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Zwei Familien, ein Schicksal ... Bei einem Bootsunfall am Attersee kommt die dreijährige Pamela ums Leben. Überstürzt verlassen die aus Amerika stammenden Eltern den Ort der Tragödie. Einige Zeit später kehren sie allerdings zurück. Da begegnet der noch immer sehr traumatisierten Mutter die dreijährige Marie Theres, die ihrer eigenen toten Tochter sehr ähnelt. Ein ungeheuerlicher Plan reift heran.
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Seitenzahl: 406
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Susanna Längers Genre ist sehr vielfältig. Sie schreibt Kurzgeschichten, Kinderbücher und Romane. Ihr Erstling „Die falschen Schuhe“, ein Roman über ein magersüchtiges Mädchen wurde als Präventionslektüre gelesen. Überaus genaue Recherchen der Orte und Hintergründe der jeweiligen Handlungen zeichnen die Autorin aus.
Susanna Länger lebt und arbeitet vorwiegend in ihrer Heimatstadt Wien.
Susanna Länger
Kriminalroman
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Dieser Roman ist ein Produkt der Fantasie. Jegliche Ähnlichkeiten mit realen Personen – lebenden oder toten – und Geschehnissen wären reiner Zufall.
Neuauflage (2. Auflage)
©2022 by medimont verlag gmbh, 86453 Dasing, Marienstr. 31
Umschlaggestaltung: Piet Vandenlo
Umschlagabbildung: Jakub Krechowicz - Adobe Stock
Lektorat und Redaktion: Wolfgang K. Ernst
Gesetzt in Adobe InDesign im Verlag
Druck und Bindung: ScandinavianBook, DK-6300 Gravenstein
Die erste Auflage erschien unter:
Susanna Länger: „Plötzlich verschwunden“,
Hohen Neuendorf: AAVAA Verlag, 2013
Printed in the EU
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch teilweise - nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.
eISBN: 978-3-911172-64-6
Sie finden uns im Internet unter:
www.medimont.deBestell-Nr.: 35014
Über die Autorin
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Epilog
Anhang: Jays Gedicht
Eigentlich hatte Jay die Arbeit für sein neues Buch, ein groß angelegter Reiseführer, in Seewalchen abgeschlossen, und er wollte mit seiner Frau und der kleinen Pamela weiter nach Italien fahren. Doch das Salzkammergut gefiel ihm so gut, dass er Lindsay vorschlug, noch ein oder zwei Tage länger in dem kleinen Ort am Attersee zu bleiben.
»Ja, das ist eine gute Idee!«, stimmte sie fröhlich zu. »Du hast die letzten Wochen ohnedies nur gearbeitet, jetzt kannst du dir die Gegend zum Vergnügen anschauen!«
Das überraschte Jay ein wenig, denn er wusste, dass Lindsay sich normalerweise rasch langweilte, vor allem wenn er berufsbedingt zu lange in kleinen Orten arbeitete. Die vielen Reisen selbst, die Jay beruflich unternehmen musste, entsprachen eher ihrem Naturell. Am wohlsten fühlte sie sich, wenn sie von Stadt zu Stadt zogen. Jay überlegte manchmal, ob dies wohl der Grund war, warum Lindsay bereitwillig die Strapazen auf sich nahm, mit einem kleinen Kind durch die halbe Welt zu reisen. Kurz nach der Geburt der kleinen Pamela vor drei Jahren war die Familie von Manhattan nach South Hampton gezogen. Jay hatte sich spontan in den kleinen Ort verliebt. Da er berufsbedingt viel auf Reisen war, genoss er die Ruhe und Abgeschiedenheit sehr. Hier konnte er am besten arbeiten. Außerdem fand er den kleinen Ort optimal für Pamela. »Was soll Pam in Manhattan?«, hatte er oft zu Lindsay gesagt. »Hier hat sie einen Garten, wir können Haustiere anschaffen, und sie kann ungehindert im Freien spielen. Es ist optimal für sie!«
Mit allen möglichen Argumenten hatte er immer wieder versucht, seine Frau zum Bleiben zu überreden. Aber Lindsay liebte das ländlich-häusliche Leben nicht so sehr. Sie ging gerne einkaufen, in schöne Lokale, und sie sehnte sich oft nach Gesellschaft. Nach Pamelas Geburt hatte sie ihr schillerndes Leben gegen Babypartys und Kindergeburtstagsfeste eingetauscht. Trotzdem hatte Jay immer öfter den Eindruck, dass sie den Trubel der Stadt vermisste.
Er hatte Lindsay bald nach Pamelas Geburt angeboten, eine Nanny einzustellen, damit sie einige Freiräume hätte und alleine etwas unternehmen könnte. Aber dagegen hatte sie sich vehement zur Wehr gesetzt. »Ich habe mir mein Baby so lange gewünscht, warum soll ich es in die Obhut einer völlig Fremden geben?«, hatte sie geantwortet. »Niemand kann so gut auf sie aufpassen wie ich!«
»Warum fährst du dann nicht wenigstens ab und zu nach Manhattan, triffst deine Freundinnen und machst dir einen gemütlichen Tag? Nimm den Zug, das ist bequemer und schneller. Ich hole dich am Abend vom Bahnhof ab.«
Das tat sie dann auch gelegentlich, und meistens kam sie beschwingt wieder nach Hause. Besonders genoss sie es, wenn Pamela dabei war. Die Kleine war alles andere als schüchtern und bereits im Alter von zwei Jahren ein sehr selbstbewusstes Persönchen, das mit seiner lebhaften Art rasch Freundschaften schloss.
Liebevoll betrachtete Jay seine kleine Tochter. Wie sehr hatten sie sich dieses Kind gewünscht. Viele Jahre hatten sie vergeblich auf ein Baby gewartet, aber es wollte einfach nicht klappen. Sie hatten die berühmtesten Ärzte in den Staaten aufgesucht, alle nur erdenklichen Methoden ausprobiert, selbst vor Heilern war Lindsay nicht zurückgeschreckt, aber nichts hatte geholfen. Sie wurde einfach nicht schwanger. Jay hätte sich mit der Kinderlosigkeit leichter abgefunden. Er liebte seine Frau über alles, und er wollte sich langsam an ein Leben in Zweisamkeit gewöhnen. Lindsay konnte dies nicht. Sie liebte ihn zwar auch, aber sie hatte immer betont, dass ein Kind die Krönung ihrer Beziehung wäre, und je länger sie verheiratet waren, umso verbissener hatte Lindsay an ihrem Wunsch nach einem Kind gearbeitet. Sie hatten sogar an die Möglichkeit einer Adoption gedacht. Als sie schließlich den Antrag stellten, mussten sie aber die Tatsache akzeptieren, dass Lindsay unter einer Neigung zu Depressionen litt, womit eine legale Adoption nicht mehr infrage kam.
Es war ein schwerer Schlag für Jays sensible Frau gewesen. Warum sie kurz nach dieser Mitteilung doch plötzlich schwanger wurde, hatten sie sich beide nicht erklären können. Aber an das Glück, das sie empfanden, als sie unerwartet mit der frohen Botschaft vom Gynäkologen nach Hause kam, konnte Jay sich noch gut erinnern.
Kaum, dass Lindsay von der Schwangerschaft wusste, hatte sie ihren Beruf aufgegeben und war fortan nur noch Mutter.
Jay war nun an die zweite Stelle gerückt. Er war sich dessen bewusst gewesen, aber es hatte ihn nicht gestört. Er liebte Lindsay und war selbst überaus glücklich, dass ihr Herzenswunsch nun doch noch erfüllt wurde.
Als Pam geboren wurde, schien die Welt für einen Augenblick vor Freude stillzustehen. Ein Leben ohne das geliebte Kind konnten sie sich gar nicht mehr vorstellen.
