Der Friedhofer - Peter Brand - E-Book

Der Friedhofer E-Book

Peter Brand

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Beschreibung

Eine weibliche Leiche wird östlich des Inns bei Rosenheim gefunden. Da an ihrem Hinterkopf eine Haarsträhne entfernt wurde, gerät die Unfalltheorie ins Wanken. Ein halbes Jahr zuvor entdeckte Kommissar Kreutz nach einem Unfall eines Mountainbikers eine ähnlich ungewöhnlich geschnittene Frisur, wobei vorübergehend der Verdacht auf ein Tötungsdelikt aufkam. Der Mountainbiker war u. a. mit dem Privatdetektiv Michael Warthens befreundet, weshalb der Detektiv damals von Kreutz zu dessen Lebensumständen befragt wurde. Nun hakt Kreutz erneut genauer nach, und auch Michael wird hellhörig: gibt es einen Zusammenhang? Als eine dritte Leiche gefunden wird, der man Haare am Hinterkopf entfernt hat, erhärtet sich die Befürchtung, dass ein Serienmörder sein Unwesen treibt. Welches Motiv treibt ihn an, und welche Rolle spielt dabei ein wertvoller Ring?

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Der Friedhofer

Ein Rosenheim-Krimi

Peter Brand

Wieken-Verlag

Die Deutsche Nationale Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie;Detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.Bilder (c): Cover: Frau am Grab: Susan Cipriano — pixabay.com, Redner: Mohamed Hassan — pixabay.com; Trennbild: Alejandra Jimenez — pixabay.comTitelgestaltung: Martina Sevecke-PohlenWieken-Verlag Martina Sevecke-PohlenFenderstr. 1, 26817 Rhauderfehninfo@ wieken-service.comAll Rights reserved.ISBN E-Book mobi 978-3-943621-84-6ISBN E-Book EPUB 978-3-943621-85-3ISBN Taschenbuch Amazon 978-3-943621-86-0ISBN Taschenbuch Buchhandel 978-3-943621-87-7ISBN gebundene Ausgabe 978-3-943621-88-4(c) 2021

Inhalt

Titelseite

Impressum

Inhalt

Dies ist eine fiktive Geschichte

Motto

1) Pietätvoll

2) Ein halbes Jahr später, 18. Kalenderwoche

3) Am Tag nach dem Leichenfund

4) Eine Woche zuvor, 17. Kalenderwoche

5) 18. KW

6) Der Detektiv Michael Warthens

7) 17. KW

8) 18. KW

9) 17. KW

10) 18. KW

11) Michael liebte

12) 17. KW

13) 18. KW

14) 17. KW

15) 18. KW

16) Dr. Gideon Baumgartner

17) Kriminalhauptmeister Kohlbeck

18) 17. KW

19) 18. KW

20) Die Kollegen

21) 17. KW

22) 18. KW

23) Das Ergebnis

24) 17. KW

25) 18. KW

26) Die Friedhofsverwaltung

27) Sonja Braun

28) Die Serie

29) Gerade noch

30) Dr. Baumgartner

31) Im Café

32) Netzwerker

33) 18. KW

34) So kann’s weiterlaufen

35) Die Sonne

36) Im stillen Gedenken

37) Die Verabschiedung

38) Die Anästhesistin

39) Die Verwandten

40) Der Erfolg

41) Pauline

42) Der BMW

43) Die letzte Hinrichtung

44) Eine Nacht

45) Um 9.00 Uhr

46) An der Pforte

47) Die Hand

48) Wer ist schuld?

49) Im Verhörraum

50) Der Kriminalrat

51) Jan John

52) Die Meldung

53) „Romeo und Julia”

54) Die Tageszeitung

55) Der Ludwigsplatz

56) Nachbarn

57) Grabfeld 83

58) Das Bewegungsprofil

59) Mit Conny

60) Michaels Telefon

61) Eine Wolke

62) Außergewöhnlich

63) Beobachtet

64) Ganz gewöhnlich

65) 19. KW

66) Montags

67) Das Grab

68) Das Attentat

69) Peter Berger

70) Mrs. Thaler?

71) Am Dienstag

72) Gerade recht

73) Die Kiwis

74) Ungeduldig

75) Conny

76) Kreutz’ Herz

77) Niemals

78) Am Brunnen

79) Gefasst

80) Familie Braun

81) Ein Vogel

Epilog

Rezepte

Über Peter Brand

Bücher im Wieken-Verlag

Dies ist eine fiktive Geschichte. Handlung und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten zu lebenden oder verstorbenen Personen oder zu realen Ereignissen sind zufällig.

If I can stop one heart from breaking,I shall not live in vain;If I can ease one life the aching,Or cool one pain,Or help one fainting robinUnto his nest again,I shall not live in vain.Emily Dickinson, 1890

1) Pietätvoll

schreitet die Musik voran, gefolgt vom Zug der Trauernden. Kein Priester ist dabei. Zur Melodie von Gustav Mahlers 5. Sinfonie, einem Trauermarsch, schwebt Herbstlaub im sanften Wind herab auf die Friedhofswege. Die tiefstehende Sonne lässt lange Schatten wie Trauertücher über die Gräber legen. Zwischen Kapelle und Trauerzug trägt ein Mann in Schwarz eine Urne. Er ist würdevoll gekleidet. Der Anzug sitzt nicht ganz perfekt, doch wie oft braucht man schon solche Kleidung. Die Hälfte der schwarzen Krawatte verschwindet unter der Weste. Eine große Sonnenbrille verdeckt seine Augen, eine Schirmmütze sein kurz geschnittenes Haar.

Am Grab spricht ein Redner. Er fasst ein Leben in kurze sieben Minuten. Worte vom Werden und Vergehen schließen die Rede.

Der Mann, der die Urne in seinem Arm hält wie ein Baby, übergibt das Aschegefäß an zwei Herren des Friedhofspersonals. Er tritt hinter die erste Reihe der Angehörigen zurück. Begleitet von einem weiteren Trauermarsch der Kapelle versinkt die Urne langsam im offenen Grab. Kränze und Blumengestecke rahmen diesen winzigen Ort der letzten Ruhe.

Der Mann mit der schwarzen Uniform hält sich zurück. Er muss sich zusammenreißen, um vor Schmerz nicht laut aufzuschreien. Er will nicht so leiden.

Obwohl in der Traueranzeige darum gebeten wurde, von Beileidsbekundungen abzusehen, bezeigen der Familie nach und nach alle Anwesenden ihre Anteilnahme. Im Gegensatz zum Frühjahr, als wegen der Corona-Pandemie-Regeln nur die engsten Angehörigen bei Beerdigungen dabei sein durften, sind es nun wieder Dutzende. Die meisten von ihnen geben nicht die Hand beim Kondolieren und deuten eine Verneigung an.

Unbeachtet entfernt sich der Urnenträger von diesem Ort. Die Qual lastet schwer auf seiner Brust. Sie nimmt ihm die Luft zum Atmen. Es dauert eine Weile, bis er wieder klar denken kann. Er weiß noch nicht genau, was zu tun ist. Doch stellt er sich die Frage: Wer ist schuld?

2) Ein halbes Jahr später, 18. Kalenderwoche

Im Osten schoben sich ein paar Wolken vor die Morgensonne.

Anni Kramers Collie-Mischling Beni zerrte an der Leine. Bevor Anni ihn heute am Montagmorgen angeleint hatte, war der Rüde schon unruhig im Haus herumgelaufen. Er gebärdete sich wie damals, als die zu Stephanskirchen gehörenden Ortsteile Hofau, Hofleiten und alle nahe am Inn gelegenen Häuser auf der Rosenheimer Inn-Seite evakuiert wurden. Tagelang hatte es in jenem Frühjahr geschüttet. Die gleichzeitige Schneeschmelze in den Alpen hatte den Innpegel gefährlich ansteigen lassen. Zu einer Überschwemmung war es dann gottlob nicht gekommen. Beni hatte die Gefahr gespürt. In diesem Frühling aber hatte es seit Tagen nicht geregnet.

Mit dem Hund musste sie jeden Tag zweimal raus an die frische Luft. Sogar während der Ausgangsbeschränkungen wegen der Corona-Krise war Gassigehen erlaubt geblieben. Wie immer kamen sie an einem Galloway-Gehege vorbei, wo sich die Rinder bei Benis Anblick an den hinteren Zaun zurückzogen. Beni interessierte sich nicht für die Viecher. Vielleicht waren sie ihm einfach zu doof und er lachte auf eine gewisse Hundeart über sie.

Anni und Beni spazierten weiter an der sowieso wenig befahrenen Innleitenstraße entlang bis zu einem kleinen Landschloss, dem sogenannten Gillitzer-Schlösschen.

Beni zog noch heftiger an der Leine. Kurz vor dem Schlösschen wurde es Anni zu blöd. Sie ließ den Hund frei. Wie von Wespen gejagt stürmte er über die Straße, den dortigen Hang hinauf durch Gestrüpp und Mischwald. Mühsam folgte Anni ihrem Liebling. Der Hang wurde nach oben immer steiler. Aber Beni hatte sein Ziel erreicht. Er bellte, hüpfte auf und ab und wedelte heftig mit dem Schwanz. Es dauerte einige Minuten, bis sich Anni zu ihm durchgekämpft hatte, doch da sah sie, was Beni so aufregte.

Ein menschlicher Körper lag im Buchenlaub neben einem Felsbrocken. Er bewegte sich nicht. Anni hatte mit einem toten Hasen oder Wiesel gerechnet, aber nicht mit so etwas! Beni bellte weiter, als würde der Mensch noch leben und er könne ihn zum Aufwachen bringen. Ein spätes Virus-Opfer, befürchtete Anni beim ersten Blick auf die Frau mit den langen, blonden Haaren. Aber so verkrümmt, wie sie dalag, dämmerte es Anni, sah das eher nach Unfall aus. Ein wenig dunkelbraunes Blut an Gesicht und Armen konnte bedeuten, dass die Leiche schon Stunden hier lag.

