Der galaktische Topfheiler - Philip K. Dick - E-Book

Der galaktische Topfheiler E-Book

Philip K. Dick

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Beschreibung

Mehr vom großen amerikanischen Science-Fiction-Autor Philip K. Dick (»Blade Runner«, »Electric Dreams«): »Der galaktische Topfheiler«

Was nützt es einem, der beste Topfheiler der Welt zu sein, wenn es kaum noch Keramik zu reparieren gibt?
Cleveland 2046: Joe Fernwright sitzt auftragslos und frustriert in seiner Werkstatt und ist nahe dran alles hinzuschmeißen, als vom Planeten Plowman eine ganz besondere Anfrage hereinkommt. Ahnungslos steuert Fernwright in eine abenteuerliche Mission, wie sie die Galaxis noch nie gesehen hat ...

Der erstmals 1969 unter dem Titel »Galactic Pot-Healer« erschienene Zukunftsroman ist damit endlich wieder auf Deutsch lieferbar.

»Dieses Buch ist ein Juwel – eine erfreulich absurde Parabel.«
Lawrence Sutin

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Leseprobe zu:

Philip K. Dick

Der galaktische Topfheiler

Roman

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Joachim Pente

FISCHER E-Books

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© S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Inhalt

[Widmung][Motto]12345678910111213141516

1

Schon sein Vater war Topfheiler gewesen. So war es gekommen, dass auch er Töpfe heilte, genauer gesagt, jede Art von Keramikware, die aus der Alten Zeit vor dem Krieg erhalten geblieben war, einer Zeit also, in der noch nicht alles aus Plastik gewesen war. Ein Keramiktopf war ein wundervoller Gegenstand, und jeder, den er heilte, wurde für ihn zu einem Objekt der Liebe, zu etwas, das er niemals mehr vergaß. Seine Form, seine Struktur, seine Glasur – all das prägte sich fest bei ihm ein und blieb für ihn lebendig.

Leider nahm jedoch kaum jemand mehr seine Dienste in Anspruch. Es gab nur noch wenige Gegenstände aus Keramik, und die Leute, die sie besaßen, achteten sorgsam darauf, dass sie nicht zerbrachen.

Ich bin Joe Fernwright, pflegte er sich zu sagen. Ich bin der beste Topfheiler der Erde. Ich, Joe Fernwright, bin anders als andere Menschen.

In seiner Werkstatt standen überall Kästen herum, Stahlbehälter, in denen er die fertigen Töpfe zurückschickte. Doch dort, wo gewöhnlich die zu reparierenden Stücke lagen, war fast nichts. Seit sieben Monaten war seine Werkbank praktisch leer.

In diesen sieben Monaten hatte er über vieles nachgedacht, zum Beispiel darüber, seinen Job aufzugeben und irgendeine andere Beschäftigung anzunehmen, egal welche, nur um nicht auf die Kriegsveteranenunterstützung angewiesen zu sein.

Vielleicht war seine Arbeit ja einfach nicht gut genug. Vielleicht hatte er deshalb keine Kunden mehr, weil sie ihre zerbrochenen Töpfe anderen Firmen zur Reparatur schickten.

Er hatte auch mit dem Gedanken gespielt, sich umzubringen. Oder ein Kapitalverbrechen zu begehen, jemanden aus den höheren Rängen des Weltfriedenssenats zu ermorden oder so etwas. Aber was hätte das schon genützt?

Außerdem war sein Leben nicht völlig wertlos und unsinnig, denn es blieb ihm wenigstens noch eine schöne Sache, wenn ihn auch sonst alles im Stich gelassen hatte. Das Spiel.

 

Auf dem Dach seines Mietshauses wartete Joe Fernwright mit seiner Lunchbox in der Hand auf den Nahverkehrsschweber. Die kalte Morgenluft ließ ihn frösteln. Er muss jeden Moment auftauchen, dachte er. Außer wenn er voll ist. Dann wird er nicht anhalten, sondern einfach vorbeifliegen. Nun, ich kann ja immer noch zu Fuß gehen.

Er hatte sich daran gewöhnt, zu Fuß zu gehen. Wie auf jedem anderen Gebiet, so hatte die Regierung auch in der Bewältigung des öffentlichen Nahverkehrs völlig versagt. Zum Teufel mit ihnen, sagte er sich, oder besser: Zum Teufel mit uns! Schließlich war er selbst ja ein Teil des gigantischen Parteiapparats, der den Planeten fest im Griff hielt.

