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Denn die Dunkelheit lauert noch immer unter uns: Der packende Krimi »Der Glanz des Bösen« von Sandra Mulansky jetzt als eBook bei dotbooks. Es ist der Alptraum aller Eltern. Der kleine Adrian stirbt nach überstandener Herz-OP im Kinderhospital. Als Todesursache wird eine grausame Laune der Natur vermutet – bis plötzlich ein schrecklicher Verdacht im Raum steht: Adrian soll vergiftet worden sein! Doch wer könnte so eine furchtbare Tat begehen? Eine Initiative besorgter Eltern beauftragt die Privatdetektivin Claudia von Jabassy mit der Untersuchung der tragischen Vorkommnisse. Als Claudia beginnt, hinter der Fassade der Klinik zu ermitteln, stößt sie auf brutale Eitelkeiten, anonyme Drohbriefe und eine düstere Spur, die direkt in Adrians Elternhaus führt – und mit grausamer Schnelligkeit wird die Liste der Verdächtigten immer länger … Was Nele Neuhaus für den Taunus ist, ist Sandra Mulansky für Frankfurt! Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der fesselnde Kriminalroman »Der Glanz des Bösen« von Sandra Mulansky. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
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Seitenzahl: 331
Veröffentlichungsjahr: 2021
Über dieses Buch:
Es ist der Alptraum aller Eltern. Der kleine Adrian stirbt nach überstandener Herz-OP im Kinderhospital. Als Todesursache wird eine grausame Laune der Natur vermutet – bis plötzlich ein schrecklicher Verdacht im Raum steht: Adrian soll vergiftet worden sein! Doch wer könnte so eine furchtbare Tat begehen? Eine Initiative besorgter Eltern beauftragt die Privatdetektivin Claudia von Jabassy mit der Untersuchung der tragischen Vorkommnisse. Als Claudia beginnt, hinter der Fassade der Klinik zu ermitteln, stößt sie auf brutale Eitelkeiten, anonyme Drohbriefe und eine düstere Spur, die direkt in Adrians Elternhaus führt – und mit grausamer Schnelligkeit wird die Liste der Verdächtigten immer länger …
Über die Autorin:
Hinter dem Pseudonym Sandra Mulansky verbirgt sich eine deutsche Autorin, die erfolgreich historische Romane und Jugendbücher veröffentlicht.
Bei dotbooks erschien bereits Sandra Mulanskys Kriminalroman »Alle unsere Sünden«
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eBook-Neuausgabe Juni 2021
Dieses Buch erschien bereits 2000 unter dem Titel »Tod der Unschuld« bei Rowohlt.
Copyright © der Originalausgabe 2000 Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Copyright © der Neuausgabe 2021 dotbooks GmbH, München
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München.
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/KRIT GONNGON, Madrugada Verde, brickrena
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (CG)
ISBN 978-3-96655-411-4
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Sandra Mulansky
Der Glanz des Bösen
Kriminalroman
dotbooks.
Was will die einsame Träne?
Sie trübt mir ja den Blick.
Sie blieb aus alten Zeiten
in meinem Auge zurück ...
H. Heine
Personen, Schauplätze und Geschichten dieses Buches sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig
Sie wirft keinen Blick zurück. Wer zurückschaut, hat verloren.
»Wenn ich aber Angst vor das Klo habe«, ruft Jonas flehentlich durch die Glastür. Sie hat es genau verstanden, auch wenn sie so tut, als ob sie ihn nicht mehr gehört hätte. Er hat sein Nutellabrot in der Kindergartentasche und einen Apfel in der Hand, bitte schön, das war's. Die Tür ist zu, und sie steht draußen. Blond, aber nicht dumm. Schwarze Stiefel, groß karierter Mantel, im Schneetreiben ohne Schirm. Lippenstift dezent, für Augen-Make-up hat die Zeit nicht mehr gereicht.
Ab sofort ist sie Claudia von Jabassy, bis heute Abend gegen fünf. Es ist Januar, matschig trüber Januar. Vor ihr im Schnee halbgefrorene Hundekacke und die Spuren von Kinderschlitten. Vorgestern beim Friseur hat sie ihr Horoskop gelesen. Sie glaubt nicht an Astrologie, Archäologen glauben bekanntlich an gar nichts, sie sind richtige Heiden (ja, schon gut, Papa). Aber an ein Horoskop, das über das ganze Jahr verteilt Geldsegen dick und satt verheißt, glauben sowohl Marlies Klein wie Claudia von Jabassy.
Sie wirft auch jetzt keinen Blick zurück. Sie schließt die Tür der limofarbenen Limousine auf, lässt kurz vorglühen und startet durch.
Die wenigsten Frauen können das: klar trennen zwischen verschiedenen Rollen. Sie vermischen ihr Mutterdasein mit ihrer beruflichen Existenz, schwätzen am Schreibtisch über Kochrezepte, stehen sozusagen in der Kittelschürze am dienstlichen Telefon, das muss ja schief gehen. Hier kann jede Frau sich etwas von beinahe jedem Mann abgucken. Am Arbeitsplatz angekommen, hat er Frau und Kind vergessen.
Oder Frau begeht grundsätzliche Fehler wie sich im Job zu verlieben, in Kollegen, in Abteilungsleiter. Auch das würde sie nie tun. Es ist ihr nun einmal gegeben, scharf und analytisch zu denken. Das mit der Promotion war nur noch eine Sache von ein paar Wochen. Eine Zeit lang war sie sportlich und hat sich an Stadtläufen beteiligt. Komisch, aber wahr, die letzten 500 Meter beim Marathon hat sie immer nicht geschafft.
Auf der Brücke über den Main staut es wie immer um diese Zeit. Die Straßenbahn donnert vorbei Richtung Hauptbahnhof. Für Sekunden wagt sich die schräge Morgensonne hervor und lässt Glas und Metall der Bankentürme über der City aufblitzen. An jeder Ampel Rot. Claudia steht neben einem Wahlplakat der Grünen. JOSCHKA, DU WIXER, hat jemand mit dickem schwarzem Filzstift drübergeschrieben.
Claudia setzt den Blinker und fädelt sich links ein zum »Anschluss West«. Morgens um diese Zeit ist das immer noch die beste Möglichkeit, ihr Büro ohne größeren Stau zu erreichen. Es geht flüssig vorbei am gelben Backsteinbau der Gutleutkaserne aus Kaiser Wilhelms Zeiten. Claudia schaltet das Radio ein. Vom Stadtrand im Süden bis ganz zum Westen, dahin, wo man den Taunus vor der Nase hat, das ist ihre morgendliche Strecke. Einmal quer durch ganz Frankfurt. Nach Frankfurt hatte sie immer gewollt. Frankfurt war ihr Ziel, als sie noch Teenager in Offenbach war.
