Kling Glöckchen - Friedrich Bornemann - E-Book

Kling Glöckchen E-Book

Friedrich Bornemann

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Beschreibung

Auf einer Baustelle am Großen Markt in Wesel, wo Stück für Stück die Historische Rathausfassade wieder entsteht, wird ein Toter entdeckt. Er liegt unbekleidet auf einer Palette, die hoch oben am Haken des Baukrans baumelt. Im benachbarten Willibrordi-Dom gerät das Glockenspiel völlig außer Kontrolle. Statt des vorgesehenen 'Ännchen von Tharau' spielt es plötzlich einen aktuellen Pop-Titel von Lena. Bei ihren Ermittlungen lassen sich die Beamten vom KK11 der Weseler Kriminalpolizei von Privatdetektiv Beo Wulf helfen, der einen Zusammenhang zwischen den beiden mysteriösen Fällen aufdeckt.

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Seitenzahl: 133

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Ähnliche


Friedrich Bornemann

Kling Glöckchen

Ein Niederrhein-Krimi

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Eiszeit

Kumpanei

Alles paletti

Ferngesteuert

Ganz in Weiß

Turm-Verlies

Schlüsselfragen

Frau Wirtin

Unbemerkt

Von der Rolle

Leergut

Nervensache

Kling Glöckchen

Nuancen

Tippgeber

Aufgepasst

Viel Betrieb

Organismus

Tropfenweise

Geläute(r)t

Zaungäste

Carilloneur

Fingerprints

Code-Knacker

Ausgeschieden

Freundschaften

Auf dem Schirm

Große Lage

Abdrücke

Trio

Wirrungen

Abgestürzt

Erregung

Wahrheiten

Motivation

Fundstücke

Männer

Nachklang

Anhang

Impressum neobooks

Eiszeit

Beo und Enna hatten es sich unter einem der leuchtend gelben Sonnenschirme vor dem Eiscafé ‚La Gondola’ bequem gemacht. Enna löffelte ein großes Spaghetti-Eis, während Beo zufrieden an seinem obligaten Eiskaffee nuckelte.

Der Name des Lokals und die Farbe der Sonnenschirme erinnerte Beo jedes Mal an Venedig. Enna und er hatten vor zwei Jahren ihr Detektivbüro für ein paar Tage geschlossen und eine erholsame Zeit in der Lagunenstadt verbracht. Natürlich hatten sie auch den Markusplatz mit dem Campanile besucht. Enna war die unzähligen Stufen im Glockenturm hinaufgeklettert, um die herrliche Aussicht über Venedig und den Canale Grande zu genießen. Beo hatte so lange auf einem mit gelben Tischen und Stühlen ausgestatteten Bereich am Rande des Markusplatzes gewartet, ein Bitter Lemon getrunken und drei Musikern zugehört, die auf ihrem kleinen Podium vor sich hin fiedelten.

Auf dem Großen Markt in Wesel waren natürlich keine Gondeln zu sehen, und statt eines frei stehenden Glockenturms gab es nur einen kleinen Dachreiter oben auf dem Dom. Die Temperaturen konnten in diesem Sommer aber ohne Weiteres mit denen in Venedig konkurrieren.

Am Nebentisch saß eine Frau mit einem etwa vierjährigen Mädchen, vermutlich ihre Tochter. Die Mutter - eine ausgesprochen modische Erscheinung mit halblangen blonden Haaren und einer Sonnenbrille mit großen, fast schwarzen Gläsern - blätterte gelangweilt in einer VOGUE, die sie ab und zu auch als Wind spendenden Fächer benutzte. Die Kleine leckte an zwei roten Eiskugeln in einer Waffel. Dabei sang sie fröhlich vor sich hin. Was sie da interpretierte, war nicht ohne weiteres erkennbar. Jedenfalls nicht für Beo und Enna, die mit Interesse ihre Bemühungen verfolgten, gleichzeitiges Eislecken und Singen zu koordinieren. Das schien nicht ganz einfach zu sein, weil das Eis in der Mittagssonne ziemlich schnell dahinschmolz. Mehrere rote Kleckse waren bereits auf dem ansonsten blütenweißen Top der Kleinen gelandet. Aber die Mutter blickte nur einmal kurz auf und bemerkte: „Das macht nichts. Wird nachher gewaschen.“

