Beschreibung

«Ich will mich aber aufregen!» – Wie oft möchte man toben, wüten, schreien und wird höflich gebeten, es doch sein zu lassen. Dabei gibt es Anlässe genug. Überall finden sich Nervtöter, Vordrängler, Ausbremser, Warteschlangen-Verlängerer, Parkplatz-Klauer. Dietmar Bittrich – Experte für böse Unterhaltung – sagt: Lassen Sie es raus! Hören Sie auf Ihr inneres Rumpelstilzchen! Und falls es gerade keinen Anlass zum Aufregen gibt, in diesem Buch finden Sie garantiert einen.

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Seitenzahl: 212


Dietmar Bittrich

Der große Kotz

1000 ganz legale Aufregertipps

Rowohlt E-Book

Inhaltsübersicht

Erster Stresstest++ Das wird dich heute nerven ++Den Tag anbrechenDown and out in Bus und BahnSupergeil im SupermarktAuf der Straße ist die Hölle los++ Das wird dich heute nerven ++Betriebsunfall Job++ Das wird dich heute nerven ++Liebeswahn++ Das wird dich heute nerven ++Das Leiden an der KulturHorrortrip ReiseMissgeschick Älterwerden
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Erster Stresstest

Ärgern macht glücklich. Es hält fit. Es macht schlau. Es fördert die Durchblutung der Muskulatur. Es beschleunigt die Kommunikation der Gehirnzellen. Wer sich aufregt, ist intelligenter und kreativer als andere. Deshalb gibt es keine überflüssige Aufregung. Im Gegenteil. Sich nicht aufzuregen ist vergeudete Lebenszeit. Her mit den Nervereien! Jeder Anlass ist willkommen. Mal schauen, was heute dran sein könnte! Hier ist schon mal die erste Checkliste für die Zeit vor dem Frühstück. Schon beim Gedanken an diese Punkte steigen IQ und EQ, Einfallsreichtum und Widerstandskraft. Also, was wird heute wohl am nervigsten sein?

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Das wird dich heute nerven

‣ dein Partner, der am Morgen nicht mehr ganz so gut riecht wie am vergangenen Abend;

‣ der Spiegel, der dich exakt so zeigt, wie du nie aussehen wolltest;

‣ das Wetter, das dir die nächste Blasenentzündung einfüllen wird oder dein Deo total versagen lässt;

‣ der Nachbar, der seinen Müllberg so in den Hausmülleimer stopft, dass für dein Tütchen kein Platz mehr bleibt;

‣ die Ampel, die so sadistisch ist, dass sich eine extralange Autoschlange vor deinen Augen vorbeischiebt, bis die Kreuzung verstopft ist und du auch bei Grün nicht losfahren kannst;

‣ die Leute im Bus, die ihren MP3-Schrott hören und dabei so bescheuert aussehen, als führen sie zum Irrenhaus-Casting;

‣ die Bahn, die sich verspätet und nach einigen Minuten noch mal verspätet, weshalb die Herde auf dem Bahnsteig so anwächst, dass die Atemluft in den Abteilen binnen weniger Sekunden abgesaugt sein wird;

‣ die Arbeit, bei der du alle Unterlagen findest, nur nicht die vom Chef geforderten, während der neue Kollege unter großem Applaus Witze für Dummies reißt;

‣ die Warteschleife, in der dein Anruf landet und in der du stundenlang mit einer stumpfsinnigen Melodie im Dauerrepeat hingehalten wirst;

‣ der Mittagsfraß, der mit dem Text auf der Speisekarte so wenig zu tun hat wie dein letztes Urlaubshotel mit der Beschreibung im Reiseportal;

‣ der eingerissene Mundwinkel, der dein unbeschwertes Lachen auf ein verkniffenes Lächeln reduziert und das Essen zur Schmerzprüfung macht;

‣ der leere Handtuchspender im WC, der dich zwingt, mit nassen Fingern nach einem Papiertaschentuch zu suchen oder die Hände gleich an deinen Kleidern abzutrocken;

‣ deine Konkurrentin im Büro, die dermaßen gute Laune hat, dass dir übel wird;

