Der fromme Spruch - Adalbert Stifter - E-Book

Der fromme Spruch E-Book

Adalbert Stifter

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Beschreibung

Zwei "Paare" und eine leicht verwirrende Namensgleichheit, die Stifter am Schluss gekonnt aufklärt: Für diese Erzählung, die erst posthum erschien, musste Stifter sich vor seinem Verleger rechtfertigen. Sie beginnt mit dem Geburtstag der Geschwister Dietwin und Gerlint und geht auf die Frage nach dem eigenmächtigen oder dem göttlichen Einwirken bei der Eheschließung ein. -

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Adalbert Stifter

Der fromme Spruch

 

Saga

Der fromme SpruchCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1869, 2020 Adalbert Stifter und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726630954

 

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

 

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

 

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

Der fromme Spruch

1

Dietwin von der Weiden hatte die Gepflogenheit, an jedem vierundzwanzigsten Tage des Monates April gegen den Abend in das Gut seiner Schwester einzufahren. So geschah es auch diesmal wieder, daß an dem genannten Tage um fünf Uhr nachmittags sein Wagen durch das Tor des Schlosses rollte. Er wurde von der Dienerschaft empfangen und in seine zwei wohlbestellten Zimmer geleitet. Dort kleidete er sich mit der Hilfe seines Kammerdieners sorgsam um, während der andere Diener die Gepäcksachen von dem Wagen heraufschaffen und der Kutscher die zwei Schimmel in dem Stalle gehörig versorgen ließ. Als der Kammerdiener erklärt hatte, daß nichts mehr an dem Anzug fehle, ging Dietwin zu seiner Schwester. Diese saß in einem schwarzseidenen Kleide auf einem erhöhten Platze ihres Prunkzimmers und erwartete ihn. Etwas tiefer saß eine Kammerfrau, die gleichfalls in schwarze Seide gekleidet war. Als sich die Flügeltüren geöffnet hatten, und er hereingetreten war, stand die Schwester auf und ging ihm entgegen. In der Mitte des Gemaches kamen sie zusammen. Er nahm sie bei der Hand, neigte sich gegen sie und küßte sie auf die Stirne. Sie behielt seine Hand, erhob sich gegen ihn und gab ihm den Kuß zurück. Darauf geleitete er sie zu ihrem Sitze. Zwei Diener rückten für ihn einen Armstuhl auf der Erhöhung dem Stuhle ihrer Gebieterin gegenüber. Dann verneigten sie sich tief gegen beide, stiegen von der Erhöhung, gingen aus dem Saale und schlossen hinter sich die Flügeltüren. Dietwin setzte sich in den Armstuhl, die Schwester bedeutete die Kammerfrau, welche aufgestanden war, sich wieder zu setzen, und als dieses geschehen war, wendete sie sich zu dem Bruder und sagte: „Sei gegrüßt, Dietwin.“

„Sei gegrüßt, Gerlint“, antwortete er.

„Erfreust du dich einer vollkommenen Gesundheit?“ fragte sie.

„Ich bin frisch und gesund, wie ich es alle Tage meines Lebens gewesen bin“, antwortete er, „und kann ich von dir das gleiche erfahren?“

„So wie mich Gott der Herr noch nie mit einer Krankheit heimgesucht hat“, entgegnete sie, „so bin ich auch seit unserem letzten Zusammensein gesund geblieben. Ich habe mein einfaches Leben zur Erhaltung meines Körperwohles fortgesetzt und nehme eine Krankheit, wenn sie Gott sendet, demütig an und trage, was sie bringt.“

„An diesen Gesinnungen erkenne ich dich“, sagte er.

„Und ist deine Gemütsruhe nicht gestört worden?“ fragte sie.

„Wie es in der Verwaltung von Liegenschaften Verdrießlichkeiten gibt“, antwortete er, „und wie ein leichter Unmut über den Gang der öffentlichen Dinge zuweilen in das Gehirn kommt, so rechnete ich diese Sachen in der letzten Zeit so wenig wie früher, und so glaube ich, daß nichts meinen jetzigen Gleichmut zu erschüttern imstande wäre.“

„Das ist recht gut“, erwiderte sie.

„Und wie ist es mit deiner Seelenruhe beschaffen?“ fragte er.

