Der geheimnisvolle Wald Debohra's Rückkehr - André Dorenkamp - E-Book

Der geheimnisvolle Wald Debohra's Rückkehr E-Book

André Dorenkamp

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Beschreibung

Im geheimnisvollen Wald gibt es viel Unerklärliches. Das musste auch Noah am eigenen Leib erfahren. Nachdem er aus dem Waisenhaus in das Internat kam und dort Melissa kennen lernen durfte, das für ihn das schönste Mädchen gewesen ist, konnte es für ihn nicht besser laufen. Wird sie seine Gefühle erwidern, obwohl sie seine Herkunft kennt? Noahs Glück wendete sich, als eine goldene Urne in sein Leben trat und er vom Schicksal des verstorbenen Hexers Baldur und seiner verschwundenen Frau Debohra erfuhr. Seit dem geschehen merkwürdige Ereignisse. Haben die Geschehnisse vielleicht etwas mit dem Schicksal von Baldur und der goldenen Urne zu tun oder ist das nur ein dummer Zufall? Welche Geheimnisse warten noch auf Noah?

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Seitenzahl: 311

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Der geheimnisvolle Wald

Debohras Rückkehr

Von André Dorenkamp

Über den Autor:

André Dorenkamp, geboren 1985 in Oettingen in Bayern, fing 2017 an, seinen Debütroman »Der geheimnisvolle Wald« zu verfassen und vollendete den ersten Teil 2020. Die Leidenschaft seiner Tochter für das Lesen war der Grundstein zum Schreiben. Die Begeisterung für Hexen, Mittelalter und Zauberei inspirierte ihn zu diesem Buch. Heute lebt der Fünfunddreißigjährige in Nördlingen, wo er an dem zweiten Teil arbeitet.

© 2021 André Dorenkamp

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN:

Paperback

978-3-347-20647-2

 

Hardcover

978-3-347-21265-7

 

e-Book

978-3-347-20649-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Danksagung

Ich bedanke mich hiermit bei allen, die mich unterstützt und an mich geglaubt haben. Ganz besonders bei meiner Freundin Michéle, meiner Mutter Esther, bei der Sonja, meiner Schwester Nicole so wie bei meiner besten Freundin Alicia. Ohne euer positives Feedback hätte ich die Lust und das Selbstvertrauen verloren und das Projekt Buch wäre nie vollendet worden.

Inhaltsverzeichnis

Der geheimnisvolle Wald

Bedauern des Waldes

Der Blutmond

Erinnerungen

Das Internat

Der Junge namens Ben

Die Urne

Der Dachboden

Der tote Priester

Schwester Anna

Zeichen

Hausmeisterschlüssel

Die alte Hütte im Wald

Hexen

Charakter

Dastan

Aleria

Noah

Myhra

Debohra

Baldur

Helena und Almalia

Alajos

Jada

Almalios

Agilos

Samira

Melissa

Hannah

Matteo

Ben

Harrison Cromwell

Priester Sterling

Bürgermeister White

Mrs. Conroad

Harden

Baba Yoruba

Relikt und Orte

Die Urne

Holy Ground

Das Internat

Bedauern des Waldes

Irgendwo mitten in der Welt befand sich der geheimnisvolle Wald. Er war wie die anderen Wälder. Sein Holz war nichts Besonderes. Auch das saftige Grün der Blätter unterschied sich nicht von den anderen. Im Gegenteil zu den meisten Wäldern hatte dieser Geheimnisse. Zum Bedauern des Waldes mehr schmutzige und düstere als es ihm lieb war. Viele hatten Angst davor, ihn zu betreten, denn das, was dort auf sie lauerte, war das pure Böse. Wenn man nicht aufpasste, kam man nie wieder lebendig aus ihm heraus. Der Wald verstand nicht, warum man ihn fürchtete. Nicht er war es, der die Menschen tötete, sondern die Geheimnisse, die in ihm lauerten …

Der Blutmond

ot leuchtete die Nacht, als sich das Rot vor das helle Gelb des Mondes schob. Wie in Blut getränkt erschien der Vollmond am klaren Himmel, nun war er ein Blutmond und die Sterne verloren ihren goldenen Glanz.

Es kam ein leichter Windstoß, der dafür sorgte, dass die Äste der Bäume im Wald um ein kleines älteres Fachwerkhaus, das aus waagerecht und senkrechten Holzbalken bestand, verputzt mit Lehm, hin und her schwangen.

Myhra lehnte sich gerade an den braunen Rahmen des morschen Holzfensters im Wohnzimmer an und starrte hoch zum Blutmond.

Das Wohnzimmer war ein kleiner Raum, durchzogen mit horizontalen und vertikalen dunkelbraunen Balken. Die Wände strahlten in einem kalten Weiß, wie jeder Raum in diesem Haus.

Myhra spielte nebenbei mit den Fingern an ihrem schwarzen Mieder, das gut zur weißen Bluse, die sie trug, passte. Ihre Füße waren leicht überkreuzt, was man aber nicht erkennen konnte, da sie einen bis zum Boden reichenden schwarzen Faltenrock trug.

Ein brauner Gürtel aus Rindsleder, an dem mehrere befüllte Glasphiolen hingen, zierte ihre Taille. Jeder dieser Phiolen war mit einem Korken versehen.

Vertieft sah Myhra hinaus, als eine Stimme sie aus ihren Gedanken riss.

»Myhra … Myhra …«, sagte besorgt ihre jüngere Schwester zu ihr und merkte, dass Myhra abwesend war.

»… Ja … Aleria«, antwortete Myhra zögerlich, dennoch sanft.

»Du wirkst abwesend. Woran denkst du?«, hakte Aleria voller Neugierde nach.

Myhra sah weiter hinaus aus dem morschen Holzfenster, hoch zum Blutmond.

Dann endlich nahm sie ihre Schwester Aleria wahr und schaute sie mit einem leichten Schmunzeln an.

