Alle unsere Sünden - Sandra Mulansky - E-Book
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Alle unsere Sünden E-Book

Sandra Mulansky

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Beschreibung

Bist Du bereit, für die Wahrheit alles zu opfern? Der fesselnde Kriminalroman »Alle unsere Sünden« von Sandra Mulansky jetzt als eBook bei dotbooks. Der eigenen Geschichte kann niemand entkommen … Die Privatdetektivin Claudia von Jabassy erhält einen Auftrag, den sie niemals ablehnen könnte, so sehr er auch schmerzt: Ihr ehemaliger Geliebter Zenon ist gestorben – an einem Herzinfarkt, wie es scheint, doch seine Freundin will dies nicht glauben. Nur, wer sollte einem Dozenten für Papyrologie nach dem Leben trachten … und warum? Aber dann findet Claudia heraus, dass Zenon kurz davor stand, eine wissenschaftliche Sensation zu veröffentlichen, die in der Fachwelt für Aufregung sorgen sollte. Als kurz darauf ein Kollege Zenons tot aufgefunden wird, wird ihr klar, dass sie auf der richtigen Spur ist – und sich durch ihre Ermittlungen selbst in große Gefahr gebracht hat … Was Nele Neuhaus für den Taunus ist, ist Sandra Mulansky für Frankfurt! Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der packende Kriminalroman »Alle unsere Sünden« von Sandra Mulansky. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 387

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Über dieses Buch:

Der eigenen Geschichte kann niemand entkommen … Die Privatdetektivin Claudia von Jabassy erhält einen Auftrag, den sie niemals ablehnen könnte, so sehr er auch schmerzt: Ihr ehemaliger Geliebter ist gestorben – an einem Herzinfarkt, wie es scheint, doch seine Freundin will dies nicht glauben. Nur, wer sollte einem Dozenten für Papyrologie nach dem Leben trachten … und warum? Aber dann findet Claudia heraus, dass Zenon kurz davor stand, eine wissenschaftliche Sensation zu veröffentlichen, die in der Fachwelt für Aufregung sorgen sollte. Als kurz darauf ein Kollege Zenons ermordet aufgefunden wird, wird ihr klar, dass sie auf der richtigen Spur ist – und sich durch ihre Ermittlungen selbst in große Gefahr gebracht hat …

Über die Autorin:

Hinter dem Pseudonym Sandra Mulansky verbirgt sich eine deutsche Autorin, die erfolgreich historische Romane und Jugendbücher veröffentlicht.

Bei dotbooks erscheinen Sandra Mulanskys Kriminalromane »Der Glanz des Bösen« und »Alle unsere Sünden«

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eBook-Neuausgabe Juni 2021

Dieses Buch erschien bereits 2002 unter dem Titel »Dein Körper ein Grab« bei Rowohlt.

Copyright © der Originalausgabe 2002 by Sandra Mulansky

Copyright © der Neuausgabe 2021 dotbooks GmbH, München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/f11photo, KRIT GONNGON

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (CG)

ISBN 978-3-96655-412-1

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Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

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Sandra Mulansky

Alle unsere Sünden

Kriminalroman

dotbooks.

Für Helga L.in Dankbarkeit

Die Grenzen der Seele kannst du nicht finden, ob du auch jegliche Straße abschrittest; so tiefen Grund hat sie.

Heraklit

Personen, Schauplätze und Geschichten dieses Buches sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Nachruf am Montag

Nie wird sie so perfekt geschminkt sein wie die Sprecherin von der Tagesschau. Will sie auch nicht. Aber halb so gut wäre genau richtig.

Claudia steht im Bad vor dem großen Spiegelschrank und hat den rechten Lidstrich präzise gezogen. Die Wimperntusche ist der nächste Akt. Diesmal wird sie jedenfalls beide Augen schaffen, komme was da wolle. Sie liebt dieses Bad, den altrosa Waschtisch mit dem Doppelbecken von 1972, die Badewanne in Manhattangrau aus den 90ern, die dunkelblauen Fliesen auf dem Boden. Ginge es nach ihr, würde sie jeden Tag mit einem wohligen Schaumbad beginnen. Oder jedenfalls die neue Woche.

Aber es geht nicht nach ihr, diese Zeiten sind längst vorbei. Montag ist der schrecklichste Tag. Der Kühlschrank leer, die Kinder schlecht gelaunt, Jonas muss schon Viertel vor acht in der Schule sein. In aller Frühe ist er im Dunkeln Richtung Grundschule losgestapft, ihr legasthenischer Kämpfer. Er hat sich die Taschen noch mit Pokémonkarten zum Tauschen vollgestopft und seinen Füller vergessen. Er und Falk sind die vergesslichsten Menschen, die Claudia je begegnet sind.

»Claudia! Was machst du so lange im Bad?« Falks Stimme klingt gereizt.

Claudia lässt den Mascarastift fallen, vergisst ihr linkes Auge und sprintet in den Flur.

»Und denk dran, noch zwei Tage, dann musst du mit in den Wald!« Nicklas, ihr jüngerer Sohn, sein Pikachu-Plüschtier unter den Arm geklemmt, hüpft die Treppe herunter. 1997 haben sie ihn adoptiert, nachdem er knapp zwei Jahre als Pflegekind bei ihnen gelebt hatte. Der blaue Strickpullover ist noch einigermaßen sauber. Die Jeans sind an den Knien schon wieder durch und gehen eigentlich nicht mehr, nicht im Falle des Sohnes eines gutverdienenden Bankanalysten.

Claudia seufzt. Kompletter Blödsinn, diese Waldgeherei, jetzt wo im Wald nichts als Matsch und kalte Füße zu haben sind. Zum Glück geht Nicklas' Kindergartengruppe nur einmal im Monat in den Wald, für einen Vormittag. Übermorgen, am Mittwoch, ist wieder Waldtag. Und da Nicklas einen Herzfehler hat, wird Claudia mitgehen und ein Auge auf ihn haben.

»Richtig so. Du musst nur den Mut haben, dein Büro viel öfter zu schließen. In Frankfurt gibt es genug Privatdetektive. Die Kinder brauchen dich. Dieser bescheuerte Schlüssel, warum finde ich den nie, wenn ich weg will –«

»Die Uhr auch?«

»Die Uhr ist auch spurlos verschwunden.«

Jeden Morgen um die gleiche Zeit sucht Falk mindestens seine Uhr, meistens auch Autoschlüssel und Einfahrtsmarke für den Sicherheitsbereich der Bank.

Falk bindet die Krawatte um, wirft einen letzten Blick in den Spiegel und sucht.

»Da, wo er immer liegt«, sagt Claudia.

»Ist er aber nicht. Kann ich dein Auto nehmen?«

»Ich brauche mein Auto selbst.«

»Du, ich habs eilig. Ich muss erst zum Meeting, und danach ist Analystenkonferenz in Stuttgart.«

Claudia greift in die Tasche des auberginefarbenen Bademantels, der über dem Stuhl am Esstisch hängt.

»Wär ohnehin peinlich, mit deiner Schrottkiste in die Bank zu fahren.«

Die Schrottkiste hat eine getarnte Observationskamera an Bord und eine Standheizung. Claudia lächelt nachsichtig und hebt die FrankfurterRundschau hoch. Unter dem Wirtschaftsteil liegen Falks Uhr und der Autoschlüssel.

»Was krieg ich, wenn ich den Schlüssel gefunden habe?«

Falk gibt ihr einen flüchtigen Kuss.

Nicklas zieht seine grünen Stiefel an und die Regenjacke, für seine fünf Jahre ist er sehr selbständig.

»Tschüs, Mama!«, ruft er mit seiner etwas heiseren unkindlichen Stimme, und als die Tür hinter den beiden ins Schloss gefallen ist, hat Claudia das sichere Gefühl, sich heute hundertprozentig korrekt geschminkt zu haben.

