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Der Hase - ein Held? Es wird erzählt, wie das Langohr, von Natur aus ängstlich, in der Gemeinschaft der großen und kleinen, starken und schwachen Tiere dennoch zu Ansehen gelangt, wie seine klugen und gewitzten Ratschläge helfen, so manchen Streit zu schlichten. Als der Hase sich gar aufmacht und das Wasser zurückholt, empfängt man ihn wie einen Helden. Zwar hat er die eigene Angst besiegt, muss es aber nun lernen, seine Selbstherrlichkeit zu zügeln. In diesem Band finden wir noch eine zweite Tiergeschichte.
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Seitenzahl: 28
Veröffentlichungsjahr: 2023
Hans-Peter David
Der fremde Vogel
ISBN 978-3-96521-872-7 (E-Book)
Das Buch erschien erstmals 1987 in Der Kinderbuchverlag Berlin als Band 182 der Reihe „Die kleinen Trompeterbücher“.
© 2023 EDITION digital Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.edition-digital.de
Keiner beachtete die alte Frau, als sie sich auf dem Weg, der am Kloster vorbeiführte, unserer Gruppe näherte. Ich stand ein wenig abseits, bestimmt wandte sie sich deshalb an mich. Sie streckte mir ein zum Bündel gewickeltes Kopftuch entgegen und sagte einige Worte auf Bulgarisch, die ich nicht verstehen konnte: nur das dreimal wiederholte „Mischelow“ fiel mir auf. Ich schlug die Zipfel des Tuches zurück und sah einen jungen Vogel in die plötzliche Helligkeit blinzeln.
Gerade verkündete der Regisseur, dass die Einstellung „gestorben“ sei, und der Kameramann ergänzte, es sei für weitere Aufnahmen bereits zu dunkel. Um mir die Worte der alten Frau übersetzen zu lassen, holte ich die Dolmetscherin. Beide sprachen miteinander, und ich erfuhr folgenden Sachverhalt:
Die Frau hatte den Vogel drüben im Wald unter einem Baum gefunden, wahrscheinlich war er aus dem Nest gefallen. Sie fragte, ob ich ihn behalten wolle. Ich antwortete nicht, sondern sagte: „Was heißt Mischelow?“
„Bussard, Mischelow heißt Bussard.“
Inzwischen waren einige Kollegen herangetreten und bestaunten den Vogel, den nun ich in den Händen hielt. Einer steckte mir ein Brötchen zu. Ich setzte den Bussard auf die verwitterte Bank und versuchte, zur Kugel geformte Brötchenkrume in seinen Schnabel zu stecken, nicht wissend, was ein Bussard frisst.
Der Aufnahmeleiter kam und forderte alle auf, in die Fahrzeuge zu steigen.
Nicht weit von der Bank lehnte sich ein alter, erfrorener Baum so schräg gegen zwei jüngere Bäume, dass ich ihn, in der einen Hand den Vogel, mich mit der anderen abstützend, erklimmen konnte. Ich setzte den Kleinen auf einen dicken, verdorrten Ast, kletterte wieder hinunter und lief zu dem Bus, wo die Kollegen schon warteten.
„Den holen die Katzen“, sagte der Fahrer, „hättest drauflatschen sollen, das wäre leichter für ihn“.
Die Kollegen stimmten ihm nicht zu, aber eine bessere Lösung wusste keiner.
„Wenn er diese Nacht überlebt, nehm ich ihn mit ins Hotel!“, sagte ich. Wir fuhren ab.
Am nächsten Morgen stand ich um vier Uhr auf, da wir um halb fünf wieder zum Drehen in die Berge fahren wollten. Schon beim Erwachen dachte ich an den Bussard: Würde er noch dort sein? Hatte ihn ein wildes Tier gefressen? War er gar verhungert?
Am Fuß der steilen Bergwände hielten unsere zwei Busse. Den Jeep mussten wir an einer besonders riskanten Stelle schieben. Obwohl er mit Filmmaterial, Requisiten und Verpflegung voll beladen war, trug jeder von uns außerdem ein Gepäckstück. Die Sonne schien noch ohne Kraft, und wir waren bald an dem Kloster angelangt.
Ich wagte nicht, zu den drei Bäumen hinüberzuschauen, bevor ich nahe genug heran war, um zu sehen, ob er noch da war.
Er saß etwas höher, als ich ihn gestern zurückgelassen hatte, und blinzelte mich an. Das hatte ich nicht erwartet. Ich freute mich und war zugleich ein wenig ratlos.
Nachdem ich gemeinsam mit dem Requisiteur und vier Handwerkern die folgenden Einstellungen eingerichtet hatte, ging ich zu unserer Dolmetscherin. „Ich habe gestern überlegt, was ein junger Bussard frisst. Wo bekomme ich hartgekochte Eier her?“
„Geh hinunter ins Dorf, lass dir welche kochen!“, sagte sie.
„So gut ist mein Russisch nicht mehr“, wandte ich ein, „und Bulgarisch kann ich nicht.“
„Ich schreib dir einen Zettel“, sagte sie und holte ein Notizbuch aus ihrer Handtasche. „Wie viele brauchst du?“
