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SAXA LUQUUNTUR: Zweiter Weltkrieg: Unter unmenschlichen Bedingungen wird ein junges Mädchen in einer Nervenklinik gefangen gehalten. Jahrzehnte später stolpert Rita Toski, Volontärin bei einer Tageszeitung, im wahrsten Sinne des Wortes über eine verschollene Inschrift und gerät auf die Spur des Mädchens Mariana und ihres Peinigers. Sie entdeckt, dass Mariana nur das erste in einer langen Reihe von Opfern war, und dass der mutmaßliche Serientäter noch immer aktiv ist. Den "Graumacher" umgibt ein dunkles Geheimnis, und Rita gerät selbst in seine Gewalt. Ein Kriminalroman mit Gruseleffekten und abgründigen Szenarien.
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Seitenzahl: 323
Veröffentlichungsjahr: 2014
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René Paul Niemann
Impressum:
Cover: Karsten Sturm-Chichili Agency
Foto: fotolia.de
© 110th / Chichili Agency 2014
EPUB ISBN 978-3-95865-145-6
MOBI ISBN 978-3-95865-146-3
Urheberrechtshinweis:
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors oder der beteiligten Agentur „Chichili Agency“ reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Zweiter Weltkrieg: Unter unmenschlichen Bedingungen wird ein junges Mädchen in einer Nervenklinik gefangen gehalten. Jahrzehnte später stolpert Rita Toski, Volontä-rin bei einer Tageszeitung, im wahrsten Sinne des Wortes über eine verschollene In-schrift und gerät auf die Spur des Mädchens Mariana und ihres Peinigers. Sie ent-deckt, dass Mariana nur das erste in einer langen Reihe von Opfern war, und dass der mutmaßliche Serientäter noch immer aktiv ist. Den "Graumacher" umgibt ein dunkles Geheimnis, und Rita gerät selbst in seine Gewalt.
Ein Kriminalroman mit Gruseleffekten und abgründigen Szenarien.
Manchmal stolpert man unvermutet über einen Stein, den man vorher nie wahrgenommen hat, obwohl er seit tausend Jahren an der gleichen Stelle liegt. Der Stein, über den Rita Toski an diesem Morgen auf ihrem Weg zur Arbeit stolperte, war so ein Obstakel, grau und vage bis zur Unsichtbarkeit, aber dennoch sehr substantiell, schmerzhaft geradezu, und der Zusammenstoß mit ihm sollte von nachhaltiger Bedeutung sein.
Rita war spät dran. Sie hatte nach der kurzen Nacht den Weg aus dem Bett nicht rechtzeitig gefunden und war so sehr in Eile, dass sie hastig die Grafenstraße entlang stöckelte. Der Fußweg war holprig, die hochhackigen Sandalen waren neu und drückten am kleinen Zeh. Sie ärgerte sich, weil sie wusste, dass sie hektische Flecken auf den Wangen haben würde, wenn sie das Büro erreichte, und sie mochte es nicht, wenn ihre Souveränität die Politur verlor.
Gerade an diesem Tag hatte sie viel vor: Die wöchentliche Frühbesprechung, die jeden Montag anstand, würde in acht Minuten beginnen, während allein das Zurücklegen des Weges in normalem Schritttempo zwölf Minuten dauerte und mit diesen vermaledeiten Sandalen mindestens eine Viertelstunde beanspruchen würde. Es war wirklich ärgerlich ... es war zum Mäusemelken! ... denn ausgerechnet heute wurde die neue Aufgabenverteilung festgelegt, und wer nicht rechtzeitig da war, musste das nehmen, was übrig blieb, das, was keiner haben wollte, was für die nächsten drei Monate langweiligen Routinekram bedeutete … Datenauswertungen am PC ... oder Staub von alten Akten putzen ... oder das Magazin neu sortieren ... oder im Archiv versauern ... oder Erbsenzählen ... oder …
Genau in diesem Moment riss das dünne Riemchen von Ritas rechter Sandale. Sie kam ein wenig aus dem Tritt und wollte sich rasch an der Hauswand abstützen. Dies misslang jedoch, weil sie in der einen Hand ihre Tasche und in der anderen den vorsorglichen Regenschirm sowie abgezähltes Kleingeld für ein noch zu kaufendes Marzipancroissant trug. Sie stolperte einen halben Schritt vorwärts und ging höchst unsanft in die Knie. Mit der einen Handfläche gelang es ihr gerade noch, den Sturz abzufangen, bevor sie den Boden küsste. ... Scheiße, Scheiße, Scheiße! ... Die Hand tat höllisch weh, wenn auch nicht mehr als die Knie, die unter den zerfetzten Seidenstrümpfen ordentlich aufgeschürft waren.
In diesem Moment war ihre wertgeschätzte Souveränität wie weggeblasen. Schrecken und Schmerz jagten ihr heiße Tränen in die Augen, und sie war sich nicht sicher, ob der instinktiv ausgestoßene Fluch ihrem Mund nicht versehentlich laut entschlüpfte. Aus den Augenwinkeln blickte sie rasch in die Runde. Zum Glück war kein Mensch in der Nähe. Sie rappelte sich auf, begutachtete mit schmerzvollem Blick ihre Blessuren, die zerrissenen Strümpfe und natürlich die verwünschten Schuhe, die an allem Schuld waren. In diesem Zustand brauchte sie gar nicht mehr weitergehen. Es wäre witzlos gewesen, den Dauerlauf wieder aufzunehmen. Die Sandale war unbrauchbar, und ihr blieb nichts übrig, als so rasch wie möglich nach Hause zurückzueilen, sich zu verpflastern und umzuziehen. An kurze Röcke war in den nächsten Wochen nicht zu denken. Außerdem brannten die zerschundenen Knie wie Feuer.
Der Inhalt ihrer Tasche hatte sich über dem Bürgersteig verteilt. Hier und da blinkte eine Münze des Croissantgeldes. Sie rückte die Sandale so gut wie möglich wieder zurecht und machte sich leise ächzend daran, ihre verlorenen Habseligkeiten zusammenzuklauben, verärgert über die unelegante Figur, die sie vermutlich dabei abgab. Auch ihre Kosmetikutensilien hatten großflächig das Weite gesucht. Das Fläschchen mit dem Nagellack war zerbrochen; ein schillernder Fleck in Perlmuttblau schmückte das Fußwegpflaster, wie ein herzförmiges Stückchen Himmel, das in den Schmutz gefallen war. Das war zwar optisch sehr reizvoll, vor allem aber ausgesprochen ärgerlich, denn das Zeug war nicht billig gewesen und sie bekam Luxus nicht geschenkt. Noch verärgerter war sie freilich, als sie bemerkte, dass auch ihr neuer Lippenstift, Coralle des Isles Pacifiques, nach dem sie wochenlang alle Parfümerien und Kosmetikabteilungen abgesucht hatte, verschwunden war. Der Tag hatte kaum begonnen und war schon gründlich verdorben!
