Der Gesang der Wellen - Sally J. Pla - E-Book

Der Gesang der Wellen E-Book

Sally J. Pla

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Beschreibung

Wenn die Wellen der Veränderung auf dich zurollen – bist du bereit, sie zu surfen? Dieser Sommer wird alles verändern für Maudie McGinn! Denn nach einem Waldbrand müssen sie und ihr Vater ihre geliebte Hütte in den Bergen zurücklassen und an die Küste Kaliforniens in einen alten Camper am Strand fliehen. Dort, mit der Nase im salzigen Wind, kann die dreizehnjährige Maudie das erste Mal richtig durchatmen: Wie anders alles ist als zu Hause in Texas bei ihrer Mutter und ihrem Stiefvater, wo sie ständig kleingemacht wird, weil sie nie richtig hineinpasst. Denn Maudie ist Autistin. Doch diese Gefühle sind ein Geheimnis, das sie tief in sich verschließt. Als Maudie das erste Mal die Freiheit beim Surfen in den Wellen spürt, weiß sie, dass der Sommer ihres Lebens beginnt. Eine Geschichte über ein besonderes Mädchen und einen Sommer, der alles auf den Kopf stellt, die tiefsten Geheimnisse ans Licht bringt und unerwartete Freiheit schenkt. - Über den Mut, die eigene Stimme zu finden: einfühlsam und ergreifend - Sommerfeeling auf jeder Seite - Von der Autorin von ›Komische Vögel‹ »Jeder, der sich schon einmal anders gefühlt hat, wird sich mit Maudies Reise auf der Suche nach ihrer Heimat und ihren Herzensmenschen wiederfinden könen.« ALA Booklist

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Seitenzahl: 282

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über das Buch

Dieser Sommer wird alles verändern für Maudie McGinn! Denn nach einem Waldbrand müssen sie und ihr Vater ihre geliebte Hütte in den Bergen zurücklassen und an die Küste Kaliforniens in einen alten Camper am Strand fliehen. Dort, mit der Nase im salzigen Wind, kann die dreizehnjährige Maudie das erste Mal richtig durchatmen: Wie anders alles ist als zu Hause in Texas bei ihrer Mutter und ihrem Stiefvater, wo sie ständig kleingemacht wird, weil sie nie richtig hineinpasst. Denn Maudie ist Autistin. Doch diese Gefühle sind ein Geheimnis, das sie tief in sich verschließt.

 

Als Maudie das erste Mal die Freiheit beim Surfen in den Wellen spürt, weiß sie, dass der Sommer ihres Lebens beginnt.

 

 

Sally J. Pla in der Reihe Hanser:

Komische Vögel

Sally J. Pla

Der Gesang der Wellen

Meine Familie, ich und mein neues Leben

Roman

Aus dem Englischenvon Susanne Hornfeck

 

 

 

 

Für alle, die wissen, wie es sich anfühlt,

wenn Wellen der Veränderung auf einen zurollen.

Wenn die Welle kommt,

ist alles weg,

was in den Sand geschrieben war.

 

Und alles ist

in den Sand geschrieben.

 

Also ist jeder Tag

eine sauber gewischte Tafel.

 

Wer du warst,

wer du bist,

wer du sein willst –

das alles sind Wellen.

Jede bringt einen Neuanfang

und einen Ozean

an Möglichkeiten.

 

Deshalb lauf,

du Kleine,

du Liebe.

 

Schreib etwas Neues

in den Sand.

 

Etta Kahana

1Wo Rauch ist ...

Ich habe diesen super Beruhigungstrick erst kürzlich gelernt. Bei der Jahresabschlussparty der Siebtklässler in Houston, wo ich während der Schulzeit bei meiner Mom und meinem Stiefvater wohne.

Eigentlich wollte ich gar nicht hingehen. Natürlich nicht. Aber meine Mom hat mich gezwungen.

Ein Glück, dass Mr Parris da war. Er hat bemerkt, wie ich in einer dunklen Ecke der Turnhalle mit dem Oberkörper schaukelte, die Hände an die Ohren gepresst, und den Kopf immer wieder gegen die Wand stieß, während aus den Boxen Taylor Swifts Shake It Off dröhnte und die anderen kreischten und tanzten. Es läuft echt beschissen, wenn du nicht mal mehr Shake It Off abschütteln kannst. Aber Mr Parris sah und verstand – er ist nämlich einer von den Sonderpädagogen. Er führte mich in den leeren Flur, richtete seine großen braunen, müden, vorwurfsvollen, verschwollenen alten Lehreraugen auf mich und sagte: »Klarer Fall von Reizüberflutung, Maudie.«

Was Sie nicht sagen, wie meine Mom so gern bemerkt.

Das habe ich natürlich nicht laut gesagt. Ich würde nie frech zu Mr Parris sein. So bin ich nicht. Jedenfalls hat er mir bei dieser Gelegenheit den Trick gezeigt.

Er nahm sich ein Blatt Papier von einem der leeren Anmeldetische und bot mir einen Stuhl an. »Also, Maudie«, sagte er. »Du schreibst mir jetzt alles auf, was deine fünf Sinne dir übermitteln. Mach die Liste so lang wie möglich und vergiss dabei das Atmen nicht. Tief und langsam.«

Als ich zu schreiben begann, ergoss sich eine ganze Wortlawine aus meinem Stift.

Es gibt eine Auffassung von Autismus, die sich Intense-World-Theorie nennt. Sie besagt, dass wir die Welt anders empfinden. Als Sintflut sensorischer Reize. Alles ist zu laut, zu hell, zu kratzig, einfach zu viel. Diese Theorie leuchtet mir unmittelbar ein, denn ich fühle mich ständig, als würde ich in Lärm, Gerüchen und Lichtblitzen ertrinken – in einem Strudel aus Zuviel.