»Wir könnten nach Salzburg fahren«, riss Lindsay ihren Mann aus seinen Gedanken, »ich möchte ein bisschen einkaufen. Pamela braucht einige neue Frühlingssachen!«
»Das ist doch nichts für Pam. Lass uns lieber Boot fahren gehen. Das ist viel lustiger!«, schlug Jay vor.
»Ja, Boot fahren, Boot fahren!!«, kreischte die Kleine begeistert.
»Also gut, wenn du meinst.« Lindsay war nicht begeistert, aber Pamela zuliebe stimmte sie zu. Die Kleine schien sich auch wirklich sehr zu freuen.
Es war nicht weit bis zum Bootsverleih. Lindsay, die leidlich gut deutsch konnte, unterhielt sich eine Weile mit dem freundlichen Mann. Pam hüpfte gut gelaunt den Steg entlang, und Jay hatte Mühe, ihre kleine Hand festzuhalten.
»Welches Boot soll Daddy nehmen?«, fragte er, um ihren Bewegungsdrang ein wenig zu stoppen.
»Das da!«, rief sie begeistert und zeigte auf ein rotes.
»Viel Spaß und vorsichtig sein!«, rief der Bootsverleiher der Familie nach, als Jay wegruderte. »Und ziehen Sie dem Kind die Schwimmweste an. Es kann immer etwas passieren.«
Da der See nahezu spiegelglatt war, kamen sie rasch voran. Die Aussicht war fantastisch; in der Ferne hohe Berge, ringsherum dichter Wald und die kleine Kirche von Seewalchen.
Jay lies die Ruder sinken.
»Weiter, weiter, Daddy!«, rief Pamela. Lindsay, die dicht neben der Kleinen saß, drückte sie zärtlich an sich. Doch richtig kuscheln konnten sie nicht, da Pam eine dick aufgeblasene Schwimmweste trug. Sie begann auch sofort an dem unbequemen Ding, das ihr bis zu den Ohren reichte, herumzuzerren.
»Pamy, Schatz, bitte lass das«, ermahnte sie ihr Vater, doch das Kind schüttelte heftig den Kopf.
»Du musst das tragen«, versuchte er ihr zu erklären, »es ist ohne Schwimmweste gefährlich.« Doch das wollte die Dreijährige nicht begreifen. Sie machte ein Schmollmündchen und dicke Tränen traten ihr in die Augen.
»Daddy rudert wieder weiter, wenn du die Weste brav anbehältst.«
»Weiter, weiter!«, rief sie tatsächlich zustimmend. Doch wenig später begann sie wieder sich gegen die Schwimmweste zu wehren. Als die Eltern nicht reagierten, begann Pamela heftig zu weinen.
»Ich zieh sie ihr aus«, sagte Lindsay zu ihrem Mann. »Was soll schon passieren? Der See ist spiegelglatt und ich halte ihre Hand.«
»Naja, wie du meinst«, erwiderte Jay zögernd. Ihm war nicht wohl bei dem Gedanken, dass seine kleine Tochter ohne Schwimmweste in dem kleinen wackeligen Boot saß. Sie waren auch sehr weit vom Ufer entfernt.
»Du musst ein braves Mädchen sein, dann zieht Mummy dir die dumme Weste aus.«
»Ja, Pamy brav!«, krähte die Kleine glücklich. Tatsächlich blieb sie ruhig, an ihre Mutter gelehnt sitzen.
Schweigend ruderte Jay ein Stück weiter. Er genoss den Anblick, der sich ihm bot, Mutter und Tochter eng aneinander gekuschelt, die ruhige Zufriedenheit um sie herum.
Plötzlich flog eine Schar Wildenten mit lautem Geschnatter über die Familie hinweg.
»Vögel, Vögel!«, rief Pamela aufgeregt, befreite sich aus den Armen ihrer Mutter und fuchtelte mit ihren Ärmchen in der Luft herum. Sie lachte ihr hohes, von den Eltern geliebtes glockenhelles Kinderlachen. Plötzlich sprang sie von der Bootsbank auf, lehnte sich nur ein klein wenig vor. bevor Lindsay reagieren und sie festhalten konnte, verlor sie das Gleichgewicht und stürzte kopfüber ins Wasser.
»Oh mein Gott, Pam! Pamela!«, schrie Lindsay verzweifelt. Jay überlegte keine Sekunde und sprang seiner Tochter sofort hinterher. Er konnte in dem glasklaren Wasser sehen, wie sie tiefer und tiefer sank.
Alles dauerte nur wenige Sekunden, dann hatte er sie erwischt und zog seine kleine Tochter fast augenblicklich wieder aus dem Wasser. Er hob sie über den Rand des Bootes und legte Lindsay das Kind in den Arm.
»Du musst sie abrubbeln, sonst wird sie sich erkälten!«, rief er seiner Frau zu. Dann schwang er sich über den Rand des Bootes und ließ sich erschöpft auf der Ruderbank nieder.
Lindsay drückte inzwischen unentwegt die Kleine an sich.
»Baby, mach die Augen auf. Bitte mach die Augen auf!«
»Wir müssen ihr die nassen Sachen ausziehen. Sonst wird ihr noch kälter. Wir wickeln sie in deine Jacke. Gib sie her!«
Hastig riss Jay Pam die Kleider vom Leib, rubbelte sie unentwegt mit einem kleinen Handtuch ab, das Lindsay in der Tasche hatte, und wickelte sie in die Jacke ihrer Mutter.
»Pam, Pammylein«, rief Lindsay unentwegt. Sie schüttelte sie ein wenig, dann presste sie sie wieder an sich, doch das Kind bewegte sich nicht.
»Was ist mit ihr? Jay, bitte! Jay, mach was! Was hat sie?«, schrie sie voll Entsetzen.
»Rubbel sie weiter!«, rief er seiner Frau anstelle einer Antwort zu. Dann ergriff er die Ruder und paddelte so schnell, wie er es nie für möglich gehalten hätte, zurück. Dazwischen schrie er immer wieder seine Frau an, sie solle das Kind weitermassieren. Verzweifelt überlegte er, ob er Mund-zu-Mund-Beatmung machen sollte. Aber dann konnte er nicht weiterrudern, und er wusste bereits jetzt, dass Pam sofort professionelle Hilfe benötigte.
Als sie nur noch wenige Meter vom Ufer entfernt waren, schrie er dem Bootsvermieter zu, er solle sofort die Rettung verständigen. Dann sprang er mit der leblosen Pamela aus dem Boot und rannte die letzten Meter zum Ufer. Er legte sie auf den Rasen und begann verzweifelt, Luft in ihre kleinen Lungen zu blasen.
Erst, als der rasch herbeigerufene Arzt erschien, hörte Jay auf, seine Tochter zu beatmen. Sie lag im Gras, lächelte, aber die Augen öffnete sie nicht mehr.
Später kam die Rettung, doch auch der Notarzt konnte nur noch den Tod des kleinen Mädchens feststellen.
Nie würde Jay die Schreie seiner Frau vergessen, als sie Pamela auf eine kleine Bahre hoben und Lindsay sich daran klammerte.
»Lasst meine kleine Pammy da, bitte bringt sie nicht weg!«
Er selbst konnte sein Zittern kaum unterdrücken, und es war nicht nur der nassen Kleider wegen. Trotzdem versuchte er, beruhigend auf seine Frau einzureden. Doch Lindsay schrie immer weiter. Erst nach einer Beruhigungsinjektion, die ihr einer der Ärzte verabreichte, ließ sie zu, dass die kleine Pamela weggebracht wurde.
Tags darauf wurde Jay über den Unfallhergang befragt. Doch er konnte lediglich sagen, dass seine Tochter ins kalte Wasser gestürzt sei. »Ich habe sie augenblicklich wieder herausgeholt. Warum ist sie gestorben?«, fragte er verzweifelt den Arzt, der zu der Unfallstelle gekommen war.