‣ die Kassiererin im Supermarkt, die die Kassenrolle erneuern muss, nach längerem Stöbern ermittelt, dass kein Ersatz vorrätig ist, und die dann den Verkaufsleiter per Mikrophon ausruft, die Achseln zuckt und dir zulächelt, während du um Jahre alterst;

‣ der Verkäufer der Obdachlosenzeitung, der dich wie einen alten Kumpel begrüßt, damit du mit schlechtem Gewissen vorbeischleichst, wenn du es überhaupt wagst, ohne Spende weiterzugehen;

‣ der Radfahrer, der dich zwingt, deine Spur auf dem Fußweg zu verlassen, und zum Dank spritzend durch die Pfütze rauscht;

‣ der Inhalt des Briefkastens, den du unters Kinn klemmst, weil du Einkaufstüten in beiden Händen trägst, und der dann auf den Fußboden klatscht und sich im Flur verteilt, während dein Hassnachbar lächelnd vorüberschreitet;

‣ der Kontoauszug, auf dem ein unsichtbares STOPP aufflammt;

‣ der Anruf deiner Mutter, deren Nummer auf dem Display dir Magendrücken, Haarausfall und Ohrensausen verursacht;

‣ der Henkel der Konservendose, der abbricht, aber so, dass durch ein winziges Loch noch die Tomatensoße als Fontäne herausspritzen kann;

‣ die Absage, die dich erreicht, als du die Alternative gerade gekippt hast;

‣ das Fernsehprogramm, das dieselben News wiederkäut, die abgenudelten Filme wiederholt und die immer gleichen ranzigen Talkshowgäste zur Verblödung freigibt;

‣ die Facebook-Freunde, die deinen hochintelligenten, originellen und witzigen Beitrag mal wieder völlig missverstehen und geschlossen zum Mobbing ansetzen;

‣ die Leute im Kino, die sich laut unterhalten, Popcorn in deinen Nacken husten und enthusiastisch an Stellen losbrüllen, an denen du absolut nichts Lustiges entdecken kannst;

‣ der Film, der so verschachtelt konstruiert ist, dass du ihn nicht kapierst, oder vielmehr: Jetzt willst du ihn auch gar nicht mehr kapieren;

‣ das Fernglas, mit dem du abends die erleuchteten Fenster absuchst und das dir keine einzige skandalöse Szene zeigt.

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Den Tag anbrechen

Aufzuwachen ist ärgerlich genug. Ausgerechnet morgens aufzuwachen ist besonders unpassend. Hat dir jemals eine Morgenstunde Gold in den Mund gelegt? Nein. Immer nur Belag auf die Zunge. Dazu kommen der schwere Kopf und die schmerzenden Glieder. Nach Untersuchungen des Fraunhofer-Instituts für Tageszeitenforschung ist der Morgen schlicht ungeeignet für den Beginn eines Tages. Wer könne, solle später anfangen. Doch morgendliches Aufwachen ist schwer zu verhindern. Ganz zu schweigen von dem, was sich daran anschließt und was viel schwieriger ist: das Aufstehen. Nicht alles daran nervt. Nur fast alles.

‣ Der Wecker. Egal ob er brummt oder klingelt, trötet oder flötet, er tut es zur Unzeit. Und lernt er etwa dazu? Nein! Nicht mal aus Schmerzen! Gut ein Fünftel der Jahresproduktion von Weckern geht in den Morgenstunden zu Bruch. Fast immer beim Versuch, das Lärmen zum Schweigen zu bringen. Den Rekord im Weckerzerwerfen hielt lange ein gewisser Lord Calverton. Allein im Jahre 1973 zerstörte er insgesamt 127 mechanische Weckuhren und schaffte angeblich in den folgenden Jahren noch mehr. Doch da war diese Art Spitzenleistung schon wieder aus dem Guinness-Buch gestrichen worden. Ab morgen bringst du sie wieder rein!

