Der Fledermausmann - Jo Nesbø - E-Book
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Beschreibung

Der Polizist Harry Hole wird zur Aufklärung des Mordes an der norwegischen Schauspielerin Inger Holter nach Australien gesandt. Dort steht ihm sein Kollege Andrew Kensington, ein Aborigine, zur Seite. Die beiden unkonventionellen Polizisten freunden sich schnell an. Von Andrew erfährt Hole eine Menge über Australien, seine Geschichte und das Leben in Sydney. Doch der Mord an Inger Holter ist kein Einzelfall. Im ganzen Osten von Australien werden junge, blonde Frauen vergewaltigt, mitunter auch erwürgt. Ist der Täter ein psychopathischer Frauenmörder? Entdecken Sie auch DER SOHN, den neuen großen Kriminalroman von Jo Nesbø!

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Inhaltsverzeichnis
Umschlag
Das Buch / Der Autor
Titel
Impressum
Zitat
WALLA
1: Sydney, Mister Kensington und drei Sterne
2: Ein tasmanischer Teufel, ein Clown und eine Schwedin
3: Ein Bischof, ein Boxer und eine Feuerqualle
4: Eine Stadt mit Namen Nimbin, eine Kaffeemaschine und Angeline Hutchinson
5: Eine Mutter, eine Riesenspinne und Bubbur
MOORA
6: Ein Morgenrock, statistische Signifikanz und ein Aquarienfisch
7: Terra Nullius, ein Zuhälter und Nick Cave
8: Eine nette Hure, ein merkwürdiger Däne und Cricket
9: Zwei Exhibitionisten, ein Alki, ein Schwuler und Black Snake
10: Das Seeungeheuer, Mr. Bean und ein Patient
11: Eine Hinrichtung und Birgitta zieht sich aus
12: Eine feiste Matrone und ein Gerichtsmediziner
13: Der Zehner im Frognerbad, und ein alter Feind erwacht
BUBBUR
14: Ein Portier, zwei Rausschmeißer und ein Typ namens Speedy
15: Erik Mykland, Fallschirmspringen und ein Rokokosofa
16: Tote Känguruhs, eine Perücke und eine Beerdigung
17: Tote Fliegen, Rückzahlung und ein Köder
18: Der Plan und ein Spaziergang im Park
19: Zwei Gespräche mit einem Mörder, ein Kookaburra und REM-Schlaf
20: Ein PC, die Lady Bay und wie ein Handy eigentlich funktioniert
21: Ein gutes Ohr, eine linke Gerade und drei Schüsse
22: Die Tätowierung
23: Viertausend Fuß und ein Ende
Leseprobe
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Das Buch

Der Polizist Harry Hole wird zur Aufklärung des Mordes an der norwegischen Schauspielerin Inger Holter nach Australien gesandt. Dort steht ihm sein Kollege Andrew Kensington, ein Aborigine, zur Seite. Die beiden unkonventionellen Polizisten freunden sich schnell an. Von Andrew erfährt Hole eine Menge über Australien, seine Geschichte und das Leben in Sydney. Doch der Mord an Inger Holter ist kein Einzelfall. Im ganzen Westen von Australien werden junge, blonde Frauen vergewaltigt, mitunter auch erwürgt. Ist der Täter ein psychopathischer Frauenmörder?

Der Autor

Jo Nesbø, 1960 geboren, ist Ökonom, Schriftsteller und Musiker. Der erfolgreichste Autor Norwegens ist längst auch international ein Bestsellerautor, seine Romane um Kommissar Harry Hole werden in dreißig Sprachen übersetzt. Sowohl sein Debütroman Der Fledermausmann als auch Schneemann wurden als »Bester Kriminalroman des Jahres« ausgezeichnet. Jo Nesbø lebt in Oslo.

Von Jo Nesbø sind in unserem Hause bereits erschienen:

Der Fledermausmann (Harry Holes 1. Fall)

Kakerlaken (Harry Holes 2. Fall)

Rotkehlchen (Harry Holes 3. Fall)

Die Fährte (Harry Holes 4. Fall)

Das fünfte Zeichen (Harry Holes 5. Fall)

Der Erlöser (Harry Holes 6. Fall)

Schneemann (Harry Holes 7. Fall)

Leopard

Jo Nesbø

Der Fledermausmann

Kriminalroman

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ISBN 978-3-548-92065-8

Ungekürzte Ausgabe im Ullstein Taschenbuch 15. Auflage 2010 © für die deutsche Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2006 © 2003 für die deutsche Ausgabe by Ullstein Heyne List GmbH & Co. KG © 2002 für die deutsche Ausgabe by Econ Ullstein List Verlag GmbH & Co. KG, München © 1999 für die deutsche Ausgabe by Ullstein Buchverlage GmbH & Co. KG, Berlin © The author and H. Aschehoug & Co. Titel der norwegischen Originalausgabe: Flaggermusmannen

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzung wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

It rose into space, its wings spread wide, then feil, its wings now a fluttering cape wrapped tight about the Body of a man.

WALLA

1Sydney, Mister Kensington

und drei Sterne

E twas lief schief.

Die Beamtin an der Paßkontrolle hatte zuerst breit gegrinst: »How are you, wate?«

»I'm fine«, hatte Harry Hole gelogen. Vor mehr als dreißig Stunden hatte er Oslo via London verlassen, und seit Bahrain, wo er ein anderes Flugzeug nehmen mußte, hatte er die ganze Zeit auf diesem verdammten Platz vor dem Notausgang gesessen. Aus Sicherheitsgründen konnte man den Sitz nur minimal nach hinten lehnen, und schon vor Singapur hatte sein Rückgrat damit gedroht, zu kollabieren.

Und jetzt grinste auch die Frau an der Paßkontrolle nicht mehr.

Sie hatte seinen Ausweis mit auffallendem Interesse studiert. Ob es das Bild war oder die Schreibweise des Namens, der sie am Anfang amüsiert hatte, war schwer zu sagen.

»Business?«

Harry Hole glaubte, daß die Zollbeamten in den meisten anderen Ländern der Welt dieser Frage ein »Sir« nachgestellt hätten, doch hatte er gelesen, daß diese Art formeller Höflichkeitsfloskeln in Australien nicht allzusehr verbreitet war. Das war auch ziemlich egal, Harry war weder sonderlich reiseerfahren noch irgendwie eingebildet, er wünschte sich nur so schnell wie möglich in ein Hotelzimmer mit einem Bett zu gelangen.

»Yes« hatte er geantwortet und dabei mit den Fingern auf den Tisch getrommelt.

Genau in diesem Augenblick hatte sie häßlich ihre Lippen gespitzt und mit scharfer Stimme gesagt:

»Why isn't there a visa in your passport, Sir?«

Sein Herz zuckte unweigerlich zusammen, wie immer, wenn eine Katastrophe im Anmarsch zu sein schien. »Sir« wurde vielleicht nur verwendet, wenn eine Situation zu eskalieren drohte.

»Sorry, I forgot«, murmelte Harry und durchsuchte dabei fieberhaft die Innentaschen seiner Jacke. Warum hatten sie das Spezialvisum nicht wie gewöhnlich in seinen Paß heften können? Hinter sich in der Warteschlange hörte er das schwache Summen eines Walkmans und wußte genau, daß es der Nebenmann aus dem Flugzeug war. Er hatte während des ganzen Fluges immer wieder die gleiche Cassette gehört.

Warum, zum Teufel, konnte er sich nie daran erinnern, in welche Tasche er was gesteckt hatte? Zu allem Überfluß war es auch noch heiß, und das, obwohl es schon fast zehn Uhr abends war. Harry spürte, wie sein Kopf zu jucken begann.

Endlich fand er das Dokument und legte es vor ihr auf den Tisch.

»Police officer, are you?«

Die Beamtin schaute von dem Spezialvisum auf und musterte ihn, aber ihr verkniffener Mund hatte sich wieder entspannt.

»Ich hoffe, es sind keine norwegischen Blondinen ermordet worden?«

Sie lachte erfrischend auf und knallte gutgelaunt den Stempel auf das Visum.

»Well, just one«, antwortete Harry Hole.

Die Ankunftshalle des Flughafens war voller Vertreter von Reiseunternehmen und Abholern, die Schilder mit den jeweiligen Namen hochhielten, nur keins mit »Hole«. Er war kurz davor, sich ein Taxi zu nehmen, als er einen Schwarzen in Jeans und Hawaiihemd, einer ungewöhnlich breiten Nase und kurzen dunklen Locken bemerkte, der sich einen Weg durch die Schilder bahnte und langsam auf ihn zukam.

»Mr. Håo – li, I presume!« triumphierte er.

Harry Hole stutzte einen Moment. Er hatte sich darauf eingerichtet, die erste Zeit in Australien damit zu verbringen, die Aussprache seines Nachnamens zu korrigieren, um nicht mit einem Loch verwechselt zu werden. Mr. Heilig war ihm da schon um einiges lieber.

»Andrew Kensington, how are ay?« stellte sich der Mann vor, grinste und streckte ihm eine gewaltige Pranke entgegen. Seine Hand war die reinste Saftpresse.

»Welcome to Sydney – hope you enjoyed the flight«, sagte der Fremde herzlich, wie ein Echo der Stewardeß vor etwa zwanzig Minuten. Er nahm Holes abgenutzten Koffer und begann, ohne sich noch einmal umzusehen, auf den Ausgang zuzugehen. Harry hielt sich dicht hinter ihm.

»Arbeiten Sie für die Polizei in Sydney?« begann er. »Sure do, mate. Watch out!«

Die Schwingtür klatschte Harry voll auf die Nase, so daß ihm die Tränen in die Augen stiegen. Der Anfang einer miesen Slapstick-Komödie hätte nicht schlimmer sein können. Er rieb sich seinen Zinken und fluchte laut auf norwegisch. Kensington schaute ihn mitleidsvoll an.