Wütend stampfte sie auf und ließ die Augen schweifen. Zur Rechten der Rinnstein, durchweichte Papiertaschentücher, Hundekot, eine fettige Hamburgerschachtel ... Auf der anderen Seite die Hauswand aus dicken Quadersteinen, das hässlichste Gebäude der Straße, vielleicht auch der ganzen Stadt, düster wie gewisse Träume, abweisend und streng. Die unproportional kleinen Fenster zwinkerten wie missgünstige Augen, irgendwie schief und natürlich vergittert – wie konnte es anders sein – als ob jemand Lust gehabt hätte, hier freiwillig einzusteigen. Weiter unten, in engen Nischen, welche mit alten Eisenrosten abgedeckt waren, befanden sich die dämmerschlafenden Kellerfenster, deren obere Kanten noch ein Stückchen unterhalb des Bürgersteigniveaus lagen.
Natürlich! Der blöde Rost! Jetzt war klar, wohin der Lippenstift entschwunden war. Rita ärgerte sich noch mehr, denn der Rost sah massiv und schwer aus, als wäre er seit Jahrzehnten nicht bewegt worden. Er war so dreckig und schmierig, dass schon der Gedanke, ihn anzufassen und hochzuhieven, nur Widerwillen hervorrief. Sie ging in die Hocke und spähte ins Halbdunkel. Tatsächlich, dort unten, einen knappen Meter unter ihren Füßen, lag das vermisste Kleinod im Dreck.
Der Tag war sowieso schon versaut, und nun kam es auch nicht mehr darauf an, ob sie sich noch weiter mit Schmutz besudelte oder die Nägel abbrach. Sie zwängte ihre gepflegten Finger durch den Rost und zerrte und zog, aber wie vermutet war das ganze Ding wirklich schwer wie Blei und außerdem im Laufe der Jahrhunderte durch Dreck und Oxidation mit dem es umgebenden Stein so gut wie verwachsen. So ging es nicht.
Mit einem Taschentuch säuberte Rita ihre Hände und schaute sich um. Ihr Aufzug war inzwischen wirklich desolat. So sehr sie sich auch bemühte, elegant vor dem Rost zu hocken, ihr Rock rutschte dabei höher als polizeilich erlaubt. Gleichzeitig wurde die Straße belebter. Der Pendlerbus war angekommen und hatte an der Straßenecke Dutzende arbeitseifriger Vorstadtbewohner abgesetzt. Flink erhob sie sich. Wahrscheinlich war es das Klügste, rasch an die schwere Tür zu klopfen, die sich zwanzig Meter weiter über den drei breiten Portalstufen erhob. Sie würde bitten, von drinnen das Kellerfenster öffnen zu dürfen, um ihren Lippenstift einzusammeln. Vielleicht ließ man sie auch das Badezimmer benutzen, damit sie ihre Hände und die Knie ein wenig säubern konnte. Leise schimpfend raffte sie ihre Siebensachen zusammen. Der rechte Knöchel schmerzte beim Auftreten. Schamhaft hielt sie sich die Handtasche so vor die Knie, dass die zerfetze Strumpfhose den Blicken der Vorbeieilenden verborgen blieb.
Die Tür war massiv und dunkel vor Alter – wie ein Berg, der sich erhob. Und verschlossen wie der Berg Sesam blieb sie auch, düster und schweigend, gleichgültig den Händen gegenüber, die an ihr klopften. Rita fand keinen Zaubertrick, der ihr Einlass verschaffte. Die Klingel funktionierte offensichtlich nicht, und der altmodische Türklopfer, der einen dröhnenden Lärm verursachte, zeigte ebenso wenig Wirkung. Nichts regte sich. Überhaupt schien das ganze Haus schon seit langer Zeit verlassen zu sein, und als sie nun darüber nachdachte, musste sie sich eingestehen, dass sie noch niemals in den ganzen Jahren, die sie es kannte, eine Menschenseele hier hatte ein- und ausgehen sehen. Es war ihr nur nie richtig zu Bewusstsein gekommen, so wie man die selbstverständlichen Dinge im Leben oft zu übersehen pflegt. Wer weiß schon aus dem Stegreif, ob die Zahnbürste, mit der man sich dreimal täglich die Zähne schrubbt, grün oder blau ist? Solche Dinge eben. Dieses Gebäude war zwar das größte und klobigste des ganzen Straßenzuges, aber trotzdem beinahe unsichtbar, grau wie der Stolperstein, keinen Gedanken wert, still wie ein Grabmal im Herbst, trotz aller Bemühungen des Junimorgens, es aus seiner Reserve zu locken. In der Hochsommerhitze, wenn die Mittagssonne knallte, war es angenehm, in seinem Schatten zu gehen. Das war alles, was Rita über das Haus wusste.
Ein letztes Mal betätigte sie mit Kraft und einer reichlichen Portion Überdruss den Türklopfer, obwohl schon klar war, dass sie nur Schweigen ernten würde, als schlüge sie in ein steinernes Gesicht, das sich nicht verzog, hermetisch und lautlos hinter einer dicken Schicht aus grauem Staub, die alles zu dämpfen schien. Nur ihre eigene Hand fühlte die Wucht der Schläge.
Missmutig machte sie sich zurück auf den Weg zu ihrer Wohnung, mit etwas gestelzten Schritten, denn sie gab sich Mühe, die defekte Sandale mit den Zehen festzukrallen, um nicht barfuß gehen zu müssen.
