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Die frisch beförderte Kommissärin Madeleine Wyss ist noch kaum an ihrer neuen Stelle in Basel angekommen, als sie den Mord an dem betuchten älteren Herrn Tschudi aufklären soll. Doch bei einem Todesfall bleibt es nicht, denn der mittlerweile erwachsene Nachbarsjunge, der Herrn Tschudi gern beim Autowaschen half, ist verschwunden. Bald wird der Kommissärin klar, dass das betreffende Luxusauto eine zentrale Rolle in diesem Fall spielt. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Leuenberger taucht sie tief in die exklusive Welt der Marke Monteverdi und die Verstrickungen der Basler Eliten ein. Als der junge Hauptverdächtige verschwindet, wird es noch schwieriger für Wyss. Auch privat hat sie einige Turbulenzen zu verkraften – Stress mit der Mutter und ihrem Verlobten, der seinen Arbeitsaufenthalt in Kalifornien um weitere drei Monate verlängert. Zum Glück ist ihre attraktive Jugendliebe wieder einmal in der Stadt. Aber als die Ermittlungen nach dem Fund einer weiteren Leiche Fahrt aufnehmen, gerät die Kommissärin in große Gefahr ...
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Seitenzahl: 224
Veröffentlichungsjahr: 2025
Claudia Bardelang
Kriminalroman
Dörlemann
Widmung
Donnerstag 1
2
Freitag 3
4
5
6
Samstag 7
8
9
10
Sonntag 11
12
13
14
Montag 15
16
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Dienstag 18
19
20
21
Mittwoch 22
23
24
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Donnerstag 26
27
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Freitag 29
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31
32
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Samstag 34
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Montag 36
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38
39
40
41
42
43
Freitag 44
Juli 45
Dank
Über Claudia Bardelang
Für meine Tochter Elena
Es war ein ungewöhnlich heißer, brütender Donnerstagabend in Basel. Die Hitze weichte Asphalt und Hirn auf, drückende, klebrige Schwüle lag bleiern auf der Stadt. Von der untergehenden Sonne angeleuchtet, schimmerten die beiden Roche-Türme reinweiß vor einer gewaltigen schwarzen Wolkenwand. In den trägen Rheinfluten trieben die letzten Schwimmer unter der Mittleren Brücke durch, Caféterrassen, Buvetten und Treppenstufen der Kleinbasler Uferseite waren trotz des rasch aufziehenden Gewitters noch gut besetzt. Erste Windböen trieben Staub und trockene Blätter vor sich her, während fernes Wetterleuchten das Ende der Hitzewelle ankündigte.
Zwei Kilometer Luftlinie entfernt verschaffte sich Pascal Pfister unbefugt Zutritt zu einer kleinen Villa. Die Rollläden waren heruntergelassen, die Räume lagen im stickigen Dämmerlicht. Er schwitzte vor Aufregung und Hitze. Auf leisen Sohlen schlich er sich in die Küche, ließ seinen Blick über die bei Tageslicht hellblau hochglänzenden Fronten mit den Aluminiumgriffleisten schweifen und öffnete dann die letzte Schublade links unter den Oberschränken. Plötzlich hielt er in der Bewegung inne. Lauschte. Draußen rumpelten erste Donner. Das Licht flammte auf, und er fuhr erschrocken herum.
»Herr Tschudi! Gueten Oobe …« Etwas anderes fiel ihm nicht ein.
Als er wenig später die Ausfahrt der Tiefgarage hochfuhr, umklammerte er zitternd das Lenkrad. Gopferdammi! Was hatte er bloß getan! Draußen erwartete ihn ein Hölleninferno. Als wolle ihn eine zürnende höhere Instanz mit zuckenden Blitzen erschlagen und in apokalyptisch anmutenden Wassermassen ertränken.
Weit nach Mitternacht, als er vorm Balkonfenster das nicht enden wollende Unwetter betrachtete, hatte sich sein Zittern nach ein paar Benzos so weit gelegt, dass er alles noch einmal durchgehen konnte. Extrem blöd, dass Herr Tschudi ihn erwischt hatte! Er hatte sich zu Tode erschreckt. Donnerstagabend saß der alte Knabe doch immer beim Jassen! Er war nie vor dreiundzwanzig Uhr zu Hause. Nie. Immerhin hatte er eine Strumpfmaske getragen, so konnte ihn niemand identifizieren, falls er gesehen worden sein sollte. Gott sei Dank! Er fuhr sich mit einer nervösen Handbewegung über den Kopf. Aber morgen, morgen würde seine Pechsträhne endlich ein Ende haben.
