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"Enthaupteter im Hafen – Polizei tappt im Dunklen – Brutaler Mord – Container des Grauens" Das sind die Schlagzeilen, die Deutschland erschüttern. In Hamburg und kurz darauf in München werden abgetrennte Köpfe gefunden. Die Augen sind ausgestochen, vom restlichen Körper fehlt jede Spur. Es handelt sich ganz klar um die Handschrift eines Serienkillers! Sofort macht sich ein Spezialteam unter der Führung von Super-Profiler Jens Kessler an die Ermittlungen. Zusammen mit seiner Partnerin Rita Hubschmied führt ihn sein Weg direkt in die bayerische Landeshauptstadt. Während aber die ganze Republik in Aufruhr ist, geht in Bad Berging alles seinen gewohnt gemütlichen Gang. Das einzige Verbrechen, das hier zu lösen gilt, ist das rätselhafte Verschwinden einiger Haustiere. Hauptkommissar Gerhard Maus und seine Leute ahnen natürlich nicht, dass die pechschwarzen Wolken bereits über ihrem idyllischen Örtchen schweben. Als im heimischen Wildpark plötzlich Leichenteile gefunden werden und der Henker somit sein jüngstes Opfer präsentiert, wird klar, dass sich die blutige Spur direkt nach Bad Berging zieht. Die Jagd nach dem Mörder beginnt und Kommissar Maus bekommt Unterstützung von Kesslers Sondereinheit. Unweigerlich prallen zwei Welten aufeinander: High-Tech-Profiling versus traditionelle Polizeiarbeit – kriminalistische Tiefenpsychologie versus gesunde Menschenkenntnis. Eine explosive Mischung also, die unweigerlich zu einem überraschenden Schluss führen muss. ________________________________ So viel kann noch verraten werden: Es gibt vier Opfer, einigen Herzschmerz, eine Grippewelle, zwei geplagte Mütter, sportliche Herausforderungen, engagierte Hunde- und Katzenbesitzerinnen, italienische Cousins, Geschwisterrivalität und -liebe, drei bekennende Raucher, zwei Stroh- und einen echten Witwer, Western-Fans, einen Englischkurs, liebenswerte Tiere und die Hoffnung auf ein glückliches Ende.
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Seitenzahl: 750
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Katja Hirschel
DER HENKER VON BAD BERGING
NOCH EIN KRIMI AUS BAYERN
Hirschel, Katja: Der Henker von Bad Berging. Noch ein Krimi aus Bayern. Hamburg, acabus Verlag 2016
Originalausgabe
ePub-eBook: ISBN 978-3-86282-439-7
PDF-eBook: ISBN 978-3-86282-438-0
Print: ISBN 978-3-86282-437-3
Lektorat: Vanessa Klein, acabus Verlag
Cover: © Annelie Lamers, acabus Verlag
Covermotiv. http://www.freepik.com
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Der acabus Verlag ist ein Imprint der Diplomica Verlag GmbH,
Hermannstal 119k, 22119 Hamburg.
© acabus Verlag, Hamburg 2016
Alle Rechte vorbehalten.
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Für Ruth
Montag, 17:58 Uhr, Hamburger Hafen
Er bückte sich und hob gleichzeitig das Absperrband an, um darunter hindurchzutauchen. Plastik knisterte, als seine breite Schulter daran schabte. Schnell stand er wieder aufrecht, einem uniformierten Kollegen gegenüber. Das Band ließ er los und zurückschnellen.
»Und was gibt es diesmal?«, fragte er brummig, während er den Kragen seines Mantels hochschlug, da der Herbstwind hier am Hafenpier besonders schneidend und ungemütlich war.
»Da hinten! Bei den Containern, Herr Kessler«, deutete der Gefragte in eine Richtung. »Stein wartet schon.«
Eine Möwe schrie laut und heiser, wurde von einer anderen abgelöst, deren intensiver Ruf eine Dringlichkeit ausdrückte, die Kessler irritierte. Er verzichtete daher darauf, diesen Mann darauf hinzuweisen, dass die korrekte Erwähnung von Dienstgraden durchaus ihren Sinn hatte. Zur Strafe strich er dafür das Danke und warf ihm stattdessen einen tadelnden Blick zu. Der Uniformierte senkte auch gleich seinen Kopf und wippte leicht auf den Fußballen. Er schien zu überlegen, was er nun Polizeiwirksames tun könnte, um nicht länger im Fokus dieses neuen Superkollegen stehen zu müssen. Kessler reichte die Reaktion aus Unsicherheit und Zerknirschung. Er ließ von ihm ab und blickte den Pier entlang. Der Wind war stärker geworden. Es wurde bald dunkel. Schreiend landeten ein paar Möwen am Ende der Mole, stritten sich und hackten mit ihren Schnäbeln auf etwas ein. Er seufzte. Es half alles nichts. Er musste zum Tatort. Schnell ging er zu den Containern und sah aus den Augenwinkeln schon ein paar Reporter hinter der Absperrung herumlungern.
Die hatten wohl den Polizeifunk abgehört und warteten auf einen Sensationsbrocken – diese widerlichen Aasgeier.
»Jens! Hier sind wir!«, riss ihn der Ruf aus seinen düsteren Gedanken. Keine fünf Meter entfernt war eine runde kleine Gestalt aufgetaucht, die ihn zu sich winkte.
»Das hat aber gedauert! Wo hast du nur gesteckt?«
»Meine Orientierung leidet ein bisschen. Hier ist nichts mehr, wie es früher einmal war«, kam die ungehaltene Antwort.