Zuhause hätte Rita sich nun rasch umkleiden und doch noch ins Büro eilen können, um zu retten was vielleicht noch zu retten war, und mit Hilfe der mitleiderweckenden Folgen ihres Sturzes eventuell noch eine annehmbare Aufgabe für die nächsten Wochen herauszuschlagen. Stattdessen wühlte sie unter ihrem Küchentisch in der Werkzeugkiste auf der Suche nach einem dicken Schraubenzieher, der sich bei Bedarf auch als Hebel oder als kleine Brechstange einsetzen ließ. Hartnäckigkeit war eine ihrer gepriesensten Tugenden. Manchmal konnte sie sogar so hartnäckig sein, dass aus der Tugend ein Ärgernis wurde. In Jeans und Turnschuhen fühlte sie sich etwas getröstet, als würden die Wunden schneller heilen, wenn man sie nicht sah. Die Seidenstrümpfe waren mitsamt den Sandalen auf direktem Wege in der Tonne gelandet. Sie steckte den Schraubenzieher in ihre Handtasche.
Als sie gerade im Begriff war, die Wohnungstür wieder hinter sich zuzuschlagen, klingelte das Telefon. Am anderen Ende der Leitung meldete sich Benedikte, die ebenfalls ein Volontariat beim Nordwest-Kurier absolvierte. Als sie sich vor einem guten Jahr zum ersten Mal begegnet waren, hatte jede in der anderen ein notwendiges Übel gesehen, mit dem man sich zwar arrangieren musste, das vor allem aber Konkurrenz bedeutete. Rita hielt Benedikte für eine verwöhnte Göre aus betuchtem Hause, die gewohnt war, alles zu bekommen, wenn sie nur laut genug meckerte. Außerdem hatte Benedikte eine so unsagbar unbekümmerte Art, das von in ihrem Nachnamen zu betonen, als müssten alle gewöhnlichen Sterblichen vor ihr in die Knie sinken. Benedikte von Barenburg-Rysum, deren Blut bei der richtigen Beleuchtung ein klein wenig bläulich schimmerte.
Benedikte hingegen sah in Rita das typische Produkt einer kleinbürgerlichen Erziehung auf der Basis antiquierter Rollenstereotypen, das sich niemals mit eigenen Zähnen und Krallen durchbiss, das sich schlichtweg weigerte, unangenehmen Dingen die Stirn zu bieten, und das in Notfällen große Kulleraugen machte und die kindliche Unterlippe vorschob, bis sich jemand erbarmte und ihr die ungeliebten Lasten abnahm.
Vielleicht hatten beide nicht völlig unrecht mit der Beurteilung der jeweils anderen. Es war schon schlimm genug, dass sie sich ein winziges Büro teilen mussten und sich quasi von früh bis spät vor Augen hatten, aber es war eine regelrechte Strafe gewesen – oder ein gezielter Fußtritt des Schicksals – als sie im letzten Winter gemeinsam in dem engen Fahrstuhl des Pressehauses steckengeblieben waren und dort eine unendlich lange Nacht zusammen hatten verbringen müssen. Zuerst hatten sie sich angeschwiegen, sich dann gegenseitig mit verbalem Dreck beworfen und einander schließlich ihre Lebensgeschichten erzählt. Erst einmal angefangen, hatten sie solange geredet, bis um halb sechs in der Frühe der Fahrstuhl einen Ruck gemacht und sich langsam bis ins Erdgeschoss gesenkt hatte, wo ein völlig verblüffter Hausmeister dabei gewesen war, die verkantete Tür mit einer Stange auseinanderzuhebeln. Nach diesem Vorfall und mit ein wenig mehr Ein- und Nachsicht hatten die beiden sich zusammengerauft und seither angenehme wie unangenehme Aufgaben geteilt.
Benediktes Begrüßung war ungehalten und ohne Preluden. „Was ist los mit dir, du Pflaume? Ich hatte in Erinnerung, dass wir uns gemeinsam eintragen wollten!“
„Tut mir echt leid, ich glaube, ich bin heute mit dem falschen Fuß aufgestanden...“ Rita sprach langsam und lehnte sich mit dem Rücken einen Moment gegen die kühle Flurwand, um den Knöchel zu entlasten. Übelkeit überkam sie wie eine prickelnde, kleine Welle, die über ihrem Nacken und ihren Schultern zusammenschlug. Sie bemerkte einen leicht salzigen Geschmack in ihrem Mund. „Lohnt es sich noch, dass ich vorbeikomme?“
„Dir wird wohl nichts anderes übrigbleiben, oder willst du blau machen? Die Besprechung ist allerdings gelaufen, das dürfte dir ja klar sein. Ging alles ganz fix. Ich bin ab nächster Woche im Außendienst.“
Reflexartig schloss Rita die Augen, der Geschmack nach Meerwasser verstärkte sich, und für einen Sekundenbruchteil sah sie einen schlingernden, dunklen Schatten hinter ihren Lidern, der wie ein lebendiges Wesen in die Ferne zu laufen schien. In ihren Ohren summte es. Dann war es vorbei.
„Hast du mich mit eingetragen?“ Der kleine Schimmer Hoffnung in ihrer Stimme wollte nicht recht glänzen.
„Du weißt genau, dass das nicht geht! Jeder muss sich selbst einschreiben und zwar in persönlicher Rücksprache mit der Fluse … – Wir hätten es so schön haben können! Und du versetzt mich einfach und lässt mich blöd dastehen. Und nun habe ich stattdessen Thomsen, diese Lusche, auf der Pelle, und das ist eine echte Strafe!“
„Und ich?“ ... bitte nicht Erbsenzählen oder Büroklammerflechten oder Akten abstauben...
„Archiv!“, sagte Benedikte mit einer Spur von Gehässigkeit. „Muss dir doch klar sein! Wer nicht kommt zur rechten Zeit ...“
„Erspare mir diese Sprüche ...“ Rita seufzte, ihre schönen Augen verfinsterten sich. Benedikte konnte eine echte Zicke sein, und wenn sie die beleidigte Leberwurst spielte, war sie unausstehlich. Es war in der Welt anscheinend unvermeidlich, dass die besten Kerne immer von den stacheligsten Schalen umgeben waren.
Einen Moment fühlte sich Rita zutiefst deprimiert. Ihre Stirn war wieder kühl, aber kleine Schweißtropfen standen darauf. Der Juni hatte gerade begonnen und war dabei, seine blütenreiche Pracht zu entfalten, und nun konnte sie bis September als bleiche Kellerpflanze im Archiv umherhuschen und sich zu Tode langweilen.