»Bloody doors, ay?« sagte er.

Harry antwortete nicht. Er wußte nicht, was man hier unten auf so etwas antwortete.

Auf dem Parkplatz schloß Kensington den Kofferraum eines alten, kleinen Toyotas auf und hob den Koffer hinein.

»Do you wanna drive, mate?« fragte er überrascht.

Harry begriff, daß er auf der Fahrerseite stand. Scheiße, hier fährt man ja links. Auf dem Beifahrersitz lagen aber so viele Zeitungen, Cassetten und Müll, daß Harry sich ohne Umstände auf die Rückbank schob.

»You must be an aborigine«, fragte er, als sie auf die Autobahn fuhren.

»Guess there's no foolin' you, officer«, antwortete Kensington und blickte in den Rückspiegel.

»In Norway we call you ›australneger‹ – Australian negro.«

Kensington betrachtete ihn im Rückspiegel.

»Really?«

Harry begann sich unwohl zu fühlen.

»Äh, ich meine nur, daß Ihre Vorfahren ganz offensichtlich nicht zu den Strafgefangenen gehört haben, die vor zweihundert Jahren von England hierhergeschickt wurden«, entschuldigte er sich, um zu zeigen, daß er wenigstens gewisse Grundkenntnisse über die Geschichte dieses Landes besaß.

»That's right Håo-li, meine Vorfahren waren schon ein bißchen früher hier. Vierzigtausend Jahre, um genau zu sein.«

Kensington grinste in den Spiegel, und Harry beschloß, jetzt erst einmal für eine Weile den Mund zu halten.

»I see. Nennen Sie mich Harry!«

»Okay, Harry, ich bin Andrew.«

Den Rest der Strecke redete Andrew. Er fuhr Harry nach King's Cross und erklärte ihm alles: Dieses Viertel war die Heimat von Sydneys Prostituierten und das Zentrum für Drogenhandel und andere lichtscheue Aktivitäten der Stadt. Jeder zweite öffentliche Skandal schien Verbindungen zu dem einen oder anderen Hotel oder einer Stripbar dieses Quadratkilometers zu haben.

»Da wären wir«, sagte Andrew plötzlich. Er hielt am Straßenrand an, stieg aus dem Auto und holte Harrys Gepäck aus dem Kofferraum.

»See ya tomorrow«, sagte Andrew, und damit waren er und das Auto auch schon verschwunden. Mit steifem Rücken und einem Jetlag, der sich immer mehr bemerkbar machte, standen Harry und sein Koffer plötzlich alleine auf dem Bürgersteig einer Stadt, deren Einwohnerzahl in etwa der Bevölkerung von ganz Norwegen entsprach. Hinter ihm erhob sich die Fassade des Crescent Hotel. Neben dem Namen prangten drei Sterne. Oslos Polizeipräsidentin war nicht gerade bekannt dafür, besonders großzügig bei der Einquartierung ihrer Untergebenen zu sein. Aber vielleicht war es diesmal ja doch nicht so schlecht. Wahrscheinlich gab es Rabatt für den öffentlichen Dienst und besonders kleine Zimmer, dachte Harry.

Und so war es dann auch.

2Ein tasmanischer Teufel,

ein Clown und eine Schwedin

Harry klopfte vorsichtig an die Tür des Polizeichefs des Distriktes Sydney South.

»Komm' rein!« dröhnte eine tiefe Stimme von drinnen.

Ein großer, breiter Mann mit einem beeindruckenden Bauch stand hinter einem Schreibtisch aus Eiche am Fenster. Unter seinem schütteren Haar stachen graue, buschige Augenbrauen hervor, doch in den Augenfalten lag ein Lächeln.

»Harry Hole aus Oslo, Norge, Sir.«

»Setzen Sie sich, Holy. Sie sehen verdammt wach aus, so früh am Morgen. Ich hoffe, Sie haben nicht bereits Kontakt zu unseren Junkies aufgenommen?« Neil McCormack lachte herzlich.

»Jetlag. Seit vier Uhr heute nacht bin ich hellwach, Sir«, erklärte Harry.

»Natürlich. Nur ein kleiner Witz von mir. Wir hatten hier vor ein paar Jahren einen recht schwerwiegenden Korruptionsfall, verstehen Sie. Zehn Polizisten wurden verurteilt, unter anderem, weil sie Drogen verkauft hatten, untereinander. Der Verdacht kam damals auf, weil einige von ihnen so unbeschreiblich wach waren – den ganzen Tag über. Eigentlich sollte man darüber keine Witze machen«, brummte er gutmütig, setzte seine Brille auf und blätterte in den Papieren, die vor ihm auf dem Tisch lagen.

»Sie sind also hierher beordert worden, um uns bei den Untersuchungen im Mordfall Inger Hoher, norwegische Staatsbürgerin mit Arbeitsvisum für Australien, zu unterstützen. Ein blondes, hübsches Mädchen, jedenfalls den Bildern nach. Dreiundzwanzig Jahre, nicht wahr?«

Harry nickte. McCormack war jetzt vollkommen ernst. »Sie wurde von Fischern am Strand der Watson Bay gefunden, genauer gesagt, unterhalb des Gap Parks. Fast nackt, allen Anzeichen nach ist sie zuerst vergewaltigt und dann erwürgt worden, es gibt aber keine Spermaspuren. Dann hat man sie im Dunkel der Nacht in den Park gebracht und die Steilküste hinuntergeworfen.«

Er schnitt eine Grimasse.

»Bei etwas schlechterem Wetter wäre sie sicher von den Wellen erfaßt worden, so aber blieb sie zwischen den Steinen liegen, bis sie am nächsten Morgen gefunden wurde. Wir haben, wie gesagt, keine Spuren von Sperma. Der Täter hat ihre Scheide wie ein Fischfilet aufgeschnitten, und das Meerwasser hat dieses Mädchen gründlich ausgewaschen. Deshalb gibt es auch keine Fingerabdrücke, aber wir haben den ungefähren Todeszeitpunkt« – McCormack nahm seine Brille ab und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht – »und uns fehlt ein Mörder. Und was zum Teufel wollen Sie jetzt machen, Mr. Holy?«

Harry wollte etwas antworten, doch McCormack fuhr ihm ins Wort: »Doch, doch, ich weiß schon, was Sie sich vorgenommen haben: dabei zu sein, wenn wir diesen Bastard einlochen und der norwegischen Presse Bericht erstatten, wie ausgezeichnet die Zusammenarbeit funktioniert. Natürlich passen Sie auch darauf auf, daß niemandem in der Botschaft oder deren Umfeld zu nahe getreten wird, aber ansonsten gilt für Sie, ein wenig Urlaub zu machen und ein oder zwei Karten an Ihre reizende Polizeipräsidentin zu schicken. Wie geht es ihr übrigens?«

»Gut, gut, soweit ich weiß !«

»Eine tolle Frau. Sie hat Ihnen doch sicher auch erklärt, was hier von Ihnen erwartet wird.«

»In Grundzügen. Ich soll an den Untersuchungen mit- wir …«

»Wunderbar! Vergessen Sie das. Wir haben hier andere Regeln. Erstens: Von jetzt ab hören Sie auf mich, und nur auf mich. Zweitens: Sie beteiligen sich an nichts, um das ich Sie nicht vorher ausdrücklich gebeten habe. Und drittens: Ein Fehler und ich setze Sie ins erstbeste Flugzeug zurück nach Hause.«

All das sagte McCormack mit einem Lächeln, doch die Botschaft war klar: Finger weg! Er war hier nur Zuschauer. Ebensogut hätte er Badehose und Fotoapparat einpacken können.

»Soweit ich das verstanden habe, war Inger Holter irgendeine bekannte Persönlichkeit des norwegischen Fernsehens?«

»Mehr oder weniger, Sir. Sie hat vor ein paar Jahren eine Jugendsendung moderiert. Bevor der Mord geschah, war man gerade dabei, sie zu vergessen.«

»Ja, ich habe gehört, daß Ihre Zeitungen eine große Sache aus diesem Mordfall machen. Einige haben sogar ihre Reporter hergeschickt. Wir haben ihnen gegeben, was wir haben, aber das ist ja nicht allzuviel, und ich denke, daß sie es bald leid sein werden und die Heimreise antreten. Sie wissen nichts davon, daß Sie hier sind. Wir haben unsere eigenen Kindermädchen, die sich um so etwas kümmern, darüber brauchen Sie sich also keine Gedanken zu machen.«

»Danke, Sir«, sagte Harry aus tiefster Seele. Der Gedanke, übereifrige norwegische Journalisten im Schlepptau zu haben, war alles andere als verlockend.

»Okay, Holy, ich will Ihnen die Wahrheit sagen. Mein Vorgesetzter hat mir ganz klar zu verstehen gegeben, daß die Repräsentanten der Stadt Sydney sehr großes Interesse daran haben, daß diese Sache so schnell wie möglich aufgeklärt wird. Wie gewöhnlich dreht es sich dabei um Politik und Wirtschaft.«

»Wirtschaft?«

»Nun, wir rechnen damit, daß die Arbeitslosigkeit in Sydney in diesem Jahr auf über zehn Prozent ansteigen wird, die Stadt braucht jeden Dollar aus dem Fremdenverkehr. Im Jahr 2000 steht die Olympiade vor der Tür, und es kommen immer mehr Reisende aus Skandinavien. Da sind Morde, speziell unaufgeklärte Morde, eine schlechte Reklame. Deshalb tun wir, was wir können, wir haben ein Team von vier Ermittlern, die an der Sache arbeiten, und Priorität, was die Einrichtungen hier im Haus angeht – Datennetze, kriminaltechnisches Personal, Laboranten und so weiter.«

McCormack zog einen Zettel hervor und warf mit gerunzelter Stirn einen langen Blick darauf.