Es muss an der Farbe liegen. Wahrscheinlich enthält sie irgendein Lösungsmittel, das auf Allergiker eine starke Wirkung ausübt. Claudia niest prustend los, zum dritten Mal hintereinander.

»Es war ein Fehler, das Büro um diese Jahreszeit zu renovieren. Ich hab es nur gemacht, damit wir noch einen Abschreibeposten für die Steuer haben.«

Immer haarscharf am Rande des Ruins, das ist ihr Schicksal. Glückliche Zeiten, als die Ehefrauen gut dotierter Männer für ein gepflegtes Heim sorgten und das Geld ihrer Göttergatten verbröselten. Aber irgendwann einmal wird das Büro noch besser laufen als in seinen besten Zeiten. Irgendwann wird sie ihr Leben besser im Griff haben als hier und jetzt ... Fangen Sie an, der Coach Ihres Kindes zu sein. Legastheniker brauchen einen Coach. Niemand ist besser dazu geeignet als Sie, seine Mutter.

Ihr Hier und Jetzt ist ganz schön kompliziert geworden, seit Falk und sie geheiratet haben. Jonas, ihr älterer Sohn, ist ein intelligentes Kind, das sehr schnell lesen lernte, aber von Anfang an unglaubliche Schwierigkeiten hatte zu schreiben. Er schreibt jetzt im vierten Schuljahr immer noch viel zu langsam und hat eine katastrophale Rechtschreibung. An die Diagnose Legasthenie konnte Claudia zunächst nicht glauben, aber inzwischen weiß sie, dass es auch diese sozusagen halbierte Form gibt.

Die zwei Tage in der Woche zu Hause kann sie sich eigentlich nicht leisten. Aber diese zwei Tage, an denen sie den Kopf frei hat für ihr Dasein als Mutter, schuldet sie Jonas und Nicklas. Außerdem ist sie telefonisch erreichbar. Schließlich genießt Federico die Tage, an denen er allein schalten, walten und ermitteln kann. Federico ist gleich nach Falk der wichtigste Mann in ihrem Leben. Sie haben zusammen studiert und dann, als sie beide ohne Stelle dastanden, ihr Geld zusammengelegt und die Detektei gegründet – Jabassy & Co. – Überwachungen, Ermittlungen im In- und Ausland. Claudia von Jabassy, das ist sie, Dr. Federico Meier, studierter Prähistoriker mit einer Doktorarbeit über die Pfahlbauleute vom Bodensee ihr Co. Federico ist erheblich älter als sie, etwas über fünfzig inzwischen, und hat fast alles hinter sich. In den 70ern war er lange in Indien. Aus dieser Zeit stammt seine Vorliebe für alle Arten von indischen Curries und Linsenzubereitungen.

Er ist klein und dunkelhaarig, mit einer Halbglatze und fährt im Urlaub immer auf seine einsame Nordseehallig, sie ist blond und 1,75 mit einer klaren Vorliebe für das Mittelmeer.

Sobald Claudia morgens ihr Hochhaus am westlichen Stadtrand erreicht hat, klopft ihr Herz freudig wie bei einem Teenager, der seinem Date entgegensieht. Es ist ein ziemlich gediegenes Hochhaus aus den 70er Jahren. Mischnutzung. In den oberen Stockwerken Eigentumswohnungen, in den unteren Arztpraxen, eine Krankengymnastin, ein Solarstudio, Anwaltsbüros, Immobilienmakler und Jabassy & Co. natürlich. 60 Quadratmeter, zweieinhalb Zimmer mit Teeküche und einem winzigen Bad. Frisch renoviert sieht es hier eher nach 65 Quadratmetern aus, findet Claudia.

»Gegen Jahresende wirst du immer hektisch«, stellt Federico fest, ehe er wieder hinter der Zeitung verschwindet.

»Wie gehts dem Karmann?«, fragt Claudia fürsorglich, während sie sich einen Kaffee einschenkt.

»Immer noch nicht fertig.« Federicos Oldie aus den goldenen 70ern ist seit Wochen in der Werkstatt, wo er eine neue Lackierung nach vorheriger Ganzverzinkung und einige technische Verbesserungen erhält, die dringend nötig waren. Der Karmann Ghia rangiert in Federicos Herz gleichberechtigt neben seiner rothaarigen Freundin Sonja Wilzeck.

Claudia trinkt den ersten Kaffee des Tages, schwarz, ohne Zucker. Manchmal hilft er gegen einen einsetzenden Allergieanfall.

»Sag mal, wie lange lebt so ein Nymphensittich eigentlich?«, fragt Federico.

Die Frage ist zu unverschämt, um sie zu beantworten. Robin und Lolita standen Anfang der 80er Jahre in Claudias Zimmer im Studentenheim und waren schon damals zu laut und zu aggressiv. Federico hat durchaus Recht, eigentlich gehören sie nicht ins Büro. Aber Jonas ist allergisch gegen Vogelfedern, und insofern ist die Detektei der beste Platz für sie. An die Möglichkeit, die Vögel wegzugeben, hat Claudia nie gedacht.

»Lolita hat irgendetwas. So als täte ihr etwas weh. Sie hat schon geschrien, als ich kam. Irgendwie anders als sonst.«

Das fehlt gerade noch. Claudia überlegt kurz, wo von hier aus der nächste Tierarzt ist.

»Die hat nichts. Wahrscheinlich brauchen die zwei nur mal wieder ihren Freiflug. Ich lass sie raus.«

»Dann kacken sie alles voll«, sagt Federico angewidert.

»Du hast was gegen meine Vögel. Lebensfeindlichkeit ist das.«

Claudia öffnet die Käfigtür. Als hätten sie auf diesen Moment gewartet, schlüpfen die beiden Nymphen nacheinander aus der Käfigöffnung, hangeln sich am Messinggitter hoch aufs Dach, pfeifen schrill und flattern auf den höchsten Punkt des Zimmers, den grauen Metallschrank.

Es gibt Wochen, in denen sich fast überhaupt nichts tut, und andere, in denen sich die Ereignisse überschlagen. Ein, zwei bessere Aufträge, am besten drei fette Fische, die bräuchte sie noch. Seit Tagen hat kein Klient angerufen, seit zwei Wochen ist kein Betrag auf dem Konto eingegangen.

Dieses Jahr 2000 war bis jetzt eines von den schlechteren in kommerzieller Hinsicht. Es gibt inzwischen zu viele Privatdetektive in der Stadt und der näheren Umgebung. Die großen mit ganzseitiger Anzeige im Telefonbuch und sämtlichen technischen Finessen und spezialisierten Mitarbeitern, die mittleren und die kleinen. Claudia möchte Jabassy & Co. auf eine mittlere Position bringen. Einstweilen sind sie irgendwo am oberen Rand der Kleinbetriebe einzuordnen.

»So weit ist es«, sagt Federico. »Es erscheinen Nachrufe auf unsereinen in der FAZ.«

»So tot bist du doch nicht«, frotzelt Claudia. Die Entziehungskur, die dritte in fünf Jahren wohlgemerkt, hat diesmal etwas gebracht. Federico, Teilhaber und Mitarbeiter der Detektei Jabassy & Co., ist für den Moment trocken und wieder zusammen mit seiner langjährigen Freundin Sonja. Er sieht besser aus denn je. Immer noch eher rundlich und zu viel Bauch, aber mindestens vier Kilo hat er abgespeckt. Der Blick aus seinen dunkelbraunen Augen hinter der Goldrandbrille ist wacher geworden.