„Mach dir nichts draus“, stichelte Benedikte, immer noch nachtragend. „Ich habe gehört, es soll einen schönen Herbst geben!“
„Bist du nachher noch im Büro?“
„Heute nicht mehr. Ich muss gleich los, mit Gerdes, und Thomsen natürlich. Eine Tour über die Dörfer. Einweihung des neuen Schützenvereinsheims in Oldenbrok und zwischendurch Apfelkuchenprüfen im Landgasthof ... Übrigens werden wir mit Gerdes´ Cabrio fahren. Du weißt schon: Wind in den Haaren, Sonne auf der Nase ... Nicht, dass das von Bedeutung wäre, ich wollte es nur erwähnen.“
Rita schwieg verbittert. Der ideale Sommerauftrag! Und sie vermasselte sich selbst die Gelegenheit, weil sie ausgerechnet heute auf hohen Absätzen durch die Gegend hatte stöckeln müssen! Und nun stattdessen das Archiv, Dunkelheit, Enge und Staub … Der Gedanke bedrückte sie mehr, als sie rational nachvollziehen konnte.
„Ja, dann muss ich mich wohl auf den Weg machen ...“
Auch ihre Zunge fühlte sich lahm an. Ihre Hand, mit der sie gegen die Tür des leerstehenden Hauses geschlagen hatte, kribbelte, als würde sie sie in einen Ameisenhaufen halten. Sie betrachtete sie gedankenversunken. Trotz Wasser und Seife schien noch immer ein Grauschleier daran zu haften ... Dann riss sie sich abrupt aus der trägflüssigen Benommenheit los, die sie einzulullen versuchte, und schüttelte den Kopf. Was für ein Unsinn! Sie brauchte dringend frische Luft. Der Flur erschien ihr enger als sonst und die Hand pulsierte.
„Was ist los mit dir?“, fragte Benedikte in weiter Ferne. „Bist du überhaupt noch da?“
„Ja.“
„Was hast du? Muss ich mir Sorgen machen?“
„Nicht nötig … Ein kleines Kreislaufproblem, das legt sich gleich wieder.“
„Ist wirklich alles in Ordnung?“
„Ja ja, geht schon.“
„Dann würde ich mich an deiner Stelle beeilen. Die Fluse hat schon gefragt, wo du bleibst. Sie will euch heute Vormittag noch eine kostenlose Führung durch die Katakomben zuteilwerden lassen, damit ihr morgen gleich richtig loslegen könnt.“
„Uns? Wer hat denn noch das große Los gezogen?“
„Delius, der arme Tropf ... Und weißt du, was das Beste ist? Er hat sich f r e i w i l l i g gemeldet. Er hat eine Pollenallergie oder Heuschnupfen und hat sich für den Sommer extra was ausgesucht, wo er sich in luftleere Räumen verkriechen kann.“
„Dann bin ich ja wenigstens nicht die Einzige“, sagte Rita düster, wobei sie sich allerdings nicht sicher war, ob in den langen Dunkelstunden des Archivs das Alleinsein nicht der Gesellschaft von Delius vorzuziehen war. Wortkarg beendete sie das Gespräch, denn jede weitere Vertiefung in das Thema hätte nur dazu beigetragen, ihr den Tag vollends zu verleiden. Noch immer flimmerten schwarze Partikel vor ihren Augen. Sie griff nach ihrer Tasche und der Strickjacke und beeilte sich, der klaustrophobischen Umarmung ihres Flures zu entkommen.
Der Lippenstift blinkte unschuldig golden vor sich hin, gebettet im Staub der Jahrhunderte. Rita ließ sich auf die Knie nieder und klemmte den Schraubenzieher zwischen das Eisen und den Stein. Der Rost knirschte und bewegte sich nur schwerfällig. Schmierige Erdklumpen lösten sich ab. Mit beiden Händen fasste Rita zu und schob das gelockerte Gitter ein Stückchen zur Seite, gerade weit genug, um den Arm hindurchzustrecken und nach dem Lippenstift angeln zu können. Leider reichte ihre Hand nicht ganz bis zum Boden. Ein paar lächerliche Zentimeter fehlten. Also blieb ihr nichts übrig, als den Rost ganz wegzuschieben und tiefer in das staubige Loch einzutauchen. Schließlich hielt sie den Lippenstift in ihrer Hand, zusammen mit verstaubten Spinnweben. Angeekelt wischte sie sie ab. Als sie das zerknüllte Papiertaschentuch in die Tiefe fallen lassen wollte, bemerkte sie ein weiteres Blinken, etwas fahler, silbrig und unscheinbar. Da sie sowieso schon schmutzig war, ließ sie es sich nicht nehmen, auch nach diesem Objekt zu fischen. Es entpuppte sich als ein altes Zweimarkstück, das vor Jahren hier gelandet sein musste. Kein großer Schatz, aber immerhin.
Die Straße war menschenleer. Mittagszeit, müde Stunde. Das war gut so, denn Ritas Neugier war erwacht. Sie stand auf. Im Rinnstein hatte sie einen Stock gesehen. Dieses dreckige kleine Loch war ein echtes Zeitfenster, fast so etwas wie ein kleines Tor in die Vergangenheit. Alles, was jemals hineingerollt war, hatte hier sein Grab gefunden, konserviert unter zentimeterdickem Modder, in dem hier und da schon Unkrautpflänzchen sprossen und Käfer krabbelten. Ein eigenes kleines Biotop, so abgeschieden und verborgen, dass es sich ohne weiteres auch auf dem Mond hätte befinden können.
Sie summte vor sich hin wie früher beim Spiel im Sandkasten und stocherte in den Ecken herum. Eine Spinne verkroch sich. Sonst nur Schmutz, vergilbte Zigarettenkippen, Schnipsel von altem Silberpapier und ein unscheinbares Metallteil, das sich auf den ersten Blick nicht identifizieren ließ. Mit zwei Fingern hob sie es auf. Es war ein altes Taschenmesser, ziemlich klobig, eindeutig zu groß, um durch die Löcher des Rostes zu passen. Also musste es durch das Kellerfenster in die Nische gelangt sein. Die Scheiben waren so dreckig, dass sie kaum als solche zu erkennen waren. In einem der schmalen Flügel fehlte das Glas, und der Rahmen war mit groben Brettern zugenagelt. Die Gitterstäbe, die das Fenster zusätzlich sicherten, waren stark korrodiert, aber noch sehr solide. Ein Stab fehlte.