Beo blickte ein wenig verwundert, woraufhin Enna ihm ins Ohr flüsterte: „Wenn man mit so einer Handtasche unterwegs ist, dann reagiert man anders als das gemeine Volk!“ Beo blickte nach unten und sah auf dem Boden, zwischen der Kleinen und ihrer Mutter, eine geöffnete beigebraune Tasche stehen, die er spontan ‚potthässlich und höchstens zum Gemüse-Einkaufen geeignet’ fand. Enna klärte ihn flüsternd auf: „Das ist eine richtig teure Designertasche, eine Gucci, die kostet mindestens 700 Euro!“

„Oh!“, flüsterte Beo beeindruckt zurück. „Ich würde damit aber trotzdem nur Kartoffeln trans-

portieren.“

„Banause!“, wies Enna ihn grinsend zurecht.

„Deine Designertasche aus Dinslaken finde ich jedenfalls besser. Und die war viel billiger.“

„Preiswerter“, korrigierte ihn Enna. „Du hattest daran auch etwas zu meckern, als ich die gekauft habe.“

„Ich kann mich nicht erinnern.“

„Ich umso besser. Du hast gesagt, die sähe aus wie ein Bündel getrockneter Tabakblätter!“

„Na ja, tut sie doch auch. Aber immer noch besser als dieser Gemüsebeutel.“

Der Gesang der Kleinen wurde jetzt lauter und ihr Eis immer glitschiger. Beo blickte zu der Mutter hinüber und versuchte, sie auf das drohende Unheil aufmerksam zu machen:

„Äh, junge Frau, ihre Toch…“. Weiter kam er nicht. Ziemlich rüde wurde er angefahren:

„Äh, junger Mann, lassen Sie das Kind in Ruhe! Wenn der Gesang Sie stört, dann setzen Sie sich doch woanders hin! Ist doch schön, wenn Kinder singen! Hört man viel zu selten!“

Sprach’s und vertiefte sich wieder in ihre Zeitung. Beo schob noch „Äh, aber, ich wollte doch

nur …“ nach. Dann gab er auf.

Inzwischen nahm das Unheil – von der Mutter unbemerkt - seinen Lauf: Die Kleine machte vor Schreck über die Auseinandersetzung zwischen Beo und ihrer Mutter eine unkoordinierte Bewegung mit der Waffel, und die übrig gebliebene Eiskugel nutzte die Gelegenheit, Bekanntschaft mit der Gucci-Tasche zu machen. Die glitschige Masse beschrieb einen halbkreisförmigen Bogen und verschwand dann im Innern der Tasche, wo sie sich vermutlich inmitten der bei solchen Objekten üblichen Ansammlung von unentbehrlichen Utensilien ausbreitete. Kurz danach blickte die Mutter von ihrer Zeitung auf.

„Ah, Anna-Natalie, du bist fertig. Dann können wir ja gehen.“

Sie klappte ihre VOGUE zusammen, steckte diese ebenfalls in die Tasche, und verschwand mit Anna-Natalie.

Beo und Enna schienen das nicht mehr mitzubekommen. Sie schauten interessiert zur gegenüberliegenden Seite des Marktplatzes, wo die historische Weseler Rathausfassade - 555 Jahre nach ihrem ursprünglichen Bau und 65 Jahre nach der Zerstörung durch die Alliierten - wieder entstehen sollte. Die gesamte Baustelle war durch einen mannshohen Zaun und eine zusätzliche Plane abgesperrt, die die Sicht auf die Arbeiten verhinderte. Man konnte aber über dem Zaun das Haus Nr. 9 erkennen, das in den nächsten Monaten allmählich hinter der - in Anlehnung an alte Pläne und Fotos neu erstehenden - Gotikfassade verschwinden würde.

Als die Kleine und ihre Mutter den Marktplatz verlassen hatten, brachen Beo und Enna in wieherndes Gelächter aus.

„Stell dir das Gesicht der Alten vor, wenn sie zu Haus ihre Handtasche aufmacht“, japste Enna, als sie wieder einigermaßen sprechen konnte.

Beo reimte grinsend: „Die Gucci ist dann flutschi.“

Und Enna ergänzte lachend: „Und die VOGUE ook.“

Kumpanei

Am nächsten Morgen sprang Beo bestens gelaunt aus dem Bett. An diesem Tag gab es gleich zwei Gründe für ihn, sich zu freuen: Zum einen herrschte draußen das Sonnenhoch ‚Beowulf’. Er betrachtete das herrliche Wetter als sein ganz persönliches. Natürlich durften auch die übrigen, insbesondere alle netten Zeitgenossen, daran teilhaben. Aber schließlich hieß nur er Bengt Ole - abgekürzt Beo - Wulf. Dabei war er sich durchaus bewusst, dass der Name des aktuellen Sonnenhochs sich nicht auf ihn, sondern auf den Protagonisten des gleichnamigen angelsächsischen Heldenepos bezog. Das konnte seine gute Stimmung aber nicht mindern.