Damals bei der Schulparty hat mir dieser Beruhigungstrick mit der Liste an Zuviel geholfen. Es gelang mir, eine gewisse Ordnung in diese Flut an Eindrücken zu bringen.

Aber was war – wenn ich heute daran zurückdenke – schon diese laute Schulparty?

Ein Nichts. Ein Floh von einem Nichts. Eine reine Nichtigkeit verglichen mit dem Zuviel von jetzt.

Denn jetzt sitze ich in einer Notunterkunft. Ich bin in Molinas, Kalifornien, jener kleinen Stadt in den Santa Cruz Mountains, in der mein Dad wohnt. Dort verbringe ich meine Sommer. Erst gestern bin ich hergeflogen. Mom hat mich zur Sechs-Uhr-Maschine ab Houston gebracht und die Flugbegleiter mit Befehlen bombardiert (Das Mädchen sieht belastbarer aus, als es ist – Sie müssen es im Auge behalten!), während ich vor Peinlichkeit fast im Boden versunken wäre.

Es ist schwer, ein belastbarer Mensch zu werden, wenn deine Mom die Welt ständig vom Gegenteil zu überzeugen versucht.

Und erst gestern Nachmittag hat Dad mich am Flughafen von San José, Kalifornien, abgeholt. Er stand bei unserer üblichen Säule und wartete auf mich. Arme verschränkt, Haare zerzaust, Baumwollhemd knittrig, die blauen Augen strahlend wie immer.

»Hallo, Maus«, sagte er, stieß sich von der Säule ab und nahm meinen Rollkoffer und den Rucksack. »Hab dich vermisst.« Wir tauschten ein Lächeln und einen herzlichen Blick. »Pickup steht da hinten.«

Dad ist wie ich. Er redet nicht viel.

Ich habe nie viel geredet, aus Prinzip. Aber im vergangenen Jahr bin ich wirklich still geworden. Das liegt daran, dass ich dieses Geheimnis mit mir herumtrage, über das ich mit niemandem reden darf. Es fühlt sich an, als hätte ich einen brennenden Kloß verschluckt. Und ich muss versuchen, ihn unter Verschluss zu halten, hinter einer winzigen Tür in meiner Brust.

Aber wenn ich spreche, spüre ich manchmal, wie es an der Tür rüttelt.

Ich weiß, dass ich es eines Tages schaffen muss, über die Dinge zu reden, über die man sich eigentlich nicht mal nachzudenken traut. Auch wenn ich versprochen habe, das nicht zu tun. Leuchtet das irgendwie ein?

Egal.

Jedenfalls verbringe ich meine Sommer mit Dad in Molinas – das ist die Abmachung. Das Schuljahr mit Mom (und jetzt auch mit Ron) in Houston. Den Sommer mit Dad in Molinas, in der Berghütte, die er sich selbst gebaut hat. Ich freue mich schon das ganze Jahr darauf. Es ist der einzige Ort auf der Welt, an dem ich mich ganz und gar friedlich fühle. Als ich gestern aus dem Flugzeug stieg, überkam mich eine wunderbare Erleichterung. Der brennende Kloß schien verschwunden zu sein. Ich fühlte mich sicher.

Sicher …

Ha.

Und jetzt ist alles gekippt, dunkel und durcheinander.

Und alle Gedanken an einen friedlichen Sommer mit Dad haben sich in Asche verwandelt.

Und ich spreche hier nicht in Bildern. Ich meine ganz reale, leibhaftige Asche.

2Wiuwiuwiuwiuwiu

Die Molinas-Notunterkunft ist überfüllt mit gestressten Nachbarn, düster dreinblickenden Polizisten und hektischen Helfern, die Wasserflaschen und knisternde silberne Rettungsdecken verteilen.

Es ist nicht kalt, trotzdem höre ich nicht auf zu zittern.

Auf einem Tisch liegt ein altes Klemmbrett unter einer Tasse mit abgestandenem Kaffee, übrig geblieben von irgendeiner Besprechung. Ich nehme das Brett mit zu einer der Pritschen, die von den Freiwilligen aufgebaut wurden. Die dünne blaue Matratze knirscht unter mir; es fühlt sich an, als wäre sie mit Plastikpellets gefüllt.

Ich drehe das auf dem Brett befestigte Blatt um. Und so wie Mr Parris es mir bei der ohrenbetäubenden Schulparty gezeigt hat, mache ich den Beruhigungstrick. Ich katalogisiere das Zuviel.

RIECHEN

abgestandener Kaffee

abgestandene Suppe

billiger Teppich

Schweißgeruch

Asche

Rauch

Weichspüler

 

HÖREN

das Weinen von Kindern

ein Paar, das sich in stakkatoartigem Spanisch streitet

ein alter Mann, der etwas Feuchtes, Ekliges in ein

Papiertaschentuch hustet, igitt

Eine Frau, die unaufhörlich schreit: »Wer hat mein Telefon gestohlen? Wer hat mein Telefon gestohlen?«

ferne Sirenen:

Wiuwiuwiuwiuwiuiiiiiiii

 

TASTEN

diese silberne Rettungsdecke, die sich wie aalglatte Aluminiumfolie anfühlt

diese schwitzige Plastikpellet-Matratze unter meinem Po und meinen Beinen

brennende Augen, als wären die Wimpern mit heißem Sand verklebt

Kopfschmerzen, die mich brüllend und pochend in einen Schraubstock zwängen

das einengende Gefühl eines Stahlreifens um meine Brust, der mich am Atmen hindert

A T M E

A T M E

A T M E …

 

SEHEN

die Krümmung von Dads Rücken

Er hat sich gerade auf der anderen Seite seiner Pritsche niedergelassen, von mir abgewandt, die knubbeligen Ellbogen auf die Knie gestützt. Durch sein dünnes grünes T-Shirt kann ich die Höcker seiner Wirbelsäule sehen. Ich möchte die Arme um seinen Hals legen, mich festhalten und mit ihm aus diesem schmierigen Kellerfenster hinaus irgendwo hinfliegen, wo es sicher ist.