‣ Der Körper. Dein Körper will aufgeben. Und du verstehst ihn. Selbst wenn er noch nicht viele Jahre hinter sich hat – es reicht ihm. Er hat genug. Seine morgendlichen Signale: Schwärze, Schwindel, Schlappheit, Schmerzen. Jetzt rächt sich, dass du ihn mit Sport gefoltert hast. Seit du die bestgetesteten Laufschuhe hast, tun die Füße weh. Die Achillessehnen werden nie mehr glücklich werden. Deine Knie sind schlecht geschmiert. Die Hüfte quietscht. Du wirst sie irgendwann ersetzen können. Aber das klappt nicht mit allen knackenden Gelenken, nicht mit der Wirbelsäule, dem verspannten Nacken. Deine gesamte Muskulatur zeigt am Morgen, was sie von all deinem Yoga und Pilates oder einfach nur Treppensteigen hält: gar nichts, aber absolut nichts.

‣ Dein Partner. Gestern mag er oder sie noch einigermaßen akzeptabel gewesen sein. Am Morgen nicht mehr. Nicht nachdem er oder sie die ganze Nacht gewühlt, geschnarcht, geröchelt hat. Rinnt da noch ein Speichelfaden aus dem Mundwinkel? Oder kommt das erst beim Schlaganfall? So jung er sein mag, morgens sieht er so verquollen aus wie Boris Becker nach der ersten Zigarre. Und er riecht auch so. Er hat keine Zahnbürste am Bett, keinen Zungenschaber. Kann er sich wenigstens wegdrehen und woandershin atmen? Oder ist er gar nicht mehr da? Ist er bereits aufgestanden, lärmt und rasselt er in der Wohnung, damit auch du erwachst? Er muss aus dem Haus, aber du könntest noch schlafen. Das mag er nicht. Was für ein Nervbold! Oder ist es umgekehrt? Du musst aufstehen, weil du ehrliche Arbeit hast, und dieser Schlaffsack will weiter im Bett siffen? Sollst du seiner Hoheit womöglich noch das Frühstück hinstellen? Ätzendst! Es gibt ein Liebesgedicht über Partnerschaften am Morgen. Es stammt von George Sand. Sie war die Gefährtin des Glamour-Pianisten Chopin. Hier ihre Verse in aktueller Übersetzung:

Im Doppelbett

Die Sterne sind verblichen,

Bald muss es Morgen sein.

Da –!? Ist dir was entwichen?

Das muss vom Knoblauch sein!

Du hüllst dich in die Decke,

Als lägst du tief im Schlaf.

Doch hobst du sie zum Zwecke,

Dass mich dein Darmwind traf.

Herr, Gnade! Selbst Gespenster

Verlassen jetzt den Raum.

Wie öffne ich das Fenster?

Die Kraft bleibt mir ja kaum.

Woher bekomm ich Sauerstoff?

Wer reicht mir einen Schlauch?

Und was dir aus dem Munde troff,

Vermischt sich mit dem Hauch

Der Pest, die dich umwabert.

Schon knattert’s wieder raus!

Das Loch, das sonst nur labert,

Strömt saure Fäulnis aus.

Grenzwert? Längst überschritten.

Im Dunst, der dich umgibt.

Doch gleich ist ausgelitten.

Erstickt, die dich geliebt.

‣ Der Spiegel. Wer morgens in den Spiegel sieht, kann nicht mehr an Gott glauben, stellte die Alkoholtesterin Liz Taylor fest. Gott oder nicht, beim verfrühten Blick in den Spiegel kommen Glaube, Liebe, Hoffnung abhanden. Die Figur, in der Horizontalen noch halbwegs schlank, verrutscht in der Vertikalen an allen verrutschbaren Stellen. Das Gesicht, am Abend zuvor noch ebenmäßig und leuchtend, ist von den Knitterfalten des Kissens verwüstet, wenn das nicht die Knitterfalten des Alters sind. Die Haut zeigt den Grauton abgelebten Lebens. Es geht nicht nur dir so. Primaten, denen der Tierpfleger einen Spiegel hinhält, betrachten sich nachmittags und abends gern darin. Zeigt er ihn morgens, zerstören sie ihn. Den Spiegel. Und wenn sie gut drauf sind, auch den Wärter.

