DER FEUERVOGEL - Daphne Niko - E-Book

DER FEUERVOGEL E-Book

Daphne Niko

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Beschreibung

Ein altes Holzkreuz aus der Zeit der Entdeckung Amerikas weist den Weg zu einer heiligen Stätte der Zuñi-Indianer, dem "Ort der Entstehung" – und einem sagenhaften Goldschatz, der dort verborgen liegt. Um jedoch zu verhindern, dass dieser Ort entweiht wird, wurde das Kreuz in vier Teile zerbrochen und in alle Himmelsrichtungen verstreut. Als Sarah Weston und Daniel Madigan während ihrer Ausgrabungen auf eines der Teile jenes Holzkreuzes stoßen, wollen sie das Rätsel lösen und den "Ort der Entstehung" finden. Doch sie sind nicht die Einzigen, die diesem geheimnisvollen Ort nachjagen. Ein obskurer Minenbetreiber setzt alles daran, den "Ort der Entstehung" zuerst zu finden, denn offenbar birgt die Kultstätte noch ein weitaus größeres Geheimnis, als die Abenteurer ahnen. Zusammen mit den letzten Hopi-Indianern kämpfen Sarah Weston und ihre Freunde dafür, das Geheimnis der heiligen Stätte und das Vermächtnis der Ureinwohner zu bewahren …

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EPUB

Seitenzahl: 435

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DER FEUERVOGEL

Ein Sarah-Weston-Abenteuer

Daphne Niko

übersetzt von Madeleine Seither

Copyright © 2018 by Daphne Niko Dieses Buch wurde vermittelt von der Literaturagentur erzähl:perspektive, München (www.erzaehlperspektive.de), in Zusammenarbeit mit Gloria Goodman.

This book was arranged by erzähl:perspektive Literary Agency, Munich (www.erzaehlperspektive.de), in cooperation with Gloria Goodman.

Impressum

Deutsche Erstausgabe Originaltitel: FIREBIRD Copyright Gesamtausgabe © 2019 LUZIFER-Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Cover: Michael Schubert Übersetzung: Madeleine Seither

Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2019) lektoriert.

ISBN E-Book: 978-3-95835-390-9

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

DER FEUERVOGEL
Impressum
PROLOG
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Epilog
Über die Autorin
Dieses eBook wurde von der Plattform libreka! mit der Transaktions-ID 4452350 erstellt.

 

 

 

 

Wenn wir wertvolle Dinge aus dem Boden graben, laden wir das Unglück ein.

– Hopi-Weisheit

 

 

 

 

Für Ian

und sein unerschütterliches Wesen.

 

Prolog

Vacapa, Neuspanien, 1539

In der Lethargie des goldenen Sommernachmittags lockte das Klappern von Pferdehufen die Eingeborenen auf ihre Haustreppen und an ihre Fenster, um zu sehen, wer die Stille störte.

Es geschah nicht jeden Tag, dass ein Konquistador aus Mexiko-Stadt einen staubigen Außenposten wie Vacapa besuchte. Der schläfrige Pueblo wurde von Wilden bewohnt, die in Lehm- und Schilfhäusern lebten und sich um ihre dürren Schafe kümmerten. Der Mönch und seine Männer hatten sich unter dem Vorwand hier niedergelassen, die Ortsansässigen zu den Lehren des Herrn zu konvertieren. Doch Juan Garrido wusste es besser.

Er stieg vor Marcos de Nizas lehmbeschmiertem Adobenhaus ab und folgte einem Schnarchgeräusch in den hinteren Teil des Gebäudes. Dort war er, der rundgesichtige, rotbackige Mönch, in einer Hängematte ausgestreckt, mit offenem Mund, der nach Wein stank. Garrido räusperte sich lauter als nötig und der Mönch schoss kerzengerade auf.

»Bruder Marcos, es ist schön, Euch so  …  ausgeruht zu sehen.« Er versuchte gar nicht erst, seine Geringschätzung zu verbergen.

»Seid gegrüßt, Juan Garrido. Wie schön von Euch, in unseren kleinen Winkel der Kolonie zu kommen. Und zur Siestazeit.« De Niza versuchte von der Hängematte zu steigen, ein wenig anmutiger Akt, der damit endete, dass er abgeworfen wurde und auf allen vieren landete. Er richtete sich unbeholfen auf. »Ich hoffe, der Vizekönig hat Euch von meiner bescheidenen Anfrage in Kenntnis gesetzt?«

»Er sagte, dass Ihr es mit einem Cimarrón zu tun habt, ja.« Er nutzte die offizielle Bezeichnung für einen entflohenen Sklaven. Das Wort hatte eine verabscheuungswerte Nuance, die er befriedigend fand.

»Ja. Es handelt sich um Esteban den Mauren. Er sollte unserer Gruppe fünfzig Wegstunden vorausgehen und berichten, was auf der Nordroute liegt. Das waren meine strikten Anweisungen.« Der Mönch bemühte sich, autoritär zu klingen, wirkte aber eher komisch. »Es sind nun zwei Monate ohne Nachricht von ihm vergangen. Ich fürchte, er folgt seinen eigenen Interessen, nicht denen der Krone.«

»Sicher gab es in all der Zeit irgendeine Form der Kontaktaufnahme.«

»Nur diese.« Er schlurfte zu einem Tisch und hob ein weißes, zwei Handflächen großes Franziskanerkreuz auf. Dahinein waren Symbole  –  Berge, ein Fluss, ein Pueblo  –  in der Art einer Karte geritzt. »Ich hatte ihn angewiesen, geheime Nachrichten mit Kreuzen wie diesem zu schicken. Klug, findet Ihr nicht?«

Garrido fand die selbstgefällige Art des Mönches abstoßend. Obwohl de Niza der Anführer der Expedition im Norden war, verlangte er schwere und oftmals gefährliche Arbeit von seinen Sklaven, während er in Sicherheit blieb und sich den Bauch mit Essen und Trinken vollschlug. Ab und zu konvertierte er einige Ureinwohner, um seine »geistliche Mission« zu rechtfertigen. Es war kaum verwunderlich, dass sein Plan schiefgegangen war.

Er nahm das Kreuz vom Mönch. »Was hat das zu bedeuten?«

»Laut des Ureinwohners, der es brachte, fand Esteban eine Stadt sondergleichen: mehrere Stockwerke hohe Steinhäuser, stabiler Handel, mit Türkisen gepflasterte Straßen, mit Edelsteinen geschmückte Türöffnungen. Er nannte sie Cibola.« Er beugte sich vor und flüsterte verschwörerisch: »Das könnte die Stadt aus Gold sein, nach der wir suchten.«

»Aber dieses Kreuz ist eine Karte dorthin. Warum folgt Ihr nicht einfach der Route, um Euch selbst ein Bild davon zu machen?«

Der Mönch kratzte sich am Kopf. »Ja, nun, das wäre ein ausgezeichneter Plan, doch hier gibt es arme Seelen, um die ich mich kümmern muss. Ich habe die Pflicht, Gottes Werk zu verrichten. Doch Ihr  …« Er tätschelte den Arm des Konquistadoren ein wenig zu aggressiv. »Ihr seid nicht an derartige Verpflichtungen gebunden.«

Es war eine schlecht verschleierte Beleidigung. Wie Esteban war auch Juan Garrido als Maure geboren und von einem spanischen Standesherren und Entdecker in die Sklaverei gekauft worden. Doch im deutlichen Gegensatz zu anderen Sklaven, die mit den Spaniern in die Neue Welt gesegelt waren, hatte sich Garrido während der Eroberungen von dreißig Jahren als so nützlich erwiesen, dass ihm seine Freiheit geschenkt worden war und er sich den Titel eines Konquistadoren verdient hatte. Da er jedoch schwarz war, erkannten leidenschaftliche Ethnozentriker wie de Niza seine Legitimität nicht an. Einmal ein Sklave, flüsterten sie hinter seinem Rücken, immer ein Sklave.

Mit Esteban war es anders. Als Sklave, der nie nach einer höheren sozialen Stellung strebte, wurde er von den Wundern der Reise angezogen, dem Kitzel der Entdeckung. Er war ungemein charismatisch, ein bärenstarker Bursche mit einem Glanz in den Augen, der jeden faszinierte, der ihm begegnete. Er hatte sich angewöhnt, sich als Schamane auszugeben, nutzte das Wissen über Pflanzen und pflanzliche Extrakte, das er in seiner Jugend in den Bergen des Hohen Atlas erlangt hatte, um den Kranken zu helfen. Die Eingeborenen betrachteten ihn als Wunderwirker und begrüßten ihn mit offenen Armen, was sogar so weit ging, dass sie ihm ihr Vieh und ihre Frauen gaben.