»Ach … ich denke über nichts nach«, antwortete sie ihrer Schwester, die ihr allerdings einen skeptischen Blick zuwarf.

Myhra drückte sich vom Fensterrahmen ab, um eine normale Haltung einzunehmen. Man sah, dass sie kleiner war als Aleria, aber genauso schlank.

Der schöne lange, dunkelrote Faltenrock den Aleria trug, folgte ihr bei jeder Bewegung. Ein brauner Gürtel, an dem mehrere verkorkte, bis zum Hals befüllte Glasphiolen hingen, presste sich um ihre Hüften und sorgte dafür, dass der Rock nicht rutschte. Die dazu getragene schwarze Bluse passte ihr perfekt.

Myhra wickelte ein schwarzes, schmales, kurzes Stück Stoff von ihrem Handgelenk ab und nahm ihr langes schwarzes Haar aus ihrem ovalen Gesicht und band sie damit zusammen.

Nebenbei bemerkte sie, dass Aleria ihren Sohn Elios aus der dunkelbraunen Kinderwiege aus Nussbaum, die man hin und her wippen konnte, heraus holte und auf den Arm nahm.

Elios starrte seine Tante Myhra mit großen funkelnden babyblauen Augen an. Mit den weißen Söckchen, der braunen Hose und dem kurzen, braunen Oberteil, das sie selbst für ihn gestrickt hatte, sah er zuckersüß aus.

Kurz hielt Myhra inne, fuhr aber daraufhin fort: »Ich finde es immer so beeindruckend, wenn Blutmond ist …«

Aleria wusste nicht, ob sie dies glauben sollte, ließ es aber dann auf sich beruhen, denn sie hatte Wichtigeres mit ihr zu besprechen.

Aleria fiel eine schwarze, kurze Strähne ihres Haares in ihr schmales Gesicht, die sie mit einer schnellen Handbewegung hinters Ohr beförderte.

Sie fing an, ihre Gedanken loszuwerden: »Myhra, ich mach mir ernsthafte Sorgen um Debohra«, der Ton von ihr klang ernst.

»Warum?«, meinte Myhra und wirkte etwas verwundert.

»Weil sie nur noch von Baldur spricht!«, entgegnete ihr Aleria aufgebracht.

»Lass sie doch trauern.«, erwiderte unbesorgt Myhra darauf.

»Das ist nicht mehr trauern, was sie da macht.«, rief mürrisch eine Stimme aus dem Nebenraum. Es war Alerias Ehemann Dastan.

Dastan schürte soeben das Feuer im Kamin, der aus waagerechten und senkrechten roten Ziegeln bestand. Er war mit Mörtel in den Zwischenräumen der zusammen- gesetzten Ziegel befestigt. In der Öffnung des Kamins war ein 20cm hohes Gitter aus Stahl eingebaut. Es hinderte das Holz daran, hinaus zu rollen.

Neben dem Kamin lagen trockene Holzscheite waagerecht gestapelt. Eine ein Meter große Schaufel stand ebenso bereit, um die Asche aus dem Kamin zu befördern.

Auf dem Feuer brodelte ein Kessel aus Guss, in dem er gerade herum rührte. Dabei bekam er die Unterhaltung zwischen Aleria und Myhra mit.

Er schlenderte in das Wohnzimmer, lehnte sich mit seinen breiten Schultern an der Mauer an, so dass das braune Hemd das er trug, spannte und streichelte die mit Bartstoppeln übersäten, gut ausgeprägten Wangen. Gleich darauf glitt die Hand durchs kurze, braune Haar, bevor er sich beide Hände in seine Hosentaschen seiner grauen Hose steckte. Auch er trug einen braunen Gürtel, an dem mehrere verkorkte und befüllte Glasphiolen hingen.

Und wieder kam von Myhra ein unbesorgtes: »Warum?«

»Debohra trauert unheimlich. Sie hat sogar mal erwähnt, dass sie darüber nachgedacht hat, Baldur wieder zum Leben zu erwecken!«, warf Aleria ihr weiter aufgebracht entgegen.

Eine unangenehme Stille machte sich in dem Raum breit und man spürte die Anspannung, die in der Luft lag.

Erst jetzt viel Myhra auf, dass sie nicht darauf geachtet hatte, wie es Debohra ging, sie hatte immerhin ihre eigenen Probleme.

»Glaubst du, sie hat das vor?«, kam es nachdenklich von Myhra.

»Wenn ein Mensch stark trauert, ist er unberechenbar und blind«, warf Dastan ein, forsch und überzeugt von dem, was er da sagte.

Es klopfte an der alten Holztür und sie öffnete sich mit einem Quietschen. Eine Hakennase kam zum Vorschein, gefolgt von einem spitzen Kinn, es war Debohra in einem langen schwarzen Kleid.

Ruckartig unterbrachen die drei ihre Unterhaltung und schauten zu ihr.

Seit Baldurs Tod trug sie ausschließlich lange schwarze Kleider. Das bunteste, was sie trug, war der braune Gürtel um ihre Hüfte, an dem mehrere, verkorkte, befüllte Glasphiolen hingen. Das fiel den dreien schon lange auf, aber keiner verlor darüber auch nur ein Wort.

»Ich laufe kurz in den Wald zum Kräutersammeln. Ich lasse aber meine zwei Süßen da!«, warf sie in die Runde.

»Und wo stecken die Beiden?«, kam es fragend von Myhra.

»Draußen vor dem Haus«, erwiderte Debohra. Während ihre Augen die drei musterten, erblickte sie Elios auf den Arm von Aleria. Sie mochte ihn aus irgendeinem Grund nicht.

Debohra konnte sich noch gut daran erinnern, als Aleria mit Dastan unerwartet vor ihrer Haustür stand, mit dem Kind auf dem Arm und Myhra im Schlepptau. Alle haben sich einst von Baldur und mir abgewandt, dann kamen sie alle wieder angekrochen. Wenn sie nur wüssten, dass sie aus Liebe zu ihrem Vater - und nur seinetwegen alle aufnahm, aber sie versprach ihm, zu schweigen und ihnen nichts davon zu erzählen, ging es Debohra durch den Kopf.