»Zenon Kouros hat nur geraucht, nicht etwa getrunken, soviel ich weiß. Seine Leber war vermutlich einwandfrei. Sieh an, und jetzt ist er tot. Völlig unerwartet, wie Nele Schermuly schreibt. Und, man glaubt es nicht, zum Prof hatte er es auch schon gebracht, in so jungen Jahren.«

»Was hast du gesagt?«

Zenon Kouros. Claudia schluckt, und ihr wird komisch. Zenon, der genau ein Jahr älter war als sie. Der damals Hiwi bei dem göttlichen Professor Knierim war, als sie mit dem Studium der Archäologie anfing.

»Wie kann so einer sterben?«, stammelt Claudia. »Autounfall vermutlich.« Zenon war ein verrückter Autofahrer. Das wird es gewesen sein. Federico sieht gespannt zu ihr hinüber.

»Du hattest was mit ihm. Immer wenn irgendwo etwas gefeiert wurde, stand dieser Typ in der Tür, starrte hinein und murmelte poli kosmos.«

Mit Zenon fing alles an, damals, als sie von Offenbach nach Frankfurt kam. Er war der lustigste unter den Archäologiestudenten, der lebendigste.

Spätestens mit neunzehn hat man das Recht, sich selbst neu zu erfinden. An dem Tag, an dem sie sich in der Uni für die Fächer Klassische Archäologie und Alte Geschichte einschrieb, legte Claudia den Namen Marlies ab und fing an, Claudia zu sein. Marlies Klein zu bleiben hätte bedeutet, für immer mit ihrer Schwester Marion Klein verkoppelt zu sein. Ihre Mutter, eine begeisterte Hobbynäherin, hatte viel Zeit darauf verwendet, beide Töchter in den gleichen Anoraks, den gleichen karierten Kleidern auf die Leibnizschule in Offenbach schicken zu können. Ärgerlich daran war gewesen, dass Marion im karierten Kleid mit dem gleichen Schnitt, im blauen Anorak mit dem Pelzbesatz an der Kapuze immer eleganter und anmutiger aussah als ihre jüngere Schwester mit der Brille und dem zu kurzen blonden Haarschnitt. Marion, nur ein Jahr älter, mit langem, dunklem Haar und melancholischen, tiefblauen Augen, war unerreichbar, uneinholbar für immer.

Naja, und den Familiennamen von Jabassy legte sie sich zu, als es darum ging, der neugegründeten Detektei einen zugkräftigen Namen zu geben. Ihre und Federicos Überlegung war, mit dem adlig klingenden Namen zahlungskräftige Klienten anzuziehen. Ein genialer Schachzug, findet Claudia. Tatsache ist, auch acht Jahre nach ihrer Gründung existiert die Firma noch und schreibt meistens zartrosa bis schwarze Zahlen. Im Augenblick sind sie allerdings wieder im dunkelrosa Bereich.

Claudia denkt darüber nach, wie es damals war mit Zenon, diesem Schrank von einem Mann. Es gab viele Griechen, die Archäologie studierten, alle starke Raucher mit Haaren auf der Brust und auf den Handrücken, Goldkettchen um den Hals und schwarzen Zähnen. Zenon, Kettenraucher, war der einzige Blonde unter ihnen, nicht germanischblond, aber braunhaarig auf alle Fälle. Beim Sprechen lispelte er. Trotz der Raucherei hatte er strahlend weiße Zähne. Wenn er schnell sprach, hörte es sich immer mehr Griechisch als Deutsch an. Zwischen den Vorlesungen saß er still da und feilte seine Fingernägel. Wochenlang sprach er mit ihr darüber, dass er in einem Schaufenster einen Kamelhaarmantel mit einem winzigen Pelzbesatz am Kragen gesehen habe. – Sauteuer, Claudia, sechshundert. Meinst du nicht auch, ich sollte ihn kaufen? Er sitzt wie angegossen. Diese kleine Pelzverbrämung, ganz dezent, die ist es – Claudia war skeptisch wegen der Pelzverbrämung. Natürlich kaufte er ihn dann doch, und er stand ihm vorzüglich.

Sie saßen nebeneinander an dem langen Fensterschreibtisch im Studentenheimzimmer an der Jügelstraße, vor sich einen griechischen Kaffee, so einen aufgekochten mit den Kaffeepartikelchen am Boden der Tasse. Sie sprachen über ihr papyrologisches Referat, das sie zusammen halten sollten. Es war ein Uhr nachts, draußen im Flur spielten ein paar Studenten Fußball. Im Hintergrund lief die Mikis-Theodorakis-Platte, Lieder von Anagnostakis. Das war einer der großen Vorteile in diesem etwas heruntergekommenen Haus, das zudem direkt gegenüber dem Haupteingang der Universität gelegen war. Man konnte bis nachts um drei auf der Schreibmaschine klappern oder Musik hören oder den Flur mit Liebesgestöhn erzittern lassen. Kein Nachbar klopfte an die Wand, niemand nahm an welchem Lärm auch immer den geringsten Anstoß.

Über Zenons Bett hing ein gerahmtes Ölbild mit dem Porträt eines auffallend schmalen braunäugigen, blondschöpfigen Jungen. Sie wollte ihn immer danach fragen, wer dieser Junge sei, ein Verwandter oder einfach das Bild eines Unbekannten, kam aber nie dazu.

Claudia, damals gerade neunzehn, war in Zenon verliebt und er in sie. Während der Vorlesung schickte er kleine Briefe zu ihr mit Gedichten. Er hatte noch als Schüler an der Deutschen Schule in Athen den ersten Preis bei einem Gedichtwettbewerb gewonnen.

»Ich bin eine hungrige Eidechse«, so begann eines von denen, die er an Claudia schickte. Oder dieses andere rätselhafte »Dein Körper ein Grab«, über das sie sich geärgert hatte. Mein Körper ein Grab, das ist ja wohl gesponnen, hatte sie wütend gesagt und vor Ärger den Rest des Gedichts vergessen.

Ein paar Mal hatten sie sich sonntags miteinander verabredet. Sie hatten sich zwei- oder dreimal geküsst und stundenlang zusammen in Cafés und Kinos gesessen. Aber mehr war komischerweise nicht passiert. Claudia traf sich immer öfter mit Lars, einem Uraltsemester der Archäologie, den sie nur bedingt sympathisch, aber sehr erotisch fand, und war außerdem verliebt in einen Jurastudenten namens Bernd Kleeberger, der ebenfalls im Studentenhaus in der Jügelstraße ein Zimmer hatte. Da Zenon in den Semesterferien wochenlang in Griechenland war und Bernd ihre Gefühle nicht erwiderte, blieb sie an Lars hängen.

»Wirklich kein Laugenhörnchen mehr? Willst du nicht lesen, was Nele Schermuly über ihn geschrieben hat?«, fragt Federico.

»Gib her.«

Federico reicht die FAZ zu ihr herüber.

Kein Bild, nur etwa zwanzig Zeilen in der Ecke des Frankfurtteils. Eine Auflistung nackter Daten zu Zenons beruflichem Werdegang und die üblichen Sätze. Sein unerwarteter zu früher Tod macht seine Mitarbeiter und Studenten betroffen. Sein bedeutendstes Werk, seine größte Entdeckung zu veröffentlichen, war ihm nicht mehr vergönnt.

»Schmus«, murmelt Claudia. »Kein Wort davon, wie er wirklich war.«

Und dann weiß sie es plötzlich, im Nachhinein. Der überraschend schmale Junge auf dem Ölbild war natürlich Zenon als Kind. Ein Bild, das seine Mutter malen ließ, als er neun oder zehn war.

»Wie war er denn wirklich, verehrte Frau Kollegin? Offenbar kannten Sie ihn besser als der Rest der Welt.«

Zenon Kouros war auf alle Fälle mehr als die Begeisterung für alte Papyri.

