Der große Gatsby - Armin Fischer - E-Book
Beschreibung

* Einer der besten Romane der amerikanischen Literatur *Wir befinden uns an der Ostküste der USA, im Jahr 1922. Es ist die aufregende Zeit der ›Roaring Twenties‹ (die man in Europa die ›Goldenen Zwanziger‹ nannte), als in New York Wolkenkratzer aus dem Boden wachsen und die Menschen lebenshungrig den Tanz auf dem Vulkan üben. Auf Long Island, der New York vorgelagerten Insel, lebt man in mondäner Dekadenz – die harten Seiten des Lebens haben hier keinen Platz. Der junge Nick Carraway bezieht ein kleines Haus, das er sich mit seinem schmalen Salär gerade noch leisten kann. Sofort fällt ihm die enorme Villa seines Nachbarn auf, in der alle paar Tage monströse Partys gefeiert werden. Der Gastgeber aber, ein gewisser Gatsby, hält sich auffallend zurück. Viele seiner Gäste bekommen ihn nicht einmal zu sehen. Auch für Carraway bleibt der Mann ein Rätsel. Doch eines Tages steht Gatsby in seinem riesigen Wagen vor dem Häuschen Carraways und schlägt vor, ihn nach New York zum Lunch zu begleiten – und bittet ihn dabei um einen merkwürdigen Gefallen ... © CloudShip, 2016Zum Autor: Francis Scott Key Fitzgerald (1896–1940) war ein US-amerikanischer Schriftsteller. Gemeinsam mit seiner Frau Zelda Sayre führte er in den 1920er Jahren ein exzessives Leben, als typische Vertreter der ›Roaring Twenties‹. ›Der große Gatsby‹ (1925) ist Fitzgeralds erfolgreichstes und wichtigstes Buch, das ganze Generationen von Autoren prägte. Auf der Rangliste der 100 besten englischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts, die 1998 vom Verlagshaus Modern Library herausgegeben wurde, steht ›The Great Gatsby‹ nach ›Ulysses‹ von James Joyce auf Platz 2.

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Sammlungen



Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung
Widmung
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
Impressum

Vorbemerkung

Wir befinden uns an der Ostküste der USA, im Jahre 1922. Es ist die aufregende Zeit der ›Roaring Twenties‹, als in New York Wolkenkratzer aus dem Boden wachsen und die Menschen lebenshungrig den Tanz auf dem Vulkan üben. Auf Long Island lebt man in mondäner Dekadenz, die harten Seiten des Lebens haben hier keinen Platz. Der junge Börsenmakler Nick Carraway bezieht auf der Halbinsel, die New York unmittelbar vorgelagert ist, ein kleines Haus, das er sich mit seinem schmalen Salär gerade noch leisten kann. Sofort fällt ihm die enorme Villa seines Nachbarn auf, in der alle paar Tage monströse Partys mit Hunderten von Gästen gefeiert werden. Der Gastgeber aber, ein gewisser Gatsby, hält sich auffallend zurück. – Gerüchte umgeben den Mysteriösen, und viele seiner Gäste bekommen ihn nicht einmal zu Gesicht. Auch für Carraway bleibt der Mann ein Rätsel. Doch eines Tages steht Gatsby in seinem riesigen Wagen vor dem Häuschen Carraways und schlägt vor, ihn nach New York zum Lunch zu begleiten – und bittet ihn dabei um einen merkwürdigen Gefallen ...

 

Der Autor: Francis Scott Key Fitzgerald (* 24. September 1896 in St. Paul, Minnesota; † 21. Dezember 1940 in Hollywood) war ein US-amerikanischer Schriftsteller. Schon sein erster Roman ›This Side of Paradise‹ machte ihn im Alter von 23 Jahren weithin bekannt. Gemeinsam mit seiner Frau Zelda Sayre führte Fitzgerald in den 1920er Jahren ein exzessives Leben, als typische Vertreter der ›Roaring Twenties‹, die man in Europa die ›Goldenen Zwanziger‹ nannte. ›Der große Gatsby‹ (1925) ist Fitzgeralds erfolgreichstes und wichtigstes Buch, das ganze Generationen von Autoren nach ihm prägte. Auf der Rangliste der 100 besten englischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts, die 1998 vom Verlagshaus Modern Library veröffentlicht wurde, steht ›The Great Gatsby‹ nach ›Ulysses‹ von James Joyce auf Rang 2. – Fitzgerald starb 1940 im Alter von nur 44 Jahren an den Folgen zweier Herzinfarkte, die sicher auch seinem Alkoholismus geschuldet waren.

Widmung

 

Einmal mehr

für

Zelda

 

 

Also trag den gold’nen Hut, falls das ihr Herz bewegt;

Kannst du dich in die Lüfte erheben, erheb dich auch für Sie,

Bis sie denn ruft: »Liebster, goldgelockter, hoch fliegender Liebster,

Dich will ich haben!«

– Thomas Parke D’Invilliers –

 

 

KAPITEL 1

Als ich noch jünger und etwas verwundbarer war, gab mein Vater mir einen Rat, den ich mir gut gemerkt habe.