Obwohl Anni ihr betagtes Handy dabeihatte und wusste, wie sie einen Notruf absetzen konnte, kam sie sich einen Moment lang hilflos vor: Kein Netz. Trotz ihres Alters wusste sie sich zu helfen. Sie schaltete das Handy aus, wieder ein und gab statt der PIN die 112 ein. Das funktioniere immer, hatte ihr Enkel sie für alle Fälle aufgeklärt.

Hilfe konnte anrücken.

3) Am Tag nach dem Leichenfund

erkundigte sich Kriminalkommissar Kreutz in der Gerichtsmedizin über das vorläufige Ergebnis der Obduktion. Die am Hang der Innleitenstraße aufgefundene Leiche lag nackt auf dem Seziertisch.

„Das ist nicht normal.” Der forensische Pathologe Dr. Gideon Baumgartner schüttelte den Kopf. Sein rötliches, im Nacken zusammengebundenes langes Haar wippte heftig. „Diese Frau starb zwar an der Fraktur des vierten Halswirbels”, sinnierte er, ohne den Blick von der Leiche abzuwenden, „ansonsten war sie kerngesund”.

Kommissar Kreutz verkniff sich ein Schmunzeln.

„Man muss ja nicht krank sein, wenn man unglücklich stürzt und sich das Genick bricht.”

Irritiert schaute Dr. Baumgartner durch seine starken Brillengläser zum Kommissar, der es ihm gegenüber mit Abstand zum Seziertisch vermied, die Leiche genauer zu betrachten. Mit seinen Latexfingern zog er sich die grünliche Atemschutzmaske unters Kinn.

„Natürlich nicht”, grollte der Arzt, „ich meine nur, dass ihr wohl kaum schwindelig war, als sie stürzte. Drogen, Alkohol, COVID-19-Viren oder eine andere fiebrige Erkrankung, das ist alles auszuschließen. Sie war sportlich, joggte wohl täglich, fuhr Rad, schwamm oder betrieb sogar eine Kampfsportart.”

„Tae-Kwon-Do”, bestätigte der Kommissar.

Dr. Baumgartner richtete seinen Blick wieder auf die Tote.

„Das wissen Sie von Ihren ersten Ermittlungen?”

„Ja. Und Sabine Stern ist—war Heilpraktikerin, vermutlich Single und kinderlos. Ein Bruder lebt in den USA. Wurde heute erreicht und verständigt. Eltern sind verstorben. Wir gehen davon aus, dass sie an der Stelle, wo sie in die Tiefe stürzte, einen falschen Schritt machte. Der lehmige Untergrund war noch feucht von Tau. Kann also gut sein, dass sie ausgerutscht ist.”

„Ja, kann sein”, sagte der Arzt, ohne aufzusehen. „Ich habe aber keine Hinweise darauf, dass sie schlecht gesehen hätte. Keine Brillenabdrücke, keine Kontaktlinsen.”

„Na ja, mit 36 Jahren brauchte sie wohl noch keine Sehhilfe. Unter den Gegenständen in ihrer Wohnung und der Praxis war keine Brille. Ebenso an der Absturzstelle.”

„Sehen Sie, Herr Kreutz, beim Kampfsport kann man schon mal was abkriegen, Hämatome sind dabei sogar normal. Die hier sind älter als zwei Tage.” Er führte seine Hand über den rechten Oberarm der Leiche. Dann zeigte er auf zwei schwach ausgeprägte Stellen an den seitlichen Rippen. „Die neueren hier könnten schon auf einen Sturz aus etwa fünfzehn Metern Höhe zurückzuführen sein. Die Kopfverletzungen, die Schrammen und Wunden an Armen und Beinen sowieso. Aber diese beginnenden Hämatome sind kaum zu sehen, dennoch vorhanden. Die Dame hat also noch einige Minuten nach dem Sturz gelebt. Die Todesursache ist aber sicher der Genickbruch. Weitere Hämatome hätten sich kaum mehr bilden können. Aber da sie sehr hübsch war und äußerst gepflegt, ist das hier schon seltsam.”

Der Arzt streckte seinen Arm aus und hob die langen blonden Strähnen am Hinterkopf der Frau an.

„Haben Ihre Leute das gemacht, um Drogenkonsum nachzuweisen?”

„Meine Leute, wie Sie sagen, hätten das nicht machen müssen. Sie, Doktor, würden einen Test doch selbst im Labor vornehmen. Und genügend Haare wären hier im Original vorhanden.”

Die leichte Ironie in Kreutz’ Ton ließ Dr. Baumgartners Pferdeschwanz baumeln.

„Und wie erklären Sie sich das?”

Jemand hatte eine hässliche Stufe ins blutverklebte offene Haar der Frau geschnitten.

„So arbeitet kein Friseur”, stellte Kommissar Kreutz fest. „Posthum entfernt?”

„Nicht von mir. Ich habe das am Fundort nicht gleich als herausgeschnitten erkannt. Das Haar war verdreckt mit Erde, Laub und Tannennadeln. Im ersten Moment hat es ausgesehen, als wäre es beim Sturz über den Abhang ausgerissen worden.”

„Ich denke nicht”, entgegnete der Kommissar und gab zu bedenken: „Dann wären wenigstens ein paar blonde, menschliche Haare an der Absturzstelle oder dem Sturzkanal über die Böschung gefunden worden. Unsere Leute haben dort alles akribisch untersucht.”

„Und ich untersuche die Leiche. Das hier war eine Schere.” Er schob seinen Mundschutz zurück übers Gesicht. Augenscheinlich betrachtete er das Gespräch für beendet.

Vorübergehend überlegte der Kommissar, ob Frau Stern schon vorher mit der Lücke im Haar herumgelaufen sein konnte.

Vermutlich, widersprach sich Kreutz selbst, wäre diese attraktive, durch ihren Heilberuf bestimmt sehr angesehene Frau niemals mit so einem Makel außer Haus gegangen.

4) Eine Woche zuvor, 17. Kalenderwoche

Im Frühjahr, wenn Ostern vorbei und die Nächte frostfrei sind, erblühen der Friedhof und seine Ruhestätten wie eine Gartenschau. Von preiswerten Eisbegonien bis zu teuren Edelrosen ist alles auf den Gräbern, was die Gärtnereien hergeben. Der Duft von frisch gemähtem Gras liegt in der Luft. Der Frühling hat es in letzter Zeit beinahe jedes Jahr eiliger. Auf den Wegen sammelt sich schon jetzt erster Blütenstaub von Birken, und die Samenwolle der Trauerweiden schwebt wie Schneeflocken im sanften Wind.

Große Grabsteine wurden im Laufe der Zeit immer weniger. Kleine, pflegeleichte Gräber lösten sie ab, weil die Angehörigen fortzogen und nicht mehr täglich zum Gießen kommen können. Urnen ruhen darin. Die Namen der einst Lebenden stehen auf Platten oder Steinen im Boden, ebenso wie die der Toten, die sich in einem Teil des Friedhofs eine Baumbestattung ausgesucht haben. Manch kleiner Diamant, der aus der Asche der Verstorbenen gepresst worden war, ist ebenso im Boden beigesetzt.

Viele Lücken zwischen den herkömmlichen Gräberfeldern zeugen von Grabauflösungen. Kein Grab ist mehr für die Ewigkeit angelegt.

An einem dieser Gräber, das kürzlich eingeebnet wurde, sät ein Friedhofsgärtner Grassamen in den mit Humus vermischten Grabaushub. Er weiß, dass die „ewige Ruhe” im Schnitt nur zwölf Jahre dauert, genau wie in diesem ehemaligen Grab. Winzige Knöchelchen im Aushub stören ihn nicht. Das ist normal und lässt sich nicht vermeiden. Bald wächst ja sowieso Gras darüber.

Am Grab nebenan wirft ihm eine Frau um die Fünfzig und in dunkler Kleidung einen Blick zu. Auf dem Stein vor ihr sind der Name und das Todesdatum eines Mannes eingraviert. Der Mann im Grab, an dem die vermutliche Witwe trauert, ist in diesem Jahr verstorben.

Die hübschen großen Augen der Frau sind gerötet. Von Tränen, und, wie der Gärtner bei sich denkt, vielleicht vom Heuschnupfen. Der Tod ist sein tägliches Geschäft. Hundertfach sieht er solche Witwen und Witwer im Jahr. Sie ist zur Routine geworden, die Friedhofspflege im Jahreskreislauf, wenn früh im Jahr der Duft von Bärlauch an den Friedhofsmauern aufzieht. Oder kurz darauf wie jetzt Gras angesät wird, Rasenflächen gemäht und Äste der Baumgräber zugeschnitten werden müssen.

Der Gärtner sieht den Mann nicht kommen, der nun der Frau wegen der gebotenen Vorsicht mit Abstand von hinten über die Schulter sieht. Was er ihr zuflüstert, kann er nicht hören. Es ist ihm sowieso egal. Zuerst heulen sie sich die Augen aus, denkt er boshaft, und irgendwann siehst du sie hier nicht mehr, weil sie sich anderweitig trösten lassen. Ist ein Bube aus dem Spiel, zieht man eine neue Karte, vielleicht ist es ja ein König. Der Gärtner zieht ein wenig Rotz zurück in seine Nase. Oder ein As. Ja, der Friedhof stiftet viele neue Paare.

Er klemmt sich Schaufel und Rechen unter die Achsel, nimmt die Gießkanne und geht. Kommt ihm der Witwentröster von vorhin nicht bekannt vor?

5) 18. KW

Kommissar Kreutz bedankte sich bei Karlo Özogun und seinen Leuten von der Kriminaltechnik, bevor sie ihn allein in der Wohnung und gleichzeitig der Praxis von Sabine Stern zurückließen. Da ein Verbrechen nicht ausgeschlossen werden konnte, hatte er die Sicherung tatrelevanter Spuren in den Räumlichkeiten der Heilpraktikerin angeordnet.

Frau Stern hatte keine Joggingkleidung getragen, als sie auf dem leicht ansteigenden Weg an der Böschung des östlichen Innufers bei Leonhardspfunzen den Spuren nach zu urteilen ausgerutscht und den fast senkrechten Abhang hinabgestürzt war. Hatte sie nur einen Spaziergang gemacht? War sie dabei allein gewesen? Zahlreiche Fußspuren von Wanderern dort machten eine eindeutige Zuordnung für eine weitere Person zur selben Zeit unmöglich. Hatte sie jemand getroffen? Und vor allem, könnte jemand sie gestoßen haben?

