolizeibehörde. Mit ihnen unternahm Enna nach ihrem Wechsel von der Polizei in Beos Büro immer noch regelmäßige Klön- und Shoppingtouren. Ihre beste Freundin Anne kannte Enna schon seit der gemeinsamen Sandkastenzeit.
Beo hörte das inzwischen zu einem nervigen Dauerton mutierte Summen sehr wohl, er ließ sich aber nicht stören.
„Klingel von mir aus bis morgen früh“, brummelte vor sich hin und blätterte seine Noten um. Mittwochnachmittags war die Detektei nämlich nicht besetzt - so war es auch auf dem gut sichtbaren Hinweis-schild neben der Haustür zu lesen - und Beo sah absolut keinen Grund, diese Regelung zu durchbrechen. Nach seinen abenteuerlichen Erlebnissen im Zusammenhang mit der Ermordung des Weseler Kriminal-Hauptkommissars Gregor Obermann vor zwei Jahren war Beo bekannt wie ein bunter Hund. Er hatte in der Angelegenheit zwar einen etwas ambivalenten Eindruck hinterlassen, als wichtigster Zeuge aber wesentlich zu der Aufklärung des Falles beigetragen. Die Strafverfolgung wegen mehrerer kleinerer Delikte, in die ihn der Haupttäter hineingezogen hatte, war wegen Geringfügigkeit eingestellt worden. Seitdem war Beo jedenfalls der bekannteste Detektiv weit und breit, und über einen Mangel an lukrativen Aufträgen konnte er sich weiß Gott nicht beklagen.
Es summte noch einmal kurz, dann gab der Störenfried draußen vor der Tür auf. Beo hörte kurz danach, wie der Deckel des Briefkastens zuklappte. „Na also“, murmelte er und rief dem unbekannten Besucher noch ein freundliches „Dankeschön“ hinterher. Dann blätterte er wieder in seinen Notenbüchern und konzentrierte sich ganz auf sein geliebtes Hobby, das Orgelspielen.
Beo hatte in seiner Schulzeit Orgelspielen gelernt und danach mehrere Jahre in einer Amateur-Band musiziert. Den letzten Schliff auf dem Instrument hatte er später in einer Ausbildung zum C-Kirchenmusiker erhalten.
Zur Abwechslung legte Beo eine Übung von Bernard Drukker auf das Notenpult, sortierte seine Finger und legte los.
Stunden später kam Enna von ihrer ausgedehnten Shop-ping-Tour zurück. Sie stellte ihr Auto, einen kleinen knallroten Fiat 500, in der Garage ab, räumte diverse Einkaufstaschen aus dem Kofferraum und marschierte fröhlich trällernd zum Hauseingang. Bevor sie die Tür aufschloss, nahm sie ihr immer griffbereites kleines Mikrofasertuch aus der Handtasche, hauchte kurz auf das neben der Haustür befestigte Firmenschild - Bengt-Ole und Enna Wulf / Privat-Detektei/ Termine nach Vereinbarung / Mittwochnachmittags geschlossen - und polierte ein paar scheinbar vorhandene Flecken weg. Eine Zeremonie, die Enna nie versäumte. Sie war stolz auf ihre gemeinsame Firma. Zwar war Beo der eigentliche Detektiv, und Enna erledigte nur den anfallenden Schreibkram. Aber sie fand ihren Part mindestens genau so wichtig wie Beos ‚Schnüffelei’.
Armin Brasche saß an seinem Schreibtisch im K 11. Sein Arbeitsplatz war wie immer aufgeräumt, und die wenigen notwendigen Utensilien lagen sorgfältig ausgerichtet und griffbereit vor ihm: ein paar Bleistifte und Kugelschreiber, Hefter, Locher, Tesa-Spender. Alles exakt parallel oder rechtwinklig zueinander angeordnet. Und die Akte ‚Elsa Bullmeier’. Brasche schrieb gerade den Abschlussbericht.
Er hatte bereits mit dem Staatsanwalt gesprochen. Sie waren sich schnell einig geworden, dass es sich um einen Totschlag im Affekt handelte und die alte 80-jährige Frau dafür vermutlich nicht zur Rechenschaft gezogen werden konnte, weil sie infolge ihrer Demenzerkrankung schuldunfähig war. Eine Wiederholungsgefahr hielten sie nicht für gegeben.
Elsa Bullmeier war vorläufig noch in der stationären psychiatrischen Abteilung des St. Vinzenz-Hospitals in Dinslaken untergebracht. So schnell wie möglich sollte aber ein Heimplatz für sie gesucht werden, um ihr einen Psychiatrie-Aufenthalt auf Dauer zu ersparen. Im Heim würde sie die erforderliche Hilfe bekommen. Sie in ihrem Kotten allein leben zu lassen, war nach dem schrecklichen Vorfall nicht mehr vertretbar.
Elsa Bullmeier hatte außer einer Enkelin keine Verwandten. Ihre einzige Tochter war schon vor mehreren Jahren gestorben. Den Schwiegersohn, Bernd Nielsen, hatte sie nur flüchtig kennengelernt, weil der sich schon kurz nach der Hochzeit aus dem Staub gemacht hatte.
So blieb nur ihre Enkelin Anne Nielsen übrig, die in Wesel wohnte. Brasche hatte sie über den Tod ihres Großvaters und die Umstände informiert und sich mit ihr eingehend unterhalten.
Anne hatte ihre Großeltern in dem Häuschen auf der Bislicher Insel regelmäßig besucht. Sie hatte sich, besonders in früheren Jahren, immer gut mit ihnen verstanden. In der letzten Zeit war die Kommunikation allerdings etwas mühsam geworden, weil Opa Egon extrem schwerhörig und Oma Elsa etwas merkwürdig geworden war.
Bei den Untersuchungen des Kottens war ein Testament gefunden worden. Darin war Anne Nielsen als Alleinerbin eingesetzt. Wenn Oma Elsa irgendwann das Zeitliche segnen sollte, würde es allerdings nicht allzu viel zu erben geben: Momentan war der kleine, heruntergekommene Kotten mit uraltem Inventar vorhanden; ein Sparbuch mit einem Guthaben von etwas mehr als 3.000 Euro, das vermutlich für die in den nächsten Tagen anstehende Beerdigung von Opa Egon draufgehen würde; und diverse alte Bücher und Papiere. Anne Nielsen hatte auch schon den Schlüssel zu dem Kotten bekommen.