Es ist genau neun Uhr, als sie ihr Hochhaus am westlichen Stadtrand erreicht hat. Pünktlichkeit ist das, was sie jeden Morgen anstrebt und nie auf die Minute hinbekommt. Der erste Arbeitstag nach der Weihnachtspause. Federico Meier ist glücklicherweise Frühaufsteher. Wenn sie kommt, steht der Kaffee bereit.
Sie stutzt, als sie das Hochhausfoyer betritt. Der Weihnachtsbaum in der Ecke ist leer. Nicht leer. Abgeschmückt, das ist das Wort. Irgendjemand hat die roten Holzpferdchen und die Taftschleifen abgenommen und für nächstes Jahr weggepackt. Der Tannenbaum in der Ecke steht nadelnd und sinnlos geworden auf den dunkelgrünen Marmorfliesen. Die Jungs von der Jugendfeuerwehr wollten ihn gegen Mittag abholen. Türbereich und Fahrstuhltür sind orange gestrichen. Ende der 70er Jahre war das innovativ. Es ist ein gediegenes Hochhaus aus den 70er Jahren. Noch gut in Schuss. In den obersten Stockwerken ein paar meist selbstgenutzte Eigentumswohnungen, überwiegend von allein stehenden älteren Damen bewohnt. In den unteren Arztpraxen und Anwaltsbüros, ein Immobilienmakler, eine Import-Export-Firma und Jabassy und Co natürlich.
»Ich liebe dich. Komm zurück, Adrianna«, hat jemand in der Nacht in die Fahrstuhltür geritzt. Schmierereien im Treppenhaus und am Fahrstuhl kommen selten vor und werden umgehend beseitigt. Dafür sorgen die alten Damen. Claudia drückt den Knopf.
»Sie haben angerufen. Schon das zweite Mal. Du sollst kommen und ihn abholen. So ginge es nicht.« Federico beschriftet blassgelbe Karteikarten und nuschelt ihr diese Sätze entgegen. »Alles Gute zum Neuen auch noch. Dass es dir Glück bringt und Geld wie Heu.«
»Danke gleichfalls. Für dich auch. Glück und den Ausstieg aus dem Suff.«
»Lieber Geld«, sagt Federico.
Federico Meier ist ihr Co. Er hat mit ihr zusammen studiert und sie zum Krankenhaus gefahren, als die Wehen einsetzten, damals als Jonas geboren wurde. Er war an jenem Katastrophentag dabei, als sie erfuhr, dass ihr Doktorthema schon von dem Eierkopf in Paris bearbeitet wurde. Fast bei allen ihren Katastrophen war er irgendwie dabei. Das mit den Karteikarten hat sie ihm ausdrücklich verboten. Verdammt, das soll er lassen, in welchem Zeitalter leben wir schließlich, wozu hat sie die EDV angeschafft. Die Nymphensittiche schreien schlecht gelaunt im Käfig auf der Fensterbank. Die Kaffeemaschine würgt in Agonie.
In ihrem Büro – Jabassy u. Co Überwachungen, Ermittlungen im In- und Ausland – sieht Claudia den Beweis für all das, was sie ist und was sie kann. Es strahlt Sachlichkeit und kühle Professionalität aus. Alles in Grau und Weiß. Die zweieinhalb Zimmer mit der Teeküche und einem winzigen Bad sind optimal ausgenutzt und suggerieren Weite auf knappen 60 Quadratmetern. Einziger Schönheitsfehler ist Federico Meier, gelernter Archäologe, genauer gesagt, Prähistoriker. Sein Dr. macht sich gut auf den Briefbögen. Er ist ein Spürhund, klug und zuverlässig, deshalb hat sie ihn beteiligt. Selbstverständlich auch aus alter Freundschaft und Verbundenheit. Er ist nicht der Mann fürs Leben – wer ist das schon –, aber der, den Claudia auf die Expedition in die Sahara mitnehmen würde.
Federico trinkt zu viel, keineswegs nur sein Gläschen Rotwein gegen Abend. Außerdem raucht er zu viel. Auch das wiederum exzessiv. Tagsüber Selbstgedrehte, bei besonderem Stress und gegen Abend ist die Meerschaumpfeife dran. Federico ist erheblich älter als sie, weit über vierzig, und hat fast alles hinter sich. In den 70ern war er mit Freunden in Indien, hinterher hat er eine Buchhändlerlehre gemacht, danach kurze Zeit in einem Verlag gearbeitet und angefangen, Vor- und Frühgeschichte, außerdem Klassische Archäologie zu studieren. Federico hat über Pfahlbausiedlungen am Bodensee promoviert. Damals haben sie sich kennen gelernt. Federico brachte es zu einer Festanstellung im Prähistorischen Institut. Beschriftete dort ebenfalls gelbe Karteikarten bis, ja bis zu jenem schicksalhaften Winckelmannfest am 6. Dezember 1992. Claudia muss kichern bei der Erinnerung an die donnernden Lachsalven Federicos, die über die frisch im Haarstudio lila eingefärbten Gräfinnen, Vorstandsvorsitzenden der ortsansässigen Banken, Museumsleiter et cetera et cetera hereinbrachen.
Der beste Film, den sie je gesehen hat. Starring Federico Meier. Unvergesslich. Claudia kommt zur Sache.
»Ach bitte, ihr Männer seid doch die mit der größeren Klarheit im Denken, mehr Gehirnwindungen und so. Kannst du es nochmal sagen, damit ich es verstehe mit meinem weiblich schwachen Geist?«
»Jonas hat die Hosen vollgekackt, lässt dir die Kindergartentante ausrichten.«
Federicos Blick ist vorwurfsvoll. Federico und Jonas mögen sich.
Claudia setzt sich erst mal. Wortlos reicht Federico den Becher Kaffee herüber. Sie überlegt, was zu tun ist. Nicht ganz einfach. Im Grunde genommen kann sie überhaupt nichts tun. Die Kita liegt im Süden neben der Rennbahn. Wenn sie jetzt losfährt, braucht sie eine halbe Stunde, mindestens. »Also wenn nochmal angerufen wird, sagst du, ich hätte Außentermine.«
»Claudia, mach das lieber nicht. Die schalten auf stur, wenn du in stur machst. Jonas verliert seinen Platz, wenn du nicht kooperativ bist.«
Federico hat wieder einmal Recht. Aber sie ist hier und jetzt im Begriff zu arbeiten. Woher soll das Geld aufs Konto fließen, wenn sie schon wieder aufspringt und geht.