»Wann immer du das Gefühl hast, jemanden kritisieren zu müssen«, sagte er, »bedenke, dass die meisten Menschen auf dieser Welt nicht solche Vorzüge genossen haben, wie du.«

Mehr ließ er dazu nicht hören, aber wir waren es gewohnt, uns auf subtile Art eine ganze Menge mitzuteilen, und ich verstand, dass er weit mehr meinte als das, was er sagte. Seitdem halte ich mich meist mit vorschnellen Urteilen zurück – eine Angewohnheit, die mich schon einer Menge skurriler Charaktere hat näher kommen lassen, mich aber auch so manchem altgedienten Schwätzer als Opfer auslieferte. Schräge Typen wittern diese Eigenschaft rasch, und hängen sich daran, sobald sie sie an einem normalen Menschen bemerken. So kam es, dass ich auf dem College ungerechterweise bezichtigt wurde, mich anzubiedern, weil ich in die skurrilen Gedanken merkwürdiger, fremder Leute eingeweiht war. Die meisten dieser Bekenntnisse kamen ungebeten – ich stellte mich dann schlafend, tat beschäftigt oder gab mich abweisend, sobald ich durch irgendein untrügliches Zeichen erahnte, dass eine intime Beichte am Horizont heraufzog; in der Regel sind nämlich die vertraulichen Geständnisse junger Männer, oder zumindest die Worte, in die sie sie kleiden, absolut unoriginell und gleichzeitig durch offensichtliche Verdrängungen verzerrt. Aber mit Urteilen zurückhaltend zu sein ist immer wieder ein Glücksspiel. Ich fürchte noch immer, mir könnte etwas entgehen, sollte ich nicht bedenken, dass – wie mein Vater snobistisch anmerkte und ich es wiederhole – der Sinn für grundlegenden Anstand nicht allen Menschen gleichermaßen in die Wiege gelegt wurde.

Nun, nachdem ich meine Toleranz derart herausgestellt habe, muss ich doch sagen, dass sie auch Grenzen hat. Benehmen mag auf harten Fels oder feuchten Sumpf gegründet sein, doch ab einem gewissen Punkt ist es mir egal, worauf es sich gründet. Als ich letzten Herbst aus dem Osten zurückkam, wünschte ich mir die Welt für immer in geregelten Bahnen und mit einer Art moralischer Dauerkarte ausgestattet; ich wollte keine aufwühlenden Ausflüge zu privilegierten Einblicken in die menschliche Seele mehr. Nur bei Gatsby, dem Mann, der diesem Buch seinen Namen gibt, machte ich eine Ausnahme. – Gatsby, der alles repräsentierte, was ich aus tiefstem Herzen ablehne. Falls Persönlichkeit nur eine konsistente Abfolge gelungener Gesten sein sollte, so hatte er etwas Erhabenes an sich, eine große Sensibilität für die Verheißungen des Lebens, vergleichbar einem dieser komplizierten Apparate, die Erdbeben registrieren, auch wenn sie zehntausend Meilen entfernt sind. Seine Empfänglichkeit hatte freilich nichts zu tun mit jener läppischen Nervosität, die man als »schöpferisches Temperament« anbetet – nein, sie war eine außergewöhnliche Gabe nach Hoffnung, eine romantische Aufmerksamkeit, wie ich sie bei keinem anderen je gesehen habe und wahrscheinlich niemals wieder sehen werde. Nein – Gatsby erwies sich letztendlich als guter Kerl; das, was an Gatsby nagte, was wie trüber Dunst seinen Träumen entstieg, wischte mein Interesse an den kümmerlichen Leiden und mickrigen Freuden anderer Menschen vorübergehend aus.

Seit drei Generationen lebt meine Familie hier in dieser Stadt im Mittleren Westen – angesehene und wohlhabende Leute. Die Carraways sind so eine Art Clan und stammen, wie überliefert ist, von den Dukes of Buccleuch ab. Doch der eigentliche Stammvater dieser Linie war der Bruder meines Großvaters, der Einundfünfzig herkam, einen Stellvertreter in den Bürgerkrieg schickte und den Eisenwarengroßhandel gründete, den mein Vater bis heute betreibt.

Ich bin diesem Großonkel nie begegnet, aber es heisst – mit Verweis auf das ziemlich hartgesottene Porträt, das im Büro meines Vaters hängt –, ich sähe ihm recht ähnlich. Meinen Abschluss in New Haven machte ich 1915, genau ein Vierteljahrhundert nach meinem Vater, und kurz darauf nahm ich an jenem verspäteten Feldzug gegen die Teutonen teil, der als Großer Krieg in die Geschichte einging. Ich genoss den Vergeltungssturm so gründlich, dass ich nach meiner Rückkehr immer noch aufgerüttelt war. Statt behüteter Nabel der Welt kam mir der Mittlere Westen nun wie der zerklüftete Rand des Universums vor – also beschloss ich, in den Osten zu gehen und mich im Aktienhandel zu versuchen. All meine Bekannten waren im Aktienhandel, sodass ich annahm, dieses Geschäft werde auch noch einen weiteren Mann ernähren können. Meine Onkel und Tanten beratschlagten in der Sache, als ginge es darum, die richtige Vorschule für mich zu finden. Schließlich setzten sie sehr ernste, zögerliche Mienen auf und sagten: »Na gut – ja-a.« Vater willigte ein, mich ein Jahr lang zu finanzieren, und nach verschiedenen Verzögerungen erreichte ich im Frühjahr zweiundzwanzig – für immer, wie ich meinte – die Ostküste.

