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Die Kurzgeschichte um Harry Frank und seinen Assistenten beschreibt, wie der Assistent einer Gehirnoperation unterzogen wird. Plötzlich findet er sich im Körper eines Schäferhundes wieder. Harry Frank ist nicht nur auf der Suche nach einem menschlich wirkenden Gorilla, der Straftaten ausführt, sondern auch nach seinem Assistenten. Im Weg steht nur ein verrückter Wissenschaftler.
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Veröffentlichungsjahr: 2020
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Herausgeber
Erik Schreiber
Verlag Saphir im Stahl
e-book 072
Erscheinungstermin 01.12.2020
© Saphir im Stahl
Verlag Erik Schreiber
An der Laut 14
64404 Bickenbach
www.saphir-im-stahl.de
Titelbild: ungenanntes Original
Lektorat: Peter Heller
Vertrieb: neobooks
Alexander Keller
Der gestohlene Geist
Wenn ich mir heute — viele Monate nach meiner Rettung aus der schwersten Gefahr meines Lebens — die grauenvollen Erlebnisse bei dem Kriminalfall „Professor Rott“ vergegenwärtige, wenn ich bedenke, wie entsetzlich nah ich dem körperlichen und geistigen Tod war, dann zittert jetzt noch ein eiskaltes Grauen in mir nach. Wir beide, mein Freund Harry Frank, der berühmte Detektiv, und ich, sein Mitarbeiter, sind uns darüber einig, dass dies wohl unser schrecklichstes Abenteuer war, obwohl wir wahrhaftig nicht über einen Mangel an aufregenden Situationen, wie sie eben unser Beruf mit sich bringt, klagen können. Nur der Genialität, der Tatkraft und Intelligenz meines Freundes Harry verdanke ich es, dass ich jetzt, noch immer nicht gänzlich genesen von den furchtbaren Schrecken dieses Falles, darüber berichten kann.
„Komm' nur herein, Alex“, rief mir Harry zu, als ich die Tür seines Arbeitszimmers wieder diskret schließen und mich zurückziehen wollte, da ich sah, dass er Besuch hatte. „Darf ich dich mit Herrn Generaldirektor Weber bekanntmachen?“
Der Besucher war ein sympathisch aussehender, eleganter Herr von etwa vierzig Jahren, etwas zu Korpulenz neigend, mit leicht angegrauten Schläfen, und machte, wie übrigens die meisten unserer Klienten, einen sehr nervösen und niedergedrückten Eindruck. Bei meinem Eintritt erhob er sich und schüttelte mir die Hand.
„Ich glaube, wir müssen einen neuen Fall übernehmen, mein Lieber“, sprach Harry weiter. Ich glaube, ehrlich gesagt, eigentlich nicht, dass hier ein Verbrechen vorliegt; ich denke eher, dass Herr Generaldirektor Weber in seiner begreiflichen Sorge und Aufregung zu viel hinter dem bedauerlichen Unglücksfall, der seiner Gattin widerfahren ist, vermutet. Aber hör' dir am besten selbst an, um was es sich handelt.“
„Meine Herren“, begann Weber, „ich weiß selbst nicht, ob meine Überzeugung, dass an meiner armen Frau ein Verbrechen begangen wurde, unsinnig ist. Aber“, und hierbei schwankte seine Stimme, „ich liebe meine Frau sehr und fühle einfach instinktiv, ohne es näher erklären zu können, dass da irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Aber lassen Sie mich versuchen, das, was geschehen ist, der Reihe nach zu erzählen.“ Er seufzte tief auf, dachte einen Augenblick nach und begann abermals:
„Meine Frau, mit der ich seit zwölf Jahren in der glücklichsten Ehe lebe, ist jetzt zweiunddreißig Jahre alt. Sie sieht aber viel jünger aus, obwohl sie, ebenso wie ich, ein wenig zum Starkwerden neigt. Nun ist es eine kleine Eitelkeit von ihr, die ich ihr aber immer gerne gegönnt habe, dass sie jedes Jahr, um schlank und schön zu bleiben. für ein paar Wochen ein Sanatorium aufsucht, das speziell für Schlankheits- und Verjüngungskuren eingerichtet ist. Wahrscheinlich kennen Sie es dem Namen nach, es ist die Anstalt von Professor Rott.“
Professor Rott? Ich erinnerte mich, diesen Namen schon mehrfach gelesen oder gehört zu haben. Und zwar, fiel mir weiter ein, handelte es sich um einen zweifellos ernstzunehmenden Wissenschaftler, der in verschiedenen Ärztezeitschriften aufsehenerregende Artikel über seine neuen Drüsenforschungen veröffentlicht hatte. Im Übrigen war er Inhaber und Chefarzt des bekannten „Schönheitssanatorium Rott“, wie seine Anstalt genannt wurde — eines jener Einträglichen Unternehmen, in denen dicke Leute zum Abmagern gezwungen, hässliche Gesichter in schöne umgestaltet, alte Damen auf junge umgearbeitet werden, kurz, eine Anstalt, von der die zahlreichen und zahlungskräftigen Patienten neue Jugend, Spannkraft und Schönheit erhofften.