„Da ich immer weniger auf das achte, was Dienstleute und Untergebene gegen meinen Sinn tun“, antwortete sie, „da ich immer weniger in die öffentlichen Angelegenheiten eingehe, weil mir ein Urteil über sie nicht zusteht, und da ich immer mehr alle Vorkommnisse als Schickungen Gottes betrachte, so kommt stets dauernder eine Stille meines Herzens zu mir, die wohl durch nichts mehr einen Abbruch erleiden wird.“

„Das ist auch recht gut“, sagte er.

„Ist kein Unfall vorgekommen?“ fragte sie.

„Ein zerbrochenes Rad, das wieder gemacht worden ist“, entgegnete er, „eine kranke Kuh, die wieder gesund ist, und anderes, dessen ich mich nicht mehr entsinne.“

„Das ist ohne Bedeutung“, sagte sie, „bei mir ist gar nichts vorgekommen.“

„So stehen die Sachen vortrefflich“, antwortete er.

„Es geht so gut, wie alles nur immer gehen kann“, sagte sie, „und so sei noch einmal gegrüßt, Dietwin.“

„Sei gegrüßt, Gerlint“, erwiderte er.

Darauf stand er auf, küßte ihre Hand und verließ den Saal.

Die Geschwister verzehrten diesen Abend noch ein kleines Mahl miteinander.

Als der nächste Tag angebrochen war, und als Dietwin das Frühmahl in seinem Wohngemache eingenommen hatte, ließ er sich noch viel festlicher kleiden als des Tages zuvor. Dann ging er in seinen zwei Zimmern auf und nieder. Nach einer Zeit erscholl die Glocke der Schloßkapelle. Auf dieses Zeichen ging er in die Kapelle und nahm seinen Sitz in einem wohlgepolsterten Stuhle an der linken Seite des Altares ein. Nach ihm kam Gerlint in einem äußerst schönen aschgrauen Seidenkleide und setzte sich in einen gleichen Stuhl an der rechten Seite des Altares. In der Tiefe der Kirche saß die Dienerschaft, und saßen die Leute Gerlints, es saßen der Kammerdiener, der Diener und der Kutscher Dietwins, und es saßen noch dicht gedrängt viele andere Menschen. Alle waren festlich angetan. Nach der Ankunft Gerlints wurde ein feierlicher Gottesdienst in der Kapelle gehalten.

Nach dem Gottesdienste ging Dietwin in seine Wohnung. Dort nahm er ein großes breites flaches Fach von dunkelblauem Leder aus einer Schublade und ging mit dem Fache in den großen Saal des Schlosses. In dem Saale war ein kostbarer Teppich auf den Marmorboden gebreitet, auf dem Teppiche stand ein sehr geräumiger rotseidener Armstuhl, und in dem Armstuhle saß in ihrem aschgrauen Seidenkleide Gerlint. Sonst war kein einziger Mensch in dem Saale. Sie stand auf, da Dietwin hereingetreten war. Er ging zu ihr, und die Geschwister küßten sich. „Gottes Heil mit dir, Gerlint“, sagte er, „und möge dir dieser Tag noch recht oft wiederkehren.“

„Gottes Heil auch mit dir, Dietwin“, sagte sie, „möge auch dir dieser Tag noch recht oft wiederkehren.“

Als diese Worte gesprochen waren, öffnete er das Fach, das er in der Hand hielt. Ein ebener blaßroter Sammet stellte sich dar, und auf dem Samte lagen vier Reihen großer gleich makelloser Perlen, in ein Halsband geschlungen.

„Diese Perlen sind schwache Abbilder schöner Gedanken“, sagte er, „möge deine Schönheit sie erst zieren und sie wert machen, daß du dich bei ihnen künftig deines heutigen Geburtstages erinnerst.“

„Dietwin“, sagte sie, „du bist immer gut bei frevelhaften Reden, und diese Perlen sind ein Rittergut.“

„Jede ist ein Ritter unseres Hauses“, antwortete er, „und seit wir keine Vasallen mehr zur Last haben, können wir solche Ritter leicht stellen.“

„Sie werden keine Felonie an unserem Hause üben“, entgegnete sie, „und in diesem Verstande nehme ich sie als eine gemeinschaftliche Macht. Ich danke dir herzlich, Dietwin.“

Sie nahm das Fach, schloß es und legte es auf einen Tisch, der neben ihrem Stuhle stand.