»Durch das schockartige Einatmen beim Hineinfallen ins kalte Wasser schließt sich die Kehlkopfmuskulatur, und es kommt zu einem reflexartigen Herzstillstand«, erklärte der ihm.
»Wenn ich gleich Mund zu Mund Beatmung gemacht hätte …«
»Sie hätten nichts tun können.«
Die Auskunft des Arztes sollte tröstlich für Jay sein.
»Sie war immer kerngesund und lustig.« Nur mit Mühe konnte er weitersprechen. Es war alles so unfassbar. Seine kleine, lebhafte Pam sollte nie wieder … Er konnte den Gedanken nicht zu Ende denken.
Wie betäubt verließ er das Krankenhaus, in das auch Lindsay zur Beobachtung eingeliefert worden war.
Niemand stellte eine Frage wegen der fehlenden Schwimmweste, und einige Tage später wurde Pamela auf dem kleinen Friedhof in Seewalchen beerdigt. Zuvor war Jay gefragt worden, ob das Mädchen in die Staaten überführt werden sollte, aber er stand derart unter Schock, dass er dies nicht entscheiden konnte. Mit Lindsay etwas zu besprechen war gänzlich unmöglich. Deshalb blieb die Kleine am Ort des tragischen Geschehens.
Ein Priester nahm die Einsegnung vor, als einzige Trauergäste kamen eine uralte Frau und die Wirtin des Hotels, in dem die Familie gewohnt hatte. Ein kleiner Ministrant hielt ein Schaufelchen mit Erde bereit, aber die Eltern wussten nicht, was sie damit machen sollten. Sie standen am Grab ihrer dreijährigen Tochter, ohne Tränen, nur stumm und voll Entsetzen. Irgendjemand hatte ein paar weiße Blumen bestellt, die wurden zusammen mit dem Kind in das Grab hinuntergelassen, und auf einer weißen Schleife stand: In Liebe, Deine Eltern.
Der Priester, der Lindsay und Jay begreiflicherweise nicht gekannt hatte, sprach einige Trostworte, die, wenngleich nicht so gemeint, platt und abgedroschen klangen. Die Eltern hörten sie ohnedies nicht. Sie wussten später auch nicht, wie sie ins Hotel zurückgekommen waren und ihre Sachen packten, auch die des Kindes. Tags darauf reisten sie ab. Über eine sofortige Rückkehr in die Staaten sprachen sie nicht. Dazu hatten sie nicht die Kraft.
Ohne konkretes Ziel fuhren Jay und Lindsay durch Italien. So gingen die ersten Tage dahin, und dann war eine Woche vorbei und bald ein Monat. Lindsay packte in den diversen Orten, die sie bereisten, die Koffer aus und wieder ein, manchmal nahm sie einige Dinge, die Pam gehört hatten, heraus, betrachtete sie stumm und traurig, um sie dann wieder in den Koffer zurückzulegen. Die meiste Zeit verbrachten sie schweigend, nur hin und wieder fragte Lindsay, ob es Pamela wohl jetzt gut ginge.
Jay wollte von Mailand oder Florenz aus mit der nächsten Maschine in die Staaten zurückfliegen. Er wollte die ganze traumatische Europareise so rasch als möglich beenden, denn er hatte genug gesehen, den Rest konnte er auch zu Hause fertig schreiben. Für sein neues Buch hatte er viele Aufzeichnungen gemacht, den Rest würde er sich einfach ausdenken. Wer, so überlegte er, würde beim Lesen von Reisebeschreibungen Wirklichkeit und Erfundenes auseinanderhalten? Das Buch war ihm ohnedies inzwischen egal, er wollte einfach nur nach Hause. Das sagte er auch zu seiner Frau. Aber Lindsay wollte unbedingt noch einmal an den Attersee zurückkehren, um auf den Friedhof zu gehen. Sie musste einfach ihr kleines Mädchen wiedersehen. Sie sagte tatsächlich wiedersehen, als ob sie das Kind wirklich antreffen könnte.
Etwas Versonnenes lag in ihrem Blick und in ihrer Ausdrucksweise, wenn sie von ihrer Tochter sprach. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass das Kind seit mehreren Wochen nicht mehr lebte.
Jay, der die ganze Fahrt kaum ein Wort redete, konnte seine Frau nicht trösten, zu beklemmend war sein eigener Schmerz. Zeitweilig versuchte er, sich mit Arbeit abzulenken. Ob es ihm wirklich gelang, wusste er selbst nicht. Einmal rief sein Verleger an, für den er die Reisebeschreibungen verfasste, und fragte, wie weit er mit der Arbeit wäre. Er antwortete ausweichend, dass er gut vorankäme, vom Tod seines Kindes sagte er nichts.
Jay machte sich große Sorgen um seine Frau, denn Lindsay hatte nicht einmal die Ablenkung durch eine berufliche Beschäftigung. Was, so fragte er sich manchmal, würde sie in Zukunft mit all ihrer freien Zeit anfangen? Er merkte deutlich, dass sie sich vor der kommenden Zeit zu Hause regelrecht fürchtete und sie sich deshalb massiv gegen eine Rückkehr in die Staaten sträubte. Er hingegen drängte Lindsay, die Heimreise anzutreten. Er war fertig mit Europa, nie wieder wollte er diesen verhassten Kontinent betreten. Er wusste, wie schwer es für seine labile Frau noch werden würde, aber Flucht schien ihm keinesfalls eine Lösung zu sein. Er steckte selbst noch ganz am Anfang seiner Trauerarbeit, trotzdem zwang er sich, nach vorne zu schauen. Dass es nie wieder so werden würde, wie es einmal war, wusste er allerdings auch.
Langsam und eintönig vergingen die ersten Wochen der Trauer, in denen sie ziel- und planlos in Italien herumreisten, die meiste Zeit schweigend. Zu bedrückend war es für beide, sodass sie nicht offen über die Tragödie sprechen konnten. Aus einer falsch verstandenen Sorge verschloss sich Jay immer mehr vor Lindsay. Ihre wenigen Gespräche bezogen sich lediglich auf das Wetter, die Hotelsuche oder andere Belanglosigkeiten. Einmal fragte Jay seine Frau, ob sie irgendetwas Bestimmtes unternehmen wolle. Sie antwortete jedoch nur gereizt, dass sie nichts interessiere. Um einen möglichen Streit zu vermeiden, drang er nicht weiter in sie. So blieb jede weitere Unterhaltung oberflächlich und schal.
»Lass uns nach Seewalchen zurückfahren«, sagte Lindsay nun immer öfter.
»Bist du noch nicht unglücklich genug!«, herrschte Jay sie an. Doch augenblicklich tat ihm sein rüder Ton leid. Lindsay erwiderte nichts darauf, doch er sah, dass sie weinte. Stumm kullerten dicke Tränen über ihr bleiches Gesicht.
Jay fasste vorsichtig nach ihrer Hand, aber sie zog sie zurück und verschränkte die Arme vor ihrer Brust.
Schweigend fuhren sie dahin. Jay war froh, dass er sich auf den Verkehr konzentrieren musste. Hin und wieder sah er verstohlen zu seiner Frau, die in sich versunken und teilnahmslos auf dem Beifahrersitz saß.
Was war aus der schönen, temperamentvollen Frau geworden? Die einst glänzenden, honigblonden Haare wirkten unecht und ungepflegt, ihre stets perfekten Fingernägel waren abgebissen, und uralter roter Nagellack war vereinzelt noch sichtbar. Jay hätte am liebsten laut geschrien vor Wut und Verzweiflung! Warum war ihnen nur dieses schreckliche Schicksal auferlegt worden? Womit hatten sie das verdient? Aber wie so oft beherrschte er sich.