Am praktischsten wäre es nun gewesen, in der Stadt eine Bleibe zu finden, doch der Frühling war damals recht mild und ich war eben aus einer ländlichen Gegend mit viel Grün und freundlichen Bäumen gekommen, sodass ich es für eine gute Idee hielt, als mir ein junger Kollege den Vorschlag machte, gemeinsam ein Haus in einem Vorort zu mieten. Er fand auch tatsächlich eins, einen einstöckigen verwitterten Pappbungalow für achtzig Dollar im Monat. Doch in letzter Sekunde beorderte ihn die Firma nach Washington und ich zog allein aufs Land. Ich hatte einen Hund – zumindest hatte ich ihn für ein paar Tage, bis er davonlief –, einen alten Dodge und eine finnische Haushälterin, die mir das Bett machte, mir das Frühstück zubereitete und über den Elektroherd gebeugt finnische Weisheiten vor sich hin murmelte.

Für nur einen Tag oder so war es einsam, bis mich eines Morgens auf der Straße ein Mann, der wohl noch nach mir angekommen war, ansprach.

»Wie kommt man von hier nach West Egg Village?«, fragte er verloren.

Ich sagte es ihm. Und als ich weiterging, war ich nicht mehr einsam. Ich war nun ein Wegweiser, ein Pfadfinder, ein echter Siedler. Ganz nebenbei hatte er mich zum rechtmäßigen Bürger dieser Gegend erhoben.

Und so, unter dem Sonnenschein und den aus den Bäumen herausplatzenden Blättern, kam mir die vertraute Gewissheit, dass mit diesem Sommer das Leben neu beginnen würde.

Dann gab es einerseits viel zu lesen, andererseits auch eine Menge Leben aus der frischen, kräftigenden Luft zu saugen. Ich kaufte ein Dutzend Bücher über Banken, Kredite und Investment-Möglichkeiten, die im Regal rot und golden leuchteten wie frisch geprägte Münzen und versprachen, all jene funkelnden Geheimnisse preisgeben zu können, um die nur Midas und Morgan und Maecenas wussten. Ich hatte den Plan, nebenbei noch eine Menge anderer Bücher zu lesen: Im College war ich literarisch recht interessiert gewesen – in einem Jahr hatte ich sogar eine Reihe langweiliger und ziemlich trivialer Leitartikel für die ›Yale News‹ geschrieben –, und nun wollte ich all diese Dinge zurück in mein Leben holen und mich wieder zum einfältigsten aller Experten machen, einem »vielseitig gebildeter Mann«. Das ist nicht nur eine Phrase – denn schließlich lässt sich das Leben weit besser überblicken, wenn man es nur durch ein einziges Fenster betrachtet.

Der Zufall wollte es, dass das Haus, das ich gemietet hatte, in einer der eigenartigsten Gemeinden Nordamerikas lag. Es befand sich auf jener schmalen, umtriebigen Insel, die sich direkt östlich von New York erstreckt – und auf der es, neben anderen Launen der Natur, zwei ungewöhnliche Landmarken gibt: Zwanzig Meilen vom Stadtzentrum entfernt ragen gleichsam zwei riesige identische Eier, nur durch eine hübsche Bucht voneinander getrennt, in die wohl gezähmteste Salzwasserfläche der westlichen Hemisphäre hinaus: den großen nassen Vorhof des Long Island Sund. Es sind keine perfekten Ovale – wie das Ei in der Kolumbus-Story sind sie beide platt gegen das Landende gedrückt –, doch ihr so ähnliches Aussehen muss den über sie hinwegziehenden Möwen ein Quell ständiger Verwunderung sein. Für alle Flügellosen dagegen ist der Umstand interessanter, dass sie abseits von Größe und Form völlig unterschiedlich waren.

Ich wohnte in West Egg, der – nun gut, der weniger schicken der beiden Halbinseln, obwohl dieses Adjektiv den bizarren und nicht wenig verstörenden Kontrast zwischen ihnen nur höchst oberflächlich beschreibt. Mein Haus stand genau an der Spitze des ›Eis‹, keine fünfzig Meter vom Ufer entfernt und zwischen zwei enorme Villen gequetscht, die für zwölf- oder fünfzehntausend Dollar pro Saison vermietet werden. Diejenige zu meiner Rechten war ein absolut gigantischer Kasten – ein exakter Nachbau irgendeines Hôtel de Ville in der Normandie, mit einem Turm an der Seite, blitzblank, unter einem dünnen Gespinst jungen Efeus verborgen, mit einem marmornen Swimmingpool und mehr als vierzig Morgen Park- und Rasenfläche. Das war Gatsbys Anwesen. Oder vielmehr – denn ich kannte Mr. Gatsby noch nicht –, das Anwesen, das ein Herr dieses Namens bewohnte. Mein eigenes Haus war ein Schandfleck, allerdings ein kleiner Schandfleck, den man getrost übersehen konnte, und so genoss ich den Blick aufs Wasser, die Aussicht auf Teile des nachbarlichen Gartens und die tröstliche Nähe von Millionären – und das Ganze für achtzig Dollar im Monat.