»Ich geb auf«, sagte der Mann neben ihm, dessen wohlrasierte und parfümierte Wangen nervös zuckten. »Ich fahre nach unten und gehe zu Fuß. Viel Glück beim Warten!« Der Mann schob sich durch das Gedränge der Leute, die alle auf den Schweber warteten. Hinter ihm schloss sich die Gasse wieder.

Ich gehe auch, entschied Joe. Gefolgt von einigen anderen grummelnden Pendlern, die ebenfalls nicht länger warten wollten, ging er zum Aufzug hinüber.

Auf der Straße angekommen, machte er einen Satz über ein beschädigtes – natürlich noch immer nicht repariertes – Stück des Bürgersteigs, holte wütend Luft und marschierte dann Richtung Norden.

Nach kurzer Zeit schwebte ein Polizeiwagen auf ihn zu und blieb dicht über seinem Kopf stehen. »Sie gehen zu langsam«, rief der uniformierte Beamte und richtete einen Walters-&-Jones-Laserstrahler auf ihn. »Gehen Sie schneller, oder ich muss Sie aufschreiben!«

»Ich gehe ja sofort schneller«, sagte Joe. »Schließlich bin ich eben erst losgegangen. Ich brauche etwas Zeit, um in Fahrt zu kommen.«

Er machte schnellere Schritte, passte sich der Geschwindigkeit der anderen Fußgänger an, die eilig die Straße entlangliefen. Auch sie hatten – wie er – das Glück, eine Arbeit zu haben, einen Ort, zu dem sie gehen konnten an diesem trüben Donnerstagmorgen, Anfang April des Jahres 2046 in Cleveland, Kommunale Bürgerrepublik Nordamerika. Oder zumindest, dachte er, hatten sie etwas, das nach Arbeit aussah: Begabung, Erfahrung, vielleicht sogar einen Auftrag, den sie zu erfüllen hatten.

 

Der würfelförmige Raum, der ihm als Werkstatt und Büro zugleich diente, enthielt eine Werkbank, diverse Apparaturen, die leeren Metallbehälter, einen kleinen Schreibtisch und einen alten, lederbezogenen Schaukelstuhl, der bereits seinem Großvater gehört hatte und später dann seinem Vater. Und nun saß er auf diesem Stuhl, Tag für Tag, Monat für Monat. Außerdem stand da noch eine einfache Keramikvase, nicht sehr hoch, dafür ziemlich breit, die mit einer mattblauen Glasur überzogen war. Er hatte sie vor Jahren entdeckt und als eine japanische Arbeit aus dem 17. Jahrhundert identifiziert. Er liebte diese Vase. Und sie war nie beschädigt worden, nicht einmal während des Krieges.

Er setzte sich in den Schaukelstuhl und spürte, wie dieser nachgab, sich seinem vertrauten Körper anpasste. Der Stuhl kannte ihn, so wie er den Stuhl kannte – ein ganzes Leben lang schon.

Dann beugte er sich wieder vor, um die automatische Postlieferung zu aktivieren. Doch er zögerte. Was, wenn ich keine Post bekommen habe?, fragte er sich. Es ist ja praktisch nie etwas für mich dabei. Nun, vielleicht ist es heute anders. So wie bei einem Torwart: Wenn er lange keinen Ball mehr hereinbekommen hat, sagt man sich: Jetzt muss es aber mal passieren! Und meistens passiert es dann auch.

Er drückte auf den Knopf. Drei Rechnungen fielen aus der Öffnung. Und das graue Päckchen, das seine tägliche Unterstützung enthielt. Geld von der Regierung – kleine, fast wertlose Papiermarken.

Jeden Morgen, wenn er das Päckchen mit den frisch gedruckten Marken erhielt, fuhr er auf dem schnellsten Weg zum nächstgelegenen Super-Shopping-Center, wo er eilig seine Einkäufe machte. Er tauschte die Marken gegen Nahrungsmittel, Zeitschriften, Pillen, Kleidung – irgendetwas, was immer es gab. Alle machten es so. Man musste es so machen. Wenn man Regierungsgeld nur vierundzwanzig Stunden behielt und es nicht ausgab, kam das einer Katastrophe gleich, im Grunde war es Selbstmord. Grob geschätzt verlor Regierungsgeld innerhalb von zwei Tagen achtzig Prozent seiner Kaufkraft.