Später, als sie in einem kleinen, typisch toskanischen Hotel abstiegen, fragte Jay: »Willst du wirklich zurück, noch einmal an diesen furchtbaren Ort? Ich halte das für keine gute Idee.«
Lindsay schaute ihn mit großen traurigen Augen an. Dann packte sie, wie schon in anderen Hotels, die Kleidchen ihrer Tochter aus, um sie ordentlich in den fremden Schrank zu hängen.
»Warum machst du das?«
»Du hast ja keine Ahnung …« Sie suchte ein Taschentuch, schnäuzte sich geräuschvoll und schloss energisch die Schranktüre. Dem Koffer gab sie einen Fußtritt, dass er gegen das Bett krachte. Plötzlich verlor sie gänzlich die Beherrschung und fauchte Jay an, dass er ihren Kummer nicht verstehen könne.
»Es war auch meine Tochter, die gestorben ist!«, sagte er ohnmächtig. Fassungslos, als ob sie nicht glauben wollte, was er eben gesagt hatte, starrte Lindsay ihn an. Dann brach sie in Tränen aus, und ihr Weinen steigerte sich zu regelrechten Krämpfen.
Jay fürchtete einen Nervenzusammenbruch. Verzweifelt versuchte er, sie zu trösten. »Möchtest du nicht ein paar von den Tropfen nehmen, die dir der Arzt damals verordnet hat?«, fragte er vorsichtig.
»Nein, die können mir auch nicht helfen!«
Er wagte nicht, weiter in seine Frau zu dringen, doch er suchte die Schachtel mit den Valiumtropfen heraus. Er wollte sie wenigstens griffbereit haben und steckte sie in seine Jackentasche.
Später nahm er Lindsay in die Arme und hielt sie geduldig fest, bis sie sich langsam beruhigte.
Es war inzwischen dunkel geworden, aber keiner der beiden hatte die Kraft, ein Licht anzuzünden. Eng umschlungen saßen sie auf dem fremden Hotelbett.
»Weißt du«, murmelte Lindsay nach einer unendlich langen Weile, »ich habe mich gar nicht richtig von Pam verabschiedet. Ich möchte noch einmal ihr Grab sehen. Ich muss ihr noch ein einziges Mal ganz, ganz nahe sein.«
Sie sprach klar und deutlich, und doch hatte Jay das Gefühl, als wäre sie unendlich weit weg von ihm.
Und plötzlich hatte er Angst. Er konnte nicht sagen, wovor, es war ein undefinierbares und surreales Gefühl, das ihn beschlich. Vorsichtig löste er sich aus der Umarmung und zündete die kleine Tischlampe an, die neben dem Bett stand. Das warme Licht tauchte das Zimmer in eine angenehme Atmosphäre.
Doch Lindsays Schmerz wich nicht, sowenig wie Jays Angst.
Da schwor er sich, ihr fortan jeden Wunsch zu erfüllen. Nie wieder wollte er sie leiden sehen.
Für Jay bedeutete die Rückfahrt an den Attersee eine unheimliche Belastung. Es graute ihm davor, noch einmal an den Unfallort zurückzukehren. Doch Lindsays Stimmung schien sich tatsächlich ein wenig zu verbessern, je weiter sie nach Norden fuhren. Er merkte, wie wichtig die Rückreise für seine Frau war, deshalb fand er sich schweren Herzens damit ab.
Plötzlich hatte er eine Idee: Er würde seine Tochter exhumieren und nach Amerika überführen lassen. Davon erzählte er Lindsay aber nichts. Er würde alles Weitere vor Ort entscheiden. Nachdem er diesen Entschluss gefasst hatte, fühlte er sich etwas besser. Seine kleine Pamela sollte nicht einsam und alleine in einem fremden Land bleiben, das er nie wieder betreten würde.
Als sie tags darauf an den Attersee kamen, waren beide aufgewühlt. Der ruhige, dunkle See, die leuchtenden Blumenrabatten überall im Ort und die fröhliche Urlaubsstimmung der vielen Fremden – all das war mehr als beklemmend für die leidgeprüften Eltern.
»Lass uns etwas außerhalb von Seewalchen wohnen«, schlug Lindsay ungewöhnlich selbstbewusst vor. Sie wolle so unerkannt wie möglich bleiben, fügte sie hinzu. Jay war es recht, daher suchten sie sich ein nettes Hotel im Nachbarort, einige Kilometer von Seewalchen entfernt und direkt am See gelegen.
Gleich nach ihrer Ankunft drängte er Lindsay, auf den Friedhof zu fahren. Er wollte das alles so rasch als möglich hinter sich bringen. Umso überraschter war er, als ihm seine Frau in rüdem Ton mitteilte, sie wäre noch nicht so weit.
»Aber das war der Grund für unser Herkommen!«
Sie erwiderte nichts darauf, ging auf den kleinen Balkon des Zimmers und starrte auf das nahegelegene Wasser. Sie wäre dann ihrem Kind näher, sagte sie.
Die Fahrt auf den Friedhof erwähnte er jedoch nicht mehr. Er wusste, wie leicht Lindsay ihre Fassung verlieren konnte und oftmals in haltlose Weinkrämpfe ausbrach.
Während dieses unfreiwilligen Attersee-Aufenthalts widmete sich Jay nun weiter seinen Reisebeschreibungen Die Fahrt von Florenz bis an den Attersee – von Michelangelo bis Klimt. Er konnte sich zwar nicht gut konzentrieren, aber die Arbeit erlaubte ihm, wenigstens zeitweise abzuschalten und sich anderen Dingen zuzuwenden. Wegen der Exhumierung hatte er noch nichts unternommen, ebenso wenig mit Lindsay darüber geredet. Sie war in keiner guten psychischen Verfassung, sodass er nicht wagte, das Thema anzusprechen.
Einige Tage später schien sich ihr Zustand aber zu verbessern. Sie wusch und frisierte sich sorgfältig die Haare und manikürte ihre kaputten Fingernägel. Anschließend lackierte sie sie leuchtendrot. Sie war noch immer sehr blass, aber sie glich wieder der Lindsay, die sie vor dem Unfall gewesen war.
»Du schaust aber gut aus«, freute sich Jay, als er seine Frau sah, die eine schwarze Sonnenbrille aufgesetzt und einen kleinen Hut über ihre honigblonden Locken gestülpt hatte. »Wo möchtest du hinfahren?«
»Ich gehe auf den Friedhof und besuche Pamela.«
Jay fragte, ob er sie begleiten solle, aber sie sagte, sie wollte alleine sein, lediglich das Auto wollte sie sich ausborgen.
Jay hatte sich unmittelbar nach Lindsays Wegfahren ein Taxi gerufen und war ihr nachgefahren. Kurz darauf sah er ihr Auto und wunderte sich, wie zügig sie durch den Ort fuhr.
Obwohl Lindsay nur ein einziges Mal am Grab ihrer Tochter gewesen war, fand sie mühelos die Straße, die zu dem kleinen Friedhof hinaufführte. Zielsicher ging sie zwischen den mit Blumen geschmückten Gräbern zu der schlichten Ruhestätte ihres Kindes.
Nach der Beerdigung hatten sie zwar dem Steinmetzmeister den Auftrag gegeben, einen steinernen Grabstein anzufertigen, aber er war offensichtlich noch nicht fertig. Sie konnte sich dunkel erinnern, dass sie veranlasst hatten, auch ein kleines Bildchen neben dem Namenszug einzufügen.
Er blieb in einigem Abstand zu seiner Frau stehen, denn er wusste, dass sie jetzt alleine sein musste.
Verzweifelt fragte er sich, wie Lindsay die Rückreise bewältigen, wie sie das leere Kinderzimmer in ihrem Haus in den Hamptons verkraften würde. Ganz zu schweigen von ihrem weiteren Leben ohne das geliebte Kind.