Außerdem sollte heute auf der Baustelle auf dem Großen Markt ein ganz besonderer Stein eingebaut werden: das ‚Tympanon’, ein geschmücktes Giebelfeld über dem Türsturz, unter dem sich später die Eingangstür zum Turm befinden würde.

Beo hatte die Auseinandersetzungen über den Sinn oder Unsinn einer nachgebauten Gotikfassade von Anfang an mit Interesse verfolgt. In Wesel gab es zwei diametrale Lager: eines, das den Wiederaufbau eines verloren gegangenen Baudenkmals grundsätzlich ablehnte mit der Begründung: ‚Was kaputt ist, ist kaputt! Und durch einen Wiederaufbau kann nichts wirklich Neues entstehen’. Die Anhänger des anderen Lagers sehnten sich nach einem Stückchen sichtbarer Geschichte in ihrer Heimatstadt, die zum Ende des Zweiten Weltkrieges fast völlig zerstört worden war. Später, beim Wiederaufbau der Innenstadt nach dem Krieg, hatten - mit Ausnahme des Willibrordi-Doms - mehr pragmatische Aspekte im Vordergrund gestanden.

Beo und Enna fanden den ganzen Großen Markt nicht besonders attraktiv; vor allem störten sie die deutlichen Stilunterschiede zwischen dem spätgotischen Dom und der modernen Glasfassade der gegenüberliegenden Bank. Auch die einheitlich gestaltete Trapp-Zeile auf der einen und die ziemlich heterogene Häuserreihe auf der anderen Längsseite des Platzes passten ihrer Ansicht nach nicht recht zusammen. Beo und Enna konnten sich deshalb die Rekonstruktion der spätgotisch-flämischen Rathaus-Fassade als Blickfang sehr gut vorstellen. Und sie hatten mit einem kleinen Beitrag – im Rahmen ihrer Möglichkeiten - zur Realisierung des Projektes beigetragen. Damit befanden sie sich in guter Gesellschaft mit vielen Gleichgesinnten; unter ihnen auch einige Prominente wie Hanns Dieter Hüsch, Günther Jauch oder der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck.

Bei der Grundsteinlegung war Beo auch dabei gewesen. Und seit dem Baubeginn hatte er sich regelmäßig über den Fortgang der Baumaßnahmen informiert. Ihn faszinierte auch der große Kran, mit dem die einzelnen vorbearbeiteten Steine millimetergenau von oben zwischen der Hausfassade und dem Baugerüst an ihren Bestimmungsort bugsiert wurden; per Funk-Fernsteuerung vom Gerüst aus. Bei einem seiner Besuche hatte er von dem Polier erfahren, dass der verwendete Sandstein aus der Eifel sehr empfindlich sei, und dass vor allem die Kanten und vorspringenden Teile leicht beschädigt werden konnten.

Heute war also das Tympanon an der Reihe, der erste große Schmuckstein in der allmählich wieder erstehenden Rathausfassade. Er sah aus wie ein flacher Giebel. In der Mitte war eine Schriftrolle eingearbeitet, auf der ‚RENOVAT ANNO 1740’ zu lesen war, die also auf eine Renovierung der ursprünglichen Fassade im Jahre 1740 hinwies.

Es dauerte einige Zeit, bis der schwere Stein genau an der richtigen Stelle saß. Der natürlich anwesende Dombaumeister stellte schließlich fest: „Sitzt, passt, wackelt und hat Luft!“, und ein rundes Dutzend Zuschauerinnen und Zuschauer applaudierte.

Beo machte später noch ein paar Fotos für seine Sammlung. Die übrigen Besucher waren inzwischen verschwunden. Auch die Arbeiter waren jetzt nicht mehr zu sehen. Dann setzte sich plötzlich der Kran in Bewegung. Der Haken, an dem kurz vorher noch der Schmuckstein gehangen hatte, wurde langsam nach oben gezogen. Danach war es wieder still.