»Junge, Junge, man sollte nicht meinen, dass du in dieser Stadt geboren bist«, lachte der andere. »Und sich zu verfahren, ist eine lahme Ausrede. Auch nach dreizehn Jahren USA vergisst man doch seinen Heimathafen nicht.«
»Ben!« Es war offensichtlich, dass Jens Kessler keine Lust auf eine Fortsetzung des Gesprächs hatte. »Ben, von jemandem aus einer Kleinstadt, in der alles beim Gleichen bleibt, muss ich mir das nicht länger anhören. Meun Hamburch hot sich verännerd un do kommt ma ganz schön inne Tüdel, nech!1 So, jetzt genug geschnackt2. Wo ist der Tatort!?«
»Pfffffffffffuit! Was soll denn an Magdeburg bitte klein sein?«, konterte Ben, aber da er nicht zu der schnell beleidigten, lokalpatriotischen Sorte gehörte, deutete er auf einen Stapel Kisten, der sich malerisch modern und dank einer hellen Lampe, die gerade ein Mitarbeiter der Spurensicherung dahinter aufstellte, in der Dämmerung wunderbar plastisch ausmachte. Jens Kessler schnaubte missmutig. Er wollte eigentlich gar nicht hingehen, musste aber doch, denn Polizeihauptkommissar Ben Stein hatte ihn wie ein aufgeregtes Kind auf dem Jahrmarkt am Ärmel gepackt und schon mit sich gezogen.
»Dort. Siehst du?«, rief er und zeigte auf eine Kiste. »Dort drin hat ihn der Hafenmeister gefunden.«
Jens Kessler sah leider gar nichts, da besagte Kiste dank des diffusen Dämmerlichts lediglich ein einziger schwarzer Schatten war. Ärgerlich blickte er daher Stein an, der offenbar nicht verstand. Doch bevor ihm Jens Kessler mit einem gebrummten »Taschenlampe« auf die Sprünge helfen konnte, ertönte hinter ihnen: »Ekelhaft, nicht?!«
Es war eine junge Frau, die, ohne dass er es bemerkt hatte, um den Kistenstapel herumgekommen und offensichtlich gerade damit beschäftigt war, Fotos zu machen.
»Wie in einem von diesen unnötig grauenhaft brutalen Skandinavien-Krimis. Hauptsache blutrünstig«, erklärte sie weiter, während sie einige Schritte rückwärts ging und am Objektiv drehte, um den Kistenstapel im Weitwinkel aufnehmen zu können.
»Das ist übrigens Rita«, raunte Ben Jens Kessler zu. »Die ist wie du erst seit Kurzem bei uns und hilft ein bisschen aus. Auch so ein aufstrebendes Wunderkind. Die Karriereleiter regelrecht hochgerast. Man meint es wohl gut mit unserer Abteilung, dass man uns gleich zwei von eurer Sorte zugeteilt hat.«
»Rita? Rita Hubschmied?«, fragte Jens Kessler verblüfft.
Die Frau hielt in der Bewegung inne, den Zeigefinger in der Luft, einige Millimeter über dem Auslöser.
»Ja?!«, kam argwöhnisch die Antwort, während sie ihn mit Röntgenaugen musterte. Es war offensichtlich, dass sie zu keinem brauchbaren Ergebnis kam, was sie noch etwas spröder werden ließ. »Und wer …«
»Na, ich bin’s doch. Jens Kessler. Erinnerst du dich nicht mehr? Baton Rouge, Louisiana? Vor ungefähr sechs Jahren?«
»Scheiße, ja! Der Vampirmörder! Meine Fresse, ich habe dich gar nicht wiedererkannt. Der Bart und so …«
Mit und so meint sie vermutlich höflich ausgedrückt meine Augenklappe, dachte er bitter, konnte ihr aber nicht länger böse sein, weil sie sich nun wirklich zu freuen schien, ihn wiederzutreffen. Rasch hatte sie die Kamera einem Mitarbeiter in die Hand gedrückt und kam strahlend zu ihnen.
»Des gibt’s doch gar nicht. Jens! Jens Kessler! Wow, die Welt ist wirklich klein. Ich mein, ich hätte eher erwartet hier jemanden aus meiner Familie – also aus dem tiefsten Bayern – zu treffen als dich.«
»Oh, tut mir leid!«, bemerkte er und versuchte nun auch seinerseits ein winzig kleines Lächeln. »Aber du musst wohl oder übel mit mir Fischkopf vorlieb nehmen.«
»Nein, nein. Das war eigentlich pure Erleichterung und daher als Kompliment gedacht. Aber … Äh … ist des jetzt der absolute Zufall oder was? Ich mein, dass du hier bist und so … Egal, es ist super, dich bei diesem Fall im Boot zu haben. Das ist ja sozusagen ein Ritterschlag. Niemand ist so ein großartiger Profiler wie du.«
»Profiler? Du meinst also, dass wir hier etwas Interessantes haben?«, blendete er ihr merkwürdiges Gestammel einfach aus, hörte nur dieses eine Wort und biss sofort an. Da man ihm jedoch immer noch kein Licht zur Verfügung gestellt hatte, seine Neugier aber entfacht war, begann er auch gleich in der Manteltasche nach seinem Handy zu suchen.
»Könnte man wohl so ausdrücken«, versuchte sich nun Ben fachkundig ins Gespräch zu mischen. »Wenn das nicht das Werk eines wirklich kranken Psychos ist, dann weiß ich auch nicht. Rita, zeig ihm doch einmal, was wir da haben.«
Aber sie kam nicht mehr dazu. Jens Kessler war bereits an den Stapel herangetreten und hob sein Handy, dessen integrierte Taschenlampe es ihm endlich ermöglichte, in der Dunkelheit der Kiste etwas erkennen zu können. Für den Bruchteil einer Millisekunde erstarrte er. Zwar war Jens Kessler ein Voll-Profi und es gab nichts Schreckliches, was er nicht bereits schon kannte, aber das, was er da jetzt vor sich hatte, ließ sein Blut zu Eis gefrieren. Ein abgetrennter Kopf, die Augen ausgestochen, der Mund in Todesqualen verzogen – ein Déjà-vu?! Ron? Jens Kessler musste blinzeln. Nein, schalt er sich sofort einen Narren. Nein, natürlich ist das nicht Ronald Roberts!
»Heilige Scheiße!«, flüsterte er, als er jetzt sah, dass der Mörder den Hals mit langen, großen Nägeln befestigt hatte, damit der Kopf auch ja nicht umfallen konnte und in dieser makaberen aufrecht stehenden Position blieb.