Als sie einsam und verloren vor dem Grab stand, begann Lindsay hemmungslos zu weinen. Sie wollte, sie konnte die Katastrophe nicht akzeptieren. Sie war so in ihre Gedanken vertieft, dass sie nicht merkte, wie Jay hinter sie trat.
Während er neben seiner Frau am Grab stand, haderte er mehr denn je mit diesem Schicksalsschlage. Warum waren sie nicht früher, so wie ursprünglich geplant, abgereist? Warum hatten sie diesen sinnlosen Bootsausflug gemacht? Wenn Pamela doch eine Schwimmweste getragen hätte … Behutsam umfasste er Lindsay und führte sie zum Auto. »Lass uns heimfliegen«, sagte er leise.
»Nein, ich kann nicht, noch nicht, ich möchte sie noch nicht alleine lassen. Sie ist doch noch so klein.«
Schweigend fuhren sie ins Hotel zurück. Jay versuchte, an seinem Buch zu arbeiten, was ihm mehr schlecht als recht gelang. Lindsay borgte sich manches Mal das Auto aus oder sie ging spazieren. Jay fragte sie regelmäßig, ob er sie begleiten solle, aber sie wollte immer alleine sein. Die meiste Zeit saß sie aber in dem kleinen, nicht ungemütlichen Zimmer, manchmal las sie, hin und wieder sah sie sich Bilder einer längst vergangenen Zeit an.
»Warum quälst du dich unnötig?« Zärtlich legte Jay die Arme um seine Frau. Sie sah wunderschön aus, die Haare trug sie jetzt ab und zu hochgesteckt, und der Kummer ließ sie noch bleicher wirken lassen, als sie ohnehin war, aber das verlieh ihrem Gesicht eine eigene Schönheit, die sie vorher nicht besessen hatte.
»Ich quäle mich nicht, aber so bin ich ihr näher«, sagte sie in sich gekehrt.
Ihre stumme Traurigkeit quälte Jay mehr als ihre vorherigen Weinkrämpfe. Aber er wusste nicht, wie er sie trösten könne.
»Hier sind die Beruhigungstropfen. Du musst sie nicht nehmen, wenn du nicht willst, aber vielleicht helfen sie doch ein wenig.«
Lindsay erwiderte nichts darauf, steckte sie jedoch in ihre Handtasche. Später las sie den Beipackzettel. Sie verstand nur so viel, dass die Tropfen auch eine einschläfernde Wirkung hatten. Die Verpackung warf sie weg, das Fläschchen legte sie auf die Konsole zwischen den Autositzen.
Es war nicht kalt, nicht einmal kühl an diesem regnerischer Sommertag Ende August, und trotzdem lag der nahe Herbst bereits in der Luft. Der Himmel war den ganzen Tag über verhangen und grau gewesen, und die Kinder hatten wenig Lust gehabt, im Freien zu spielen.
Robert hatte schon überlegt, zurück nach Wien in die Kanzlei zu fahren, sich dann allerdings doch zum Bleiben entschlossen.
Er genoss den ruhigen Ferientag im Kreise seiner Familie.
Die Kinder waren, obwohl sie den ganzen Tag nicht in den Garten gehen konnten, ausgesprochen brav.
Charlotte, seine älteste Tochter, die immer schon gerne gelesen hatte, machte es sich in ihrem Zimmer gemütlich und verschlang ein Pferdebuch nach dem anderen.
Stefan hatte zum Geburtstag, der wenige Tage zuvor gefeiert worden war, den Bausatz eines kleinen Elektrobootes bekommen. Daran arbeitete er nun begeistert. Sobald das Wetter wieder besser würde, wollte er das Miniboot zu Wasser lassen! Seine kleine Schwester schien ihm bei der Arbeit helfen zu wollen, denn Robert hörte hin und wieder die Kinder miteinander debattieren.
»Wenn ihr mich braucht, ruft mich. Aber das schaut schon sehr gut aus«, lobte Robert seinen Sohn, als er sich das Boot anschaute. »Du bist wirklich flott und geschickt!«
Als er zurück ins Wohnzimmer kam, fand er seine Frau neben dem Klavier stehen und Noten aus einem hohen Stapel heraussuchen. »Gut, dass heute keine Probe ist«, sagte sie zu ihm. »Die letzten Tage waren sehr anstrengend. Heuer bin ich das erste Mal froh, dass die Festspiele bald vorbei sind.« Andrea arbeitete als Korrepetitorin und war während der Salzburger Festspielzeit sehr engagiert. Sie liebte ihre Arbeit mit den Sängern und Musikern zwar, doch jetzt empfand sie die Proben als ausgesprochen zeit- und nervenaufreibend. Es gab einige Meinungsverschiedenheiten, und das gesamte Klima hatte darunter gelitten. Andrea war daher über die kurze Pause froh und genoss die gewonnene Zeit mit ihren Kindern ganz besonders.
Die Familie lebte, wie jedes Jahr im Sommer, in Seewalchen. Früher hatten sie direkt in Salzburg gewohnt, aber der Kinder wegen hatten sie das Haus mit dem großen Garten gekauft. Robert fuhr gelegentlich nach Wien in sein Büro, aber oftmals konnte er auch von zu Hause aus arbeiten. Auf diese Weise hatten die Eltern eine gute Möglichkeit gefunden, ihren Berufen voll und ganz nachzugehen, ohne die Kinder zu vernachlässigen.
»Freust du dich, wenn wir wieder nach Wien zurück übersiedeln?«, fragte Robert seine Frau.
»Ja, eigentlich sehr. Marie Theres kommt dann schon in den Kindergarten.«
»Das wird eine Entlastung für dich sein«, erwiderte Robert, der Andreas melancholische Stimmung spürte. Es wunderte ihn, denn sie war normalerweise ein sehr sonniger, sanguinischer Mensch. Aber wahrscheinlich lag es an dem regnerischen Tag, dachte er. Es war erst früh am Abend, und doch schien es, als ob es bereits dämmerte.
»Spiel ein bissl Klavier!«, schlug Robert daher vor. Er wusste, wie sehr sie Musik und vor allem das Klavierspielen liebte. Als junges Mädchen hatte sie von einer Pianistenkarriere geträumt, dann aber doch den weniger mühsamen Weg einer Korrepetitorin eingeschlagen.
Andrea liebte ihre Familie, und sowohl sie als auch ihr Mann vergötterten geradezu ihre drei Kinder. Als Konzertpianistin wäre sie sehr viel unterwegs gewesen und hätte die Kinder schon der Schule wegen nicht ständig mitnehmen können. Sich von ihnen für einen längeren Zeitraum zu trennen, konnte sie sich aber überhaupt nicht vorstellen. Ihre Arbeit als Korrepetitorin war wesentlich familienkompatibler.
Aber Robert wusste, dass sie trotzdem manches Mal das konzertante Klavierspiel vermisste. Für ihn zu spielen war ein kleiner Ersatz, denn er war stets ein bewundernder Zuhörer. Wenn sie, berauscht von der Musik, am Flügel saß, wirkte sie wieder wie ein junges Mädchen.
Robert nahm dann alles an ihr wahr, ihre schönen blassen Hände, den anmutig geneigten Hals, die langen, dunklen Haare, die sie meist zu einem tiefen Haarknoten aufgesteckt trug, die leicht geöffneten Lippen. Er liebte sie in diesen Momenten mehr denn je.
»Ich sollte noch die eine Arie in Cosi van tutte für die morgige Probe durchgehen«, sagte Andrea zu ihrem Mann und kramte die entsprechenden Noten, die sich auf dem Klavier stapelten, hervor. Er merkte ihr ihre schlechte Laune deutlich an. »Für zwei Vorstellungen müssen wir eine Umbesetzung vornehmen und nun ist die ganze Stimmung, vor allem zwischen Despina und Dorabella, nicht die beste. Das Leichte, Lustige, ganz in Mozarts Sinne buffamäßige leidet durch den Sängerwechsel.«
»Sei froh, dass es nur zwei Vorstellungen betrifft.«
Andrea spielte einige schwierige Einsätze, dann klappte sie die Noten zu und steckte sie in ihre Arbeitsmappe.