Sie wohnte und arbeitete in der Innenstadt. Kreutz ging den Weg von hier zum Fundort der Leiche in Gedanken durch. Mit dem Auto fuhr man über die Innstraße und die Innbrücke stadtauswärts. Nach der Brücke nach links. Auf der Ostseite des Flusses und parallel dazu ein Stück geradeaus durch den Ortsteil Hofau flussabwärts. An der nächsten Weggabelung rechts ab, vom Fluss weg. Jetzt befand man sich auf der Innleitenstraße. Die bog nach etwa zweihundert Metern links ab und verlief dann unterhalb einer steil aufragenden, bewaldeten Böschung weiter nach Norden. Vier- bis fünfhundert Meter vor den St. Leonhards-Quellen und bis zu einer Gastwirtschaft wurde die Straße zum Mühltalweg.

Gefunden wurde die Leiche auf halbem Weg dorthin.

Weit oberhalb der Straße, an der Hangkante entlang, schlängelte sich der sogenannte Hangleitenweg. Von diesem Weg aus war Frau Stern nach unten gestürzt. Also: oben der Weg, unten die Straße, dazwischen jede Menge Bäume und Sträucher, aber auch Felsbrocken und Steine.

Der Wagen von Frau Stern stand noch in der Tiefgarage des Hauses, in dem sich ihre Praxis befand. War sie von dort bis über die Innbrücke und über den Hangleitenweg zu Fuß unterwegs gewesen? War sie abgeholt worden? Oder war sie verabredet gewesen und hatte sich ein Taxi genommen, um anschließend dort einen Spaziergang zu machen? Kreutz musste die Taxiunternehmen befragen. Ja, das Wetter hätte gepasst. Ein warmer Frühlingstag, die Bäume trieben aus, Vogelgezwitscher. Wen hatte sie getroffen?

In ihren Patientendateien fanden sich aktuell siebzehn Frauen, die sich von Sabine Stern wegen unterschiedlicher Beschwerden hatten ganzheitlich behandeln lassen. Nur vier Männer suchten Hilfe bei der Heilpraktikerin. Ob sich Frauen lieber auf alternative Arten der Behandlung einlassen, anstatt Mediziner aufzusuchen, überlegte der Kommissar. Oder waren Männer einfach nur geiziger?

Die Sitzungen bei Frau Stern kosteten laut ihren Abrechnungsdateien ein halbes Vermögen, vor allem, wenn man sie regelmäßig in Anspruch nahm. Konnte bei einer oder einem der Patienten ein Motiv darin zu finden sein? Wucher? Wohl eher nicht. Die wussten ja hoffentlich vorab, welche Kosten auf sie zukamen.

Der Kommissar schaute sich die gerahmten Zertifikate an den Wänden der Praxis an. Die Dame schien als Heilpraktikerin kompetent und in einigen Bereichen spezialisiert gewesen zu sein. Spannungsauflösungen, Akupunktur zum Abnehmen bei Adipositas, Stressbehandlung und Hypnose bei Allergien waren die Hauptgebiete von Frau Stern gewesen. Kreutz zuckte die Schultern und schniefte, als er das Wort Allergien las.

„Scheiß Birken”, murmelte er und fragte sich, ob Hypnose tatsächlich seine Beschwerden lindern würde. Jedenfalls nicht mehr mit Unterstützung von Frau Stern.

Konnte unter ihren Patienten jemand sein, mit der oder dem sie sich näher befasste? Hatte sie eine Beziehung zu einem oder einer ihrer Kunden und Kundinnen gehabt? Aber die unverheiratete und kinderlose Frau konnte ebenso im Kollegenkreis ihr Glück gefunden haben, oder bei jemand, der überhaupt nichts mit ihrem Beruf zu tun hatte. Das mussten sein Kollege Walter und auch Sandra Thaler, in seinem kleinen Team die Kommissar-Anwärterin im Praktikum, herausfinden. Und dann? Als einziges Indiz war bis jetzt das womöglich von einem Täter oder einer Täterin abgeschnittene Haar der Toten. Konkreteres dazu wird sich noch ergeben, glaubte Kriminalkommissar Kreutz aus seiner, wenn auch kurzen Erfahrung als Ermittler. Und was machte er dann mit diesem Glauben?

Er erinnerte sich an einen ähnlichen Vorfall, der sich im Herbst des Vorjahres zugetragen hatte. Der fünfzigjährige Markus Hirschbichler aus Bad Endorf, zwischen Rosenheim und dem Chiemsee gelegen, war auf dem etwa acht Kilometer langen Weg zum See mit dem Mountainbike gestürzt. Ein Ast, von dem noch ein dickes Stück zwischen den Speichen gesteckt hatte, hatte sich auf dem wenig frequentierten Waldweg im Vorderrad verfangen. Markus Hirschbichler war über den Lenker und in freiem Fall den dortigen Hang hinabgestürzt. Trotz Helm hatte er dabei so schwere Kopfverletzungen davongetragen, dass er nach vier Tagen im Koma im Krankenhaus verstorben war.

Damals waren ebenfalls und kurzzeitig Zweifel an einem Unfall aufgekommen. Spuren an der Absturzstelle hatten auf weitere anwesende Personen hingedeutet. Aber Hinterlassenschaften wie eine angerostete Bierdose, Rad- und sogar menschliche Kotspuren waren älter und vom Regen verwaschen gewesen.

Wie bei der Heilpraktikerin hatten sich Dr. Baumgartner und der Kommissar damals über den neuen, ungewöhnlichen Haarschnitt des Schwimmmeisters gewundert, den er sich womöglich selbst verpasst hatte. Die Bad Endorfer Therme hatte einen langjährigen Beschäftigten verloren. Seine Kollegen hatten ausgesagt, dass Markus öfter mal ein neues Outfit ausprobiert hätte. Trotz seiner fünfzig Jahre habe er sich den Mut zu unkonventioneller Privatkleidung und für strähnige Frisuren behalten. Während des Corona-Lockdowns, als alle Friseure geschlossen hatten, habe er sich freilich wie viele andere die Haare selbst geschnitten und das vielleicht danach beibehalten. Das hatte Kreutz damals als Erklärung genügt.

Dennoch …

Kreutz erinnerte sich, dass der Privatdetektiv Michael Warthens mit Markus H. befreundet gewesen war. Der Kommissar hatte den Rosenheimer Detektiv im November über die privaten Lebensumstände des Schwimmmeisters befragt. Er musste den Schnüffler noch einmal vorladen.

Jetzt aber waren Sandra und Walter am Zug. Siebzehn Frauen, vier Männer mussten befragt werden. Das konnte mal wieder dauern.

Kreutz zog die Tür der Praxis im Parterre des modernen Wohn- und Geschäftshauses in der Innenstadt von Rosenheim zu und klebte das polizeiliche Verschlusssiegel oberhalb der Türklinke an. Nach der kriminaltechnischen Spurensicherung durfte niemand, der nichts mit den Ermittlungen zum Todesfall der Heilpraktikerin zu tun hatte, deren Räume betreten.

6) Der Detektiv Michael Warthens

telefonierte mit Kommissar Kreutz, dem Ermittler bei Tötungsdelikten und unklaren Ursachen von Todesfällen.

„Die Todesursache stand doch fest!”

Der Kommissar bejahte. „Aber ich hätte nachträglich noch ein paar Fragen zum Unfall von Markus Hirschbichler.” Er bestellte den Rosenheimer Privatdetektiv ins Präsidium.

Grundsätzlich hatte Michael nichts gegen die Polizei. Mit der Zusammenarbeit aber haperte es neuerdings ein wenig. Gelinde gesagt. Ein knappes Jahr war es her, dass er, wenn auch nicht in Rosenheim, wegen seiner Aufklärungshilfe für die Kripo beinahe draufgegangen wäre. Und mit KK Kreutz, einem der Nachfolger des pensionierten Hauptkommissars Obermeier, konnte er gar nicht. Das lag nicht nur am Altersunterschied von etwa dreißig Jahren, sondern besonders daran, dass Kreutz Michael einmal des Mordes verdächtigt hatte. Nun wärmte der Schnösel, oder wie Michael ihn heimlich auf bairisch titulierte, der Kletz’nbeni, den Unfall erneut auf. Warum?

Markus Hirschbichler hatte sich mit Michael mehr oder weniger angefreundet. Der ledige Markus aus der Bad Endorfer Therme, wo Michael ab und zu sauniert hatte, war einer der seltenen männlichen Kunden von Michaels Freundin Conny gewesen. Offenbar hatte der Badmann, wie Conny ihn immer nannte, einen Hang zum Esoterischen. Leider hatten ihn die Beratungen bei Conny nicht davor gewarnt, an seinem Unfalltag den Waldweg zu befahren.

Conny und Michael hatten später oft über Markus’ Unfall gesprochen. Nicht, dass Markus’ Tod Michael kalt gelassen hätte. Als Detektiv versuchte der über Sechzigjährige den Sturz im Wald naturgemäß als sachlicher Ermittler zu sehen. Conny dagegen haderte mit dem Schicksal ihres Freundes und Kunden und hatte deswegen oft mit Tränen gekämpft.

Markus hatte ihm mal verraten, die zukunftsorientierten Gespräche mit Conny würden ihm mehr helfen, als so manche Termine bei Psychotherapeuten. Was genau sie dabei besprochen hatten, erfuhr Michael nie. Conny Linden sah sich der Verschwiegenheit verpflichtet, fand Michael, als wäre sie ans Beichtgeheimnis gebunden.

„Was es ja annähernd ist”, hatte seine Freundin mit den rotblonden Haaren und den hellen Sommersprossen Michael aufgeklärt.