Elios hörte Debohras Stimme und fing an zu schreien. Wie es aussah, mochte er auch sie nicht.

Grimmig drehte sich Debohra mit einem Schwung um, so dass ihre langen schwarzen Haare von links nach rechts wirbelten, und zog mit einem Ruck die Tür hinter sich zu.

Das Quietschen konnte man dieses Mal nicht hören, weil Elios es mit seinen Schreien übertönte.

Debohra war heilfroh, dass die geschlossene Tür das Gebrüll von ihm etwas dämpfte.

Mit einem leichten Dröhnen im Ohr setzte sie sich in Bewegung.

Sie schlenderte an dem ersten Zimmer vorbei. Es war das Schlafzimmer von Aleria und Dastan, das direkt gegenüberlag.

Die Tür war allerdings zu, was ihr ehrlich gesagt auch recht war. Für sie war das Schlafzimmer Privatsphäre und hatte aus diesem Grund geschlossen zu sein.

Sie ging den engen Flur entlang, der ebenso mit dunkelbraunen Balken durchzogen war. Auch hier leuchtet die Wand in einem kalten Weiß.

Der Boden bestand aus alten abgenutzten, braunen Holzdielen. Es knarzte, wenn man darauf lief.

Debohra kam am nächsten Raum vorbei und warf einen Blick hinein.

Es war das Zimmer ihrer beiden Töchter. Es standen zwei schlichte Holzbetten aus heller Eiche darin. Sie sind aufs Genaueste gemacht. Die Kissen waren ausgeschüttelt und die Bettdecken lagen geradlinig über den Matratzen.

Durch zwei Fenster schien das rote Licht des Mondes. Ihre Spielsachen hatten sie im gesamten Raum verteilt. Zwei Puppen in roten Kleidern, mit schwarzen langen Haaren und blauen Augen in den Porzellanköpfen, lagen auf einem der Betten. Mitten auf dem Boden waren ihre zwei Steckenpferde aus Holz mit der blonden Mähne. In der Ecke stand das ramponierte Holzschaukelpferd, das seit Generationen in der Familie war.

Debohra wanderte weiter den engen Flur entlang und ging an zwei Türen vorbei, die direkt gegenüberlagen.

Es waren die Zimmer ihrer Schwester Myhra und ihres. Beide Türen waren, wie sie es wollte, geschlossen.

Sie lief weiter bis zum Eingang und sah, dass die Tür offen stand. In der Ferne hörte sie schon ihre zwei Töchter, der Klang ihrer Stimmen ließ ihr Herz höher schlagen.

Kaum war Debohra zwischen Tür und Angel angekommen, erblickte sie auch schon die Beiden in ihren schwarzrot karierten Kleidern. Das zauberte ihr ein Grinsen ins Gesicht.

Sehr daran interessiert, was die Beiden trieben, fragte sie: »Na, meine zwei Süßen … was macht ihr denn?«

Die Kinder unterbrachen kurz das Spielen und schauten sie mit einem Strahlen an.

»Wir spielen Fangen Mutter, möchtest du mitspielen?«, kam es von einem der Kinder.

Debohra täuschte vor, als ob sie kurz überlegte, griff das Ende ihres langen schwarzen Kleides, zog es leicht hoch und rannt plötzlich los.

»Kommt her ihr zwei«, und sprang ihren Töchtern nach.

»Du fängst uns nicht, haha!«

»Ich bekomm euch schon noch, warte es nur ab, Helena!«, brüllte sie ihr nach.

Debohra schaffte es, Helena zu packen und sie sanft zu Boden zu werfen, um sie dann zu knuddeln.

Ihre Schwester rannte in die andere Richtung. Doch als sie erkannte, dass ihre Mutter Helena geschnappt hatte, machte sie kehrt und sprang mit dem Bauch auf Debohras Rücken.

Vorsichtig griff Debohra nach Helenas Schwester und warf die Kleine sanft zu Boden, um sie durchzukitzeln.

Debohra beendete das Spiel, indem sie lachend aufstand. Sie befreite sich anschließend vom Schmutz mit leichtem Streicheln ihres schwarzen Kleides und zupfte es zurecht.

Ihre zwei Töchter taten es ihr nach und befreiten ebenfalls ihre schwarzrot karierten Kleider vom Schmutz.

»Das war aber lustig, Mama!« kam es lachend von Helena.

»Ja, noch einmal!«, schoss es aus ihrer Schwester Almalia.

Debohra lachte und erwiderte sanft mit ruhiger Stimme: »Nein jetzt nicht, später spielen wir nochmal.«

»Ach bitte, Mama«, bettelte die kleine Helena.

Debohra wollte gerade darauf antworten, da kam ihr ein: »Ja bitte, bitte Mama«, von Almalia entgegen.

Sie fuhr mit ihren Händen durch die dunkelblonden langen Haare ihrer Töchter und sagte: »Meine Kleinen … ich muss jetzt in den Wald, Kräuter sammeln, ihr bleibt hier, bei eurem Onkel und euren Tanten.«

Das gefiel eines der Mädchen gar nicht.

»Aber Mutter, ich möchte mit!«, bettelte sie.

»Nein Helena! Du kannst nicht mit! Der Wald ist viel zu gefährlich und das weißt du auch!«, sagte Debohra in einem strengen und scharfen Ton.

Trübselig schaute Helena drein. Man merkte, dass sie nicht zufrieden war mit der Antwort, aber sie folgte ihrer Mutter aufs Wort.

»Ok … wir spielen einfach weiter«, erwiderte sie enttäuscht.

Debohra verabschiedete sich von ihren Töchtern mit einem Kuss auf die Wange und einer langen festen Umarmung. Dann begab sie sich zum Waldesrand.