»Lang lebe der Präsident!«, rief ihm der Mann in dem ebenfalls würfelförmigen Raum nebenan zu. Es war der übliche Gruß.

»Ja«, erwiderte Joe automatisch. Es gab eine ganze Anzahl über- und nebeneinanderliegender Räume dieser Art, und plötzlich kam er auf den Gedanken, herauszufinden, wie viele genau sich wohl in dem Gebäude befanden. Waren es tausend oder gar zweitausend? Das könnte ich heute machen, dachte er. Nachprüfen, wie viele dieser Räume noch außer meinem in dem Gebäude sind. Dann wüsste ich auch, wie viele Leute sich insgesamt in diesem Haus aufhalten, ausgenommen natürlich diejenigen, die krank oder gestorben sind … Aber erst einmal eine Zigarette. Er zog eine Schachtel echter Tabakzigaretten aus seiner Tasche. Was er machte, war höchst illegal – Rauchen war wegen des Gesundheitsrisikos und der Suchtgefahr streng verboten.

Als er die Zigarette gerade anzünden wollte, fiel sein Blick wie immer auf den Rauchsensor, der an der gegenüberliegenden Wand angebracht war. Er seufzte und steckte die Zigaretten wieder weg. Dann rieb er sich nervös die Stirn und versuchte, dieses Bedürfnis, das tief in ihm saß, diese Begierde, die ihn schon so oft mit dem Gesetz in Konflikt gebracht hatte, näher zu ergründen. Wonach sehne ich mich eigentlich?, fragte er sich. Nach etwas, für das Rauchen und andere orale Genüsse nur ein schaler Ersatz sind. Ich sehne mich nach etwas Großem. Er verspürte eine Art Ur-Hunger – als könnte er mit weit aufgerissenen Kinnladen alles um sich herum verschlingen, in sich hineinstopfen.

So war er zu dem Spiel gekommen.

Er drückte einen Knopf, hob den Telefonhörer ab und wartete, bis das Relais seinen Apparat langsam und knarrend mit einer Außenleitung verbunden hatte. Schließlich gab das Gerät ein quietschendes Geräusch von sich, und auf dem Bildschirm tauchten Farben und geometrische Gebilde auf. Verschwommene Flecken, die das elektronische Sprachgewirr sichtbar machten.

Er wählte eine zwölfstellige Nummer aus dem Gedächtnis, beginnend mit der Vorwahl von Moskau. »Hier ist das Büro des Vizekommissars Saxton Gordon«, sagte er dann in den Hörer.

Das Gesicht des Telefonisten flimmerte vor ihm auf dem Miniaturschirm. »Sie haben wohl wieder ein paar Spiele?«

»Ein humanoider Zweifüßler kann metabolische Prozesse nicht ausschließlich durch Verzehr von Planktonmehl aufrechterhalten«, erwiderte Joe. Der Telefonist warf ihm einen missbilligenden Blick zu und verband ihn dann mit Gauk.

Das gelangweilte Gesicht des russischen Beamten erschien auf dem Schirm. Als er Joe sah, hellte sich seine Miene auf und zeigte erwartungsvolles Interesse. »A preslávni vityaz. Dostoini konovód tolpi byezmózgloi, prestóopnaya …«

»Halten Sie bloß keine lange Rede«, unterbrach ihn Joe ungeduldig, wie es seiner morgendlichen Stimmung entsprach.

»Entschuldigung.«

»Haben Sie etwas für mich?« Joe legte seinen Stift bereit.

»Der Übersetzungscomputer in Tokio war den ganzen Morgen über besetzt. Ich habe es dann an den kleineren Computer in Kobe durchgegeben. In mancher Hinsicht ist der in Kobe – wie soll ich es ausdrücken – seltsamer oder origineller als der in Tokio.« Gauk wandte sich einen Augenblick ab und sah auf ein Blatt Papier. Sein Büro war wie das von Joe kubisch gebaut, doch weitaus spärlicher eingerichtet; das Mobiliar bestand lediglich aus einem Schreibtisch, einem Telefon und einem Plastikstuhl mit feststehender Lehne. »Gut, sind Sie so weit?«

»Ja, es kann losgehen.« Joe malte ein paar Striche auf sein Blatt.