Garrido selbst hatte es erlebt, als Estebans Gruppe, damals vom Entdecker Cabeza de Vaca angeführt, Mexiko-Stadt passierte. Obwohl gut fünfundzwanzig Jahre zwischen ihnen lagen, verstand sich Garrido sofort mit seinem Landsmann. Weil sie beide aus demselben Teil des Maghreb stammten und dieselbe Sprache sprachen, berührte Esteban mit seiner leidenschaftlichen Art einen Teil von Garridos Seele, der sich seit seiner Entscheidung für den Weg des Konquistadoren in einen brachliegenden Garten verwandelt hatte. Trotz ihrer unterschiedlichen sozialen Stellungen war das Gespräch ungezwungen und die Zuneigung echt. Man konnte sogar sagen, dass Garrido Esteban um seine Anziehungskraft und Exzentrik beneidete; es war fraglich, welcher der beiden wirklich frei war.

Garrido hätte auf die spitzen Bemerkungen des Mönches reagieren können  –  es war immer ein Vergnügen, einen verbalen Schlagabtausch mit einem Heuchler zu gewinnen  –,  entschied sich aber dagegen, ihm diese Befriedigung zu schenken. In Wahrheit war ihm das sesshafte Ruhestandsleben langweilig geworden und die Aussicht darauf, in unerforschtes Terrain aufzubrechen, faszinierte ihn, insbesondere wenn das, was die Eingeborenen sagten, stimmte.

»Ich werde es für Mendoza tun.« Er steckte das Kreuz in die Falten seines schwarzen Umhangs und bestieg sein Pferd.

Der Mönch verschränkte seine Finger wie zum Gebet. »Möge Gott Euch auf Eurer Reise leiten, Juan Garrido. Und vergesst nicht, meinen Sklaven zurückzubringen. Meine Arbeit hängt davon ab.«

Etwas sagte ihm, dass Esteban nicht zurückkäme. »Seid versichert, dass ich tun werde, was gerecht ist, Bruder Marcos.« Mit einem Peitschenhieb ritt er zu seinem wartenden Gefolge.

Die Abenddämmerung senkte sich rasch über den Steilhang aus Sandstein und Granit, der von der eisernen Strenge der Vorzeit in wunderliche Schichten gezwungen worden war. Die hochaufragenden Felswände drängten sich in einer kreisförmigen Formation aneinander, wie eine Art antikes Amphitheater. Garrido stand am Rand der Kante und beobachtete, wie die schwindende Sonne die Schlucht in herrliche Schattierungen von Purpur und Gold färbte. Von allen Schauspielen, die er auf seinen Reisen bezeugt hatte  –  von seinem Geburtsort in Westafrika über sein angenommenes Heimatland an der Algarve zu seinen Landnahmen von Kuba, Hispaniola und Neuspanien  –,  war dies wohl das beeindruckendste.

»Wir werden hier unser Lager aufschlagen«, sagte er zu seinen Männern. Er band sein Pferd fest und holte ein kleines Notizbuch hervor, das unter einem Querriemen gesichert war. Seit er sich in der ciudad zur Ruhe gesetzt hatte, hatte er begonnen, seine Erinnerungen und Beobachtungen aufzuzeichnen, immer in seiner Muttersprache, denn sie waren als persönliche Memoiren gedacht und nicht als offizielle Angelegenheit.

Während die Nacht die Schlucht in vollständige Stille hüllte, lehnte sich Garrido an einen Felsen und beschrieb die merkwürdigen Begegnungen der vergangenen zwei Tage im Detail. Das Gefolge war auf Estebans Spur, höchstens einige stramme Reitstunden entfernt, oder so hatten die Dorfbewohner behauptet, die sie unterwegs getroffen hatten. Jene Eingeborenen sprachen von einem Heiler, dessen Haut so dunkel war wie die Nacht, um dessen Schultern eine Büffelhaut lag und dessen Kopf das Gefieder vieler Vögel schmückte. Er trug eine Kette aus Türkisperlen quer über seinem nackten Oberkörper und schwang eine Kalebassenrassel, während er die Geister beschwor, die Kranken und Leidenden zu heilen.

Es hieß, er habe ein ordentliches Gefolge versammelt  –  über zweihundert Menschen, laut mancher Berichte. Gemeinsam drang dieser bunt zusammengewürfelte Stamm in fremde Gebiete vor, handelte und sammelte Ressourcen. Esteban, so schien es, hatte eine neue Heimat inmitten dieser Menschen gefunden, und er hatte nicht die Absicht, in die Tyrannei von Marcos de Niza und Neuspanien zurückzukehren.

Garrido bemerkte nicht, dass er eingeschlafen war, bis er von starken Händen wachgerüttelt wurde. Er sprang auf und zog sein Schwert. Vor ihm stand ein einheimischer Mann, dessen nackter Oberkörper blutverschmiert war. Hinter ihm standen einige Dutzend Krieger, ähnlich zugerichtet. Der Fremde hob seine Hände als Zeichen des Friedens.

Ohne unvorsichtig zu werden, bedeutete Garrido dem Anführer, zu sprechen. Mittels Handgesten und verängstigter Laute berichtete der Mann von einem Massaker und zeigte dem Konquistador ein gespaltenes Holzstück, das in der Art von Bruder Marcos’ Kreuz geschnitzt war. Er drehte es um. Darauf standen die Worte Fliege auf schwarzen Schwingen geschrieben, in einer Sprache, die nur Garrido und Esteban verstanden.

»Bringt mich zu ihm«, sagte Garrido.

Die Stammesmänner und der Konquistador ritten rasch durch die Nacht, aus der Schlucht hinaus und an einem fruchtbaren Flusstal vorüber, bis sie Felsland und eine ockerfarbene Wüstenfläche erreichten. Der Anführer deutete auf einen Berg mit flacher Spitze, der aussah, als sei sein Gipfel von einem scharfen Schwert abgetrennt worden. Viereckige Steingebäude, die im Morgenlicht erröteten, ergossen sich vom Berggipfel über seine Flanken, eine eingeborene Version der Fischerdörfer an den zerklüfteten Küsten Spaniens. Konnte es das Cibola der Legenden sein? Die Aussicht versetzte Garrido in Aufregung.

Er hatte gehofft, sie würden dorthin gehen, doch der Anführer ritt vorbei und in einen kleinen Canyon am Rand der Siedlung. Der Ort lag in den Schatten von Sandsteinüberhängen, die so breit waren, dass die Finger der Sonne nie bis hinein reichten. Garrido schauderte. Es war mehr als nur dunkel und kalt; es fühlte sich an, als wohne eine unheilvolle Präsenz darin. Selbst die Pferde waren unruhig.

Der Führer stieg ab und ahmte mit der Hand am Mund den Ruf eines Vogels nach. Einen Augenblick später erschien Esteban aus einem Steinlabyrinth und grüßte den Mann wie einen lebenslangen Freund. Der Eingeborene sagte einige Worte in seinem eigenen Dialekt, den der Maure zu verstehen schien, und zeigte auf den Konquistador.

Obwohl der vertraute Glanz in Estebans Augen erloschen war, strahlte er bei Juan Garridos Anblick. Er begrüßte ihn nicht mit der traditionellen Verbeugung, die man einem Konquistador entgegenbrachte, sondern vielmehr mit einem Griff an die Schulter, wie er für die Menschen des Maghreb typisch war.