Michael stand am Fenster seines Büros und betrachtete das Treiben auf dem Rosenheimer Ludwigsplatz, wo sich jetzt um halb zehn am Würstelstand die Leute drängten. Milchwaffeln zur Brotzeit setzen sich bei uns nie durch, grinste sich Michael eins und bekam Hunger auf eine warme Leberkäsesemmel. (Natürlich sagte er nicht Leberkäsesemmel, sondern Leberkaas-Semme). Kaum gedacht, klingelte sein Handy erneut.

„Berti!”, tat er erfreut. Seine Tante, über achtzig, war zwar geistig frisch wie ein junges Dingerl, wie sie selbst sagen würde. Ihr Körper allerdings baute zurzeit mächtig ab. Ob es umgekehrt besser gewesen wäre, ließ Michael dahingestellt. Nichtsdestotrotz war sie von einer Corona-Ansteckung, was in ihrem Alter fatal hätte enden können, verschont geblieben. So lange ihn seine letzte lebende Verwandte noch nervte, war seine Welt in Ordnung.

„Was verschafft mir die Ehre deines Anrufs?”

„Michi, red ned blöd daher.” Die frühere Sennerin, die jahrzehntelang auf einer Alm gearbeitet hatte, nahm selten ein Blatt vor den Mund. „Kommst du heut Mittag zum Essen, oder möchst dir wieder den Magen mit so einem asiatischen Nudelzeugs verderben!”

„Was gibt’s denn?”

„Knödlgröstel …”

Michael lief das Wasser im Mund zusammen.

„Mit Ei und Kopfsalat dazu?”

„Freilich mit Oar”, korrigierte ihn Berti.

Das würde sich Michael nicht entgehen lassen. Aber: „Zuerst muss ich in die Polizei-Inspektion.”

„Geh”, Berti hörte sich an, als redete sie ohne ihr Gebiss im Mund, „hast was ang’stellt?”

7) 17. KW

Wenn die Glöcklein läuten versammelten sich zuvor Angehörige, Freunde, Kollegen und Bekannte an der Aussegnungshalle, in der die kürzlich Verstorbenen oder deren Urnen aufgebahrt sind.

Zum Trauerzug beginnen die zwei Glocken im Türmchen über der Halle zu läuten. Der Gärtner weiß, wohin die Reise nun geht: Mehr oder weniger weit über die Wege zur letzten Ruhestätte, die er zusammen mit dem Bestattungsinstitut zuvor gestaltete. Kränze und Blumen rahmen jetzt das rechteckige Loch, das er mithilfe eines Minibaggers ausgehoben, die Seitenwände vor dem Einstürzen gesichert und mit Stoff ausgekleidet hat. Manchmal ist es dünnes Tuch, verziert mit aufgesteckten Nelkenköpfen. Andere Auftraggeber bevorzugen feste violette Textilien. Selten kommen helle Farben vor. Immer nur dunkle, düstere Farbtöne bis hin zu Schwarz, die Farbe der Trauernden. Nach dem Elend mit dem Corona-Virus sind es nun wieder weniger, die ihre Toten beweinen müssen.

Während die Glöcklein läuten, stützt er sich auf den Spatenstiel und sieht von weitem dem Marsch zum Grab zu. Eigentlich muss er einen abgestorbenen Lorbeerstrauch in einer Hecke ersetzen. Ja, manchmal sterben gleichermaßen die Bäumchen auf dem Friedhof, denkt er und schnieft auf. Die Gewächse sind ihm vertraut und ans Herz gewachsen. Über einen abgestorbenen Baum ist er oft trauriger als über das Schicksal derer, für die er den Minibagger startet.

Bald ist Schluss für ihn. Der Gärtner ist einer der letzten seiner Zunft auf diesem städtischen Friedhof. Die Verwaltung beschloss, keinen Nachfolger für ihn einzustellen. Firmen mit Leiharbeitern werden in Zukunft das Rasenmähen, die Flächen- und Baumpflege übernehmen. Sie werden schon sehen, wie’s dann hier ausschaut, denkt der ergraute Mann in grüner Latzhose. Die Leute werden sich beschweren, wenn ihnen die Grünstreifen mit all dem Unkraut bis ans teure Grab wuchern.

Noch immer läuten die Glocken zum letzten Geleit. Wenigstens können wieder Beisetzungen ohne Anzahl-Beschränkung der Trauernden stattfinden. Nicht wie zur Corona-Zeit, als die Versammlungsbeschränkungen galten. Manchmal, bemerkt der Gärtner mit all seiner Erfahrung, gibt es seither wieder Leute, die lassen keine Beerdigung aus. Und tatsächlich, da ist einer, den er schon oft auf Beerdigungen gesehen hat. Er weiß natürlich, dass sich manche entfernte Verwandte eine Mahlzeit beim anschließenden Leichenschmaus erschleichen.

„Na, wer’s mag”, flüstert er zu sich selbst und sticht den Spaten unterhalb der toten Zweige des Lorbeers in den Boden. Die Glöcklein sind verstummt. Doch der Mann, der der Trauergesellschaft gefolgt war, er bleibt noch eine Weile, nachdem das frische Grab wieder verwaist ist. Seltsam. Kaum jemand verzichtet auf den kostenlosen Leichenschmaus.

8) 18. KW

Michael war von seinem Büro am Ludwigsplatz die kurze Strecke zum Präsidium zu Fuß gegangen. Die Fassadenfarbe der Kriminalpolizei-Inspektion an der Rosenheimer Kaiserstraße erinnerte Michael an verkochten Spinat. Genau wusste er nicht, wo er dort hinein musste, um Kommissar Kreutz zu sprechen. Um die Ecke in die Polizeiinspektion an der Ellmaierstraße? Nein, wahrscheinlich doch in die Kriminalpolizei-Inspektion. Er hatte zwar schon einmal ein wenig spaßiges Vergnügen mit dem jungen Kommissar gehabt, trotzdem erinnerte er sich nur vage, wie er zu Kreutz’ Büro gelangt war, der seinen Ermittlungen damals noch in der zweiten Etage nachging. Michael fragte eine Polizistin, die an ihm vorbeieilte und die Tür öffnete, wo er Kommissar Kreutz finden würde.

„Die Kriminalfachinspektion und Kommissar Kreutz sind im dritten Stock”, erfuhr Michael. Aha, aufgestiegen. Da war sie wieder, die Erinnerung an die Kriminal-Hauptkommissare und KKs, mit denen er bis jetzt zu tun gehabt hatte.

Seit seinem künstlichen Koma, das ihn nach einem Einsatz für die Polizei in Hannover in einer niedersächsischen Klinik festgehalten hatte, konzentrierte er sich mehr auf das Hier und Jetzt, als auf die Vergangenheit. Sicher wusste er noch alles, angefangen von seiner Kindheit bis zu den Fällen, die er in den letzten Jahren gelöst hatte. Schreckliche Morde waren darunter gewesen, und manchmal verdrängte er aufkommende Gedanken daran im Moment einfach. Zu schrecklich waren manche gewesen, als dass er sie sich immer wieder neu vorzustellen wagte. Seine letzten Verletzungen hatte er zwei Kriminellen zu verdanken, Handlanger bei einer infamen politischen Intrige, die im ganzen Land und darüber hinaus für Schlagzeilen gesorgt hatte.

Schwamm drüber, sagte Michael sich, wenn sich die Erinnerung daran allzu aufdringlich bemerkbar machte. Mit über sechzig konnte er noch immer vorwärtsschauen. Er war fit, besaß mit Conny eine richtig gute Freundin. Und seine Tante Berti liebte er genauso wie sie ihn. Manchmal wenigstens, dachte er an seine oft grimmig wirkende alte Tante, die ihn mal wieder mit einem Essen lockte, mit dem er seine Kinder- und Jugendzeit schmeckte. Aber zuerst musste er zum Kommissar.

„Setzen Sie sich, Warthens.” Das klang wie ein Befehl. Kreutz’ Arbeitsplatz befand sich in einem Großraumbüro und bestand aus einem Schreibtisch inmitten anderer Schreibtische, auf denen PC-Bildschirme angeschaltet waren. Auf einigen standen zwei Monitore nebeneinander, so wie auf dem von KK Kreutz. Dessen Wirkungsbereich lag direkt am Fenster zum Innenhof der Inspektion. Von dort konnte der Kommissar das ganze Großraumbüro überschauen.

Michael warf einen Blick aus dem Fenster. Gegenüber konnte er das Gebäude des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd sehen. Telefone läuteten, und mehrstimmiges Gemurmel schwirrte in der staubig-trockenen Luft, was Michael als nicht unbedingt förderlich fürs Wohlbefinden empfand. Wohlfühlen bei der Polizei geht sowieso gar nicht, sagte er sich, und laut betonte er: „Herr, Herr Kommissar. Herr Warthens, bitte.”

Der Tadel musste sein. Wäre ja noch schöner, sich vom jungen Kletz’nbene anreden zu lassen wie einst vom Fast-Pensionisten KHK Obermeier.

„Ja”, sagte Kreutz den Luftverhältnissen entsprechend trocken. „Danke, dass Sie gekommen sind.”

Geht doch.

„Also, Herr Warthens, wie Sie schon wissen, geht es um den Unfall von Markus Hirschbichler, dem Bademeister aus der Endorfer Therme.”

Erneut musste Michael etwas berichtigen: „Markus hat immer betont, dass er Fachangestellter für Bäderbetriebe sei. Schwimmmeister ginge als Anrede gerade noch. Bademeister hörte er nicht so gern.”

„Na gut”. Kreutz hob kapitulierend beide Hände und schnaubte aus. „Bleiben wir beim Namen Hirschbichler, wenn’s recht ist. Wie ich merke, waren Sie mit ihm sogar sehr gut bekannt, wenn Sie schon seine Berufsbezeichnung so genau kennen.” Er zog seine hellen Brauen zusammen und sah Michael erwartungsvoll an.

„Ja, wir waren so was wie Freunde, das stimmt schon.”

„Dann wussten Sie über seine Extravaganz. Jede Woche eine neue Frisur, flippige, vielleicht unpassende Kleidung für einen über Fünfzigjährigen …?”

Michael vermied es, die Arme zu verschränken, was ihm als Abwehr ausgelegt werden konnte. Locker legte er die Hände im Schoß übereinander.