Nicht weit entfernt, in der Feierabendstrasse, fiel eine schwere Tür ins Schloss. Nummer 54. Wyss & Senn stand in schlichten Lettern auf dem mittleren Klingelschild. Kommissärin Madeleine Wyss stieg die hölzerne Treppe ins erste Obergeschoss hoch, zog die Wohnungstür hinter sich zu und streifte im Dunkeln die Sandalen ab. Alles still, bis auf das Klappern der Holzläden und dem sich rasch nähernden Grollen. Ohne Licht zu machen, tappte sie über den knarzenden Parkettboden durch die Wohnung, um die Rollläden hochzuziehen und alle Fenster und Balkontüren zu öffnen. Der entstehende Durchzug wirbelte die warme, abgestandene Luft durch die hohen Räume. Es roch schon nach Regen. Andrin hätte Zeter und Mordio geschrien. Die Stechmücken! Die Hitze! Die Luftfeuchtigkeit!
Sie schenkte sich ein Glas Rotwein ein und setzte sich damit auf den hinteren Balkon. Über dem Viereck des von den umliegenden Häusern eingegrenzten Gartens beobachtete sie das Gewitter, das immer kräftigere Böen vor sich hertrieb und mit gleißenden Blitzen den Nachthimmel erhellte.
Noch vor einer halben Stunde war sie mit ihrer Freundin Mirjam in der Cargo Bar am Rheinufer bei der Johanniter Brücke gesessen, hatte Hugo getrunken und sich über Mirjams neueste Eroberung amüsiert, als Andrins Anruf kam. Nach der ersten Freude war sie immer ruhiger geworden und hatte schließlich stumm seinem schwärmerischen Monolog gelauscht – während sich ihre Eingeweide verknoteten und schließlich zu einem Klumpen erstarrten. Wie?! Noch mal drei Monate?! Um was genau zu tun?! Mit einem Kumpel die Küste runter und Cabo San Lucas umsegeln?! Auf einem Zweimaster?! Goht’s no?! Das war ihr Traum, ihrer beider, gemeinsamer Traum! Nach einem ebenso abgedroschenen wie matten »ich dich auch« hatte sie aufgelegt, ihre neugierige Freundin abgewimmelt und war dann recht überstürzt nach Hause geradelt. Jetzt saß sie da, trank Rotwein auf Hugo, betrachtete wie paralysiert das Wetterspektakel am Himmel und wusste nicht, wohin mit ihrer Wut und der Ahnung, dass etwas mit ihrer Beziehung aus dem Ruder lief. Und zwar buchstäblich.
Die Windstöße wurden so heftig, dass die Fenster und Türen zuschlugen und sie sich schließlich aufraffen musste. Sie schloss die Fenster, legte unter der hinteren Balkontür die alten Handtücher aus und brütete dann die ganze Nacht im alten Ohrensessel ihrer Großtante Gritli, während draußen bis in die frühen Morgenstunden das Unwetter wütete.
Irgendwann musste sie doch eingenickt sein, denn der Anruf ihres Kollegen Leuenberger riss sie aus dem Tiefschlaf. »Wyss, es gibt Arbeit. Ein Toter auf dem Bruderholz.«
Sie brauchte einen Augenblick, um sich zu sortieren. »In einer Viertelstunde kann ich …«
»Ich stehe vorm Haus. Machst du mir auf?«
Stöhnend rappelte sie sich hoch und drückte den Türsummer, öffnete die Wohnungstür einen Spalt weit und wankte ins Bad.