»Eigentlich sollten Sie Wadkins begleiten, aber da Sie explizit darum gebeten haben, mit Kensington zu arbeiten, sehe ich keinen Grund, Ihnen das abzuschlagen.«

»Sir, soweit ich weiß, habe ich nicht …«

»Kensington ist ein guter Mann. Nicht viele der Ureinwohner bringen es so weit wie er.«

»Wirklich?«

McCormack zuckte mit den Schultern.

»Es ist eben so. Gut, Holy, wenn es etwas gibt, Sie wissen ja jetzt, wo Sie mich finden. Noch Fragen?«

»Äh, nur eine kleine Formsache, Sir. Ich frage mich, ob Sir hier bei Ihnen die richtige Anrede für einen Vorgesetzten ist oder ob das vielleicht ein wenig zu …?«

»Formell, steif ist? Ja, das ist es wohl. Aber mir gefällt's. Das erinnert mich daran, daß ich hier in diesem Laden wirklich der Chef bin.« McCormack brüllte vor Lachen und beschloß die Begegnung mit einem saftigen Händedruck.

»Im Januar ist in Australien Hochsaison«, erklärte Andrew, während sie sich durch den dichten Verkehr am Circular Quay schoben.

»Die kommen alle, um sich das Opernhaus anzuschauen, eine Hafenrundfahrt zu machen und dann noch einen Blick auf die Mädchen am Bondi Beach zu werfen. Schade, daß du arbeiten mußt.«

Harry zuckte mit den Schultern.

»Das ist schon in Ordnung. In diesen Touristenfallen krieg ich doch nur Schweißausbrüche und Wutanfälle.«

Sie bogen in die New South Head Road ein, und der Toyota beschleunigte hastig in östlicher Richtung auf die Watson Bay zu.

»Der Osten von Sydney ist nicht gerade der Osten von London«, erklärte Andrew, während sie eine noble Villa nach der anderen passierten. »Diese Gegend hier heißt Double Bay. Wir nennen sie Double Pay.«

»Wo hat Inger Holter gewohnt?«

»Sie wohnte eine Weile zusammen mit ihrem Freund in Newtown, doch nachdem sie sich getrennt hatten, zog sie in ein kleines Einzimmerappartment in Glebe.«

»Freund?«

Andrew zuckte mit den Schultern.

»Er ist Australier, Computerfachmann. Kennengelernt hat er sie, als sie vor zwei Jahren hier Urlaub machte. Er hat ein Alibi für die Mordnacht, und außerdem ist er wirklich nicht der Prototyp eines Mörders. But ya never know, do ya?«

Sie parkten den Wagen vor dem Eingang zum Gap Park, einer der zahlreichen grünen Lungen von Sydney. Steile Steintreppen führten zu dem windumtosten Park hinauf, der hoch über der Watson Bay im Norden und dem Stillen Ozean im Osten lag. Die Hitze schlug ihnen entgegen, als sie die Autotüren öffneten. Andrew setzte ein große Sonnenbrille auf, die Harry an einen heimlichen Pornokönig erinnerte. Aus irgendeinem Grund trug sein australischer Kollege heute einen engen Anzug, und Harry fand, daß dem kräftigen schwarzen Mann, der die Treppe zum Aussichtspunkt hochkeuchte, etwas Komisches anhaftete.

»Das ist der Stille Ozean, Harry. Nächster Stop Neuseeland, circa zweitausend nasse Kilometer entfernt.«

Harry schaute sich um. Im Westen erblickte er das Zentrum mit der Hafenbrücke, im Norden den Strand und die Segelboote der Watson Bay und ganz hinten am Ende der Bucht die kleine, grüne Siedlung Manly. Richtung Osten krümmte sich der Horizont in einem Spektrum der unterschiedlichsten Blautöne. Die Klippen vor ihnen fielen senkrecht ab, und weit dort unten beendeten die Wellen ihre lange Reise in einem gewaltigen Crescendo zwischen den Steinen.

»Okay, Harry, jetzt stehst du auf historischem Boden«, sagte Andrew. »1788 schickten die Engländer das erste Boot mit Strafgefangenen nach Australien. Sie wollten sich in der Botany Bay, etwas weiter südlich von hier, ansiedeln, doch glücklich angekommen, meinte der gute Kapitän Philipp, daß die Landschaft dort zu karg sei, und er schickte ein kleines Boot nach Norden an der Küste entlang, um nach etwas Besserem Ausschau zu halten. Das Boot umrundete die Landzunge, auf der wir jetzt stehen, und fand den besten Hafen der Welt. Etwas später kam Kapitän Philipp mit dem Rest der Flotte; elf Schiffe, 750 Strafgefangene, Frauen und Männer, 400 Seeleute, vier Marinekompanien und Verpflegung für zwei Jahre. Aber dieses Land ist schwieriger als es aussieht, es gelang den Engländern nicht, die Natur so zu nutzen, wie es die Aborigines im Laufe der Jahre gelernt hatten. Als zweieinhalb Jahre später das nächste Versorgungsschiff anlegte, waren die Engländer drauf und dran, zu verhungern.«

»Es sieht so aus, als wenn es mit der Zeit besser geworden wäre.« Harry nickte in Richtung der grünen Hügel von Sydney und spürte, wie ein Schweißtropfen zwischen seinen Schulterblättern herabrann. Die Wärme ließ ihn eine Gänsehaut bekommen.

»Für die Engländer trifft das wohl zu«, sagte Andrew und spuckte über die Kante der Steilküste. Sie folgten der Spucke mit den Augen, bis sie sich im Wind auflöste.

»Sie kann froh sein, daß es ihr erspart blieb, den Sturz mitzuerleben«, sagte er. »Sie muß beim Herabstürzen an die Klippen geschlagen sein, es waren Fleischfetzen aus ihrem Körper gerissen, als man sie fand.«

»Wie lange war sie schon tot?«

Andrew schnitt eine Grimasse. »Der Polizeiarzt sagt 48 Stunden. Aber der …«

Er legte die Spitze seines Daumens an den Mund. Harry nickte. Der Polizeiarzt schien eine durstige Seele zu sein.

»Und du wirst skeptisch, wenn die Zahlen zu rund sind?«

»Sie wurde Freitagmorgen gefunden, laß uns also davon ausgehen, daß sie im Laufe der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag starb.«

»Gab es Spuren?«

»Wie du siehst, können die Autos direkt hier unten parken, die Gegend ist nachts nicht beleuchtet und ziemlich verlassen. Es gibt keine Zeugenaussagen, und ehrlich gesagt erwarten wir auch keine.«

»Also, was machen wir jetzt?«

»Jetzt tun wir, was mir der Chef befohlen hat. Wir gehen in ein Restaurant und hauen etwas vom staatlichen Repräsentationsbudget auf den Kopf. Du bist trotz allem der höchste Repräsentant der norwegischen Polizei in einem Umkreis von über zweitausend Kilometern. Mindestens.«

Andrew und Harry saßen an einem feierlich weiß gedeckten Tisch. Das Fischrestaurant Doyle's lag ganz unten an der Watson Bay. Nur ein schmaler Sandstrand trennte es vom Meer.

»Fast schon kitschig, nicht wahr«, meinte Andrew.

»Die ideale Postkarte.« Ein kleiner Junge und ein Mädchen bauten am Strand direkt vor ihnen Sandburgen. Dahinter lag die azurblaue Meeresbucht, dann fruchtbare grüne Hügel und etwas weiter entfernt die stolze Skyline von Sydney.

Harry bestellte Kammuscheln und tasmanische Forelle, Andrew eine australische Flunder, von der Harry vermutlich noch nie zuvor gehört hatte. Andrew bat um eine Flasche Chardonnay Rosemount, »völlig unpassend zu diesem Essen, aber der ist weiß und gut und liegt genau im Rahmen des Budgets.« Er sah reichlich überrascht aus, als Harry sagte, er trinke keinen Alkohol.

»Quäker?«

»Nein, damit hat das nichts zu tun«, erwiderte er.

Doyle's sei ein alter Familienbetrieb und gelte als eines der besten Fischrestaurants in Sydney, erklärte Andrew. Es war Hochsaison, und alle Tische waren besetzt. Harry wunderte sich deshalb nicht, daß der Kellner sie warten ließ.

»Die Kellner sind hier wie der Planet Pluto«, brummte Andrew wütend. »Kreisen an der Peripherie herum und tauchen nur jedes zwanzigste Jahr im Zentrum auf, und selbst dann sind sie mit bloßem Auge nicht zu erkennen.«

Harry konnte sich beim besten Willen nicht darüber aufregen und lehnte sich mit einem zufriedenen Seufzer zurück.

»Aber die haben gutes Essen«, sagte er. »Das ist also der Grund für deinen Anzug.«

»Sowohl als auch. Du siehst ja, daß es hier nicht sonderlich formell ist. Aber ich habe gute Erfahrungen gemacht, an solchen Orten nicht in Jeans und T-Shirt zu erscheinen. Ich muß mein Äußeres ein bißchen kompensieren.«

»Wie meinst du das?«

Andrew blickte Harry in die Augen.

»Aborigines haben in diesem Land keinen besonders hohen Status, das hast du ja vielleicht schon gemerkt. Schon ganz früh schrieben die Engländer in den Briefen nach Hause, daß die Eingeborenen eine Schwäche für Alkohol und Diebstahl hätten«, erzählte er. Harry hörte ihm interessiert zu.