Beo glaubte nicht an Geister oder Heinzelmännchen. Das konnte nur einer der Arbeiter sein, der sich irgendwo versteckte. Aber warum? Beo wusste es nicht. Er schoss noch ein letztes Foto von der menschenleeren Baustelle und machte sich dann wieder auf den Heimweg.

Alles paletti

Frank Berger war wie jeden Morgen sehr zeitig auf dem Großen Markt in Wesel unterwegs. Er machte seine tägliche Runde von Haus zu Haus und sorgte dafür, dass die Bewohner des Dom-Viertels schon beim Frühstück einen Blick in ihre Tageszeitung werfen konnten.

An manchen Tagen war der Kollege vom Konkurrenzblatt schneller. Das ärgerte Berger, weil er dann den insgeheim für sich ausgerufenen Wettbewerb ‚Schnellster Weseler Zeitungsbote’ an diesem Tag verloren hatte. Das ließ sein Ehrgeiz nicht zu.

Berger lief gerade um den mannshohen und mit Planen verhängten Bauzaun herum, der die kunstvolle Arbeit der Steinmetze an der Historischen Rathausfassade vor neugierigen Blicken schützte. Die Handwerker waren um diese Zeit natürlich noch nicht da. Der Bauzaun schon. Deshalb musste Berger jeden Morgen im Karree mitten über den Großen Markt laufen, um vom Haus Nummer 11 zur Nummer 7 zu gelangen. Dabei warf er meistens einen kurzen Blick durch das Tor des Bauzauns, das nicht ganz zugehängt war und so den Blick auf die schon gesetzten Steinreihen freigab. Ab und zu schaute Berger auch hoch zum Ausleger des Baukrans, an dem manchmal eine Schubkarre oder andere Geräte hingen. Berger hatte solche Anhängsel auch schon auf anderen Baustellen gesehen und sich gefragt, wozu diese - bevorzugt an Wochenenden - dort aufgehängt wurden. Um ihren Diebstahl zu verhindern? Eine plausiblere Antwort war ihm bisher nicht eingefallen.

In der Regel war es noch stockdunkel, wenn Berger zwischen vier und fünf Uhr dreißig auf seiner morgendlichen Tour unterwegs war. Heute schien der Mond, der sich allerdings zeitweise hinter Wolken versteckte. Der Kranausleger hoch oben war trotzdem gut zu sehen. An dem Haken baumelte diesmal etwas Rechteckiges. Mehr war von unten nicht zu erkennen.

Berger hatte in der Zeitung gelesen, dass die aus einem Steinbruch in der Eifel stammenden Sandsteine bei einem Fachunternehmen in Weimar bearbeitet wurden, das langjährige Erfahrungen in Denkmalsanierung und -restaurierung hatte. ‚Steinmetz’, so lautete die Berufsbezeichnung der Mitarbeiter. Berger überlegte, wie wohl der korrekte Ausdruck für deren Tätigkeit hieß: ‚steinmetzeln’? Wenn das stimmte, dann würden die armen Steine gemetzelt und luftdicht verschnürt nach Wesel entführt, um hier Stück für Stück in dem Gesamtkunstwerk „Historische Rathausfassade“ zu verschwinden.

Berger musste grinsen. Die Fantasie war mal wieder mit ihm durchgegangen. Das passierte ihm öfter.

Im nächsten Augenblick schien der Mond ungehindert durch ein Wolkenloch, und die dunklen Konturen der Palette waren von unten deutlich erkennbar. Berger ging weiter. „Komisch“, murmelte er. Ihm war so, als hätte er für einen kurzen Moment an einer der Außenkanten der Palette etwas gesehen, was da nicht hingehörte; so etwas wie eine Hand, die ihm zuwinkte.

„Quatsch“, versuchte er sich selbst zu beruhigen. „Frank, du siehst Gespenster.“ Berger ertappte sich manchmal dabei, dass er auf seinem einsamen Weg mit sich selbst sprach und sich dabei mit seinem Vornamen anredete. Aber außer ihm und seinen Kollegen war um diese Zeit ja auch niemand unterwegs, mit dem er sich hätte unterhalten können. Er blickte noch einmal nach oben. Der Mond war wieder verschwunden und die Palette nur noch als viereckiges dunkles Etwas erkennbar.

„Alles paletti!“, sagte er und erschrak vor seiner eigenen, etwas rauen Stimme auf dem ansonsten totenstillen Platz. Dann wurde ihm sein unbeabsichtigtes Wortspiel bewusst: Palette und paletti! Er lachte laut und blieb einen Moment stehen, um die nächsten Zeitungen aus seinem kleinen Handkarren zu nehmen. In diesem Augenblick zog der Zeitungsbote von der Konkurrenz mit einem freundlichen „Moin, moin, Kollege! Heute so gut aufgelegt?“ an ihm vorbei.