»Und sonst?«, fragt Claudia.
»Das Übliche. Ein Anruf von einer Frau, die beschützt werden will wegen eines tobsüchtigen Ehemanns.«
»Sollen wir es machen? Übernimmst du es?« Bei Schutzmaßnahmen überlegt Claudia immer erst einmal, ob sie es wirklich übernehmen sollen. Manchmal, wenn es ihr zu riskant erscheint, lässt sie es lieber. Ab und zu merkt man auch erst mittendrin, dass es überdurchschnittlich ist. Dann ärgert sie sich immer, dass sie es nicht gleich gelassen hat.
»Sie will, dass einer mit Schlagstock und Trommelrevolver dabei ist, wenn der Möbelwagen kommt und sie die Wohnung verlässt.«
»Kann ich durchaus verstehen. Hat ihr Ehemann Alkoholprobleme?«
»Ganz gewaltige.«
»Wann ist der Umzug?«
»In ein, zwei Wochen, den Termin hat sie noch nicht festgemacht. Sie wollte erst sicher sein, dass einer von uns dabei ist.«
»Geht sie ins Frauenhaus?«
»Nein. Sie hat eine Wohnung gemietet, irgendwo im Ostend, Uhlandstraße, glaube ich.«
»Kinder?«
»Nicht vorhanden.«
»Also, ich könnte auch«, schlägt Claudia vor. Sie hat schließlich die Lizenz für den Personenschutz in der Brieftasche, den Waffenschein und den Trommelrevolver im Stahlschrank, ebenso wie Federico. Claudia findet, dass sie körperlich in besserem Zustand ist als er, was Fitness und Kondition angeht.
»Keine Angst, für dich gibt es auch einen Fall. Jemand ist im Wartezimmer«, sagt Federico sanft und zart mit einer Stimme, die anders ist als sonst. »Ortrud Breuer. Niemand, den ich kenne. Nicht aus der Branche.« Soll heißen, keiner aus der Archäologenszene. Das ist schon ziemlich viel.
Claudia bittet Ortrud Breuer in das halbe Zimmer, acht Quadratmeter, am Ende des Ganges. Ihr protziger Palisanderschreibtisch, Chefsessel, Klientensessel, ein Regal und bitte schön noch ein Spieleckchen mit Weidenkorb voller bunter Holzklötze. An der Wand das aufgezogene Foto einer griechischen Münze, die einen nackten Mann im Knielauf zeigt, geflügelt mit einem Wolfskopf: Lykos, der Todesgott, oder Phobos, der Gott der Ängste. Claudia hat einmal ein Referat über griechische Münzen gehalten.
Die Frau sieht unscheinbar und alterslos aus. Wie eine Hausfrau aus den 50er Jahren. Ein Gesicht ohne den leisesten Hauch von erotischer Ausstrahlung. Ist sie dreißig oder vierzig? Oder Ende zwanzig? Alles, was sie trägt, ist mausfarben und geschlechtsneutral. Kein Ring, keine Ohrringe, keine Kette. Nicht zu datieren, nicht einzuordnen, dieses Wesen ihr gegenüber. Und Claudia ertappt sich dabei, dass sie neugierig ist auf das, was Ortrud Breuer, diese Frau ohne Gesicht, von ihr will.
Ortrud Breuer kramt in ihrer Handtasche und zieht etwas hervor, was sich als ein Foto herausstellt, als sie es Claudia entgegenhält. Es ist die amateurhafte Polaroidaufnahme eines jämmerlich dreinblickenden Säuglings mit zu großen Augen in einem greisenhaften Gesicht. In den Augen steht Optimismus. Claudia denkt an Jonas, acht Pfund schwer bei der Geburt, sofort munter und verfressen, ein Prachtkerl. Dieses Kind hier auf dem Foto passt zu Ortrud Breuer, findet Claudia, sieht ihr sogar ähnlich. Es ist ein unglückliches Kind mit einer unglücklichen Mutter. Wieder so eine blöde Sorgerechtsgeschichte wahrscheinlich. Die Frau kämpft mit den Tränen. Immer das gleiche. Alle heulen sie erst einmal, ehe sie ihre Geschichte erzählen. Claudia greift nach der Packung Kleenex-Tücher in der Ablage unter dem Schreibtisch.
Sie wird es schon hinkriegen. Mit Männern in der Scheidungsphase hat sie längst kein Mitleid mehr. Sie benutzen die Kinder, um ihre Noch-Ehefrauen zu erpressen. Hinterher, wenn alles gelaufen ist, sind die Kinder dann störend und ein Klotz am Bein bei der neuen Beziehung. Es ist nicht immer so, aber oft genug.
»Ich komme im Auftrag unserer Elterninitiative«, sagt Frau Breuer.
Claudia atmet tief durch. Elterninitiative, das fehlt gerade noch. Diese Frau wird jetzt an sie appellieren, auf der Stelle sofort Jonas im Kindergarten abzuholen und zu entkacken. Im Auftrag sämtlicher Eltern sämtlicher Kindergartenzöglinge der Kita 29. Jonas Klein, vier Jahre alt, der Einzige, der noch ziemlich regelmäßig seine Hosen vollkackt.
»Alle Eltern herzkranker Kinder unserer Initiative haben beschlossen, Ihr Büro zu beauftragen, tätig zu werden. Die Sitzung war gestern, eine Sondersitzung im Kinderherzzentrum in Offenbach.«
Richtig, in Offenbach am Stadtrand zu Frankfurt haben sie ein riesiges Kinderherzzentrum hingesetzt, vor fünf Jahren ungefähr, mit irgendeinem virtuosen Herzchirurgen und der bundesweit modernsten technischen Ausstattung.
Claudia versteht nicht, worauf die Sache hinausläuft. Federico hätte ihr einen Hinweis geben sollen.
»Adrians Tod hat uns alle sehr getroffen«, sagt Frau Breuer, plötzlich nüchtern und entschieden, und Claudia begreift, dass der Säugling auf dem Foto tot ist.