Das Telefon wimmert. Claudia niest und nimmt ab.

»Liberty Lantermann. Ich muss Sie noch heute sprechen. Es ist ganz dringend.« Eine kindliche, gleichzeitig selbstbewusste Stimme.

Claudia fragt, worum es geht.

Pause. Claudia überlegt, ob Liberty Lantermann noch da ist.

»Ich kann es Ihnen nur in der Detektei sagen.« In der kindlichen Stimme liegt etwas, das, ohne sie zu benennen, eine Katastrophe verkündet. Claudia hat im Lauf der Jahre ein Gefühl dafür entwickelt, wie dringlich die Angelegenheiten ihrer Kundschaft sind. Meistens liegt sie richtig.

Claudia wirft einen Blick auf den Terminkalender an der Wand hinter Federico. Weit und breit ist kein Termin eingetragen.

»Kommen Sie einfach vorbei. Wir haben auch über Mittag geöffnet.«

»Nach der Schule«, sagt die zu junge Stimme. »Nach der Schule komme ich vorbei. Gegen zwei werde ich da sein.«

Claudia niest dreimal hintereinander. Ein Allergen im Büro und emotionaler Stress. Das Antihistaminikum zu Hause im Badezimmerschrank. Federico liest immer noch in der Zeitung, und Claudia möchte am liebsten losheulen. Heulen darüber, dass sie weiterleben muss in einer Welt ohne Zenon Kouros. Poli kosmos – da gehn wir hin, da ist was los. Wann immer etwas unter Archäologen, Papyrologen oder Prähistorikern zu feiern war, Zenon ging hin. Es ist nicht professionell zu weinen, ermahnt sie sich, und schafft es, Haltung zu bewahren.

»Irgendetwas stimmt nicht mit Lolita«, sagt Federico und sieht zum Stahlschrank hoch, an dessen Kante Lolita hilflos entlangflattert.

»Sie stirbt«, stammelt Claudia und wird weiß im Gesicht. Auch das noch. An Lolitas Bauch klebt eine blutige Blase. »Kannst du sie einfangen?«

»Reg dich nicht auf.« Lolitas Zustand lässt Federico völlig kalt. »Hol mal ein Küchentuch.«

Claudia reicht ihm das Handtuch neben dem Waschbecken, muss niesen und gleichzeitig würgen und verlässt den Raum. Es gibt sie immer wieder, die Augenblicke, in denen ihr schlecht wird. Sie flüchtet in das halbe Zimmer, acht Quadratmeter, am Ende des Ganges. Ihr zu protziger Palisanderschreibtisch, auf einer Nachlassauktion ersteigert ebenso wie der dazugehörige Chefarztsessel und der inzwischen ziemlich abgenutzte Klientensessel, ein Regal und, worauf sie stolz ist, das Spieleckchen mit einem Weidekorb voller bunter Holzklötze und Pappbilderbücher. Auf dem Fensterbrett steht der Polizeihubschrauber, den es mal bei Tchibo gab. Es kommen ziemlich viele Frauen mit kleinen Kindern. Und vor allem lässt Nicki es sich nicht nehmen, ab und zu einen Tag in Claudias Büro zuzubringen. Der eigene Fünfjährige im Büro, das ist noch unprofessioneller als die Nymphensittiche. Claudia kann schwören, dass sie Jonas, ihren Großen, nie mitgenommen hat, nicht ein einziges Mal. Privatleben und Beruf müssen auseinandergehalten werden, Claudias oberster Grundsatz. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Aber Nicklas war eben von Anfang an ein Sonderfall, ein Zufall. Die große Ausnahme von der Regel, die sie sich einmal gestattet hatte. Die Folge eines ihrer Fälle. Nicklas war der Säugling in der Klinik, der seine Herzoperation einigermaßen überstanden hatte und doch fast ums Leben gekommen wäre. Claudia seufzt, während sie zurückdenkt. Ihr Rechercheauftrag war abgeschlossen, aber Tag für Tag ging sie unter irgendwelchen Vorwänden auf die Station, wo Nicklas in seinem Gitterbett lag. Irgendwann hatten alle begriffen, dass Nicklas regelmäßig Besuch bekam, nur sie selbst brauchte etwas länger. Eines Tages stand die Frau vom Jugendamt im Klinikflur und wollte sie sprechen. Danach gab es das Zurück nicht mehr. Wer A sagt, muss B sagen undsoweiter. Im Büro war ohnehin nicht viel los. Und irgendwann hatte sie auch Falk überzeugt. Oder Nicklas in seiner Mutterlosigkeit hatte ihn überzeugt. Er kam also als Pflegekind in ihre Zweizimmerwohnung, und Claudia arbeitete für Monate von da aus zwischen Wickeltisch und Telefon, bereitete für den Neuankömmling dreimal am Tag Morobrei, dieses geniale Rezept mit dem Hauch Butter und Traubenzucker, um ihn hochzupäppeln, während Federico das Büro einsatzbereit hielt und Jonas auf dem Boden saß und Feuerwehrautos und Notarzteinsätze malte. Kuck mal, Mama, da wird ein ganz krankes Baby gerettet. Außergewöhnliche Umstände erfordern außergewöhnliche Maßnahmen.

»Alles klar!«, ruft Federico mit Siegerstimme. »Du kannst wieder reinkommen.«

Mit zitternden Knien kehrt Claudia zurück. Beide Nymphen sind wohlbehalten in ihren Käfig zurückgebracht worden.

»Da«, sagt Federico und hält ihr zwischen Daumen und Zeigefinger ein winziges Ei entgegen. »Lust auf ein Frühstücksei?«

Lolita hat es gelegt. Das erste Ei ihres Lebens. Aber warum gerade jetzt? Sie muss mindestens achtzehn Jahre alt sein. Im besten Nymphensittichgreisenalter. Warum hat sie ihr Ei nicht Jahre früher gelegt?

»Die Römer würden sagen – es ist ein gutes Omen. Eindeutig, ein Vorzeichen.«

»Betrifft zweifellos dich. Wahrscheinlich bist du schwanger.« Federico schnickt das Vogelei in den Papierkorb.

»Es bezieht sich auf die Firma. Prosperität für lange Zeit, längerfristig schwarze Zahlen.«

»Das ist Wunschdenken, verehrte Kollegin. Ich glaube nicht dran. Soll ich mal beim Inder anrufen wegen Essen?«, fragt Federico. Der Inder ist eigentlich ein Italiener, der einen indischen Koch in der Küche beschäftigt und neben allen Varianten von Pizza und Pasta auch die komplette indische Küche im Angebot hat.

»Mach nur.«

Vorzeichen oder nicht, egal. Zenon Kouros ist tot. Der Tag ist so oder so versaut.

Nie konsequent, immer radikal

Claudia hat sich zurückgelehnt und gabelt Lammfleischstückchen in Spinatjoghurtsoße. Davon kann sie nie genug kriegen. Das Leben mag sein, wie es will, das Essen vom Inder ist gut, allerdings immer etwas knapp. Andererseits ist sie zu gehemmt, zwei Portionen für sich beim Bring-Service zu bestellen, jedenfalls in Anwesenheit von Federico. Ihr Stoffwechsel dreht auf, je mehr sie denkt. Die Kalorien, die Leistungssportler verbrauchen, verbrennt ihr Körper, sobald sie anfängt, angestrengt zu denken. Im Gegensatz zu anderen Frauen setzt die Esserei bei ihr kaum an, das ist das Gute. Heute Mittag allerdings hat sie besonderen Appetit, weil sie traurig ist.

Federico sitzt ihr gegenüber. Seine Hände zittern.

»Darf ich?«, fragt er.