Er ist schon normalerweise ein etwas verlotterter Typ, doch nach allem, was wir heute durchgemacht haben, sieht er echt mitgenommen aus. Sein dichtes blondes Haar steht in Büscheln ab, sein Gesicht ist verschwitzt und düster. Ich kann den Schweiß riechen. Sein Knie hüpft nervös auf und ab, auf und ab. Stimming – ich kenne das von mir. Dieses Kniehüpfen ist ein selbststimulierendes Verhalten, um Druck abzubauen. Er kratzt sich am Hinterkopf und textet weiter mit seinem Telefon.

»Musst du es ihr sagen?«, frage ich.

»Natürlich müssen wir deine Mom informieren, Maudie«, murmelt er.

»Hat das nicht noch ein bisschen Zeit?«

Ich glaube an den Zauber des Nicht-Redens – wenn ich Sachen runterschlucke, sie verdränge und schließlich vergesse, dann existieren sie vielleicht gar nicht.

Vorab: Wir sind in Sicherheit, schreibt Dad und ignoriert mich.

Stumm forme ich die Worte – wir sind in Sicherheit, wir sind in Sicherheit, wir sind in Sicherheit. Ich schiebe sie auf der Zunge herum, klappere im Rhythmus der Silben mit den Backenzähnen. Auch das ist eine Art von Stimming. Aber ich schaffe es nicht, die Worte wir sind in Sicherheit auch wirklich zu fühlen.

Über Dads Schulter hinweg lese ich weiter seine Nachricht. Wir sind in einer Notunterkunft. Maudie geht es gut. Uns geht es gut. Seine Daumen zögern. Aber wegen eines Waldbrands mussten wir evakuiert werden.

Wegen eines Waldbrands. Ich wiederhole es für mich. Wegen eines Waldbrands. Wegen eines Waldbrands. Wegen eines Waldbrands.

Wenn man etwas immer wieder flüstert, dann verlieren die Worte oft völlig ihre Bedeutung und werden im Mund so flach und farblos wie Asche.

3Rosies Diner

In der Davorzeit (also erst heute Morgen!) hatten Dad und ich unseren Sommerauftakt-Brunch bei Rosies Diner unten in der Stadt. Seit ich denken kann, frühstücken wir dort am ersten Tag meines Aufenthalts in Molinas. Es ist unser Ding.

Auf dem Tisch standen dicht gedrängt Teller und Becher – Kaffee für Dad, heiße Schokolade für mich, zwei Portionen Speck, Rühreier, Kartoffelpuffer und der weltbeste French Toast mit Zimt und dick Schlagsahne drauf.

Das kleine Restaurant war erfüllt von heimeligem Geschirrklappern und dem Gemurmel Kaffee trinkender Leute. Dad erzählte ganz begeistert von den letzten Stücken, die er gemacht hat – er ist ein begnadeter Schreiner und kann praktisch alles zusammenzimmern, aber am liebsten baut er ungewöhnliche, künstlerische, coole Designermöbel. Er erzählte mir von einer Bestellung ausgefallener Barhocker für eine große Weinkellerei. Gleich fünfzig Stück! Er hatte viele Monate dafür gebraucht, aber jetzt waren sie fertig und standen, bereits verpackt, in seiner Werkstatt bei der Hütte zum Abtransport bereit. Er konnte es kaum erwarten, sie mir zu zeigen – und ich glaube, er konnte es auch kaum erwarten, dafür bezahlt zu werden.

Jedenfalls erzählte er mir von den Barhockern und von einem Buch, das er gerade las, von einer Serie, die er schaute, und von ein paar Gedanken, die er dachte … ein typischer Dad-Monolog, dies und jenes, alles vorgebracht in seiner ruhigen, sanften, abschweifenden Art zu reden.

Dann hielt er inne. Nahm einen Schluck Kaffee und sah mich mit zusammengekniffenen Augen an. Jetzt war er wirklich konzentriert. »Irgendwas stimmt nicht mir dir«, sagte er mit einer gewissen Schärfe in der Stimme. »Was ist los, Maus?«

Ich rutschte auf meinem Stuhl herum. Flatterte mit den Fingern. Rieb mit dem rechten Daumen fest die linke Handfläche, wieder und wieder – das mache ich, wenn ich nervös bin. Ich versuchte, das Gespräch zurück auf ihn zu lenken.

Doch Dad ließ sich nicht ablenken. Die blauen Augen bohrten sich in meine Seele. »Ernsthaft, Maus. Alles in Ordnung?«

Ich stopfte mir French Toast in den Mund, damit er zu voll zum Reden war.

Dann hatte Dad dieses schelmische Leuchten im Blick. »Oder bist du einfach nur dreizehn und mein Pubertier?«

In meinem Kopf zischte Moms Stimme: Das geht niemanden etwas an. Der drohende, verzweifelte Blick in ihren schönen Augen.