‣ Die Waage. Der Fußboden in deinem Badezimmer fällt nach einer Seite hin ab. Nur durch diese Schräge ist zu erklären, dass die Waage beharrlich ein übertriebenes Gewicht anzeigt. Es gibt absolut keinen Grund, sich schon morgens draufzustellen. Und doch tust du es, bis sie, wie es einst der fetten Sängerin Mama Cass geschah, unter deinem Gewicht zerspringt. Bis dahin setzt du dich der quälenden Diagnose aus, womöglich samt Analyse deines Wasser-, Muskel-, Fett- und Knochenanteils. Kannibalen benutzen solche Waagen vor dem Kochen evangelikaler Missionare. Warum tust du es? Weil du dich gern ein bisschen quälst und folterst!

 

Und das kommt noch dazu:

‣ Die Zahnbürste, die rätselhafterweise morgens noch feucht ist, obwohl du dir abends nicht mehr die Zähne geputzt hast. Welche Keime haben sich da selbstlos für dich am Leben gehalten?

‣ Der leere Brötchenkorb, der schmerzlich daran erinnert, dass jemand hätte Brötchen holen können, wenn es nur jemanden gäbe, der dazu bereit wäre.

‣ Die Küche, die von niemandem aufgeräumt wurde.

‣ Die Geräusche aus dem Treppenhaus, die von Leuten stammen, die aus irgendeinem Grund aufgeweckter sind als du und denen du deshalb auf keinen Fall begegnen möchtest.

‣ Der Blick auf den Schreibtisch. Auf all die Papiere, die nach Erledigung verlangen, die auf Bezahlung, Antwort oder Widerspruch warten. Am Abend konntest du ihre unausgesprochene Forderung übersehen. Morgens trifft sie dich im Magen.

‣ Das Zappen durch die Morgenprogramme. Überall tun Leute so, als seien sie schon lange putzmunter, und checken topfrisch die Welt, um dich zu mahnen, zu warnen oder wenigstens wach zu schocken.

‣ Die Aussicht. Draußen vor dem Fenster wartet etwas, das einfach zu viel ist für dich: der Tag, die Welt, die anderen. Muss das sein? Jeden Morgen wieder? Shit.

Bescheuerte Weisheiten

‣ Der frühe Vogel fängt den Wurm. – Kein Wurm steht morgens auf und kriecht ans Tageslicht, um die Vögel singen zu hören. Würmer kommen an die Erdoberfläche, wenn es regnet, denn dann wird im Boden der Sauerstoff rar. Frühe Vögel sind dann schon wieder müde und ziehen sich ins Nest zurück – falls sie noch die Kraft dazu haben. In Brasilien heißt das Sprichwort richtiger: «Den frühen Vogel fängt die Katze.» Das entspricht der Weisheit: «Die zweite Maus kriegt den Käse.» Denn die erste wird von der Falle erschlagen. Dazu passt, dass Leute, die vom Burnout erwischt werden, fast ausnahmslos Frühaufsteher sind oder waren. Genauso der frühe Vogel: Er wird einfach früher gefressen. Freut sich der Wurm. Und du kannst wieder ins Bett gehen.

‣ Jeden Morgen geht die Sonne auf. – Volkslied. Verantwortlich für den Text zeichnet der schnarchsäckige Dichter Hermann Claudius, der immer erst zum Mittagessen aufstand. Sein Urahn Matthias Claudius war übrigens ein reiner Nachtmensch; «Der Mond ist aufgegangen» war sein Morgenlied. Hermann Claudius verdankte seine Behauptung dem Studium astronomischer Tabellen, denen zufolge angeblich jeden Tag tatsächlich ein Sonnenaufgang stattfindet. Das ist graue Theorie. Claudius lebte in Hamburg, wo die Sonne nur an einunddreißig Tagen im Jahr morgens zu sehen ist. An 334 Tagen nicht. Also: «An jedem zehnten Morgen geht die Sonne auf», das kommt knapp hin. Das Lied nervt. Der Dichter nervt. Du kannst im Bett bleiben.