Die Sonne stand mittlerweile im Zenit, und als die dicke Wolke, die aussah wie ein gelbliches Federbett, sich verzog, leuchtete sie geradewegs in das kleine Verlies hinein. In diesem Moment erkannte Rita, dass die linke Seitenwand der Nische, die aus einem einzigen grauen Block zu bestehen schien, nicht ganz glatt war. Mit der Hand wischte sie über den Stein. Unter einer Schicht von Straßenruß waren Einkerbungen zu erahnen, wie ungelenke Hieroglyphen, von denen einige mit ein bisschen Fantasie sogar Ähnlichkeit mit lateinischen Buchstaben haben mochten. Sie waren von ungeübter Hand mit irgendeinem provisorischen Werkzeug und in offensichtlich mühevoller Arbeit in die Wand geritzt.
Rita nahm nochmals das alte Messer in die Hand und betrachtete es eingehend. Die ausgeklappte Klinge war völlig oxidiert, brüchig vor Rost. Die Spitze war abgebrochen, das ehemals scharfe Metall ganz rund geschabt. Der Griff bestand aus feuchtem Holz, das unter der Dreckkruste Spuren starker Abnutzung zeigte, als habe es ewig lange in der gleichen Hand geruht. War es möglich, mit einem solchen Werkzeug Stein zu gravieren?
Sorgfältig wickelte sie das Messer in ein Papiertuch und steckte es in ihre Hosentasche, wenngleich sie in diesem Moment kaum hätte sagen können, wozu das dienen sollte. Sie hatte glücklicherweise nicht den Tick, ihr eigenes Tun ständig vor sich selbst rechtfertigen zu müssen, was ihr einen gesunden Pragmatismus verlieh, den böse Zungen und beschränkte Lehrer gelegentlich als eine milde Form von Stoizismus bezeichneten. Oftmals handelte sie, bevor sie zu denken begann, in der unausgesprochenen Überzeugung, dass alles, was sie tat, früher oder später schon einen Sinn ergeben würde. Einen Moment lang war sie drauf und dran, sich ganz in die Nische hinunterzulassen, um den Staub aus den Gravuren besser entfernen zu können. Es waren tatsächlich Buchstaben, und an einer Stelle ...
In diesem Moment spürte sie eine Hand auf der Schulter. Es war der starke Arm des Gesetzes. Rita errötete, denn der Polizeibeamte war jung und gutaussehend, und sie selbst schmutzig und zerzaust bis unter den Scheitel. Sie öffnete ihre Faust und zeigte ihm den Lippenstift, erläuterte lächelnd ihr Missgeschick mit der Sandale, und der Polizist half ihr, das Gitter wieder über das Loch zu schieben.
Als der Beamte ging, blickte sie mit leisem Unbehagen noch einmal zurück. Die Sonne lag schon wieder hinter einer Wolke, grauer und schwerer als die andere. Trotz der Strickjacke fühlte sie eine Gänsehaut auf den Armen. Ihr Mund war trocken. Nun lag alles wieder im Dunkeln. Der graue Steinblock versteckte sich. Die Schriftzeichen waren unleugbar vorhanden, aber von dieser Warte aus so unsichtbar wie der Staub unter ihren Schuhen.
„Verrückt ...“, murmelte Rita gedankenverloren.
Unter dem schiefergrauen Dach des großen, alten Hauses saß ein dunkelgraues Ding, das sich versteckte, das dann und wann leise lachte, das sich hurtig und geschwind bewegte wie ein Luftzug, und dessen Hand so kalt war wie ein Stein. Die Augen waren leblos, milchig wie Opal, sie fürchteten das Tageslicht. Ein Geschöpf der Nacht, mit Fledermausohren, die alles hörten, mit langen, dünnen Fingern, die alles ertasteten, und mit einem großen Herzen, das über alle Maßen liebte. Seine Knochen waren dünn und biegsam wie die einer Katze, und seine Seele so grau wie der Staub. Nichts erinnerte mehr an den Menschen, der es vor langer Zeit gewesen war.
Im Pressehaus herrschte geruhsames Treiben. Der Lockruf der Sonne war an diesem Tag stärker als das Lob der Arbeit. Rita schlüpfte durch die Seitentür hinein und eilte gleich in die Damentoilette, um sich in einen halbwegs präsentablen Zustand zu versetzen. Energisch klopfte sie ihre Jeans aus. Der Dreck unter ihren Fingernägeln war hartnäckiger und bedurfte einer ordentlichen Prozedur mit der Nagelbürste. Dann huschte sie so leichtfüßig wie möglich über den Flur im dritten Stock, um Frau Fluse nicht in die Hände zu fallen. Die Aufgabe der Ausbildungsleiterin der Azubis und Volontäre war nicht immer dankbar und die Fluse ein dementsprechend harter Brocken.
Ganz am Ende des Flures öffnete Rita die Tür zu dem kleinen Kabuff, das ihr und Benedikte als Quasi-Büro diente. Quasi-Büro, weil es Jahrzehnte lang eine Abstellkammer für kaputtes und veraltetes technisches Gerät gewesen war, für Putzeimer, Besen, ausgeschlachtete Staubsauger und allen möglichen Kram, ehe man es entrümpelt hatte. Rita und Benedikte waren zufrieden mit der Lösung, denn der Raum war zwar klein und mit den beiden Schreibtischen und den hohen Regalen ziemlich vollgestopft, aber das große Halbmondfenster hatte etwas sehr Stilvolles, und der Blick fiel direkt auf die Tulpenbeete im Park. Im Sommer war es hier brütend heiß, doch wenn man die Augen schloss und sich ganz auf die fernen Laute einließ, die von der Straße als unverständliches Gemurmel heraufdrangen, durchsetzt vom Hupen der Autos, hatte das gefühlte Ambiente fast etwas Mediterranes. Und vor allem hatte man seine Ruhe. Kaum jemand klopfte an die Tür, vielleicht, weil die Volontärinnen so uninteressant waren, dass niemand sie zu sehen wünschte oder weil die Kollegen im Hause gar nicht mitbekommen hatten, dass die Rumpelkammer keine Rumpelkammer mehr war.