Es war ihr überhaupt nicht recht, sich von ihren Kindern zu trennen. Sie bekam immer ein ungutes Gefühl in der Magengegend, wenn sie ihre Töchter verließ. Sie waren das Einzige, was noch von ihrem geliebten Baldur übrig war.

Debohra vermochte sich nicht vorzustellen, was wäre, wenn sie nicht mehr da wären.

Noch ein letztes Mal blickte sie kurz zu ihren zwei spielenden Kindern in den schwarzrot karierten Kleidern, die im Moment friedlich weiter fangen spielten und lauschte dem Klang ihrer Stimmen, bevor sie völlig im Wald verschwand.

Sie dachte wieder an Baldur, der schon seit einem halben Jahr tot war und dass er seine Kinder nie aufwachsen sehen würde. Ihr Herz füllte sich mit Trauer und Kummer.

Du wärst stolz auf sie, mein Schatz, schlich es ihr durch den Kopf.

Eine tiefe Sehnsucht nach ihm machte sich in Debohra breit.

Traurig, und mit dem Gedanken an Baldur, lief sie schweren Schrittes in den Wald und folgte einen Trampelpfad, der dort hinein führte.

»Du wärst stolz auf sie mein Schatz, das wärst du … da bin ich mir sicher …«, wisperte sie leise vor sich hin.

Aleria versuchte, Elios zu beruhigen. Er ließ sich aber nicht davon abbringen, weiter zu schreien.

»Na na … was ist denn los … hm?«, fragte Myhra Elios sanft.

»Gib ihn mal her«, setzte sie fort mit einem Lächeln.

Vorsichtig bekam Myhra Elios von Aleria überreicht. Sie schaukelte ein wenig mit den Armen, aber auch das half nichts. Der kleine Elios ließ sich einfach nicht beruhigen.

»Na gut, ich mache mit dir einen Spaziergang, dann rede ich gleich mal mit Debohra«, kam es von Myhra sanft, während sie Elios weiter anstrahlte.

»Das ist eine gute Idee, da wird er einschlafen und versuch bitte Debohra auf andere Gedanken zu bringen«, erwiderte Aleria energisch.

Dastan sagte kein Wort mehr zu diesem Thema, er hatte seiner Meinung nach genug dazu gesagt.

Myhra zog Elios braune Mütze, die sie ebenfalls selbst für ihn gestrickt hatte, auf und verabschiedete sich von Aleria und Dastan.

Sie öffnete die alte Holztür. Das Quietschen ging bei Elios Geschrei unter.

Mit einem starken Ruck schloss sie die Tür hinter sich und schlenderte den langen knarzenden Flur mit ihm auf den Arm entlang, bis sie zur offen stehenden Eingangstür kam. Schon im Gang konnte man die zwei Kinder streiten hören.

»Was ist denn hier los?«, fragte sie die Beiden in einem scharfen Ton.

»Almalia ist gemein zu mir« entgegnete Helena zornig.

»Nein! Du bist es!«, kam es als schnelle Antwort von Almalia zurück.

»Schluss jetzt damit, hört auf zu streiten und spielt anständig miteinander, sonst schicke ich euch in euer Zimmer!«

Widerwillig, mit den Köpfen zu Boden gerichtet, willigten sie mit einem: »Ok«, fast synchron und leiser Stimme ein.

»Gut, ich möchte nichts mehr hören!«, sagte sie mit Nachdruck und fuhr fort: »Ich mache einen Spaziergang mit Elios!« Wieder kam ein leises »Ok«, von beiden.

»Also bis später!«

Myhra lief zur offenen Tür zurück. Gleich daneben stand der Kinderwagen. Das Obergestell sah aus wie eine Wiege und war aus dunkelbraunem Nussbaum. Daran waren zwei kurze dünne gebogenen Eisenstangen, die etwas heraus ragten, montiert. Sie hielten eine Stange vertikal aus demselben Holz fest. Dies diente als Griff und zum Anschieben. Das Obergestell war an das aus Eisen geschmiedete Untergestell, an den vier Rädern befestigt waren, geschraubt.

Myhra legte Elios sanft hinein, der sich mittlerweile wieder beruhigt hatte und nur noch leise quengelte.

Sie machte sich auf den Weg und fuhr mit dem kleinen Elios im Kinderwagen den Trampelpfad entlang, der in den Wald führte.

Wieder schaute sie hoch zum Blutmond, der mit seiner vollen Pracht in der sternenklaren Nacht den Wald rot erstrahlen ließ. Myhra wusste, dass heute die Nacht war, in der sich alles veränderte.

Sie wusste es und sie konnte nichts anderes tun als sich den kleinen Elios zu schnappen und ihn fortzubringen. Myhra liebte ihn über alles und wäre bereit gewesen, für ihn alles zu opfern, genauso wie es eine Mutter tun würde. Sie richtete ihre Augen auf Elios und strahlte ihn an.

»Wenn du erwachsen bist, werde ich dir alles erzählen, was ich tat. Ich hoffe, du wirst mir verzeihen und meine Entscheidungen verstehen.«, flüsterte sie ihm leise zu, ihr Strahlen verschwand und verwandelte sich in Traurigkeit.

In der Nähe liefen die zwei Jäger, Jacob und Josef, gut getarnt mit einer braunen Joppe bekleidet, im Wald.

Jacob blieb kurz stehen, legte den Bogen, den er in der Hand hatte, der aus hellem Birkenholz war, ins Moos und zupfte an seinen braunen Wickelgamaschen. Er war gut zehn Jahre jünger als Josef.

Kurz bevor er aufrecht stand, nahm er wieder den Bogen in die Hand.

»Was sagst du zu meinem es neuen Bogen?«, fragte prahlend Jacob.

»Sag bloß du hast dir einen Neuen gebaut?«, kam es überrascht von Josef.