Jenseits der hübschen Bucht glänzten die weißen Paläste des mondänen East Egg am Ufer, und tatsächlich beginnt die Geschichte jenes Sommers an dem Abend, als ich dort hinüberfuhr, um mit den Buchanans zu Abend zu essen. Daisy war die Tochter einer Cousine zweiten Grades von mir, und Tom kannte ich vom College. Gleich nach dem Krieg hatte ich zwei Tage bei ihnen in Chicago verbracht.

Daisys Mann war – neben zahlreichen anderen sportlichen Leistungen – einer der schlagkräftigsten Verteidiger gewesen, die je für das New Haven Team Football gespielt hatten – eine Art Volksheld sozusagen, von der Sorte, die es mit Einundzwanzig zu solch vorzüglicher Höchstleistung gebracht hatten, dass der Rest ihres Lebens nur noch nach Abstieg schmecken kann. Seine Familie war enorm wohlhabend – schon auf dem College hatte sein verschwenderischer Umgang mit Geld Neid erregt –, aber nun, da er Chicago verlassen hatte und an die Ostküste gezogen war, verschlug es einem schier die Sprache: Zum Beispiel hatte er eine ganze Koppel von Polo-Ponys aus Lake Forest mit herübergebracht. Es war kaum zu fassen, dass ein Mann, der ebenso alt war wie ich, derart reich sein konnte.

Weshalb sie an die Ostküste gekommen waren, weiß ich nicht. Zuvor hatten sie ohne besonderen Grund ein Jahr lang in Frankreich gelebt und sich dann rastlos mal hierhin, mal dorthin treiben lassen, wo immer die Leute Polo spielten und gemeinsam reich waren. Diesmal sollte der Ortswechsel von Dauer sein, sagte Daisy am Telefon, aber ich glaubte das nicht – ich konnte ihr zwar nicht ins Herz sehen, doch ich hatte das Gefühl, Tom würde sein Leben lang weiter umhertreiben, wehmütig nach dem dramatischen Aufruhr irgendeines für immer vergangenen Football-Spiels suchend.

So kam es, dass ich eines warmen luftigen Abends hinüber nach East Egg fuhr, um diese beiden alten Freunde zu besuchen, die ich kaum richtig kannte. Ihr Haus war noch prachtvoller, als ich erwartet hatte, eine einladende rot-weiße Villa im georgianischen Kolonialstil mit Blick auf die Bucht. Der Rasen begann direkt am Strand, lief über eine Viertelmeile auf die Eingangstür zu, über Sonnenuhren und Steinpfade und flammend helle Beete springend – und, endlich beim Haus angelangt, drängte er, noch im Schwung seines Laufs, in leuchtenden Reben die Seitenwand hinauf. Die Front war von einer Reihe bodentiefer Fenster durchbrochen, die nun glühend das goldene Licht spiegelten und, weit geöffnet, die warme Brise des frühen Abends einfingen. Tom Buchanan stand in Reitkleidung breitbeinig auf der Veranda.

Er hatte sich verändert seit seiner Zeit in New Haven. Jetzt war er ein robuster Dreißiger mit strohigem Haar, einem ziemlich harten Zug um den Mund, und hochnäsigem Auftreten. Ein arrogantes Augenpaar hatte die Herrschaft über sein Gesicht übernommen und gab ihm einen Ausdruck, als recke er sich unentwegt angriffslustig vor. Selbst die feminine Anmutung seiner Reitkleidung konnte die enorme Kraft dieses Körpers nicht verbergen – seine Waden schienen die blitzblanken Stiefel bis zur obersten Schnürung sprengen zu wollen, und ein mächtiges Muskelpaket war zu sehen, wenn er unter der dünnen Jacke seine Schultern bewegte. Es war ein Körper, der zu gewaltiger Kraftentfaltung fähig war – ein gnadenloser Körper.

Seine Stimme, ein rauer, heiserer Tenor, verstärkte den Eindruck der Widerborstigkeit. Sie vermittelte einen Anflug überheblicher Geringschätzung, selbst gegenüber Menschen, die er mochte – und in Folge dessen hatte es viele in New Haven gegeben, die ihn zutiefst verabscheuten.

»Glaub nicht, dass meine Meinung stets unabänderlich ist«, schien er zu sagen, »nur weil ich stärker bin als du, und ein echter Kerl!« Wir waren in derselben Studentenverbindung gewesen, und obwohl wir nie wirklich befreundet waren, hatte ich schon damals den Eindruck, dass er mich akzeptierte und sich mit gewisser schroffer, trotzige Sehnsucht anstrengte, von mir gemocht zu werden.

Wir unterhielten uns ein paar Minuten auf der sonnigen Veranda.