‣ Ein Spaziergang am frühen Morgen ist ein Segen für den ganzen Tag. – Henry David Thoreau. Diesen in Amerika verbreiteten Satz schrieb der selbsternannte Philosoph Thoreau in einem Brief an die Mutter seiner Geliebten Mary Russell. Und das tat er im Februar 1841, als ganz Neuengland von Blitzeis heimgesucht worden war. Mrs. Russell sollte sich bitte frühmorgens auf die spiegelglatten Wege wagen. Der Segen, den Thoreau sich davon erhoffte: dass sie sich das Genick brechen und nicht mehr auf Heirat mit ihrer Tochter drängen würde. Und der Wunsch ging in Erfüllung! Top! Bei ähnlicher Gelegenheit darfst du diese philosophische Meisterweisheit ebenfalls verwenden.

Frühes Aufregen: Tipps & Tricks

Dass die gewohnte Welt wieder erscheint, ist eigentlich schon nervig genug. Doch dein Körper kommt nicht ohne weiteres in den Ätz-und-Ärger-Modus. Das System fährt nur stockend hoch. Der Zustand wohligen Friedens will nicht schnell genug weichen. Dem kannst du abhelfen. Andere haben es vor dir geschafft.

‣ Du trittst als Diener auf. Queen Victoria, die zentnerschwere Gouvernante des britischen Imperiums, ließ sich niemals von einer sanften Kammerzofe wecken. Ein hässlicher Butler musste es sein. Reihum wurden die abschreckendsten Gestalten der Dienerschaft auserkoren. Zur vereinbarten Morgenstunde musste einer der Fratzenmänner ans Bett der Schnarchenden treten und sich mit rauem Räuspern über sie beugen. Kaum erblinzelte Queen Vicky die garstigen Züge, war sie kreischend wach und kampfbereit. Super gemacht! Du brauchst keinen hässlichen Diener. Aber du magst vielleicht selber einer sein. Für deinen Partner, der die ganze Nacht über gewühlt und geschnarcht hat, greifst du tief in die Kiste und setzt deine Pferdekopf-, Schimpansen- oder Werwolf-Maske auf. Bitte nicht auf Billigvarianten aus Glanzkarton mit Gummiband zurückgreifen! Die schläfern nur ein. Geeignet sind lediglich mimisch bewegliche Exemplare aus Latex und Kunstfell. Es gibt sie auch als Screamface, Totenkopf und Camilla Parker-Bowles. Aufwecken, in Panik geraten, glücklich sein. Wie bitte? Dein Partner ist gerade ausgezogen? Erleichterung! Aber dann gönnst du dir vielleicht selbst das Vergnügen? Lege eine Zombiemaske auf das leer gewordene Kissen neben dir. Der Blick am Morgen reißt dich blitzschnell aus der Schlaftrunkenheit. Hol dir Freddy Krueger, den Gorillaschädel, Frankenstein, Balotelli und den abgetrennten Kopf (aus Latex). Die Masken sind erschwinglich und werden dir auch bei einem fälligen Bankraub oder beim Besuch im Altersheim nützlich sein.

‣ Aufwachen zum Schnäppchenpreis: mit Klingeltönen. Kostenlos zum Download bereit stehen Kreissäge, Laubpuster, zahnärztlicher Bohrer, Rottweiler im Angriff, rückkoppelndes Mikrophon, brüllende Babys, bremsende Züge, an Glas geriebener Schaumstoff, Erbrechen eines Komasäufers sowie der Gesang von Bob Dylan. Doch du kannst auch leicht selbst gruseltaugliche Aufnahmen herstellen und als Weckton einrichten: den Anruf von Mutter oder Schwiegermutter, das Flötenspiel vom Weihnachtsfest, das Vaterunser aus dem Rundfunkgottesdienst, die Müllabfuhr vor deinem Fenster, das grausame Gelächter deiner Chefin, heimlich per Smartphone aufgenommen. Rat des Fraunhofer-Instituts für Tageszeitenforschung: Nicht jeden Tag denselben Ton verwenden. Random-Wecken einstellen.

