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»… dass ein Mann einen Mann liebt, eine Frau eine Frau, ein Mann als Frau einen Mann, ein Mann als Frau eine Frau, ein Mann eine Frau als Mann, eine Frau als Mann eine Frau, oder eine Frau einen Mann als Frau …« Der junge Privatdozent für Theaterwissenschaft Dr. Hartmut Frohmann hat ein einziges Ziel: Er will Professor werden. Doch alle seine Bewerbungen scheitern. Was läuft schief? Liegt es an der Frauenquote oder an seiner Persönlichkeit? Der »tragische Held« dieses Campus-Romans mit queeren Momenten ist von vielen Antagonisten umgeben, fühlt sich umzingelt, in die Enge getrieben, vom System verraten – ein Opfer einer paranoiden Spirale, aus der es scheinbar kein Entrinnen gibt. Wird sein Geliebter, der erfolgreiche Berliner Galerist Fred Grohé, für ihn über Leichen oder gar er selbst bis zum Äußersten gehen? Der Frauenbeauftragte ist ein Berlin-Krimi mit einem perfekten Verbrechen und tragischen Elementen, aber auch ein unterhaltsamer Roman voller satirischer, grotesker, ironischer Wendungen und Anspielungen auf den akademischen Wissenschaftsbetrieb und die Gender-Debatte.
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Seitenzahl: 311
Veröffentlichungsjahr: 2024
Kim Wakker (*1981) studierte Theaterwissenschaft und Psychologie, lebt in Berlin und arbeitet im Coaching- und Medienbereich.
Kim Wakker
Ein queerer Campus-Krimi
Alexander Verlag Berlin –ein unabhängiger Verlag seit 1983
© Alexander Verlag Berlin 2024
Alexander Wewerka, Fredericiastr. 8, D-14050 Berlin
www.alexander-verlag.com | [email protected]
Alle Rechte vorbehalten.
Satz und Umschlaggestaltung: Antje Wewerka
ISBN 978-3-89581-619-2
» … und deshalb, meine Damen und Herren, haben wir es, wie ich zu zeigen versucht habe, in dieser Tragödie nicht nur mit dem Ödipuskomplex und Vatermord, sondern vielmehr auch mit dem Elektrakomplex und Muttermord zu tun. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Geduld.«
Dr. Hartmut Frohmann betont die letzten Sätze seines Bewerbungsvortrags im vollbesetzten Hörsaal im Hauptgebäude der Ludwig-Maximilians-Universität München, setzt den Schlussakkord mit Pathos.
Nach dem Vortrag langanhaltender Applaus, standing ovations wie bei einem Star. Hartmut Frohmann sieht auch aus wie ein junger Star: smart, flotter Kurzhaarschnitt, Dreitagebart, gewinnendes Lächeln, schickes Outfit. Ein Autorität ausstrahlender älterer Professor, offenbar der Dekan und gottähnlicher Ordinarius, geht nach vorn zum Rednerpult, legt ihm die rechte Hand auf die Schulter:
»Genau so habe ich mir das vorgestellt, Herr Dr. Frohmann. Ihr Vortrag war exzellent, Ihre Präsentation war exzellent, Sie wirkten sehr souverän und überzeugend, nicht nur in Ihrer Argumentation, sondern auch persönlich als Wissenschaftler.« Leise: »Entre nous: Ich bin sicher, Ihrer Ernennung zum Professor steht nichts mehr im Wege. Sie haben Ihre Mitkonkurrenten und vor allem Konkurrentinnen weit hinter sich gelassen. Sie waren mit Abstand der beste Kandidat. Den Sieg kann Ihnen keiner mehr nehmen. Das müsste ja mit dem Teufel zugehen.«
Weibliche Studierende überreichen Hartmut Frohmann rote Rosen.
*
Ein paar Wochen später im nebelgrauen Berliner November.
Wie jeden Morgen lesen Hartmut Frohmann und sein Partner Fred Grohé im Bett zum ersten Kaffee den Tagesspiegel, egal, wo sie übernachten. Heute sind sie im Hinterhof Parterre rechts in der Pestalozzistraße aufgewacht. Auf Hartmuts Schaumstoffmatratze. Eine Reliquie ihrer ersten Liebesnacht. Hier wollten sie einmal gemeinsam sterben. Das ist lange her. Inzwischen wird auf dem Schaumstoff weniger gemeinsam geliebt als vielmehr Kaffee getrunken und gelesen.
Als Verächter der Alltagskultur vertieft sich Hartmut wie immer zuerst ins Feuilleton, dann in den Wissenschaftsteil. Fred erfreut sich an Mord und Totschlag aus aller Welt, am Sonntag an den Todesanzeigen. Und heute ist Sonntag. Es könnte ja sein, dass jemand dabei ist, den man kennt. Mit wohligem Schauer rechnet er Lebensdaten aus: »Einundneunzig, dreiundvierzig, achtundzwanzig. So jung! Mein Gott, wie schnell alles geht. Ich sage dir, mein Schatz, man muss das Leben genießen.« Er stopft sich eine Kokosmakrone in den Mund und redet kauend weiter: »Schon wieder mehr tote Männer. Das ist ungerecht! Widerliche Witwen. Haben keinen Finger krumm gemacht und kassieren jahrelang die Rente ihrer Männer. Und du kriegst keinen Job, als kerngesunder junger Mann!«
Er fasst unter der Bettdecke an Hartmuts knackige Schenkel. Der quält sich dreimal wöchentlich im Fitness-Studio. Für Fred. Für die Karriere. Umsonst.
Freds Erotik ist die des Geldes! Er stopft sich Marzipanriegel, Mandelhörnchen und Liebesknochen rein, nimmt kein Gramm zu und platzt vor Selbstbewusstsein. Armer Hartmut, Privatdozent der Theaterwissenschaft. Zu jung für einen Lehrstuhl, zu alt für eine Juniorprofessur. Zehn Bewerbungsvorträge, zehn Absagen in Folge. Immer ein zweiter Platz. Immer eine Frau auf Platz eins. Das ist ungerecht. Aber vielleicht hat es ja diesmal geklappt, in München.
Fred jauchzt:
»Die Schuldt-Meißner ist gestorben. Ist das nicht die Gender-Tussi in Gießen?«
»Ich würde gerne mit ihr tauschen.«
»In deinem Alter denkt man ans aktive, nicht ans passive Sterben. Du solltest ihr auf Knien danken. Wieder eine weniger. Toll!«
Fred leckt die Finger ab, liest laut:
»Wir sind bestürzt über das plötzliche Ableben von Frau Prof. Dr. Elisabeth Schuldt-Meißner, eine bei Kolleginnen und Kollegen wie Studierenden und in internationalen Fachkreisen gleichermaßen hoch geschätzte und beliebte Wissenschaftlerin.