Ich starrte auf meinen Teller. Schweres weißes Gaststättenporzellan mit einer dunkelgrünen Linie am Rand. Ich liebe diese unkaputtbaren Teller. Auf diesem hier waren allerdings Spritzer aus getrocknetem Ei – eine quietschgelbe Sauerei. Ich deutete auf meinen vollen Mund, tat so, als hätte ich Mühe zu kauen.

Dad musterte mich einen Tick zu genau, es machte mich ganz zappelig.

»Jetzt mal echt, Maus. Geht’s dir gut?«

Ich nickte heftig. »Alles gut!«, stieß ich durch einen Klumpen French Toast hervor. »Ich muss nur mal …«

Dann floh ich auf die Toilette. Ich war sicher, dass ich kotzen musste.

4Die Hütte in Molinas

Ich habe die Sommer mit Dad verbracht, seit ich vier war, dem Jahr, in dem meine Eltern sich scheiden ließen. Ich war über diese Trennung nicht beunruhigt. Ich war zu klein, um etwas dagegen zu haben, konnte sie nur akzeptieren.

Dasselbe dann vor anderthalb Jahren, als Mom eine Beziehung mit Ron begann. Es fühlte sich an wie eine weitere Welle der Veränderung, die über mich hinwegrollte. Welle auf Welle. Immer mehr Dinge, die ich einfach akzeptieren, einfach hinnehmen musste. Ich war immer nur Zuschauerin meines eigenen Lebens, eine Beifahrerin.

Als Mom und Ron geheiratet haben, war das in einer entscheidenden Hinsicht eine Veränderung zum Besseren: Es löste Moms Geldprobleme. Und wir konnten endlich aus unserer tristen, schäbigen, von Kakerlaken besiedelten Wohnung aus- und in Rons Superluxusapartment in einem Golf-Resort einziehen. Ron liebt Golf. Also liebt meine Mom jetzt auch Golf. Was Ron mag, mag sie auch. Was Ron tut, tut sie auch.

Ich hasse Golf und ich hasse dieses Apartment. Nichts als harte Oberflächen und scharfe Kanten, Marmor und Glas und am Boden etwas, das sich Terrazzo nennt – so steinhart, dass die Zähne wackeln und die Fersen wehtun, wenn man barfuß drübergeht – und man sollte besser nicht hinfallen oder sich den Kopf an diesem Boden aufschlagen. Ich weiß, wovon ich rede.

Dads Hütte in Molinas hingegen besteht ganz aus honigfarbenem Kiefernholz, sonnendurchfluteten Fenstern und dick gepolsterten Sesseln, in denen man versinkt. In der Ecke steht ein gusseiserner Holzofen und es gibt selbst gebaute Bücherregale mit einem Fries aus geschnitzten Tierfiguren. Sie sind vollgestopft mit alten Büchern und Holzspielsachen, die er über die Jahre für mich gemacht hat.

Außerdem gibt es einen alten Plattenspieler, eine Reihe ziemlich kratzig klingender Alben und Dads Ukulele, auf der er – offen gestanden – kein Meister ist. Weiche alte Quilts von Grandma Carmen bedecken die Betten. Ich habe Grandma Carmen nie getroffen, weil sie um die Zeit starb, als ich geboren wurde. Aber weil Dad immer so liebevoll von ihr spricht, habe ich das Gefühl, sie trotzdem zu kennen.

Vor dem Ofen steht ein stabiler Couchtisch, den Dad gebaut hat, als er noch in die Highschool ging, und auf den man bequem die Füße legen kann. Dad hat immer schon gern Sachen aus Holz gemacht. Ich wünschte, ich hätte auch eine Beschäftigung, die ich so liebe wie Dad das Schreinern von schönen Dingen.

Ihr seht also, mein Leben in Texas ist irgendwie kalt und hart, das in Molinas wärmer und einfacher. Dad kümmert es nicht, wie viele Stofftiere ich auf dem Bett liegen habe, ob ich zum Schlafen ein Nachtlicht brauche oder ob ich beim Abendessen Milch verschütte oder manchmal vergesse, meinen Teller zur Spüle zu bringen. Er macht sich nicht über mich lustig, wenn ich Bilderbücher lese oder mir eine Deckenburg baue, auch wenn ich mit dreizehneinhalb eigentlich zu alt für so was bin.

Ach, es gibt so viele Gründe, warum der Sommer in Dads Hütte meine liebste Zeit ist. Und der allererste Tag des Sommers in Dads Hütte ist der beste des ganzen Jahres.

Na ja, jedenfalls …

Nachdem Dad die Rechnung für das Frühstück bei Rosies bezahlt hatte und wir auf der Heimfahrt den Berg hinauf waren, sahen wir uns, als wir um eine Kurve bogen, plötzlich einem riesigen Feuerwehrauto gegenüber, das quer über die Straße geparkt war. Seine Sirene gab ein schrilles, ohrenbetäubendes Heulen von sich.

Ich schrie auf und hielt mir die Ohren zu.

Dad stoppte den Wagen.

»Bleib hier, Maudie«, sagte er, stieg aus und ging zu einem der Feuerwehrmänner. Gerade als die beiden zu reden begannen, schallte eine superlaute Mitteilung aus der Lautsprecheranlage: »ACHTUNG, ACHTUNG, ANALLEANWOHNER! EVAKUIERUNGIMGANGE!«

Jedes dieser Worte traf mich wie eine Ohrfeige.

Der Feuerwehrmann schüttelte mit ernster Miene den Kopf und deutete in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Als ich mich umsah, bemerkte ich, wie andere Fahrzeuge zwischen den Bäumen am Ende der langen Einfahrten auftauchten und sich langsam auf die Straße schoben. (Dad wohnt am Ende einer langen, gewundenen Bergstraße.) Feuerwehrleute in gelben Mänteln regelten den Verkehr und winkten diese Leute auf die Straße.