‣ Umweltfreundlich erwachen: mit Tieren. Wenn du schon ökologisch lebst, haben sich bereits ganz von selbst die Rudel der Silberfische, Wollkäfer, Motten und Kakerlaken vermehrt. Aber reichen diese Haustiere, um deinen Puls zu beschleunigen? Anfangs schon. Danach musst du zu lauteren Lebewesen übergehen. Du kannst dir einen Hamster anschaffen, der zuverlässig Radau macht, sobald ein Mensch in seiner Nähe die erste Tiefschlafphase erreicht. Er knabbert an allen knabberbaren Teilen seiner Umgebung, trainiert Marathon im Rad, malträtiert seinen Napf und buddelt Gänge. Als kuschelige Alternative empfehlen sich Kaninchen in originaler oder Zwergform, die noch vor Sonnenaufgang durchs Gehege rasen und sich gegen das Gitter werfen. Als Blutdruckstimulator bewährt hat sich eine Katze. Sie beginnt gegen vier Uhr morgens zu kratzen, rennt maunzend durch die Wohnung und absolviert die genetisch vorgeschriebenen Sprungübungen. Ein Kater macht durch Heulen, Gurren, Schreien auf sich aufmerksam und randaliert, sobald draußen ein Vogel den Schnabel aufmacht. Alternativ kratzt er am Teppich, jagt Fussel durch die Wohnung oder springt auf Tische, um deine Gläser und Flaschen vom Vorabend umzustoßen. Die Leute, die unter dir wohnen, finden diese Geräusche genauso belebend wie du selbst. Aber auch für die anderen Nachbarn solltest du etwas tun. Dazu benötigst du einen Hund. Und zwar einen, der an der Tür kratzt und fiept, wenn er zu dir ins Bett will, der winselt, wenn er Hunger verspürt, der jault, wenn er Sehnsucht hat, und der bellt, wenn er gute, schlechte oder gar keine Laune hat. Das macht nicht nur dir Spaß, das gefällt dem ganzen Haus, ja sogar der Straße. Okay – Haustierbesitzer sind laut Statistik dick, dumm und haben eine geringe Lebenserwartung. Aber die Lebenserwartung ihrer Nachbarn ist noch geringer!

Wahre Weisheiten

«Das beste Mittel, jeden Tag gut zu beginnen, ist, beim Erwachen daran zu denken, ob man nicht wenigstens einem Menschen die Laune verderben könnte.»

Anselm von Canterbury, Theologe

«Hinter dem Schleier der Nacht verbirgt sich das Ungeheuer des Morgens.»

Weisheit der Aborigines

«Wenn wir uns morgens unsere Tagesaufgaben vor Augen führen, fällt es leichter, gleich wieder ins Bett zu gehen.»

William Burroughs, Poet

«Es reicht aus, wenn die Vögel was tun.»

Queen Mum, angelsächsische Langschläferin

«Dein Nachbar kratzt morgens länger an seinem Auto, wenn du es am Abend vorher mit Wasser begießt.»

Polnische Winterweisheit

«Ein Tag, der morgens beginnt, kann nicht mehr gut werden.»

Ernest Hemingway, Autor

20 Gesprächsthemen, die dich heute nerven könnten

Organspendeausweis

Hochbegabte Kinder

Rentenversicherung

Innovatives Design

Britisches Königshaus

Cellulite

Partnerbeziehung

Biokraftstoff

Selbstverständnis der Deutschen

Problemzonen

Burnout

Mülltrennung

Soziale Kälte

Steuererklärung

Politische Kultur

Spendenaufruf

Vergangenheitsbewältigung

Unterschriftenaktion

Aufregende Theaterinszenierung

Ökobilanz

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Down and out in Bus und Bahn

Dir ist schon wieder der Führerschein entzogen worden. Oder dein Auto ist in der Reparatur. Nun bleibt dir nichts anderes übrig, als den Planeten zu retten. Du musst öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Bus, U-Bahn, S-Bahn, Straßenbahn. Aber was heißt: du «musst»? Du liebst das! Du siehst dich willkommen geheißen von freundlichen Fahrern, fühlst dich eins mit sympathischen Fahrgästen. Du genießt die allgemeinen Beförderungsbedingungen.