Ferngesteuert

Als der Polier Helge Wippert und sein Geselle Kain Kruse um kurz nach Sieben auf ihrer Baustelle am Großen Markt ankamen, bemerkten sie zu ihrem Erstaunen, dass am Kran eine Palette hing, die da nicht hingehörte.

„Hast du die Palette da aufgehängt?“, fragte Wippert mit Blick nach oben. Die Antwort von Kruse, der am Vorabend als Letzter die Baustelle verlassen hatte, kam postwendend: „Nein!“

„Komisch“, meinte der Polier. „Die kommt doch nicht von selbst dahin.“ Dann blickte er noch einmal nach oben und traute seinen Augen nicht. Über eine der Längskanten der Palette ragte – von unten deutlich erkennbar – eine Hand.

„Siehst du auch, was ich sehe?“, fragte er.

„Ja, die Palette“, erwiderte der Geselle.

„Nein, die meine ich nicht. Sieh noch mal genau hin.“

„Ach, du meinst die Hand“, kam die lakonische Antwort des Gesellen.

„Ja, eine Hand. Findest du das normal?“

„Jedenfalls nicht aufregend. Vor ein paar Jahren hat schon mal jemand versucht, mich mit so einer Gummihand zu erschrecken. Die hing aus seinem Kofferraum und sah auch verblüffend echt aus.“

„Und jetzt willst du mich damit reinlegen?“

„Nein, will ich nicht. Ich war das nicht.“

„Okay. Du warst es nicht. Ich war es auch nicht. Dann wollen wir uns das Ding mal aus der Nähe ansehen. Hol mal die Fernsteuerung.“

Der Geselle kam kurz danach zurück: „Die ist weg!“

„Wer ist weg?“

„Die Fernsteuerung ist nicht da!“

„Das gibt’s doch nicht!“

Inzwischen war ein leichter Wind aufgekommen, und die Palette über ihnen begann sich leicht zu bewegen. Die beiden starrten nach oben und beobachteten verwundert, dass sich die Hand bewegte. Es sah aus, als wenn sie ihnen zuwinkte. Und dann rutschte plötzlich ein ganzer Arm über die Kante der Palette und schaukelte im Wind.

Kruse meinte grinsend: „Besser arm dran als …“

„Lass deine blöden Witze!“, wurde er von Wippert unterbrochen. „Ich glaube, das ist kein Scherz. Da liegt einer auf der Palette.“

„Quatsch! Wie soll der denn da oben hingekommen sein?“

„Das weiß ich auch nicht. Starte mal den Kran von Hand. Ich sehe mir inzwischen das Ganze von oben an.“

Kruse verschwand in Richtung Kran. Wippert rannte zum Baugerüst, das links – dort, wo später der Turm der Historischen Rathausfassade entstehen sollte – bereits bis zur oberen Fensterreihe des Hauses Nr. 9 reichte, und kletterte, so schnell er konnte, nach oben. Als er dort angekommen war, stellte er fest, dass der Kranausleger mitsamt der daran hängenden Palette immer noch ein ganzes Stück über ihm schwebte. Er sah, dass die untere Fläche der Palette mit irgendwelchen roten Buchstaben beschriftet war. Lesen konnte er das aus seiner Perspektive nicht. Und was auf der Palette lag, konnte er ebenfalls nicht sehen.

„Ich kann nichts erkennen. Das ist zu hoch“, rief er nach unten.

Kruse hatte in der Zwischenzeit das Krangehäuse geöffnet und rief: „Jetzt müsste es gehen. Soll ich die Palette absenken?“

„Ja, aber ganz langsam. Und erstmals nur ein paar Meter.“

Man hörte das Surren des sich langsam abrollenden Stahlseils, und die Palette bewegte sich zentimeterweise nach unten. Als sie auf gleicher Höhe mit Wippert angekommen war, rief der: „Vorsichtig stopp!“

Das Surren hörte auf, und die Palette schaukelte langsam hin und her.

„Siehst du was?“, rief Kruse nach oben.

Es dauerte einen Moment. Dann kam die Antwort:

„Da liegt tatsächlich jemand drauf! Ein Mann! Er

bewegt sich nicht! Lass mal ganz langsam runter.

Ich komme auch.“