»Es gab Kunde von einem schwarzen Spanier auf der Straße«, sagte Esteban. »Ich hoffte, dass Ihr es seid, also schickte ich meine Männer aus, um Euch zu finden. Ich muss sagen, es ist eine Überraschung.«

»Der Vizekönig bat um meine Hilfe, Moustafa.« Er benutzte den Namen, der dem Mann gegeben worden war, bevor Andres de Dorantes ihn kaufte und ihm einen christlichen Namen gab. »Die Spanier sind Eurer Abwesenheit überdrüssig geworden. Bruder Marcos ist mit verlorenen Seelen beschäftigt, und so war es an mir, Euch zu finden und zurückzubringen.« Er warf einen Blick auf die tiefen, blutenden Schnitte auf der breiten Brust des Sklaven. »Doch nun scheint es, ich kam zu Eurer Hilfe. Welche Not plagt Euch?«

»Ich fürchte, mein Tod ist nah. Doch ich werde in dem Wissen sterben, dass mir diese Menschen als einem von ihnen vertrauten. Eine Ehre, die Euren spanischen compadres nie zuvor zuteilwurde oder in Zukunft zuteilwerden wird.«

Garrido wies auf die offenen Wunden. »Wenn sie Euch so sehr vertrauen, warum taten Sie Euch das an?«

»Ich habe sie betrogen.« In seiner Stimme schwang Jammer. »Ich erfuhr ihre Geheimnisse, doch ich gab mich der Versuchung hin. Ich bereue es bitterlichst, doch ich kann meine Taten nicht rückgängig machen.«

»Sagt mir, was Ihr meint.«

Estebans Augen weiteten sich. »Ich habe das Gold gesehen, mein Freund. Es existiert so sicher wie Ihr und ich, tief im Busen der Schlucht versteckt.« Er nickte in Richtung seiner Anhänger. »Meine Männer brachten mich dorthin, zu ihrer Andachtsstätte tief unter der Erde, wo Goldklumpen funkeln wie die Sterne am Himmel.«

»Mendozas Stadt aus Gold. Ihr habt die Pflicht  …«

»Ich schulde Spanien nichts«, spie er aus. »Die Spanier wollen eher meinen Tod, als mir meine Freiheit zu geben. Wenn Ihr der Krone loyal seid, so tötet mich jetzt, denn ich werde diese Menschen kein zweites Mal verraten.«

»Ich stehe im Dienst des Vizekönigs, doch kann ich keine andere Seele leiden lassen, besonders nicht die eines Landsmanns.« Er sprach in ihrer Muttersprache. Obwohl ihre Dialekte unterschiedlich waren, kam der Kern seiner Botschaft zum Ausdruck. »Ich möchte Euch helfen.«

»Nein. Was ich tat, ist zu abscheulich.« Er schüttelte den Kopf. »Ich wurde gierig. Ich schrieb eine Nachricht auf eines von Bruder Marcos’ Kreuzen, die die Lage des Goldes beschreibt.«

»Doch tatet Ihr es in Eurer Sprache, nicht in seiner.«

»Die Spanier besitzen genug Reichtümer. Ich hatte die Absicht, unseren maurischen Freunden, die sich zu Unrecht unter der strengen Hand der Sklaverei plagen, diese Nachricht zu schicken, damit sie den Schatz heben und frei unter diesen freundlichen Menschen leben können. Ich war in dem Moment verflucht, als ich das tat. Ich weiß nun, dass dieses Land und alle Reichtümer darin diesen Menschen gehören und niemandem sonst.« Er zeigte auf das Dorf, das sich über den Hang ergoss. »Das Volk der Zuñi hörte davon, dass ich ihre heilige Stätte betreten hatte, und sie wurden sehr wütend  –  seltsamerweise nicht wegen des Goldes, sondern weil ein Nicht-Indianer ihren Ort der Entstehung entweiht hatte. Sie fanden das Kreuz, welches für sie das Symbol der weißen Teufel darstellt, und zerbrachen es in vier Teile. Sie jagten uns mit Pfeilen und Tomahawks aus dem Dorf.« Er berührte seine verwundete Brust und atmete schwerfällig ein. »Sie werden nicht ruhen, bis sie meine Haut haben.«

»Es ist noch nicht zu spät«, sagte Garrido. »Ich kann Euch von hier fortbringen.«

»Ich muss mich den Konsequenzen meines Handelns stellen. Doch wenn es Euer Anstandskodex erlaubt, so gibt es etwas, das Ihr für einen Landsmann tun könnt.«

»Nennt es mir.«

»Das Stück des Kreuzes, das Euch meine Männer brachten. Ich möchte, dass Ihr es zu meiner Familie in den Maghreb bringt. Sie soll es in alle Ewigkeit beschützen. Die vier Teile des Kreuzes dürfen niemals zusammenkommen. Das ist meine Buße dafür, Schande über diese Menschen gebracht zu haben.«

Die klare Luft brachte das schwache Geräusch von Trommeln und Sprechchören mit sich.

»Sie kommen, um mich zu holen«, sagte Esteban. »Ihr müsst gehen. Nehmt so viele meiner Männer mit Euch, wie Ihr könnt, denn sie verdienen es nicht, zu sterben. Ihr einziges Verbrechen ist es, mir vertraut zu haben.«

Esteban umarmte Garrido und befleckte die weiße Bluse und das Notizbuch des Konquistadoren mit seinem Blut. Garrido trat zurück und sah in die Augen eines toten Mannes. Er bestieg sein Pferd und führte die anderen aus dem Canyon und über den ausgetrockneten Erdpfad.

Der durchdringende Schrei der Verdammten klang durch das Tal und jagte Garrido einen Schauder über den Rücken. Er warf einen Blick zurück auf die Ansammlung alter Steine, die die einzigen Zeugen von Estebans Richtspruch waren. Er spürte den Umriss des Kreuzfragments unter seinem Konquistadorengewand und dachte für einen Moment darüber nach, eine Expedition zur Suche nach den anderen drei Teilen des Kreuzes  –  und zu dem Gold, in dessen Richtung es wies – zu organisieren. Er sah zu den entsetzen Männern seines Gefolges und besann sich eines Besseren.

Er hatte einen Pakt geschlossen, und den galt es zu würdigen.

Kapitel 1

In jedem anderen Jahr würde der Fuß der kupfergefärbten Sandsteinklippen in der sengenden Hitze des Spätaugusts schillern und mit der verdorrten Erde verschwimmen. Doch in diesem Sommer kam die Regenzeit ungewöhnlich früh und heftig und bewegte die Sandfläche des Canyonrands. Im unablässig starken Regen waren Schlammlawinen über die Felswände hinabgestürzt und hatten Treibsandteppiche gebildet, die einen Geländewagen im Nu verschlingen konnten. Und den silbernen Streifen am düsteren Himmel nach zu urteilen, würde es nicht so bald besser werden.

Sarah Weston hockte im Schlamm und rollte einen flachen Ring zwischen den Fingern hin und her, rieb den Matsch ab, um einen olivgrünen Stein mit ockerbrauner Maserung zum Vorschein zu bringen. Türkis, die Sorte, die nicht mehr existierte, in keiner Mine, nirgendwo. Obwohl es eher aussah wie ein Trennstein, war es ganz definitiv eine Schmuckperle, von den Vorfahren der Pueblo-Indianer vor Jahrhunderten zu Dekorationszwecken und für den Handel bearbeitet. Hunderte solcher Beispiele waren im Chaco Canyon ausgegraben worden, der Zeremonialstätte im westlichen New Mexico, etwa hundertdreißig Kilometer von ihrem Arbeitsplatz entfernt.

Sarah und ihr Partner, Daniel Madigan, waren in den südlichen Randbereich des Canyon de Chelly gerufen worden, in einen Teil von Arizona, der dem Volk der Navajo gehörte. Es war ungewöhnlich, dass zwei Archäologen, die sich auf die Regionen des Mittelmeeres und den Mittleren Osten spezialisiert hatten, in diesem Teil der Welt arbeiteten. Dennoch lag etwas Vertrautes, sogar etwas Tröstliches, in seinen gewaltigen Felsformationen, seinen einst bewohnten, doch längst verlassenen Höhlen, der Wüstenlandschaft, deren Oberfläche sich in Sekundenschnelle ändern konnte. In den vier Jahren, in denen sie schon miteinander arbeiteten, hatten Sarah und Daniel ähnliche Landstriche erkundet, ihre Launen und Eskapaden kennengelernt.

Es war ein Manuskript, das sie hierhergeführt hatte. Einige Meilen von dem Punkt entfernt, an dem sich die Perle in einem Schlammfeld präsentiert hatte, waren die eingerissenen Seiten eines Kodex von einem Archäologieteam der University of Arizona ausgegraben worden. Das Papier selbst war präkolumbisch, aus mexikanischer Amatl-Rinde gefertigt, aber es war mit einem nordafrikanischen Stammesdialekt beschrieben, was die Forscher verblüffte. Daniel und Sarah, Experten der antiken Linguistik, waren um Rat gebeten worden. Daniel, der aus Tennessee stammte und Cherokee-Blut besaß, war begeisterter, diesen Teil der Welt zu erkunden, als Sarah es war. Doch am Ende beugte sie sich seinem Enthusiasmus.