»Klar darfst du.«

Mit einem Seufzer der Erleichterung holt Federico die Meerschaumpfeife hervor und stürzt den Wildlederbeutel mit dem karierten Innenfutter auf dem Schreibtisch um. Pfeifenbesteck und Navycut quellen daraus hervor. Rauchen ist besser als Suff. Seit er aus der Kurklinik zurück an seinen Arbeitsplatz gekommen ist, hat Federico konsequent doppelt so viel wie vorher geraucht, statt Bier und Kurzen aber nur noch Mineralwasser und Apfelsaft getrunken. Ein Süchtiger bleibt ein Süchtiger für den Rest des Lebens. Das haben sie ihm während seines Entzugs erklärt. Ihm und den Junkies, mit denen er zusammen war. Es gibt Tage, an denen Federico so hemmungslos literweise sauren Apfelsaft trinkt, dass ihm abends davon schlecht ist. Aber immerhin, es hält ihn von den schärferen Sachen ab. In der Maltherapie hat Federico eine neue Art von Selbstbewusstsein gewonnen.

– Du, Claudia, ich habe begriffen, dass ich voller Energie bin. Ich bin ein Bündel aus Energie und Licht ...

– Was folgt daraus, Federico?

– Ich kann nicht mehr aufhören mit dem Malen. Ich war in einem Geschäft für Bastelbedarf und habe mir einen Aquarellkasten gekauft und einen Satz Pastellkreiden. Sündhaft teuer, sage ich dir.

– Meinst du nicht, es hätte genügt, erst einmal mit Bleistift oder Kohle –

– Die Farben sind das Wichtige für mich. Warme gelbe Töne. Ich höre sie, ich sehe sie. Jedes Wort hat eine Farbe, jeder Buchstabe. Hörst du sie nicht – die Farben von Fe – de – ri – co?

– Hä?

– Leichtgrün angehaucht, dann zweimal leuchtendes Rot, zartes Grauweiß. Und als Abschluss ein klares Gelb. Synästhesie nennt man das. Ich bin Synästhetiker.

Es klingelt zweimal, schrill, durchdringend.

Federico drückt den Türöffnerknopf

»Das ist Liberty Lantermann«, sagt Claudia. »Hat sich ziemlich beeilt.«

Da es nur die Schülerin ist, futtert sie weiter. Im Falle von normaler Kundschaft hätte sie schleunigst die Essensreste entsorgt, das Fenster geöffnet, um zu lüften, und auf Claudia von Jabassy gemacht.

Im Flur schnauft es. Es folgt würgendes Husten.

Federico erhebt sich, verschwindet hinter der Tür, und Claudia ist gespannt darauf, was Fräulein Lantermann auf dem Herzen hat.

»Ist das eine Überraschung! Ja, Herr Professor, aber selbstverständlich, und den Mantel am besten hierhin. Den Hut, oh, bitte. Ja, natürlich, ein unangenehmes Wetter –«

Ein weiterer Hustenanfall. So hustet in ganz Frankfurt nur einer. Claudia begreift nicht, was den großen Mann unangemeldet um diese unmögliche Zeit ausgerechnet in ihre Detektei geführt hat. Wahrscheinlich will er irgendeine archäologische Spezialauskunft. Irgendetwas über antike Banken vielleicht. Antike Banken und Kredite waren einmal Claudias Spezialgebiet. Das Thema, über das sie beinahe promoviert hätte. Es fehlten nur noch ein paar Wochen. Wirklich, nur ein paar Wochen, dann wäre sie Dr. Marlies Klein gewesen und hätte vermutlich eine Anstellung an einer Museumsabteilung gefunden. Mit einem regelmäßigen monatlichen Gehalt, Pensionsansprüchen und einem gesicherten Arbeitsplatz wäre ihr Leben in geordneten Bahnen verlaufen. Sie hätte Ausstellungen arrangiert, Münzen bestimmt und eingeordnet, Karteikarten beschriftet und Führungen durch die Sammlungen veranstaltet: Spüren Sie den Schöpfergeist, der aus diesem griechischen Mischkrug spricht?

Das Dumme daran ist, dass sie ihr Grundproblem nie losgeworden ist, überall im Leben unerledigte Reste zu lassen. Diese Kleinigkeit, die sie einfach nicht mehr schafft. Die letzten fünfhundert Meter bei einem ansonsten passabel gelaufenen Marathon. Sie selbst betrügt sich um den Sieg. Außerdem ist sie schlampig. Nicht so wie wirklich schlampige Menschen, nicht grundsätzlich, sondern eben deshalb, weil sie alles anfängt und nicht damit fertig wird. Sie hinterlässt nun einmal halb aufgeräumte Zimmer, halb verzehrte Mahlzeiten und einen Kühlschrank voller angegessener Käseschachteln und Pilzepackungen. Wenn Claudia sonntags mit Falk und den Kindern ein Museum in der näheren Umgebung besichtigt, ahnt sie, dass sie im Falle einer Festanstellung die netten übersichtlichen Arrangements in den Vitrinen ganz schön durcheinander gebracht hätte. Alle ihre ehemaligen Studienkameraden, die heute Museen, Ausstellungen und archäologische Parks betreuen, schreiben Bestandskataloge und erfassen katalogmäßig Museumsbestände. Insgeheim weiß Claudia, dass sie nie einen korrekten Katalog zustande bekäme. Insofern ist es nur recht und billig, dass sie und Federico jetzt als Private Eyes ihr Geld verdienen. Nie konsequent, immer radikal, denkt sie mit einem Seufzer.

Claudia hat Plastikteller und Besteck hastig in den Papierkorb geworfen, das Fenster aufgerissen, springt vor den kleinen Spiegel am Waschbecken neben dem Stahlschrank, zieht den Lippenstift nach und fährt sich durch die störrischen Haare. Genau, zum Friseur wäre sie als Museumsangestellte auch regelmäßig gegangen.

Dr. Dr. Herwig Knierim betritt langsam und bedächtig den Raum. Sein rundliches Gesicht unter dem gescheitelten schneeweißen Haar ist gerötet und hat nicht mehr die Kantigkeit von damals, als Claudia ihm mit neunzehn zum ersten Mal gegenüberstand.

»Meine Liebe, wie schön, Sie zu sehen.«

Claudia erhebt sich und reicht ihm artig die Hand.

»Kann ich Sie ganz allein und vertraulich sprechen?«, fährt Knierim fort mit einem misstrauischen Seitenblick auf Federico.

»Aber selbstverständlich.« Claudia geleitet ihn hinaus aus dem gemeinsamen Büro mit dem grauen Doppelschreibtisch und den Nymphensittichen im Käfig vor dem Fenster in das halbe Zimmer, acht Quadratmeter am Ende des Gangs. War eben doch an der Zeit zu renovieren, denkt sie. Einen Moment ist sie in Versuchung, Knierim auf ihren Chefsessel hinter dem protzigen Palisanderschreibtisch zu bitten. Diese Zeiten sind vorbei. Mit einem Stöhnen lässt Knierim sich im Klientensessel nieder und betrachtet lächelnd das aufgezogene Foto einer griechischen Münze, die einen nackten Mann im Knielauf zeigt, geflügelt mit einem Wolfskopf. Es hängt ihm gegenüber an der mattgelb gestrichenen Wand.

»Das passt zu Ihrer neuen Tätigkeit. Phobos, der Gott der Ängste, oder sogar Lykos, der alte lykische Wolfsgott, der Todesgott.«

»Nicht mehr neu. Wir sind seit acht Jahren im Geschäft.« Es ist Claudia wichtig, auf ihre Erfahrung hinzuweisen.