Als Dad zum Pickup zurückkam, war er plötzlich ganz bleich.

»Halt dich fest«, sagte er und schaltete kreischend in den Rückwärtsgang.

»Was ist los?«, fragte ich, die Hände immer noch über den Ohren.

»Waldbrand weiter oben an der Straße. Breitet sich rasch aus.«

Feuer.

Das Wort entzündete einen Funken blanker Angst.

Und Sorge. Ein Glutkern aus Zweifel und Sorge

glomm auf und setzte sich

in einer Ecke meines Gehirns fest.

 

Als wir die Hauptstraße wieder erreichten, waren noch mehr Löschfahrzüge und Feuerwehrleute unterwegs. Die Straße war nur noch in einer Richtung befahrbar – bergab in die Stadt –, abgesehen von der ganz linken Fahrspur, die für Einsatzfahrzeuge mit jaulenden Sirenen reserviert war.

Ich rutschte auf dem Sitz hin und her und sah einen Flammenstreifen hinter der Hügelkuppe aufscheinen. Ätzender Rauch kroch mir in die Nasenlöcher. Innerlich fühlte ich mich seltsam abgeschnitten, nicht wirklich da, so als würde ich das alles nur von außerhalb meines Körpers beobachten.

Feuerwehr und Polizei winkten die Fahrzeuge durch. Weiterfahren, weiterfahren, los, los, los! Es war wie beim Autoscooter – alle kämpften um die Vorfahrt und versuchten, gleichzeitig auf die Hauptstraße zu kommen. Dad fluchte und grummelte und schwitzte. Endlich schafften auch wir es und reihten uns in die Kolonne ein.

Der schlimmste Moment kam, als die Straße eine Kurve machte und vor uns das dürre Gras bis hin zur Leitplanke brannte. Qualm, Ruß, lodernde Flammen, Flugasche – ich konnte die Hitze durch die Metalltür des Pickups spüren, musste mich weglehnen, um mir Arm und Schulter nicht zu verbrennen.

Mein Atem ging viel zu schnell. Zum ersten Mal hatte ich Angst, dass Dads Pickup Feuer fangen könnte. »Zieh dir das über den Kopf!«, schrie Dad und warf mir seine Jacke zu. Und dann BUMM! Etwas hinter uns war explodiert. Was war es? Ein Tank mit Propangas? Ein Auto voller Leute? Ich schloss die Augen, hielt mir die Ohren zu und schaukelte, schaukelte, schaukelte. Ich versuchte, an etwas zu denken, das half, irgendwas.

Was würde mir der gute, alte Mr Parris jetzt raten? Vielleicht, dass ich stattdessen an etwas Beruhigendes denken sollte. Ich dachte an Schwimmen in kühlem Wasser.

Und irgendwie schaffte es unsere Fahrzeugkarawane langsam den Berg hinunter bis in die Stadt. Und wir schafften es in die Notunterkunft. Da, wo ich jetzt bin und auf dieser blauen klebrigen Pritsche sitze. Wir sind »in Sicherheit«.

Fühlt sich so Sicherheit an?

Ich versuche mich zu überzeugen, dass ja.

 

Eine Sorge brennt in mir

mit knisternder, zischender Hitze.

Eine Sorge flackert in mir

wie eine hartnäckige Kerzenflamme.

Vergiss sie!

Lösche sie!

Ertränke sie!

 

Ich dachte, mein Sommer wäre sicher.

Alle Probleme wären in Texas zurückgeblieben.

 

Aber vielleicht folgen mir die Probleme

wie die Funken einer Zündschnur.

 

Vielleicht bin ich das Problem.

Unglück haftet an mir.

 

Und wenn es für mich

vielleicht gar keinen sicheren Ort gibt?

5Verflucht

In der Unterkunft rückt Dad auf seiner blauen Pritsche von mir weg, seine große Hand um das Telefon, und versucht, mich von Moms panisch lauter Stimme abzuschirmen. Die Worte schlüpfen trotzdem durch.

»Sie ist nicht belastbar! … zu viel für sie! … das schafft sie nicht!«

Wie oft habe ich diese Worte schon gehört.

Dads blaue Augen haben jetzt kein Funkeln mehr; sie sind trüb und leer. Er reicht mir das Telefon. »Sie will sich überzeugen, dass mit dir alles in Ordnung ist«, murmelt er.

»Maudie!«, kreischt Mom. »Siehst du, das ist genau das Problem mit Kalifornien – wenn dich das Erdbeben nicht erwischt, erwischt dich der Waldbrand! Es ist ein verfluchter Ort.«

Texas wurde gerade erst von einem schweren Hurricane und Überschwemmungen nie da gewesenen Ausmaßes heimgesucht; Hunderte sind obdachlos oder noch vermisst. Seit Wochen werden in den Medien schreckliche Bilder gezeigt. Aber Texas würde Mom niemals als »verflucht« bezeichnen.

»Und wie kommt dein Vater dazu, dich in eine Notunterkunft zu bringen?«, sagt sie. »Ausgerechnet dich mit deiner Hypersensibilität. Hätte er mit dir nicht wenigstens in einem anständigen Hotel übernachten können? Du packst so was nicht, Herrgott noch mal … ich meine, du packst ja nicht mal … nicht mal …«

Ich halte das Telefon etwas weiter von meinem Ohr weg.