In tiefer Trauer: Die Präsidentin, die Dekanin des Fachbereichs, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft, die Gleichstellungsbeauftragte, die Fachschaft …«
Fred: »Woran ist die denn gestorben? Die war doch noch gar nicht so alt. Na ja, vielleicht hat ja jemand nachgeholfen.«
»Verdient hätte sie es jedenfalls!«
»Du musst dich sofort auf die Nachfolge von der Schuldt-Meißner bewerben. In so einem Provinzkaff hast selbst du Chancen, Professor zu werden! Eine Vorlesung über die Vagina-Monologe kriegst du allemal hin, ist doch sowieso dein Thema!«
Hartmut kneift die Lippen zusammen, versucht, sich auf einen Artikel zu konzentrieren, einen anthropologiekritischen Essay, der unter dem Titel Tierische Liebe behauptet, es sei ein Irrtum anzunehmen, sodomitische weibliche Sexualphantasien seien vorwiegend auf Schäferhund-Rüden ausgerichtet.
Fred überfliegt inzwischen die Dax-Entwicklung der vergangenen fünf Handelstage. »Sag mal, was war eigentlich gestern Abend los? Wieder tote Hose. Wieder wegen der Frauenquote? Lange mache ich das nicht mehr mit. Ich lasse mir doch von den Quoten-Tussis nicht den Sex versauen!«
»Deine frauenfeindlichen Sprüche helfen mir auch nicht weiter. Würdest du mich bitte in Ruhe lesen lassen!«
»Wir sollten lieber einen Champagner köpfen. Eine Flasche Champagner auf jede tote Professorin!«
»Fred, warum tust du mir weh? Es geht mir schon schlecht genug!« Hartmut lässt die Zeitung sinken, schließt die Augen.
»Du hast heute Nacht im Traum geschrien! Was ist los?«
Hartmut knirscht leise: »Ich habe nicht geschrien!«
»Das weiß du doch gar nicht. Natürlich hast du geschrien! Ich bin davon aufgewacht!«
»Wenn es dich stört, kann ja ich im Flur schlafen.«
»Hast du schlecht geträumt? Sag schon! Erzähl mir den Traum!« Fred legt den Arm um Hartmut, zieht ihn gegen seinen Widerstand fest an sich.
Hartmut schluchzt: »Es ist immer das Gleiche. Ich sehe mich in einem Auto sitzen, und das Auto rast auf eine Wand zu. Und alle anderen überholen mich.«
Fred tätschelt ihn: »Dann knallen sie ja auch vor dir an die Wand.«
»Ich weiß nicht mehr weiter. Ich wollte so viel machen. Ich hatte so viel vor … Ich kann nicht mehr … Ich lasse mir das nicht länger gefallen!«
»Höchste Zeit! Was willst du tun?«
»Ich weiß es nicht! Sag du mir, was ich tun soll!«
»Du musst zurückbeißen. Wie ein Hund. Du musst sie wegbeißen. Wenn du es nicht tust, tue ich es. Ich werde nicht zulassen, dass die Amazonen dich fertigmachen.«
»Du kannst mir auch nicht helfen. Keiner hilft mir.«
Sie liegen ein paar Minuten schweigend nebeneinander. Schließlich steht Hartmut deprimiert auf: »Ich gehe jetzt joggen!«
Er rafft T-Shirt, Slip, Socken, Hose zusammen, die verstreut auf dem Boden herumliegen, zieht sich an.
Fred legt sich Hartmuts Federkissen in den Nacken, sein Blick schweift durch die grauen Fenster in den trüben Sonntagmorgen hinaus, er spricht vor sich hin: »In tiefer Trauer … die Mitarbeiterinnen … die Gleichstellungsbeauftragte … Was ist aus meinem hübschen Blondschopf mit der Stupsnase geworden? Ein verbitterter Verlierer! Die Frauen sind an allem schuld. Das darf nicht sein. Ich lasse mir doch von denen nicht unsere Liebe zerstören.«
Fred hat weder Lust noch Zeit für Depressionen. Sein Motto lautet: »Mir geht es gut, mir geht es besser, mir geht es blendend! Fünfundvierzig Jahre rosa Zeiten! Das Leben ist ein Programm. Goldener Morgen ohne Sorgen.« Er springt auf, schlüpft in seinen weinroten Frotteebademantel und begibt sich in die kleine Küche, um das Frühstück vorzubereiten. Viel vorzubereiten gibt es nicht, denn in Hartmuts Kühlschrank grünen nur drei Scheiben ungarische Salami vor sich hin. Immerhin haben die mistverklebten Eier vom Ökohof ihr Haltbarkeitsdatum noch nicht überschritten, der Butterrest glänzt zwar zitronengelb, riecht aber nicht ranzig. Im Gemüsefach verschrumpeln angeknabberte Mohrrüben und Radieschen.
Fred trällert: »Baby, lock the door and turn the lights down low …«
*
Die Wohnungstür fällt krachend ins Schloss. Fred, der gerade die wachsweichen Eier unter kaltem Wasser abschreckt, zuckt zusammen. Hartmut streift die Turnschuhe von den Füßen, schleudert sie durch den Flur, läuft in sein Wohn-Arbeitszimmer – Wohnen und Arbeiten sind auch ideologisch für ihn eins, beziehungsweise wüsste er gar nicht, wie er sie in seiner Besessenheit trennen sollte –, zerrt sich das schweißdurchtränkte Polohemd vom Leib, reißt das Fenster auf und hyperventiliert. Aha, wieder mal schlechte Gedanken.
Fred zieht den Gürtel seines Bademantels enger zusammen, stürzt zum Fenster und schließt es wieder.
»Mein Schatz, du erkältest dich! Du musst dich warmhalten!«
Dann drapiert er die Kaiserbrötchen, die Hartmut auf dem Rückweg vom Joggen mitgebracht hat, auf den letzten Untertassen von Hartmuts geerbtem Hutschenreuther-Geschirr.