»Wir sollten los.« Nakai Tsosie, ein Aufbaustudent der Universität, zeigte auf die dunkle Wolke am östlichen Horizont. »Wir werden gleich pitschnass.«

Sarah steckte die Perle in einen Probenbeutel und folgte dem Schlammpfad mit ihrem Blick. Er ging von einer mandelförmigen Spalte aus, die wie ein Auge in den Stein geschnitten war, etwa dreißig Meter über dem Grund des Canyons. Es könnte einst eine Siedlung gewesen sein oder vielleicht Teil einer Festung. Canyon de Chelly war voll von beidem.

Sie schätzte die Entfernung des Sturms ein. »Uns bleibt eine Stunde, zwei, wenn wir Glück haben. Zeit genug.«

Daniel näherte sich mit Phoebe Bellamy, der Hilfskraft, die sie auf der Expedition begleitete. »Sieh mal, was Phoebe gefunden hat«, sagte er.

Das dreizehnjährige Mädchen streckte eine schmale Hand aus. Darin lag eine schlammbedeckte Türkisscheibe.

Sarah hielt den Probenbeutel daneben. »Identisch. Wo hast du das gefunden?«

Phoebe zeigte zum anderen Ende des Schlammlaufs.

»Wenn wir warten, bis noch ein Sturm vorbeigezogen ist, werden diese Artefakte zerstreut werden und vermutlich verlorengehen.« Sarah nickte zum Einschnitt im Felsen. »Ich will sehen, was da oben ist.«

Daniel musterte das Terrain. »Das ist ein weiter Weg dort hinauf und es wird glatt sein.« Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht.«

»Ich habe eine Kletterausrüstung im Truck.«

»Kein Equipment«, sagte Nakai. »Felsenklettern ist auf Reservatsboden nicht gestattet.«

»Dann mach ich’s ohne. Es gibt genug Zehenhalte.«

»Und ich halte das für eine schlechte Idee.« Nakai zuckte die Achseln. »Nicht, dass das wichtig wäre.«

Bei den Erforschungen von Canyon de Chelly und den umliegenden Badlands war Nakai sowohl Assistenzarchäologe als auch obligatorischer Navajo-Führer. Obwohl er das letzte Wort hatte, was Navajo-Gesetze betraf, gaben Sarah und Daniel den Ton für die Expedition an. Sarah dankte Nakai für seinen Hinweis, aber sie vertraute ihren eigenen Fähigkeiten genug, um die Warnung zu übergehen.

Sie verschwendete keine Zeit, den Fels hinaufzuklettern. Jahrelanges Erforschen von hoch gelegenen Höhlen und Inschriften an Felswänden hatten ihr Selbstvertrauen in Sachen Freeclimbing gestärkt, wenngleich sie sich bei einer Neigung wie dieser wohler gefühlt hätte, wenn Daniel sie gesichert hätte. Wie so viele andere Dinge war auch das Klettern in seiner Gesellschaft leichter und angenehmer.

Zu der Öffnung zu gelangen, war nicht so problematisch, wie sie erwartet hatte. Sie sah nach unten, um Daniel ein Daumenhoch zu zeigen, und bereute es augenblicklich. Dreißig Meter über dem Boden sahen von oben weit bedrohlicher aus, besonders wenn man nicht angeseilt war.

Sie trat auf einen schmalen Vorsprung und bewegte sich, nach Griffen an der Sandsteinwand tastend, zur Öffnung weiter. Ein Wall aus Schiefer und Schlick, von unten nicht sichtbar, füllte sie aus, vielleicht das Werk der Natur, vielleicht nicht. Der Regen hatte das Material veranlasst, sich zu lösen und über die Felswand hinunterzustürzen, was der Wissenschaft einige Möglichkeiten eröffnete.

In diesem Teil der Welt entwickelte sich die Archäologie ständig weiter, da jede Laune von Wind und Wasser ein neues Flüstern vernehmen und lange gehütete Geheimnisse entdecken ließ. Es hieß, dass die Wissenschaftler noch weitere fünfhundert Jahre an diesem Ort arbeiten könnten und trotzdem nicht alles finden würden, was in seinen Erdengrenzen vergraben lag.

Sarah untersuchte den Eingang. Er war noch teilweise versiegelt, der Stein mit Sediment verklebt, was es schwer machen würde, Halt für die Hände zu finden. Sie kratzte den losen Schiefer mit einer Spitzhacke ab. Es war eine mühselige Arbeit, wie alles in der Archäologie, aber sie hatte die Geduld dafür entwickelt. Es war, fand sie, ein kleines Opfer, um ein weiteres Stück zum Puzzle der Vergangenheit der Menschheit hinzuzufügen.

Als genug Geröll geräumt war, duckte sich Sarah unter einen Überhang und ging hinein. Ehe sie den Ort beleuchtete, nahm sie sich einen Moment, um ihn in der Dunkelheit zu erleben. Als Folge der Regenfälle war die Kammer kühl und klamm und roch wie die feuchten Räume alter Landhäuser in ihrer Heimat England. Der Stein unter ihren Füßen war brüchig. Sie trat mit dem Zeh dagegen und weiterer Schiefer löste sich.

Sie schaltete die Lampe ein, die an ihrem Kopf festgeschnallt war, und bewegte sich auf allen vieren tiefer hinein, Zentimeter für Zentimeter. Der Schiefer zerfiel unter dem Gewicht ihres Körpers; seine scharfen Kanten stachen ihr in die Handflächen und Knie. Es war schwer zu sagen, ob irgendwas unter diesem Bruchstein vergraben lag. Vielleicht würde eine richtige Ausgrabung mehr enthüllen.

Am anderen Ende der Höhle bemerkte sie in eine Wand geritzte Formen. Das war für diesen Teil der Welt nicht ungewöhnlich, wo Felszeichnungen über das ganze vier amerikanische Staaten überspannende Plateau verteilt waren. Diese Zeichen waren ihr fremd: ein Kreispaar, ein großer mit einem kleinen in seinem Orbit, wie ein Planet und sein Mond.

Auf die gegenüberliegende Wand waren vier gespreizte Handabdrücke in roter Farbe abgebildet. Sie legte ihre flache Hand daneben – sie waren klein wie Kinderhände – und spürte eine greifbare Verbindung. Es war, als hätten die antiken Felsbewohner einen Teil ihrer Seelen in diesen Inschriften zurückgelassen. Ihr Wissenschaftlerverstand verweigerte eine solche Möglichkeit und doch begriff sie es. Die Ruinen der Welt besaßen eine spirituelle Würde, die man nicht ignorieren konnte. Sie flüsterten von Geheimnissen, die im Kollektivbewusstsein verblasst waren wie sepiafarbene Daguerreotypie, und enthüllten die authentischsten Wahrheiten über die Natur des Menschen. Dieser Ort war nicht anders.

Sarah griff nach ihrer Kamera und dokumentierte die Kunst ebenso wie den Zustand des Höhleninneren. Es gab viel zu tun, doch das musste bis zu einem anderen Tag warten. Das war die Natur des Wiederentdeckens: beobachten, dokumentieren und verschwinden.

Sie kroch zum Höhleneingang zurück und plante ihren Abstieg. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie etwas neben ihrer Stiefelspitze und richtete ihren Blick nach unten, wo sie eine glatte, konkave Oberfläche entdeckte, die halb im Geröll verborgen lag. Sie kratzte am Schlick, bis sich der Rand eines Gefäßes zeigte. Sie zog behutsam daran und entnahm eine Tonscherbe. Sie wischte die Oberfläche ab und hob den Gegenstand ins Licht. Es war ein Fragment einer ausgehöhlten Kürbisflasche. War es ein Gebrauchsgegenstand, der hier von den Felsenbewohnern, die ihr Heim verlassen hatten, zurückgelassen worden war? Oder war er in einer Art Zeremonie verwendet worden?

Ein tiefes Grollen ließ die Wände der Höhle vibrieren. Der Sturm kam näher.

Sie hätte sofort gehen und den Rest von der offiziellen Ausgrabung freilegen lassen sollen. Doch sie wusste, dass noch mehr Regen und Schlammlawinen die Umgebung verändern würden und vielleicht das schmale Fenster schlössen, das ihr eröffnet worden war.

Vorsichtig grub sie im Schlamm, schickte ihre Finger auf Erkundung. Innerhalb weniger Minuten zog sie eine Glasperle, eine Feder und ein gespaltenes Holzfragment, vielleicht fünfundzwanzig Zentimeter breit und vier Zentimeter hoch, heraus.