Er schaute dabei seinen Bogen an. Dieser war aus Eichenholz gemacht, sah allerdings schon abgegriffen aus. Man konnte gut erkennen, dass der Bogen ein paar Jahre auf dem Buckel hatte.

»Ja, der alte ist mir leider kaputt gegangen«. Jacob wirkte etwas enttäuscht, als er das sagte.

»Meiner ist noch gut!«, erwiderte Josef mit einem Grinsen im Gesicht und einem dummen Spruch auf den Lippen: »Ich kann mit dem Bogen umgehen und mache ihn nicht gleich kaputt!«

Es kam nur ein: »Ha … Ha … schon klar«, sarkastisch von Jacob zurück.

Beide wanderten den unebenen Waldboden weiter entlang, der übersäht war mit Ästen und kleinen Holräumen. Sie sorgten dafür, dass man stolperte, wenn man nicht aufpasste. Zusätzlich machte das Rot des Blutmondes den Boden noch unerkennbarer und erschwerte das Wandern durch den Wald.

Durch das Auf und Ab schüttelte es die Köcher, die aus Hirschleder waren, gefüllt mit Pfeilen, hin und her. »Was meinst du, schießen wir heute noch was? Bei dem Wolf von vorhin hatten wir ja nicht so viel Erfolg!«, kam es fragend von Jacob.

»Das Vieh hatte nur Glück. Hätte nicht gedacht, dass es trotz des getroffenen Pfeils noch entkommen kann!«, brummte Josef zurück.

»Wir hätten den Wolf zumindest verfolgen sollen!«, erwiderte Jacob.

Josef schaute hoch zum Blutmond, er trug ein silbernes Kreuz an einer Kette um den Hals.

»Ich weiß nicht«, antwortete er skeptisch und fuhr fort: »Ich habe ein ungutes Gefühl, heute ist der Mond rot, dass beutetet, dass Hexen unterwegs sind! Wir sollten lieber auf unserem Weg bleiben!«

Jacob schaute ebenfalls hoch zum Blutmond. Er kannte die Geschichten, die sich um den roten Mond drehten. Ok, er war jetzt nicht so gläubig wie Josef, aber vor Hexen hatte er Angst.

Jacob gab ihm keine Antwort. Josefs Worte beunruhigten ihn und er wollte nicht weiter auf das Thema eingehen.

Die Köpfe wieder nach unten auf den Waldboden gerichtet, machten sie sich weiter auf den Weg.

Kaum waren sie ein paar Schritte gelaufen, vernahm Jacob ein Geräusch.

»Halt! Bleib mal kurz stehen!«, sagte er und bremste Josef mit einem ausgestreckten Arm.

»Hörst du das?«, fragte er Josef aufgeregt.

Sofort fingen sie an zu lauschen. Es war kurz still zwischen den Männern.

»Hört sich … nach … nach Kinderstimmen an?«, erwiderte Josef aufgebracht.

»Hier … im Wald?«, bekam er flüsternd von Jacob rasch als Antwort.

Beide wirkten verwundert. Jacob beendete die Stille mit dem Satz: »Komm, lass uns mal nachsehen!«

Josef stimmte dem mit einem Nicken zu. Die Neugier trieb die Männer an.

Sie folgten den Kinderstimmen und fanden das alte Fachwerkhaus mit den spielenden Kindern in ihren schwarzrot karierten Kleidern.

Beide versteckten sich in einem Gestrüpp, das nahe genug war, um alles zu hören, aber immer noch weit genug weg, dass sie nicht gesehen werden konnten.

Kaum war Myhra außer Sicht, fing das Gestreite wieder an. Gerade spielten sie noch fröhlich, als die kleine Helena beschlossen hatte, dass ihre Schwester Almalia geschummelt hatte und nicht richtig die Augen schloss. Almalia ließ sich diesen Vorwurf nicht gefallen.

»Du bist gemein!«, brüllte sie ihre Schwester an.

»Nein, du bist es«, erwiderte Helena.

»Hör auf, mir alles nachzusagen!«

»Hör du auf, mir alles nachzusagen!«, antwortete hartnäckig Helena.

»Ich hasse dich!«

»Und ich verfluche dich!«, konterte Helena.

»Ich verfluche dich auch!«, kam es von Almalia erbost zurück.

Darauf hin, rannte Helena zornig ins Haus und Almalia gleich streitsüchtig hinterher.

»Das werde ich Mutter erzählen!«, schrie sie ihrer Schwester nach.

Als Helena in das Kinderzimmer kam, warf sie vor Zorn die alte Holztüre des Zimmers zu und setzte sich auf das Bett und spielte mit einer der Puppen.

Almalia riss die Tür auf und stürmte in das Zimmer. Kaum hatte Helena ihre Schwester gesehen, schrie sie: »Lass mich in Ruhe!«

Doch als Almalia antworten wollte, hörte sie im Flur den Boden knarzen. Sie unterbrach den Streit und ging unwissend und unvorsichtig aus dem Zimmer, um nachzuschauen was für das Geräusch verantwortlich war.

»Hast du das gehört?«, flüsterte Josef, der daraufhin wieder mit der Hand das silberne Kreuz an seiner Kette, die er um den Hals trug, festhielt.

»Sie verfluchen sich! Glaubst du … das könnten Hexen sein? … Die hier wohnen? … Weil … ein guter Christ sagt das nicht! Und heute ist der Mond rot! Sie sind heute Nacht unterwegs, wie ich es dir gesagt habe!«, flüsterte er aufgeregt weiter mit einem Entsetzen Gesicht.

»Na ja … Priester Sterling erzählt ja immer in seinen Predigten, dass Hexen unter uns sind und sie uns nur Böses antun wollen«, bekam er mit Überzeugung als Antwort von Jacob.

Es war wieder still zwischen den beiden. Sie waren kurz in ihre Gedanken versunken, dann kam von Josef ein: »Ok … lass uns die Sache beenden!«

Jacob nickte wortlos.