Rita kippte das Fenster so weit wie möglich auf, um die Mittagssonne und die Vogelstimmen aus dem Park hereinzulassen, und stellte Kaffee auf. Die Kaffeemaschine war neben dem schönen Ausblick der größte Komfort des Quasi-Büros. Ihr Drehstuhl war nur mäßig bequem, abgenutzt von Generationen von Praktikanten, und er lud nicht wirklich dazu ein, lange gemütlich zu verweilen. Auf diese Weise wurde der Müßiggang nie allzu süß, worin vielleicht die Absicht des mangelhaften Ensembles lag.
Bald durchflutete Kaffeeduft den kleinen Raum. Rita schenkte sich eine große Tasse ein, mit viel Milch und Zucker, wie sie es liebte. Sie genoss das Alleinsein. Der Knöchel schmerzte immer noch ein wenig. Sie legte den Fuß auf die niedrige Fensterbank und lehnte sich zurück. Entspannt und mit halbgeschlossenen Augen begann sie in ihrem Gedächtnis zu kramen, beide Hände fest um die warme Tasse gelegt.
Das Gebäude ...
Groß und alt, steingrau und abweisend, schien es seit Ewigkeiten in der Grafenstraße zu stehen und ebenso lange verlassen zu sein. Undurchdringlich, nicht nur auf physischer Ebene. Es brauchte kein Leben in sich, es genügte sich selbst. Und wer seine harten Mauern berührte, dem machte es die Hände grau.
Im Grunde kannte sie das Haus, seit sie nach Oldenburg gezogen war. Aber was hieß schon kennen? Sie wusste, dass es dort stand, mehr nicht. Es existierte, so wie ein Kothaufen auf der Straße existiert, den man erst bemerkt, wenn man hineintritt. Wenn man das Haus schließlich bemerkte, war man von seiner erdrückenden Massivität unangenehm berührt und gleichzeitig erstaunt, etwas so Großes und Hässliches übersehen zu haben. Es war schweigend und nichtssagend, farblos wie das Nichtvorhandensein selbst, die Fassade schlicht und schmucklos, so vollkommen ohne jede Individualität, dass man weder einen konkreten Baustil noch eine Funktion daran ablesen konnte. Eine Gesichtsfläche ohne Augen, Nase und Mund, ein Finger ohne Abdruck …
Rita hatte eine Schatzsuchermentalität. Rätselhafte Dinge lockten sie mit hellem Klingeln. Sie wühlte mit Begeisterung im Dreck, im metaphorischen ebenso wie in schwerer Gartenerde, sie fand Überraschungen, gute wie böse, die sie nicht bewertete, sondern mit kindlicher Unvoreingenommenheit zur Kenntnis nahm. Sie hatte das Staunen noch nicht verlernt. Als sie klein gewesen war, hatte sie im Sand gespielt und sich über jeden bunten Stein und jeden toten Käfer gefreut, der dabei zum Vorschein gekommen war. Eine Zeitlang hatte sie daran gedacht, Archäologin zu werden, bis ihr aufgegangen war, dass es nicht unbedingt nötig war, tonnenweise Erde beiseite zu räumen, um interessante Dinge zu finden, und dass die größten Geheimnisse oftmals von ganz anderem Schutt bedeckt waren.
Die Schriftzeichen gingen ihr nicht aus dem Sinn. Vielleicht war das lächerlich. Aber welche Mühe musste es gekostet haben, sie von Hand in den Stein zu ritzen. Warum machte das jemand? Aus Langeweile? Beschäftigungstherapie? Simple motorische Dummheit, um sich die Zeit zu vertreiben, so wie viele Leute bei langatmigen Telefongesprächen einfach vor sich hinkritzelten oder so wie die Schultische in den langweiligen Stunden mit allerhand Schmierereien und Kritzeleien versehen wurden, kleinen geschnitzten und geritzten Duftmarken im Sinne von Ich war hier ...? Aber es blieb doch ein bedeutsamer Unterschied dazwischen, mit einem Taschenmesser ein paar Minuten lang während einer öden Schulstunde auf einem Tisch herumzuschnitzen, oder sich mit demselben Werkzeug über Jahre hinweg an einem ungnädig dicken Steinblock abzuplacken. Die Messerspitze war abgebrochen, die Klinge dünn und stumpf geworden. Wahrscheinlich waren noch weitere Werkzeuge zum Einsatz gekommen, denn die Lebensdauer des Messers war unter diesen Umständen wohl ziemlich begrenzt gewesen. Und das alles, um sich an einer Stelle zu verewigen, die so vollkommen ungeeignet war? Welche Qualität musste eine Botschaft besitzen, die soviel unermüdliche Anstrengung rechtfertigte? Selbst wenn ein Passant zufällig auf dem Rost stehen blieb und hinabschaute, würde er in dem schmutzigen Halbdunkel nichts erkennen.
Die Sonne schien direkt in Ritas Gesicht und machte sie träge. Sie döste ein wenig vor sich hin. Es war überaus behaglich, sich im Büro zu befinden, wenn niemand wusste, dass man da war. Schade, dass der Keksvorrat zu Ende ging. Nur ein paar Krümel befanden sich noch in der Dose. Im Gegenlicht lag der Park wie ein grüner Smaragd, die Blätter rauschten und wogten im Wind. Der schmale Wasserlauf, der sich in Form einer betrunkenen Acht durch die Anlagen zog, glitzerte wie ein Band aus Diamanten. Zwischen den Tulpenbeeten wandelte die Fluse auf und ab, als würde sie auf jemanden warten. War sie es wirklich? Ja, ganz bestimmt, niemand sonst trug so knitterfreie und strahlendweiße Blusen. Wahrscheinlich hatte auch sie keine Lust, sich an einem Tag wie diesem von ihren Schützlingen ärgern zu lassen, sondern gewährte unter Blätterwogen und Vogelzwitschern den weniger strikten Seiten ihres Wesens einen Freigang. Ein distinguierter Herr mit Bart und Krawatte trat vor sie hin, und sie verschwanden gemeinsam hinter einer Wegbiegung.
Rita atmete tief durch. Die warme Luft war wie eine Therapie. Sie machte die Menschen friedlich und löste die Knoten in der Magengegend. Benedikte machte sich einen vergnüglichen Tag auf ihrer Landpartie, die Beneidenswerte ... Wahrscheinlich waren alle außer Haus, abgesehen von ihr selbst und ...
... Delius!