»Ich möchte gar nicht an die morgige Probe erinnert werden! Diese Besetzung war wirklich keine gute Idee!«, rief sie aufgebracht.
»Dann spiel doch etwas anderes. Das wird dich auf bessere Gedanken bringen«, schlug Robert vor.
Andrea besaß schon von Berufs wegen ein großes Repertoire, aber sie hatte ein absolutes Lieblingsstück: eine Sonate von Ludwig van Beethoven.
Als Robert sie bat, weiter zu musizieren, verschwand schlagartig ihre depressive Stimmung. Sie fischte sich die entsprechenden Noten aus dem Stapel, der neben dem Klavier lag, und begann den letzten Satz dieser nicht oft gehörten und frühen Beethovensonate zu spielen. Den liebte sie besonders, denn der rasche Wechsel zwischen Akkorden und dem eigentlichen Pianothema faszinierte sie. Robert, der nur ein mäßig musikalischer Mensch war, erkannte dennoch Andreas vollkommene Zufriedenheit, während sie die stimmungsvollen Passagen der rechten Hand, die das Hauptthema bestimmten, spielte. Das Stück war wie ein Spiegel ihrer Seele.
»Das war wunderschön«, sagte Robert, als seine Frau ihr Spiel beendet hatte. Obwohl er diese Sonate schon oft gehört hatte, war er immer wieder ergriffen. Er beugte sich über sie, spielte mit einer dunklen Haarsträhne, die sich gelöst hatte, dann küsste er sie zärtlich auf die Schulter. Es war eine Geste der Vertrautheit und des Glücks.
Ja, er konnte wirklich glücklich sein, dachte er voll Zufriedenheit, auch wenn es hin und wieder schwierig war mit den vielen Proben und den gelegentlichen Reisen, die seine Frau mit dem Chor unternehmen musste. Aber sie waren eine Familie, und er war unheimlich stolz auf sie. Um nichts auf der Welt hätte er mit irgend jemandem tauschen wollen. Manches Mal, wenn er seine Kinder betrachtete, befiel ihn mitunter Furcht, dass ihnen etwas zustoßen könnte, aber dann schalt er sich selbst ängstlich, denn er wusste, dass sie wohl behütet waren.
Die Vertrautheit des Ehepaares wurde jäh durch Maresi, die eigentlich Marie Theres hieß, unterbrochen.
»Ich geh noch raus!«, rief das Kind fröhlich.
»Nein«, erwiderte Andrea, »es hat den ganzen Tag geregnet. Es ist zu nass, um im Garten zu spielen, außerdem wird es bald dunkel.«
Die Kleine machte ein Schmollmündchen. »Bitte Schwäne füttern!« Erwartungsvoll schaute sie zu ihrem Vater, aber Robert hatte keine Lust, mit ihr zum nahe gelegenen See zu gehen.
»Vielleicht geht Stefan mit dir«, schlug er stattdessen vor.
»Ja, gut!«, rief Stefan aus dem Nebenzimmer, der Maresis Wunsch gehört hatte und ihr selten etwas abschlagen konnte. »Lass mich nur noch ein wenig an meinem Boot bauen«.
»Ich kann nicht!«, rief Charlotte sicherheitshalber sofort. »Ich muss jetzt unbedingt ein wenig Klavier üben.«
Da keines der Kinder Lust hatte, sofort mit Maresi hinauszugehen, überlegte Robert, mit seiner Jüngsten einen kleinen Spaziergang zu machen. Als er jedoch sah, dass sie sich wortlos in ihr Schicksal gefügt, ihre Lieblingspuppe, die kleine Ina, aus ihrem Kinderzimmer geholt hatte, ihr neue Kleider anzog und leise auf sie einredete, unterließ er es.
Wieder einmal war er überrascht, wie diszipliniert die Dreijährige war. Maresi wusste, wenn ihre Mutter oder die Schwester Klavier spielten, durfte sie nicht laut sein, andernfalls musste sie in ein anderes Zimmer gehen. Meistens entschied sie sich aber, in der Nähe des Klaviers zu bleiben, denn sie liebte es, wenn musiziert wurde. Sie war auch nichts anderes gewöhnt, denn seit ihrer Geburt war sie fast ständig von Musik umgeben.
Da nun niemand mehr den Wunsch hatte, nach draußen zu gehen, nahm sich Robert die Zeitung und studierte den Wirtschaftsteil.
Charlotte hatte dem Spiel ihrer Mutter andächtig gelauscht. Man sah ihr an, wie sehr sie deren Können bewunderte.
»Ob ich das je so hinbekommen werde?«, murmelte sie, als sie nun an Andreas Stelle am Flügel Platz nahm. Dann begann sie, die ersten Takte des soeben gehörten Stücks von Beethoven zu spielen. Sie wollte im Herbst die Aufnahmeprüfung ins Konservatorium der Stadt Wien schaffen. Eines ihrer Vorspielstücke war eben diese Sonate. Sie hatte sich damit viel vorgenommen, denn sowohl technisch als auch interpretationsmäßig stellte die Sonate hohe Ansprüche an das knapp dreizehnjährige Mädchen. Aber Charlotte war ehrgeizig und übte wirklich fleißig.
Nur in den letzten Tagen, als das Wetter sehr schön gewesen war und der Attersee ungewöhnliche 24 Grad aufwies, hatte sie mehr Zeit mit ihren Geschwistern im Freien verbracht als am Klavier. Auch jetzt fiel es ihr schwer, sich auf die Sonate zu konzentrieren. Obwohl sie das Stück eigentlich schon sehr gut beherrschte, patzte sie jedes Mal bei der letzten Akkordgruppe. Sie wiederholte die Stelle, patzte wieder, dann spielte sie nur wenige Takte, aber immer wieder unterlief ihr der gleiche Fehler.
Robert sah von seiner Zeitung auf. Charlotte tat ihm leid. Warum quälte sie sich mit so einem schweren Stück? Sollte er sich einmischen?
Da sagte Andrea: »Hör auf zu spielen, übe später weiter oder morgen. Es ist nicht so schlimm, wenn es mal nicht so gut klappt. Das geht mir auch manchmal so.«
»Spiel mir die Stelle einmal vor. Wenn ich sie im Ohr habe, geht es vielleicht besser.«
Charlotte stand auf, um ihrer Mutter am Klavier Platz zu machen. Andrea spielte nur eine kurze Passage, schön und stimmungsvoll wie immer.
»Das werde ich nie so können, ich brauch gar nicht zur Aufnahmeprüfung anzutreten!«, rief Charlotte aufgebracht. »Du spielst so viel besser!« Jeder, der sie hörte, konnte ihre Verzweiflung spüren, und sie hatte eigentlich keine Lust mehr, weiterzuarbeiten. Dann siegte aber ihr Ehrgeiz, und ein letztes Mal wollte sie es noch versuchen.
Mutter und Tochter tauschten erneut die Plätze, und Charlotte begann einige Takte vor der fraglichen Stelle zu spielen, ein wenig langsamer als gewöhnlich, um sich völlig auf die schwierigen Akkorde konzentrieren zu können. Doch wiederum patzte sie. Jetzt war es um ihre Beherrschung vorbei. Wie wild hämmerte sie ins Klavier, mit einer Hand spielte sie ein paar Takte der Hauptmelodie, dann schlug sie den Klavierdeckel zu und weinte bitterlich. Sollte die Arbeit von vielen Wochen tatsächlich umsonst gewesen sein?