Gauk räusperte sich noch einmal. Dabei grinste er selbstzufrieden, so als wäre er überzeugt, dass Joe dieses Rätsel nie würde lösen können. »Das hier kommt aus Ihrem Sprachbereich. Ein Buchtitel. Mehr sage ich Ihnen dazu nicht.« Er hielt sich damit an eine der Regeln, die sie miteinander vereinbart hatten. Sie – das war eine Gruppe von Leuten rund um die Welt, die in engen Büros saßen, unwichtige Positionen innehatten, gelangweilt waren. Sie hatten Aufgaben zu erledigen, die eigentlich überflüssig waren, trugen keine Verantwortung, hatten über keine schwerwiegenden Probleme zu entscheiden. Sie hatten nichts außer der fürchterlichen Leere, die sie in ihrer jeweiligen Gesellschaft empfanden, die Leere, gegen die sich ein jeder von ihnen auf seine Weise sträubte und die sie mit Hilfe des Spiels aus ihrem Bewusstsein drängen wollten.

»Ist der Buchtitel denn einigermaßen bekannt?«, fragte Joe.

Gauk ging nicht auf die Frage ein, sondern las von seinem Blatt ab: »Segelflugzeuge stellen Glocken hin.«

»Stellen Glucken hin?«

»Nein. Glocken.«

»Segelflugzeuge.« Joe dachte nach. »Düsenflugzeuge. Nein, nicht von Maschinen angetrieben. Gleiter. Glocken. Signale, akustische Zeichen?« Er kritzelte etwas auf das Papier und strich es dann wieder durch. »Und das haben Sie vom Übersetzungscomputer in Kobe? Glockenläuten, läuten. Stellen hin, also hinstellen. Niederlegen, absetzen, platzieren, zustellen? Nein, herstellen.« Er schrieb es schnell auf. »Herstellen, produzieren, machen. Machen, läuten, Gleiter. Gleiter, machen, läuten.« Jetzt hatte er es. »›Kleider machen Leute‹«, sagte er. »Von Gottfried Keller.« Triumphierend warf er den Stift auf den Tisch.

»Zehn Punkte für Sie«, sagte Gauk und machte sich eine Notiz. »Damit ziehen Sie mit Hirschmeyer in Berlin gleich, vor Smith in New York. Wollen Sie es noch einmal versuchen?«

»Ich habe eins für Sie.« Joe zog ein zusammengefaltetes Papier aus der Tasche, breitete es auf dem Tisch aus und las vor. »Entfernung der Zerlegung von Alfred Hitchcock.« Er beäugte Gauk mit dem sicheren Gefühl, damit einen Trumpf in der Hand zu halten, mit diesem Rätsel von dem größeren Übersetzungscomputer, der in der Innenstadt von Tokio stand.

»Ein eingedeutschtes Fremdwort«, gab Gauk zurück. »Zerlegung, Analyse. Hitchcocks bekanntester Film war Psycho. ›Abriss der Psychoanalyse.‹ Zehn Punkte für mich.«

»Das unbesiegfried Pakistani Kühltor«, sagte Joe verärgert.

»Ein anderes Werk von Gewinnschnabel Froh«, erwiderte Gauk mit einem breiten Grinsen. »›Das Unbehagen in der Kultur.‹«

»Gewinnschnabel Froh?«

»Sigmund Freud.«

»Ich gebe auf.« Joe fühlte sich erschöpft – Gauk war ihm, wie üblich, im Rückübertragen von Computerübersetzungen in ihre Ausgangssprache weit überlegen.

»Wollen Sie noch eins versuchen?«, fragte der Russe einschmeichelnd und mit einem gewinnenden Lächeln.

»Okay, eines noch.«

»Der Ort, der ohne zu arbeiten, Fußballschuhe verarbeitet.«

»O Gott … Fußballschuhe. Kickstiefel vielleicht. Kicken, Flanke, Schuss, Tor. Abseits … Aber – der Ort, der verarbeitet.« Joe dachte nach. »Ort, Örtchen.« In seinem Kopf zeichnete sich keine Lösung ab, »Arbeiten, schuften, malochen …« Eine Zeitlang meditierte er einem Yogi gleich in vollkommener Stille. »Nein«, sagte er dann schließlich. »Ich komme nicht darauf. Ich gebe auf.«

»So rasch?« Gauk zog eine Augenbraue hoch.

»Nun, es ist vollkommen sinnlos, den ganzen Tag herumzurätseln.«

»Der Stellvertreter.«

Joe ächzte.