»Sie meinten, das sei in ihren Genen so angelegt. Das einzige, zu dem sie taugen, ist eine Art Höllenmusik zu machen, indem sie in lange hohle Holzstücke blasen, die sie Didgeridoo nennen, schrieb einer von ihnen. Nun, Australien ist ein Land, das sich damit brüstet, viele Kulturen erfolgreich zu einer funktionierenden Gemeinschaft vereint zu haben. Aber für wen? Das Problem oder der Vorteil, je nachdem wie du das siehst, ist die Tatsache, daß man die Eingeborenen überhaupt nicht mehr wahrnimmt.

Die Aborigines nehmen an dem gesellschaftlichen Leben in Australien so gut wie nicht teil, abgesehen von politischen Debatten, in denen es um besondere Interessen oder die Kultur der Aborigines geht. Die Australier kaufen sich frei, indem sie Aboriginekunst in ihren Häusern aufhängen. Auf der anderen Seite sind die Aborigines verdammt gut in den Schlangen beim Sozialamt, in den Selbstmordstatistiken und in den Gefängnissen vertreten. Wenn du Aborigine bist, sind die Chancen, im Gefängnis zu landen, sechsundzwanzigmal größer als bei einem Australier. Denk darüber nach, Harry Hole.«

Andrew trank den Rest des Weins, während Harry nachdachte. Auch darüber, daß er gerade wahrscheinlich das beste Fischgericht seines zweiunddreißigjährigen Lebens gegessen hatte.

»Und trotzdem ist Australien nicht rassistischer als andere Länder, wir sind ja eine multikulturelle Nation mit Menschen aus der ganzen Welt. Das bedeutet nur, daß es sich lohnt, einen Anzug anzuziehen, wenn man in ein Restaurant geht.«

Harry nickte wieder. Es gab dazu nichts mehr zu sagen.

»Inger Holter arbeitete in einer Bar?«

»Ja, natürlich. The Albury in der Oxford Street in Paddington. Ich dachte, wir könnten da heute abend hingehen.«

»Warum nicht jetzt gleich?« Harry bemerkte, daß ihn die Langsamkeit immer unruhiger werden ließ.

»Weil wir zuerst einmal dem Vermieter einen Besuch abstatten sollten.«

Pluto tauchte ohne Vorwarnung am Sternenhimmel auf.

Glebe Point Road erwies sich als eine angenehme, nicht allzu stark befahrene Straße, die zu beiden Seiten von ethnisch geprägten Restaurants aller Herren Länder gesäumt war.

»Das war früher Sydneys Bohemeviertel«, erzählte Andrew. »Ich habe hier in der Gegend in den siebziger Jahren gewohnt. Während meines Studiums. Es gibt noch immer die typischen vegetarischen Restaurants für Umweltschützer und Alternative, lesbische Buchläden und all das Zeugs. Aber die alten Hippies und Freaks sind verschwunden. Seit Glebe in ist, sind die Mieten in die Höhe geschossen, und ich könnte es mir jetzt auch mit meinem Polizeilohn kaum mehr leisten, hier zu wohnen.«

Sie bogen nach rechts in die Hereford Street ein, parkten das Auto und gingen in die Einfahrt von Nummer 54. Ein kleines, schwarzes, zottiges Tier kam kläffend auf sie zu und entblößte eine Reihe spitzer, scharfer Zähne. Das winzige Monster sah richtig wütend aus und hatte verblüffende Ähnlichkeit mit einem Bild des tasmanischen Teufels in der Touristenbroschüre. ›Aggressiv und höchst unerfreulich, wenn man es an der Kehle hängen hat‹, hieß es dort. Die Art war beinahe ausgerottet, und Harry hoffte, daß das wirklich stimmte. Als dieses Exemplar mit weit geöffnetem Rachen an ihm hochspringen wollte, hob Andrew seinen Fuß und beförderte das kreischende Wesen mit einem glatten Volley in den Busch am Zaun.

Ein dickbäuchiger Mann, der aussah, als sei er gerade erst aufgestanden, stand mit säuerlicher Miene in der Tür, als sie die Treppe emporstiegen: »Wo ist der Hund?«

»Der bewundert die Rosen«, grinste ihn Andrew vielsagend an. »Wir kommen von der Polizei, Mordkommission. Mr. Robertson?«

»Jaja, jaja. Was wollen Sie denn jetzt schon wieder? Ich habe doch schon gesagt, daß ich schon alles gesagt habe, was ich weiß.«

»Und jetzt haben Sie gesagt, daß Sie gesagt haben, daß Sie schon alles …« Es entstand eine lange Pause, während Andrew unverändert lächelte und Harry sein Gewicht von dem linken auf den rechten Fuß verlagerte.

»Tut mir leid, Mr. Robertson, wir haben nicht vor, Sie länger als nötig mit unserem Charme gefangenzunehmen, aber dieser Mann hier ist Inger Holters Bruder, und er würde gerne ihr Zimmer sehen, wenn Ihnen das nicht zu viele Umstände macht.«

Robertsons Haltung änderte sich schlagartig.

»Oh, entschuldigen Sie, ich hatte ja keine Ahnung... kommen Sie herein !« Er schob die Tür weit auf und ging vor ihnen die Treppe hoch.

»Ja, ich wußte ja nicht einmal, daß Inger einen Bruder hatte. Aber jetzt, wo Sie es sagen, die Ähnlichkeit der Geschwister ist wirklich verblüffend.«

Hinter ihm drehte sich Harry zu Andrew um und verdrehte die Augen.

Es war kein Versuch unternommen worden, Ingers Zimmer aufzuräumen. Überall lagen Kleider herum. Zeitschriften, volle Aschenbecher und leere Weinflaschen.

»Äh, die Polizei bat mich, erst einmal nichts anzurühren.« »Ist schon klar.«

»Sie kam einfach eines Abends nicht nach Hause. War plötzlich wie vom Erdboden verschluckt.«

»Danke, Mr. Robertson, wir haben Ihre Aussage gelesen.«

»Ich habe ihr gesagt, daß sie nachts nicht über die Bridge Road und am Fischmarkt vorbeigehen soll. Es ist total dunkel dort, und es wimmelt nur so von Schwarzen und Gelben …« Entsetzt blickte er auf Andrew Kensington: »Entschuldigen Sie, ich hab das nicht so gemeint …!«

»Ist schon okay. Sie können jetzt gehen, Mr. Robertson.« Robertson schlurfte die Treppe hinunter. Kurz darauf hörten sie aus der Küche das Geklimper von Flaschen.

Ingers Zimmereinrichtung bestand aus einem Bett, ein paar Regalen und einem Schreibtisch. Harry ließ seinen Blick durch den Raum schweifen und versuchte sich einen Eindruck von Inger Holter zu machen. Transposition: sich in die Rolle des Opfers zu versetzen. Er erinnerte sich nur noch dunkel an das irgendwie burschikose Mädchen auf dem Bildschirm mit ihrem gutgemeinten, jugendlichen Engagement und dem unschuldigen Blick.

Sie gehörte ganz offensichtlich nicht zu diesen hyperhäuslichen Frauen, die ihre ganze freie Zeit dafür nutzten, an ihrem Nest zu bauen. Abgesehen von einem Kinoplakat, Braveheart mit Mel Gibson, und einem kleinen, mit einer Nadel festgesteckten Foto hingen an den Wänden keine Bilder. Harry erinnerte sich an den Streifen nur noch, weil dieser aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen einen Oscar als bester Film erhalten hatte. Na ja, dachte er, sie hatte also, was Filme anging, einen schlechten Geschmack. Und auch was Männer betraf. Er selbst gehörte zu denjenigen, die sich persönlich beleidigt fühlten, als sich Mad Max zum Hollywood-Sternchen mauserte.

Das Foto zeigte Inger auf einer Bank vor einer bunten, westernartigen Hausfassade, umringt von einer Gruppe langhaariger, bärtiger Jugendlicher. Sie trug ein weites, violettes Kleid. Das blonde Haar hing glatt an beiden Seiten des ernsten Gesichtes herab. Der junge Mann, dessen Hand sie hielt, hatte ein kleines Baby auf dem Schoß.

Im Regal lagen ein Päckchen Tabak, ein paar Bücher über Astrologie und eine grobgeschnitzte Holzmaske mit einer langen, schnabelartig nach unten gebogenen Nase. Harry drehte die Maske um. Made in Papua New Guinea stand auf dem Preisschild.

Diejenigen Kleider, die nicht auf dem Boden oder auf dem Bett lagen, hingen in einem kleinen Kleiderschrank. Es war nicht viel. Ein paar Baumwolltops, ein abgenutzter Mantel und ein großer Strohhut auf der Hutablage.

Andrew kramte aus der Schreibtischschublade ein Päckchen Zigarettenpapier hervor.

»King Size Smoking Slim. Sie hat sich ein paar dicke Zigaretten gedreht.«

»Habt ihr Drogen gefunden?« fragte Harry.

Andrew schüttelte den Kopf und zeigte auf das Zigarettenpapier.