»Er ist so unfähig! Ich meine, dein Vater ist einfach weltfremd. Stell dir vor, er hat mir eben erzählt, dass er nicht mal eine Brandversicherung hat! Wie kann ein erwachsener Mensch in einer solchen Gegend wohnen und keine Brandversicherung haben, frage ich dich?«

Ich weiß nicht, was genau eine Brandversicherung macht, aber sie nicht zu haben, klingt tatsächlich nicht gut.

»Na, das war’s dann wohl mit unserer Kreuzfahrt«, Moms Stimme ist schwer und tonlos. »Ron und ich müssen stornieren, um dich aus diesem verfluchten Kalifornien rauszuholen.«

Mein Herz entflammt in feurigem Protest.

Nein, nein, nein, nein, nein …

Im Hintergrund höre ich ein tiefes, lautes Grollen.

»Moment mal«, sagt Mom. »Ron braucht mich.«

Ich verstehe ein paar von Rons drohenden Worten: »unmöglich« und »nicht erstattungsfähig«.

Ich spüre einen leisen Anflug von Hoffnung.

Ron und Mom haben für die Zeit, in der ich weg bin, eine achtwöchige Luxuskreuzfahrt geplant. Es soll ihre verspätete Hochzeitsreise werden, Mom hat sich schon das ganze Jahr darauf gefreut. Und es gibt sehr, sehr gute Gründe, warum ich auf keinen Fall möchte, dass sie ihre Reise verpassen.

Ich höre zu, wie Mom und Ron sich weiter streiten. Mir geht fast die Luft aus. »Nicht stornieren!«, kiekse ich. »Bitte! Mir geht’s gut! Uns geht’s gut!«

»Sei nicht albern!«, blafft Mom. »Dein Vater ist nicht in der Lage, in Krisensituationen mit dir umzugehen.«

Was hat sie nur immer gegen ihn? Wut flammt in mir auf. Ich räuspere mich. »Er ist in der Lage. Uns geht’s gut – mir geht’s gut und wir schaffen das! Sagt eure Reise nicht ab!« Verzweifelt greife ich nach jedem Strohhalm. Was soll ich ihr sagen? Wie kann ich sie überzeugen? »Mom! Kannst du Dad nicht vierundzwanzig Stunden Zeit geben, um eine Lösung zu finden? Es ist alles in Ordnung jetzt. Ich bin in Sicherheit. Dad kümmert sich! Er wird einen Plan für den Sommer finden! Alles wird gut.«

Sie seufzt. »Maudie, so viele Sätze an einem Stück habe ich das ganze Jahr nicht von dir gehört. Und du willst mir ein Ultimatum stellen? Wer glaubst du denn, wer du bist, junge Dame?« Dann ist sie einen Moment lang still. »Gib mir deinen Vater.«

Ich packe Dad am Arm, während ich ihm das Telefon reiche, und sehe ihm dabei tief in die Augen. Ich lege ein maximales Flehen in meinen Blick. »Was immer geschieht, Dad – bitte –, ich muss bei dir bleiben.« Ich sage es mit größtmöglicher Überzeugungskraft. »Ich muss.«

Dads Augen verengen sich. Er wirkt verwirrt. Ich fixiere ihn und spreche jedes Wort mit Nachdruck. »Wenn Sommer ist, bin ich bei dir. Egal, was ist. So ist die Abmachung. Die Sommer bei dir. Bitte. Das ist ganz wichtig. Ein Versprechen ist ein Versprechen und muss gehalten werden. Das findet sogar Mom.«

Dad stößt einen tiefen Seufzer aus. Er drückt meine Schulter. Dann geht er mit dem Telefon hinaus auf den Flur.

 

Auf der anderen Seite des Raums packt eine Familie ihre Sachen. Mit je einem schlafenden Kleinkind auf dem Arm gehen die Eltern durch die geöffnete Doppeltür zu einem draußen geparkten Minivan. Eine alte Dame im rosa Pullover – vermutlich die Oma – fällt ihnen um den Hals. Und dann reden, schluchzen und knuddeln sie alle, während sie sich in den Wagen quetschen. Dann sind sie weg, die roten Rücklichter strahlen wie Weihnachtskerzen.

Es muss schön sein, jemanden zu haben wie diese Oma. Jemanden, der einen abholt. Der einen so sehr liebt. Grandma Carmen hätte das sicher gemacht, wenn sie nicht gestorben wäre. Und meine anderen Großeltern, Moms Eltern? Da habe ich meine Zweifel. Ich habe sie nie getroffen. Mom hat mir nur gesagt: »Ohne die sind wir besser dran. Das sind verbitterte, schwierige Leute, Maudie. Ich hatte es nicht leicht.«

Damals hat Mom mir leidgetan.

Draußen im Flur höre ich Dad – er redet mit leicht erhobener Stimme. »Ich kann mit ihr umgehen«, sagt er scharf. »Sie macht keine Probleme. Überhaupt keine. Ich will sie hier haben. Ich kümmere mich – ich habe einen Plan! Traust du mir denn gar nichts zu? Wie kommst du darauf, dass ich nicht dazu in der Lage bin …«

Mein Hirn spult immer wieder Moms Worte ab und verwandelt sie in einen Zahnklapperrhythmus: Seinichtal-bern, seinichtal-bern, seinichtal-bern. Diese seltsame Angewohnheit sollte mir wohl peinlich sein, aber ich kann nichts dagegen tun.

Zu mir sagt Mom vier Silben, zu Dad wesentlich mehr.

Ich halte die Bewegungen des Kiefers klein, damit niemand sieht, was ich mache. Das ist mein verborgenes, innerliches, sozialverträgliches Stimming, das ich stundenlang durchhalten kann. Sei nicht albern, sei nicht albern, sei nicht albern.