Das Holz allein mochte belanglos sein, aber weil es datiert werden konnte, könnte es entscheidend dafür sein, die anderen Gegenstände in Relation zu bringen. Sie alle schienen in der trockenen Erde und dem Schiefer vergraben worden zu sein, vielleicht, um ihren Schutz zu gewährleisten. Jetzt, da das Siegel zerbrochen und Wasser in die Höhle eingedrungen war, würden die raschen Veränderungen der Umwelt unweigerlich zum Verfall führen. Die Objekte mussten so bald wie möglich entnommen werden.

Sie schob die kleineren Gegenstände in Beutel und steckte diese in ihre Taschen. Sie wickelte das Holzfragment in ein Bandana und klemmte es in ihren Hosenbund. Es war unorganisierter, als sie normalerweise zuließ, aber ihre Möglichkeiten waren begrenzt.

Donner grollte und ein Windstoß drang in die Höhle. Es war Zeit, zu gehen. Sie schob sich zum Rand und stand vorsichtig auf, wobei sie versuchte, sich auf den Felsen um sie herum zu konzentrieren, und nicht auf den steilen Abstieg.

»Sarah, pass auf!«

Die Dringlichkeit in Daniels Stimme warnte sie vor der Gefahr, aber es war zu spät. Ein loser Schieferhaufen am Rand der Höhle bröckelte ab und sie rutschte einige Meter zu einem Vorsprung hinunter, wo sie hart auf der Seite landete. Während des Sturzes löste sich das Holzfragment und sie sah zu, wie es zusammen mit einer Geröllwelle den Felsen hinunterfiel. Sie folgte der Abwärtsflugbahn des Objekts, bis es in einem Hoodoo-Feld zum Liegen kam.

»Vergiss es«, rief er hinauf. »Komm einfach heil wieder runter.«

Sie lag so unsicher, dass sie mit Mikrobewegungen nach einem Handhalt tastete. Sie ergriff den ersten und stabilisierte sich am Felsen. Sie bekam Sichtkontakt zum Objekt, das halb in der Brühe aus Schlick und Stein verborgen war.

Wenn sie den Überhang überwinden könnte, wäre der Rest einfach. Es war möglich, solange das Wetter noch für ein paar Minuten mitspielte. Sie hob eine Hand, um Daniels Einspruch zuvorzukommen. »Ich hol’s mir.«

»Bist du verrückt?« Das Wort verrückt, mit seinem Tennessee-Akzent in die Länge gezogen, war so laut, dass es von der Felswand zurückgeworfen wurde und durch den Canyon hallte.

Ein Auge auf die langen Steinfinger gerichtet, die von den ewigen Winden zu gigantischen Stalagmiten geformt worden waren, griff sie nach dem Überhang. Sie hatte vor, frei darüber zu klettern und sich dann auf den höchsten Hoodoo fallen zu lassen und den krummen Felsen zu dessen Fuß hinabzusteigen, wo das Artefakt lag. Sie holte tief Luft und atmete dann fest aus. In den Jahren des Klettertrainings unter Daniels Anleitung hatte sie niemals etwas in der Art versucht. Sie würde all ihr Geschick und all ihre Stärke brauchen, um sich an einer glatt geschliffenen Felsdecke festzuhalten, während sie über krummen Türmen hing, die aufgestellt waren wie eine fremde Armee. Eine falsche Bewegung konnte sie in die Säulen schleudern und sie außer Gefecht setzen oder Schlimmeres.

Es war ein winziger Gegenstand, der vielleicht nichts bedeutete. War es das Risiko wert? Sarah stellte sich oft diese Frage, und die Antwort war immer dieselbe: Selbst die kleinsten und scheinbar unwichtigen Gegenstände trugen etwas zum fragmentierten Verständnis der antiken Geschichte bei. Als Archäologin war es ihre Pflicht, zu suchen und zu beleuchten. Ein Artefakt im Feld zurückzulassen, war, wie an einem sterbenden Mann vorbeizugehen, ohne ihm Hilfe anzubieten.

Ja, es war das Risiko wert.

Haarfeine Risse zogen sich über den glatten Fels wie Spinnweben. Sie klemmte ihre Fingerspitzen in eine anderthalb Zentimeter tiefe Einkerbung und streckte sich nach einer anderen. Ihr Bizeps wölbte sich, während sie sich mit einer Hand festhielt und mit der anderen vorrückte. Ein weiterer Windstoß, der Vorbote der Sturmbö, die sich direkt über ihr zusammenbraute, kühlte den Schweißfilm auf ihren bloßen Gliedmaßen und erfrischte sie. So, fand sie, fühlte sich Freiheit an: pur, belebend, vergänglich.

Obwohl er nicht sprach, um ihre Konzentration nicht zu stören, konnte Sarah Daniels Stimme in ihrem Kopf hören; sie sagte ihr, was sie als Nächstes tun musste. Füße auf Fünf-Null. Kletter weiter. Achte auf den Griff rechts. Er war ihre Stütze, an diesem und an jedem Tag. Obwohl ihre leidenschaftliche Unabhängigkeit ihr nicht immer erlaubte, es zuzugeben, brauchte sie ihn.

Sie überprüfte die Hoodoos unter sich. Ihr Ziel war ein Felsnadelpaar, das wie die Läufer eines Schachspiels geformt war. Das graue Sturmlicht dämpfte die unzähligen Variationen von Ocker und verbranntem Umbra, die in die alten Formationen geschichtet waren. Sie strengte sich ein letztes Mal an, um den Rand des Überhangs zu erreichen, und sprang drei Meter auf den Gipfel des hohen Hoodoos hinab. Während sie Atem schöpfte, bemerkte sie den ersten Regentropfen auf ihrem Gesicht. Sie musste sich beeilen.

Während sie die strukturierte Felsnadel hinabstieg, spürte sie den rauen, spröden Abdruck des Steins auf ihrer Haut. Andere hätten die Erfahrung vielleicht für unangenehm gehalten, doch sie betrachtete sie als Würdigung der gewaltigen Präsenz der Formation durch Berührung.

Bis Sarah den Boden des Hoodoo-Felds erreicht hatte, war der Regen stärker geworden. Dort lag es, ein einfaches Holzstück, das vielleicht nicht mehr als Zunder für das Feuer der Pueblo-Indianer gewesen sein mochte, und versank im weichen Schlick.

Sie ging vorsichtig um den Schlamm herum, denn es gab keinen Weg hindurch, und reckte den Körper danach. Selbst vollständig ausgestreckt war sie noch gut anderthalb Meter entfernt. Sie griff nach dem Gegenstand und fiel fast hinein.

»Halt dich fest.« Die Stimme ihres Partners war nah. Sie drehte sich um und sah, wie er den Felsen erklomm, um ihr zu Hilfe zu kommen.

»Beeil dich, Danny. Es verschwindet im Schlamm.«

Die Gewitterwolken über ihnen grollten und übertönten ihre Stimme. Sarah sah zu den aufziehenden Wolken, die sich kräuselten wie schwarzer Rauch, und wusste schon jetzt, dass der Abstieg die Hölle werden würde. Sie drehte sich wieder zum Artefakt um. Kalte Tropfen malträtierten ihren Rücken und warnten sie, dass ein weiterer Erdrutsch bevorstand.

Schnaufend vom zu schnellen Aufstieg über anspruchsvolles Terrain ließ sich Daniel neben Sarah auf die Knie fallen. »Wir haben nicht viel Zeit«, sagte er. »Wir müssen los, sonst nehmen wir den Schlammaufzug nach unten.«

»Nicht ohne das da.« Sie zeigte auf das Fragment.

»Grundgütiger, Sarah.« Er schüttelte den Kopf. »Wie überredest du mich immer zu solchen Sachen?«

Er hob sie hoch, bis sie ihre Füße gegen seine Hüfte stemmen konnte, und hielt sie fest. Sie beugte sich vor wie eine Akrobatin. Sie hatte das Fragment in der Hand und versuchte gerade, es zu lösen, als ein Dröhnen vom Gipfel der Felswand erklang.

»Wir verschwinden«, rief er über den Lärm hinweg. »Sofort.«

Der Schlamm bewegte und löste sich. Sie schaffte es, den Gegenstand in dem Moment herauszuziehen, als eine Schlammlawine auf sie zugerast kam. Sie steckte es in ihr Shirt.