Kommissär Thomas Leuenberger klopfte an, bevor er eintrat. Er schloss die Tür und hörte die Dusche im hinteren Teil der Wohnung. Interessiert blickte er sich um und trat näher. Er war noch nie hier gewesen und staunte über die riesige Altbauwohnung, deren Einrichtung so gar nicht zu seiner jungen Kollegin passen wollte. Bücher. Das war das Erste, was ihm beim Blick ins Wohnzimmer ins Auge sprang. Bücher und Kunstbände. Bücher in deckenhohen Regalen, Bücher in Stapeln davor und Bücher auf dem großen Schreibtisch im Büro, das durch verglaste Flügeltüren vom Wohnraum abgegrenzt war. Dazu antike Möbel, etruskische Gefäße, surrealistisch anmutende Ölgemälde und süditalienische Keramik. Ein großer Teppich in Aquamarintönen, der das Parkett bedeckte. Interessant. Linker Hand ging der Blick durchs Esszimmer auf einen üppig begrünten Balkon. Alles eingerichtet, als wohnte hier eine ältere Dame, die die Schätze eines langen Lebens um sich versammelt hat, und nicht eine erst vor Kurzem vereidigte Kriminialkommissärin in den Dreißigern. Verstohlen betrachtete er die Fotos auf dem Sekretär neben der Tür. Auf diversen Fotos lachte die Kollegin mit einem jungen Mann in die Kamera, in den Bergen, auf dem Wasser und beim Skifahren. Sie glich ein wenig seiner Tochter und war, wie sie, eine Schönheit, die nicht wusste, dass sie eine war. Ein nordisch heller Typ, natürlich, ungeschminkt, groß und sportlich, aber vom Wesen her recht ernst und zurückhaltend, wie er fand. Aber vielleicht war das normal, unter den Umständen – in einem etwas herausfordernden Umfeld bei der Basler Polizei. Er musste unwillkürlich grinsen, denn sogar in Gedanken fand er eine diplomatische Umschreibung der aktuellen Situation. Als er eine Tür hörte, trat er zurück. Sie trug eine weite Sommerjeans zur weißen Hemdbluse, bunte Flip-Flops und das nasse Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Er taxierte sie mit prüfendem Blick, während sie die Ärmel hochkrempelte. »Für einen Kaffee reicht es noch. Alles in Ordnung?«
»Ja«, erwiderte sie knapp. »Du auch einen?«
Leuenberger nickte und folgte ihr unaufgefordert in die Küche, während sein Blick auf die Handtücher vor der Balkontür fiel. Sie bückte sich rasch und warf sie in die Spüle: »Die Wohnung ist alt. Müsste saniert werden …«
»Deine?«
»Ja. Geerbt.«
Zehn Minuten später waren sie auf dem Weg in Richtung Bruderholz. Der Freitagmorgen war wie reingewaschen, der Himmel klar, und die Sonne drückte schon wieder kräftig. Die Trottoirs und Straßen waren übersät mit abgerissenen Blättern, Blüten und Zweigen, an manchen Stellen stand die halbe Straße unter Wasser. Die Feuerwehr musste den einen oder anderen Keller auspumpen und umgestürzte Bäume entfernen. Leuenberger informierte sie in groben Zügen. Eine alte Dame hatte die Polizei gerufen, weil ein Bekannter von ihr nicht auf ihre Anrufe reagierte. Und so war er tot in der Küche aufgefunden worden, die Kollegen der Erstintervention hatten bereits die Rechtsmedizinerin und die Spurensicherung angefordert.
Die kleine Villa mit Sechziger-Jahre-Charme stand ein Stück weit zurückgesetzt von der Straße. Niedrige Ligusterhecken umsäumten einen akkurat geschnittenen, von gepflegten Rosenrabatten gesäumten Rasen. Bruchsteinelemente, schmiedeeiserne Gitter an den Fensterchen rechts und links der Eingangstür, Zugangsweg und Treppenstufen aus beigem Terrazzo. Die Tür stand offen. Einsamkeit war der erste Begriff, der ihr in den Sinn kam. Und vergangener Wohlstand. Im Inneren: das Wohnzimmer gediegen, Polstergarnitur aus Leder, Anrichte und Regale aus Edelholz. Bodentiefe Fensterfront. Auf der Terrasse und im Garten ein natursteinumfasster nierenförmiger Pool, in dem noch Spuren des gestrigen Gewitterns trieben. Altmodische Gartenstühle mit ausgebleichten gelbgestreiften Sitzpolstern und ein Kugelgrill lagen wie hingewürfelt vor der Kaminholzbeige. Zwei Palmen und ein halbes Dutzend gebeutelter Oleander in moosigen Terrakottagefäßen. Eine wie aus der Zeit gefallene, melancholische mediterrane Oase, eingeschlossen von uniformen Appartementhäusern.
In der Küche trafen sie auf die Kollegen der Erstintervention.
»Guete Daag!«, grüßte Wyss in die Runde und blickte auf den am Boden liegenden Toten, neben dem die Rechtsmedizinerin kniete. »Was wissen wir bisher?«
»Der Mann heißt Roger Tschudi, war vierundsiebzig Jahre alt und lebte alleine«, antwortete der Kollege der Erstintervention.
»Sagt wer?«
»Frau Widmer. Sie ist die Bekannte, die uns informiert hat.«
»Wann war das?«
»Kurz nach halb elf. Sie hat hier vor der Türe gestanden.«
»Wo ist sie jetzt?« Wyss sah sich fragend um.