Hartmut steht mitten im Raum und stampft mit dem Fuß auf: »Dieses Biest! Diese Mistkuh!« Fred würde ihm jetzt am liebsten den Schweiß von der Stirn und der glänzenden Brust ablecken, so sexy findet er Hartmut, wenn er zornig ist, aber das lässt er in dieser Situation besser bleiben. So tropft Hartmuts Schweiß vom Gesicht auf den Parkettboden. Fred entdeckt den aufgerissenen Briefumschlag, den Hartmut wütend auf den Boden geworfen hat. Also wohl wieder eine Absage. Die wievielte? Fred hebt den Brief auf und legt ihn auf den Schreibtisch: »Lag der heute im Briefkasten, am Sonntag?«
Hartmut steht mit vor der Brust verschränkten Armen mitten im Raum und starrt ins Leere. »Ich habe geahnt, was drinsteht. Jetzt hat diese widerliche Kuh mir auch noch München weggeschnappt!«
Fred liest:
Absender: Prof. Dr. Archibald Hoffmann,
Ludwig-Maximilians-Universität München.
Sehr geehrter Herr Dr. Frohmann,
das Bewerbungsverfahren für die Professur – W3 – Theaterwissenschaft ist nun abgeschlossen. Der Ruf ist inzwischen an Frau Prof. Dr. Heidelind Hausinger ergangen. Auf Platz zwei hat die Berufungskommission Dr. Elke Fletscher gesetzt.
Ich freue mich aber, Ihnen mitteilen zu können, dass die Berufungskommission Sie auf Listenplatz drei gesetzt hat.
Ich danke Ihnen noch einmal für Ihre Bewerbung und Ihr Interesse, an unserer Universität zu arbeiten, und wünsche Ihnen alles erdenklich Gute auf Ihrem weiteren Lebensweg.
Mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Archibald Hoffmann
Vorsitzender der Berufungskommission
P.S.: Ihre Bewerbungsunterlagen gehen mit gesonderter Post an Sie zurück.
»Vielleicht nimmt sie den Ruf nach München nicht an. Hat die sich nicht auch in Berlin beworben?«
Freds beruhigende Stimme macht Hartmut noch aggressiver. »Was verstehst du als Kunsthändler davon! Dann kriegt die Fletscher die Stelle! Auch nicht habilitiert!«
»Vielleicht wird sie von der Straßenbahn überfahren! Manchmal hat das Schicksal ein Einsehen! Jetzt komm erst mal frühstücken, mein Schatz.«
Fred geht in die Küche, kommt mit einer Flasche Champagner zurück, der einzige Luxus, der in Hartmuts Wohnung immer auf ihn wartet. Mit der rechten Hand schwingt Fred ein verrostetes Fleischermesser, das er in einer Küchenschublade gefunden hat.
»Pass auf, mein Schatz! So macht man das.« Mit einem Hieb köpft er die Champagnerflasche mit einem glatten Schnitt knapp unterhalb des Korkens. Hartmut dreht sich weg. Der Champagner sprudelt auf seinen Rücken.
»Angenehme Reise, Frau Professor Schuldt-Meißner! Jede tote Professorin ist eine gute Professorin! Los, trink! Du hast keine Chance. Nutze sie!«
Hartmut ignoriert die Champagnerschale, die ihm Fred entgegenstreckt: »Warum muss die Hausinger sich auch noch in München bewerben! Die ist doch versorgt! An der Uni Mainz! Rheinland-pfälzische Beamtin auf Lebenszeit.«
»Sie ist halt eine Karrierefrau!«
»Die geht über Leichen!«
»Du duschst jetzt, und dann frühstücken wir!«
»Mir ist der Appetit vergangen.« Er stampft wieder mit dem Fuß auf. »Was tun die mir denn noch alles an!«
Fred klopft sein Ei auf, löffelt es seelenruhig. Egal, wie dürftig das Frühstück bei Hartmut ist, Fred will es sich nicht vermiesen lassen. »Ich muss gleich zum Flughafen. Heute fliegt eine Tunte aus Texas ein. Will eines von diesen Dackelbildern von David Hockney kaufen. Als Geschenk für Elton Johns Jagdhütte. Da sind sie genau richtig. Das nenne ich ›Kapitalistischen Realismus‹! Wie hieß das berühmte Stück von Botho Strauß noch, wo dem Galeristen untersagt wurde, eine Ausstellung untr dem Titel ›Kapitalistischer Realismus‹ zu zeigen? Das müsstest du als Theaterwissenschaftler eigentlich wissen!«
Hartmut starrt weiter abwesend vor sich hin. »Jeder Gang zum Briefkasten eine enttäuschte Hoffnung! Dieses Miststück hat mir schon die Stelle in Mainz weggenommen. Jetzt auch noch München! Es reicht!«
»Was ist denn jetzt noch offen? Wo hast du dich noch beworben?« Fred nimmt einen Schluck Orangensaft, den er mühsam von Hand gepresst hat. Es lohnt nicht, eine elektrische Orangenpresse zu kaufen. In zwei Tagen wäre sie in diesem Intellektuellen-Haushalt Schrott.
Hartmut aggressiv: »Hildesheim.«
»Why not Hildesheim? Lehrstuhl ist Lehnstuhl!«
Hartmut rutscht immer mehr in die Depression. »Ich kriege die Stelle ja sowieso nicht.«
»Warum hast du dich dann beworben?«
Hartmut ringt nach Luft: »Was soll ich denn machen!?«
»Ist da nicht der Steinbrecher Ordinarius, diese alte Ledertrine? Der setzt sich bestimmt für dich ein, wenn er in der Berufungskommission ist.«
»Der tut bestimmt nichts für mich. Wieder so eine Scheinausschreibung. Die haben bestimmt schon einen Favoriten, eine Favoritin natürlich, weil es dann Gelder aus dem Frauentopf gibt.«
»Und ziehen den Schwanz ein, wenn’s hart auf hart geht. Wie alle Trinen. Was ist denn mit Berlin?«
Hartmut senkt den Kopf. »Hier will mich doch keiner!«
»Verstehe ich nicht. Du vertrittst die Stelle doch schon seit ewigen Zeiten.«
»Das zählt nicht. Ich kann so viel arbeiten wie ich will, tolle Seminare anbieten, jedes Semester eine neue Vorlesung halten. Überall sitzen Spione, die mich beobachten und verleumden. Und die alten Linken kassieren jeden Monat achttausend Euro und halten Kofferpredigten. Und außerdem wollen sie die Hausinger.«
»Ist das wieder die aus Mainz? Die verfolgt dich ja überallhin! Das muss ja eine tolle Frau sein! Ist sie wenigstens hübsch?«
»Hör auf! Ich weiß es nicht, ist mir auch egal. Ich gehe jetzt duschen.« Fred ruft ihm ins Bad nach: »Man muss verhindern, dass sie nach Berlin kommt. Dann kriegst du die Stelle. So einfach ist das. Du hast doch Heimvorteil!«
Aus der Dusche hallt es kläglich zurück: »Heimnachteil! Du hast keine Ahnung! Mich will doch keiner!«
»Idiot! So kriegst du natürlich keine Stelle.« Fred wird wütend. Er wischt sich den Mund mit einem Fetzen Haushaltsrolle ab, Servietten gibt es nicht. »Schau in den Spiegel! Man sieht dir den Loser schon von Weitem an. Da hilft auch kein Joggen! Ich würde dich auch nicht in meiner Galerie einstellen. Dein Gesicht ist geschäftsschädigend! Du musst strahlen, Optimismus verbreiten! Du musst kämpfen! Kämpfen! Mit allen Mitteln!«
Fred leert sein Champagnerglas, steht auf. Hartmut kommt klitschnass aus der Dusche. Er trocknet sich meist nicht ab, es trocknet ja von alleine.