»Aber ich glaube, daß wir Spuren von Cannabis gefunden hätten, wenn wir die Aschenbecher genauer untersucht hätten.«

»Warum wurde nichts unternommen? War die Spurensicherung nicht hier?«

»Erstens gibt es keine Anzeichen dafür, daß das hier der Tatort ist. Zweitens ist das Rauchen von Marihuana nichts Besonderes. Hier in New South Wales haben wir eine etwas pragmatischere Einstellung gegenüber Marihuana als in manchen anderen Teilstaaten von Australien. Ich kann nicht ausschließen, daß der Mord etwas mit Drogen zu tun hat, aber ein oder zwei Joints sind in diesem Zusammenhang wohl eher unbedeutend. Ob sie andere Sachen genommen hat, können wir nicht mit Sicherheit sagen. Im Albury kursieren allerhand Designerdrogen, aber niemand, mit dem wir gesprochen haben, hat irgendwelche Andeutungen gemacht, und auch die Blutuntersuchung hat nichts ergeben. Harte Drogen hat sie jedenfalls keine genommen. Sie hatte keine Einstiche, und im eigentlichen harten Milieu kennen wir uns ganz gut aus.«

Harry schaute ihn an. Andrew räusperte sich.

»Das ist jedenfalls die offizielle Version. Hier ist übrigens eine Sache, bei der du uns, wie sie meinten, vielleicht helfen könntest.«

Es war ein auf norwegisch geschriebener Brief. Er begann mit Liebe Elisabeth, war aber ganz offensichtlich nicht zu Ende geschrieben worden. Harry überflog die Seite:

0 ja, es geht mir wirklich gut, und was noch viel wichtiger ist: Ich bin verliebt! Natürlich ist er schön wie ein griechischer Gott, mit langen lockigen, dunklen Haaren, einem kleinen Knackarsch und einem Blick, der dir all das zeigt, was er dir gerade zugeflüstert hat: Daß er dich haben will – jetzt sofort – hinter der nächsten Hausecke, auf der Toilette, auf dem Tisch, auf dem Boden, wo auch immer. Er heißtEvans, ist 32 Jahre alt, ist (welch Überraschung) schon einmalverheiratet gewesen und hat einen süßen, kleinen, eineinhalbjährigen Jungen, der Tom-Tom heißt. Im Moment hat er keinen richtigen Job, sondern arbeitet mehr für sich selbst.

Ja, ja, ich weiß, Du ahnst schon wieder Schwierigkeiten und ich verspreche Dir, mich nicht hineinreißen zu lassen. Jedenfalls vorläufig nicht.

Genug von Evans. Ich arbeite noch immer im Albury. ›Mr. Bean‹ hat endlich aufgehört, mich einzuladen, nachdem Evans einmal abends in der Bar war, und das ist in jedem Fall ein Fortschritt. Aber er verfolgt mich noch immer mit seinem klebrigen Blick. Shit! Eigentlich habe ich den Job langsam satt, aber ich sollte noch so lange weitermachen, bis meine Aufenthaltsgenehmigung verlängert worden ist. Ich habe mit dem norwegischen Fernsehen gesprochen.Man plant für nächsten Herbst eine Fortsetzung der Serie, und es gibt wohl Möglichkeiten, daß ich mitmachen kann, wenn ich will. Decisions, decisions!

An dieser Stelle brach der Brief ab, ohne Unterschrift oder sonst ein Zeichen.

Als sie gingen, reichte Harry Robertson zum Dank die Hand, und daraufhin verbeugte sich Robertson und bekundete sein Beileid. Inger sei ein feines Mädchen und eine vortreffliche Mieterin gewesen, ja ein wahrer Stolz für das ganze Haus, wenn nicht sogar die ganze Nachbarschaft. Aber was wüßte er denn schon?

Er roch nach Bier, und auch seine Aussprache war nicht mehr ganz deutlich. Als sie aus dem Haus traten, hörten sie unter dem Rosenbusch ein Fiepen. Ein paar ängstliche Augen lugten hervor.

Sie bekamen einen Tisch in einem engen vietnamesischen Restaurant in Darling Harbour, wo sich außer ihnen fast ausschließlich Asiaten befanden. Die meisten von ihnen schienen Stammgäste zu sein. Sie führten unverständliche Gespräche mit dem Kellner in einem merkwürdigen Tonfall, der ganz plötzlich und unvorhersehbar ansteigen und abfallen konnte.

»Das hört sich so an, als wenn die in gewissen Abständen Helium inhalieren würden, richtige Donald-Duck-Stimmen«, meinte Harry.

»Magst du keine Asiaten?« fragte Andrew.

Harry zuckte mit den Schultern. »Mögen oder nicht mögen! Ich kenne keine. Ich habe keinen Grund, sie nicht zu mögen, um es so zu sagen. Es scheinen ehrliche und hart arbeitende Menschen zu sein. Und du?«

»Viele Asiaten wollen nach Australien, und vielen hier gefällt das nicht. Ich habe gegen niemanden etwas. Sollen sie doch kommen, sage ich immer.«

Zwischen den Zeilen schien Harry da etwas herauszuhören wie: Es ist ohnehin zu spät, mein Volk hat sein Land bereits verloren.

»Vor ein paar Jahren war es für einen Asiaten fast vollkommen unmöglich, eine Aufenthaltsbewilligung zu bekommen. Die Regierung wollte das Land möglichst weiß halten. Alles unter dem Vorwand, große kulturelle Konflikte vermeiden zu wollen. Die Erfahrungen bei der Integration der Aborigines seien ja, vorsichtig ausgedrückt, nicht sonderlich positiv. Aber dann boten die Japaner an, Australien finanziell unter die Arme zu greifen, und plötzlich wurde eine ganz andere Musik gespielt. Da hieß es auf einmal, man müsse aufpassen, sich nicht zu isolieren, und daß man berücksichtigen müsse, daß Asien unser nächster Nachbar sei und die Wirtschaftsverbindungen zu einem Land wie Japan mittlerweile wichtiger seien als zu Europa oder den USA. Also durften japanische Konzerne ihre Touristenburgen an der Gold Coast Richtung Brisbane errichten und japanische Manager, Köche und Empfangspersonal zu uns herüberbringen, während die Australier als Stubenmädchen oder Piccolos arbeiten durften. Früher oder später gibt es auf so etwas eine Reaktion. Niemand mag es, in seinem eigenen Land Schuhputzer zu werden.«

»Und das gilt auch für dein Volk, denke ich.«

Andrew lächelte gequält.

»Die Europäer haben den Aborigines nie irgendein Gesuch um Aufenthaltsbewilligung vorgelegt.«

Harry blickte auf die Uhr. Es dauerte noch ein paar Stunden bis das Albury aufmachte.

»Du möchtest vielleicht erst noch einmal nach Hause?« fragte er.

Andrew schüttelte den Kopf. »Dort begegne ich zur Zeit auch niemand anderem als mir.«

»Zur Zeit?«

»Tja, die letzten zehn Jahre. Ich bin geschieden. Meine Frau wohnt mit den Kindern in Newcastle. Ich versuche sie so oft wie möglich zu besuchen, aber das ist ein gutes Stück entfernt, und die Mädchen sind bald so groß, daß sie am Wochenende eigene Pläne haben. Bald wird mir wohl bewußt werden, daß ich nicht mehr der einzige Mann in ihrem Leben bin. Weißt du, es sind hübsche, kleine Teufel. Vierzehn und fünfzehn Jahre alt. Verdammt, ich sollte all die Köter, die sich vor ihrer Tür herumtreiben, zum Teufel jagen !«

Andrew grinste breit. Harry konnte nicht anders, ihm gefiel dieser plötzliche Ausbruch seines Kollegen.

»Well, that's the way it goes, Andrew.«

»That's right, mate. How 'bout you?«

»Nun, keine Frau, keine Kinder. Kein Hund. – Das einzige, was ich habe, ist eine Chefin, ein Vater und ein paar Typen, die ich noch immer Freunde nenne, auch wenn zwischen ihren Anrufen Jahre vergehen. Oder ich anrufe.«

»In dieser Reihenfolge?«

»In dieser Reihenfolge.« Sie lachten, blieben an dem Tisch sitzen und betrachteten die einsetzende nachmittägliche Rushhour. Andrew bestellte noch ein Victoria Bitter. Aus den Geschäften und Banken strömten die Menschen; grauhaarige Griechen mit Adlernasen, bebrillte Asiaten in dunklen Anzügen, Holländer und langnasige, rothaarige Mädchen, die zweifellos britischer Abstammung waren. Alle rannten sie, um den Bus nach Paramatta oder die U-Bahn nach Bondi Junction zu erreichen. Geschäftsleute in kurzen Hosen – ein typisch australisches Phänomen, wußte Andrew zu erzählen – hasteten zu den Kaianlagen, zu den Fähren in die Vorstädte auf der nördlichen Seite der Port Jackson-Bucht.

»Was machen wir jetzt?« fragte Harry.

»Wir gehen in den Zirkus! Das ist gleich hier oben in der Straße, und ich habe einem Freund versprochen, daß ich mal vorbeischaue. Und heute ist es soweit, oder?«

Im Powerhouse hatte eine kleine Zirkustruppe bereits ihre Gratisvorstellung am Nachmittag für ein nicht gerade zahlreiches, aber enthusiastisches junges Publikum begonnen. Das Gebäude war früher ein Kraftwerk gewesen, und später, als in Sydney noch die Straßenbahnen fuhren, eine Halle für Straßenbahnen. Jetzt diente es als eine Art zeitgenössisches technisches Museum. Ein paar durchtrainierte Frauen hatten gerade eine nicht sonderlich aufsehenerregende Trapeznummer beendet, trotzdem war der Beifall wohlwollend laut.

Ein Clown betrat die Manege, in die gleichzeitig eine wuchtige, riesige Guillotine geschoben wurde. Er trug eine bunte Uniform und eine gestreifte Mütze, was alles auf die Französische Revolution hindeuten sollte. Er stolperte und machte zur großen Freude der Kinder allerhand Unsinn. Dann erschien ein zweiter Clown mit langer weißer Perücke, und Harry erkannte, daß dieser Ludwig XVI. verkörpern sollte.

»Mit einer Stimme Mehrheit zum Tode verurteilt«, verkündete der Clown mit der gestreiften Mütze.