»Cornelis hat Sie mir empfohlen«, sagt Knierim. »Sie seien diskret und zuverlässig.«

Cornelis van Moll ist der Nachfolger Knierims und Claudias Beinahe-Doktorvater. Ein paar Jahre lang hat er versucht, Claudia davon zu überzeugen, ihre Dissertation doch noch abzuschließen. Aber irgendwann muss sich jeder entscheiden, wohin er will. Claudia hat sich ohne großes Bedauern für ihre Firma entschieden. Ein Familienleben möchte sie schließlich auch noch haben. Jonas und Nicklas sind ihr immer mal wieder wichtiger als Wohl und Wehe der Firma gewesen. Sie hat nie wirklich vor der Frage gestanden, die Firma ganz aufzugeben, glücklicherweise nicht. Ihr Job macht sie zufrieden und stolz. Ohne ihn wäre sie wie amputiert. Und Falk ist auch noch da. Claudia findet ihn schwieriger als Jonas und Nicklas. Klar, ein Ehemann ist etwas anderes als ein Lebensgefährte. Ein Ehemann ist der Ernstfall. 1996 hat sie Falk geheiratet. Nicklas war der Grund. Es kam dann alles, wie es kommen musste. Falk stürzte sich mit neuem Elan in die Reihenhausfinanzierung, als sie schließlich von Frankfurt nach Schwalborn zogen, auf die erste Anhöhe des Vordertaunus, frankfurtnah genug, aber doch schon leicht ländlich. Die Kinder sollten im Grünen aufwachsen. Man muss an irgendeinem Punkt seines Lebens erkennen, was man eigentlich will. So gerne sie Bücher über alte Geschichte gelesen hat, so gerne sie über Ausgrabungsstätten streift, die Archäologie hat sie hinter sich gelassen. Eine Menge von dem, was sie einmal über die Griechen und die Römer wusste, hat sie inzwischen vergessen. Keiner kann alles.

Federico trägt zwei Tassen grünen Tee, braunen Rohrzucker und das Nirostatellerchen mit ein paar Vollkornkeksen und Claudias Laugencroissant auf dem Tablett herein.

»Danke, das tut gut.« Knierim greift spontan nach dem Croissant, und Federico zieht die Tür hinter sich fest zu, als er verschwindet.

Ja, das ist er, der Göttliche. Damals, als sie ihm das erste Mal gegenüberstand, war er drahtiger, jünger. Gefährlicher, denkt Claudia. Sie hatte gerade ihr Abitur bestanden, neunzehn war sie. Und hatte einen Termin mit ihm ausgemacht, um ihm zu sagen, dass sie mit dem Studium der Archäologie beginnen wollte. Du wirst dich wundern, hatten sie ältere Semester gewarnt. Und als sie fragte, worüber, hatten sie nur gelacht und die Achseln gezuckt. Sie hatte angeklopft und war in das Professorenzimmer getreten. Da saß er hinter seinem ausladenden Schreibtisch, Professor Dr. Dr. Herwig Knierim, und sah ihr fragend entgegen.

Der Göttliche

»Sind Sie von Adel?«

»N-nein.«

»Sind Sie aus reichem Haus?«

»N-nein.«

»Erwarten Sie vielleicht eine Erbschaft?«

Claudia verneinte zum dritten Mal.

»Darf ich fragen, warum Sie mich dann aufgesucht haben?«

»Ich möchte Archäologie studieren«, sagte Claudia und heftete den Blick auf die Bücherwand hinter dem Göttlichen. Dem Göttlichen ins Auge zu sehen, war nicht möglich. Wie Zeus der Blitzeschleuderer thronte er hinter seinem gewaltigen Schreibtisch aus dunkler Eiche.

»Ach bitte, setzen Sie sich doch. Sie müssen nicht stehen.«

»Danke, ich stehe gern.«

»Welche Voraussetzungen haben Sie denn dann?«

Welche Voraussetzungen hatte sie? Claudias Herz hämmerte unbändig. Lust auf Steine, Trümmer, Säulen und Mauerreste. Lust, die Länder rund ums Mittelmeer zu sehen. Athen, Rom, Ephesus. Das meinte der Professor nicht. Neugier auf die alten Griechen, die Erfinder der Demokratie und des Münzwesens. Neugier müsste auch eine Voraussetzung sein. Bis hierhin war sie gekommen. Hier in diesem Institut befand sich alles, was für eine Zukunft als Archäologin nötig war. Aber zwischen ihr und den Göttern Griechenlands stand dieser Schreibtisch mit Zeus dem Blitzeschleuderer dahinter.

»Griechisch und Latein. Ich hatte eine Eins in Griechisch.«

Zeus begann zu kichern. »Ach wie niedlich. Eine Eins in Griechisch. Sie sind ein hübsches Mädel. Warum heiraten Sie nicht und kriegen Kinder?«

»Weil ich Archäologie studieren möchte, Herr Professor.«

Das nackte Entsetzen packte Claudia. Sie hatte Griechenland, Museen und Mittelmeerländer im Kopf. Der Professor, Blick auf ihre Brüste, schlug ihr stattdessen Kochkurse, Windeln und Eheglück vor. Und das wohlgemerkt im Jahr 1980.

»Nun nehmen Sie mal Vernunft an, junge Person. Ein Archäologiestudium bedeutet Reisen, Reisen, Reisen als Erstes. Sie müssen sehen lernen. Das geht nicht in zehn Semestern. Zehn Semester sind überhaupt erst der Anfang. Im Normalfall braucht es mindestens zwanzig bis zur Promotion.«

»Ich glaube nicht, dass ich zwanzig Semester benötigen werde, Herr Professor.« Ich gehöre nicht zu den Knilchen von der letzten Bank. Ich bin weder von Adel noch doof. Claudia rang mit sich, ob sie diese Sätze sagen sollte, ließ es dann aber.

»Es lächelt ja nicht nur der Mund, es lächelt ja auch das Knie«, flüsterte der Göttliche.

Claudia überlegte, ob Knierim noch zurechnungsfähig war.

»Nach zwanzig Semestern des Studiums der Klassischen Archäologie werden sie die tiefe Wahrheit dieses Satzes von Ernst Buschor über die archaische Kunst Griechenlands nachvollziehen können.«

Aha, ein Zitat. Fast war sie erleichtert. Bei diesem Mann wollte sie schließlich studieren.

»Es lächelt ja nicht nur der Mund, es lächelt ja auch – das Bein.« Sicherheitshalber wiederholte sie den Satz.

»Das Knie, Verehrteste, das Knie –«

Sie hatte die Tür zum Professorenzimmer hinter sich geschlossen und auf dem langen Gang tief durchgeatmet.

Das also war Professor Dr. Dr. Herwig Knierim. Er hatte ihre Brüste angestarrt, über ihre Gebärfähigkeit sinniert und die Eins in Griechisch lächerlich gefunden. Er hatte gar nichts Weiteres darüber wissen wollen.

»Scheiße«, sagte Claudia halblaut in die Stille. »Verdammte Scheiße.«

»Warst du drin?«

Dass einer das noch fragen konnte. Claudia hätte Zenon Kouros am liebsten eine runtergehauen. Da stand er vor ihr, fast zwei Meter groß, breitschultrig, ein Mann, dazu noch Grieche, in Athen geboren, aus reichem Hause. Und sie wusste in diesem Moment, dass er es in neunzehn Semestern zur Promotion bringen würde.

»Wir haben das Jahr 1980.«

»Ja und?«, fragte Zenon.

»Ich bin nicht die erste Studentin im Archäologischen Institut hier. Vor ungefähr hundert Jahren sind die ersten Frauen auf deutsche Universitäten gegangen.«

»Es hat schon mal den Fall einer Archäologieprofessorin gegeben«, sagte Zenon lächelnd.

»Machst du einen Witz?«, murmelte Claudia den Tränen nahe.