Von dem Tische nahm sie ein Fach, das aus braunem Leder war. Sie öffnete das Fach, und auf weißem Sammet stellte sich eine blaßbraune einfache Brieftasche vor. Sie nahm die Brieftasche heraus, schlug sie auseinander, und auf weißer Seide zeigte sich eine sehr feine Stickerei aus Gold und kleinen Perlen, die einen Lorbeerkranz bildete.

„Du siehst, wie wir immer die nämlichen Gedanken haben“, sagte sie, „du gibst mir zu meinem Geburtstage Perlen, und ich gebe dir zu deinem Geburtstage, den der Himmel auch an dem heutigen Tage beschert hat, ebenfalls Perlen.“

„Nur daß du noch eine herrliche Arbeit dazu gemacht hast“, antwortete er, „oder ich müßte mich sehr irren, wenn nicht dieser feine Kranz aus deinen sehr kunstgeübten Händen hervorgegangen wäre.“

„Ich habe mich bestrebt, ihn so gut zu machen, als ich konnte“, sagte sie.

„Und ich kann dir eine Arbeit gar nicht machen“, erwiderte er, „es müßte nur ein Gedicht sein, deren ich aber nie andere verfertigte, als uns in der Schule aufgegeben waren, und diese, sagte der Lehrer, seien allemal keine gewesen.“

„Die beste Arbeit, die du mir machst, Dietwin“, sagte sie ist dein. Leben, daran ich mich erfreue. Der Lorbeerkrahz soll dein Kriegsleben bedeuten.“

„Das hat keinen Lorbeerkranz verdient“, antwortete er. „Und mein Leben, wenn es dir Freude macht, freut mich auch, sonst ist es ein verwirrtes Stückwerk gegen deine klare Arbeit, Gerlint. Ich danke dir von dem Grunde meines Herzens für deine Gabe.“

Dann sagte Gerlint: „Lassen wir jetzt die Leute hereintreten.“

„Tue es“, antwortete Dietwin.

Gerlint schellte mit einer Glocke.

Da öffneten sich die Türen des Saales, und es traten mehrere Menschen herein. An der Spitze derselben war der Schloßverwalter, neben ihm die Kammerfrau und hinter den beiden die Dienerschaft; es waren die Knechte und Mägde des Gutes, es waren der Kammerdiener und Kutscher Dietwins, und es waren Leute aus der Gegend, welche früher Untertanen des Gutes gewesen waren.

Sie stellten sich in eine Reihe.

Da trat der Schloßverwalter etwas vor, verneigte sich vor Gerlint und dann vor Dietwin, reichte Gerlint einen Blumenstrauß und sagte: „In Gnaden und Huld sind wir vorgelassen worden. Viel Glück und Segen und langes Leben bringen wir im Wunsche. Ich bin zum Sprechen für alle erkoren worden, und ich spreche für alle. Der Wunsch ist doppelt, weil auch das hohe erhabene preisliche Geburtsfest ein doppeltes ist. Und also wie die Tulpen und die Narzissen und der Rosmarin und alle die andern Blumen aus verschiedenen Weltgegenden stammen und bei uns aus dem freien Grunde und aus dem Gewächshause in diesen Strauß vereinigt worden sind, so stammen die Diener und Leute des Schlosses aus verschiedenen Orten und sind vereiniget worden, hier ihre Pflicht zu erfüllen, und haben sich heute in einen Strauß versammelt, ihre Geistesgaben darzubringen, und wie die Blumen unzählige Blätter haben und Wohlgeruch und tausendfältige Farben, so soll das Glück unzählbar und angenehm und tausendfältig sein, was wir wünschen. Und wir bitten um die Gewogenheit noch ferner, und diese Leute, welche nicht mehr Untertanen des Schlosses sind, bleiben doch Untertanen des Herzens unserer erhabenen Frau und bringen gleich uns ihre Wünsche dar.“

Als er diesen Spruch geendet hatte, verneigte er sich wieder gegen Gerlint und Dietwin.

„Ich danke dir, Adam“, sagte Gerlint, „ich danke euch allen, meine Kinder; möge es mir noch gegönnt sein, euch bessere Gaben geben zu können, als ich euch an diesem Tage zu bescheren vermag.“

Die Kammerfrau trat hervor, sagte nichts, neigte sich auf die Hand ihrer Gebieterin und küßte sie.

„Agathe“, sagte Gerlint, „du hast einen griechischen Namen, der etwas Gutes bedeutet. Du bist wie der Name. Daure noch ein wenig bei mir aus.“

Die Kammerfrau, antwortete nichts und trocknete sich nur die Augen.