»Wir haben sie nach Hause geschickt. Sie war mit den Nerven am Ende.«
Wyss wechselte einen Blick mit Leuenberger und wandte sich an die Rechtsmedizinerin, die eben ihre Instrumente einpackte. »Was kannst du uns über die Todesursache sagen?«
Dr. Kauper, eine junge, punkig flippige Frau, mit der man das Berufsbild der forensischen Pathologin so gar nicht in Verbindung brachte, blickte auf: »Er hat eine Fraktur des rechten Os temporale, des Schläfenbeins, möglicherweise von einem Sturz herrührend. Hier …«, sie zeigte auf die marmorne Arbeitsplatte, die angetrocknete Blutspuren aufwies. »Todeszeitpunkt gestern Abend, etwa zwischen einundzwanzig und dreiundzwanzig Uhr. Genaueres nach der Obduktion.«
»Danke.« Wyss verließ die Küche und wandte sich an einen der Kollegen aus der Forensik, der eben die Treppe aus dem Obergeschoss herunterkam. »Gibt es irgendwelche Hinweise auf Dritteinwirkung? Einbruchspuren? Oder irgendetwas anderes?«
»Hier ist das Handy des Toten. Ein altes Nokia. Die letzten Mitteilungen könnten interessant sein, ansonsten gibt es nichts, was auf einen Einbruch hindeutet. Bargeld, Uhren und Wertgegenstände sind da, wobei wir nicht sagen können, ob sie vollständig sind. Allerdings liegt auf allem eine ordentliche Staubschicht.« Der Mitarbeiter der Spurensicherung machte eine ausholende Armbewegung. »Hier hat in letzter Zeit niemand etwas gesucht, wenn du mich fragst.«
Wyss nickte. »Gut«, erwiderte sie. »Haltet Ausschau nach einer Patientenverfügung oder Ähnlichem, wir kümmern uns um allfällige Verwandte. Die Adresse dieser Frau Widmer bräuchte ich noch.«
Verena Widmer wohnte in einer repräsentablen Jahrhundertwende-Villa im Gellert. Eine Angestellte in Dienstmädchenuniform öffnete die Tür. Wyss und Leuenberger wiesen sich aus. »Warten Sie bitte, ich frage nach, ob Frau Widmer Sie empfängt«, und sie ließ sie in der Eingangshalle stehen. Nach einer halben Ewigkeit erschien die Hausdame wieder: »Madame lässt bitten.«
Wyss folgte ihr ohne sichtbare Regung, während sich Leuenberger ungeniert umsah. Die Villa war gediegen. Antiquitäten, barocke Spiegel, Kronleuchter, glänzendes Intarsienparkett, schwere Taftvorhänge vor hohen Sprossenfenstern. Silbergerahmte Familienfotos auf dem Sims eines großen Cheminées. Die »Dame des Hauses« empfing sie im Salon, vor geöffneten Terrassenflügeltüren, mit einem kleinen, hysterisch bellenden Malteser im Arm. Frau Widmer war eine der betuchten, stilvollen alten Damen, wie man sie häufig in Basel antraf – in der »Kunschtheeli«, bei Matineen, im Museum und im Café Huguenin: aufrecht, alterslos, aufmerksam, in sommerlichem Leinenkleid mit farblich abgestimmten Sandaletten. Ihr graues Haar war sorgfältig hochgesteckt, die Fingernägel rot lackiert. Am Handgelenk klirrten goldene Armbänder. »Anna, nehmen Sie ihn doch mit und servieren Sie den Eistee auf der Terrasse.« Sie wandte sich an ihre Besucher. »Oder möchten Sie etwas anderes? Einen Kaffee vielleicht?«
Die Angestellte verschwand mit dem kläffenden Tier, und die Hausherrin bat sie auf die Terrasse hinaus. Im Schatten der Markise, umweht von einem kühlen Hauch aus dem parkähnlichen Garten, war die Hitze nur noch halb so drückend. Wyss, der der abschätzige Blick der alten Dame nicht entgangen war, kam gleich zur Sache: »Frau Widmer, fühlen Sie sich in der Lage, ein paar Fragen zu beantworten?«
»Ja. Sicher.«
»Sie haben heute Vormittag die Polizei alarmiert. Darf ich fragen, warum?«
»Herr Tschudi und ich waren, wie jeden Freitagmorgen in den letzten Jahren, um zehn im Café des Kunstmuseums verabredet. Er ist nicht erschienen.«
»Dann sind Sie zu ihm nach Hause …«
»Genau, ich habe ein Taxi genommen, weil ich gewusst habe, dass etwas nicht stimmt«, unterbrach sie Frau Widmer.
»Hatten Sie denn Anlass zur Sorge? Herr Tschudi hätte aufgehalten worden sein können.«
»Auf gar keinen Fall hätte sich Herr Tschudi verspätet, ohne Bescheid zu geben!«, wies die alte Dame ihre Vermutung zurück. »Nie und nimmer! Außerdem hat er das Telefon nicht abgenommen. Es war klar, dass etwas passiert war.«
»Hatte Herr Tschudi gesundheitliche Probleme?«, fragte Wyss unbeirrt weiter, ohne sich von dem unverkennbar autoritären und zwischen den Zeilen herablassenden Ton ihres Gegenübers beirren zu lassen. Jahrelange Übung.