»Hab ich’s nicht gesagt?«, bestätigte Rita, die neben ihn getreten war. »Brutal bis ins kleinste Detail. Sieh dir mal die Wundränder an. Ausgefranst und irgendwie zerfleddert. Ich tippe auf eine Säge – Kreis oder Motor. Aber das überlasse ich nur zu gerne der Forensik. Die Präsentation dieser Abscheulichkeit ist jedoch auch nicht von schlechten Eltern. Er hat den armen Kerl fixiert und wollte nicht, dass sein Werk umkippt. Es soll seinen Finder ansehen können. Naja, vermutlich eher erschrecken, weil da ja keine Augen mehr sind. Eindeutig eine Botschaft, wenn du mich fragst.«
»Wer ist hier der Profiler?«, fragte Jens Kessler scharf.
Er war wütend. In erster Linie auf sich selbst, weil er wider Erwarten einen Augenblick erschrocken gewesen war. Erschrocken darüber, dass er hier so plump auf ein Ereignis aus der Vergangenheit gestoßen wurde – ein Ereignis, mit dem er längst abgeschlossen haben wollte.
»Du glaubst doch wohl nicht, dass es schicksalhafte Fügung ist, dass ausgerechnet hier – in deiner Anwesenheit quasi – dieses makabre Abfallprodukt einer bestialischen Verstümmelung auftaucht?!«, fuhr sie gnadenlos in ihrer Überlegung fort.
Jens Kessler ließ die Hand sinken. Er wollte nichts mehr sehen und auch nichts mehr hören, bevor er nicht selbst in der Lage war, das alles zu begreifen und in einen vernünftigen Rahmen zu bringen. Bedächtig schaltete er das Handy aus, bevor er es wieder in der Manteltasche verschwinden ließ. Er brauchte etwas Zeit und vor allem Ruhe, doch leider hatte Rita dafür offenbar keine Antenne. Sie war wie ein Pitbull Terrier, der gerade erst angefangen hatte, sich in seinen Knochen zu verbeißen. Schon immer hatte er gewusst, dass aus der vielversprechenden Kollegin eine mehr als professionelle Bereicherung in der kriminalistischen Fallanalytik werden würde. Leider war ihr Talent im Augenblick mehr als störend.
»Unterbrich mich ruhig, wenn ich mich irre«, bemerkte sie selbstbewusst, sah großzügig über seine abweisende Haltung hinweg und fuhr gleich fort. »Schon allein die Opferwahl. Männlich, Mitte bis Ende fünfzig. Die Todeszeit – und dabei greife ich mal auf vergangene Vorfälle zurück – kann nur innerhalb der letzten 48 Stunden liegen. Er wurde enthauptet, aber nicht hier. Kein Blut. Wir haben hier also keinen Tatsondern einen Fundort und der ist makellos sauber. Und darum ist es auch klar, dass der Mörder Kontakt aufnehmen will. So nach dem Motto: Seht her, ich hab ein Geschenk für euch. Lasst uns mal spielen! Und ich verwette meinen Arsch, dass wir den Rest des Körpers nicht finden werden. Also Jens, was sagst du nun? Besonders dir müsste das bekannt vorkommen. Na, klingelt’s?«
Jens Kessler war zu ihr herumgefahren und hatte sein Auge zu einem gefährlichen Schlitz verengt. Rita hielt seinem Blick stand. Dann nickte sie leicht.
»Ja, ich weiß, es ist eigentlich nicht möglich, weil ihr diese Bestie damals geschnappt habt. Aber noch verrückter ist ja wohl, dass ausgerechnet du jetzt hier bist. Ich meine, als ich vorhin hier angekommen bin, hatte ich schon so einen Verdacht. Diese Vorgehensweise, diese ganze Art. Und dann tauchst du auf und plötzlich passt alles zusammen …«
Er hatte sie am Oberarm gepackt und mit sich gezogen, weg von dem Kistenstapel und Ben, der gerade mit dem Gerichtsmediziner diskutierte.
»Verdammt!«, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, als sie am Rande des Piers angekommen waren. »Verdammt, du glaubst also zu wissen, wer unser Täter ist?«
Sie nickte abermals. Er sog hörbar die Luft ein, starrte sie einige Sekunden an und ließ sie dann los. Sie wurde ihm unerträglich. Schnell blickte er stattdessen auf das Wasser vor sich. Dort trieb ein toter Fisch, wurde bäuchlings von den Wellen hin und her gewiegt und plötzlich schien ihm dieses Schauspiel das Interessanteste seit langem.
»Jens, ich bitte dich«, riss Rita ihn aus seinen kontemplativen Betrachtungen, holte ihn brutal in die Wirklichkeit zurück. »Den Zusammenhang würde selbst ein Dorfpolizist in dem Kaff, aus dem ich stamme, erkennen. Ich war zwar damals nicht dabei, aber glaub bloß nicht, dass ich das nicht verfolgt hätte. Ein Serienkiller vom Feinsten. Da habe ich freiwillig Extra-Hausaufgaben gemacht. Also, du brauchst jetzt nicht ausweichend zu werden, denn du weißt, dass ich Recht habe. Wir haben es hier eindeutig mit dem …«
» … Princeton-Schlächter zu tun!?«, beendete er rau ihren Satz. »Lächerlich, meine Liebe! Du solltest dich mal reden hören! Der ist, wie du gerade so treffend bemerkt hast, von mir geschnappt worden und hinter Schloss und Riegel, wo er verrotten wird. Also, wie bitte soll er DAS hier bewerkstelligt haben?«
»Gut, dann eben nicht er persönlich. Aber es ist doch ein sehr verblüffend ähnlich gelagerter Fall. Gehen wir also von einem Nachahmungstäter aus«, erklärte Rita ärgerlich. »Mensch Jens, egal von welcher Seite wir es betrachten, das Offensichtliche bleibt bestehen.«
Er schob die Hände in die Manteltaschen und drehte sich ganz von ihr weg.
»Jens?«, klang aus weiter Ferne ihre Stimme.
Er hatte keine Lust, wollte seinen Frieden, bereute es, heute überhaupt aufgestanden zu sein und sie nach all den Jahren wiedergetroffen zu haben.
»Jens!«
Aus der Ferne tutete ein Schiff. Der Wind frischte wieder auf, blies ihn kalt an, zerwühlte seine blonden Haare, zerrte an seinem Mantel. Am gegenüberliegenden Ufer konnte er sehen, wie gerade ein Container verladen wurde. Ein höchst faszinierendes Schauspiel.