»Wir können ihn nicht wieder lebendig machen, aber wir wollen wissen, wer seinen Tod verschuldet hat. Das ist sogar sehr wichtig für uns. Unsere Kinder liegen auf der gleichen Station wie Adrian. Wir sind beunruhigt. Wir haben einen Wachdienst eingerichtet, weil wir dem Personal nicht mehr trauen.«
Eine Paranoikerin, eine Psychopathin, denkt Claudia. Adrian ist ihr Kind, und sie ist nach seinem Tod in eine Psychose verfallen. Sie aber, Claudia, wird diesen elenden Laden aufgeben, ihre Beschnüffelungsfirma. Die Geschäfte, die sie macht, sind von vornherein schmutzig und mies. Du lieber Gott, Archäologen oder Verrückte suchen Morgen für Morgen das Wartezimmer von Jabassy u. Co auf, nichts im Sinn, als heranwachsende Kinder, ihre Frauen, ihre Männer, ihre Schwiegersöhne bespitzeln zu lassen. Warum hat sie sich nur darauf eingelassen, warum. Steuern, Versicherungen, Kindergartengebühren, Telefon, Miete, Cornflakes, Joghurt, Fischstäbchen, Würstchengläser wollen bezahlt sein. Dazu der Ratenkredit für die Büroeinrichtung und die Gehaltszahlungen für Federico Meier.
Hinzuzufügen ist unbedingt: All diese Querulanten und Psychopathen haben grundsätzlich eine bessere Zahlungsmoral als die alten Freunde aus den archäologischen Zeiten. Claudia, weißt du noch, wir haben damals zusammen gegraben. Isikliköy, als Federico über die Schlange gestolpert ist. Ich krieg doch Prozente bei euch.
»Zweifellos ermittelt die Kripo bereits«, beginnt Claudia. »Weshalb haben Sie sich an uns gewandt? Was erwarten Sie von uns? Warum gerade wir? Was, glauben Sie, können wir mehr als die Offenbacher Kripo?«
»Es ist kein Mordfall wie üblich.«
»Den üblichen Mordfall gibt es nicht«, kann Claudia sich nicht verkneifen zu sagen.
»Es geht für uns um jeden Tag. Die Tat liegt inzwischen über vierzehn Tage zurück. Jeden Tag kann der Mörder wieder zuschlagen. Heute ist der 9. Januar, und es sieht ganz so aus, dass der Täter oder die Täterin so schnell nicht gefasst sein werden. Die Kripo ermittelt in die verschiedensten Richtungen. Die Damen und Herren von der Polizei sind sehr gründlich – und sehr langsam.«
Schon verstanden – Jabassy und Co sollen schneller als die Polizei sein. Und das wären sie vermutlich sogar, wenn da nicht Jonas mit seinem Kackproblem und Federico mit seinen Alkoholgeschichten wären.
»Ist es Ihr Sohn?«, fragt Claudia behutsam. Sie nimmt die Arbeit auf. Erst einmal gilt es, eine gewisse Klarheit in das zu bringen, was die Klienten erzählen. Klarheit in den Nebeldunst aus Emotion, Betroffensein und Verzweiflung. Frischluft sozusagen in den Schweiß- und Billigdeogeruch von Ängsten und Befürchtungen. Diese durchgeknallten Ehemänner, die ihre Frauen bespitzeln lassen, diese Ehefrauen, die ihre Männer oder Geliebten beschatten lassen, weil sie ihnen nicht mehr trauen. Scheißspiel, immer wieder neu. Sie sieht zum Fenster hinaus. So einen Januar hat sie seit ihrer Kinderzeit nicht mehr erlebt. Am Wochenende wird sie mit Jonas Schlitten fahren. Und die Eiskratzerei jeden Morgen.
Schneeflöckchen, Weißröckchen ... Du wohnst in den Wolken, dein Weg ist so weit.
Die Eiskratzerei ist das Übelste.
»Das habe ich doch schon zweimal gesagt.« In Ortrud Breuers Stimme klingt leiser Vorwurf mit. »Ich bin die Sprecherin unserer Elterninitiative. Ich habe einen Scheck mitgebracht über den Vorschuss, damit Sie umgehend mit der Recherchearbeit beginnen können.«
Claudia wird augenblicklich hellwach.
Federico trägt zwei Tassen Kaffee, Zucker und das Sahnekännchen auf dem Tablett herein, und Claudia überlegt, dass sie nicht gut geschlafen hat und der Tag trotzdem gut anfängt, alles in allem. Nur das Laugencroissant hat er vergessen. Morgens um zehn braucht Claudia eigentlich ein Laugencroissant frisch aus der Bäckerei mit etwas Butter. Die Butter, blattzart mit dem Messer hineinbefördert, bringt ihren Denkapparat für den Rest des Tages in Schwung.
Ortrud Breuer reicht doch tatsächlich den vorbereiteten Scheck herüber, und Claudia schreibt eine Empfangsbestätigung aus. Das neue Jahr fängt tatsächlich gut an. Ihr zweiter Mordfall, denkt sie mit einem gewissen Stolz. Der erste überhaupt war der Mord am alten Detlefsen, im Frühjahr letzten Jahres. Ein Mordfall im Jahr ist für eine Detektei zu wenig, oder?
Ortrud Breuer fragt, ob sie die Zeitungsberichte über den Fall nicht gelesen hätte. Alle Zeitungen hätten auch überregional darüber berichtet.
»Der Verrückte, der an Weihnachten über den Balkon in die Kinderstation gestiegen ist.« Claudia erinnert sich nur mühsam. Zu viel Weihnachtshektik. Dann hatten sie das Flugzeug nach Fuerteventura fast verpasst, weil nirgendwo ein Parkplatz zu bekommen war und sie sowieso wieder zu spät dran waren. Im Flugzeug hatte Jonas gekotzt. Nach dem ersten Tag am Meer hatte er jede Nacht seine Kruppanfälle gehabt, diesmal aber so schlimm wie noch nie. Am Strand war ein Zeitungskiosk gewesen, an dem Claudia die Schlagzeilen studiert hatte.
Ortrud Breuer legt einen schmalen Leitzordner auf den Tisch, in dem die bis jetzt erschienenen Zeitungsartikel abgeheftet sind, säuberlich auf DIN-A4-Seiten geklebt, in Klarsichthüllen.
Adrian Kraus, Ende Oktober geboren, Anfang November operiert, sei es nach der dramatischen Rettungsoperation und einer schweren Lungenentzündung als Folge der langen künstlichen Beatmung langsam merklich besser gegangen. Es ging von Tag zu Tag sichtlich mit ihm aufwärts. Noch habe er auf der Intensivstation gelegen. Seine Eltern seien fast rund um die Uhr bei ihm gewesen. Als er starb, waren sie gerade gegangen.
»Es war der erste Feiertag, gegen Abend zu.«
»Doch nicht etwa Weihnachten?«, fragt Claudia.