„Markus hatte Sinn für Mode, ja”, erinnerte er sich, „und er färbte sich manchmal die Haare. Ist ja nichts Besonderes, oder?”

Warum fragte Kreutz danach? Und überhaupt: „Wieso ermittelt eigentlich Ihre Abteilung? Sie sind doch vom Mord?”

„Mord und Tötungsdelikte, Herr Warthens”. Kreutz holte tief Luft. „Sie sind Privatermittler. Ich weiß über Sie, dass Sie sich gerne in Fälle verbeißen, die Sie im Grunde nichts angehen. Ich meine nur, dass Sie bitte Verständnis haben, wenn ich Sie über die Gründe für Ihre Befragung nicht komplett informieren werde.”

„Was wollen Sie denn wissen? Und warum?”

„Sehen Sie, Warthens, Herr Warthens, wie Sie am Telefon schon sagten, standen die Todesursache und der Unfallhergang bei Hirschbichler fest. Es gibt aber neue Anhaltspunkte, die einen selbstverschuldeten Unfall ausschließen könnten.”

Michael zuckte zusammen und verschränkte krampfartig die Finger in seinem Schoß.

„Mord?”

„Darum sagte ich könnten. Wir gehen bei Hirschbichler nur neuen Aspekten nach, die sich aus einem anderen Todesfall ergaben. Da läuft noch viel Wasser den Inn hinunter, bis wir wissen, ob da überhaupt was dran ist. Deshalb müsste ich Ihr Wissen über Hirschbichler überprüfen.”

„Wieso meins? Ich bin Detektiv, geprüfter Detektiv genauer gesagt, denn ich mach’ das seit Jahren nicht nur so, sondern absolvierte eine Aus- und Fortbildung bei der Zentralstelle für die Ausbildung im Detektivgewerbe und bei der IHK. Nur, damit das klar ist. Es gibt sogenannte natürliche Todesfälle oder Unfälle, bei denen ich sofort denke, dass es sich ebenso gut um Mord, vielleicht auch Selbstmord handeln kann.”

„Ich weiß jetzt nicht”, unterbrach ihn der Kommissar, „worauf Sie hinauswollen. Genau deswegen frage ich ja Sie, und nicht noch einmal seine Kollegen oder die Verwandten, die selbst kaum Kontakt zu ihm gehalten haben …”

Will er mein Fachwissen testen, argwöhnte Michael.

„… sondern Sie, ob Sie irgendeine Ahnung haben, warum jemand Markus Hirschbichler hätte töten wollen? Hatten Sie irgendwann der Eindruck, oder hat Sie ein Verdacht beschlichen, dass ihm jemand auflauerte und ihn zu Sturz brachte?”

„Am Anfang schon.” Michael versuchte, sich in die Zeit um Markus’ Tod zurückzuversetzen. „Ja, das war damals sogar mein erster Gedanke gewesen, einer, der mich bei so was selten getäuscht hat. Markus war ja sportlich, ein guter Radfahrer. Ich habe damals schon ein wenig recherchiert, war aber gerade aus der Reha zurück und noch nicht ganz fit. Und dann haben Sie und Ihre Leute, nach gründlicher Ermittlung nehme ich an, den Fall abschließend und eindeutig als Unfall eingestuft. Manchmal muss halt auch ich der Polizei glauben.” Michael legte ein bedauerndes Lächeln auf und fuhr fort: „Also, dass jemand aus seinem Kundenkreis, ein Badegast zum Beispiel, so verärgert über ihn war, dass er sich die Mühe machte, ihn so spektakulär umzubringen? Also naa, das habe ich damals schon hinterfragt. Und zum Vererben hat er wahrscheinlich eh nichts gehabt, was sich gelohnt hätte. Aber das wissen Sie bestimmt besser.”

Kreutz schüttelte den Kopf.

„Aber Sie hielten Mord für möglich?”

„Mein Bauchgefühl hilft Ihnen sicher nicht weiter, oder, Herr Kommissar? Und was sind denn das für neue Aspekte, die Sie zweifeln lassen?”

„Das werde ich Ihnen sicher nicht auf die Nase binden, Sie geprüfter Detektiv.”

„Ich könnte helfen.”

„Ja, mit einer Aussage, warum Sie damals an Mord glaubten.”

„Wie gesagt, Bauchgefühl.”

Kreutz verzog den Mund.

„Unser Gespräch war natürlich streng vertraulich, und es ist jetzt beendet.”

„Wenn Sie noch Fragen haben, meine Telefonnummer kennen Sie ja.”

Draußen lud die vom stehenden Verkehr an der Kreuzung Kaiserstraße-Ellmaierstraße von Abgasen stickige Luft Michael nicht unbedingt zum Durchatmen ein. Markus war Kunde von Conny gewesen. Vermutlich hatte ihn etwas belastet, weshalb er eine Lebensberatung brauchte. Irgendetwas musste Conny über ihren Kunden wissen. Wahrte Markus ein Geheimnis, das jemand zum Töten trieb? Trotz ihrer selbstauferlegten Verschwiegenheitspflicht würde Conny nach über einem halben Jahr doch darüber reden können. Michael musste sie unbedingt treffen. Ob er dann Kreutz, den Klezt’n, einweihte, würde er sich danach überlegen.

Aber jetzt gab es erstmal etwas Gutes zu essen bei Tante Berti.

9) 17. KW

Am frühen Nachmittag läuten wieder die Glocken. Über den Friedhof ziehen kleine, weiße Wolken, die sich im Wind in nichts auflösen. Der Föhn aus den Bergen bringt warme Luft mit. Die Menschen, die dem Verstorbenen die letzte Ehre erweisen, beginnen beim Trauerzug zu schwitzen. Vormittags war es noch recht kühl, und alle tragen deshalb warme Jacken und Mäntel. Mit Föhn rechnete keiner. Man will aber auch nicht pietätlos erscheinen und die Krawatte lockern oder die Hemdärmel aufschlagen, nachdem man schon den Mantel oder die Jacke über dem Arm trägt. Tapfer erdulden alle den Trauerzug und die passend zur Ewigkeit ellenlangen Reden der Vereinsvorstände.

Zwischen den Reden spielt die Kapelle traurige Musik, und wieder wird ein Kranz zu den bereits niedergelegten platziert. Plötzlich zuckt die Gesellschaft zusammen. Viele rechneten nicht mit Böllerschüssen. Doch knallende Böller nahe dem Grab dröhnen in Brust und Kopf.

Da möchte wohl jemand, dass es gleich wieder eine Leich’ gibt, feixt der Friedhofsgärtner. Er belädt den Kiesbehälter am Friedhofseingang. Dort können sich die Grabeigner Kies für die Grabumrandung holen. Früher, als fünf, sechs festangestellte Mitarbeiter den Dienst auf dem Gottesacker Rosenheims taten, gehörte das zum Service der Verwaltung. Jetzt werden Fremdfirmen in immer größer werdenden Abständen für die Arbeiten beauftragt, die er alleine nicht mehr schafft.

Die Beerdigung ist vorbei. Schwarz gekleidete Frauen und Männer jeden Alters strömen zum Ausgang. Es eilt. Zum Leichenschmaus im großen Saal einer Wirtschaft möchte man einen Platz ergattern, an dem man vom Kellner nicht ständig übersehen wird.

Der Gärtner steht hinter einem Grabstein in Hörweite und bekommt das eine oder andere Gespräch mit.

„Wir sind vielleicht die Nächsten”, sagt eine gebeugte alte Frau zu ihrer Begleiterin.

Vielleicht hat sie recht, schmunzelt der Gärtner, weil die zweite alte Dame widerspricht: „Naa, i g’wiss ned!”

Als letzter der Trauernden folgt der Dauergast auf seinem Friedhof. Immer wieder dieser Mann. Er kleidet sich angemessen in dunkle Farben. Ist er wirklich denen verbunden, die an diesem für sie so schweren Tag an einem offenen Grab zusammenstehen? Er wirkt wie ein Anhängsel der Trauergesellschaft, immer in der letzten Reihe und mit gesenktem Kopf. Am nächsten zum Sarg oder der Urne versammeln sich üblicherweise die Angehörigen ersten Grades, dann weitere Verwandte. Es folgen ehemalige Arbeitskollegen und -kolleginnen, Nachbarn, Bekannte – und dann: er.

10) 18. KW

Kreutz atmete tief durch. Der Warthens konnte manchmal ein richtiges Arschloch sein. Klar, mit Sicherheit hob er sich von manch mittelmäßigen oder gar unfähigen Schnüfflern ab. Die bewegten sich oft am Rand der Legalität bei ihren sogenannten Ermittlungen, hatten mäßigen Erfolg trotz überschrittener Kompetenzen und verlangten dabei Honorare, von denen er als junger Beamter nur träumen konnte. Es war diese Freiheit, die den Privaten zur Verfügung stand, ärgerte sich Kreutz. Sie waren nicht in ein enges Korsett von Befehlen und Dienstanweisungen gezwungen. Aber ans Gesetz halten, das mussten sich die Damen und Herren Detektive gefälligst. Warthens genauso. Wenn der etwas wusste, das zur Aufklärung des möglichen Mordes an Hirschbichler beitrug, durfte er das nicht verschweigen. Sonst hatte ihn Kreutz dieses Mal wirklich am Wickel. Nicht wie bei dem Fall, wo man Warthens hereingelegt hatte, und Kreutz ihn fälschlicherweise des Mordes verdächtigt hatte. Gut, anschließend hatte der Detektiv zur Aufklärung der wahren Umstände beigetragen. Wenigstens war der Mann nicht nachtragend.