»Jens?«
Das Wasser wurde unruhig. Die Wellen kräuselten sich, schwappten gegen die Kaimauer. Ein zweiter toter Fisch war aufgetaucht. Die Kadaver wurden aufeinander zugetrieben, berührten sich, sahen aus, als wollten sie sich küssen. Woran waren sie gestorben? Eine Seuche? Gift? Umweltverschmutzung? Altersschwäche? Oder waren sie Augenzeugen gewesen, die man beseitigt hatte?
»Jens? So sag doch was!«
Es war sinnlos, sie weiterhin zu ignorieren, denn sie würde doch keine Ruhe geben. Jens Kessler zwang sich regelrecht dazu, Rita wieder anzusehen. Eines war klar. Sie musste vom Kurs abgebracht und endlich beschäftigt werden, damit sie ihm nicht mehr den letzten Nerv raubte.
»Du … Ähm, du hast da einen interessanten Ansatz gefunden, den wir von mir aus mal im Hinterkopf behalten könnten«, entgegnete er. »Aber bevor ich nicht alle Fakten zusammen habe, werde ich darauf nicht weiter eingehen.«
Sie wirkte enttäuscht, aber er blieb hart. Unmissverständlich musste die Grenze gezogen werden. Er hatte hier das Sagen und nicht sie.
»Wie wär’s, wenn du Ben und seinen Leuten zur Hand gehst, damit wir heute noch fertig werden.«
Sie sah ihn nun entrüstet an.
»Na, mach schon!«, forderte er sie gönnerhaft auf und es hätte nicht viel gefehlt und er hätte seine Anweisung mit einem Stubser gegen ihren Rücken verstärkt, damit Rita endlich begriff, dass er sie momentan nicht in der Nähe haben wollte. Schnell verdrängte er jedoch den Impuls und rang sich stattdessen ein halbwegs zuversichtliches Lächeln ab. »Ich zähl auf dich! Die sind nicht so professionell und machen bestimmt Fehler, und ich brauch jetzt jemanden wie dich, der das Ganze koordiniert.«
Blicke des Zorns wurden ihm entgegengeschleudert, aber er blieb standhaft und ließ sie einschlagen, bis sie in ihrer Intensität nachließen. Ritas Reaktion auf diese herablassende Behandlung war mehr als verständlich. Trotzdem sah er ihr ohne schlechtes Gewissen nach, als sie auf dem Absatz kehrtmachte und wütend zum Fundort zurückstampfte. Das würde sie ihm bestimmt nicht so schnell verzeihen, aber was interessierten ihn schon ihre Gefühle? Jens Kessler holte sein Handy wieder hervor und wischte mit dem Zeigefinger über das Display, bis er die gesuchte Nummer gefunden hatte. Er seufzte, berührte die Anruftaste, hielt das Telefon ans Ohr und wartete auf das Tuten. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, nie wieder anzurufen.
1 Mein Hamburg hat sich verändert und da kommt man ganz schön durcheinander, nicht!
2 geplaudert
Montag, 18:24 Uhr, König Ludwig Gymnasium, Bad Berging
»Good evening, ladies and … Oh!« Mit einem wunderschönen, entschuldigenden Lächeln blickte sie auf und nahm dann ihre Lesebrille ab, die sie an einer langen Kette um den Hals trug. Einige Sekunden schien sie zu überlegen, bevor sie ihre Sehhilfe los- und auf ihren prachtvollen Vorbau fallenließ, wo diese hüpfend aufkam. Mit gespieltem Vorwurf hob sie die Teilnehmerliste hoch, wedelte damit, sah dabei in die Runde, räusperte sich und nahm den Faden wieder auf.
»Excuse me, I’ve to correct myself. Good evening, gentlemen and welcome to the english conversation and basic grammar repeating class. My name is …«, und hierbei drehte sie sich elegant zu der weißen Tafel, schnappte einen Stift, entfernte mit einem Plopp den Deckel und begann schwungvoll zu schreiben. Einige Augenblicke später trat sie einen Schritt zurück, wohl wissend, dass auch ihre Rückenansicht für die Teilnehmer eine Augenweide sein musste, und nickte zufrieden.
»My name is: Miss Katherine Shaw. But please call me …«, und wieder hatte sie sich mit einem atemberaubenden Lächeln zu den anwesenden Herren umgewandt, »Kathy!«
Zehn Augenpaare waren auf sie gerichtet. Manche waren groß und etwas ängstlich, schließlich war es schon ein bedeutender Schritt als Erwachsener noch einmal die Schulbank zu drücken und dabei an längst vergangene aber vielleicht durchaus immer noch traumatische Erlebnisse erinnert zu werden. Manche blickten mit unverhohlenem Entzücken, so eine atemberaubende Lehrerin zu haben. Manche waren konzentriert, aber mit abwartendem Interesse und wieder andere voller Selbstzweifel, da offenbar nicht alles verstanden worden war und sich der Gedanke aufdrängte, doch lieber gleich in den Anfängerkurs zu wechseln.
Miss Kathy war zufrieden. Die Gruppe gefiel ihr gut. Genau die Mischung, mit der man arbeiten konnte. Zuversichtlich durch jahrelange Erfahrung, hier einen brauchbaren Kurs zu haben, legte sie ergriffen eine Hand auf den Busen, nickte einem besonders intelligent aussehenden Herrn in der ersten Reihe freundlich zu, hielt sich aber aus Gründen der Professionalität nicht lange damit auf, sondern begann durchzuzählen.
Mit gerunzelter Stirn ertastete sie gleich wieder die Lesebrille und setzte diese auf ihre Nase, um auf der Liste die Anwesenden zu überprüfen.
»Oh, I see!«, bemerkte sie. »We are not complete. Two people are missing! Hm, but wir starten now, meine Herren. Wer zu spat kommt, der hat nicht gut Glück, oder?«
Ein zustimmendes Grinsen breitete sich kollektiv auf allen Gesichtern aus. Wie süß doch ihr hinreißender Akzent war, wenn sie versuchte, Deutsch zu sprechen – und wie verdreht ihre Formulierungen! Kathy wusste eben, wie sie eine Atmosphäre der Gemeinschaft und des Wohlfühlens mithilfe eines gut platzierten Witzes, eines gewinnenden Lächelns und des Hinweises auf eine Verbrüderung gegenüber den »Zuspätkommern« schaffen konnte. Jetzt war hier keiner mehr nervös, keiner ein Außenseiter. Alle waren entspannt.