»Im Ernst. Margarethe Bieber, Archäologin.«

»Von Adel und aus reichem Haus vermutlich.«

»Jüdin und klug. Sie musste nach New York emigrieren.«

»Ich bin Offenbacherin und ebenfalls klug.«

»Gehn wir einen trinken – auf deine Zukunft als große Archäologin.«

Das war der Beginn ihrer wunderbaren Freundschaft gewesen.

»Ich bin eine hungrige Eidechse ...«

»Aber was soll ich machen? Knierim nimmt mich nicht ernst.«

»Ganz einfach.« Zenon ließ seine wunderschönen weißen Vorderzähne aufblitzen. »Mach es wie ich. Im Übrigen – wen nimmt Knierim schon ernst?« Sie saßen in einer verräucherten Kneipe gegenüber der Bockenheimer Warte bei Bier und Schmalzbrot.

Er zeichnete ein Herz auf den Bierdeckel und schrieb hinein: ZENON – KLAUDIA.

»Mit C bitte.«

»Im Griechischen gibt es kein C. Claudia ist ein wunderschöner Name. Passt zu dir.«

»In Wirklichkeit heiße ich Marlies«, sagte Claudia.

Er brach wieder in sein freundliches, gutartiges Gelächter aus.

»Rate, wie ich in Wirklichkeit heiße.«

»Keine Ahnung.«

Er wurde immer aufregender, immer geheimnisvoller. Claudia trank ihr Bier in vorsichtigen Schlucken. Tagsüber verträgt sie keinen Alkohol.

»Panaghiotis«, sagte er.

»Passt einfach nicht.«

»Man kann Panis draus machen. Zenon ist besser.«

»Zenon ist der einzig richtige Name für dich. Was für einen Trick hast du angewendet?«

Zenon lächelte geheimnisvoll. »Ich habe die Archäologie zum Nebenfach genommen. Papyrologie und Alte Geschichte sind meine Hauptfächer.«

»Papyrologie? Klingt nach Altpapier.«

»Ist es auch. Altpapier in Leichen verborgen.«

»Antikes Altpapier, vermute ich mal.«

Im trockenen Wüstenklima Ägyptens blieben Papyrusreste besonders gut erhalten. Man verwendete altes Aktenmaterial, ausrangierte Bücher, Briefe und Geschäftsunterlagen, um damit Mumien auszustopfen, die Mumien von Krokodilen, Katzen und Menschen. Die meisten solcher antiker Papyri seien in Ägypten gefunden worden, aber auch in Syrien hätte man immer wieder welche entdeckt. Und dann gebe es die Villa dei Papiri in Herculaneum, die dem Schwiegervater Caesars gehört habe, ein protziges Gebäude mit einer eigenen Bibliothek. Dort seien Hunderte verkohlter, zu Stein verbackener Rollen aufgetaucht. Zenon geriet ins Schwärmen.

»Die Papyri bilden eine unerschöpfliche Quelle für den Alltag der Menschen«, erklärte Zenon. »Da findest du alles. Kaufverträge, Heiratsverträge, Testamente, Liebesbriefe – und sogar Gedichte. Der Alltag des antiken Menschen sieht dir aus ihnen entgegen. Hier hast du alle sozialen Schichten. In der Mehrheit einfache Menschen, während die antiken Autoren vorzugsweise über Prominente und die vermeintlich großen Ereignisse berichten.«

»Da lächelt kein Knie, vermute ich mal.«

»Kein Glutaeus grinst dich an. Aber du hast etwas in der Hand. Realien, Material, das du erst einmal entziffern musst – dann musst du verstehen, was du vor dir hast. Den Befund zur Kenntnis nehmen und daraus etwas machen, wenn es möglich ist. Manchmal hast du ja wirklich nur zwei Zeilen eines Gedichtanfangs und kannst sie nicht einordnen.«

»Ich müsste mir das mal anschauen«, überlegte Claudia. Langsam kam sie wieder zu sich. Irgendeinen Weg musste es auch für sie geben. Nebenfach Klassische Archäologie war immer noch besser als gar keine Archäologie. »Wie kommt es, dass mir das Papyrologische Institut noch nicht aufgefallen ist?«

»Die legen keinen Wert auf Studenten und auf die Lehre vor vollem Hörsaal«, sagte Zenon zwischen zwei Bissen Schmalzbrot. »Sie konzentrieren sich ganz auf die Forschung. In den Vorlesungen sitzen höchstens zehn Studenten, und im Proseminar sind wir derzeit zu dritt.«

Das Institut zu finden, sei auch nicht gerade leicht, fügte er hinzu.

»Haben die auch was gegen Frauen?«

»Alle Männer, die schon da sind, haben etwas gegen Frauen, die ihnen den Job wegnehmen. Mach also nicht auf intelligentes Mädchen. Das mag keiner. Das wirkt unsympathisch. Du kannst das mit deiner Eins in Griechisch aber ruhig erwähnen«, schlug Zenon vor. »Bei den Papryrologen geht es gar nicht ohne Griechisch. Bist du gut in Sprachen?«

Etwas Aramäisch müsste sie nämlich auch lernen, das sei Voraussetzung für Papyrologie als Hauptfach.

»Kriegt man da später eine Stelle?«, fragte Claudia misstrauisch.

»Nur wenn einer stirbt«, sagte Zenon. »Oder wenn einer freiwillig weggeht. Das Problem ist, wer einen Job hat, geht nie mehr.«

»Was ist so attraktiv daran, verknitterte Papyri glattzubügeln und zu entziffern?«

»Frag mich nicht. Vielleicht fühlt sich so ein Prof als die Elite der Nation. Irgendsowas muss es sein.«

Claudia starrte vor sich hin. Für sie war es das nicht. Nicht die Papyri. Es zog sie magisch zu den Marmorstatuen mit dem herben Lächeln, zu den Jünglingen mit den straffen Glutäen und dem lächelnden Knie. Archäologin zu werden, war hier und jetzt unerreichbar. Genau das reizte sie daran.

»Ich komme wegen des Falles von Zenon Kouros«, beginnt Knierim.

»Oh ja«, murmelt Claudia. »Ich habe in der Zeitung gelesen, dass er tot ist. Woran genau ist er gestorben?«

»Er ist keines natürlichen Todes gestorben. Dieser Kretin von Jünkerich mitsamt der schönen Elena hat ihn auf dem Gewissen.«

Herwig Knierim, genannt Der Göttliche, konnte den Papyrologieprofessor Dr. Hanno Jünkerich noch nie ausstehen. Das Fach Klassische Archäologie hatte von jeher zu den Kunstwissenschaften gehört, die Papyrologen wiederum waren Teil der Historie, der Geschichtswissenschaft. Schon aus diesem Gegensatz heraus war es immer wieder zu Reibereien zwischen beiden Professoren gekommen. Jeder von ihnen war der Meinung, die alten Griechen und Römer auf die einzig richtige Weise zu verstehen, und hielt die andere Fachrichtung für einen Verein von Wichtigtuern und Scharlatanen.

»Wer, bitte, ist die schöne Elena?«, fragt Claudia.

»Sagen Sie bloß, Sie haben noch nichts von ihr gehört.« Der Göttliche lacht ein bitteres Altmännerlachen. »Ich habe keine Lust, über sie zu sprechen. Wenn Sie der Sache nachgehen, werden Sie schon ihre Bekanntschaft machen.« Er starrt auf den Wolfsgott an der Wand. »Glauben Sie nicht, dass ich Sie umsonst arbeiten lassen werde«, sagt er dann hastig. Mit der Umständlichkeit eines alten Mannes zieht er eine schwarzlederne speckige Brieftasche hervor und legt sie auf den Tisch.

Claudia lächelt abwartend und nippt am Tee.