Er nahm ihre Hand und versuchte dem Ansturm davonzurennen. Sarah sah über ihre Schulter. Die Schlammlawine kam mit der Wildheit eines Wolfsrudels, das seine Beute zur Strecke bringt. Sie gaben ihr Bestes, um ihr aus dem Weg zu gehen, doch sie war zu schnell, zu hungrig. Sie konnten nicht davonlaufen.

Im Nu verschlang die Lawine sie. Ihre Hände wurden von der Wucht getrennt und ihre Körper in entgegengesetzte Richtungen gefegt. Sarah sah Daniels Kopf in der Ferne, rief seinen Namen. Sie konnte kaum ihre eigene Stimme hören.

Der Schlamm stürzte über den Berghang hinunter, riss jeden Baumstumpf, Stein und jedes Lebewesen mit sich, nahm an Fahrt auf, während er auf einen Arroyo am Boden der Schlucht zusauste. Nachdem er durch das alte Flussbett gebraust war, schlug er heftig gegen einen Findling und kam zum Halten.

Sarah war bis zum Kinn eingesunken. Zu ihrer Erleichterung war das Holzstück noch bei ihr. Sie versuchte, sich hoch- und rauszuziehen, aber der Schlamm saugte an ihrer Haut und hielt sie gefangen. Sie spürte, wie sie zentimeterweise tiefer sank, bis ihr der Schlick zu den Lippen reichte. Treibsand. Flüssige Erde.

Sie rief nach Daniel, Nakai, Phoebe, nach jedem in Rufweite. Sie hörte Daniels Stimme hinter sich, konnte aber nicht verstehen, was er sagte.

Ein Automotor heulte auf, als ein Gaspedal bis zum Anschlag durchgetreten wurde. Ein staubiger SUV näherte sich vom anderen, trockeneren Teil des Tals her.

»Sarah, Daniel. Haltet durch!« Phoebe beugte sich aus dem Fenster des Jeeps. Nakai saß am Steuer.

Sarah sank tiefer, schmeckte die sandige Brühe aus verflüssigter Erde. Das Fahrzeug blieb stehen und Nakai stieg mit einem Seil aus. Er band ein Gewicht ans eine Ende und befestigte das andere an der Wagenfront. Er warf es Sarah zu.

»Das Gewicht wird das Seil versenken, dann kannst du danach greifen. Sag Bescheid, wenn du es hast, dann zieh ich dich raus.« Nakai kehrte auf den Fahrersitz zurück.

Sarah bezweifelte, dass das klappen würde, aber sie hatte keine andere Wahl, als dem jungen Assistenten zu vertrauen. Es war vermutlich nicht das erste Mal, dass er so etwas tat. Tatsächlich war es genau, wie er versprochen hatte: Das beschwerte Seil senkte sich in den Schlamm und sie griff danach, wickelte es um ihr Handgelenk, damit es besseren Halt hatte. »Okay«, sagte sie und schluckte einen Mundvoll Schlamm.

Er fuhr langsam rückwärts, ermöglichte es ihr, Stück für Stück aufzutauchen. Als sie sicher draußen war, tat er dasselbe für Daniel.

Sarah kroch auf festen Boden und zog das Holzstück aus ihrem Shirt. Der Regen, wütender denn je, malträtierte ihre Haut wie tausende kalte Nadeln. Daniel kam herübergestolpert und setzte sich neben sie. Ströme schlammigen Wassers rannen von seinen Haaren in sein Gesicht und über seinen Hals.

Sie setzte sich auf. »Es ist meine Schuld. Ich hätte nicht …«

Er zeigte auf den Gegenstand neben ihr. »Und, war es das Risiko wert?«

Sie fuhr mit dem Finger über die raue Holzfaser. »Ich glaube, es hat eine Geschichte zu erzählen.«

Er lächelte schief, ein vertrauter Gesichtsausdruck, der ihr verriet, dass er eher amüsiert als verärgert war. »Tja, dann schätze ich, wir sollten es ins Labor schaffen.«

Ein Blitz teilte den stahlgrauen Himmel. Ein Windstoß wehte Sarah den Regen ins Gesicht. Sie stand mit zitternden Beinen auf, streckte ihm eine Hand entgegen. Sie konnte es kaum erwarten, nach Ganado zu kommen.

Kapitel 2

Die Artefakte, welche die Schlammlawine hervorgebracht hatte, lagen unter einem Meterstab auf dem Probentisch, alle in einer Reihe wie Todesopfer eines sinnlosen Massakers. Nichts passte zusammen: Türkisperlen, höchstwahrscheinlich aus einer längst stillgelegten Mine in New Mexiko; eine aus Europa stammende Glasperle, die Händler mitgebracht hatten; eine hellrote Arafeder, vermutlich von südlich der Grenze; ein Stück Holz, an dem gerade noch so eine dünne Schicht weißer Farbe haftete; und ein Fragment einer Kürbisflasche mit oberflächlichen Kratzern, für das bloße Auge unsichtbar, die ihren rituellen Einsatz bestätigten.

Die Pueblo-Indianer der Four-Corners-Gegend trieben eifrig Handel, insbesondere mit ihren mesoamerikanischen Pendants, die die Fähigkeit und die Ressourcen besaßen, die Wüstengegenden des Nordens zu bereisen, und so war das Sammelsurium aus Gegenständen nicht besonders ungewöhnlich. Viel ungewöhnlicher war etwas, das Sarah aus dem Amatl-Kodex übersetzt hatte.

So sicher, wie die Sonne hinter die Hügel sinkt, so nähert sich der Untergang des Heilers.

Das war die allererste Zeile. Ob sie von jemandem geschrieben worden war, der Kenntnis vom Ableben eines anderen hatte oder von seinem eigenen, war unklar. Aber der Hinweis auf den Heiler in Kombination mit der Nähe, in der die Artefakte gefunden worden waren, ließen Sarah eine Beziehung zwischen den Gegenständen vermuten. Sie las die übersetzten Zeilen des Manuskripts wieder und wieder, auf der Suche nach Hinweisen.

Das Gefäß der Geheimnisse ist übergelaufen, jedes aus freien Stücken anvertraute Wort zum Dolch geworden, der auf das Herz des Betrachters zielt.

Und ich sage: Es existiert! Lasst die Tyrannen nicht davon erfahren, sondern behaltet es für unser Volk.

Die Wahrheit hat sich in alle Himmelsrichtungen zerstreut und allein dem Rechtschaffenen wird sie gehören.

Sarah hatte die Worte so oft betrachtet, dass sie nun miteinander verschmolzen, sie verhöhnten. Wer war dieser Heiler, dem man Geheimnisse anvertraut hatte, und wie führte das zu seinem Tod? Bezeichnete »unser Volk« andere Ureinwohner oder jene, die die Sprache des Autors sprachen? Und die Tyrannen – war das ein Bezug auf die Spanier?

Die Einheimischen waren keine Hilfe. Alle Pueblo-Völker hatten ihre mündlichen Überlieferungen, aber wenige waren gewillt, diese mit Außenstehenden zu teilen. Selbst Daniel, dessen Erfahrung als Kulturantropologe ihm dabei half, Informationen durch das Beobachten von Stammespraktiken zu sammeln, stand mit leeren Händen da.

Der beste Hinweis, den sie hatten, war die Sprache selbst: eine frühe Konsonantenschrift, die älter war als Tifinagh, die Sprache der Stämme des Maghreb. Obwohl sie hauptsächlich von den Tuareg und später den Berbern gesprochen wurde, ordnete Sarah diesen speziellen Dialekt der Bergregion des Hohen Atlas zwischen Marokko und Algerien zu. Die Assoziation schien unmöglich, von einem Faktor abgesehen: den Sklaven der spanischen Konquistadoren. Das Problem bei dieser Theorie lag darin, dass beinahe alle Sklaven Analphabeten gewesen waren und somit unfähig, etwas derart Komplexes zu verfassen.

Sie hielt eine Lupe an die Seiten und studierte die Buchstaben, die Tintenflecke und das Papier selbst, das nach traditioneller Amatl-Art hergestellt zu sein schien: mithilfe von Baumrinden und Steinholländern. Amatl wurde seit der Aztekenzeit in Mexiko benutzt, zumeist zu rituellen oder offiziellen Zwecken. Vielleicht hatten die Spanier das Papier aus diesem Grund verboten, es als ein Mittel der Hexerei verworfen, aber manche Dörfer im Norden Mexikos hatten es weiterhin hergestellt, um den unliebsamen Unterdrückern zu trotzen.