 

Nachdem Dad sein Gespräch mit Mom beendet hat, bringt er mir einen in Folie verpackten Burrito vom Buffet der Notunterkunft mit. Er ist warm und sehr weich, am liebsten würde ich ihn zusammenmatschen, bis die warmen Bohnen zwischen meinen Fingern hervorquellen. So was habe ich tatsächlich getan, als ich jünger war und Probleme mit meiner Impulskontrolle hatte. Inzwischen habe ich mich besser im Griff. Aber es war ein weiter Weg.

»Okay«, sagt Dad mit einem gequälten Lächeln. Ich blicke bang zu ihm auf. »Sie haben sich geeinigt. Du bleibst bei mir und deine Mom und Ron ziehen ihre Sommerkreuzfahrt durch.«

Ich hüpfe wie wild!

»Unter der Bedingung, dass ich dich sofort aus dieser Unterkunft weg in eine bessere Umgebung bringe.« Dad sieht sich um und kratzt sich am Hinterkopf. »Und hier ist mein Vorschlag. Sag mir, was du davon hältst. Wir könnten noch heute Abend mit dem Pickup in Richtung Südkalifornien starten. Hinunter nach Conwy?«

Ich grinse.

Hüpfe noch wilder.

Flattere vor lauter Freude und Erleichterung mit den Händen.

Ich war noch nie in Conwy, weiß aber einiges darüber:

Es ist eine kleine Küstenstadt.

Ganz unten an der mexikanischen Grenze, nicht weit von San Diego.

Mein Dad ist dort aufgewachsen.

Auch meine Mom hat dort mal gewohnt, aber nur für ein Jahr während der Highschool. Da haben sie und mein Dad sich kennengelernt.

Wenn Dad von seinen wilden Skater-Surfer-Punk-Jugendjahren in Conwy erzählt, hat er immer diesen traurigen und zugleich strahlenden Ausdruck, den die Leute wohl bittersüß nennen würden. Das hat mich immer beschäftigt und deshalb wollte ich schon immer nach Conwy.

»Ich habe gerade meinen alten Schulfreund Rinaldo angerufen«, fährt Dad fort. »Er führt jetzt den staatlichen Campingplatz am Strand und hat einen kleinen Standplatz mit einem leeren Camper zu vermieten. Nichts Schickes. Eher ein bisschen heruntergekommen. Aber er sagt, wir können ihn haben, wenn wir wollen.«

»Können wir uns das leisten?« Ich denke daran, was Mom über die Brandversicherung gesagt hat.

»Ja, das kann ich stemmen. Und was ist mir dir und der langen Nachtfahrt? Und anschließend ein Sommer am Strand?«

Na klar! Nichts wie weg hier. Seit Stunden schon wird in der Unterkunft geflüstert über das Feuer: Was war die Ursache? Wer hat Schuld? Solche Fragen lassen mir das Herz beinahe aus der Brust springen.

»Na los, Dad«, sagte ich. »Fahren wir. Fahren wir los.«

Außerdem wäre es mir sowieso unmöglich, auf dieser blauen, mit Plastikpellets gefüllten Matratze zu schlafen.

Ich nehme Dads Hand und drücke sie drei Mal. Unser Zeichen. Er drückt drei Mal zurück und lächelt. »Auf geht’s, Maus.«

Ich mag diesen Spitznamen eigentlich nicht, »Maus«, aber ich verstehe, wie es dazu gekommen ist. Ich bin klein, still, nervös und hibbelig. Ich habe mausbraunes Haar, schnittlauchglatt und schulterlang. Meine kleinen, runden Ohren lugen zu beiden Seiten des Kopfes daraus hervor.

»Zuerst besorgen wir Proviant – dann machen wir uns auf den Weg.«

Dad hält inne und schaut ein bisschen komisch. »Weißt du, ich bin seit, sagen wir, einem Dutzend Jahren nicht mehr in Conwy gewesen.« Er reibt seinen Nacken. »Es fühlt sich nicht mehr wie Zuhause an.«

Ich habe eigentlich gar keinen Ort als Zuhause, so wie Dad das jetzt sagt.

Ich denke bei dem Wort einfach an ihn.

6Dinge, die man über Mom wissen sollte

In Texas hat meine Mom ein riesiges Rollwägelchen randvoll mit Make-up. Eine ganze Schublade nur für Lippenstifte. Eine für Grundierungen, für Augencremes, für Eyeliner. Ihr solltet ihre Regenbogenpalette an Lidschatten sehen – passend zu jedem ihrer Glitzerkleider in dem neuen, begehbaren Wandschrank.

Sie braucht dieses Zeug für ihre Show. Mom ist gewissermaßen berühmt. Sie hat einen YouTube-Kanal namens Living with Grace, auf dem sie Ratschläge zu Make-up, Wohnraumgestaltung, Mode und dergleichen gibt. Neulich hat sie die Marke von 200.000 Followern geknackt, und das ist eine Menge. Wenn wir unterwegs sind, sagt manchmal jemand zu ihr: »Meine Güte, sind Sie nicht Grace?« Dann errötet sie ganz natürlich unter all den sorgfältig aufgetragenen Puderschichten. In solchen Fällen bin ich echt stolz auf sie. Sie hat ein Händchen für YouTube.