Fred euphorisch: »Zeig es den Ladys!«
»Wie denn?«
»Du musst einfach besser sein! Oder kreativ sein! Lass dir etwas einfallen, wie du sie verhindern kannst! ›Corriger la fortune!‹«
»Wenn sie nicht kommt, kommt eine andere.« Fred wischt Hartmut mit dem Mittelfinger den Rasierschaum aus den Ohren.
»Warum kastrierst du dich selbst? Der Dreitagebart stand dir besser. Da wirkst du männlicher. Als Model hättest du keine Probleme. Warum musst du auch so einen Scheißberuf wie Theaterwissenschaft haben. Bei deinem Aussehen, deiner Figur! ›Theaterwissenschaftler‹! Mit diesen versoffenen Genies kannst du die Straße pflastern! Jeder zweite Berliner Taxifahrer ist Theaterwissenschaftler! Und alle hoffen auf den deus ex machina! So läuft das nicht. Dann muss man eben etwas anderes machen. Wenn der Staat dir keine Stelle bietet, dann musst du sie dir selbst schaffen! Sieh mich an. Ich habe zwar auch so einen Quatsch studiert: Kunstgeschichte! Aber ich habe mein Schicksal selbst in die Hand genommen. Ich bin heute einer der führenden Galeristen der Hauptstadt, ganz Deutschlands, mit weltweiten Kontakten. Ich bin eben ein Macher!«
Hartmut steht nackt und noch immer tropfnass vor seinen Regalen und zieht Bücher heraus, stapelt sie auf den Schreibtisch. Fred zieht sich an, ohne zu duschen, das kann er eventuell heute Nachmittag nachholen, falls er nach erfolgreichem Geschäftsabschluss zur Feier des Tages noch einen Abstecher in eine Sauna unternimmt. Er ›leiht‹ sich bei Hartmut Boxershorts und ein hellblaues Baumwollhemd – hat alles er ihm geschenkt – und steigt in seinen leicht zerknitterten Markenanzug. Zum Schluss vergreift er sich noch an Hartmuts ungeöffnetem Image-Eau de Toilette. Das hat auch er ihm geschenkt. Hartmut kniet, noch immer nackt, auf dem Boden und packt Bücher, Mappen und Dokumente in Klarsichthüllen in ein gelbes Postpaket. Der uralte Tintenstrahldrucker druckt Briefe aus.
»Hältst du bitte mal den Finger auf die Schnur!«
Fred steht im Türrahmen: »Musst du deinem Doktor-Papi wieder irgendwelche Bücher hinterhertragen? Kann dieser blöde Erfurt seinen Mist nicht allein erledigen? Du bist ein Masochist. Der geborene Assistent! Das Parkett müsste auch neu lackiert werden. Ich werde mich doch mit meiner eleganten Hose nicht auf deinen schmutzigen Boden knien.«
»Es sind Bewerbungsunterlagen. Hildesheim hat meine Schriften angefordert.«
»Oh, Licht am Horizont!«
»Ich wäre selbst mit einer kleinen Stelle zufrieden. Akademischer Rat, Lehrkraft für besondere Aufgaben oder so. Hältst du bitte mal den Finger drauf! Aber sie muss auf Lebenszeit sein.« Fred zieht einen Freischwinger heran, beugt sich sitzend hinunter.
»Lebenszeit, was ist das schon … Hier müsste mal wieder geputzt werden. Soll ich dir einen Nackt-Putzer schicken?«
»Ich kann mir in meiner Situation keine Putzfrau leisten! Ich werde selbst putzen gehen müssen!«
Fred verdreht die Augen: »Jetzt kommt die Elendsnummer! Du armer Junge!«
Hartmut beginnt zu schreien: »So sieht deine Hilfe aus! Ich lasse mir von niemandem sagen, was ich zu tun oder zu lassen habe. Ich weiß, was ich will! Geh endlich!«
Fred steht auf, zieht die Hose glatt: »Du willst dir ja nicht helfen lassen. Sag mir, was ich tun soll, ich tue es für dich.«
»Die Hausinger! Die will mich fertigmachen! Die hasst mich!«
»Du bist paranoid, mein Schatz! Du zitterst ja.« Fred will Hartmut, der weiter auf dem Boden kniet, den Rücken streicheln. Hartmut schüttelt ihn ab.
»Die Ha …, die Hausinger. Die, die hat mich auf dem Gewissen!«
»Du solltest dir Betablocker verschreiben lassen!«
Hartmut steht der Schaum in den Mundwinkeln: »Ich brauche keine Betablocker. Ich brauche einen Frauen-Blocker!« Fred geht in den Flur, nimmt seinen anthrazitgrauen zweireihigen Kaschmir-Wintermantel von der Garderobe und zieht leise die Wohnungstür hinter sich zu.
*
Die Theaterwissenschafts-Professoren der Freien Universität Schuster und Schwegler speisen heute in der Mensa der Humboldt-Universität, sie sind beide in einer Expertenkommission, die seit Monaten immer wieder im Hauptgebäude der HU Unter den Linden tagt. So auch heute, am Dienstag, dem 2. November. Sie haben sich etwas abseits gesetzt, um ungestört lästern zu können.