Der Verurteilte wurde zum Schafott geführt, wo sein Kopf – noch immer zur großen Begeisterung der Kinder – unter viel Ach und Weh schließlich auf der Guillotine, unter dem Fallbeil, plaziert wurde. Ein kurzer Trommelwirbel ertönte, das Beil ratterte zur Überraschung aller – Harry eingeschlossen – herab, trennte das Haupt des Monarchen mit einem Geräusch ab, das an winterliche Axtschläge im Wald erinnerte, und der Kopf löste sich mitsamt Perücke vom Körper und kugelte in einen Korb. Das Licht ging aus, und als es wieder eingeschaltet wurde, stand der kopflose König, seinen eigenen Kopf unter dem Arm, im Rampenlicht mitten in der Manege. Der Jubel der Kinder wollte kein Ende nehmen. Dann ging das Licht erneut aus, und als es zum zweiten Mal angeschaltet wurde, stand die gesamte Truppe da und verbeugte sich. Die Vorstellung war beendet.

Während die Besucher dem Ausgang entgegenströmten, gingen Andrew und Harry hinter die Bühne. In der provisorischen Garderobe zogen die Artisten bereits ihre Kostüme aus und schminkten sich ab.

»Otto, ich möchte dir einen Freund aus Norwegen vorstellen !« rief Andrew.

Ein Gesicht drehte sich um. Ludwig XVI. sah ohne Perücke und mit verschmierter Schminke deutlich weniger majestätisch aus: »Tuka The Indian!«

»Harry, das ist Otto Rechtnagel.«

Otto hielt ihm standesgemäß die Hand mit leicht abgewinkeltem Handgelenk entgegen und schien etwas beleidigt zu sein, als Harry sich, leicht verwirrt, damit begnügte, diese schwach zu drücken.

»No kiss, handsome?«

»Otto fühlt sich als Frau. Eine Frau adeliger Abstammung«, erklärte Andrew.

»Alles nur Unsinn, Tuka. Otto weiß nur zu gut, daß er ein Mann ist. Sie sehen verwirrt aus, junger Mann? Vielleicht wollen Sie sich selbst davon überzeugen?« Ottos Lachen war wie ein hoher Triller.

Harry spürte, wie seine Ohren heiß wurden. Ein paar falsche Augenwimpern flatterten Andrew vorwurfsvoll entgegen: »Redet er auch, dein Freund?«

»Entschuldigung, ich heiße … Harry … äh … Holy. War 'ne tolle Vorstellung da draußen. Schöne Kostüme. Sehr … lebendig. Ungewöhnlich.«

»Die Ludwig XVI.-Nummer? Ungewöhnlich? Ganz im Gegenteil. Das ist ein alter Klassiker. Er wurde zum ersten Mal von der Clownsfamilie Jandaschewsky in Szene gesetzt, und das war gerade einmal zwei Wochen nach der wirklichen Hinrichtung im Januar 1793. Die Menschen liebten es. Öffentliche Hinrichtungen waren schon immer sehr beliebt. Wissen Sie, wie viele Wiederholungen des Kennedy-Attentats jedes Jahr von amerikanischen Fernsehsendern ausgestrahlt werden?«

Harry schüttelte den Kopf.

Otto schaute nachdenklich an die Decke.

»Sehr viele.«

»Otto fühlt sich als Nachkomme des großen Jandy Jandaschewsky«, erklärte Andrew.

»Is that so?« Berühmte Clowns waren nicht gerade Harrys Fachgebiet.

»Ich glaube, dein Freund kennt sich da nicht sonderlich aus, Tuka. Die Jandaschewsky-Familie war eine herumreisende Truppe von musizierenden Clowns, die um die Jahrhundertwende nach Australien kamen und sich hier niederließen. Sie gaben Zirkusvorstellungen bis 1971, als Jandy starb. Ich habe Jandy das erste Mal gesehen, als ich sechs Jahre alt war. Von da an wußte ich, was ich einmal werden wollte. Und das bin ich jetzt.«

Otto warf ihm durch die angetrocknete Schminke ein trauriges Clownslächeln zu.

»Woher kennt ihr beiden euch?« fragte Harry. Otto und Andrew warfen sich schnelle Blicke zu. Harry sah das Zucken im Mundwinkel und begriff, daß er ein schwieriges Terrain betreten hatte.

»Ich meine nur … ein Polizist und ein Clown … das ist ja nicht gerade …«

»Das ist eine lange Geschichte«, sagte Andrew. »Man kann wohl sagen, daß wir zusammen aufwuchsen. Otto hätte wohl seine Mutter verkauft für ein Stück von meinem Arsch, aber ich habe schon in ganz jungen Jahren einen merkwürdigen Hang zu den Mädchen und diesen ekligen Hetero-Spielchen verspürt. Das muß was mit Vererbung und Milieu zu tun haben, oder was glaubst du, Otto?«

Andrew kicherte vor sich hin, wobei er der Ohrfeige auswich, die Otto ihm verpassen wollte.

»Du hast doch keinen Stil, kein Geld, und dein Arsch wird viel zu hoch gelobt«, beklagte sich Otto. Harry schaute zu den anderen in der Truppe hinüber, aber das Auftreten von Andrew und Otto schien sie völlig kalt zu lassen. Eine der kräftigen Trapezdamen zwinkerte ihm aufmunternd zu.

»Harry und ich werden heute abend ins Albury gehen, kommst du mit?«

»Du weißt doch ganz genau, daß ich da nicht mehr hingehe, Tuka!« sagte Otto wütend.

»Du solltest langsam darüber hinweg sein, Otto, das Leben geht weiter.«

»Das Leben von allen anderen, meinst du. Meines hört hier auf, genau hier. Wenn die Liebe stirbt, sterbe ich.« Otto legte seine Hand entsprechend theatralisch auf seine Stirn.

»Wie du willst.«

»Außerdem muß ich erst nach Hause und Waldorf füttern. Geht Ihr nur, vielleicht komme ich etwas später.«

»See you soon«, sagte Harry und legte seine Lippen gelehrig auf Ottos ausgestreckte Hand.

»Looking forward to it, Harry Handsome.«

Die Sonne war untergegangen, als sie zur Oxford Street in Paddington hinauffuhren und das Auto am Rand eines kleinen Parks abstellten. »Green Park« stand auf einem Schild, doch das Gras war bräunlich verbrannt, und das einzig Grüne war ein kleiner Pavillon inmitten des Parks. Ein Mann, ein Aborigine, lag unter einem Baum im Gras. Seine Kleider waren zerrissen, und er war so dreckig, daß er eher grau als schwarz wirkte. Als er Andrew sah, hob er die Hand wie zum Gruß, aber Andrew ignorierte ihn.

Im Albury war es so voll, daß sie sich durch die Glastüren hineinschieben mußten. Dort blieb Harry ein paar Sekunden stehen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Die Kundschaft bestand aus einer farbenfrohen Mischung der unterschiedlichsten Typen, junge Männer waren dabei klar in der Überzahl: Langhaarige in verwaschenen Jeans, glattgescheitelte Yuppies in Anzügen, Künstler mit Spitzbärtchen und Vernissage-Bläschen in den Gläsern, schicke, surf-blonde Jüngelchen mit gewinnendem Lächeln und Motorrad-Freaks – oder the bikies, wie Andrew sie nannte – in schwarzen Lederkombis. Mitten im Lokal, hinter der eigentlichen Bar, war eine Show in vollem Gang. Langbeinige, halbnackte Frauen in purpurroten, tiefausgeschnittenen Tops hüpften herum und bewegten sich mit breiten, rotbemalten Lippen zu Gloria Gaynors »I will survive«. Die Mädchen wechselten sich ab, so daß diejenigen, die an der Vorführung nicht teilnahmen, die Gäste bedienten und ganz offensichtlich mit ihnen flirteten.

Harry kämpfte sich zum Tresen vor und bestellte.

»Coming up right away, Blondie«, sagte die Bedienung im Römerhelm mit tiefer Baßstimme und lächelte schelmisch.

»Sag mal, sind wir die einzigen Normalen in dieser Stadt?« fragte Harry, als er mit einem Bier und einem Glas Saft zurückkam.

»Nach San Francisco gibt es nirgendwo auf der Welt so viele Schwule wie in Sydney«, erklärte Andrew. »Die australische Landbevölkerung ist vor allem für ihre Toleranz gegenüber sexuell Andersdenkenden bekannt. Und wenn sich das Gerücht, daß es hier die größte Auswahl gibt, erst einmal richtig verbreitet hat, ist es ja kein Wunder, daß alle Homo-Bauernsöhne Australiens nach Sydney wollen. Und übrigens nicht nur aus Australien, jeden Tag strömen neue Schwule aus der ganzen Welt in die Stadt.«

Sie gingen zu einer anderen Bar am hinteren Ende des Lokals, wo Andrew einem Mädchen hinter dem Tresen etwas zurief. Sie hatte ihnen den Rücken zugedreht und die rotesten Haare, die Harry jemals gesehen hatte. Sie reichten ihr bis zu den Gesäßtaschen ihrer knackengen Jeans, doch verbargen sie nicht den geschmeidig-biegsamen Rücken und die harmonisch runden Hüften. Sie drehte sich um und lächelte sie mit einer Reihe strahlendweißer Zähne an. Ihr Gesicht war schmal und hübsch mit zwei azurblauen Augen und einer Unzahl Sommersprossen. Unverzeihliche Verschwendung, wenn das keine Frau ist, dachte Harry.