»Well, well. I think we first check the names«, fuhr sie fort. »Mister AUA, Florian?«
»Hier, that’s I!«, rief ein hochgewachsener Mann Anfang fünfzig in der letzten Reihe. Unnötigerweise hob er dabei die Hand, aber da sie nun schon einmal oben war, machte er gleich ein kleines Winken daraus. Kathy nickte huldvoll – ihre englische Königin hätte es nicht besser machen können – und wollte gerade den nächsten Namen lesen, als der Winker ihr ins Wort fiel.
»Äh, my name is AuERRRR. You see – with ein »er« on the ending. Not AUA. Sounds like pain, or?«, er kicherte über seinen eignen Witz – noch dazu in einer fremden Sprache – und fühlte sich großartig.
»Oh!«, blieb ihr lediglich bei dieser Zurechtweisung zu sagen, aber da sie als Britin ein höflicher Mensch war, fügte sie rasch ein »Excuse me!« hinzu, bevor sie im Geiste die Randnotiz typisch nervender Klugscheißer hinter seinen Namen setzte. Ihre gute Laune war durch dieses kleine Zwischenspiel etwas verflogen und sie zog es daher vor, mit der Liste zu den einzelnen Teilnehmern zu gehen, um sie dort abhaken zu lassen. Dass sie sich dabei aber ihrem hilfsbereiten Naturell entsprechend vorbeugte und jedem einzelnen – den Nerver in der letzten Reihe natürlich ausgenommen – einen kurzen Einblick auf ihr herrliches Dekolleté gab, merkte sie offenbar gar nicht. Nach drei Minute war der administrative Teil abgeschlossen und sie ging wieder zu ihrem Pult, um dort zu verkünden: »We are missing Mister Hammer and …«
Weiter kam sie jedoch nicht, denn die Tür wurde mit einem Ruck und eindeutig zu viel Kraft aufgerissen, sodass alle Köpfe herumfuhren. Dort hatte sich eine Art Knäul aus Armen und Beinen gebildet, das sich abmühte, in den Raum zu kommen. Bei genauerem Hinsehen konnte man jedoch erkennen, dass zwei Herren gerade versuchten, gleichzeitig die für beide zusammen viel zu enge Tür zu passieren. Ein Geschiebe, Gedränge, Gerangel entstand, und Kathy war nahe daran, dazwischen zu gehen und wie bei einer Pausenhofprügelei die beiden Kontrahenten mit einem beherzten Griff an die Ohren zu trennen. Einige der Kursteilnehmer schienen ähnlichen Ideen nachzugehen, und Florian Auer hielt schonmal sein Englischbuch griffbereit. Aber bevor irgendjemand etwas hätte unternehmen müssen, war es dem größeren und kräftigeren der beiden Männer gelungen, den anderen mit seiner flachen Hand einen Klaps gegen die Stirn zu geben, sodass dieser zurückprallte und den Weg endlich freigab.
»Take sis, you Saubazi!«, kommentierte der Sieger und rief, als er endlich im Klassenzimmer stand: »Hello alltogether!«
Jovial lächelnd sah er in die Runde, nickte einem Bekannten zu und wusste dann offensichtlich nicht mehr, was er eigentlich wollte.
»So ned, Freinderl!«3, rief es anklagend hinter seinem Rücken. »I war eideitig zerscht do!«4
Da stand augenscheinlich noch eine Rechnung offen, aber bevor nun alles aus dem Ruder laufen würde, war Kathy auch schon bei ihnen und hatte theatralisch beide Hände erhoben.
»Stop! Both of you, stop it!«
Sie war nicht sonderlich laut geworden, aber ihr Blick sprach Bände, sodass nicht nur die Streithammel sondern auch alle anderen Männer im Raum kollektiv den Kopf einzogen. Einige Sekunden herrschte absolute Stille. Ihre Nasenflügel bebten immer noch etwas, als sie dann in normalem Tonfall fragte: »Who are you?«
»Oh, I äm Hammer, Werner Hammer, I äm on se Liste, I hope it!«
»And my name is Hübner, Hilbert«, stellte sich der andere – nach einem missbilligenden letzten Blick auf den Schläger mit dem schrecklichen Akzent – rasch vor. »I was not on your list. I was assigned to the wrong course. But I’m definitely more advanced! Has your colleague informed you?«
»Oh yes, Mister Hübner and Mister Hammer«, nahm Kathy zur Kenntnis. Ihr anfänglicher Optimismus war mittlerweile der Realität gewichen, hier einen Spagat auf menschlicher und sprachlicher Ebene vollführen zu müssen. Etwas ratlos blickte sie von einem zum anderen, aber bevor sie Weiteres tun konnte, übernahm Hammer wieder. Er hatte Kommissar Maus in der ersten Reihe erspäht und watschelte glücklich zu ihm, um sich gleich darauf auf den freien Platz neben ihm fallen zu lassen. Zwar hatte sich Maus schon die ganze Zeit kleiner und kleiner gemacht, war fast schon unter den Tisch gerutscht und hatte dabei in stummer Verzweiflung auf das Bild von Elisabeth II, das über der Tafel hing, gestarrt, in der unsinnigen Hoffnung, sie könnte ihm helfen, aber da war jetzt wohl nichts mehr zu machen.
»Hallo Chef!«, grinste Hammer gutmütig. »Na, da staunen Sie sicher, dass auch ich mich dazu entschlossen habe, wieder die Schulbank zu drücken. Aber als mir die Steffi vorgestern von Ihren Ambitionen, Ihr Englisch mal wieder auf Vordermann zu bringen, erzählt hat, hab ich mir nur gedacht: Was für eine super Idee! Das wollt ich doch auch schon immer mal! Aber allein hab ich ja nie den Hintern hochbekommen. Tja, und dann bin ich gleich hierher, hab mich angemeldet und jetzt kann ich es kaum mehr erwarten!«
»English, please, Mister Hammer!«, rügte Kathy, und Maus konnte sich ein schadenfrohes Grinsen kaum verkneifen. Schnell konzentrierte er sich daher auf die exakte Anordnung seiner Stifte im rechten Winkel zu dem nagelneuen Schreibheft und dem Englischbuch, das er noch vor fünfzehn Minuten als seinen größten Schatz angesehen hatte. Ein scheeler Seitenblick auf seinen Sitznachbarn und er wusste, warum ihn die Freude an seinem ersten Schultag bereits so gänzlich verlassen hatte.