»Weihnachten, am 25. Dezember, Tatzeit etwa 17 Uhr 20. Die Station war ganz schwach besetzt. Schwester Nurgül kam herein, weil der Alarm einsetzte. Aber es war schon zu spät. Sie hat sofort Dr. Karadag alarmiert. Man hat versucht, das Kind zu reanimieren und das Herz wieder in Gang zu setzen. Aber Adrians Kreislauf –«
Irgendjemand war unbemerkt vom medizinischen Personal der Station in das Zimmer eingedrungen und hatte Adrian gezielt mit einer dreifachen Dosis Dopamin getötet. Dopamin war das herzstärkende Mittel, das, da Adrian es regelmäßig infundiert bekam, bereits fertig auf der Ablage bereitlag. Der Täter hatte die Gesamtdosis in die Glukoselösung hineingegeben, die Adrian über den Tag hinweg ständig erhielt, und zugleich die Tropfgeschwindigkeit erhöht. Auf den ersten Blick war das, was geschehen war, nicht zu erkennen. Es stellte sich erst bei genauerer Untersuchung heraus und durch den Vergleich mit dem Pflegeplan und der Kurve Adrians. Außerdem lagen die geleerten Dopaminhülsen noch da.
»Ja, wieder auf der Ablage, säuberlich nebeneinander«, sagt Ortrud Breuer gleichsam als Abschluss ihres Berichts. »Nicht im Abfalleimer.« Normalerweise sei es üblich, die leeren Hülsen in den Abfall zu werfen.
»Und was geschah dann?«
»Es gab eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung.«
»Von wem ging diese Anzeige aus?«
»Von der Krankenhausleitung. Die StA hat dann die Kripo vor Ort beauftragt, tätig zu werden.«
»Kommissar Kleeberger?«
»Ja«, sagt Ortrud Breuer. »Kennen Sie ihn?«
Claudia beantwortet die Frage nicht, während sie die Sache vor sich abrollen lässt. Das sieht schon sehr nach der gezielten Tat eines Insiders aus. Kein Verrückter aus dem Nirgendwo. DAS BLATT hatte irgendetwas von »Mann mit der Maske« geschrieben, der über den Balkon eingestiegen sei.
»In der Presse war von einem Unbekannten mit Strumpfmaske die Rede. Ist er gesehen worden?«
»Die Kripo vermutet, dass der Täter oder die Täterin über den Außenbalkon in das Zimmer eingedrungen ist. Der Außenbalkon ist für die Besucher gedacht, die nicht über den Flur kommen. Der Zugang ist vom Treppenhaus aus. Im Prinzip kann jeder dorthin. Ich habe Ihnen ja den Aktenordner mit den Presseberichten mitgebracht. Viele sind natürlich nur Spekulationen.« Der Mann mit der Strumpfmaske sei eine reine Erfindung. Trotzdem sprächen viele Eltern von ihm und warteten förmlich auf sein erneutes Auftauchen, während sie vor den Kinderbetten säßen.
Claudia versinkt für Momente in Nachdenken. Den Polizeibericht müsste sie einsehen. Das aber dürfte schwierig werden. Selbst dann, wenn Kommissar Kleeberger schon aus dem Weihnachtsurlaub zurück sein sollte. Bernd Kleeberger hatte seinerzeit Tür an Tür mit ihr auf dem gleichen Flur des Studentenwohnheims in der Jügelstraße zusammengewohnt und ihre Nymphensittiche versorgt, wenn sie in Urlaub war. Dann heiratete er ganz plötzlich, brach sein Jurastudium ab und ging zur Kripo. Er baute ein Haus auf dem Land, drüben im Rodgau, einen riesigen Kasten mit Auslauf für die Kinder, weil. Drei Töchter, Claudia weiß es. Mit einem der Kinder war irgendetwas Tragisches. Sie bekommt nicht mehr zusammen, was es war. Es starb jedenfalls sehr früh, und Bernd war lange Zeit völlig daneben.
Wie die meisten von der Kripo hasst Bernd alle Sorten von Privatdetektiven. Aber immerhin hat er in jenen alten Zeiten Claudia vor jedem Urlaub den Schlüssel zu seinem Briefkasten anvertraut. Zum Quartier Latin waren sie immer zusammen hingegangen, und es gab mal den Plan, in der Provence zu zelten, sie beide und sonst niemand. Nur ein Plan, der sich wieder zerschlug. Dass Bernd dann so Schlag auf Fall geheiratet hat, ärgert Claudia noch immer. Sie hat seine Frau zwei- oder dreimal gesehen bei Geburtstagsfeiern und bei der Hauseinweihungsparty. Keine Frau, gegen die irgendetwas einzuwenden wäre, wirklich nicht, eine blasse Blondine mit freundlichen grauen Augen, vermutlich eine tüchtige Hausfrau, die mit Engagement die Schulaufgaben ihrer Kinder kontrolliert und keinen Elternabend versäumt. Ach Bernd.
»Die Türen zum Balkon sind also nicht verschlossen?«
»Inzwischen schon, aber damals natürlich nicht. Die Zimmer müssen gelüftet werden, und das geht nur über die Fenster zum Besucherbalkon. In anderen Kinderkliniken wird es übrigens meist genauso gehandhabt. Im Sommer stehen die Ausgänge zum Balkon sowieso offen, wenn die Kinder fieberfrei sind. Angeblich hat es seit Bestehen der Klinik noch nie einen Zwischenfall gegeben.«
»Bis auf den Mord vom 25. Dezember.«
Sie wird sich erst einlesen müssen. Gleich nachher, wenn Ortrud Breuer gegangen ist. Und dann wird sie den Tatort besichtigen.
»Sie können sich vorstellen, wie wir Eltern uns seitdem fühlen. Viele Eltern, die weitere Kinder haben, waren eigentlich immer nur stundenweise gekommen. Jetzt sitzen wir sogar nachts in den Zimmern und halten Wache. Zwei Kinder haben eine Lungenentzündung und sind in schlechtem Zustand. Ihre Eltern sind sehr beunruhigt und halten für möglich, dass auch ihr Zustand möglicherweise noch andere Ursachen haben könnte.«
»Irgendeine Fremdeinwirkung?«
»Zurzeit werden die Beatmungsschläuche kriminaltechnisch untersucht. Uns waren weiße Ablagerungen aufgefallen. Die Ergebnisse sind noch nicht da. Der Zustand des einen Kindes ist so kritisch, dass die Eltern es nicht in eine andere Klinik verlegen lassen können.«
Das mit dem weißen Pulver stand natürlich auch in der Zeitung.
Claudia rutscht auf ihrem Sessel hin und her. Ihr ist danach, ein Stück Schokolade zu essen. Wieder nicht zum Frühstück gekommen. Sie braucht Tee und Müsli morgens nach dem Aufstehen und um zehn im Büro ihr Laugencroissant, sonst läuft der ganze Vormittag falsch.