»Nein! Herr Tschudi war für sein Alter in hervorragender Verfassung. Er ist ermordet worden, das weiß ich sicher. Finden Sie seinen Mörder!«
Bei diesem Stichwort wandte Kommissär Leuenberger seine Aufmerksamkeit wieder dem Gespräch zu. »Ermordet?«, fragte er. »Was bewegt Sie zu dieser Annahme? Die Obduktion hat noch nicht stattgefunden, und die Spurenlage ist nicht so eindeutig, dass …«
»Verschonen Sie mich mit ihrem Polizistensprech! Roger Tschudi ist getötet worden! Ich weiß es und ich erwarte, dass Sie Ihre Arbeit machen, und zwar zügig! Sie sollten wissen, dass Herr Dr. Fey, Ihr Vorgesetzter, ein guter Freund meines verstorbenen Mannes war.«
Wyss unterdrückte ihren aufkeimenden Groll. Wie ihre Mutter! Genau so! Derselbe Habitus, derselbe Tonfall. »Können Sie uns sagen, warum Sie das glauben? Hatte Herr Tschudi Feinde?«
»Ein erfolgreicher Mann hat immer Feinde, das sollten Sie wissen, junge Frau.«
Wyss ging auf den Seitenhieb nicht ein. »Sie denken da an jemanden Bestimmtes?«
»Natürlich nicht!«
»Hatte Herr Tschudi Familie?«
»Das sagte ich Ihren Kollegen bereits vorhin am Tatort. Herr Tschudi lebte alleine. Er war geschieden.«
»Seit wann?«
»Seit etwa sieben Jahren, glaube ich.«
»Hatte er Kinder?«
»Nein, keine Kinder.«
»Kennen Sie seine Ex-Frau? Und wissen Sie zufällig, wo sie lebt?«
»Nein, ich kenne sie nicht. Sie lebt in Lugano, soweit ich mich erinnere.«
»Was hat Herr Tschudi beruflich gemacht?«
»Er war Direktor einer Fabrik für pharmazeutische Erzeugnisse. Die gibt es so heute nicht mehr, aber seinerzeit war Herr Tschudi ein wichtiger Mann.«
Natürlich. Wyss lächelte mechanisch. »Kennen Sie zufällig seine Vermögensverhältnisse?«
»Wo denken Sie hin, junge Frau, über so etwas spricht man nicht! Aber als pensionierter Direktor wird er nicht unvermögend gewesen sein.«
»Was haben Sie denn gemeinsam an den Freitagvormittagen immer so gemacht?«
»Wir haben gefrühstückt und geplaudert. Um zwölf musste er dann meist nach Hause.«
»Haben Sie außerhalb der Freitagvormittage noch mehr Zeit mit ihm verbracht? Museumsbesuche? Ausflüge? Konzerte? Oper?«
»Nein. Herr Tschudi machte sich nichts aus Museen und der Oper.«
»Waren Sie je bei ihm eingeladen?«
»Nein.«
»Er bei Ihnen?«
»Nein.«
Wyss verzichtete auf die Frage nach dem Grund und klappte ihr Notizbuch zu. »Frau Widmer, wir danken Ihnen für Ihre wertvollen Aussagen. Bei allfälligen Unklarheiten kommen wir gerne noch einmal auf Sie zu.«
»War das alles? Wie werden Sie jetzt weiter vorgehen?«
»Das werden die Ermittlungen zeigen. Danke, Frau Widmer, wir finden alleine hinaus.«
Wyss knallte die Autotür zu, und Leuenberger startete den Wagen. »Was hältst du von der Mordtheorie?«
»Hast du die vielen Krimis gesehen, die auf dem Tischchen lagen?«
»Du meinst, sie ist etwas überspannt?«
»Überspannt ist ihr Vorname«, erwiderte Wyss trocken. »Aber warten wir doch die Autopsie und die Auswertung der Spurensicherung ab. Wir sollten die Ex-Frau ausfindig machen und seine finanzielle Situation überprüfen. So ganz und gar rosig, wie Frau Widmer die sieht, scheint sie mir nicht zu sein. Der Haushalt sieht nicht so aus, als wäre Roger Tschudi so vermögend gewesen. Und wir sollten sein Testament anfordern. Nur um nichts zu übersehen.«
»Also Büro?«
»Ja, Büro.«