3 So nicht, Freundchen!
4 Ich war eindeutig zuerst da!
Montag, 19:35 Uhr, Hafencity, Hamburg
Eigentlich wollte Jens Kessler aus dem Fenster und auf den Fleet tief unter sich blicken, doch eine dicke Spinne, die in der Ecke des großen Panoramafensters ihr Netz ausbesserte, lenkte ihn ab.
Grauenvolle Biester, dachte er. Jetzt sind sie schon in den Gebäuden, werden immer mehr. Er konnte den Anblick des schwarzen, plumpen, sich jeder Bewegung anpassenden Körpers, der acht langen Beine, die vermutlich geschickt arbeiteten, aber für ihn nur unkoordiniert ekelhaft zuckende Gliedmaße waren, nicht länger ertragen. Angewidert drehte er sich weg, dem Raum in seinem Rücken zu, in dem an einem großen Konferenztisch die Kollegen saßen.
Die SOKO »Kopflos« war in vollem Gange. Gerade hatte Hauptkommissar Ben Stein eine Zusammenfassung geliefert und bereitete sich darauf vor, seinen Leuten Aufgaben zuzuweisen und gegebenenfalls einige Fragen zu beantworten. Jens Kessler fing Ritas Blick auf. Er sprach Bände. Da war doch was im Busch?! Aber bevor er sich weitere Gedanken hätte machen können, winkte Stein ihm zu.
»Ich glaube, bevor wir weiter machen, sollten wir erst einmal über die psychologischen Hintergründe informiert werden. Dazu möchte ich jetzt unseren Berater Superagent Kessler zu Wort kommen lassen.«
Jens Kessler sah über die absichtlich akzentuierte, gedehnte und so persifliert amerikanische Betitelung Steins hinweg, ging zum Tisch und zog den Stuhl neben Rita zurück, um sich gleich auf diesen fallen zu lassen. Die gespannten Gesichter, die ihn dabei keine Sekunde aus den Augen ließen, beachtete er gar nicht. Erst einmal lehnte er sich in dem weichen Polster des Büromöbels für Beamte im höheren Dienst zurück und ließ das Kunstleder aufreizend knarzen. Dann faltete er andächtig seine Hände über dem nicht vorhandenen Bauch, sog dabei meditativ die Luft ein, ließ diese genauso geräuschvoll wieder entweichen und strahlte auf diese Weise ein Bild äußerster Konzentration aus. Dass ihm dies noch mehr Respekt entgegenbrachte, war unumgänglich. Alle warteten geduldig – alle außer Rita.
»Es handelt sich um die einzigartige Handschrift eines Mannes, der in Fachkreisen auch unter dem Namen Princeton-Schlächter bekannt ist«, riss sie ungefragt das Wort an sich, sprang gleich wie von der Spinne am Fenster gebissen auf und verteilte an die erstaunten Anwesenden schwungvoll einige Mappen. Jens Kessler ließ sie aus, wobei dieser es gar nicht bemerkte, denn er war zu perplex, dass sie es gewagt hatte, ohne vorherige Absprache so eigenmächtig zu handeln. Gleichzeitig drängte sich die Frage auf, wann Rita die Zeit dafür gehabt hatte, diese Unterlagen zusammenzustellen, was ihn wiederum noch ärgerlicher machte, da es so unerheblich, so belanglos war.
»Er hat sich vor einigen Jahren durch den ganzen nordamerikanischen Kontinent gemordet«, erklärte Rita eifrig. »Auf sein Konto gehen definitiv 34 Opfer. Von der Dunkelziffer beziehungsweise den Köpfen, die nicht gefunden wurden, will ich gar nicht sprechen.«
»Aber warum nennt man ihn dann den Princeton-Schlächter und nicht den von Amerika?«, fragte eine Frau stirnrunzelnd, wobei sie es vermied, in die Akte zu sehen. Ein Seitenblick auf ihren Nachbarn bestätigte offenbar ihren Verdacht, dass da keine fröhlichen Urlaubsschnappschüsse zu finden waren.
Sie ist die einzige, die ein Namensschild trägt, bemerkte Jens Kessler und konnte zu seiner Überraschung durch den blutroten Wutschleier, der plötzlich vor sein Auge trat, sogar noch ihren Namen lesen – R. Heinen. Dann brach es aus ihm heraus und er brüllte:
»Weil ich ihn damals in Princeton/New Jersey geschnappt habe!«
Alle zuckten zusammen.
Es war nicht zu fassen! Was bildete sich Rita Hubschmied eigentlich ein? Wie konnte sie es wagen, ihre privaten, unzureichenden Vermutungen, diese unbewiesene und geradezu unsinnige Verknüpfung, so darzustellen, als ob es sich um eine feste Tatsache handelte? Das war so unprofessionell, so unüberlegt, so typisch für diese von Ehrgeiz zerfressene Frau.
Er war ebenfalls aufgesprungen – und hatte es gar nicht bemerkt. Aus weiter Ferne hörte er das Poltern seines Stuhls, der gerade umgefallen sein musste. Jens Kessler musste die Fäuste auf die Tischplatte stemmen, damit er diese nicht aus Versehen einsetzte, um Rita k.o. zu schlagen. So aufgestützt, den Oberkörper nach vorne gebeugt, sein Gesicht vor Wut verzerrt, musste er erst einmal inne halten. Hatte er vielleicht sogar Schaum vor dem Mund? Die Menschen am Tisch sahen ihn an. Manche blickten besorgt, andere erschrocken, viele ängstlich, aber in allen Augen war etwas Gemeinsames zu lesen: Die Botschaft war bereits angekommen! Sie hatten verstanden, dass es hier offenbar nicht nur um einen scheußlichen Mordfall, sondern um Größeres gehen könnte. Hier war gerade mit Vorsatz ein Hinweis geliefert worden. Hier wurde ein dunkler, bestialischer Serienkiller in Aussicht gestellt.