Prof. Schuster liebt es rustikal und hat Rippchen mit Kraut vor sich, der etwas feinsinnigere Prof. Schwegler Nierchen in Sahnesoße. Prof. Schwegler atmet tief ein: »Die Humboldt-Universität ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Wo ist der alte Ostmief aus Küchendunst und Desinfektionsmittel, den wir früher so geliebt haben? Aus und vorbei! Keine Professorenkantine mehr mit eingedeckten Tischen, Personal ohne Ende! Rotkäppchen und Wodka ohne Ende! Stattdessen Selbstbedienung, mit Krethi und Plethi an der Theke Schlange stehen!«
Prof. Schuster geheimnisvoll: »Patricia Wolff war bei mir in der Sprechstunde.«
Der fidele schlohweiße Prof. Schwegler klopft sich die Schuppen von seinem schwarzen zweireihigen Jackett: »Ich wittere Gefahr! Was wollte sie denn?«
»Sie hat sich auf die Menninger-Nachfolge beworben.«
»Hausbewerbungen sind untersagt, Herr Kollege!«
»Deshalb habe ich ihr ja auch einen Lehrauftrag an der Humboldt-Uni verschafft. Dieses Semester macht sie nichts bei uns an der FU. Also kann sie sich bewerben!«
»Die haben an der Humboldt gar keine Theaterwissenschaft mehr. Die haben wir doch selbst abgewickelt.«
»Deshalb habe ich sie ja auch bei den Gender Studies untergebracht.«
»Du treibst es zu bunt!«
»Sie ist eine Frau! Punkt!« Haut mit der Faust auf den Tisch.
Prof. Schwegler stopft sich ein Nierchen zwischen die Zähne: »Kläre mich auf. Ich kenne deren Innenleben nicht so gut wie du! Ist die habilitiert?« Prof. Schweglers Aussprache ist so flüssig, dass Prof. Schuster, um wieder besseren Durchblick zu haben, seine schwere Hornbrille mit der Krawatte putzt. Anschließend wischt er sich, ebenfalls mit der Krawatte, den Speichel des Kollegen und den eigenen Schweiß von der rot angelaufenen Stirn: »Wieso?«
Prof. Schwegler sprudelt: »Für eine W3-Stelle muss sie habilitiert sein!«
Professor Schuster leckt schwergewichtig seinen gelben Schnurrbart: »Kandidatinnen nicht. Na ja, eigentlich schon. Aber in der Praxis nicht.«
Prof. Schwegler süffisant: »In der Praxis?«
»Gleichwertige Leistungen!«
Prof. Schwegler sticht mit der Gabel in die Luft: »Sie sind überführt! Gestehen Sie! Schildern Sie den Tathergang!« Einige Studierende an einem entfernter stehenden Tisch unterbrechen ihr Gespräch und schauen herüber.
Prof. Schuster säbelt an seinen Rippchen herum: »Du, die hat sich bei mir sofort aufs Sofa gesetzt. Du kennst doch die Sitzgruppe in meinem Büro, das durchgesessene Sofa.«
Prof. Schwegler: »Ich würde eher sagen, durchgelegen!«
Prof. Schuster: »Ich habe ihr den Holzstuhl neben meinem Schreibtisch angeboten. Aber nein, sie will gleich aufs Sofa!« Er wischt sich mit der Krawatte das Fett von den rosigen Lippen: »Da sitzt man ja sehr tief. Man versinkt regelrecht. So dass die Knie fast spitz nach oben stehen. Du verstehst. Und gespreizt. Quasi wie beim Gynäkologen.«
Prof. Schwegler lacht pervers auf: »Ich setze mich nie wieder auf dein Sofa!«
Prof. Schuster stopft sich ein Stück Schwarte in den Mund, das Fett tropft auf den röhrenden Hirsch seiner grünen Stoffkrawatte: »Sie sitzt also vor mir, der Rock rutscht nach oben …« Seine Unterlippe zittert: »Wusstest du, dass die gepierct ist?«
»Ist mir nie aufgefallen. Die ist doch schon über dreißig!«
Prof. Schuster berührt mit dem Doppelkinn fast den Teller: »Du musst genau hinschauen. Unten! Rasiert und gepierct!«
Prof. Schwegler verschluckt sich fast an einem Nierchen, schreit auf vor Erregung: »Nein! Die hatte kein Höschen an!?« Er sackt in sich zusammen: »Warum passiert mir so etwas nie! Auf meinem Sofa sitzen immer nur Graue Panther und Damen aus Zehlendorf, die mit siebzig promovieren wollen, oder ungewaschene Linke aus Friedrichshain-Kreuzberg.« Legt Messer und Gabel nebeneinander auf den Teller zurück. Zieht die Serviette aus dem Hemdkragen.
Prof. Schuster hämisch: »Du brauchst dich nicht zu wundern. Du bietest ja auch nur Seminare zum Bürgerlichen Trauerspiel oder zum Arbeitertheater in der Weimarer Republik an. Du musst dich eben mehr mit der ›Neuen Innerlichkeit‹ beschäftigen. Mach es wie ich: ich biete im Sommersemester ein Oberseminar zur Performation des weiblichen Begehrens an!«
Prof. Schwegler, traurig, klopft sich wieder die Schuppen vom Revers seines Zweireihers, fängt sich aber langsam wieder: »Schusters Perforation.« Er beugt sich über den Tisch: »Weiter: Papa ante Portas, du lagst also auf dem Sofa zwischen ihren Beinen …«
Prof. Schuster lehnt sich zurück, sachlich: »Nein! Niemals mit einer Frau allein im Zimmer! Ich lasse immer die Tür auf.«
»Exhibitionist bist du auch noch!«
»Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste! Nahkampftechnik. Langsam durchs Gebüsch nach vorn robben, verstehst du?«
Prof. Schwegler, depressiv lüstern: »Wie machst du das bloß!?«
Prof. Schuster: »Du willst mich reinlegen! Du alter Fuchs! Ich knalle dich ab!« Schuster schlägt seinem Freund Schwegler auf die Schulter. Singt mit sonorem Bassbariton: »Piff! Paff! Piff! Paff!« Einige Studierende blicken erneut herüber.
Prof. Schuster, wieder ganz sachlich: »Wir machen erst mal ein Arbeitswochenende des Graduiertenkollegs im Kloster Chorin. Mit Kegeln, Waldspaziergängen. Ich erkläre die Natur! Komm doch mit!«
»Du missbrauchst mich als Stimmvieh, damit wir sie zur Anhörung einladen! Das kostet dich ein Jagdwochenende in Wandlitz mit Vollpension und so weiter, du verstehst … Nein, jetzt aber mal im Ernst. Wir müssen genau sortieren, erst einmal sehen, was sonst noch auf den Tisch kommt. Haha! Aber gegen die Hausinger hat deine Kleine sowieso keine Chance, gegen die hat keiner eine Chance!« Er schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch und wiederholt: »Gegen die Hausinger hat keiner eine Chance!«
Prof. Schuster haut mit der Faust auf den Tisch und wird mit jedem Satz lauter: »Diese alte Lesbe! Wenn die die Stelle kriegt, mache ich einen Bums-Streik! Die hat sich doch auch in München beworben! Soll sie doch zu den Bajuwaren gehen!«
Prof. Schwegler schmettert in den Raum: »Eben! Da ist etwas faul im Staate Dänemark! Alarmstufe drei!«
Immer mehr Gäste beobachten schweigend das Professorenduo.