Sie schlichen aus ihrem Versteck heraus, zogen jeweils einen Pfeil aus dem Köcher aus Hirschleder, spannten die Sehnen ihrer Bögen und folgten den zwei Kindern in das Haus.

Josef war der Erste, der behutsam durch die offene Tür in den Flur hineinschlich. Jacob tat es ihm gleich.

Vorsichtig gingen sie den Kinderstimmen nach. Die Mädchen schienen gerade zu streiten. Als sie an zwei geschlossenen gegenüberliegenden Türen vorbeischlichen, tat es einen Schlag, der die Jäger aufhorchen ließ. Beide Männer blieben ruckartig stehen, dabei knarzte der Boden.

Eins der Kinder hörte das Geräusch und sah aus dem Zimmer, in das sie kurz zuvor liefen. Sie erblickte den Bogen und erstarrte sofort vor Angst. Josef ließ die gespannte Bogensehne los und landete einen tödlichen Treffer.

Das Mädchen kippte zur Seite. Es gab einen dumpfen Schlag, als sie zu Boden fiel.

Jetzt sah auch das andere Kind heraus. Es stand wie versteinert da und schaute ihre Schwester, die bewegungslos auf dem Boden lag, entsetzt an. Ihr Blick wanderte zu dem Pfeil, der in ihrer Brust steckte.

Es fing an, sich eine feuchte und dunkle Stelle auf dem schwarzrot karierten Kleid zu bilden, wo der Pfeil das Mädchen getroffen hatte.

»Almalia …«, wisperte ihre Schwester leise.

Nun ließ Jacob seinen gespannten Bogen los und auch er traf tödlich. Das Kind sackte mit dem Pfeil in der Brust in sich zusammen und prallte auf den Boden.

Die Jäger zogen erneut einen Pfeil aus ihren Köcher und spannten die Sehnen ihrer Bögen. Langsam spähten sie in das Zimmer der Kinder. Der Raum war menschenleer.

Vorsichtig schlichen sie zurück zu den zwei gegenüberliegenden Türen und öffneten sie, doch es war kein Mensch darin zu sehen.

Behutsam gingen sie in eins der Zimmer, um es zu durchsuchen, bis sie eine Tür aufgehen und jemand rufen hörten.

Aleria starrte soeben aus dem alten morschen Holzfenster im Wohnzimmer tief in ihre Gedanken versunken. Hoffentlich kannst du Debohra davon überzeugen, sich von ihrer Trauer zu lösen, Myhra, ansonsten stecken wir in großen Schwierigkeiten und ob es diesmal so gut aus geht wie damals, bezweifle ich …

Ein schmerzhafter Aufschrei von Dastan riss sie aus ihren Gedanken. Es tat einen dumpfen Schlag, der aus dem Nebenraum kam.

Aleria horchte kurz auf und eilte sofort zu Dastan. Sie sah den Kessel aus Guss am Boden liegen. Um ihn herum bildete sich eine feuchte Stelle. Es war eine Mischung aus Wasser, Kräutern und Pilzen.

Ihr Blick richtete sich zu Dastan und sie sah, wie er sich die Finger anpustete. Sie zählte eins und eins zusammen und schlussfolgerte, dass er sich die Finger verbrannt haben musste bei dem Versuch, den heißen Kessel vom Feuer zu nehmen. Dabei ließ er ihn dann vor Schmerzen fallen. Obwohl sie beim Anblick schon wussten, was er angestellt hatte, fragte sie dennoch: »Was ist denn hier passiert?«

»Frag lieber nicht«, schoss es aus ihm heraus.

Aleria musste bei dem Anblick wie sich Dastan die Finger anpustete, leicht lachen.

Er bekam das mit und versuchte daraufhin, das Thema zu wechseln.

»Hast du meinen Köcher und den Bogen gesehen?«

Dastan suchte ihn schon länger. Es war ein edler Bogen aus einer seltenen, hellen Eiche. Der Baum wächst nur im Süden. Damals hatte sein Schwager, der mittlerweile verstorben war, den Bogen für ihn mitgebracht.

»Ich muss bald wieder jagen gehen. Ist gar nicht so einfach, sechs Mäuler zu stopfen!«

Er klang dabei etwas genervt, das lag mit Sicherheit an dem schmerzenden Finger, dachte sich Aleria.

»Das sollte alles im Keller sein.«, antwortet sie ihm.

Doch kurz darauf hörte sie ein lautes Poltern.

»Hast du das gehört?«, schoss es erschrocken aus Aleria.

»Das hörte sich an wie ein lautes Poltern! Ich frag mich, was die zwei wieder anstellen!«, kam es von Dastan genervt.

»Schaust du mal nach?«, erwiderte Aleria besorgt.

»Ok … ich sehe nach!«, brummte er mürrisch.

Dastan öffnete die Tür und sah die zwei Mädchen am Boden liegen. Er rannte gleich zu ihnen hin und schrie: »ALERIA, SCHNELL!«

Sie hörte ihren Namen und eilte sofort raus. Zuerst erblickte sie Dastan, dann die beiden Kinder, die am Boden lagen. Panisch stürmte sie zu ihnen hin.

Als Aleria ihre zwei leblosen Nichten sah, stockte ihr der Atem. Schockiert und zugleich überfordert stand sie da. Sie musste sofort an Debohra denken.

Ihre Augen wanderten zu den Pfeilen, die in den Körper der Mädchen steckten.

»Oh nein …«, wisperte sie und hob sich zitternd ihre Hand vor den Mund.

Ein unangenehmer Geistesblitz kam ihr. Sie wird ihre zwei Nichten nie wieder sehen, wie sie spielen und lachen. Bei diesen Gedanken fing sie an, loszuweinen.

Es lief ihr dabei eiskalt über den Rücken und ihr Herz pochte vor Aufregung in ihrer Brust. Am liebsten hätte sie Dastan angeschrien, er soll irgendetwas unternehmen und ihnen helfen, dass sie nicht sterben müssen, doch das war nur ein Wunschdenken von ihr. Sie wusste, dass man den Mädchen nicht mehr helfen konnte.