„Vor sechs Wochen“, fuhr Weber fort, „ist meine Frau wieder, wie alle Jahre, ins Sanatorium Rott gefahren, um ihre Schlankheitskur, die gewöhnlich vier Wochen dauert, zu machen. Und nun kommt das Entsetzliche: Vor drei Wochen, also kurz vor Beendigung ihres Kuraufenthaltes, erhalte ich plötzlich vom Sanatorium die Nachricht, meine Frau sei schwer erkrankt und mein sofortiges Kommen sei erforderlich. Ich bin natürlich sofort mit dem Auto hingefahren, und - Sie können es mir glauben, meine Herren, es wäre mir fast lieber gewesen, meine schöne junge Frau tot vorzufinden als - geistesgestört!“ Er war leichenfahl, als er dies sagte, und wischte sich mit dem Taschentuch die schweißnasse Stirne trocken.
„Stellen Sie sich mein Entsetzen vor“, fuhr er fort, „meine Frau, die mich drei Wochen früher gesund und frisch verlassen hatte - sie erkennt mich nicht mehr, sie kann nicht sprechen und lallt nur unverständliches Zeug, sie ist - wie soll ich sagen - nicht mehr da! Nur ihr Körper vegetiert dahin — es ist zu grauenvoll!“
Er hatte die Augen voll Tränen und tat mir schrecklich leid.
„Ich habe natürlich“, setzte er nach einer kurzen Pause fort, „obwohl Professor Rott selbst als ausgezeichneter Fachmann für nervöse und geistige Störungen gilt, sofort die bekanntesten Spezialisten kommen lassen, jedoch ganz ohne Erfolg. Die Ärzte konnten sich über den sonderbaren Zustand meiner Frau nicht klar werden. Sie gaben mir jedoch den Rat, meine Frau zunächst ruhig in der erstklassigen Pflege des Sanatoriums Rott zu lassen. Ihr Befinden hat sich aber seither nicht im Geringsten gebessert und ich bin der Verzweiflung nahe.“ Wieder unterbrach er seinen Bericht und vergrub sein Gesicht in den Händen, während ein Schluchzen ihn erschütterte.
„Mein lieber Herr Weber“, sagte Harry leise und schonend, während er ihm die Hand auf die Schulter legte, „ich kann Ihren Schmerz vollkommen nachfühlen. Aber — glauben Sie nicht, dass Ihre Angelegenheit eher ein Fall für Ärzte ist als für einen Privatdetektiv? Ich weiß wirklich nicht, was ich für Sie tun könnte.“
Unser Besucher fuhr aus seiner gebeugten Stellung auf und ein merkwürdiger Ausdruck lag in seinen Augen, als er heiser flüsterte: „Sie können mir vielleicht doch helfen, Herr Frank, ja, Sie müssen mir helfen!”
Er sah sich suchend im Zimmer um, als vermute er in irgendeiner Ecke einen Lauscher. „Etwas stimmt bei der ganzen Sache nicht, ich fühle es ganz deutlich! Meine Frau ist nicht geistesgestört, es kann nicht sein! Ich glaube“, und hier wurde seine Stimme ganz leise, „ich glaube, sie ist - irgendwie verhext, verzaubert worden!“
Harry warf mir verstohlen einen bezeichnenden Blick zu und sagte dann ganz sanft, wie man zu einem Kranken spricht:
„Herr Weber, nun versuchen Sie doch einmal vernünftig und ruhig zu überlegen, was Sie da gesagt haben. Ein intelligenter, gebildeter Mann wie Sie, der mitten im wirtschaftlichen Leben steht, kann diesen Unsinn nicht ernsthaft glauben!“
„Jetzt halten Sie wahrscheinlich mich selbst für verrückt, Herr Frank“, antwortete Weber. „Ich glaube natürlich auch nicht an Hexerei. Und trotzdem, an der ganzen Sache ist etwas Unheimliches, Gespenstisches, etwas, das ich nicht genauer ausdrücken kann. Wenn nur wenigstens Dr. Hübner da wäre!“
Auf Harrys fragenden Blick erklärte er weiter:
„Dr. Hübner ist ein früherer Assistent des Professors Rott — ein wunderbarer Arzt! Er war mit uns näher bekannt und hat uns manchmal besucht. Leider hatte er mit seinem Chef, dem Professor, vor etwa einem halben Jahr einen Streit in einer wissenschaftlichen Angelegenheit und ist daraufhin, ohne sich von seinen Bekannten zu verabschieden, ins Ausland gegangen. Es ist sehr schade um ihn, er war ein besonders netter und gescheiter Mensch. Wir haben seither nichts mehr von ihm gehört. Ich gäbe alles darum, wenn ich seinen Aufenthalt wüsste, denn ich bin sicher, er könnte meiner armen Frau helfen.“
„Schön, Herr Weber“, meinte Harry, „Sie sind also, wenn ich Sie recht verstanden habe, der Überzeugung, dass es bei der plötzlichen geistigen Umnachtung Ihrer Gattin sozusagen nicht mit rechten Dingen zugegangen ist, und vermuten, dass ein Verbrechen vorliegt. Ich bin zwar nicht Ihrer Meinung, aber ich werde, wenn Sie es wünschen, den Fall übernehmen, das heißt, wir werden uns die Situation im Sanatorium Rott näher ansehen und versuchen das „Gespenstische“, von dem Sie sprachen, zu erforschen.“
„Bitte, tun Sie das, Herr Frank“, bat Weber, „Sie glauben nicht, wie es mich beruhigen würde, wenn Sie sich dieser Sache annehmen. Der Kostenpunkt spielt absolut keine Rolle, aber bitte, versuchen Sie alles, um herauszubekommen, ob nicht wirklich an meiner Frau irgendeine Niedertracht begangen wurde!“