Gauk machte ein erstauntes Gesicht. »Sind Sie müde, Fernwright? Erschöpft es Sie, dort stundenlang in Ihrem Nest zu sitzen und nichts zu tun, wie wir anderen auch? Würden Sie lieber allein in völliger Stille sitzen und nicht mit uns reden? Es nicht mehr versuchen?« Die Stimme des Russen klang ernstlich verärgert.

»Ich denke, es war einfach zu leicht«, erwiderte Joe, aber er konnte sehen, dass sein Kollege in Moskau davon nicht überzeugt war. »Na schön, ich bin deprimiert, niedergeschlagen. Ich halte das nicht länger aus. Wissen Sie, was ich meine? Sie wissen es.« Er wartete. Einen Augenblick lang herrschte Stille. »Ich steige aus«, sagte er dann.

»Warten Sie. Nur noch eins …«

»Nein.« Joe legte auf und starrte ausdruckslos vor sich hin. Auf seinem Papier standen noch einige mehr, aber – es ist vorbei, sagte er sich bitter. Diese Energie, diese geistigen Fähigkeiten, die ein Leben lang, ohne in sinnvolle Arbeit umgesetzt zu werden, verschwendet wurden, für Triviales, ja für freiwillig Triviales wie das Spiel. Natürlich ist da der Kontakt mit anderen, dachte er dann. Durch das Spiel wird unsere Isolation wie von einem Schwert niedergestreckt, zerschlagen. Wir spähen hinaus – aber was sehen wir? Spiegelbilder unserer selbst, unserer kraftlosen geistigen Verfassung, die sich nichts Besonderem verschrieben hat, jedenfalls nichts, das ich ergründen kann. Der Tod ist sehr nahe, wenn man solche Gedanken hat. Ich kann fühlen, wie nahe ich ihm bin. Nichts tötet mich, ich habe keinen Feind, keinen Widersacher, ich laufe einfach aus, wie ein Zeitschriftenabonnement: Monat für Monat. Ich bin zu ausgehöhlt, um noch an irgendetwas teilzunehmen. Auch wenn sie – die anderen, die das Spiel spielen – mich brauchen, meine ach so brillanten Beiträge … Und doch fühlte er, während er auf das Papier starrte, wie ein schwacher Betätigungsdrang in ihm erwachte, eine Art Photosynthese, eine instinktive Vereinigung der verbliebenen Kräfte in seinem Körper. Er schrieb einen weiteren Buchtitel auf.

Dann ließ er sich via Satellit nach Japan verbinden. Er wählte Tokio und gab die Nummer des Übersetzungscomputers ein. Mit in langer Übung erworbener Geschicklichkeit umging er die zahllosen anderen Besucher und bekam eine direkte Verbindung mit dem großen, klickenden, summenden Gebilde.

»Mündliche Übertragung«, informierte er den Computer.

Der GX9 klickte von ›visuell‹ auf ›mündlich‹.

»Der blaue Planet«, sagte Joe dann und aktivierte die Empfangseinheit seines Geräts. Der Computer antwortete sofort und gab das japanische Äquivalent durch.

»Danke und Ende.« Joe legte auf. Dann wählte er den Übersetzungscomputer von Washington, D.C., und gab die japanischen Worte – wieder in mündlicher Form – ein.

»Der besoffene Himmelskörper«, erwiderte der Computer.

»Wie?« Joe lachte. »Bitte wiederholen.«

»Der besoffene Himmelskörper«, wiederholte der Computer mit gottähnlicher Geduld.

»Das soll eine exakte Übersetzung sein?«

»Der besoffene …«

»Schon gut.« Joe legte auf und grinste vor sich hin. Seine Kräfte, durch diese Erheiterung geweckt, schwollen an und belebten ihn. Er dachte einen Augenblick lang nach, dann rief er den guten alten Smith in New York an.

»Büro für Beschaffung und Versorgung, Sektion sieben«, sagte Smith, als sein leicht gelangweiltes Spürhundgesicht auf dem kleinen Schirm erschien. »Oh, hallo, Fernwright. Was für mich da?«

»Ja, ein leichtes. Der besoffene …«

»Warte, hör dir erst meins an«, unterbrach Smith. »Es ist erstklassig. Du wirst nie darauf kommen. Hör zu.« Er las schnell, stolperte dabei beinahe über die Worte. »Das Durchsichtrundspiegel. Von Frau-Frau Frankfurt.«

»Nein«, erwiderte Joe.