»Erinnern Sie sich an mich?« rief Andrew durch den dröhnenden Lärm der Siebziger-Jahre-Musik. »Ich war hier und habe nach Inger gefragt. Können wir reden?«

Die Rothaarige wurde ernst. Sie nickte, sagte einem der anderen Mädchen Bescheid und wies ihnen den Weg zu einem kleinen Pausenraum hinter der Küche.

»Any news about what happened?« fragte sie, und schon bei diesen wenigen Worten war Harry klar, daß sie vermutlich besser Schwedisch als Englisch sprach.

»Ich habe einmal einen alten Mann getroffen«, sagte Harry auf norwegisch. Sie schaute ihn überrascht an.

»Er war Kapitän auf einem Amazonasdampfer. Nach drei Worten von ihm auf portugiesisch wußte ich, daß er Schwede war. Er wohnte dort seit dreißig Jahren. Und ich kann nicht ein einziges Wort Portugiesisch.«

Die Rothaarige war zuerst perplex, doch dann mußte sie lachen. Ein trillerndes, klares Lachen, das Harry an irgendeinen seltenen Waldvogel erinnerte.

»Ist das wirklich so offensichtlich?« fragte sie auf schwedisch. Sie hatte eine tiefe, ruhige Stimme und sprach das »r« etwas im Hals.

»Der Tonfall«, erwiderte Harry. »Euren Tonfall werdet ihr niemals los.«

»Do you guys know each other?« fragte Andrew sie skeptisch.

Harry blickte die Rothaarige an.

»Nope«, gab sie zur Antwort.

Ist das nicht schade, dachte Harry insgeheim.

Die Rothaarige hieß Birgitta Enquist, war seit vier Jahren in Australien und arbeitete seit einem Jahr im Albury.

»Wir haben natürlich während der Arbeit miteinander geredet, aber ich hatte eigentlich keinen persönlichen Kontakt zu Inger, sie war die meiste Zeit für sich. Wir von der Bar unternehmen abends manchmal etwas, und hin und wieder tauchte sie dann auf, aber nur selten. Bevor sie hier anfing, hatte sie sich gerade von einem Typ in Newtown getrennt. Das einzig Persönliche, das ich von ihr weiß, ist, daß ihr diese Beziehung mit der Zeit zu eng geworden ist. Sie brauchte wohl neue Impulse.«

»Wissen Sie, mit wem sie zusammen war?«

»Eigentlich nicht. Wie gesagt, wir haben zwar miteinander geredet, aber sie hat mir nie richtig Einblick in ihr Leben gegeben. Ich habe auch nicht darum gebeten. Im Oktober ist sie einmal nach Queensland gefahren und hat dort wohl eine Gruppe aus Sydney getroffen, zu der sie seitdem Kontakt hatte. Ich glaube, sie hat dort oben einen Kerl kennengelernt, er war einmal abends hier. Aber das habe ich doch alles schon einmal erzählt«, sagte sie fragend.

»Ich weiß, liebe Miss Enquist, ich wollte nur, daß mein norwegischer Kollege das von Ihnen direkt hört und dabei auch zu sehen bekommt, wo Inger gearbeitet hat. Harry Hole gilt schließlich als Norwegens bester Ermittler, und es kann ja sein, daß wir von der Polizei in Sydney etwas übersehen haben, dem er gerne nachgehen möchte.«

Harry bekam einen kräftigen Hustenanfall.

»Wer ist Mr. Bean?« fragte er mit gequälter, fremd klingender Stimme.

»Mr. Bean?« Birgitta schaute ihn fragend an.

»Oder einer, der dem englischen Komiker … äh, Rowan Atkinson heißt der, glaube ich, ähnlich sieht.«

»Ah, Mr. Bean – ja«, sagte Birgitta und lachte wieder ihr Waldvogellachen. Das ist gut, weiter so, dachte Harry.

»Das ist Alex, der Barchef. Er kommt erst später.«

»Wir haben Grund zur Annahme, daß er an Inger interessiert war.«

»Ja, Alex hatte ein Auge auf Inger geworfen. Aber nicht nur auf Inger, die meisten Mädchen hier an der Bar waren irgendwann einmal mit seinen mehr oder weniger verzweifelten Annäherungsversuchen konfrontiert. Fiddler Ray, so nennen wir anderen ihn. Inger ist auf Mr. Bean gekommen. Er hat es nicht so leicht, der Arme. Über dreißig und wohnt noch zu Hause bei Mama. Es wird irgendwie nichts aus ihm. Aber als Chef ist er ganz in Ordnung. Und vollkommen harmlos, wenn es das ist, woran Sie denken.«

»Woher wissen Sie das?«

Birgitta rieb sich die Nase.

»Es steckt nicht in ihm.«

Harry tat so, als schreibe er etwas auf seinen Block. »Wissen Sie, ob Inger jemanden kannte oder traf, in dem es ... äh, steckte?«

»Nun, hier laufen ja eine ganze Reihe Typen herum. Das sind nicht nur Schwule, und Inger ist sicher vielen aufgefallen, so hübsch wie sie ist – war. Aber mir fällt keiner konkret ein. Nur …«

»Ja?«

»Nein, nichts.«

»Ich habe in dem Bericht gelesen, daß Inger an dem Abend, an dem sie vermutlich ermordet worden ist, hier gearbeitet hat. Hatte sie irgendwelche Verabredungen nach der Arbeit, oder ist sie direkt nach Hause gegangen?«

»Sie hat ein paar Essensreste aus der Küche mitgenommen, für den Köter, wie sie sagte. Ich wußte, daß sie keinen Hund hatte und habe deshalb gefragt, wo sie denn hin wolle. Aber sie sagte nur, sie wolle nach Hause. Mehr weiß ich nicht.«

»Der tasmanische Teufel«, murmelte Harry. Sie blickte ihn fragend an. »Ihr Vermieter hat einen Hund«, fügte er erklärend hinzu. »Den mußte sie wohl bestechen, um mit heiler Haut ins Haus zu kommen.«

Harry bedankte sich für ihre Aussage. Als sie gehen wollten, sagte Birgitta:

»Wir alle hier im Albury sind entsetzt über das, was geschehen ist. Wie haben es ihre Eltern aufgenommen?«

»Ich glaube, sie haben es nicht so leicht«, sagte Harry, »beide haben natürlich einen Schock und geben sich selbst die Schuld, daß sie zugelassen haben, daß Inger hierherkam. Der Sarg wird morgen nach Norwegen überführt. Ich kann Ihnen die Adresse in Oslo besorgen, falls jemand hier Blumen für die Beerdigung schicken will.«

»Danke, das wäre sehr nett.«

Harry hatte Lust, auch noch etwas anderes zu fragen, aber bei all dem Gerede über Tod und Beerdigung ging das einfach nicht. Auf dem Weg nach draußen brannte ihr Abschiedslächeln auf seiner Netzhaut. Er wußte, daß es dort noch eine ganze Weile brennen würde.

»Scheiße nochmal«, murmelte er, »entweder oder!«

Im Lokal standen all die Transvestiten und viele andere Gäste mittlerweile auf den Tischen und tanzten zu Katrina & The Waves. ›Walking On Sunshine‹ dröhnte aus den Lautsprechern.

»An einem Ort wie dem Albury gibt es nicht viel Zeit zum Nachdenken und Trauern«, sagte Andrew.

»Das ist wohl so«, sagte Harry, »das Leben geht weiter.«

Er bat Andrew, einen Moment zu warten, ging zurück zur Bar und winkte Birgitta zu.

»Entschuldigung, nur noch eine letzte Frage.«

»Ja?«

Harry holte tief Luft. Er ärgerte sich schon, aber jetzt war es zu spät.

»Kennen Sie hier in der Stadt ein gutes Thai-Restaurant?« Birgitta dachte nach.

»Ja, in der Bent Street, in der City gibt es eins. Wissen Sie, wo das ist? Das soll angeblich sehr gut sein.«

»So gut, daß Sie sich vorstellen könnten, mitzukommen?«

Das klang jetzt wirklich nicht schlecht, dachte Harry. Aber es war reichlich unprofessionell. Da gab es keinen Zweifel. Birgitta stöhnte resignierend, aber so, daß Harry sich eher ermutigt fühlte. Außerdem kämpfte sie noch immer gegen ein Lächeln an.

»Verwenden Sie diese Masche oft, Wachtmeister?« »Ganz oft.«

»Funktioniert sie?«

»Statistisch gesehen? Nicht häufig.«

Sie lachte, legte den Kopf zur Seite und schaute Harry neugierig an. Dann zuckte sie mit den Schultern.

»Warum nicht? Ich habe Mittwoch frei. Gegen neun Uhr? Und du zahlst, Bulle!«

3 Ein Bischof,

ein Boxer und eine Feuerqualle

 

 

Als Harry die Augen aufschlug, war es erst vier Uhr morgens. Er versuchte wieder einzuschlafen, aber der Gedanke an Inger Holters unbekannten Mörder und daran, daß es in Oslo jetzt acht Uhr abends war, hielt ihn wach. Außerdem erschien ihm ständig dieses sommersprossige Gesicht, mit dem er nur zwei Minuten geredet hatte, das ihn aber dennoch dazu verleitet hatte, sich auffallend dämlich anzustellen.

»Du uneleganter Hole!« flüsterte er in das Dunkel des Hotelzimmers und verfluchte sich selbst.

Um sechs Uhr meinte er, aufstehen zu können. Nach einer erfrischenden Dusche trat er ins Freie, um irgendwo zu frühstücken. Auf dem blaßblauen Himmel zeichnete sich eine unscheinbare Sonne ab. Es brummte von der City herauf, aber die morgendliche Rushhour hatte die roten Lampen und die schwarzgeschminkten Augen hier oben noch nicht erreicht. King's Cross hatte gewissermaßen den Charme der Ungezwungenheit, eine gelebte Schönheit, die ihn dazu brachte, leise vor sich hin zu singen. Abgesehen von ein paar wenigen, verspäteten Nachtschwärmern, einem auf einer Treppe schlafenden Pärchen und einer blassen, nur dürftig angezogenen Prostituierten auf Morgenschicht waren die Straßen noch leer.