»Nettes Plätzchen hier, nicht?«, sagte er und seine Augen blitzten rastlos umher.

Er legte den Arm um mich, drehte mich herum und präsentierte mit seiner großen Hand den Ausblick von der Veranda, von der aus man den in einer Mulde gelegenen italienischen Garten sehen konnte, einen halben Morgen tiefdunkler, intensiv duftender Rosen und das stumpfnasige Motorboot, das am Strand in der Dünung dümpelte.

»Es gehörte Demaine, dem Ölunternehmer.« Wieder drehte er mich herum, höflich aber bestimmt. »Lass uns reingehen.«

Wir durchquerten eine hohe Eingangshalle und gelangten in einen lichten, roséfarbenen Hof, den bodentiefe Flügelfenster an beiden Seiten luftig mit dem Innern des Hauses verbanden. Diese Türen waren weit geöffnet und hoben sich strahlend weiß vom frischen Gras hier draußen, das fast ins Haus hineinzuwachsen schien, ab. Eine Brise wehte durch die Räume, blähte die Vorhänge wie blasse Fahnen zur einen und anderen Seite auf, wirbelte sie hinauf bis zur erstarrten Hochzeitstorte – so sah die Zimmerdecke aus –, kräuselte den weinroten Teppich und hinterließ darauf ein Schattenspiel wie der Wind auf den Wellen des Meeres.

Der einzige vollkommen unverrückbare Gegenstand im Raum war eine riesige Couch, auf der zwei junge Frauen wie Bojen über einer fest verankerten Scholle drifteten. Beide waren ganz in Weiß, und ihre Kleider wogten und flatterten, als wären sie nach einem kurzen Flug ums Haus eben erst wieder herein geweht. Für einen Augenblick muss ich da nur so dagestanden haben, dem Wischen und Peitschen der Vorhänge lauschend, und dem Schaben eines Bildes an der Wand. Dann gab es einen dumpfen Schlag, als Tom Buchanan die hinteren Fenster schloss, so dass der im Zimmer gefangene Luftzug erstarb und die Vorhänge und der Teppich und die jungen Frauen langsam hernieder sanken.

Die Jüngere der beiden kannte ich nicht. Sie lag ausgestreckt auf ihrer Seite des Diwans, vollkommen reglos und mit leicht angehobenem Kinn, als balancierte sie etwas darauf, das jeden Moment herunterfallen könnte. Falls sie mich aus den Augenwinkeln wahrnahm, ließ sie es sich nicht anmerken. – Unwillkürlich hätte ich fast eine Entschuldigung dafür gemurmelt, dass ich sie durch mein Erscheinen gestört hatte.

Das andere Mädchen, Daisy, war dabei, aufzustehen – sie lehnte sich mit ernster Miene ein wenig nach vorn –, dann lachte sie, ein albernes, bezauberndes kleines Lachen, und ich lachte auch und trat näher ins Zimmer.

»Ich bin wie g-gelähmt vor Freude.«

Sie lachte erneut, als hätte sie etwas sehr Amüsantes gesagt, und griff für einen Moment meine Hand, mir von unten herauf ins Gesicht blickend, mit einem Ausdruck, der beteuerte, dass sie sich niemanden auf der Welt so sehr herbeigewünscht hätte wie mich. Das war so ihre Art. Flüsternd ließ sie mich wissen, der Nachname des balancierenden Mädchens sei Baker. (So mancher meint, Daisys Wispern diene nur dazu, die Leute zu veranlassen, sich zu ihr hinüberzuneigen; ein nichtiger Vorwurf, der es nicht weniger hinreißend machte.)

Miss Bakers Lippen schienen kurz zu zittern, sie nickte mir fast unmerklich zu und legte dann gleich ihren Kopf zurück in den Nacken – offenbar war der Gegenstand, den sie balancierte, ein wenig ins Schwanken geraten, was ihr einen leichten Schreck versetzte. Wiederum lag mir eine Entschuldigung auf den Lippen. Die Zurschaustellung derart vollkommener Selbstbezogenheit ringt mir jedes Mal fast ehrfürchtige Hochachtung ab.

Ich schaute wieder meine Cousine an, die mir jetzt mit ihrer leisen, elektrisierenden Stimme Fragen stellte. Es war eine Stimme, der das Ohr gehorsam folgt, als wäre jeder Satz ein Arrangement aus Noten, das kein zweites Mal so erklingen würde. Daisy hatte ein melancholisches, hübsches Gesicht mit strahlenden Glanzlichtern darin: leuchtende Augen und einen leuchtenden, sinnlichen Mund, in ihrer Stimme aber lag eine Erregung, die Männer, die ihr nahe kamen, kaum jemals vergessen konnten: ein melodisches Drängen, ein raunendes »Hör doch!«, eine Verheißung, sie habe eben erst köstliche, aufregende Dinge erlebt, und schon in der nächsten Stunde würde sie weitere köstliche, aufregende Dinge erwarten.

Ich erzählte ihr, dass ich auf meinem Weg an die Ostküste einen Tag in Chicago verbracht hatte und sie von einem Dutzend Leuten herzlich grüßen sollte.