»Es ist immer furchtbar, wenn ein Kind stirbt. Auch für die anderen Eltern, die es miterleben, für das Pflegeteam und für die Ärzte. Adrians Tod war eine besondere Katastrophe für alle. Es ging ihm ja besser. Die Operation hatte er überstanden. Er wäre bald auf die Normalstation verlegt worden, und Anfang Januar hätte er vielleicht schon nach Hause gekonnt. Er war kein hoffnungsloser Fall, noch nicht einmal ein kritischer.«
Gewiss, Herzkinder seien immer für eine Überraschung gut, sagt sie dann noch. So etwas wie sich in Sicherheit wiegen, das könne man nie. Aber Adrian sei für den Moment auf der sicheren Seite gewesen. So hätten sie es alle gesehen, die Ärzte, das Pflegeteam, die Eltern.
In Claudia sträubt sich alles gegen das, was Ortrud Breuer erzählt. Es kommt irgendwie zu schnell zu dick. 20 Grad Wassertemperatur im Meer bei Fuerteventura, jeden Mittag Miesmuscheln in Knoblauchtomatensoße als Vorspeise, papas arrugadas, diese kleinen festen Kartoffeln in Salzkruste mit leckerer kalter Paprikasoße, Vino tinto, und jetzt übergangslos Baby Adrian mit der faltigen Stirn und dem anrührenden Blick. Das Foto liegt vor ihr, und sie stellt es an den Fuß der Halogenlampe neben den Bildschirm des PC.
»Ich muss gestehen, ich kenne kein einziges herzkrankes Kind. Ich höre das alles zum ersten Mal.« Zugegeben, wenn sie Jonas morgens in den Kindergarten bringt, ist zu wenig Zeit, um Schwätzchen mit den anderen Müttern und den Erzieherinnen abzuhalten. Vermutlich gibt es aber auch in Jonas' Kita herzkranke Kinder. Vermutlich gab es sogar in dem Hotel in Fuerteventura irgendeines mit Herzfehler.
»Fehlbildungen des Herzens sind die häufigste Fehlbildung überhaupt, rein statistisch betrachtet. Ein Prozent aller Neugeborenen kommt mit einem Herzfehler zur Welt«, sagt Ortrud Breuer. »In der Bundesrepublik sind das Jahr für Jahr etwa 7000 Säuglinge. 5000 davon müssen operiert werden. Vielleicht haben Sie selbst einen leichten Herzdefekt, den Sie nur noch nicht bemerkt haben. Könnte durchaus sein.«
Oder Krebs, oder ein Melanom und einen Gehirntumor, Leukämie kombiniert mit Aids, wer weiß. Jonas jedenfalls hat hier und heute ein Kackproblem.
»Seien Sie bitte nicht böse«, hört Claudia sich sagen, während sie aufspringt. »Ich muss noch einmal zurück zum Kindergarten und etwas mit meinem Sohn klären. Mein Kollege, Herr Meier, wird sich um Ihr Problem kümmern, zunächst einmal jedenfalls.«
»Wir sehen uns auf alle Fälle«, verabschiedet sich Ortrud Breuer. »Ich habe mir ausgedacht, dass wir zusammen auf die Station gehen werden. Ich weiß nicht, Herrn Meier möchte ich nicht mitnehmen. Er ist Kettenraucher, nicht wahr?«
Ausgedacht ist gut. Sie hat es beschlossen. Sie hat Claudia fest eingeplant, und gegen diesen Plan ist wenig einzuwenden. Ortrud Breuer hat vorerst die Regie in der Hand. Sie möchte möglichst schnell zu einem Ergebnis kommen. Und was Federico angeht, auch da liegt sie sehr richtig. Nicht nur Kettenraucher, haha. Manchmal packt er seinen Pfeifentabak aus und die Meerschaumpfeife. Ortrud Breuer hat sichere Instinkte.
Sogar ihre Stimme ist grau und neutral, nicht unangenehm, doch von eigenartiger Entschlossenheit. Claudia zieht die Tür hinter sich zu und schaut Federico Hilfe suchend an. Dann greift sie nach der Schokolade, weiße mit Crisps, und verzehrt die Tafel mit großen Bissen so wie andere Leute ein Sandwich. Der graue Doppelschreibtisch enthält auf Claudias Seite immer mehrere Sorten Schokolade, meist solche mit Cremefüllung.
Sie hat eine wesentliche Frage nicht gestellt. Etwas sehr Wichtiges. Und dann fällt es ihr ein. Ortruds ureigenes Interesse ist ihr Kind. Claudia hätte natürlich nach Ortruds Kind fragen müssen. Ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Wie alt. Was ihm fehlt. Wie es ihm geht.
»Geh du rein und verabrede einen Recherchetermin mit ihr. Ich möchte das nicht machen. Bitte ohne Zigaretten. Hier im Büro sollst du nicht rauchen. Denk an die Sittiche. Denk einmal an meine Sittiche.«
»Drüben sind keine Sittiche. Die Sittiche stehen hier an meinem Arbeitsplatz. Wenn ich irgendwo rauchen sollte, dann also drüben in deinem Büro, liebe verehrte Frau von Jabassy.«
»Ich muss rüber zum Kindergarten.«
»Könnte es vielleicht sein, dass du keine emotionale Distanz zu deinem Fall entwickeln kannst?«
»Mal ehrlich. Es ist eher was für dich.«
Einen Moment lang sehen sie sich an, und Federico akzeptiert schweren Herzens. Claudia muss rüber zur Kita im Süden der Stadt, wo Jonas auf sie wartet.
»Jeder neue Fall ist wie eine dreckverkrustete Münze. Erinnerst du dich noch an den Satz von der antiken Münze?«
»Die Münze hat nicht zwei, sondern drei Seiten, und sie ist in etwa rund.«
Federico seufzt. Claudia hat Recht. Es ist eher etwas für ihn, das hat er gleich in der Nase gehabt. Es ist die Art Unglück, mit der Claudia von Jabassy nichts am Hut haben möchte. Viele Fälle, die inzwischen nur noch Akten in schwarzen Ordnern sind, sind von der gleichen Sorte. Menschliches Unglück hat immer auch diesen schmierigen Belag, der ansteckend sein kann, wenn man sich nicht in Acht nimmt. Federico wäscht sich die Hände und trocknet sie sorgfältig ab. Es gehört zum Handwerk, ein paar Wochen ganz nahe heranzugehen, tief einzusteigen und sich fast zu verlieren in den Untiefen einer Überwachung, einer Recherche, einer Schutzmaßnahme. Hinterher aber genießt er es immer, den Bericht zu schreiben und ihn abzuheften.