In diesem Moment bewunderte Aleria Dastan. Sie wusste nicht, was sie tun sollte und stand stocksteif da, während er sich mit einem kühlen Kopf über die zwei toten Nichten lehnte.

Dastan begutachtete entsetzt die beiden leblosen Körper.

»Welcher Mensch tut das und bringt kleine Mädchen um …?«

Da erklang eine Stimme: »Wir!«

Dastan riss erschrocken seinen Oberkörper hoch und sah einen Pfeil auf sich zu fliegen. Doch es war zu spät. Das Geschoss durchbohrte und er fiel sofort zu Boden.

Aleria schrie vor Scheck auf. Ein zweiter Pfeil flog mit einem Zischen an Dastan vorbei und traf Aleria, die gleich in sich zusammensackte und mit einem dumpfen Schlag neben Dastan landete. Die Schüsse konnten nicht präziser und tödlicher sein.

Vorsichtig schlich Josef an den Leichen vorbei und durchsuchte den Rest des Hauses. Jacob bewachte den Flur und blieb bei den vier leblosen Körpern.

Langsam bildete sich unter den Leichen eine dunkle Rinne. Sie floss den Flur entlang und endete in einer roten Pfütze, die vom Holz des Fußbodens aufgesogen wurde.

Kaum war Josef wieder zurück, fragte Jacob nervös: »Was machen wir jetzt mit den … mit den Leichen?«

Wieder spielte Josef mit seinem silbernen Kreuz an der Kette, die er um den Hals trug und richtete seinen Blick auf die leblosen Körper.

»Verbrennen! Genau wie es Priester Sterling erklärt hat. Sie müssen verbrannt werden, damit ihre Seelen frei sein können!«, kam es von ihm mit fester Überzeugung.

Daraufhin ließ Josef sein Kreuz los und fing an, die Leichen nacheinander zu holen und draußen vor dem Haus zu einem Haufen zu stapeln.

Er fing mit Aleria an und zog sie an den Füßen nach draußen, dasselbe tat er mit Dastan, den er über Alerias leblosen Körber zog. Zum Schluss trug er die Mädchen eine nacheinander hinaus und stapelte sie auf Dastans und Alerias toten Körpern.

Jacob suchte in der Zwischenzeit trockene Äste zum Anzünden. Er legte sich so viel Brennmaterial in die Armbeuge, wie er konnte.

Vollgepackt machte er kehrt und wanderte zurück. Vor den gestapelten toten Körpern ließ er dann die gesammelten Äste fallen und legte los, das unterschiedlich dicke Holz um und auf den Leichen zu stapeln. Das Brennmaterial reichte aber nicht aus, deshalb musste er mehrmals zurückgehen und erneut sammeln. Dies machte er solange, bis die Körper komplett mit Ästen bedeckt waren. Zwischendrin platzierte er immer wieder trockenes Laub, das als Brandbeschleuniger dienen sollte.

Josef kam hinzu und brummte: »Bist du endlich fertig?«

»Wir können gleich anfangen, es fehlt nur noch der Erdwall«, erwiderte Jacob.

Wortlos wanderte Josef zurück in das Haus und suchte etwas zum Graben. Er kam mit der Schaufel die beim Kamin stand, in den Händen zurück. Ohne großartig Zeit zu verlieren, errichtete er um den Stapel einen niedrigen Erdwall. Das sollte das Feuer daran hindern auszubrechen und einen Waldbrand zu verursachen.

Nach getaner Arbeit warf Josef die Schaufel zur Seite und fing an, in seinen Hosentaschen etwas zu suchen.

Nachdem er seine Hände wieder aus den Taschen zog, hatte eine davon zwei Feuersteine fest umschlungen. Er begann, die Steine gegeneinander zu schlagen, bis die Funken flogen. Immer wieder hämmerte er den einen Feuerstein gegen den anderen, bis der Funkenflug das Laub entzündete. Sofort entstand eine kleine Rauchschwade, die nach oben emporstieg. Winzige Flammen wuchsen heran und wurden größer. Sichtbar stachen sie aus dem Rauch hervor. Mit einem ungebändigten Hunger kämpften sie sich nach oben, bis sie den kompletten Stapel aus Holz und Leichen verschlungen hatten.

Es herrschte eine unbehagliche Stille im Wald. Bis auf das Knacken und Knistern des Feuers konnte man nichts hören. Eine langsam steigende Hitze drückte auf ihre Gesichter und ein Geruch nach verbranntem Fleisch machte sich breit.

Als Josef zusah wie der Stapel brannte, umklammerte er wieder das silberne Kreuz, das er um den Hals trug, mit seiner Hand.

Ihm gefiel es, wie die Flammen um die toten Körper kämpften und sie verschlangen. Es machte ihn zufrieden und glücklich. Es störte ihn nicht einmal, dass er soeben zwei Kinder umgebracht hatte, schließlich waren es in seinen Augen Hexen und mussten deswegen getötet werden. Genauso wie die zwei Erwachsenen, sie hatten es verdient zu sterben.

»… Jetzt können ihre Seelen frei sein …«, kam es von ihm, fast schon mit Stolz.

»Machen wir uns jetzt wieder auf den Weg zum Jägerstand?«, fragte Jacob, den es genauso wenig interessierte, was er gerade getan hatte.

»Ja komm, lass uns weiterziehen«, bekam er als Antwort von Josef zu hören.

Zufrieden und sorglos machten sich die Jäger auf den Weg und verschwanden in der Dunkelheit.

Die rote Farbe des Mondes verschluckte die braun grünen Töne des Waldes, er war komplett getränkt in einem hellen Rot.

Myhra fand, das Licht des Blutmondes angenehm, als sie den unebenen Trampelpfad entlang lief. Der kleine Elios schlief mittlerweile tief und fest.