Robert, der alles mit angehört hatte, legte die Zeitung beiseite. »Was ist denn los?«, fragte er besorgt, als er Charlotte nun heftig weinen sah. Mit Tränen seiner Kinder kam er generell schlecht zurecht. Er überlegte dann immer, wie er den Kummer von ihnen nehmen könnte. Als er sah, wie Charlotte sich mit dem Stück plagte und sich im Stillen fragte, ob sie es sich nicht unnötig schwer machte. Er sah in dem vielen Üben eher eine Belastung als eine Bereicherung. Aber seine drei Damen hatten die Musik eben im Blut, denn auch bei Maresi zeigte sich bereits eine gewisse Begabung. Sie versuchte schon seit einiger Zeit, Kinderlieder aus dem Gehör nachzuspielen. Sie konnte es in fast jeder Tonart, und wie von selbst fügte sie die dazu notwendigen schwarzen Tasten hinzu. Ab Herbst sollte sie Klavierstunden erhalten.
»Lasst uns doch ein wenig spazieren gehen, es regnet jetzt nicht mehr.« Robert war überzeugt davon, dass frische Luft das Beste gegen Charlottes Frustration wäre.
»Gute Idee!«, stimmte Andrea zu. Dann sah sie auf ihre Armbanduhr und stellte überrascht fest, dass es schon spät geworden war. »Wir sollten vorher noch eine Kleinigkeit essen, dann gehen wir. Wenn ihr wollt, gehen wir bis zum Jachthafen. Vielleicht hat das Eisgeschäft noch offen!«, schlug sie vor.
»Wann tun wir dann die Schwäne füttern?«, piepste Maresi, die bis dahin nur stumm dem Drama am Klavier gelauscht hatte.
»Wir tun nicht die Schwäne füttern, wir füttern die Schwäne«, korrigierte Stefan altklug seine kleine Schwester.
»Ich will aber die Schwäne füttern tun!«
Andrea, die im angrenzenden Esszimmer für das geplante Nachtmahl aufdeckte, legte Besteck und Servietten auf den Tisch und kam ins Wohnzimmer zurück.
»Ist sie nicht goldig?«, flüsterte sie Robert zu. Dann beugte sie sich impulsiv zu ihrer Jüngsten hinunter, hob sie hoch, drückte sie zärtlich an sich und küsste sie.
Das Läuten des Telefons unterbrach die Innigkeit zwischen der Mutter und der Kleinen.
Stefan, der liebend gern telefonierte, war schon beim ersten Klingeln zum Telefon gerannt, das auf einem Tischchen neben der Terrassentüre stand, und meldete sich artig mit: »Hier spricht Stefan Hardinger.«
Augenblicklich wurde seine Stimme eine Sequenz höher, und er rief fröhlich: »Hallo, Tante Meli! Ja, es geht uns sehr gut … Hallo! Hallo?« Stefan schaute fragend in die Runde, dann rief er nochmals »Hallo?« ins Telefon, aber die Leitung blieb tot.
»Komisch, als Tante Meli sich meldete, habe ich sie noch gut verstanden, aber plötzlich war sie weg.«
Robert nahm seinem Sohn den Hörer aus der Hand. »Lass mich probieren, vielleicht kann man zurückrufen. Ich weiß doch, wie gerne du mit Melanie telefonierst!«.
In den Sommermonaten sahen sich die Schwestern wenig, daher blieb zur Kommunikation oftmals nur ein längeres Telefonat. Aber leider hatte auch er kein Glück. Schon nach dem ersten Läuten brach die Verbindung plötzlich wieder ab.
»Das Nachtmahl ist gerade fertig«, unterbrach Andrea seine Bemühungen, eine Verbindung zustande zu bringen. »Lasst uns jetzt essen, vielleicht funktioniert das Telefon dann wieder.«
Nach dem Essen probierte auch Andrea ihre Schwester zu erreichen, leider vergeblich. Dann versuchten sie eine Nachbarin im Ort anzurufen, aber auch deren Leitung blieb tot.
»Ich ruf Tante Melanie von der Telefonzelle an, vielleicht gibt es etwas Wichtiges. Sie macht sich immer gleich Sorgen, wenn sie uns nicht erreicht. Es sind nur ein paar Schritte, ich bin gleich wieder da!«
»Naja, gleich ist vielleicht übertrieben«, meinte ihr Mann lachend.
»Stimmt, aber wir haben uns auch einige Tage nicht gehört.«
»Bald könnt ihr euch wieder öfter sehen«, erwiderte Robert liebevoll. Er wusste, dass seine Frau ihre Schwester in den langen Sommermonaten immer ein wenig vermisste. Beide Familien verband ein sehr enges Verhältnis, denn nicht nur die Schwestern, sondern auch die jeweiligen Partner verstanden sich ausgesprochen gut. Da sie in Wien nur wenige Gehminuten voneinander entfernt wohnten, verbrachten sie viel Zeit zusammen.
Als Melanie kurz nach Marie Theres‘ Geburt ebenfalls ein Kind erwartete, wurde die Beziehung der Schwestern zueinander noch inniger. Gleichaltrige Kinder zu haben, das hatten sie sich schon in ihren Jungmädchentagen erträumt! Bei der Geburt von Melanies Baby war Andrea derart aufgeregt, dass sie mit zwei verschiedenen Schuhen zu einer Konzertprobe gerannt war. Darüber wurde in der Familie immer noch gelacht!
»Wir wollen auch mitkommen!«, riefen Stefan und Charlotte fast gleichzeitig.
»Okay, aber zieht euch etwas über, es ist frisch geworden nach dem Regen.«
»Ja, ja, wir werden nicht erfrieren.« Die Kinder fanden ihre Mutter immer ein wenig zu übervorsichtig.
»Ich will auch mit«, bettelte Marie Theres. Wenn sie schon nicht zu ihren geliebten Schwänen durfte, wollte sie wenigstens mit ihren Geschwistern mitgehen. Sie ließ sich auch ohne Widerrede ein Dirndljackerl anziehen, von dem sie sonst immer behauptete, dass es kratze.
Als die Vier gerade fertig waren und Andrea sich vergewisserte, dass sie genug Kleingeld eingesteckt hatte, lief Maresi noch mal zurück. »Ich muss die Ina mitnehmen!«
»Die brauchst du nicht«, meinte ihre Mutter, »wir sind gleich wieder zurück.«
»Oh ja!«, beharrte das Kind, »die Ina will auch mit der Tante Meli telefonieren.«
Ohne Ina ging sie wirklich selten außer Haus. Sie hatte das Püppchen zum ersten Geburtstag von ihrer einzigen Urgroßmutter geschenkt bekommen und vom ersten Augenblick an geliebt. Jetzt sollte die Ina noch ordentlich angezogen werden, aber darauf wollte wiederum Andrea nicht warten.
»Ich glaube, die Ina schläft schon«, mischte sich Robert kalmierend ein.
»Nein, das glaube ich nicht!«, widersprach die Kleine selbstbewusst.
Bis alle endlich weg sind, wird wahrscheinlich das Telefon wieder funktionieren, dachte Robert schmunzelnd, sagte es aber nicht. Das hätte womöglich eine weitere Diskussion hervorgerufen, und er wollte gerne seine Zeitung zu Ende lesen. Insgeheim bewunderte er aber die Geduld seiner Frau und auch die seines Sohnes.
Nur Charlotte war nicht so gutmütig. Sie drehte sich an der Haustüre nochmals um, rief ihrem Vater einen Gruß zu und lief hinaus in den Garten und auf die Promenade, die schon in ziemlicher Dunkelheit lag. Der See hatte eine eigentümliche Farbe, nicht braun, nicht grau, aber dunkel und dumpf.
Marie Theres hatte nun doch durchgesetzt, dass die Ina mit durfte. Sie sah goldig aus, als sie vor Andrea herging. In der einen Hand hielt sie das Püppchen, mit der anderen hielt sie sich bei ihrem Bruder fest, der ihr irgendetwas erzählte.