Er sieht in den Spiegel, fährt sich noch einmal mit dem Kamm durch die spärlichen Haupthaare. Den Bart muss er mal wieder nachschneiden. Es ist nicht leicht, Ortrud Breuer gegenüberzutreten, aber es muss sein.
»Das Kind auf dem Foto –«
»Es ist nicht meins. Es ist die letzte Aufnahme von Adrian Kraus. Er ist ungefähr zwei Monate alt, sieht aber jünger aus, weil er sich nicht normal entwickeln konnte.«
Federico nickt ihr ganz leicht zu, ohne zu lächeln. Was soll überhaupt die Fachsimpelei über ein zwei Monate altes Baby, davon versteht er eh nichts, das sind mehr Frauensachen.
»Obwohl es ihm grundsätzlich schlecht ging, war sein Zustand nach der Operation einigermaßen stabil. Er brauchte nicht sehr viel zusätzlichen Sauerstoff und trank gut.«
Federico überlegt, was sie damit sagen will.
»Es gibt Kinder mit kleinen Herzfehlern, die große Ausfallerscheinungen haben, und dann solche wie Adrian mit einer katastrophalen Fehlbildung, die eine Zeit lang gut damit zurecht kommen.«
Federico kommt ein nahe liegender Gedanke. »Frau Breuer, Sie haben auch ein herzkrankes Kind, das im Offenbacher Zentrum liegt. Darf ich fragen –«
»Meine Tochter Jana ist vor drei Tagen operiert worden. VSD.«
Federico weiß nicht, was ein VSD ist.
»Jana ist drei Jahre alt. Es war seit langem geplant, sie zu operieren. Ein VSD, Ventrikelseptumdefekt, ist ein Defekt des Septums, ein Loch in der Herzscheidewand zwischen den beiden Kammern, das mit einem so genannten Patch verschlossen wird.«
»Patch wie Patchwork«, sagt Federico und spürt, er kann nur das Falsche sagen. »Und Adrian, hatte der auch einen VSD?«
»Adrian hatte ja überhaupt keine Herzscheidewand. Bei ihm war nur eine Herzkammer angelegt. Die zweite fehlte ihm.«
Eine Zeit lang schweigen sie beide. Federico versucht, es sich vorzustellen. Es gelingt ihm nicht. Er hat von Herzinfarkten und Angina Pectoris gehört. Elsa Meier, seine Mutter, hat immer ein Spray bei sich gegen ihre Herzanfälle. Einer seiner Studienkameraden hatte ein »schwaches Herz« gehabt. Weiter kennt er sich nicht damit aus. Für Krankheiten interessiert sich jeder erst, wenn er selbst betroffen ist.
»Ein Gefühl dafür, dass er ein Herz hat, bekommt der Mensch ungefähr mit zehn Jahren. Vorher fehlt ihm dafür das Bewusstsein«, erklärt Ortrud. »Einem dreijährigen Kind können Sie sehr schlecht klarmachen, dass es ein krankes Herz hat.«
Muss so ähnlich wie mit dem Geschichtsbewusstsein sein. Das setzt auch erst bei den Zehnjährigen ein, im Allgemeinen jedenfalls.
»Jana sagte vor ihrer Operation: Komm, Mama, wir schmeißen das kaputte Herz auf den Müll und kaufen ein neues –« Ortrud Breuer bricht kurz ab, dann wird sie wieder sachlich.
Ein VSD muss operiert werden, ist aber letzten Endes nur ein Loch in der Herzscheidewand zwischen den beiden Kammern. Offenbar gibt es aber auch Fälle, wo die gesamte Herzscheidewand überhaupt nicht existiert. Diese Fälle sind neu geborene Kinder.
»Kann man damit leben?«, fragt Federico.
»Erstaunlicherweise ja. Einige Jahre, einige Jahrzehnte, wenn alles gut geht, kann man hundert Jahre damit werden. Man weiß zu wenig darüber. Es gibt keine Langzeitstudien, weil die Operationstechniken, die man jetzt ausprobiert, erst etwa zehn Jahre alt sind. Ich kenne einen jungen Mann, der ist zweiundzwanzig, studiert und hat eine Freundin. Sie sehen ihm nichts an, wenn er Ihnen auf der Straße begegnet. Er hat nur eine Kammer, aber man sieht und merkt nichts davon.«
Federico starrt das Foto an.
»Leben ist Leben, solange es dauert. Wissen Sie etwa, was Sie noch vor sich haben? Also, wir sollten es so machen –«
Ortrud Breuer kramt einen kleinen roten Terminkalender aus der Handtasche. »Frau von Jabassy und ich werden morgen zusammen auf die Station gehen. Sie war damit einverstanden.«
Unten auf der Straße fahren die Autos im Schneckentempo um den kleinen Platz, es muss glatt geworden sein.
Das Kinderherzzentrum mit der allgemeinen Kinderklinik dehnt sich unweit der Offenbacher Stadtgrenze über mehrere Häuserblöcke aus, Gründerzeitvillen, in denen die Verwaltung untergebracht ist, und dann einige postmoderne Neubauten, sachlich unterkühlt wie Banken. Der Wischer verteilt nur noch Dreck in winzigen Teilchen über die Windschutzscheibe. Schmieriger Nieselregen geht nieder. Der Wind fegt Busfahrscheine und Plastiktüten über die Bürgersteige und stülpt aufgespannte Regenschirme wie zum Spaß um. Alle Ampeln zeigen heute Morgen auf Rot. Jede Rotphase dauert minutenlang.
»Wir sind zu spät dran. Wir müssen das Parkhaus nehmen. Im ganzen Viertel werden wir keinen freien Parkplatz mehr finden«, gibt Ortrud Breuer zu bedenken, während Claudia die limofarbene Limousine um die Ecken lenkt.
»Ich finde immer eine Lücke. Meistens direkt da, wo ich hinwill.«
»Hier und heute nicht«, sagt Ortrud. »Fahren Sie ins Parkhaus. Wir verlieren zu viel Zeit mit der Herumkurverei. Nur damit Sie es nicht vergessen, wie abgesprochen, auf der Station werden wir uns duzen. Sie sind meine Schwester Claudia.«
»Wir sollten gleich damit anfangen«, sagt Claudia und wundert sich über diese Frau ohne Lidschatten und Lippenstift, die keinen Augenblick vergisst, was sie beabsichtigt. Das Du und die Verwandtschaft mit ihr haben etwas Falsches, Aufgesetztes. Claudia lenkt ins Parkhaus. Gerade noch eine Lücke. Pech für die nach ihnen.