Was sich der ältere Herr dann in Hannover geleistet hatte, war in Kreutz’ Augen eine gewaltige Dummheit gewesen. Der dort zuständige Kommissar hatte den Privatmann für eine Finte benutzt, um zwei Mörder dingfest zu machen. Das war gewaltig schiefgegangen. Warthens war von den eigentlich überwachten Verdächtigen so unerwartet schnell angegriffen und mit Messern verletzt worden, dass er wochenlang ins künstliche Koma versetzt werden musste. Dass es dem Schnüffler wieder so gut ging, war natürlich erfreulich. Trotzdem sollte er professionell genug sein, sich an Gesetze zu halten. Sonst …

Kreutz rief sein Team, Kriminalhauptmeister KHM Walter Kohlbeck und Kommissar-Anwärterin Sandra Thaler, zum Briefing. So schnell wie möglich sollten sie die Patienten der Heilpraktikerin Frau Stern überprüfen. Adressen, Berufe, Familienverhältnisse et cetera pp.

„Kontrollieren Sie deren Aufenthaltsorte”, wies er die beiden kurz an, „und dann filtern Sie das Netz nach allem, was Sie über die Leute finden können. Facebook, Twitter, Instagram und das ganze Zeugs.”

Sandra Thaler schnaubte wie ein Pferd durch die Lippen.

Der Kommissar sah sie scharf an.

„Am besten fahren Sie sofort hin zu den Patienten, von denen wir bereits wissen, wo sie wohnen, und befragen Sie sie. Haben Sie ein Problem damit?”

„Äh, nö. Das dauert aber eine Zeit.”

„Dann verlieren wir keine”, entschied Kohlbeck. Er war unwesentlich älter als Kreutz, arbeitete seit über einem Jahr mit dem Kommissar und wusste, dass Sandra den Kommissar nicht mit Widerspruch ärgern sollte. Entschlossen stand er auf und deutete Sandra mit dem Kopf, es ihm gleichzutun. Sandra schnappte sich die Patientenliste mit den Adressen, und beide machten sich auf den Weg, die Liste abzuarbeiten.

Kreutz sah ihnen mit Pokerface nach. Sandra würde schon eine gute Polizistin werden. Und Walter? Na ja.

Sein Telefon klingelte. Die Nummer kannte er nur zu gut.

„Hallo, Herr Staatsanwalt.” Da Feldmann ihn kontaktierte und nicht er ihn, verspürte Kreutz ein Magengrummeln. „Warum habe ich die Ehre?”

Seine Miene hellte sich schlagartig auf.

„Das ist sehr gut. Ja. Großartig. Ich leite sofort alles in die Wege.”

Ob er die Benachrichtigung von Hirschbichlers Angehörigen vornehmen sollte? Immerhin gibt es einen Bruder und eine Mutter.

11) Michael liebte

die Miniwohnung seiner Tante. Das Apartment im Betreuten Wohnen Margarethenhof hatte sie lange nach dem Tod ihrer Schwester, die sie beerbt hatte, gekauft. Nach ihrem langen Leben als Sennerin war sie zwar total unglücklich über die fehlende Aussicht und die wenige Natur um sie herum, trotzdem hatte sie sich das gut überlegt ausgesucht. Irgendwann würde sie die Betreuung, für die sie mitbezahlte, voll in Anspruch nehmen müssen. Michael fürchtete, das könnte nicht mehr allzu lange dauern. Berti hatte ihren Achtzigsten seit drei Jahren hinter sich. Dafür war sie geistig erstaunlich fit. Aber neuerdings ächzte sie bei jedem Aufstehen vom Stuhl.

„Die Hüft’n”, erklärte sie kurz und unmissverständlich. Dann lenkte sie gleich wieder ab, als wäre ihr der Schmerz peinlich. „Aber dein Dirndl kommt auch gleich.”

Michael hatte sich daran gewöhnt, dass Berti mit Dirndl seine Freundin Conny meinte, die ebenso wie er kurz vor dem Rentenalter stand.

„Dann bleibst jetzt sitzen und ich deck den Tisch.”

Geschirr und Besteck fand er mittlerweile blind. In der Pfanne brutzelten die Semmelknödelscheiben, über die Berti gefühlt einen ganzen Karton Eier geschlagen hatte, und der Kopfsalat musste nur noch mit Dressing angemacht werden.

„Kannst die Knödel einmal umdrahn”, bat Berti, „dass die Oar eine Farb’ annehmen.”

„Freilich”.

Michael stocherte in der Pfanne herum. Kochen war nicht unbedingt seine Sache. Aber Knödelumdrehen schaffte er. Beim Anblick der fast rohen Ei-Masse musste er unweigerlich an Kommissar Kreutz denken. Dessen Steckerlhaare, völlig lockenfrei, besaßen die gleiche Farbe wie das Eiergemisch in der Pfanne. Das oft rötliche Gesicht des jungen Kommissars erinnerte Michael an KHK Obermeier, den jetzigen Pensionisten. Ob Obermeier in jungen Jahren ähnlich ausgesehen hatte, fragte er sich. Ob Kreutz, der untersetzte, nicht gerade große Kriminaler, ebenso dem Silvaner zugeneigt war, wie der alte Oberfranke es gewesen war?

Michael fand, sein letztes Gespräch mit Kreutz über Markus war seltsam verlaufen. Eigentlich hatte er nichts gesagt, was dem Kommissar weiterhelfen konnte. Trotzdem hielt sich Kreutz den Detektiv warm, wie man so schön sagte. Das Gefühl, dass hinter der Zurückhaltung des Kommissars mehr steckte als ein vager Verdacht, ließ Michael nicht los.

Berti vertrieb sich, an den Tisch gefesselt, die Zeit mit der Tageszeitung.

„Da schau her”, sagte sie mehr zu sich, denn zu ihrem Neffen, „da brauch’ ich jetzt nimmer hingehn.”

„Wohin?”

„Zur Stern. Die hat’s derwischt.”

Michael verstand nur Bahnhof.

„Ha?”

„Mei, erwischt hat’s die Heilpraktikerin, die wo mit denen alten Hausmitteln arbeitet, die ich ihr verraten hab. Sie hat dafür net ganz so viel verlangt von mir, für ihre Behandlung. Und jetz’ ist sie tot.”

„Was?”

Michael legte den Pfannenwender zur Seite und schaute Berti über die Schulter.

Stephanskirchen: Die beliebte Heilpraktikerin Sabine Stern verunglückte in der Nähe des Guts Innleiten bei einer Wanderung. Der Sturz über das steile Gelände endete tödlich für die 36-Jährige.

Obwohl laut Pressesprecher der Polizei keine konkreten Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden vorliegen, wartet man das Endergebnis der Obduktion ab. Wir berichten weiter.

Davon hatte Kreutz kein Wort gesagt. War der Unfall dieser Frau jener neue Anhaltspunkt, den Kreutz wegen Markus erwähnt hatte? Ein Sturz über steiles Gelände! Wie bei Markus!

„Und du warst bei der in Behandlung?”

Berti nickte. Es klingelte. Sie versuchte, aufzustehen.

„Das wird die Conny sein.”

Michael drückte sie zurück auf den Stuhl.

„Ich geh’ schon.”

12) 17. KW

Abartig war das, 1977. Seit dem Beginn seiner Ausbildung bei der Stadtgärtnerei waren ein paar Monate vergangen. Probezeit bestanden, freute er sich. Nur selten ging es dabei zum Friedhof. Ab dem Frühjahr zum Gießen höchstens, weil es wieder zu trocken war. Dann stanken die Gullys wie Pest und Verwesung. Wenn der Wind ungünstig wehte, war der Gestank vom Klärwerk her kaum auszuhalten. Damals entließen ein Molkereibetrieb und ein Schlachthof ihre Abfälle noch in die Kanalisation. Wenn beides zusammenkam, stank die Mischung aus Milch, Blut- und Fleischabfällen nicht nur zum Himmel. Über der gesamten Stadt lag der Geruch von Tod und Verwesung.

Der Gärtner erinnert sich heute mit bissigem Grinsen daran. Er wurde abgelöst vom Gülleduft der umliegenden Bauernhöfe – aber das ist eine andere Geschichte.

Ab und zu steigt ihm aber bis heute Verwesungsgeruch in die Nase. Wo er herkommt, weiß er oft nicht. Vielleicht bildet er sich nur ein, den Tod zu riechen. Angesichts der Grabstätten, aufgebahrten Leichen und Grabaushüben spielt ihm sein Geruchssinn womöglich Streiche. Doch dann fällt ihm immer ein, wie das war, 1977:

Ein Frühlingstag wie dieser hier und heute. An seine zukünftigen Kollegen, die ihn damals mit zum Friedhof nahmen, erinnert er sich genau. Verdammt früh um sechs Uhr musste er jeden Tag antreten. Die Sommerzeit sollte erst in zwei, drei Jahren eingeführt werden. Es wurde also schon im April und Mai früh hell in diesen Breiten.

Sie hatten einen Schlüssel für die Friedhofstore und fuhren mit dem Gießwagen einsam die öffentlich-städtischen Beete ab. Der Gärtner-Lehrling – der Begriff Azubi setzte sich erst später durch – seilte sich kurz ab, weil ihn die Blase unheimlich drückte. Er musste an der Aussegnungshalle vorbei, um sich im Gebüsch zu erleichtern. Warum stand die Tür zur Halle auf? Im offenen Sarg, in dem eine Leiche aufgebahrt liegen sollte, lag niemand. Im ersten Moment dachte er sich nichts dabei. Dann bewegte sich ein Schatten hinter dem Rednerpult. Er sah genauer hin, machte zwei drei Schritte durch die Tür in den kleinen Saal mit den Stühlen links und rechts des Aufbahrungstisches. Er hörte ein Gurren wie das einer Taube. War aber keine. Etwas Lebendiges bewegte sich auf einem reglosen Körper.

Er war Lehrling, jung und ein wenig unbedarft, nicht dumm, aber man redete nicht über diese Dinge. Sexuelle Abartigkeiten, kranke, schmutzige Sachen, die heute in jedem Handy zu finden wären, wenn man denn danach suchte. Sein Atem stockte. Er kapierte, was da vor sich ging. Seine Hose wurde nass. Hatte er doch dringend gemusst, aber nicht so. Der Mann auf der weiblichen Leiche sah auf. Das Gesicht vergaß der junge Mann nie wieder, diesen Ausdruck von Schreck, Lust und Wahnsinn.

Nur weg von hier, dem Drang zum Fliehen nachgeben, zurück durch die aufgebrochene Tür, in die Arme der älteren, erfahrenen Gärtner.