Andrea konnte nicht verstehen, was die Geschwister miteinander sprachen, aber es musste interessant sein, denn Maresi schaute immer wieder zu Stefan empor, so als ob sie ihn für das, was er sagte, bewunderte. Er war ziemlich groß für seine elf Jahre und beugte sich des Öfteren zu der Kleinen hinunter, die in winzigen Trippelschritten neben ihm herlief.
In wenigen Minuten erreichten sie das Telefonhütterl, und es war, was sehr selten vorkam, nicht besetzt. Alle drei zwängten sich hinein, denn die Kinder wollten sofort mit Melanie telefonieren. Stefan musste wirklich Wichtiges mit seiner Tante bereden, denn diese versorgte während der Ferien die Haustiere der Familie: Eine Ratte, die angeblich hochintelligent war und auf den Namen Igel hörte, und ein mäßig begabtes Meerschweinchen, das zwar Stella hieß, aber immer nur das Schwein genannt wurde.
»Wo ist die Lotti?«, fragte Maresi.
»Die wird gleich kommen«, beschwichtigte ihre Mutter, war aber froh, dass sich nicht noch ein Kind in die winzige Telefonzelle zwängen wollte. Sie kramte einige Schillinge aus ihrer Dirndltasche und wählte die Nummer ihrer Schwester.
Fast augenblicklich wurde abgehoben.
»Ihr habt eine Störung, ich habe schon mit der Post geredet«, sagte Melanie übergangslos. Sie freute sich, dass Andrea jetzt zurückrief. Die Schwestern konnten sich allerdings kaum unterhalten, denn die Kinder redeten alle durcheinander.
»Bitte lass mich!« – »Ich will auch!« – »Nein, erst ich.«
»Es ist wohl besser, ich lasse die Kinder zuerst mit dir reden, dann können wir in Ruhe plaudern«, meinte Andrea ein wenig genervt, dann reichte sie Marie Theres den Hörer, nachdem sie ihn mit einem Papiertaschentuch abgewischt hatte.
So ein Telefonhütterl ist schon eine unappetitliche Angelegenheit, der reinste Bakterienhort, dachte sie und bereute ein wenig, die Kleine mitgenommen zu haben. Maresi erzählte inzwischen aufgeregt, dass sie schwimmen lerne und es schon ein ganz klein wenig könne. »Aber mit Halten«, schränkte sie wahrheitsgemäß ein. Dann erzählte sie noch, dass Stefan einen Kopfsprung von ganz oben gemacht hatte. Das wäre sehr gefährlich gewesen, das könne sie nicht, fügte sie theatralisch hinzu.
Andrea wollte ihrer Jüngsten gerade den Telefonhörer aus der Hand nehmen, um das Gespräch zu beenden, doch die Kleine begann, von ihrem Sturz auf ihr Knie zu erzählen. »Es hat wahnsinnig geblutet am Knie, und es hat urweh getan, aber wir waren nicht im Bischtal. Und ich war sehr tapfer! Und dann die Ina …« Jetzt wurde sie weitschweifig. Sätze, die mit »Und dann die Ina« begannen, drohten immer irgendwie aus dem Konzept zu geraten, und Maresi konnte nur schwer ein Ende finden. Daher wurde sie jetzt mit sanfter Gewalt am Weiterreden gehindert, und sowohl ihre Mutter als auch ihr Bruder flüsterten ihr zu: »Sag jetzt baba und Bussi.«
»Also, ich muss jetzt Schluss machen, die wollen auch noch mit dir reden«, sagte Maresi ein wenig altklug zu ihrer Tante und reichte Stefan den Hörer. Sie zwängte sich an ihrer Mutter vorbei, um aus dem engen Glaskobel hinauszukommen. Ungeduldig trippelte sie von einem Bein auf das andere, aber Andrea hielt sie am Ärmel fest.
»Warte auf Stefan, du kannst nicht alleine zurückgehen, es ist schon dunkel.«
Stefan unterhielt sich angeregt und vor allem ausführlich mit seiner Tante. Die wollte wissen, ob Maresi ernstlich verletzt wäre.
»Sie ist, als wir im Mozarthaus waren, ausgerutscht und hat sich das Knie aufgeschlagen. Aber so arg, wie sie tut, war es nicht.«
»Was hat sie vom Bischtal geredet?«
»Du weißt doch, sie verdreht manchmal Silben. Spital hat sie gemeint. Papa hat überlegt, es nähen zu lassen, aber es war doch nicht notwendig, ins Krankenhaus zu fahren.«
Wiederum bereute Andrea, die Kinder mitgenommen zu haben. Sie würde nie mit ihrer Schwester plaudern können, denn jetzt besprach Stefan noch die Versorgung der Haustiere. Es ging dabei in erster Linie um die hochintelligente Ratte.
»Bitte mach jetzt auch Schluss«, sagte Andrea leise zu ihrem Sohn. Maresi zeterte immer ungeduldiger in der kleinen Telefonzelle, jetzt wollte sie wirklich nicht mehr länger warten. Folgsam, wie Stefan war, verabschiedete er sich kurz darauf von seiner Tante. Fast gleichzeitig zwängten sich die Geschwister durch die schmale Türe und wollten sich auf die Suche nach Charlotte machen.
»Hallo, Meli«, rief Andrea fröhlich, »endlich sind die Kinder fertig! Was gibt’s?«
Da fiel Stefan noch etwas ganz Wichtigste ein! Er öffnete nochmals die Schwingtüre und versuchte, die Aufmerksamkeit seiner Mutter zu erringen, was nicht leicht war. Er klopfte ihr mehrere Male auf die Schulter und murmelte immer wieder Entschuldigungen, bevor Andrea das Gespräch unterbrach.
»Bitte sag Tante Meli noch, sie muss dem Igel täglich, aber wirklich täglich die Vitamintabletten geben!« Er hatte ziemlich laut gesprochen, sodass Andrea dies gar nicht ausrichten musste, denn Melanie hatte die Besorgnis ihres Neffen schon verstanden.
»Keine Angst, dem Igel passiert schon nichts!«, versicherte sie lachend. Dann vertieften sich beide Frauen wieder in ihr ursprüngliches Gespräch.
»Wo ist die Maresi?« Verwundert sah sich Stefan vor der Telefonzelle nach seiner kleinen Schwester um. Er entdeckte sie nirgends. Aber sie konnte nicht weit sein, denn sie hatte ja nur wenige Minuten alleine auf der Promenade gestanden.
Andrea sah, dass Stefan unschlüssig vor der Telefonzelle stand und deute mit der Hand, er solle schnell seiner Schwester nachlaufen.
Stefan sah in einiger Entfernung Charlotte. Sie kam ihm langsam entgegen, aber sie war alleine.
»Wo ist die Maresi?«, rief er schon von Weitem.
»Wo soll sie sein? Ich dachte, ihr seid telefonieren.«
»Nein, wir sind schon fertig. Wir wollten dich holen, sie ist vorgelaufen.« Stefans Stimme nahm einen merkwürdig hektischen Klang an.
»Keine Panik, sie wird zu Papi ins Haus zurückgegangen sein.«
Die Kinder rannten das kurze Stück zum Hinterausgang des Gartens und fassten beinahe gleichzeitig nach dem Drehknopf, den der Vater, kaum, dass Maresi laufen konnte, angebracht hatte. Er war nur von außen mittels Drehbewegung zu öffnen. Man musste, um von innen das Gartentürchen öffnen zu können, über den Zaun greifen. Es ging ein wenig schwer, aber dadurch war Maresi gehindert, das Grundstück unbemerkt verlassen zu können. Robert schärfte seinen größeren Kindern immer ein, das Türchen niemals offenstehen zu lassen. Nicht auszudenken, was passieren könnte, fiele sie unbemerkt ins Wasser!