‣ Du hörst Musik. Und zwar neue Musik. Musik, die dir die Ohren öffnet. Im Auto hast du nur deine Anlage. Da hörst du, was du sowieso immer hörst. In Bus und Bahn wird dir etwas anderes geboten. Wenn du Justin Bieber hasst, wird es Justin Bieber sein. Wenn du Miley Cyrus zum Würgen findest, bekommst du Miley Cyrus. Und du wirst kostenlos beschallt! Vielleicht kriegst du nur das Schlagzeug mit, weil nichts anderes nach außen dringt aus dem Kopfhörer von dem Typen drei Reihen vor dir. Aber mit etwas Glück sitzt du direkt neben jemandem, der den Boomsound im Handy und den Bass-Booster in den Headphones hat und der jetzt mal checken will, wie viel die Leute im nächsten Wagen und draußen jenseits der Gleise davon mitkriegen.

‣ Du isst mit. Auf dem Bahnhof hattest du kein Geld für einen Burger oder keine Zeit mehr, dich anzustellen. Macht nichts! Schon setzt sich jemand mit einer dampfenden Tüte Pommes unaufgefordert neben dich. Hey, super! Der Geruch von Frittenfett wabert auf dich zu, hüllt dich ein. Das sättigt schon mal. Die Burgerzwiebeln von der Schwitzwampe gegenüber spenden die Würze dazu. Lass die Gürkchen und Tomatenschnipsel, die der Dicken links bei jedem Biss aus dem Mund fallen, ruhig auf dem Boden liegen. Denn du bist ja schon fast satt. Jetzt nur noch den Mief vom Döner dazu, frisch abgesäbelt von einem Spieß authentischen Gammelfleisches. Und mit etwas Glück schüttet dir noch jemand Coffee to go über die Hose. And that’s it! An diesem Tag brauchst du nichts mehr zu essen. Du könntest es auch gar nicht.

‣ Du erfährst Neuigkeiten. Und zwar aus dem Leben der anderen. Du musst nicht erst deinen Facebook-Account checken. Alles, was deine ziemlich unbekannten Freundinnen und Freunde mit ihren Eltern, Partnern, Katzen, Nachbarn, Autos und Dildos erleben, erfährst du hier live und in 3-D. Die Netzwerker erzählen es laut in ihre Telefone. Sie gestikulieren sogar dabei. Welchen Film sie bescheuert finden, welchen Song sie so was von nicht mehr hören können, welche Probleme ihre Partner haben und welche Monatsbeschwerden sie selber, was sie rülpsen macht, was sie kotzen lässt und dass sie gleich aufs Klo müssen, noch ehe die Bahn hält – sie rufen es in das Mikrophon, dessen Öffnung so winzig ist, dass sie vorsichtshalber schreien, damit notfalls die herkömmliche Schallübertragung funktioniert. Diese Leute sind leidenschaftlich dagegen, dass amerikanische Sicherheitsbehörden ihre Telefonate überwachen. Dass du und alle anderen im Abteil mithören dürfen, ist deshalb eine besondere Ehre. Du weißt das zu würdigen.

‣ Du sparst Zeit. Bisher hast du gedacht, bestimmte Tätigkeiten müsstest du zu Hause erledigen. Das hat dich wertvolle Sekunden gekostet, ja, ganze Minuten, auf die es morgens ankommt. Jetzt erkennst du: Augenbrauen zupfen, Nägel schneiden, Ohrenschmalz entfernen, Zahnzwischenräume reinigen, Popel ausgraben, beäugen, entsorgen – all das kann auch in Bus und Bahn stattfinden. Denn es findet statt. Sieh ruhig genau hin. Die Leute hier mögen Zuschauer. Und wenn es darum geht, ihre Füße zu lüften oder die Socken zu wechseln, sei ihnen gern behilflich. Sofern du mit deinen eigenen Socken schon fertig bist.

‣ Du wirst Artist. Als Kind hast du davon geträumt, im Zirkus aufzutreten. Du wolltest Akrobat werden. Später Extremkletterer. Die Gelegenheit hat sich nie ergeben. Jetzt ist sie da, die ersehnte Herausforderung! Deine Personal Trainer sind hier. Sie haben Hindernisse mitgebracht, extra in der Rushhour, und sie haben sie so geschickt aufgebaut, dass du zu akrobatischen Kunststücken genötigt bist. Es handelt sich um Fahrräder. In den Stoßzeiten gern mehrere. Wenn sie anfangs noch nebeneinanderstanden, sind sie beim letzten Anbremsen vor dem Bahnhof übereinandergekippt. Ey, das ist die Challenge! Um die Tür zu erreichen, musst du rüberklettern über dies Gewirr. Und jetzt wirst du Akrobat! Geschickt nutzt du die Zwischenräume zwischen den Gestängen, balancierst wie ein Seiltänzer über die Rahmen, nimmst dich in Acht vor den schmierigen Ketten, meidest die gefährlichen Spieße der Lenker! Gut, du wirst sicher nicht an der Station aussteigen können, die dein Ziel war. Du schaffst den Parcours vermutlich nicht mal bis zu derjenigen danach, erst sehr viel später. Aber bis dahin hast du ein tolles Bravourstück hingelegt, jetzt bist du Extremkletterer, die Fahrradbesitzer nicken dir beifällig zu!