»Vermissen sie mich?«, rief sie verzückt.

»Die ganze Stadt ist niedergeschmettert. Die Autos fahren zum Zeichen der Trauer alle mit schwarz bemalten linken Hinterreifen durch die Gegend, und am Nordufer hört man Nachts ein einziges stetiges Wehklagen.«

»Wie herrlich! Lass uns dahin zurückgehen, Tom. Gleich morgen!« Dann sagte sie beiläufig: »Du solltest die Kleine sehen.«

»Das würde ich gern.«

»Sie schläft. Sie ist jetzt zwei Jahre alt. Hast du sie schon mal gesehen?«

»Nein, nie.«

»Nun, das solltest du aber. Sie ist –«

Tom Buchanan, der indes ruhelos durch den Raum gestreift war, blieb stehen und legte mir die Hand auf die Schulter.

»Was machst du, Nick?«

»Ich bin Börsenmakler.«

»Für wen?«

Ich sagte es ihm.

»Nie von denen gehört«, betonte er, was mich ärgerte.

»Das wirst du schon noch, wenn du im Osten bleibst.«, sagte ich.

»Oh, ich bleibe im Osten, keine Sorge«, sagte er, blickte kurz zu Daisy und dann wieder zu mir, als sei er wegen irgendetwas auf der Hut. »Ich wäre ein gottverdammter Idiot, wenn ich woanders leben wollte.«

An diesem Punkt sagte Miss Baker: »Allerdings!«, und zwar derart unvermittelt, dass ich stockte – es war das erste Wort, das sie von sich gab, seit ich den Raum betreten hatte. Offenkundig überraschte es sie ebensosehr wie mich, denn sie gähnte, um dann mit einer schnellen, flinken Bewegung aufzuspringen.

»Ich bin ganz steif«, klagte sie. »Ich bin nun schon ewig auf diesem Sofa gelegen.«

»Gib mir nicht die Schuld«, meinte Daisy, »ich hab den ganzen Nachmittag lang versucht, dich zu einem Trip nach New York zu bewegen.«

»Nein, danke«, sagte Miss Baker mit Blick auf die vier Cocktails, die gerade aus dem Anrichteraum hereingebracht wurden, »ich bin gerade voll im Training.«

Ihr Gastgeber sah sie ungläubig an.

»Ach nein!« Er kippte seinen Drink hinunter, als wäre er nur ein Tropfen auf dem Boden des Glases. »Wie du das jemals schaffen willst, ist jenseits meiner Vorstellungskraft.«

Ich schaute auf Miss Baker und fragte mich, was es wohl war, das sie ›schaffen wollte‹. Ich genoss es, sie anzusehen. Sie war ein schlankes, flachbrüstiges Mädchen mit gerader Körperhaltung, die sie noch dadurch betonte, dass sie die Schultern zurücknahm, aufrecht wie ein junger Kadett. Ihre grauen, sonnenverwöhnten Augen erwiderten meinen Blick mit ebensolcher Neugier aus einem blassen, reizenden, unzufriedenen Gesicht. Jetzt wurde mir klar, dass ich sie, oder zumindest ein Bild von ihr, schon einmal irgendwo gesehen hatte.

»Sie wohnen also in West Egg«, bemerkte sie abschätzig. »Ich kenne dort jemanden.«

»Ich kenne keinen einzigen –«

»Sie kennen doch sicher Gatsby.«

»Gatsby?«, fragte Daisy dazwischen. »Welchen Gatsby?«

Bevor ich antworten konnte, dass er mein Nachbar war, rief man uns zum Dinner; und indem er seinen durchtrainierten Arm bestimmend unter meinen klemmte, zog mich Tom Buchanan aus dem Raum, als würde er eine Schachfigur auf ein anderes Feld schieben.

Gazellenhaft, müde, die Hände leicht auf die Hüften gestützt, geleiteten uns die beiden jungen Frauen hinaus auf eine von Rosen umrahmte, sich zum Sonnenuntergang öffnende Veranda, wo vier Kerzen auf einem Tisch in der schwächer gewordenen Brise flackerten.

»Wozu Kerzen?«, mokierte sich Daisy stirnrunzelnd. Sie schnippte sie mit den Fingern aus. »In zwei Wochen wird der längste Tag des Jahres sein.« Sie strahlte uns an. »Geht es euch auch so, dass ihr immer auf den längsten Tag des Jahres wartet und ihn dann verpasst? Ich jedenfalls warte immer darauf, und dann verpasse ich ihn.«

»Wir sollten irgendeinen Plan machen«, gähnte Miss Baker und ließ sich am Tisch nieder, als würde sie zu Bett gehen.

»Also gut«, sagte Daisy. »Was sollen wir unternehmen?« Fragend wandte sie sich an mich. »Was planen Menschen so?«

Bevor ich antworten konnte, starrte sie mit entsetztem Ausdruck auf ihren kleinen Finger.

»Seht nur!«, klagte sie. »Ich hab mich verletzt.«

Wir schauten alle hin – der Knöchel war dunkelblau.