Hastig erklärte er ihnen, was er gesehen hat. Sofort reagierten die beiden, liefen zur Halle, rannten dem fliehenden Leichenschänder hinterher. Sie holten ihn ein, warfen ihn auf ein Grab am Wegesrand und hielten ihn fest.

Wann genau die Polizei kam, wer sie verständigte – er wusste es nicht mehr. Dass man das, was er gesehen hatte, Nekrophilie nannte, erfuhr er erst vor Gericht, wo er als Zeuge aussagen musste.

Das war so lange her. Jetzt, kurz bevor er den Rechen und die Schaufel für immer in die Ecke stellen wird, fällt ihm ausgerechnet das wieder ein.

Bestimmt ist es dieser merkwürdige Typ, der sich immer unter eine Trauergesellschaft mischt, der ihn an den Wahnsinnigen von damals erinnert. Doch der Verrückte war nach einem langen Aufenthalt in der Psychiatrie Jahre später selbst gestorben.

13) 18. KW

Etwas dagegen hatten der Bruder und die im Pflegeheim lebende Mutter von Markus Hirschbichler nicht. Staatsanwalt Feldmann hatte die Gründe für eine Exhumierung gründlich geprüft und anschließend eine zweite Leichenschau angeordnet. Unverzüglich hatte er die Exhumierung bei der Friedhofsverwaltung beantragt und mit Erfolg auf die Dringlichkeit hingewiesen.

Da es sich dabei um eine gerichtliche Sektion handelte, wäre die Zustimmung der Angehörigen nicht nötig gewesen. Widerspruch hätten sie sowieso nicht einlegen können. Dennoch benachrichtigte der Kommissar die zwei Verwandten. Der Zweck der erneuten Autopsie wurde dadurch nicht gefährdet. Auch davon überzeugte sich Kreutz noch einmal in den Vorschriften für eine solche Maßnahme.

Markus Hirschbichlers Leiche war auf dem größten Rosenheimer Friedhof an der Klosterkirche beigesetzt worden. Bis dahin hatte nur sein Vater im Familiengrab geruht. Der Schwimmmeister hatte zwar im 17 Kilometer entfernten Bad Endorf gewohnt und gearbeitet, stammte aber aus dem Rosenheimer Stadtteil Happing. Die Ausgrabung im neuen Friedhof nördlich der Aussegnungshalle begann früh am Morgen des Mittwochs, vor Öffnung der Zugänge. Sie wurde außer von den Kripobeamten KK Kreutz und KHM Kohlbeck von zwei Polizisten und zwei Rettungssanitätern begleitet.

Für den Fall, dass der blasse Mann vom Bestattungsamt, der unbedingt dabei sein wollte und extra früh aufgestanden war und zusah, umkippen würde, malte sich Kreutz aus.

Frau Wolf, die anwesende Leiterin der Friedhofsverwaltung, sah zwar am frühen Morgen so zerknautscht wie nach einer durchzechten Nacht aus, wirkte aber auf alle Fälle stabiler als der blasse Beamte.

Dr. Baumgartner, der die Autopsie später durchführen sollte, wartete in der Gerichtsmedizin auf seine „Lieferung”. Kreutz wusste, so früh kroch der nie aus dem Bett.

Er hoffte darauf, dass Dr. Baumgartner bei Hirschbichlers zweiter Leichenschau Ähnlichkeiten zum Tod von Sabine Stern feststellen würde. Dann konnte er seine Ermittlungen in eine andere Richtung steuern. Die Chancen, mögliche Tatpersonen einzukreisen, einen Personenkreis bis auf wenige Verdächtige zu reduzieren, stiegen dann gewaltig. Wenn, ja wenn …

Die Grabung selbst nahm ein Angestellter des Bestattungsinstituts mit einem von der Friedhofsverwaltung bereitgestellten Minibagger vor.

Der Sarg zeigte sich nach dem Winterhalbjahr in der Erde noch intakt. Die Leiche darin weniger. Vorsichtig, mit Mund-Naseschutz und Schutzkleidung ausgestattet, betteten die Helfer Hirschbichlers Körper in den Transportsarg der Pathologie. Zum Abtransport kam das Fahrzeug der Bestattungsfirma zum Einsatz.

Die Kosten übernimmt in diesem Fall eh die Verwaltung, hatte Feldmann gegrinst.

14) 17. KW

Bestatter, Totengräber zu werden, das hätte den Gärtner schon mal interessiert. Vielleicht ging er sogar wegen seines unbewussten Wunsches nach Abschluss seiner Ausbildung ausgerechnet zur Friedhofsgärtnerei. Was hatte er nicht alles gelernt: Obstbau, Gemüsebau, arbeitete in der Baumschule der Stadtgärtnerei, schnupperte im Garten- und Landschaftsbau, Staudengärtnerei und Zierpflanzenanbau. Auf all das hätte er sich spezialisieren können. Aber nein, für die Friedhofsgärtnerei entschied er sich. Trotz seines furchtbaren Erlebnisses mit Nekrophilie, oder womöglich deswegen? Nein, der Platz war frei geworden, nachdem er die Gesellenprüfung bestanden hatte. Die Gelegenheit, bei der Stadt als Angestellter im öffentlichen Dienst bald unkündbar zu werden, ließ er sich nicht entgehen. Das war der ganz banale Grund.

So spannend stellte er sich seinen Job gar nicht vor, wie er sich dann bisweilen entpuppte. Über blöde Witze, man könne sogar auf einem Friedhof etwas erleben, konnte er nur anfangs lachen. Die Grab- und Anlagenpflege war schließlich harte Arbeit.

Auf dem Friedhof, diesem Gottesacker und Ruhegarten, suchen auch die Lebenden Abstand von der Hektik im Alltag. Dazu viele, die keine letzten Ruhestätten von Verwandten dort haben. Nichtsdestoweniger bekam er in den Jahren mit, was manche Bestatter, Grabmacher oder sogar Steinmetze hier erlebten:

1983, (oder 1984, genau konnte er es nicht mehr sagen), beobachtete er einen Steinmetz, der einen neuen Namen mit Geburts- und Todesdatum in einen Grabstein meißelte. Die Spätsommersonne brannte auf ihn herab, weshalb er zu seiner Arbeit einen Strohhut trug. Er saß auf einem Schemel direkt auf dem frisch zugeschütteten Grab.

Die zweite Herbstfestwoche auf der benachbarten Loretowiese, dem Rosenheimer Festplatz, war in vollem Gang. Es musste also Anfang September gewesen sein. Gekreische, Musik und der Duft von gebrannten Mandeln und gegrilltem Steckerlfisch störten unangemessen die Würde des Gräberfeldes.

Der Steinmetz war fast fertig, als sich ein Schatten über ihn legte. Er drehte sich um. Eine große, stattliche Frau stand nun am Grab. Sie fragte ihn sinngemäß, ob er das nicht hören würde. Irritiert zuckte der Steinmetz mit den Schultern. Meinte sie den Krach vom Herbstfest?

Sie zeigte auf das Grab und sagte, nein, es käme aus dem Grab ihres Sohnes. Ihr Gesichtsausdruck dabei war unbeschreiblich. Angst, Hoffnung und Unglauben, all das auf einmal zeigte sich in diesem weiblichen Gesicht. Ihre großen Augen starrten wie tot. Der leicht geöffnete Mund zitterte. Sie schien nicht zu atmen. Ihren Kopf neigte sie zur Seite, um noch besser zu lauschen.

Wie vom Blitz getroffen sprang der Steinmetz auf. In der Zeitung stand später, immer wenn er den Meißel absetzte, habe er das Gefühl gehabt, jemand wimmere in der Nähe. An eine Katze dachte er zunächst. Der plötzliche Verdacht sprengte sein Vorstellungsvermögen. Er entschuldigte sich bei der Mutter des Verstorbenen, bevor er zur Friedhofsverwaltung eilte, diese verständigte, und die wiederum etwas in die Wege leitete, was sehr selten vorkommt: eine Exhumierung. In diesem Fall, eine Not-Exhumation.

Der Gärtner beobachtete das Ganze. Während der Steinmetz in der Friedhofsverwaltung telefonierte, stützte er die Mutter am Grab. Er bot ihr den Steinmetzschemel an, doch sie warf sich buchstäblich aufs Grab und rief ununterbrochen den Namen ihres Sohnes.

Die Exhumierung verlief dann rasch und zügig in der noch nicht gesetzten Erde. Der Sarg wurde gehoben, geöffnet – und der Mann darin schaute in entsetzte, verwirrte, staunende Augen von Polizisten und Rettungssanitätern. Nur seine Augen bewegten sich, und seine Lippen formten schwach das Wort Hilfe. Doch nur ein Wimmern, dem Jammern eines kleinen Kätzchens gleich, kam als Ton heraus. Den Anblick, den Ton, vergaß der Gärtner nie mehr, ebenso wenig wie die Leichenschändung Jahre zuvor in der Aussegnungshalle.

Ein Lazarus, schrieben die Zeitungen danach, vita reducta – scheintot! Es war eine Sensation.

Der Notarzt stellte fest, dass der am Vortag beigesetzte Mann, 35 Jahre alt, tatsächlich lebte. Später wurde gegen den Arzt, der irrtümlich den Tod des Herrn festgestellt hatte, ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Ihm wurde die Approbation entzogen und er bekam eine Geldstrafe.

Heute noch lebt der Totgeglaubte munter und besucht oft das Grab seiner Mutter. Wie sich herausstellte, besaß sie zu Lebzeiten das absolute Gehör.

Tja, dachte der Gärtner, hier kann man wirklich einiges erleben, in dem Fall sogar ein Weiterleben nach dem Tod.

Er ahnt, dass da noch was kommt. Aber was? Die Glöcklein erklingen, und sicher wird derjenige wieder im Trauerzug dabei sein, den er jetzt doch bald mal ansprechen wird. Es geht ihn zwar nichts an, was jeder im Rahmen der Friedhofsordnung hier so treibt. Aber bei all den Merkwürdigkeiten bis hin zu Straftaten, die er hier in den vielen Jahren mitbekam, lässt ihn das Gefühl nicht los, dass der Kerl etwas im Schilde führt. So geht’s ja nicht!