Smith blickte stirnrunzelnd auf. »Wieso nein? Du hast es doch noch gar nicht versucht. Ich gebe dir Zeit. In den Regeln heißt es: fünf Minuten. Du hast also fünf Minuten.«

»Ich gebe auf.«

»Du gibst auf? Was? Das Spiel? Aber du stehst doch ganz oben!«

»Ich gebe meinen Beruf auf. Ich werde nicht mehr hier sein, ich werde nicht mehr in der Lage sein zu spielen.« Joe holte tief Luft. »Ich habe fünfundsechzig Quarter gespart. Vorkriegsgeld. Zwei Jahre habe ich dafür gebraucht.«

»Münzen?« Smith starrte ihn mit offenem Mund an. »Metallgeld?«

»Ja, es ist in meiner Wohnung, in einem Asbestsack unter dem Heizkörper«, sagte Joe. »Und unten auf der Straße vor meiner Wohnung, bei der Kreuzung, ist eine Telefonzelle.« Ich frage mich, dachte er, ob ich am Ende genug Münzen haben werde. Man sagt ja, dass Mr Job so wenig gibt – oder, um es anders auszudrücken, so viel kostet. Aber fünfundsechzig Quarter sind eine ganze Menge. Das entspricht … Er musste es auf seinem Notizblock ausrechnen. »Zehn Millionen Dollar in Handelsmarken«, teilte er Smith mit. »Gemäß dem Wechselkurs, wie er in der heutigen Zeitung steht.«

Nach einer quälenden Pause erwiderte Smith: »Ich verstehe. Nun, ich wünsche dir Glück. Du wirst für das, was du angespart hast, zwanzig Worte bekommen, vielleicht zwei Sätze. ›Geh nach Boston, frag nach …‹ – dann klickt es, der Münzspeicher rasselt, und deine Quarter wandern unter hydraulischem Druck zu Mr Job nach Oslo.« Er rieb sich unterhalb der Nase wie ein Schuljunge beim Vokabelnpauken. »Ich beneide dich, Fernwright. Vielleicht reichen zwei Sätze von ihm ja aus. Ich habe mich auch einmal an ihn gewandt, hab ihm fünfzig Quarter gegeben. ›Gehen Sie nach Boston‹, sagte er, ›fragen Sie nach …‹, und dann verstummte er, und ich hatte das Gefühl, als ob er es genießen würde. Als ob es ihm gefiel zu verstummen, als ob meine Quarter ihm Vergnügen bereitet hätten, die Art von Vergnügen, die einer Pseudolebensform gefallen würde. Wenn er deine Quarter aufgebraucht hat …«

[...]

Über Philip K. Dick

Philip K. Dick hat die Science Fiction nicht erfunden, aber aus ihr eine Kunst gemacht. Mit prophetischem Blick und genialischer Phantasie sah er Szenarien voraus, in denen unsere Gegenwart zum Albtraum wird: »Blade Runner«, »Minority Report«, »Total Recall«, »Impostor«, »Paycheck«, »Der dunkle Schirm« – all diese Filme basieren auf seinen Büchern. 1928 in Chicago geboren, rettete er sich aus seiner psychotischen Jugend nach Berkeley. Er nahm so ziemlich alle Aufputschmittel und Drogen, die es gab, hatte Visionen und göttliche Erscheinungen, schrieb bis zu 60 Seiten am Tag und fühlte sich von FBI und KGB verfolgt. 1982 starb er wenige Wochen vor der Filmpremiere von »Blade Runner«.

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Über dieses Buch

Was nützt es einem, der beste Topfheiler der Welt zu sein, wenn es kaum noch Keramik zu reparieren gibt?

 

Cleveland 2046: Joe Fernwright sitzt auftragslos und frustriert in seiner Werkstatt und ist nahe dran alles hinzuschmeißen, als vom Planeten Plowman eine ganz besondere Anfrage hereinkommt. Ahnungslos steuert Fernwright in eine abenteuerliche Mission, wie sie die Galaxis noch nie gesehen hat ...

Impressum

Neuausgabe

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© 1969, Philip K. Dick

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2019 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Covergestaltung: kreuzerdesign Agentur für Konzeption und Gestaltung, Rosemarie Kreuzer

Coverabbildung: Thomas Degen/Plainpicture

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

 

ISBN 978-3-10-490801-4