»Der Fall ist mir bekannt! Hat damals für einigen Wirbel gesorgt. Naja, so etwas vergisst man nicht so schnell!«, warf auch gleich ein besonders mutiger Mann seinen Hut in den Ring. Es war offensichtlich, dass er eigentlich nichts hatte sagen wollen – so wie die anderen vermutlich auch – aber diese ungeheuerliche Verbindungsmöglichkeit, diese kriminalistische dicke Praline vor seiner Nase, war zu reizvoll und zu aufregend, als dass er dazu hätte schweigen können.
»Ich kann mich auch erinnern«, fiel jemand von links ein.
»Aber sie haben ihn doch damals gekriegt. Und hat man nicht die Todesstrafe verhängt?«, kam es von rechts.
»Nee, nee, in dem Bundesstaat gibt es die nicht mehr. Obwohl, sie wollten ihn ja nach Texas ausliefern, doch dann hat sein schleimiger Anwalt auf Unzurechnungsfähigkeit plädiert, oder? Das Schwein – also nicht der Anwalt, sondern dieser Schlächter – muss irgendwo im Sicherheitstrakt einer geschlossenen Anstalt mit Meerblick sitzen«, bemerkte jemand neben Ben.
»Oh ja, jetzt fällt es mir auch wieder ein. War die Festnahme nicht eine einzige Katastrophe gewesen? Ist der Lockvogel dabei nicht draufgegangen?«, erdreistete sich eine Stimme am Ende des Tisches, den verbalen Zeigefinger mit Wucht in Jens Kesslers schwärende Wunde der bösen Erinnerung zu stechen.
»Nun, aber mal Ruhe Leute«, kam ihm wenigstens Ben Stein endlich zur Hilfe. »Das ist ja wohl Schnee von vorgestern. Obwohl ich leider jetzt auch einräumen muss, dass wir in der Vorgehensweise einige Parallelen zu unserem augenblicklichen Opfer haben.«
»Es ist wie vor ein paar Jahren«, knüpfte Rita sofort an. »Männer werden entführt, enthauptet, ihr Kopf taucht nach zwei bis drei Tagen an den interessantesten Orten auf. Die Augen sind entfernt worden und der Rest des Körpers wird vermutlich nie gefunden werden.«
»Naja, streng genommen haben wir ja nur einen. Also, der Plural Männer ist wohl noch etwas verfrüht!«, versuchte Ben sie etwas zu zügeln.
»Ob viele oder einer ist doch unerheblich. Ich finde viel schockierender, wie jemand nur so krank sein kann, so etwas zu machen?!«, entschlüpfte es Frau R. Heinen.
»Sie haben es gerade auf den Punkt gebracht: KRANK! Und um Hauptkommissar Steins Einwand zu kommentieren, ich denke nicht, dass es bei einem Opfer bleiben wird«, fuhr Rita mit grimmigem Gesichtsausdruck fort. »Wir haben es hier mit einem Psychopaten reinsten Wassers zu tun. Wenn Sie bitte mal in dem Ordner ganz nach hinten schauen würden, da haben Sie sein Foto.«
Ein Rascheln erfüllte den Raum. Auch Frau R. Heinen überwand ihre Abneigung gegen abgetrennte Köpfe und blätterte mit.
»Das ist Harry Raven. Engländer. Sein Curriculum liest sich wie ein Horrorroman. Er war Kunsthistoriker und hat an verschiedenen Universitäten gelehrt, was seine wechselnden Standorte erklärt. Das war auch der Grund, warum es so lange gebraucht hat, ihn zu fassen. Er entstammt einer Künstlerfamilie. Sein Vater, ein narzisstischer Maler mit unglaublichem Erfolg schon zu Lebzeiten. Harry selbst fehlte es offenbar an Talent, um in dessen riesige Fußstapfen treten zu können. Seine Mutter hat sich umgebracht, als er sieben Jahre alt war. Er war schon als Kind auffällig. Ein erster Mordfall während seiner Studentenzeit in Cambridge konnte ihm nie nachgewiesen werden. Trotzdem kann man bei dem Kommilitonen, den man mit aufgeschlitzter Kehle auf dem Campus gefunden hat, eine Art Initiation, seinen ersten Schritt zum Massenmörder sehen. Durch die Jahre hinweg hat er seinen Trieb auf ältere Männer – vermutlich stellvertretend für die verhasste Vaterfigur – fokussiert.«
»Hä? Soll das heißen, wir suchen jetzt diesen Mann? Aber – und Sie müssen mir das jetzt mal nachsehen, denn ich bin wohl eher von der langsamen Sorte – aber ich dachte, der Typ sei längst vom Markt, also seit seiner Verurteilung weggesperrt«, merkte ein junger Mann nachdenklich an. »Oder nicht?! Also, wie kommen Sie jetzt darauf, dass er unser Täter sein könnte?«
Das war das Stichwort, auf das Jens Kessler gewartet hatte. Hier war endlich ein vernünftiger Mensch, dem die Schwachstelle zu dieser so offenkundigen Hexenjagd, geschürt durch Panikmache, aufgefallen war. Rita holte Luft und wollte etwas dazu sagen, aber Jens Kessler war schneller.