‣ Du erlebst Top Acts. Alle Eurovision-Song-Contester haben so angefangen, zumindest die aus dem Osten: als Straßenmusiker. Diejenigen, die in der Bahn auftreten, kommen aus Ländern, in die du freiwillig nicht reisen würdest. Genau deshalb sind sie zu dir gekommen. Sie haben den weiten Weg nicht gescheut. Für dich und deinesgleichen spielen sie ein leierndes Akkordeon oder eine verstimmte Gitarre oder ein quietschendes Blasinstrument oder alles zusammen. Und sie singen. Okay, zugegeben, die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen hat diese Musik als Folter zweiten Grades eingestuft und möchte sie ächten. Doch du hältst es aus. Es bleibt dir auch nichts anderes übrig. Du kannst höchstens die Spende verweigern. Bedenke aber, dass dir hier die Top Acts trübsinniger Länder geboten werden. Schalte beim nächsten Mal den Eurovision Song Contest ein. Da treten sie auf! Hallo – und du kennst sie!

‣ Du kommunizierst feinstofflich. Es mag sein, dass die meisten Fahrgäste schweigen und mit ihren Smartphones beschäftigt sind. Dennoch erspürst du, was sie bewegt. Neben dir sitzt ein Mensch, der noch die Solidarität mit der Arbeiterschaft alter Zeiten mit sich trägt; er strömt Leberwurst und Tilsiter aus. Gegenüber sitzt ein Freund der Umwelt. Wie du an seinem engagierten Atem erkennst, verzichtet er auf Zahnpasta in umweltschädlichen Plastiktuben und wohl auch auf fragwürdige Haarwaschmittel. Dort schlummert einer, der dem gesamten Abteil den Erwerb von Zigaretten erspart; er dünstet genügend Nikotin aus für alle. Von weiter hinten kommt die passende Promillezahl dazu. Diese Dame dort hält mehrere Katzen in ihrer Wohnung; die Tierliebe ist unauslöschlich in ihr Kostüm eingezogen. Und die da drüben hat ihren Hund mitgebracht. Sein Hecheln dient dem Fahrgastraum als energiesparender Luftbefeuchter. Niemand braucht etwas zu sagen. Du bist mit allen verbunden. Ihr seid beinahe eins.

‣ Du lernsttraditionelle Geselligkeitkennen. Du bist digitalisiert. Total vernetzt. Deshalb ist es erfrischend für dich, Leute kennenzulernen, die noch auf herkömmliche Art miteinander reden. Sie setzen sich freiwillig zu dir. Es sind Wandervereine, Kegelclubs, Diskussionsgruppen, Lernteams. Sie debattieren, sie sind fröhlich, sie tauschen sich aus. Und zwar in genau der Lautstärke, die benötigt wird, um deine Kopfhörer zu übertönen. Kann auch sein, dass die Leute fünf Reihen entfernt sitzen. Macht nichts. Hauptsache, sie sind lebensfroh und witzig oder aufgeregt und empört und auf jeden Fall lauter als alle anderen. Diese Leute verkörpern das Leben. Deshalb bist du so dankbar. Und sie spüren deine Dankbarkeit. Vielleicht warst du einfach nur dankbar, dass du drei oder vier freie Plätze um dich herum hattest. Sie nehmen diese entspannte Aura wahr und setzen sich zu dir. Dann lachen, kreischen und brüllen sie los. Du wusstest nicht mehr, dass es das gibt.

‣ Du wirst Therapeut.