»Sarah?«

Sie drehte sich in die Richtung der schwachen Stimme. Phoebe stand im Eingang zum Raum. Sie trug alte Jeans und Cowboystiefel.

»Nakai hat mich zum Reiten in den Blue Canyon eingeladen. Darf ich?«

Nakai hatte sich mit Phoebe angefreundet, behandelte sie wie seine kleine Schwester. Wenn sie nicht arbeiteten, hatte er Freude daran, ihr Dinge zu zeigen, die ihr – unglaublicherweise – fremd waren: den Nachthimmel zu deuten, ein Omelett zuzubereiten, ein Feuer zu entfachen. Er hatte davon gesprochen, sie auf ein Pferd zu setzen, hatte gesagt, es gäbe keine stärkere Bindung auf der ganzen Welt als die zwischen Pferd und Reiter. Sarah vertraute seinen Fähigkeiten – er kannte jede Klamm und jede Serpentine der Badlands von Ostarizona und er kannte die Geschichte seines Volkes so gut, wie die Tauben die Morgendämmerung kannten –, aber sie war noch immer nicht sicher, was seine Absichten betraf.

Außerdem war der Blue Canyon ein schwieriges Stück Hinterland, weit weg von Ganado. So viel konnte passieren.

Sarah klappte ihre Akten zu und stand auf. »Weißt du, ich könnte mir auch mal die Beine vertreten. Hast du was dagegen, wenn ich mitkomme?«

Phoebes Züge bildeten ein zurückhaltendes Lächeln. »Nein. Wenn du nicht zu beschäftigt bist.«

Sarah glaubte, einen Funken Freude in ihrem jungen Schützling zu sehen. Das passierte nicht oft. An den meisten Tagen nahm das Mädchen die Forschungsarbeit still in Angriff und vermied den Kontakt mit anderen Teammitgliedern. Sarah kannte ihre Geschichte, weswegen es sie nicht überraschte. Seit sie sich vor einem Jahr in den Bergen Zentralgriechenlands begegnet waren, hatte Phoebe einem ganzen Berg von Dämonen eine Identität abringen müssen. Sie hatte die Wahrheit darüber, was ihr widerfahren war, nicht sofort begriffen. Stattdessen kam die Erkenntnis in Stößen und Schüben, die ihr emotionales Pendel zwischen absoluter Stärke und nackter Verzweiflung hin und her schwingen ließen.

Es brach Sarah das Herz, ein Kind so kämpfen zu sehen. Sie und Daniel hatten Phoebe unter ihre Fittiche genommen, um sie von ihrer Vergangenheit abzulenken und ihr beizubringen, die Zukunft durch die Linse der menschlichen Geschichte zu deuten. Die Wildnis des amerikanischen Westens, mit ihren urgewaltigen Felsformationen, riesigen Weiten und jahrtausendealten unentdeckten Geheimnissen, schien ein guter Ort dafür zu sein. Doch psychologisches Trauma war ein mächtiger Gegner.

Sarah legte einen Arm um Phoebes Schulter. »Blue Canyon also? Das ist Hopi-Land.«

»Nakai hat einen Freund, der Pferde an Touristen vermietet und uns helfen kann, einen Führer zu finden.« Sie warf Sarah einen Blick zu. Ein Hauch von Angst lag in ihren großen, haselnussbraunen Augen. »Ich saß noch nie auf einem Pferd.«

»Mach dir keine Sorgen. Pferde in Mietställen sind normalerweise älter und ziemlich gutmütig.« Sie lächelte. »Ich bin sicher, sie brechen nie aus dem Trab aus.«

Blue Canyon, eine sedimentäre Felseneinöde am östlichen Rand des Painted Desert, lag eine zweistündige Fahrt von Ganado entfernt, wo das Archäologenteam die Arbeit aufgenommen hatte. Sarah hatte einen Arm ins offene Fenster, den anderen über das Lenkrad eines einfachen, mit Segeltuch überdachten Jeeps gelegt. Sie rückte ihre Aviator-Sonnenbrille zurecht, um sich gegen die Mittagssonne zu schützen, die ohne Gnade auf die ockerbraune Wüste herabbrannte.

Sie sah Phoebe im Rückspiegel an. Die gesamte Fahrt über hatte das Mädchen mit den Knien an der Brust dagesessen und aus dem Fenster gestarrt. Lange Büschel krausen, rotbraunen Haars waren zu einem hohen Pferdeschwanz zusammengefasst, der aus der khakifarbenen Baseballkappe herausragte, die sie Tag und Nacht trug. Sarahs Einschätzung nach versteckte sich Phoebe vielmehr unter der Kappe, als dass sie sie gern mochte.

Phoebes Verhalten stand im krassen Gegensatz zu Nakai. Der Vierundzwanzigjährige war in das Display seines Handys vertieft, scrollte und tippte die ganze Zeit darauf herum. Ab und zu hörte er damit auf und klopfte mit den Fingern, die von verschieden gravierten Silberringen geziert wurden, zu einem Rhythmus, den ihm voluminöse Kopfhörer zu hören gaben.

Als sie Tonalea erreichten, das Tor zum Canyon, zog Nakai die Kopfhörer ab und schüttelte die glänzenden schwarzen Strähnen zurück, die ihm ständig ins Gesicht hingen.

»Hier rechts abbiegen«, sagte er. »Am Ende des Wegs steht eine Scheune. Mein Freund wird uns da treffen.«

Sarah bog wie angewiesen ab und folgte einer unbefestigten Straße. Während die Reifen über die ausgedörrte Erde rollten, erhob sich eine Staubwolke vom Boden und hüllte den Horizont in einen safrangelben Schleier. Anders als am Ostrand des Staates hatte es hier seit Monaten nicht geregnet.

Der Freund – ein kleiner, quadratischer Mittzwanziger in staubigen Jeans, einem karierten Hemd und einem Cowboyhut – war nicht der Typ für überschwängliche Begrüßungen. Er schlug Nakai auf den Rücken und zeigte auf drei an einem Pfosten vor der Scheune angebundene Pferde, dann schlenderte er davon. Nakai machte sich daran, zwei fuchsbraune Quarter Horses für Sarah und sich selbst und ein geschecktes Pony für Phoebe zu satteln.

Sarah wandte sich an Phoebe. »Ich denke, das Pony passt zu dir. Komm, lernen wir es kennen.«

Mit seinem gefleckten Fell aus Schattierungen von Rotfuchs bis Schimmel stand das Pony ganz still da, während Phoebe seinen Nacken mit einem Geschick streichelte, das ihre Unerfahrenheit Lügen strafte. Obwohl Sarah seit ihrem sechsten Lebensjahr ritt, hatte sie selten einen Reitanfänger eine sofortige Bindung zu einem Pferd haben gesehen. Sie hoffte, es wäre ein gutes Vorzeichen für den Ausritt.

Die drei folgten einem schmalen Pfad zum Eingang des Canyons, wo zwei Männer sie erwarteten. Derjenige zu Pferde näherte sich. Er sah jung aus, als sei er vielleicht noch in der Highschool.

»Ihr habt einen Führer verlangt?«

»Ja. Bist du das?«

Der junge Hopi musterte den männlichen Begleiter. »Hier entlang.«

Der Führer ritt voraus und hielt den Kontakt auf einem Minimum. Sarah schloss zu ihm auf. »Ich bin Sarah. Wie heißt du?«

»Sarah. Sie haben einen merkwürdigen Akzent.«

»Ich bin Britin. Aus London.«

»Ich weiß nicht, wo das ist.«

Einen Moment lang war Sarah sprachlos. Dann begriff sie, dass er vermutlich nie herkömmlichen Unterricht gehabt hatte. »Das liegt in Europa. Fünftausend Meilen weit weg.«

»Was machen Sie in Arizona?«

»Die Sehenswürdigkeiten besuchen. Wirst du mir deinen Namen verraten?«

Er blickte geradeaus. »Tocho. Und das hier …«, er tätschelte den Hals des Pferdes, »… das ist Trigger.«

»Woher kommst du, Tocho?«

»Stellen alle britischen Ladys so viele Fragen?«

Tocho schien nicht in Stimmung für einen Plausch zu sein. Sarah ließ ihn in Ruhe, richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Landschaft, die sich ringsum erstreckte. Dieser Ort, mit seinen roten Sandsteinmonolithen und Tafelbergen, die sich aus der trockenen Erde erhoben, hatte etwas Ehrwürdiges an sich. Die Felsformationen, von ewigem Wind geformt und von hohen Anteilen von Eisenoxid gefärbt, überragten die Menschen, lehrten sie Demut. Sarah stellte sich vor, wie sich die ersten Bewohner, Einwanderer aus Ländern voll Eis und Schnee, gefühlt haben mochten, als sie diesen gewaltigen Gebilden vor tausenden von Jahren zum ersten Mal begegneten. Auf sie mussten sie wie Götter gewirkt haben, beeindruckende Steingottheiten, die ein Schicksal verbessern oder zerstören konnten, je nach Laune.