Um dieselbe Zeit wälzte sich Pascal Pfister noch schwitzend in albtraumgeplagtem Halbschlaf. Goldflirrende Staubpartikel schwebten im gestreiften Sonnenlicht, das durch die halb heruntergelassenen Rollläden schien, der Mistkübel stank zum Himmel, und im Abwaschbecken stapelten sich schimmelüberzogene, übel riechende Geschirrberge. Pizzakartons, ein überfüllter Aschenbecher, Blättchen, Tabakkrümel, Pistazienschalen, zerknüllte Chipstüten, leere Bier- und Energydrink-Dosen, ungewaschene Klamottenberge sowie halb leere Pillentütchen waren unappetitliche Indizien dafür, dass er sein Leben seit geraumer Zeit nicht mehr im Griff hatte. Seit dem Unfall mit dem Töff vor einem Jahr, wenn man es genau nahm. Das gebrochene Bein, die lange Krankschreibung, die Schmerzen, die er irgendwann nur noch mit den Pillen von Kumpel Jaro in den Griff bekam, und schlussendlich die finanziellen Probleme, in die ihn seine Tablettenabhängigkeit schließlich gebracht hatte. Erst Lohnvorschuss, dann Betteltouren beim Grosi, seiner Großmutter mütterlicherseits, am Schluss kleine Diebstähle aus den Autos, die zum Service in der Werkstatt waren. Das mit dem »Dein und Mein« hatte er allerdings schon als Kind und Jugendlicher recht frei interpretiert und keine großen Skrupel gehabt, bei den Tschudis ab und zu etwas mitgehen zu lassen, auch wenn die beiden immer nett zu ihm gewesen waren, hatten sie doch so viel Geld und keine Kinder. Frau Tschudi versteckte ihr Haushaltsgeld außerdem nicht besonders einfallsreich, da musste sie sich nicht wundern. Sie bewahrte es in einem Reißverschlussmäppchen bei den Ersatzschlüsseln in einer Küchenschublade auf, und er hatte sich regelmäßig bedient, wenn er das gebrauchte Geschirr zurückbrachte. Später hatte er Herrn Tschudis Schlüsselbund geklaut, der glaubte, ihn verloren zu haben. Von da an war es leicht gewesen. Als Frau Tschudi dann ausgezogen war, hatte er meist den Donnerstagabend für seine »Ausflüge« gewählt, denn dann war Herr Tschudi beim Jassen. Nach der Scheidung war das Geld zwar knapper, da kam er manches Mal nur mit wenig Beute zurück, aber der alte Mann hatte nie etwas bemerkt. Aber jetzt, ausgerechnet jetzt, als das große Ding über die Bühne gehen sollte, das all seine Probleme mit einem Schlag lösen würde, ausgerechnet jetzt war der alte Knabe früher nach Hause gekommen! Wenn er nur die Finger vom Haushaltsgeld gelassen hätte, das war dumm, aber er hatte einfach nicht widerstehen können. Das erschrockene Gesicht des alten Mannes lief in Dauerschleife hinter seinen zuckenden Lidern ab, während er langsam aus dem lähmenden Halbschlaf auftauchte. Stöhnend richtete er sich auf und brauchte einen Augenblick, um sich zu sortieren. Schlaftrunken tastete er nach dem Tabak und dem Feuerzeug, und erst als er den ersten tiefen Zug getan hatte, hellte sich seine Miene auf. Heute war »der Tag«. Schluss mit der Negativserie und Schluss mit den Grübeleien! Ab heute würde er wieder durchstarten. Er rauchte seine Zigarette fertig und ging anschließend einen großen Müllsack holen.
Im Waaghof bei der Heuwaage waren die Routineaufgaben relativ zügig erledigt, und Wyss hatte den Oberstaatsanwalt Dr. Fey davon überzeugen können, einen richterlichen Beschluss für eine Bankauskunft der Ex-Frau zu erwirken, obwohl ihm die aufgebrachten Forderungen nach einem finanziellen Zuschuss für das Häuschen auf dem Handy des Opfers etwas dürftig erschienen. Es liegt noch kein Testament vor! Ich hoffe, ich werde das nicht bereuen! Brigitte Tschudi war telefonisch über den Tod ihres Ex-Mannes informiert und zur Einvernahme bestellt worden, sie würde morgen in den ersten Zug steigen. Die Autopsie war für den Nachmittag angesetzt worden, die Bankauskünfte waren in Auftrag gegeben, weshalb es im Augenblick nicht mehr viel zu tun gab.