Delius, natürlich! Sie nahm die Füße von der Fensterbank und fühlte abermals einen winzigen Schwindel im Kopf, als würde ihr Kreislauf lieber sitzen bleiben wollen ... irgendetwas stimmte nicht ... Wahrscheinlich war der Kaffee zu stark gewesen. Es wäre sicher am besten, aufzustehen und ein paar Schritte zu tun. Genau. Sie würde nach unten gehen. Delius saß bestimmt noch im Archiv und schlug sich selbstvergessen die Zeit um die Ohren. Vielleicht übernachtete er auch dort. Seine Passion – höchstwahrscheinlich seine einzige – war das Wühlen nach vergessenen Streiflichtern der Stadtgeschichte, und seine Augen bekamen ein weiches Leuchten, wenn er alte Dokumente streicheln durfte, liebevoll und fürsorglich, so wie andere Leute ihre Freundin.
Delius war eben Delius. Keine andere Beschreibung konnte ihn treffender charakterisieren. Er war ein wenig seltsam – suspekt war ein gutes Wort – fast unsichtbar, fleißig wie ein Wiesel und emsig wie eine Ameise, die Bröckchen für Bröckchen Berge von Wissen ansammelte. Ja, er war wirklich suspekt … Und es lag durchaus im Bereich des Möglichen, dass er auch jetzt dort unten hockte, aus Angst vor dem Sommer, der Sonne, den Blütenpollen, und weil sein Leben höchstwahrscheinlich so langweilig war, dass für ihn das Archiv einen wirklichen Abenteuerspielplatz darstellte. Etwas anderes aber war viel bedeutsamer: Es war nur sehr schwer möglich, dass Delius über das graue Haus nichts wusste.
Rita stellte die leere Keksdose beiseite, schaute einmal kurz in den Spiegel und schnappte sich ihre Tasche. Der Flur war noch immer wie leergefegt. Alle hatten Vorwände gefunden, um auszufliegen. Nur in der Druckerei herrschte Betrieb. Der Lärm der Maschinen drang durch die geöffneten Fenster der Hofseite. Die Wärme summte, der beruhigende Geruch von Druckerschwärze und Farben stieg in schwankenden Wellen nach oben.
Das Archiv befand sich im Untergeschoss und war mit einer dicken Brandtür gesichert. Große Regale mit Zeitungsordnern der letzten 126 Jahre – so lange gab es den Kurier – standen dicht an dicht. Daneben stapelten sich unzählige Akten mit altem Recherchematerial, zwei lange Regale mit Büchern, die der Presseverlag hauptsächlich zu regionalen Themen herausgegeben hatte, und Magazinschränke mit Fotos der vergangenen einhundert Jahre. Dabei handelte es sich sowohl um Aufnahmen von angestellten Journalisten oder freien Mitarbeitern als auch um private Sammlungen historischer Fotos, die dem Verlag überlassen worden waren und darauf harrten, in unendlicher Sisyphusarbeit datiert, sortiert, eingescannt und ausgewertet zu werden.
Die Decke hing niedrig. Rita fühlte sich immer wie eine Wühlmaus in einem engen Loch, wenn sie den Raum betrat, ständig von der unbestimmten Furcht begleitet, dass Tonnen von Putz und Mauerwerk auf sie einstürzen könnten. Besonders das Fehlen von Tageslicht war bedrückend. An dem riesigen, alten Schreibtisch fand bequem ein halbes Dutzend Stühle Platz. Er war mit drei PCs samt allem Zubehör ausgestattet, an denen Praktikanten, studentische Hilfskräfte und auch die Volontäre Stunde um Stunde damit zubrachten, viele Kubikmeter von Akten und Schriftstücken aus der Zeit vor der segensreichen Erfindung des Computers nach und nach zu digitalisieren.
Die Luft war trocken. Eine unsichtbare Klammer legte sich um Ritas Kehle. Nur Motten und blinde Käfer konnten sich hier wohlfühlen. Hier würde sie einen großen Teil des kostbaren Sommers verbringen müssen, ohne Sonne und blauen Himmel, ohne Blick auf den Park und Benediktes unterhaltsames Geschwätz. Die Vorstellung war beklemmend. Zum ersten Mal bezweifelte sie ernsthaft, sich auf dem richtigen Weg zu befinden.
Als habe sie ihn gerufen, trat Delius hinter einem Regal hervor, vollkommen lautlos. Auch diese Lautlosigkeit war ihr suspekt. Er war so farblos wie ausgeblichene Buchseiten, mittelgroß, mittelblond und mittelschmächtig, mit der unvermeidlichen runden Brille, die seine grauen Augen still und distanziert erscheinen ließ. Er war drei oder vier Jahre älter als Rita und studierte in seiner Freizeit Publizistik. In seiner Freizeit, wohlgemerkt. Sein Vorname war Friedhelm, aber niemand nannte ihn so. Die meisten wussten wahrscheinlich nicht einmal, wie er hieß. Ihm selbst schien es vollkommen egal zu sein. Delius war wenigstens ein bisschen klangvoll.
„Hallo ...“, sagte er und lächelte zögerlich, als fürchte er, einen Fehler zu begehen. Der Stapel Pappordner in seinen Händen gab ihm Gleichgewicht. Er hatte nämlich ausgerechnet für Rita, die Quellsprudelnde und Lebensglitzernde, die unbeschwert Dahinplätschernde und nicht zwanghaft Tiefgründige, eine gewisse Vorliebe entwickelt, was niemandem, der mit einem Mindestmaß an Beobachtungsgabe ausgestattet war, verborgen blieb. Nicht, dass er jemals in irgendeiner Weise aufdringlich geworden wäre, sie gar zu einem Kaffee oder noch verwegeneren Dingen eingeladen hätte, aber seine Silben wurden gedehnter, wenn Rita sich in der Nähe befand, und er hüstelte nervös.
Rita flüchtete normalerweise vor ihm. Noch viel nervtötender als sein Hüsteln waren nämlich die kleinen Sticheleien, die Benedikte und die anderen losließen, wenn er sich in der Cafeteria wie zufällig neben sie setzte, obwohl noch tausend andere Plätze frei waren, wenn er ihr beim Hinausgehen die Tür aufhielt oder sich ebenso schüchtern wie unermüdlich erbot, ihr die digitalen Tabellenfunktionen zu erklären, die sie regelmäßig zur Weißglut trieben. Nun aber lächelte auch sie. Sie schob sich an ihm vorbei – der Platz zwischen den Regalen war begrenzt – und ließ sich auf einem der alten Drehstühle nieder.