Über den Bildschirm des Monitors jagen die Konturen ferner Alpengipfel, leuchtend grün, irgendwo tropft Wasser, überall pochen und fiepen Geräte. Es hört sich an wie im Laden eines Uhrmachers, der alle Uhren extralaut gestellt hat. Draußen heult der Wind und drückt gegen die Scheiben. Claudia überlegt, ob es gut ist, dass gerade die Intensivstation mit den schwer kranken Kindern so dem Wind ausgesetzt ist.
Jana, Ortruds Tochter, liegt im Kälteschlaf, der ihr Herz für eine Zeit lang nach der Operation noch schonen soll, bis es wieder von selbst mitarbeitet. Ein blässliches Bündel Kind, auf Eismanschetten gelagert, dessen Brust sich rhythmisch hebt und senkt. Der Oberkörper ist nackt. Der Kopf mit dem zarten blonden Haar ist eigenartig nach hinten gestreckt. Schläuche und Kabel durch Nase und Mund sind mit Pflasterstreifen auf der Haut befestigt. Die Augen sind geschlossen. Jana ist so groß wie Jonas, ungefähr, aber magerer als er. Es ist Jana, nicht Jonas, sagt sich Claudia und ringt um Fassung. Jonas sitzt um diese Zeit im Kindergarten und frühstückt langsam und gemächlich. Wahrscheinlich muss die Erzieherin ihm gerade den zweiten Früchtetee eingießen. 0 mein Gott, denkt Claudia kurz und stoßgebetartig, hoffentlich hat er nicht schon wieder gekackt. Irgendwann lernen es doch alle und klettern aufs Kinderklo.
Jana hatte zum Zeitpunkt ihrer Geburt die Fallotsche Tetralogie, vier Herzfehler in einem. Nach der Geburt wurde zunächst die TGA korrigiert, die Transposition der großen Blutgefäße. Das sauerstoffreiche Blut war statt in den Körper zurück in die Lungen geflossen. Das verbrauchte Blut wurde statt in die Lungen wieder in den Körper gepumpt. Jana kann jetzt überleben, weil eine Verbindung zwischen den beiden Herzhälften besteht, durch die frisches Blut in den Körper gelangen kann. Jetzt hat man als nächsten Schritt bei dem dreijährigen Kind den VSD operiert. Scheint so, dass Löcher in der Herzscheidewand nicht immer akut lebensbedrohlich sind. Ortrud gibt leise knappe Erklärungen. Claudia ahnt, dass sie hier zur Expertin in Kinderherzfragen werden wird.
»Ein Fallot hat meistens eine hervorragende Prognose«, erklärt Ortrud. »Jeden einzelnen Defekt kriegen sie wieder hin. Da ist Jana gut dran verglichen mit denen, die ein univentrikuläres Herz haben.« Es gäbe noch ein paar heimtückische Möglichkeiten mit schlechten oder doch bedenklichen Zukunftsaussichten. Sie nennt sie der Reihe nach, und Claudia vergisst die Ausdrücke sofort wieder.
»Das hypoplastische Linksherz ist die schlimmste Variante«, flüstert Ortrud. »Vor ein paar Jahren noch hat man diese Kinder einfach sterben lassen. Aber das kriegen sie inzwischen auch hin mit drei bis vier Operationen. Jedes halbe Jahr sind sie wieder weiter. Und ein Fallot ist längst kein Problem mehr.«
»Hypoplastisches was?«
»Verkümmertes Linksherz, nicht vorhandene linke Kammer«, versucht Ortrud zu erklären. »Auf Englisch HLHS, hypoplastic left heart syndrome.«
»Hast du einen Kurs über Herzfehler bei Kindern besucht oder was?«
»Liebend gerne hätte ich den besucht, wenn es so etwas nur gäbe. Ich habe gelesen, Tag und Nacht, alles, was ich irgendwo bekommen konnte.«
Schwestern und Ärzte, die über den Gang huschen, witsch-witsch machen die Gummisohlen ihrer Schuhe, tragen Kittel und Hosen in Signalrot.
»Sie werden Jana heute aufwecken«, flüstert Ortrud Breuer. »Es ist ein Versuch.«
In der Woche vor der Operation war Janas Zustand sehr schlecht gewesen. Die Sauerstoffsättigung ihres Blutes sank immer mehr ab. Zuletzt lag sie bei etwa dreißig Prozent. Deshalb war Janas Operation früher arrangiert worden als ursprünglich geplant.
»Wie viel ist normal?« Claudia überlegt, wie viel Prozent Sauerstoffsättigung ihr eigenes Blut wohl hat.
»Rauchst du?«
»Alle zwei Monate eine.«
»Dann sind dir hundert Prozent sicher.«
Es sitzen ziemlich viele Mütter herum. Sie starren ab und zu in das Gitterbett vor ihnen mit dem festgezurrten Kind, blicken zu den Apparaten und den Schläuchen und blättern gleich wieder in GALA oder ABER HALLO.
Ortrud ist allein erziehend. Nicht in der Art wie Claudia, sondern wirklich allein. Claudia überlegt kurz, wie das durchzuhalten ist. Das Baby zur Welt bringen. Die Diagnose. Die Operationen. Ihre Eltern hätten zu ihr gehalten, erklärt Ortrud. Ohne sie wäre es ziemlich schlimm gewesen. Weißt du, diese Ämter, die lassen sich alle unheimlich viel Zeit, bis sie irgendein Geld zahlen. Erziehungsgeld, haha. Nach drei Monaten hatte ich es immer noch nicht.
»Und deine Schwester natürlich, die hat bestimmt auch zu dir gehalten.«
»Ich hab doch gar keine. Einen Fallot kriegen sie heute mit zwei, drei Operationen hin. Danach hast du fast Normalität. Zwei Jahre Hölle, aber dann wie bei anderen Leuten auch.« Ortrud sagt es zum zweiten Mal. Wahrscheinlich sagt sie den Satz immer wieder im Gespräch mit Bekannten, die nach Janas Befinden fragen. Ortrud setzt voraus, dass es bei den Familien mit gesunden Kindern grundsätzlich wie in der glücklichen Frühstücksmargarine-Familie zugeht.
Ein durchdringendes Fiepen setzt ein. Es geht um irgendein Leben. Die Mutter am Bett lässt ihre Lesezirkelzeitung sinken und schaut zur Tür hinüber. Claudia findet das etwas schwach.