»Du warst das, Tom«, klagte sie ihn an. »Sicher, du wolltest es nicht, aber du warst es trotzdem. Das habe ich davon, dass ich so ein Untier von Mann geheiratet habe, ein großes, enormes, grobschlächtiges Exemplar eines –«

»Ich hasse das Wort grobschlächtig«, unterbrach Tom sie gereizt, »auch im Scherz.«

»Grobschlächtig«, beharrte Daisy.

Manchmal redeten die beiden, sie und Miss Baker, gleichzeitig, unaufdringlich und mit einer neckischen Koketterie, die nicht ganz in den Smalltalk abdriftete, die aber so kühl war wie ihre weißen Kleider und so teilnahmslos, wie ihre nichts begehrenden Blicke. Sie waren hier, nahmen Tom und mich hin, und machten nur einen höflichen, netten Versuch, zu unterhalten oder sich unterhalten zu lassen. Sie wussten, bald würde das Essen vorüber sein, und etwas später würde auch der Abend vorbei und abgehakt sein. Wie ganz anders war das im Westen, wo man einen solchen Abend von einer Etappe zur nächsten treibt, in ständig deprimierender Vorahnung des Endes, in blanker Furcht vor diesem Augenblick.

»Deinetwegen fühle ich mich schon ein wenig dekadent, Daisy«, sagte ich bei meinem zweiten Glas korkigen, aber durchaus beeindruckenden Bordeaux’. »Kannst du nicht mal über Kornfelder oder so etwas reden?«

Meine Bemerkung zielte auf nichts Bestimmtes, aber sie wurde unerwartet aufgegriffen.

»Die Zivilisation geht sowieso vor die Hunde«, platzte Tom lautstark heraus. »Ich bin da inzwischen zum schrecklichen Pessimisten geworden. Hast du ›Der Aufstieg der farbigen Völker‹ von diesem Goddard gelesen?«

»Nein, warum?«, erwiderte ich, etwas befremdet über seinen Ton.

»Tja, das ist ein feines Buch, sollte jeder gelesen haben. Die Idee ist, dass, wenn wir nicht aufpassen, die weiße Rasse völlig – völlig überflutet wird. Ist ganz wissenschaftliches Zeug; alles erwiesen.«

»Tom wird jeden Tag tiefgründiger«, sagte Daisy mit einem Ausdruck geheuchelter Traurigkeit. »Er liest schwergewichtige Bücher mit langen Wörtern darin. Wie hieß noch das Wort, das wir –«

»Nun, diese Bücher sind allesamt wissenschaftlich«, insistierte Tom, sie gereizt anblitzend. »Der Bursche hat das Ganze gründlich studiert. Wir, die überlegene Rasse, müssen uns vorsehen, sonst werden diese anderen Rassen die Macht übernehmen.«

»Wir müssen sie niederschlagen«, flüsterte Daisy ironisch und blinzelte grimmig in die glühende Sonne.

»Ihr solltet in Kalifornien leben –«, fing Miss Baker an, doch Tom stoppte sie, indem er heftig auf seinem Stuhl herumrutschte.

»Die Idee ist, dass wir zur nordischen Rasse gehören. Ich und du und du und –« Nach fast nicht merkbarem Zögern schloss er mit einem zaghaften Nicken auch Daisy mit ein, und sie zwinkerte mir noch einmal zu. – »Wir sind es, die all das hervorgebracht haben, das man Zivilisation nennt – eben all das, Wissenschaft und Kunst und so weiter. Versteht ihr?«

Seine geistige Konzentration hatte etwas Bemühtes, als würde ihm seine Selbstgefälligkeit, die präsenter war denn je, nicht mehr genügen. Als fast im selben Moment das Telefon im Haus klingelte und der Butler die Veranda verließ, nutzte Daisy die kurze Unterbrechung und lehnte sich zu mir herüber.

»Ich verrate dir ein Familiengeheimnis«, flüsterte sie aufgedreht. »Es geht um die Nase des Butlers. Willst du die Story von der Nase des Butlers hören?«

»Genau deswegen bin ich heut Abend hierher gekommen!«

»Nun, er war nicht immer Butler; zuvor arbeitete er als Silberputzer bei irgendwelchen Leuten in New York, und die hatten ein Silberservice für zweihundert Gäste. Das musste er von morgens bis abends polieren, bis der Geruch eines Tages begann, seine Nase anzugreifen –«

»Die Sache verschlimmerte sich immer mehr«, warf Miss Baker ein.

»Genau. Die Sache wurde immer schlimmer, so dass er schließlich seine Anstellung aufgeben musste.«

Die letzten Sonnenstrahlen strichen für einen Augenblick mit zärtlicher Zuwendung über ihr leuchtendes Gesicht; ihre Stimme lockte mich immer weiter nach vorn, während ich ihr gespannt lauschte – dann erlosch das Glühen, zögernd, bedauernd wich der Schein von ihr, so wie Kinder in der Abenddämmerung eine heitere Straße verlassen müssen.

Der Butler kam und flüsterte Tom etwas ins Ohr, worauf dieser die Stirn in Falten zog, seinen Stuhl zurückstieß und ohne ein Wort ins Haus ging. Als hätte seine Abwesenheit etwas in ihr aufgeweckt, lehnte Daisy sich abermals vor, mit warmer, singender Stimme.