Prof. Schuster brüllt: »Die will uns die Eier abklemmen! Ich brauche einen Underberg!« Er putzt erneut die Brille an seiner Krawatte. Dann raunt er dem Kollegen geheimnisvoll ins Ohr: »Weißt du, wie das ist, wenn man Schmetterlinge im Bauch hat!?«
Prof. Schwegler mit Schnappatmung: »Du hast keine Schmetterlinge im Bauch! Du hast Flausen im Kopf!«
Prof. Schusters Kopf läuft vor Erregung immer röter an: »Die Frauen fliegen auf mich! Ich bin ein womanizer!« Er fingert einen Flachmann aus der Innentasche seines Jacketts und gluckert ihn ex.
Prof. Schwegler blickt um sich, beschwichtigt ihn mit leiser, fester Stimme: »Beherrsch dich! Du bist ein pensionsreifes asshole! Pass bloß auf! Ich kann dich nicht schon wieder decken! Die Frauenbeauftragte hat in einer Besprechung mit dem Dekan Andeutungen gemacht – ich habe es en passant mitbekommen –, du hättest deine Frau unter ihrem Mädchennamen als Doktorvater betreut! Weißt du, was das heißt?«
»Das ist verjährt. Außerdem sind wir längst geschieden.«
»Sei dir da nicht zu sicher. Also, wenn du meinen Rat hören willst: Finger weg von der gepiercten Lady!«
»Du siehst Gespenster! Also, wie machen wir das jetzt? Sag mal, hat der Frohmann in München eine Chance?«
»Keine Ahnung. Ich glaube aber nicht, dass die den haben wollen!«
»Mist! Wenn wir den los wären, könnte ja die Patricia die Stelle vertreten, die der Frohmann gerade vertritt. Dann hätten wir den Fisch schon an der Angel.«
»Ich sehe richtig, wie sich der Angelhaken einhakt! Zack!« Prof. Schwegler lacht lüstern.
Prof. Schuster: »Wie lange läuft denn der Vertrag von dem Warmduscher noch?«
»Höchstens noch dieses Semester. Ich werde mal schnuppern gehen.«
Prof. Schuster brüllt: »Wenn das Weichei sich einklagt, lasse ich mich pensionieren. Pensionieren!« Haut wieder mit der Faust auf den Tisch.
Prof. Schwegler: »Das traut der sich nicht! Nein, also der Frohmann ist harmlos!«
»Unterschätze diese Schwuchteln nicht! Die sind bösartig! Die sind zu allem fähig! Die schieben ihre eigene Mutter in den Ofen!«
Prof. Schwegler kneift die Augen zusammen, beobachtet das aufgedunsene, verschwommene Gesicht des Kollegen: »Nicht der Frohmann.«
»Der klagt sich ein!«
»Da verlasse ich mich auf unseren Justitiar!«
»Der Frohmann macht auf behindert!«
»Wie soll das denn gehen?«
»Als Weichei! Sexually handicapped, oder wie das heißt.«
»Du bist mentally handicapped. Wir kommen zu spät zur Sitzung!« Prof. Schwegler steht auf.
Prof. Schuster haut erneut mit der Faust auf den Tisch: »Den müssen wir loswerden!« Er stemmt sich mühsam am Tisch hoch, Kollege Schwegler hilft ihm in seinen Glockenmantel. Setzt Schuster den Tirolerhut schief auf, klopft sich fidel ein letztes Mal die Schuppen vom Kragen, schlüpft in seinen braunen Kamelhaarmantel.
Prof. Schuster mit einer wegwerfenden Handbewegung beim Hinausgehen: »Frohmann muss weg. Und die Hausinger gleich mit!«
»Du, der Fall Frohmann erledigt sich von alleine. Wenn es Schwierigkeiten gibt, schreiben wir einfach ins Gutachten ›labil und sensibel‹. Jeder weiß, was gemeint ist. Und: ›wissenschaftlich und didaktisch hat er die in ihn gesetzten hohen Erwartungen leider nicht erfüllt‹! Da soll uns erst mal einer das Gegenteil beweisen. Bei der Hausinger wird das nicht so einfach gehen. Auf in den Kampf!«
*
Schon wieder eine Prüfung! Mittwoch, 3. November, Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität, Büro Prof. Dr. Schuster. Der gewichtige Ordinarius sitzt breitbeinig im Sessel seiner IKEA-Sitzgruppe, die er selbst finanziert hat, weil die FU für solchen Luxus keine Mittel mehr bereitstellen kann. Man will es ja bequem haben, Schuster fühlt sich in der Uni wie zu Hause. Sein glänzendes rosiges Gesicht mit den geplatzten Äderchen auf Nase und Wangen verdampft ein süßliches Rasierwasser, von dem Hartmut Frohmann, der schon wieder Protokoll führen muss, übel wird. Prof. Schuster wirkt sehr aufgeräumt, es ist ja auch noch früh am Morgen, die Sonne scheint kalt. Er trägt ein gebügeltes blau-gelb-kariertes Flanellhemd mit erbsensuppenfarbener schmaler Lederkrawatte, ein Lederwestchen, das am Bauch spannt, senffarbene Cordjeans und Budapester Schuhe.
Für die Prüfung hat Hartmut Frohmann ein weißes Hemd angezogen, zwar ungebügelt, aber mit einer zum anthrazitfarbenen Jackett passenden anthrazitfarbenen breiten Baumwollkrawatte. Er weiß nicht, dass er sündhaft teure Markenartikel trägt, es ist ihm auch egal. Der Krawattenknoten ist natürlich misslungen, weil er nicht bei Fred übernachtet hat, der ihm sonst immer die Krawatte bindet. Hartmut Frohmanns Aftershave hat gegen Prof. Schusters süßliches Rasierwasser keine Chance.
Hartmut Frohmann sitzt auf Schusters Drehstuhl am Schreibtisch vor dem Fenster, mit dem Rücken zu Schuster. So muss er den widerlichen Fettsack mit dem gelben Haar und buschigen gelbgrauen Schnurrbart zumindest nicht die ganze Zeit sehen. Hartmut Frohmann schiebt, um Platz zum Schreiben zu haben, vorsichtig Aktenberge zur Seite. Auf der obenauf liegenden Mappe steht: Abteilung I → Prof. Schuster, und mit schwarzem Filzstift, unterstrichen und mit Ausrufezeichen, ›Vertraulich!‹. Prof. Schuster ist so sehr damit beschäftigt, sich auf die Kandidatin einzustimmen, dass er nicht bemerkt, wie Hartmut Frohmann vorsichtig den Deckel der Mappe anhebt: »Unterlagen Frohmann!« Ihn durchzuckt ein Stich im Solarplexus.