Und noch mehrere traten hervor und verneigten sich, oder küßten Gerlint die Hand.

Da alles vorüber war, ging Gerlint zu einem Tische, auf dem ein graues seidenes Tuch über Gegenstände gebreitet war, hob das Tuch empor und sagte: „Das sind wieder Kleinigkeiten, die ich an diesem Tage mit meinen eigenen Händen an euch zu verteilen mir das Vergnügen mache, um euch für das Liebe meinen Dank zu bezeigen, das ihr mir tut. Adam, diese Dose fühlt sich recht glatt in der Hand und öffnet und schließt sich leicht und genau. Agathe, in dem Buche sind Gedanken an Gott, wie du sie gerne hast, und die silbernen Spangen weisen auf einen reinlichen Sinn. Mathias, teile deinem Vater von dem Gelde mit, ihr brauchet es jetzt mehr als etwas anderes. Martha, deine Augen schauen noch auf Flitter, an Sonntagen wird dir das Tuch recht gut anstehen. Anna, dieser Latz wird dir auch nicht mißfallen. Sebastian, halte deine Zeit regelmäßig wie die Zeiger dieser Uhr. Katharina, nimm das Linnen, wozu du es brauchen kannst. Eva, lasse dir aus dem Stoffe ein nicht gar zu auffälliges Kleid schneiden. Ferdinand, mir ist das Rauchen in Zimmern und feuergefährlichen Orten sehr zuwider; ich mag dir aber doch gerne eine Freude machen, rauche aus dieser Pfeife nicht an den Orten, die ich genannt habe. Joseph, ich denke, diese Weste könnte dir gefallen, und dir Maria, diese Bänder, und, Margaretha, dir diese Sonntagschuhe, und euch andern das andere. So tretet doch näher.“

Die Angeredeten, welche etwas weiter zurückgestanden waren, gingen vorwärts, und jedes empfing seine Gabe aus der Hand der Gebieterin.

„Und ihr“, sagte sie dann, „welche ihr in der vergangenen Zeit meine Untertanen gewesen seid, und denen ich mich nicht glaube als eine Herrin bewiesen zu haben, sondern als eine Freundin, werdet wissen, daß ich eure Freundin noch bin, und wenn ihr auch die Steuern nicht mehr auf mein Schloß tragt, so sind doch die andern Bande geblieben. Kann ich jemanden aus euch ein Gutes tun, so komme er und eröffne sich mir. Jetzt, Kinder, gehet und genießet des heutigen Tages als eines Feiertages.“

„Ich bitte dich, Gerlint“, sagte Dietwin, „gib ihnen mir zuliebe ein Glas guten Weines, daß sie außer deiner Gesundheit auch die meine trinken und die Gesundheit meiner Leute zu Hause, welche alljährlich dieses Fest ohne mich begehen müssen. Eure Geschenke von mir, meine Lieben, sind schon in dem Vorsaale, und jedes hat den Namen.“

„Sie haben den besten Tischwein meines Kellers“, entgegnete Gerlint, „und sollen ein Glas feinen Nachtischwein bekommen, wie wir ihn selber bei unserem heutigen Mahle haben.“

„Und so wäre nun alles in diesem Saale in Ordnung“, sprach Dietwin.

„Ich glaube, alles“, entgegnete Gerlint.

Die Leute drängten sich noch herzu, küßten Gerlint die Hand, oder verbeugten sich und taten ähnliches bei Dietwin.

Dann verließen sie den Saal.

„Geliebte Schwester“, sagte nun Dietwin, als er mit Gerlint allein war, „lasse uns jetzt in deiner trauten Kammer das Gespräch pflegen, das wir an diesem Tage gerne über unsere Angelegenheiten führen, ehe die aus der Nachbarschaft kommen, die wieder zahlreich sein werden, weil du sie nach deinem Gebrauche an keinem früheren Tage zum Wunsche zulässest. Ich habe dir heute Besonderes zu sagen.“

„So komme“, sprach Gerlint.

Sie nahm das Fach mit den Perlen, er steckte die Brieftasche zu sich, reichte ihr den Arm und führte sie aus dem Saale in ihr Wohngemach. Dort schloß sie die Perlen in einen Kasten und setzte sich dann in einen Armstuhl. Dietwin setzte sich in einen andern, ihr schräge gegenüber.

„Und nun sprich, Dietwin“, sagte sie.