Vor einem Café spritzte ein Mann den Bürgersteig ab, und Harry gelang es mit einem Lächeln, sich ein zeitiges Frühstück zu bestellen. Während er Speck und Toast aß, wurde seine Serviette fast von einer vorwitzigen Morgenbrise davongeweht.

 

»Sie sind früh dran, Holy«, sagte McCormack. »Das ist gut, das Gehirn arbeitet zwischen halb sieben und elf Uhr am besten. Wenn Sie mich fragen – danach ist das meiste nur noch Schrott. Außerdem ist es hier morgens noch richtig still. Wenn es nach neun so richtig losgeht, kann ich kaum noch zwei und zwei zusammenzählen. Können Sie das? Mein Sohn behauptet immer, er müsse die Stereoanlage laufen lassen, wenn er lernt, die Stille würde ihn sonst so schrecklich ablenken. Verrückt, was?«

» –«

»Egal, gestern jedenfalls hatte ich irgendwann die Nase voll, bin zu ihm hineinmarschiert und habe die Höllenmaschine abgestellt. ›Ich brauche das, um nachzudenken!‹ hat er geschrien. Ich habe ihm gesagt, er solle wie ein normaler Mensch lernen. ›Die Menschen sind verschieden, Vater‹, hat er mir stinksauer erwidert. Ja, wissen Sie, er ist in dem Alter.«

McCormack hielt inne und schaute auf ein Bild auf seinem Schreibtisch.

»Haben Sie Kinder, Holy? Nein? Manchmal frage ich mich ja, was zum Teufel ich da getan habe. Übrigens, in was für ein Rattenloch hat man Sie einquartiert?«

»Crescent, King's Cross, Sir.«

»King's Cross, eben. Da sind Sie nicht der erste Norweger. Vor ein paar Jahren hatten wir offiziellen Besuch von dem norwegischen Bischof oder so, ich weiß nicht mehr genau, wie das hieß. Sein Büro in Oslo hatte jedenfalls ein Zimmer im King's Cross Hotel für ihn reservieren lassen. Sie hatten geglaubt, der Name des Hotels habe irgendeine biblische Bedeutung. Als der Bischof mit seiner Gefolgschaft abends im Hotel ankam, erblickte eine der alten, eingetrockneten Huren den priesterlichen Kragen und machte ihm eine paar saftige Angebote. Ich glaube, der Bischof hat schneller wieder ausgecheckt, als seine Koffer auf dem Zimmer waren …!«

McCormack lachte, daß ihm die Tränen kamen.

»Ja, ja, Holy, was haben Sie heute vor?«

»Ich frage mich, ob es möglich ist, einen Blick auf die Leiche von Inger Holter zu werfen, bevor man sie nach Norwegen überführt, Sir.«

»Kensington kann Sie zur Gerichtsmedizin begleiten, wenn er kommt. Aber Sie haben doch eine Kopie des Obduktionsberichtes erhalten?«

»Doch, doch, ja, Sir, nur …«

»Nur?«

»Ich kann besser denken, wenn ich die Leiche vor mir sehe.«

McCormack drehte sich zum Fenster und murmelte etwas, das Harry als Okay deutete.

 

Im Keller des South Sydney Morgue waren es acht Grad, auf der Straße draußen achtundzwanzig.

»Bist du jetzt klüger?« fragte Andrew. Er fröstelte und schlang die Jacke enger um seinen Körper.

»Klüger? Nein«, sagte Harry und betrachtete die sterblichen Überreste von Inger Hoher. Das Gesicht hatte den Sturz recht gut überstanden. Ein Nasenloch war aufgerissen, und der eine Kieferknochen war in einer tiefen Mulde nach innen gedrückt, aber es gab keinen Zweifel, daß das wachsbleiche Gesicht zu dem gleichen Mädchen gehörte, das auf dem Bild im Polizeibericht so fröhlich strahlte. Am Hals waren schwarze Male zu erkennen. Auf dem restlichen Körper befanden sich überall blaue Flecken, Rißwunden und mehr oder weniger tiefe Schnitte. Einer von ihnen war so tief, daß man direkt bis auf den Knochen sehen konnte.

»Die Eltern wollten die Bilder sehen. Die norwegische Botschaft hat darauf hingewiesen, daß das nicht ratsam sei, aber der Rechtsanwalt hat darauf bestanden. Eine Mutter sollte ihre Tochter nicht so sehen.« Andrew schüttelte den Kopf.

Harry untersuchte die Würgemale am Hals mit einem Vergrößerungsglas.

»Der Mörder hat sie mit den bloßen Händen erwürgt. Es ist nicht leicht, einen Menschen so zu töten. Der Täter muß entweder sehr stark oder unheimlich motiviert gewesen sein.«

»Oder es schon ein paarmal gemacht haben.«

Harry schaute zu Andrew.

»Wie meinst du das?«

»Sie hat keine Hautreste unter den Fingernägeln, keine abgerissenen Haare des Mörders an ihrer Kleidung, und ihre Fingerknöchel zeigen nicht die Spur eines Kampfes. Sie muß so rasch und effektiv getötet worden sein, daß sie gar nicht mehr dazu gekommen ist, Widerstand zu leisten.«

»Erinnert diese Vorgehensweise an etwas, mit dem ihr früher schon einmal zu tun hattet?«

Andrew zuckte mit den Schultern.

»Wenn man lange genug gearbeitet hat, erinnern einen alle Morde an irgend etwas, das man schon einmal gesehen hat.«

Nein, dachte Harry. Im Gegenteil. Wenn man lange genug gearbeitet hat, lernt man, die kleinen Nuancen eines jeden Mordes zu erkennen, die Details der jeweiligen Tat, die sie von allen anderen unterscheidet.

Andrew warf einen Blick auf seine Uhr.

»In einer halben Stunde beginnt unsere morgendliche Besprechung. Wir sollten uns beeilen.«

 

Der Leiter der Ermittlungskommission war Larry Wadkins, ein Kommissar mit Jurastudium, der dabei war, auf direktem Wege die Karriereleiter emporzuklettern. Er hatte schmale Lippen, schütteres Haar und redete schnell und sachlich, ohne Emotionen oder unnötige Adjektive.

»Oder soziales Gespür«, sagte Andrew ohne Umschweife. »Ein verdammt guter Ermittler, aber du darfst ihn nicht bitten, den Eltern mitzuteilen, daß ihre Tochter tot aufgefunden worden ist. Und wenn er Streß hat, fängt er sofort an zu fluchen«, fügte Andrew noch hinzu.

Wadkins »rechte Hand« war Sergej Lebie, ein kahlköpfiger, immer gut angezogener Jugoslawe mit einem schwarzen Spitzbart, der ihn wie einen Mephisto im Anzug wirken ließ. Andrew sagte, daß er Männern, die so auf ihr Aussehen bedacht seien, normalerweise immer mit großer Skepsis begegne: »Aber Lebie ist eigentlich kein Dressman, er nimmt das nur sehr genau. Unter anderem hat er die Marotte, seine Nägel zu begutachten, wenn jemand mit ihm spricht, aber das ist nicht arrogant gemeint. Und nach jeder Lunchpause putzt er seine Schuhe. Und erwarte bloß nicht, daß er viel redet, weder über sich selbst noch über sonst irgend etwas.«

Der jüngste im Team war Yong Sue, ein kleiner, spindeldürrer sympathischer Kerl, der immer ein Lächeln am Ende seines dünnen Vogelhalses spazierenführte. Yong Sues Familie war vor dreißig Jahren von China nach Australien gekommen. Vor zehn Jahren, Yong Sue war damals neunzehn, reisten seine Eltern für einen Besuch zurück nach China. Sie kamen nie wieder zurück. Der Großvater meinte, daß sein Sohn in etwas »Politisches« involviert gewesen sei, aber er wollte der Sache nicht nachgehen. Sue hatte nie herausgefunden, was wirklich geschehen war. Jetzt mußte er sich um die Großeltern und zwei jüngere Geschwister kümmern, arbeitete zwölf Stunden am Tag und lächelte mindestens zehn davon. ›Wenn du einen schlechten Witz weißt, erzähl ihn Sue, er lacht über alles,‹ hatte Andrew gesagt. Jetzt waren alle in einem winzigen, engen Zimmer versammelt, in dem ein jammernder Eckventilator für eine gewisse Luftbewegung sorgte. Wadkins stand vorne vor einer Tafel und stellte Harry vor.

»Unser norwegischer Kollege hat den Brief übersetzt, den wir in Ingers Wohnung gefunden haben. Können Sie uns dazu etwas Interessantes sagen, Hole?«

»Ho-li!«

» Sorry, Holy.«

»Nun, sie hatte anscheinend gerade ein Verhältnis mit einem Mann namens Evans begonnen. Ausgehend von dem, was in dem Brief stand, ist anzunehmen, daß es sich bei dem Mann auf dem Foto über dem Schreibtisch um ihn handelt.«

»Wir haben das überprüft«, sagte Lebie. »Wir glauben, es ist Evans White.«

»Ach ja?« Wadkins hob die eine Augenbraue leicht an.

»Viel wissen wir nicht über ihn. Seine Eltern kamen Ende der sechziger Jahre aus den USA hierher und bekamen eine Aufenthaltsgenehmigung. Das war damals kein Problem«, fügte Lebie erklärend hinzu.