Sie ritten um eine Biegung auf eine Ansammlung roter Findlinge zu. Aneinandergedrängt wie Flüchtlinge erröteten die kräftigen Felsformationen unter den Strahlen der schmeichelnden Nachmittagssonne. Ihre rostfarbene Oberfläche wurde von weißen Kreuzstrichen unterbrochen, die so perfekt angeordnet waren, dass sie wie von Menschenhand gemalt wirkten – und doch war es allein das Werk der Natur. Direkt dahinter, bei einer Ansammlung kleiner Sandstein-Hoodoos die auf vermenschlichende Art von roten Kappen gekrönt waren, gabelte sich der Weg.

»Wir sollten den linken Pfad nehmen«, rief Nakai. »Dort gibt es einige interessante natürliche Petroglyphen.«

Tocho warf einen Blick auf Phoebe, dann auf Sarah. »Der Weg ist anstrengender. Ist das für alle in Ordnung?«

»Phoebe ist Reitanfängerin«, sagte Sarah. »Wenn es gefährlich ist …«

»Ich komm schon klar«, warf Phoebe mit scharfer Stimme ein.

Sarah machte sich eine gedankliche Notiz über den Ausbruch. Sie würde später mit ihr darüber sprechen. »Ja, dann. Reite voraus, Tocho.«

Die Pferde trotteten zwischen Reihen von Salbeisträuchern tiefer in den Canyon hinein. Sie bogen auf einen schmaleren Pfad ab, der für Fahrzeuge unerreichbar war, und betraten eine Schlucht. In einer Reihe folgten die Pferde einer geschlungenen Route durch steile Klippen, die das Tageslicht verdunkelten und den Weg in Schatten tauchten.

Sarah hörte ein Wiehern und sah über ihre Schulter. Phoebe hatte Probleme mit ihrem Pferd. Der Schritt des Ponys war voller nervöser Energie und seine Augen waren so geweitet, dass das Weiße funkelte.

»Was … was soll ich machen?«

»Hab keine Angst.« Sarahs Stimme war ruhig. »Das kann sie spüren.«

Sarah ritt langsam rückwärts und griff nach den Zügeln. Als erfahrene Reiterin, die jahrelang Pferde besessen hatte, war sie zuversichtlich, dass sie die Situation unter Kontrolle bekäme.

»Alles gut, Mädchen«, flüsterte sie dem Pony zu. »Dich hat was erschreckt, das ist alles.«

Doch plötzlich rannte Phoebes Pferd davon, drängte sich im Versuch, die Felsspalte zu verlassen, an den anderen Reitern vorbei. Phoebe schrie gellend.

Die drei Reiter hasteten ihr hinterher. Sarah grub ihren Absatz in die Flanke der Stute und beugte sich tief hinunter, während das Pferd über die rote Erde jagte. Seine Fuchsmähne flatterte ebenso wie die langen Flachslocken seiner Reiterin. Sarahs Augen brannten vom Ansturm aufgewirbelten Sandes und das beeinträchtigte ihre Sicht. Sie kniff die Augen zusammen, um den Schaden zu minimieren.

Nakai schloss auf und galoppierte neben ihr her. »Ich kann sie sehen«, rief er.

Sarah spähte durch den Staub und sah das gescheckte Pony auf ein riesiges Blockfeld zurennen. Zu ihrer Erleichterung war Phoebe noch im Sattel. Sie zwang ihre Stute zur Höchstgeschwindigkeit. Ihr Herzschlag raste im Einklang mit den Schritten des Pferdes. In Sekundenschnelle verringerte sie den Abstand genug, um zu sehen, wie Phoebes Pferd abrupt vor einem der windgeformten Felsen stehen blieb. Phoebe schwankte und einer ihrer Füße rutschte aus dem Steigbügel.

»Halt dich fest!« Sarah biss die Zähne zusammen. Sie war so nah.

Das Pony bäumte sich auf. Sarah musste zweimal hinsehen: War da ein zweites Pferd?

Phoebe schrie, als sie den Halt im Sattel verlor und rückwärts fiel. Durch den Staubschleier hindurch beobachtete Sarah, wie sich der Reiter herabstieß, um das stürzende Mädchen zu packen und sie auf seinen eigenen Sattel zu heben. Tocho. Er musste eine Abkürzung genommen haben, um vor ihnen hier zu sein.

Sarah und Nakai erreichten sie nur Sekunden später und brachten ihre Pferde zum Stehen. Sarah sprang aus dem Sattel und rannte zu Phoebe. Außer Atem krächzte sie: »Geht’s dir gut?«

Tocho half Phoebe hinunter. Er sah genauso erschüttert aus wie sie.

Das Mädchen erreichte den Boden mit zitternden Beinen. Als Sarah sie in den Arm nahm, warf sie einen Blick auf den roten Felsen hinter ihr. Zwischen den scheinbar zufälligen natürlichen Schnörkeln befand sich ein Kreis mit einem Fleck dahinter, wie eine Sonne, die versuchte, hindurchzuspähen. Ein kleinerer Kreis schwebte über dem größeren, oben rechts. Sie schauderte.

Sarah wandte sich an Tocho. »Was ist das für ein Ort?«

»Sightseeing, was?«

»Wie bitte?«

Er zeigte auf Phoebes Kappe. »University of Arizona, Abteilung für Archäologie. Sehen Sie? Wir können lesen.«

Sarah verfluchte sich dafür, nicht früher an die Kappe gedacht zu haben. »Du bist Traditionalist. Es tut mir leid, wenn wir dich beleidigt haben.«

»Lass gut sein, Mann«, sagte Nakai. »Die Archäologen sind nicht der Feind.«

»Nein.« Er sah den Navajo böse an. »Der Feind ist unser eigenes Volk, das unsere Werte verrät.«

Der Seitenhieb trieb Nakai das Blut ins Gesicht. »Du weißt gar nichts darüber. Es sollte uns freistehen, unsere Bestimmung zu wählen, anstatt Sklaven irgendeiner antiquierten Lebensweise zu sein.«

Sarah gefiel die aufkommende Energie nicht. »Nakai, bring Phoebe zurück. Wartet im Auto auf mich.«

»Ich will nicht gehen«, protestierte Phoebe.

»Tu, was ich sage.« Sarahs Tonfall war streng.

Phoebes herabgezogene Mundwinkel waren Beweis für ihren Unmut. Das Mädchen ließ sich von Nakai auf den Sattel seines Pferdes helfen, sodass sie gemeinsam zurückreiten konnten.

Sarah sah zu, wie sie fortritten, während die Sonne ihren Abstieg über den Westhimmel antrat und die Findlinge und Felsnadeln in Schattierungen eines wütenden Feuers tauchte. Sie betrachtete den jungen Hopi eingehend. Er sah aus wie achtzehn, vielleicht neunzehn, und trug komplett schwarze Kleidung, die zu seinen Haaren und seinen Augen passte. Einfarbige grüne Adler und Ponderosa-Kiefern waren dilettantisch auf seine Unterarme tätowiert – zu Hause gestochen, vermutete sie. Im Widerspruch dazu besaß er eine schlanke, beinahe weibliche Knochenstruktur und glatte, rötlich-braune Haut, die aussah, als wäre noch nie auch nur ein einziges Haar auf ihr gewachsen.

Er blickte nach Westen, die ungeschützten, zusammengekniffenen Augen auf den Himmelskörper gerichtet, der über dem Horizont schwebte. »Die Tour ist vorüber.«

Sarah wusste es besser, als weitere Fragen zu stellen. Die Hopi waren notorisch verschlossen, besonders jene, die sich einer traditionellen Lebensweise verschrieben hatten. »Danke, dass du Phoebe das Leben gerettet hast. Wie kann ich mich revanchieren?«

»Von Ihresgleichen will ich nichts.«