15) 18. KW

In Bertis Apartment im Margarethenhof tönte zum zweiten Mal schrill die Türklingel.

„Du, Tanterl, soll ich die Klingel ein bisserl leiser stellen?”, fragte Michael unterwegs zur Tür.

Berti rief vom Tisch aus zurück: „Nein, bloß ned! Die Hausverwaltung meint, wir sind eh alle schwerhörig – und du sollst ned immer Tanterl sagen!”

Michael freute sich auf Conny und öffnete die Tür.

„Guten Tag, ich bin Kriminalhauptmeister Kohlbeck, Kriminalpolizeiinspektion Rosenheim, und das ist meine Kollegin, Frau Thaler.”

Der junge Mann und die noch jüngere Frau hielten Michael ihre Ausweise vor die Nase.

„Das ist doch das Apartment von Frau Berta Maria Warthens? Ist sie zu sprechen?”

Von hinten kam ein ärgerliches „Mach die Tür zu, es ziagt!”

Michael hatte seine erste Verblüffung überwunden. Er hob sein kräftiges Kinn energisch an.

„Um was geht’s denn?”

„Nur um ein paar Fragen an die Dame. Und wer sind Sie?”

Musste er sich zu erkennen geben? Manchmal widerstrebte ihm, der Staatsgewalt ohne Widerstand zu gehorchen, selbst wenn es nur um so etwas Banales wie die Frage nach der Identität ging. Das war so ein Reflex, den er spontan innerlich überprüfte, ehe er zu dem Schluss kam: He, erstmal sehen, was kommt.

„Der Neffe”, redete er sich um seinen Namen herum. „Nochmal, um was geht’s gleich wieder?”

Kohlbeck antwortete mit leicht ungehaltenem Unterton.

„Eine Befragung Ihrer Tante, Herr Warthens.”

Aha, der Polizist folgerte also, als Neffe müsste man denselben Nachnamen haben wie die Tante. Michael ließ Kohlbeck und die zierliche Frau Thaler eintreten.

Berti schaute von ihrem Platz am Tisch auf. Sie hatte Conny erwartet und zuckte merklich zusammen. Die beiden Fremdlinge lächelten ob ihrer Wirkung die alte Frau zwar verständnisvoll und mild an, was aber nichts daran änderte, dass Berti sie irritiert anstierte.

„Was is jetzt nachher dös?”

„Keine Angst, Frau Warthens”, begann Kommissar-Anwärterin Thaler und holte ein Tablet aus ihrer Umhängetasche, „wir haben nur ein paar Fragen wegen Frau Sabine Stern.”

„Ich habe ihr nur ein paar Rezepte zukommen lassen”, versuchte sich Berti in Schriftdeutsch. Das tat sie immer, wenn sie vor Fremden etwas betonen wollte, klang aber dermaßen gekünstelt, dass es Michael jedes Mal kalt über den Rücken lief.

Er hatte die Tür wieder geschlossen und sich hinter den zwei Polizisten aufgebaut. Jetzt war ihm klar, warum sie seine Tante befragten. Die kamen von Kreutz, dem Kletz’nbene, der die Patienten der Heilpraktikerin überprüfen ließ.

„Ein Giftrezept wird schon nicht dabei gewesen sein”, mischte er sich ein und erntete zwei tadelnde Blicke der Exekutive.

„Freilich ned.” Berti hatte sich wieder gefangen. „Wollen S’ Ihnen hinsetzen?”, vermischte sie Hoch- mit Süddeutsch.

Frau Thaler lächelte wieder gütig. „Dankeschön, aber wir haben es ja hoffentlich gleich. Außer, Ihr detektivischer Neffe hat etwas dagegen.”

Sie drehte sich ruckartig um und sah Michael herausfordernd an. Ihr Kollege Kohlbeck grinste.

Klar, der Name Warthens in einer Patientendatei der Heilpraktikerin musste Kreutz sofort aufgefallen sein. Er hatte die beiden sicher vorab über den Verwandten der ältesten Patientin von Frau Stern informiert. Oder wahrscheinlicher: sie vor ihm gewarnt.

Berti lächelte nicht.

„Der Michi ist ein ganz guter Detektiv, das dürfen Sie mir glauben”, sagte sie so ernst, als ging es um seine Beerdigung. „Und jetzt fragen S’ halt, wenn’s sein muss.”

Michael traute seine Ohren nicht. Berti nahm ihn, für ihre Verhältnisse sofort und vehement in Schutz? Früher hatte es schon schwerere Geschütze gegen ihn gebraucht, dass sie ihm beisprang. Aber seit es ihm nach dem Koma und seiner kurzen Reha wieder besser ging, schien Berti doch ein wenig Angst zu haben, er könnte vor ihr den Löffel abgeben.

„Also los”, begann die junge Kriminalerin, „Sie wissen, was mit Frau Stern passiert ist?”

„Grad hab ich’s in der Zeitung g’lesen.” Mit ihrem krummen Zeigefinger deutete sie auf den Artikel in der auf dem Tisch aufgeschlagenen Zeitung. „Das ist ja furchtbar.”

Frau Thaler tappte kurz auf ihr Tablet.

„Ja, Frau Warthens. Haben, oder hatten Sie Kontakt zu anderen Patienten von Frau Stern?”

„I? Naa.”

Wieder tippte die zarte Frau mit den dünnen blonden Haaren etwas auf dem Tablet.

Jetzt meldete sich Kohlbeck zu Wort: „Hier riecht’s angebrannt, oder?”

„Jessas, Michi!”, erschrak Berti. „Schau halt auf’s G’röstel. Glaubst es!”

Sofort schnappte sich Michael die Pfanne, zog sie von der heißen Herdplatte und schaltete sie ab. Die untere Hälfte seines Mittagessens konnte er vergessen. Gespannt wartete er auf die weiteren Fragen der beiden Kriminaler.

Frau Thaler setzte die Befragung fort.

„Wie lange sind Sie denn schon Patientin der HP?”

„Ha?”

„Der Heilpraktikerin”, verbesserte sich Frau Thaler.

„Ein gut’s Jahr ungefähr”, sinnierte Berti. „Naa, doch schon fast zwei, aber am Anfang war i ned oft da.”

Tipp-tapp.

„Wann waren Sie denn zuletzt bei Frau Stern, und war sie dabei anders als sonst?”

„A geh, nein. Vor einer Woch’ war ich z’letzt da.”

Tipp.

Kohlbeck kam zum Zug: „Frau Warthens, haben Sie kürzlich, oder auch früher, einen Streit mit einem anderen Patienten mitbekommen?”

„Nein, ich war immer allein mit der Sabine.” Plötzlich richtete sich Berti auf und schmunzelte. „Wir waren ja per Du, nachdem sie g’merkt hat, dass ich ein bisserl was von dem versteh, was man heut Naturheilkunde nennt. Was sie gar net kennt hat, war ein Mankeifett. Aber wie ich dann g’sagt hab, dass das auf Hochdeutsch Murmeltierfett heißt, hat’s recht g’lacht. Und so hab’ ich ihr halt des eine oder andere alte Hausmittel g’nennt, das ich auf der Alm selber g’macht hab.”

„Ja, ja. Schon gut”, unterbrach sie Kohlbeck. „Können Sie sich vorstellen, dass Frau Stern Feinde gehabt hat? Neider?”

„Solchene, die ihr was antun könnten? Naa, nein.”

Frau Thaler hakte diese Frage auf ihrem Tablet ab.

„Das war’s eigentlich schon, Frau Warthens”, sagte sie und kniff die Lippen zusammen. Natürlich hatten sie Berti nicht als Verdächtige auf dem Schirm. Sie war eine von wer-weiß-wie-vielen Patienten in der Praxis. Die Kripo musste halt alle abfragen.

Michael merkte, dass Berti über das Ende der Befragung ziemlich froh war.

„Ja, dann auf Wiedersehen, Herr – ähm, Kommissar, sagten Sie?”, leitete Michael den Abschied ein.

Kohlbeck deutete eine Verneigung an, als schmeichle ihm die plötzliche Beförderung zum Kommissar.

„Kriminalhauptmeister”, ließ er Michael noch einmal wissen.

Auch Frau Thaler stellte ihren Rang ins richtige Licht: „Kommissar-Anwärterin im Praktikum.”

„Na, dann kann ja nix schiefgehen bei Ihrer Suche nach einem Mörder”, stichelte Michael.

„Wir wissen ja noch nicht einmal sicher, dass es Mord war”, verriet Frau Thaler, die ihr Tablet in die Umhängetasche zurücksteckte und Berti zunickte.

„Danke, Frau Warthens, Wiedersehen.”

Michael begleitete sie zur Tür.

„Schönen Gruß an Kommissar Kreutz”, verabschiedete er sich zum letzten Mal. Wortlos verschwanden die zwei Polizisten nach unten.

Zurück am Tisch bei Berti atmete er tief durch.

„So, Tanterl, und jetzt sagst mir bitte, was du wirklich weißt!”

Sie ließ ihre Dritten sehen. „Mach erst einmal ein Fenster auf. Die Knödel rauchen ja noch.” Sie grinste schelmisch.

Klar wusste sie mehr über diese Stern Sabine!

Erneut klingelte es verboten schrill. Dieses Mal von Conny ausgelöst.

„Da bist ja”, freute sich Berti.

Michael schaufelte in der Pfanne herum.

„Servus.”

Connys rötliches Haar schimmerte im Licht der Küche seidig. Ihre seit der Kindheit üppigen Sommersprossen waren kaum auszumachen.

„War was?”

Berti und Michael schauten sich an.

„Naaa!”

16) Dr. Gideon Baumgartner

begann mit der äußeren Besichtigung der Leiche von Markus Hirschbichler.

Eine Obduktion 2.0, sagte sich der Doktor. Kommt auch nicht oft vor.

Ob eine weitere, innere Leichenschau nötig sein würde, wollte der Pathologe später entscheiden. Er wusste von Kommissar Kreutz, worauf er primär achten sollte.