Prof. Schuster: »Na, meine Hübsche, was prüfen wir denn heute?« Er drückt seine schwere Hornbrille an die Nasenwurzel und wandert mit seinen Vampiraugen vom flauschigen roten Rollkragenpulli der Kandidatin, die ihm wie eine Flugbegleiterin mit eingezogenem Bauch und abgewinkelten Beinen auf dem Sofa schräg gegenübersitzt, über den grauen Mini-Seidenrock hinunter zu den silbrig changierenden grauen Seidenstrümpfen und wieder zurück. Die Kandidatin lächelt ängstlich. Schuster deutet mit einer seitlichen Kopfbewegung auf Hartmut Frohmann: »Das ist der Unter- beziehungsweise Oberassistent Frohmann, ich weiß das nie so genau. Er wird heute Protokoll führen. Also, haben Sie keine Angst, wir machen das schon. Und wie heißen Sie?«
»Beatrice Page.«
»Schöner Name! Französisch?«
Die Kandidatin haucht: »Genau.«
Prof. Schuster grinst breit: »Wieso kenne ich Sie eigentlich nicht?«
»Ich war in Ihrer Vorlesung!«
»Sie schwindeln!« Lacht. »Sie wären mir aufgefallen.«
»Ich war auch bei Herrn Professor Frohmann!«
»Doktor Frohmann. Professor will er ja erst noch werden. Das ist ein steiniger Weg. Wenn er das schafft, ist er eine gute Partie, wäre er eine gute Partie.«
Hartmut wendet sich um: »Ich kenne Frau Page aus dem Fleißer-Seminar.«
»Na sehen Sie, Sie sind sogar dem Herrn Frohmann aufgefallen! Frohmann, lesen Sie mal die Prüfungsthemen vor.«
»1. Thema: Das Theater der Aufklärung. 2. Thema: Johann Kresniks ›Choreographisches Theater‹ am Beispiel von Ulrike Meinhof. Es handelt sich um eine Prüfung ›Magister-Nebenfach‹ nach der alten Prüfungsordnung mit Sondergenehmigung. Das heißt, 15 Minuten für jedes Thema.
Ich notiere als Prüfungsbeginn 10 Uhr 37.«
Prof. Schuster: »Na ja, aufgeklärt sind wir ja nun. Beginnen wir mit dem 2. Thema. Wer war denn Frida Kahlo?«
Die Kandidatin: »Frida Kahlo … Das habe ich nicht vorbereitet. Mein Thema ist eigentlich Ulrike Meinhof.«
»Was? Sie kennen Frida Kahlo nicht? Ich frage Sie, wer war Frida Kahlo? Ihr Thema ist Johann Kresnik, und Sie kennen Frida Kahlo nicht. Ich bitte Sie! Das war die Frau von Diego de Rivera. Schon mal gehört? Nein? Das war ein berühmter mexikanischer Maler, ein M u r a l i s t, mit ›u‹ geschrieben, nicht mit ›o‹. Das hat mit Moral nichts zu tun! Rein gar nichts! Der hat, wie der Name schon sagt, Wände bemalt, und zwar mit Revolutionsthemen. Und er hatte ein Verhältnis mit seiner Schwägerin. Sie sehen ihr sogar ähnlich! Sie könnten Mexikanerin sein! Und Frida Kahlo wiederum hatte ein Verhältnis mit einem, der dort in Mexiko im Exil war, nämlich mit wem? Na? Mit Trotzki! Obwohl sie behindert war. Nach einem Verkehrsunfall im zarten Mädchenalter. Sie war von einer Straßenbahn überrollt worden. Das wissen Sie alles nicht?! Doch, Sie wissen es, ich sehe es Ihnen an. Natürlich kennen Sie die Bilder, die waren doch im Haus am Waldsee ausgestellt, vor ein paar Jahren, diese kitschigen bunten Dinger. Sie erinnern sich doch: Frida Kahlo liegt hingebungsvoll auf der Erde, und Zweige und Äste wachsen aus ihrem Körper …«
Hartmut Frohmann: »Es ist jetzt 10 Uhr 45. Würden Sie bitte Ihre Fragen stellen, Herr Schuster! Die Uhr läuft!«
Prof. Schuster: »Sehen Sie, Dr. Frohmann wird schon ungeduldig!«
Die Kandidatin haucht: »Jetzt fällt es mir wieder ein.«
»Na sehen Sie, Beatrice! Na ja, und Kresnik hat das eben vertanzt. Und nun ist doch die entscheidende Frage: Wie hat er das gemacht? Und genau das will ich von Ihnen wissen! Also die Frage lautet: Mit welchen ästhetischen Mitteln hat Kresnik das Dreiecksverhältnis, vielleicht sollte man sagen, Vierecksverhältnis szenisch umgesetzt, ›geschrieben‹, denn wir sprechen ja heute vom ›szenischen Text‹.«
Die Prüfungskandidatin beißt sich auf die Unterlippe: »Hm …«
Hartmut Frohmann: »Herr Schuster, ich darf daran erinnern, dass das Spezialthema von Frau Page Ulrike Meinhof lautet!«
Prof. Schuster: »Von Ulrike Meinhof, 1990, zu Frida Kahlo, 1992, ist es doch nur ein Katzensprung, da läuft doch eine Entwicklungslinie, nicht wahr, Beatrice?! Man kann ja nicht das eine ohne das andere betrachten. Das eine entwickelt sich aus dem anderen!«
Die Prüfungskandidatin: »Genau. Ulrike Meinhof war ursprünglich auch Künstlerin. Sie stammte aus einer schwäbischen Pastorenfamilie …«
Hartmut Frohmann: »Ich berichtige. Das war Gudrun Ensslin!«
Die Prüfungskandidatin: »Also, sie hatte Geigenunterricht … Und dann hat sie mit dem Schreiben angefangen. Als Journalistin. In der Zeitschrift Konkret. Und dann hat sie den Herausgeber geheiratet und hatte mit ihm zwei Kinder … und dann hat sie den Terroristen Andreas Baader kennengelernt. Oder war es umgekehrt?«
Prof. Schuster: »Na, jedenfalls war sie, wie Sie ganz richtig sagen, den Männern verfallen. Dem Mann schlechthin. Dem Urbild sozusagen, der Virilität. Eine gesunde Hermeneutik ist essentiell! Das wollten Sie doch sagen?«
Die Prüfungskandidatin haucht: »Genau!«
»Richtig! Man darf das Biographische nicht unterschlagen! Nicht wahr, Dr. Frohmann! Das rächt sich später. Und den Geschlechterkampf greift Kresnik nun auf. Und da gibt es doch die Szene, wo der Tänzer namens Siska, glaube ich, der Name trägt nichts zur Bedeutung bei, mit Sonnenbrille und Hut auf dem Kopf, wenn ich mich recht erinnere, den Geigenkasten unter dem Arm, auf der Meinhof herumtrampelt, ziemlich am Anfang, und sie rollt sich immer weg. Das ist eine sehr eindrucksvolle Szene.« Prof. Schuster knetet die Szene in der Luft, sein breiter goldener Ehering blitzt in der Sonne.