Der Wind war abgeflacht und hatte sich zu einer zarten Brise entwickelt. Man hatte das Gefühl, der Wald konnte flüstern. Dabei fiel Myhra auf, dass es viel zu still in der Dunkelheit des Dickichts war. Kein Zirpen der Grillen oder der Ruf eines Kauzes, nur der Wind flüsterte.

Auf dem Weg traf Myhra Debohra, die sich schon wieder auf den Heimweg machte. Beim Anblick von Debohra fiel ihr die Unterhaltung mit Aleria ein und sie verwickelte sie in ein Gespräch.

»Na, hast du was gefunden?«

»Nur Pilze und ein paar Beeren. Ich wollte nicht zu tief in den Wald, sonst bräuchte ich zu lange und ich möchte noch mit meinen zwei Süßen spielen.«, Debohra strahlte vor Glück, als sie das sagte.

Myhra war froh, sie ab und zu lächeln zu sehen. Seit dem Tod von Baldur kam das nur noch selten vor.

Debohra wollte gerade weiter laufen, da hielt Myhra sie auf und fragte neugierig nach: »Wie fühlst du dich im Moment?«

Debohra blickte genervt in die Richtung des Trampelpfades, der sie nach Hause führte. Myhra merkte an ihrem Gesichtsausdruck, dass Debohra sich nicht unterhalten, sondern nur noch weiter laufen wollte.

»Na ja, ich vermisse Baldur, er war mein Ein und Alles, wir teilten dieselben Ansichten und jetzt ist er tot! Getötet von einem Hexen hassenden Dorf, das geleitet wird von einem bösartigen Priester!«

Plötzlich war es still geworden zwischen den beiden Schwestern und man merkte wieder spürbar, dass es ernst wurde. Debohra sagte das mit einem so starken Zorn in ihrer Stimme, dass Myhra erkannte, dass sie noch immer voller Wut und Hass war.

»Ich verstehe dich, aber bitte bedenke, es gab auf beiden Seiten Verluste … Und du weißt, es war die Gier nach Macht, die es soweit kommen ließ! Lass es jetzt gut sein! …, Du hast zwei wunderschöne Töchter, genieße die Zeit mit ihnen und denke nicht über den Tod von Baldur nach!«, erwiderte sie sanft, dennoch eindringlich.

Debohra wirkte nachdenklich und es schien, als hätte sie sich wieder beruhigt.

»Na ja … wenn ich darüber nachdenke, hast du recht. Ich versuche, nicht mehr an seinen Tod zu denken und werde die Zeit mit meinen zwei Süßen genießen, weil sie kostbar ist«, kam es von ihr mit einem leichten Lächeln.

Daraufhin verabschiedete sich Debohra von Myhra und wanderte weiter den Trampelpfad entlang, der sie nach Hause führte.

Myhra blieb noch stehen und sah ihr nach, bis ihre Schwester nicht mehr zu sehen war. Sie atmete tief durch mit einem besorgten Blick im Gesicht und flüsterte ihr leise hinterher: »Ich wünschte, ich könnte dir glauben, große Schwester …«

Dann widmete sie ihre Augen Elios, der immer noch seelenruhig schlief. Langsam setzte sich Myhra wieder in Bewegung und machte mit ihrem Spaziergang weiter. Ihre Gedanken fingen an, nur um ihn zu kreisen.

Debohra machte sich auf den Weg nach Hause.

Du hast doch gar keine Ahnung, Myhra… Baldurs Tod vergessen, das könnte dir so gefallen … murmelte sie vor sich her.

Sie hörte auf, sich darüber aufzuregen und fing an, die zarte Brise zu genießen, die ihr über das schmale Gesicht streichelte und versuchte, das Gespräch mit Myhra zu vergessen, dass sie sowieso nur aufregen würde.

Mit der Zeit vernahm sie einen immer stärkeren Gestank nach verbranntem Fleisch. Sofort kamen Debohra ihre beiden Töchter in den Sinn. Es wird doch hoffentlich nichts passiert sein?

Sie versuchte sich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass Aleria und Dastan da waren und auf die Beiden aufpassten.

Doch als sie immer näher kam, sah sie ein helles Leuchten und langsam machte sich die Befürchtung breit, dass etwas nicht stimmte. Sie hob ihren schwarzen Rock leicht hoch, um besser zu laufen und sah in der Ferne Rauch aufsteigen.

Mittlerweile lief sie nicht mehr, sie rannte. Sie öffnete dabei ihren Mund und sog mit einem Zischen die Luft ein und pustete sie schnell wieder aus. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Almalia … Helena! Diese zwei Wörter hämmerten in ihrem Kopf und trieben sie an.

Hastig schnaufend kam Debohra bei dem Haus an und erblickte ein Meer aus Flammen und Rauch.

Ihr stockte der Atem als sie den brennenden Stapel sah. Ihre Gedanken überschlugen sich. Debohras Augen fixierten das Feuer und schauten zu, wie das Gelb mit dem Rot kämpfte, während sie versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Für einen Moment vergaß sie selbst zu atmen.

Bei genauem Hinschauen bemerkte sie, dass eine kleine verbrannte Hand aus den lodernden Flammen hing.

Almalia! Helena!, schoss es ihr in den Sinn. Hastig fing sie wieder an zu atmen. Sie rannte auf die kleine Hand zu. Die Hitze vertrieb die zarte Brise. Debohra spürte nur noch eine drückende Wärme auf ihrem Gesicht und sah, dass es mehr war als nur eine Hand, es schien, als sei es ein Kind.

»NEIN … NEIN … DAS KANN NICHT SEIN!«, brüllte sie panisch und stürmte in das Haus hinein, in der Hoffnung dass sich ihre Befürchtungen nicht bewahrheiteten.

»ALMALIA! … HELENA! … ALERIA! … DASTAN!«, schrie sie aufgebracht, aber es kam keine Antwort zurück.