»Offiziell war es ein Sekundenherztod.«

»Schön für ihn«, sagt Claudia.

»Hören Sie, meine Liebe. Zu Ihnen habe ich Vertrauen. Sie haben mich schon damals sehr beeindruckt. Sie wissen noch –«

Ihr Gedächtnis ist hervorragend. Sie hat nicht vergessen, wie Herwig Knierim sie seinerzeit unbedingt davon abbringen wollte, Klassische Archäologie zu studieren.

»So viel Dickköpfigkeit kombiniert mit jugendlichem Charme. Sie waren die Einzige weit und breit, die ich nicht abschrecken konnte. Und sehen Sie«, triumphiert er, »ich hatte Recht. Zum Schluss sind Sie abgesprungen.«

»Es war trotzdem keine verschwendete Zeit«, sagt Claudia. »Die Klassische Archäologie hat mich fasziniert. Für mich ging es da nicht um einzelne Lehrkräfte und um die Frage, ob Ihnen meine Nase genehm war.«

»Es war belustigend, wie verbiestert sich eine so hübsche junge Person in ihr Studium warf. Ehrgeiz allein genügt nicht, ich hatte Sie gewarnt.«

»Kommen wir zum Fall«, sagt Claudia. »Sprechen wir über das, was Sie zu mir führt. Was hat Professor Jünkerich Ihrer Meinung nach mit Zenons Tod zu tun?«

»Ich bin ein alter Mann und habe es satt, höflich zu sein. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch.«

Wenn er weiter nur düstere Andeutungen dieser Art macht, wird sie heute Nacht um zwölf noch hier sitzen. Eine halbe Stunde, gelobt sich Claudia, mehr nicht. Danach soll ihn Federico übernehmen.

»Haben Sie eigentlich gewusst, dass Jünkerich die größte Mühe hatte, sein Graecum zu bekommen?«, fragt Knierim höhnisch. »Der große Kenner griechischsprachiger Texte ist als Student dreimal beim Graecum durchgefallen. Die Fakultät hat ihm eine Ausnahmegenehmigung erteilt zu einem vierten Versuch. Aus Gnade und Erbarmen haben sie ihn beim letzten Mal durchgezogen.«

»Wir sollten einen Vertrag miteinander abschließen«, sagt Claudia trocken. »Ich lege Ihnen ein Exemplar hin. Wenn Sie mit uns zusammenarbeiten möchten, brauchen Sie ihn nur zu unterschreiben, nachdem Sie ihn gelesen haben.«

Wenn er unterschrieben hat, soll er in Gottes Namen schwadronieren, so viel er will. Dass alle Papyrologen Vollidioten, Säufer und Hurenböcke sind, egal.

»Und seine Vorlesungen, so platt, nichts als banales Zeug. Wenn ich ihm im Fahrstuhl oder in der Bibliothek begegne, schäme ich mich für ihn. So einer ruiniert das Ansehen des ganzen Fachs, eu-ro-pa-weit. Ach, entschuldigen Sie – hätten Sie wohl noch solch ein leckeres Croissant?«

Claudia nimmt den Telefonhörer und lässt Federico wissen, dass Herr Professor Knierim ein zweites Laugenhörnchen zu verspeisen wünscht.

»Ja, richtig. Ihr Vorschuss«, sagt Knierim abrupt. »Ich halte nichts von Schecks.«

Bedächtig zieht er aus seiner Brieftasche einen, zwei, drei, vier Tausender, streicht sie glatt und überreicht sie Claudia. »Würden Sie mir die bitte quittieren.«

»Sicher nicht aus der schwarzen Kasse Ihres ehemaligen Instituts«, kann sich Claudia nicht verkneifen zu sagen, während sie hastig eine Quittung ausstellt und das Geld in ihrer eigenen Brieftasche verschwinden lässt. Wie er wohl ausgerechnet auf die Summe gekommen ist?

»Es hat nichts mit dem Institut zu tun. Es ist mein privates Anliegen«, sagt Knierim, und Claudia horcht sofort auf. »In Zenon brannte ein Feuer. Er war ein genialer Archäologe. Er hatte den Blick, die Intuition, das Gespür, all das, was man in Wirklichkeit nicht lernen kann. Man hat es oder man hat es nicht.«

»Zenon hatte es«, sagt Claudia.

»Und dieser geniale Zenon Kouros, ausgerechnet er –« Knierim kann vor Bewegung nicht weitersprechen. Aus wässrigen blauen Altmänneraugen sieht er ihr entgegen und ringt nach Worten.

»Ich muss ein Geständnis machen.« Eine längere Pause folgt. »Eins, für das ich mich nicht schäme und nicht verteidigen muss.« Leise und resigniert sagt er es. Nicht mehr der göttliche Knierim mit dem militärisch schneidigen Blick aus blauen Augen und dem gebräunten Teint.

»Ja, ich habe ihn geliebt. Aber er – er wollte unbedingt –«

Wieder verstummt Knierim und knetet seine Hände.

»Zu den Papyrologen«, beendet Claudia den Satz, als sie den Anblick seines zitternden Unterkiefers nicht länger erträgt.

»Dort sei seine Zukunft. Aber dort lauerte der Tod. Und er – er war so blind, nicht zu sehen, wohin er ging. Ich habe ihn gewarnt.«

Claudia war immer klar, dass Zenon ein gern gesehener Student bei Knierim war. Aber dass einer wie Knierim so starken Anteil an ihm genommen hat, das schmerzt Claudia selbst hier und jetzt noch.

»Ich habe ihm Angebote gemacht –«, setzt Knierim erneut an. Claudia versucht angestrengt, sachlich zu bleiben und sich keinen erotischen Phantasien zu überlassen.

»Ein Dissertationsthema, ihm, obwohl er noch ein so junges Semester war. Er wollte nicht. Er hat abgelehnt. Ich habe ihm eine Assistentenstelle angeboten. Auch das schlug er aus.«

Und war taktvoll genug, ihr, Claudia, nie von den Avancen des Göttlichen zu erzählen.

»Ich habe vor ihm auf den Knien gelegen und gesagt: Tun Sie es nicht, Kouros. Überdenken Sie Ihre Entscheidung noch einmal.«

Undenkbar. Der Göttliche auf den Knien vor Zenon. Das meint er nur im übertragenen Sinn.

»Ich versichere Ihnen, Claudia, niemals vorher hatte ich vor einem Studenten auf den Knien gelegen. Aber er – er war immer so nüchtern, so sachlich. Bei all seinem Charme konnte er doch wieder ganz geschäftsmäßig sein. Man kam nicht an ihn heran. Kurzum, was auch immer ich ihm anbot, es hat ihn überhaupt nicht beeindruckt. Ich gab auf. Jedenfalls für den Moment. Insgeheim –«

Claudia überlegt, dass sie für Knierims Geständnisse auch noch Geld bekommt. Ihr Job ist gar nicht so schlecht. Trotz Überstunden und ewig nicht zahlenden Klienten, Außendienst bei strömendem Regen oder klirrender Kälte, gibt es immer wieder den Augenblick, für den es sich gelohnt hat.

»Insgeheim habe ich immer gehofft, ihn zurückgewinnen zu können.«

Als Nächstes wird er auf Nacktaufnahmen zu sprechen kommen oder ein Schäferstündchen mit Kouros auf der Mittagsschlafcouch in seinem Sprechzimmer erwähnen. Die Couch

im Professorenzimmer war unter Studentinnen immer ein Gesprächsthema.

»Er war von göttlicher Schönheit. Er war der Mensch gewordene Apollon des Westgiebels. Diese fatale Elena hat ihn völlig falsch verstanden, diese einfältige, selbstsüchtige Zicke. Sie wollte einen Menschen aus ihm machen. Zenon war ein Gott.«