»Ich habe dich so gern an meinem Tisch, Nick. Du erinnerst mich an – an eine Rose, eine perfekte Rose. Nicht wahr?« Sie wandte sich um Zustimmung an Miss Baker. »Eine perfekte Rose?«

Das stimmte natürlich nicht. Ich habe ganz und gar nichts von einer Rose an mir. Sie improvisierte, und verströmte dabei eine betörende Wärme, als versuche sie, ihr Herz zu dir hin fliegen zu lassen, eingehüllt in eines dieser gehauchten, erregenden Wörter. Dann, mit einem Mal, ließ sie ihre Serviette auf den Tisch fallen, entschuldigte sich und ging ins Haus.

Miss Baker und ich trafen uns in einem kurzen, bewusst unschuldigen Blick. Ich wollte gerade etwas sagen, als sie sich rasch aufrichtete und mir ein warnendes »Sch!« zuwarf. Man hörte aus dem angrenzenden Zimmer ein gedämpftes, aufgeregtes Flüstern, und Miss Baker beugte sich ungeniert vor, um zu lauschen. Das Flüstern war für einen Moment lang beinahe zu verstehen, verebbte, brandete erregt auf und versiegte dann ganz.

»Dieser Mr. Gatsby, den Sie erwähnten, er ist mein Nachbar –«, begann ich.

»Sagen Sie nichts. Ich will hören, was passiert.«

»Passiert denn etwas?«, fragte ich unschuldig.

»Soll das heißen, Sie wissen nichts davon?«, antwortete Miss Baker, echt erstaunt. »Ich dachte, die ganze Welt wüsste es.«

»Ich nicht.«

»Merkwürdig …«, sagte sie bedächtig, »Tom hat da so eine Frau in New York.«

»So eine Frau?«, wiederholte ich naiv.

Miss Baker nickte.

»Sie sollte doch wenigstens genug Anstand haben, ihn nicht zur Essenszeit anzurufen. Meinen Sie nicht?«

Noch bevor ich ganz kapiert hatte, was sie meinte, hörte man ein Kleid rascheln und das Knarzen von Lederstiefeln und Tom und Daisy waren zurück am Tisch.

»Naja, so ist das nun mal!«, rief Daisy mit bemühter Fröhlichkeit.

Sie setzte sich, schaute nachforschend zu Miss Baker und dann zu mir und fuhr fort: »Ich habe eben mal einen kurzen Blick nach draußen geworfen, und es ist da draußen richtig romantisch. Da sitzt ein Vogel auf dem Rasen, das muss eine Nachtigall sein, die wohl mit der Cunard oder der White Star Line herübergekommen ist. Sie singt und singt –«. Und ihre Stimme sang ebenfalls: »Ist das nicht romantisch, Tom?«

»Sehr romantisch«, betonte er, und dann zerknirscht an mich gewandt: »Wenn es nach dem Essen noch hell genug ist, möchte ich dir die Stallungen zeigen.«

Im Haus klingelte energisch das Telefon, und während Daisy Tom ansah und entschieden den Kopf schüttelte, löste sich das Thema Stallungen, lösten sich überhaupt sämtliche Themen in Luft auf. An die letzten fünf Minuten bei Tisch habe ich nur bruchstückhafte Erinnerungen, ich weiß noch, dass jemand sinnlos die Kerzen wieder anzündete und dass ich jedem ganz offen ins Gesicht sehen, und doch gleichzeitig allen Blicken ausweichen wollte. Ich wusste nicht, was in Daisy und Tom vorging, aber ich glaube, dass selbst Miss Baker, die offensichtlich mit einer robusten Nüchternheit ausgestattet war, das schrille metallische Drängen dieses fünften Gastes nicht völlig ausblenden konnte. Einem anderen Naturell wäre die Situation vielleicht faszinierend erschienen – ich aber hätte am liebsten unverzüglich die Polizei gerufen.

Die Pferde wurden, überflüssig zu sagen, nicht mehr erwähnt. Tom und Miss Baker schlenderten, mit einigen Armlängen Distanz zwischen ihnen, zurück in die Bibliothek wie ein Nachtwächter mit einem lockend greifbaren Körper neben sich, während ich freundlich interessiert und ein wenig nichtsahnend tat und mit Daisy über eine Reihe verbundener Terrassen zur vorderen Veranda ging. Dort setzten wir uns im abklingenden Abendschein nebeneinander auf eine Korbbank.

Daisy legte ihr Gesicht in die Hände, als ob sie dessen entzückende Form ertasten wollte, und ihr Blick wanderte immer weiter hinaus in die samtene Dämmerung. Ich fühlte ein heftiges Gewitter von Gefühlen in ihr toben, und darum sprach ich etwas an, was sie beruhigen konnte und erkundigte mich nach ihrer kleinen Tochter.

»Wir kennen uns nicht besonders gut, Nick«, sagte sie plötzlich. »Obwohl du mein Cousin bist. Du bist nicht einmal zu meiner Hochzeit gekommen.«

»Da war ich noch im Krieg.«