Die Prüfungskandidatin haucht: »Er tanzt über Leichen.«
Prof. Schuster strahlt sie an, beugt sich vor: »So ist es! Das haben Sie schön gesagt: Er ›tanzt‹ sozusagen über Leichen!«
Die Prüfungskandidatin: »Über eine ihrer Spaltpersönlichkeiten! Denn gleichzeitig sitzt Ulrike im Schnürboden, mit einer schwarzen Hornbrille, und schreibt auf der Schreibmaschine Texte für die Zeitung, oder Pamphlete …«
»Richtig! Was hat sie denn so geschrieben, die Meinhof?« Er rutscht auf dem Sessel nach vorn, die Hose spannt im Schritt.
»Also zum Beispiel einen Text über Jürgen Bartsch, wo sie halt versucht hat, die soziale Genese einer Deprivation, auch einer sexuellen, nachzuzeichnen!«
»Wunderbar. Das war dieser geistig minderbemittelte Metzger, der Männer abgeschlachtet hat, die er am Bahnhof aufgegabelt hat.«
Hartmut Frohmann: »Entschuldigen Sie, Herr Schuster. Es gibt zwei Fehler zu berichtigen. Erstens: Jürgen Bartsch hatte, so vermutet die Wissenschaft, eine geburtsbedingte Hirnläsion, zweitens war er pädophil. Bitte kommen Sie jetzt zum zweiten Thema. Sie haben die für das erste Thema zur Verfügung stehende Zeit bereits überzogen. Sie haben nur noch vier Minuten.«
»Danke, Herr Kollege! Und wie hat Kresnik dies nun ästhetisch umgesetzt, wenn überhaupt, denn das ist ja nur marginal?«
Die Prüfungskandidatin: »Soweit ich weiß, nicht explizit, eher implizit.«
»So ist es! Er hat es übersetzt, transponiert. Bei Kresnik sind alle Nazis und schwul. Aber die Homosexualität bleibt Metapher, sie bleibt zum Glück draußen! Muss sie auch, denn Baader wird als richtiger Mann dargestellt, als eine Art Identifikationsmodell, wie auch Ulrike Meinhof, obwohl die ja nicht nur in der Realität, sondern auch im Stück potthässlich war.«
Hartmut Frohmann: »Ihre Zeit ist um, Herr Schuster!«
Prof. Schuster: »Eine abschließende Frage noch, Beatrice: Von wem war das Bühnenbild?«
Hartmut Frohmann: »Herr Schuster, reine Wissensfragen sind in der Zwischenprüfung, aber nicht in einer Magisterprüfung gestattet. Magisterprüfungen beinhalten beziehungsweise fordern eine wissenschaftliche Aussprache. Und Sie müssen der Kandidatin Zeit und Gelegenheit zur Reflexion geben!«
Prof. Schuster: »Na denn! Das war’s. Wunderbar! Die Aufklärung können wir uns schenken! Das wissen Sie ohnehin alles! Sie kriegen eine Eins von mir, etwas hinkend, aber eine Eins! Freuen Sie sich! Feiern Sie mit Ihrem Freund? Was machen Sie denn jetzt, ich meine in Zukunft, generell? Jetzt beginnt doch das Leben erst richtig!« Streckt Beatrice Page seine Pranke entgegen. »Herzlichen Glückwunsch!«
Hartmut Frohmann dreht sich um, steht auf: »Herr Kollege Schuster! Die Prüfung ist ungültig! Ad 1: Sie sind verpflichtet, auch das zweite Thema zu prüfen, um der Kandidatin Gelegenheit zu geben, ihre Kenntnisse umfassend unter Beweis stellen zu können. Ad 2: Noten dürfen nicht in Gegenwart der Kandidaten festgelegt werden, sondern nur in geheimer Abstimmung zwischen Prüfer und Zweitprüfer, respektive Protokollantin oder Protokollant.«
Auf Schusters Stirn wachsen Schweißperlen, er läuft rot an.
Hartmut Frohmann fährt ruhig fort: »Ad 3 muss mindestens ein Drittel der Zeit dem Spezialthema gewidmet sein. Ad 4 dürfen Sie der Beantwortung einer Frage nicht vorgreifen. Ad 5, ich sagte es schon, müssen in Magister- wie auch in Promotionsprüfungen wissenschaftlich relevante, also auch theoretische und methodische Fragestellungen behandelt werden. Das können Sie alles in der Prüfungsordnung nachlesen. Im Übrigen kann ich mich auch Ihrer Bewertung nicht anschließen.«
Prof. Schuster, mit roten Flecken am Hals, kreidefressend: »Frau Page, würden Sie bitte einen Moment den Raum verlassen!«
Hartmut Frohmann: »Frau Page hat das Recht, diesem Gespräch im Sinne der Transparenz beizuwohnen. Selbst ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen haben dieses Recht, natürlich auch der Geschäftsführende Direktor oder der Dekan. Sie kann auch die Gleichstellungsbeauftragte dazubitten.«
Die Prüfungskandidatin verlässt zitternd den Raum.
Prof. Schuster steht auf, schnaubt: »Sagen Sie mal, Frohmann, haben Sie nicht mehr alle Tassen im Schrank!? Was fällt Ihnen eigentlich ein, mir in die Parade zu fahren, vor einer Studentin! Wollen Sie mich belehren, wie ich zu prüfen habe? Ich prüfe seit 25 Jahren!«
»Wenn Sie seit 25 Jahren so prüfen, dann sind sämtliche von Ihnen abgenommenen Prüfungen ungültig.«
»Jetzt machen Sie mal halblang! Sie ticken ja nicht mehr richtig! Ich lasse mir doch von Ihnen keinen Nachhilfeunterricht erteilen! Ich lasse mir doch von Ihnen nichts vorschreiben.«
»Ich schreibe Ihnen gar nichts vor. Das tut die Prüfungsordnung. Sie müssen sie nur genau lesen.«