Leuenberger legte den Stift weg: »Was hast du heute noch vor? Wie wäre es mit einem späten Mittagessen? Geht auf mich. Würde mich freuen.«
Wyss blickte auf und wollte schon ablehnen, doch die Einladung kam so väterlich wohlwollend rüber, dass sie nickte. Sie wusste, dass der Kollege seinen Ruhestand ihretwegen um ein Jahr verschoben hatte, um sie einzuarbeiten, die jüngste Kriminalkommissärin aller Zeiten und das schweizweit. Als er summend seinen Schreibtisch aufräumte, betrachtete sie ihn verstohlen. Er hatte Ähnlichkeit mit Roeland Wiesnekker, dem Schauspieler, nur älter. Grauer. Stämmiger. Zerknitterter. Unrasiert, zerknautscht und brummig, bis auf die Augen. Die waren hellwach. Und gutmütig, meistens zumindest.
Nach einer knappen Dreiviertelstunde saßen sie im Schatten der großen Kastanie des Baslerhofs in Bettingen, vor sich ein Panaché, und warteten auf ihr Essen. Leuenberger bot seine gesammelten Small-Talk-Strategien auf, um seine Kollegin etwas aus der Reserve zu locken, was ihr endlich ein vorsichtiges Lächeln entlockte. »Okay, reden wir über mich. Was willst du wissen? Du weißt wahrscheinlich besser als ich, was in meiner Akte steht.«
»Was möchtest du preisgeben?«
»Ich bin dreiunddreißig, ledig, kinderlos, liebe Velo- und Kanufahren, außerdem Wandern, besitze kein Auto, habe Angst vor Spinnen, koche ungern, backe dafür lieber, bin süchtig nach Netflix, sturschädelig und düpflischisserisch. Sagt meine Mutter. Reicht das fürs Erste?«
Leuenberger hätte gerne mehr über den jungen Mann auf den Fotos erfahren, hielt sich aber zurück und fragte stattdessen: »Warum wolltest du ausgerechnet Polizistin werden?«
Jetzt lachte Wyss kurz auf. »Ganz ehrlich?«
»Joa. Schon …«
»Die pure Lust an der Provokation.«
»Kein Witz? Wie darf ich mir das vorstellen?«
»Na ja, meine Mutter wollte, dass ich Ärztin werde oder Juristin oder Lehrerin oder oder oder. Was »Anständiges« halt. Als ich in der achten Klasse verkündet habe, Polizistin werden zu wollen, hat mich ihr missbilligendes Gesicht so gefreut, dass ich das Ziel seither mit aller Energie verfolgt habe. Et voilà! Da bin ich jetzt.« Sie grinste schief. »Nein, Spaß … ich liebe es, obwohl es mir ein wenig Angst macht. Dich muss ich nicht mehr fragen, warum du Polizist geworden bist, oder doch?«
»Die Frage ist schnell beantwortet. Mein Vater war auch schon Polizist.«
»Hättest du gerne etwas anderes gemacht? So im Rückblick, kurz vor der Pensionierung?«
»Ich wäre gerne Rennfahrer oder Automechaniker geworden.«
»Echt jetzt?«
»Echt jetzt.« Leuenberger lächelte.
Sie betrachtete ihn sofort mit mehr Interesse. »Was machst du in deiner Freizeit?«
Er zuckte mit den Schultern. »Nicht viel. Ich lese, koche ganz gerne und versuche, meine Tomatenpflanzen auf dem Balkon am Leben zu erhalten. Außerdem pfeife ich in einer Clique.«
»Ein Fasnächtler also.«
»Genau. Nicht so verrückt wie manch anderer, aber doch jedes Jahr noch mit Leidenschaft dabei.«
»Und keine Familie?«
»Eine geschiedene Ehefrau und zwei erwachsene Kinder. Zwei Söhne. Beide klettern unermüdlich die Karriereleiter hinauf und finden daher nur selten den Weg nach Basel.«
»Pläne für die Zeit als Rentner?«
»Jein. Vielleicht schaffe ich mir einen Hund an. Ein kleines Häuschen im Grünen wäre auch nicht schlecht. So eines mit Werkstatt zum Basteln und Schrauben, aber eigentlich lebe ich gern in der Stadt. Abgesehen davon, dass meine Pension für ein Häuschen sowieso nicht reicht.«
»Darf ich dich noch etwas fragen?«
»Natürlich. Du darfst mich immer alles fragen.«
Wyss zögerte kurz und gab sich dann einen Ruck. »Wieso hast du deinen Ruhestand für mich verschoben? Das frage ich mich die ganze Zeit. Ganz besonders in Anbetracht der … wie drücke ich das jetzt diplomatisch und loyal genug aus … besonderen Zeiten grad. Du müsstest doch froh sein, dem Ganzen den Rücken zu kehren. Wenn ich das so unverblümt fragen darf.«