„Eigentlich wollte ich ja heute früh schon hier sein, um mich ein wenig einzuarbeiten.“ Ihr Seufzen war echt. „War die Fluse sehr sauer?“
„Na ja, ich weiß nicht recht … Sie war wohl ein bisschen gereizt. Aber das kann ja auch am Wetter liegen.“ Er merkte, dass er Unsinn redete und errötete im fahlen Schein der Neonleuchten.
„Gereizt war sie? Genau das habe ich befürchtet.“
Nervös wippte Rita mit dem linken Fuß. Sie hatte das starke Bedürfnis, die Situation zu kontrollieren, wollte aber auch nicht zu schnell mit ihrem eigentlichen Anliegen vorpreschen. Ein gewisser Hang zu Winkelzügen und taktischen Umwegen war bei ihr seit Kinderzeiten fest installiert, und ihre Art, um den heißen Brei zu reden, war mitunter noch ebenso naiv und durchschaubar wie damals, wenn sie ihrer Mutter eine kleine Vorausschau auf die zu erwartenden Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenke hatte entlocken wollen.
„Weißt du, Delius, ich habe gerade ein wenig Zeit, und es wäre ziemlich nett von dir, wenn du mir ein paar grundlegende Dinge erklären könntest, damit ich morgen nicht ganz so dumm dastehe. Du würdest mir wirklich einen Gefallen tun, natürlich nur, wenn dir meine Gesellschaft nicht unangenehm ist ...“
Sie versuchte, arglos zu blinzeln. Ihre Diplomatie war herzlich platt, zeigte aber Wirkung. Delius kannte sich mit weiblicher Taktik nicht aus. Er legte willig die Ordner beiseite und begann, Rita die Systematik der Regalwände zu erläutern. Seine Augen glänzten und aus den Worten wurde ein Vortrag. Geduld war die Konzession, die Rita machen musste. Alle zwei Minuten warf sie einen verstohlenen Blick auf ihre Uhr, deren Zeiger festgeklebt zu sein schienen. Nach einer Viertelstunde schwappte ihre Ungeduld über. Taktik hin oder her, sie musste Delius einen ordentlichen Schubs verpassen, um ihn in die gewünschte Richtung zu lavieren.
„Du behauptest also, hier unten befänden sich Antworten auf alle Fragen, sofern sie die letzten hundert Jahre der Stadtgeschichte betreffen?“
„Auf fast alle, würde ich sagen, und das ist keine Übertreibung.“ Seine blassen Züge wurden tatsächlich noch eine Spur heller. „Du glaubst gar nicht, wie spannend die Arbeit in einem Archiv sein kann!“
„Doch, glaube ich sofort.“ Rita nickte vielsagend und ließ den Blick schweifen.
Er lächelte und holte Atem: „Nun gut, ein paar Geheimnisse wird es natürlich immer geben. Aber ich hoffe trotzdem, dass ich dein Interesse wecken konnte und dass wir in den nächsten gemeinsamen Monaten hier noch viel Interessantes entdecken werden.“
„Da bin ich mir ganz sicher!“ Ritas Lächeln wurde schlangenhaft. „Aber für den Moment möchte ich erst einmal wissen, wie ich mich hier orientiere und wo ich was finde. Am besten nehmen wir ein praktisches Beispiel. Also sagen wir mal, ich möchte etwas über die Geschichte eines Gebäudes erfahren, wo müsste ich dann suchen?“
„Kommt auf das Gebäude an. Hast du ein bestimmtes im Auge?“
Das Ziel war nahe. Nun ging sie gradlinig wie ein Schaufelbagger darauf los. Ihre schlechte Schauspielkunst unterlag einem gesunden Vorwärtsdrang.
„Kennst du diesen grauen Kasten an der Grafenstraße?“
Delius lächelte begriffsstutzig. „Im Moment weiß ich noch nicht ganz welchen ‚Kasten‘ du meinst.“
„Aber du musst ihn kennen! Ein monumentaler Klotz und wirklich der Inbegriff von g r a u. Er hat eine große Portaltür mit drei Stufen. Das ganze Ding sieht aus, als stünde es seit Ewigkeiten leer. Die Fenster der unteren Etagen sind vergittert. Schräg gegenüber ist ein Fahrradladen und daneben ein Kiosk.“
Delius´ Verblüffung war echt, ein weitgehend unbekannter Zug in seiner akkuraten Mimik.
„Ja, tatsächlich! Irgendwie ist mir der ganze Komplex kaum im Gedächtnis, obwohl ich dreimal die Woche dort vorbeigehe. Man sieht ihn, ohne ihn zu sehen.“
„Genau den Kasten meine ich! Zeig mir einfach, wo ich nachschauen muss, wenn ich etwas darüber finden will, und dann komme ich schon zurecht.“
Rita hatte nicht die Absicht, den ganzen Rest des Nachmittags im Keller zu verbringen, was man ihr leider anmerkte. Delius’ Augen verengten sich ein wenig und er zog die Nase kraus, als habe er Witterung aufgenommen.
„Ich glaube, ich muss dich enttäuschen“, sagte er mit langsamem Bedauern, wobei er sie genau beobachtete. „Deine Angaben sind zu spärlich. Ich brauche zumindest die Hausnummer oder den Namen des Gebäudes, sofern es einen hat. Oder den Namen des Besitzers oder der Institution.“
Rita seufzte. Natürlich! Wie blöd, sich nicht die Hausnummer zu merken!
Seine Augen wurden noch schmaler und er sprach sehr ruhig, als würde er ein ungeduldiges Kind belehren. Er verfügte durchaus über pädagogisches Talent, was ihm im Umgang mit weniger gut sortierten Zeitgenossen zugute kam.
„Also, wenn du einige grundlegende Angaben hast, kannst du in den internen Dateien nach Stichworten suchen. Natürlich nur für die Akten, die schon eingelesen sind. Die anderen hingegen ...“
Mit seinem Arm beschrieb er einen weitläufigen Kreis in Richtung der abgewetzten Jahrgangssammlungen. „Die anderen müsste man schon von Hand durchschauen. Wenn du dich für einen bestimmten Zeitraum oder ein bestimmtes Ereignis interessierst, kannst du in den entsprechenden Jahrgängen blättern.“
„Wenn ich schon wüsste, wem das Gebäude gehört und wozu es dient, bräuchte ich ja nicht mehr recherchieren!“, sagte Rita patzig.