Vielleicht wisst ihr – oder ihr wisst es nicht –, dass es von vielen autistischen Menschen, vor allem Mädchen, heißt, sie tragen im Umgang mit anderen eine Art »Maske«. Wir versuchen, uns zu tarnen und anzupassen. Auf mich trifft das total zu. Auch wenn ich es nicht absichtlich mache und es mir nicht vornehme. Die Maske kommt von selbst. Weil ich mir so sehr wünsche, von den anderen gemocht zu werden, übernimmt die Schaltzentrale meines Gehirns das Kommando, sobald eine Gruppe Kinder auftaucht. Sie befiehlt mir dann: Maske auf! (So ähnlich, wie wenn der Captain in Star Trek sagt: »Schilde hoch!«) Lass die Lippen lächeln! Wirke ruhig und glücklich! Mach alles wie sie! Rede wie sie! Lache, wenn sie lachen!

Ich kann mich den ganzen Tag so maskieren. Aber wenn ich dann abends nach Hause komme, bin ich vollkommen erschöpft und will mich nur noch in eine Decke wickeln und nie wieder mit jemandem reden. Nur … den Tag aus mir rauskriegen. Nicht mehr da sein.

Ich nehme aber mal an, dass alle das tun. Alle maskieren sich, zumindest ein bisschen. Nicht nur Autisten. Meine Mom zum Beispiel, die tut es auch. Nur dass sie sich ihre Maske aufmalt, mit all den Stiften, Pinseln, Pudern und Cremes aus ihrem riesigen Rollwägelchen.

Für die Show lässt sie auch ihre Stimme fröhlicher klingen. Erzählt den Leuten in höflichem, charmantem Ton, was sie tragen sollen, wenn sie eine »Birnenfigur« haben, wie sie den »Gelbstich« (was immer das ist) aus ihrem Haar wegkriegen oder den perfekten Sommercocktail mixen. Wenn sie solche Sachen in die Kamera sagt, tut sie das durch die Grace-Maske. Ich habe bemerkt, dass sie sie auch Ron gegenüber aufsetzt. Ihre fröhliche-hübsche-strahlende Grace-Maske.

Doch wenn sie sie dann fallen lässt und ihre unleidliche, nervöse Seite zum Vorschein kommt, ist es trotzdem jedes Mal eine Überraschung.

 

Moms Show ist okay, meistens. Probleme mit Living with Grace kriege ich nur im April, das ist nämlich der Autismus-Aufklärungsmonat, und Mom macht immer ein Sondervideo, in dem sie ihre »persönlichen Erfahrungen« mit den Fans teilt.

Beim ersten Mal hat sie eine Diashow von mir als Baby ins Netz gestellt. Zugegebenermaßen war ich ein sehr schwieriges Baby. Ich muss es ihr wirklich schwer gemacht haben und es tut mir leid. Aber Mom hat bloß Fotos von mir rausgesucht, auf denen ich heule oder Wutanfälle habe oder einen blöden, abgedrehten Gesichtsausdruck. Sie hat absichtlich alle Fotos aussortiert, auf denen ich niedlich oder glücklich aussehe.

Die Diashow unterlegte sie mit langsamer Geigenmusik. Dann teilte sie ihren 200.000 Followern mit, wie sie am Boden zerstört war, als sie herausfand, dass ihr wunderbares Kind autistisch ist. Was für ein Kampf es war und dass ich mit fünf noch Windeln trug. Sie sagte es mit einem dramatischen Bühnenflüstern in die Kamera und erhöhte den Effekt, indem sie die Hände trichterförmig an den Mund legte: »Windeln, mit fünf!«

Als ich diese YouTube-Sequenz sah, brannte mein Gesicht vor Scham, und ich wünschte, die Erde würde sich auftun und mich für immer verschlucken.

Einmal hat sie ihren Zuschauern erzählt: »Stellen Sie sich vor, Ihr einziges Kind weigert sich, Sie zu umarmen.« Das war eine glatte Lüge. Mrs Jills, meine Therapeutin, hat Umarmungen mit mir geübt. Ich kann das. Aber Mom hat der Kamera anvertraut: »Ein Kind wie Maudie? Verstehen Sie mich richtig, ich liebe sie von Herzen, aber manchmal fühlt es sich an, als wollte Gott mich prüfen.«

Genau dasselbe denke ich auch manchmal.

Als ich zehn war, hat Mom mir Rouge auf die blassen Wangen gelegt, damit ich gesünder aussehe, und mich mit in ihre Show genommen. Dann sagte sie in die Kamera: »Maudie ist so viel vernünftiger geworden. Wir haben es kaum noch mit Wutanfällen und Entgleisungen zu tun. Sie hat sich jetzt viel besser unter Kontrolle!« Dann packte sie meine Hand und riss sie nach oben, als hätten wir einen Wettlauf gewonnen. Was total schräg war.

Im Jahr darauf hat sie mich heimlich aufgenommen, ohne zu fragen. Ich lag zusammengerollt auf meinem Bett, die Decke um mich und die Kapuze meines Hoodies über das Gesicht gezogen, die Augen geschlossen. Herunterkommen nach einem anstrengenden Tag in der Schule. Da hörte ich, wie sich die Tür öffnete.

Mom mit ihrem Bühnenflüstern: »Sehen Sie, wie sie sich zwischen Wand und Bett eingekeilt hat? Es ist wegen des Drucks. Sie mag das. Der Druck auf ihrem Körper gibt ihr Sicherheit. Beruhigt sie. Und dann diese schäbige rosa Decke – sie schläft mit diesem Lumpen seit dem Tag, an dem sie auf die Welt kam! Millionenfach habe ich versucht, sie wegzuwerfen, aber das bringt mir nur einen Zornesausbruch ein!« Sie kicherte in ihr Mikro. »Wahrscheinlich schleppt sie das Ding an ihrem Hochzeitstag mit zum Traualtar!«

Ich tat so, als ob ich schlafen würde. Versuchte auszublenden, dass nicht nur meine Mom, sondern Tausende von Fremden mich beobachteten.