Sie war recht wortgewandt hinter ihrer spröden Schale, wie Leuenberger zufrieden feststellte. Und vielleicht nicht ganz so zurückhaltend, wie er zunächst gedacht hatte. Aber jetzt brachte ihn diese Frage doch ein bisschen in Erklärungsnot. Er holte tief Luft und beschloss, ihr die Wahrheit zu sagen. Dass er eigentlich drei Kinder habe, da wäre noch seine Tochter, die sich vor drei Jahren das Leben genommen hatte, weil sie unter schweren Depressionen gelitten hatte. Dass sie unter anderem am Arbeitsplatz massiv gemobbt worden war und dass er es nicht gewusst habe, weil er von seinen Kindern leider nie viel mitbekommen habe. Wegen der nicht nachlassenden, permanenten Arbeitsüberlastung, wegen seiner zunehmend schlechter laufenden Ehe und weil er sich jahrelang nur um sich selbst gedreht habe. Und überhaupt. Er berichtete weiter, dass er es mittlerweile akzeptiert habe, dass er ihr nicht hätte helfen können, selbst wenn er um ihre Not gewusst hätte; dass ihr niemand habe helfen können, nicht einmal ihre Therapeutin, aber dass er beschlossen habe, etwas daraus zu lernen. Und deshalb habe er darum gebeten, sie einarbeiten zu dürfen – gerade auch wegen der schwierigen Umstände, in die sie hineinbefördert worden war. Es brauche unerschrockenen, tüchtigen Nachwuchs heute dringender denn je.
Leuenberger nahm einen Schluck Radler. »So isches.«
Wyss schwieg lange, drehte ihr Glas in der Hand: »Wie war ihr Name?«
»Marisa. Sie hieß Marisa.«
»Danke für deine Offenheit.«
Nach dem Essen brachte er Wyss nach Hause, wo sie den blinkenden Anrufbeantworter ignorierte und den Rest des Tages im gestreiften Licht der heruntergelassenen Rollläden verbrachte, mit Ben & Jerrys und Netflix.
Am Samstagmorgen war Wyss kaum im Büro, um sich auf die Einvernahme von Frau Tschudi vorzubereiten, die kurz vor elf in Basel eintreffen würde, als ein Anruf von der Pforte kam. »Eine Frau Widmer möchte dich sprechen.«
»Was macht die an einem Samstag hier?!«
»Kai Ahnig! Holst du sie ab?«
Verena Widmer trug heute ein luftiges Leinenkleid und eine große Basttasche, als wolle sie ins Strandbad, doch Wyss wusste genau, dass sie shoppen ging. Wyss führte sie in den Besprechungsraum und stellte eine Flasche Mineralwasser hin. »Frau Widmer, was kann ich für Sie tun? Ist Ihnen noch etwas eingefallen?«
»Ich bin hier, weil ich sicherstellen will, dass Sie eine ordentliche Mordermittlung führen!«
»Frau Widmer, ich kann Ihnen versichern, dass …«
»Ich weiß, wie schnell so etwas ad acta gelegt wird und ein Mörder ungeschoren davonkommt, das können Sie mir glauben!«
Wyss betrachtete die selbstgewisse alte Dame und verkniff sich jede Regung. »Ich versichere Ihnen, dass nichts ad acta gelegt wird, bevor nicht alle Spuren ausgewertet und alle Umstände geklärt sind, die zu Roger Tschudis Tod geführt haben.«
»Das will ich hoffen, junge Frau, das will ich hoffen! Sind Sie überhaupt befugt, eine solche Ermittlung zu führen? Wo ist denn Ihr Kollege?« Frau Widmer bemerkte ihren Lapsus und fügte an: »Sie sind sehr jung!«
Wyss hatte das Bedürfnis, mal etwas klarzustellen. »Kommissär Leuenberger ist mir unterstellt und befasst sich im Augenblick mit den Finanzen von Herrn Tschudi. Wir tun alles, um die Umstände von Herrn Tschudis Tod aufzuklären, machen Sie sich keine Sorgen. Aber jetzt sollte ich an meine Arbeit zurückkehren. Sie erlauben, dass ich Sie nach unten begleite?« Dann schob sie ihren Stuhl zurück, und Verena Widmer hob mahnend den Zeigefinger: »Finden Sie seinen Mörder, junge Frau, finden Sie seinen Mörder!«
Zurück im Büro traf sie Leuenberger an, der die Dokumente durcharbeitete, die die Forensik in Roger Tschudis Haus sichergestellt hatte. Kontoauszüge, Rechnungen und diverse andere Unterlagen, aber kein Testament und keine Patientenverfügung. Dafür die Anschrift eines Notars in seinem Adressbüchlein.
»Irgendetwas Interessantes?«