»Er ist nicht unser Täter!«, kam, einem Peitschenknall gleich, sein Dementi. »Ich habe vor einer Stunde mit den USA telefoniert. Mr. Raven befindet sich immer noch dort, wo man ihn hingesperrt hat – im geschlossenen Trakt der psychiatrischen Abteilung!«
»Wir müssen also davon ausgehen, hier einen Nachahmungstäter zu haben?« Frau R. Heinen hatte sich offenbar ihre eigenen Gedanken gemacht. »Hm, warum nicht!? Die Sache war damals ganz großes Thema in der Presse. Ich meine, die Verhandlung und dieser unsinnige Richterspruch. Damit liefen natürlich detaillierte Berichte einher. Also, wie er seine Morde durchgeführt hat und so fort. Die restlichen Einzelheiten kann sich ein wirklich Interessierter ohne Weiteres zusammengoogeln. Meine Scheiße, wo sind wir da nur reingeraten!?«
Einen Augenblick lang sagte niemand etwas. Die allgemeine Betroffenheit war ansteckend. Nur Rita blickte hellwach in die Runde. In Jens Kessler brodelte es wieder auf. Er musste sie stoppen, sie endlich zum Schweigen bringen und dafür sorgen, dass er nicht doch noch gezwungen sein müsste, Fragen zu beantworten, die es zu vermeiden galt. Rita war schlau. Wieder spürte er ihren herausfordernden Blick. Sie war noch lange nicht fertig, wollte noch mehr Öl ins Feuer gießen, öffnete schon den Mund, da erklang schrill und enervierend die Titelmelodie von Magnum. Auf einige Gesichter legte sich ein Grinsen. Das waren vermutlich diejenigen, die genau wussten, wem der peinliche Klingelton gehörte. Die anderen schauten sich neugierig um, fanden aber sofort den Besitzer des Handys – Ben Stein wühlte mit hochrotem Kopf in seinen Jackentaschen.
»’Tschuldigung!«, murmelte er. »Da muss ich rangehen.«
Das war das Zeichen für eine kleine Pause. Die Teilnehmer der SOKO entspannten sich auf ihren Plätzen. Einige – Frau R. Heinen an der Spitze – standen auf, vertraten sich die Beine und holten von der Anrichte eine Tasse Kaffee, um sich zu stärken. Es würde schließlich eine lange Nacht werden. Auch Jens Kessler ergriff die Gelegenheit, sich endlich seiner renitenten Kollegin anzunehmen. Mit raschen Schritten war er bei Rita, packte sie am Ellbogen und zerrte sie zum Fenster, um dort ungestört das sprichwörtliche Hühnchen mit ihr zu rupfen.
»Bist du denn vollkommen irre? Was denkst du eigentlich, wer du bist?«, begann er mit zornbebender Stimme, erkannte aber sofort, dass er so nicht bei ihr weiterkam. Trotzig hatte sie die Unterlippe vorgeschoben. Er hasste diesen bockigen Ausdruck. Wieder kochte die Wut in ihm auf und am liebsten hätte er sie von sich gestoßen, gegen das Panoramafenster geschleudert, an den Haaren gepackt und ihren Kopf so lange vor- und zurückgezerrt, bis diese dummen, dummen Ideen aus ihrem Hirn geschüttelt wären.
»Du … Du kannst mich doch nicht so ohne Absprache … einfach so …«, versuchte er es erneut, doch es hatte keinen Sinn. Er war noch viel zu aufgebracht. Rita ächzte etwas und versuchte, sich aus seinem immer härter werdenden Griff zu befreien.
»Mensch Jens!«, stöhnte sie und bog seine Finger auseinander.
Er tat ihr den Gefallen und ließ sie los, hatte aber kein schlechtes Gewissen, als sie ihren malträtierten Ellbogen rieb.
»O.k.«, lenkte sie ein, als er sie kalt mit seinem einzigen Auge fixierte. »O.k., ich hätte wohl nicht gleich am Anfang mit so viel Pulver schießen sollen. Aber auf der anderen Seite denke ich, dass alle, die an dem Fall mitarbeiten, genau im Bilde sein sollten.«
»Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, aber bist du verrückt geworden?«, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Sie zuckte zusammen und wollte einen Schritt zurückweichen, aber er war schneller, versperrte ihr den Weg.
»Nichts da, meine Liebe. Du bleibst hier und hörst dir an, was ich von deinem Bockmist halte. Wie kannst du es wagen, mich einfach zu übergehen, mich so vorzuführen?«
Er hatte zischend gesprochen und dabei ignoriert, dass sich ein Sprühregen seines Speichels auf ihr Gesicht legte. Sie nahm es hin, ohne mit der Wimper zu zucken, was ihn noch mehr aufbrachte.
»Wie kommst du dazu, die Pferde mit einer absurden Spekulation scheu zu machen? Was denkst du dir dabei, diese Leute zu manipulieren, nur damit du die Hatz auf ein Phantom eröffnen kannst? Ist es dir zu langweilig? Denkst du, dass man die grundlegenden Vorgehensweisen, überlegtes Handeln, professionelles Profiling und Rücksprache mit MIR einfach übergehen kann, nur damit dein Kleinmädchentraum, endlich die Festnahme eines richtig tollen Serienkillers in dein Tagebuch zu schreiben, Wirklichkeit wird? Wie kannst du es wagen, ihnen ein Monster zu versprechen, das es nicht gibt? Was ist dein nächster Schritt? Gehst du zur Presse? Ist es das, was du willst?«
Rita hatte jetzt wenigstens den Anstand blass zu werden. Jedoch war das keine große Genugtuung für ihn. Er war noch lange nicht fertig.
»Diese Menschen hier verdienen klare Anweisungen, solide Hintergründe und nicht irgendwelche aufgebauschten Anekdoten«, fuhr er mit gesenkt drohender Stimme fort. »Willst du sie tatsächlich dem Fall entsprechend und im wahrsten Sinne des Wortes kopflos machen? Kannst du das verantworten? Vor allem, wo wir in dem frühen Stadium noch gar nicht wissen können, mit wem wir es überhaupt zu tun haben. Vielleicht handelt es sich hier lediglich um ein scheußliches Kapitalverbrechen, das nur ein bisschen an alte Taten in längst gelösten Fällen erinnert!«
Sie war noch bleicher geworden und sah ihn aus großen Augen an. Doch als diese verdächtig anfingen zu glänzen, senkte sie sofort den Blick. Sie schob die Hände in ihre Hosentaschen und versuchte so Halt, Stabilität und den Rest von ihrer gerade schwindenden Selbstsicherheit zu finden.
»Tja, da bin ich wohl etwas übers Ziel hinausgeschossen«, murmelte sie kleinlaut. »Ich dachte halt … Die ganze Aufmachung und so … Ich mein, auch wenn ich verstehe, dass du jetzt … Shit, ich hatte eben so ein Bauchgefühl. Ach, was soll’s, ich bin mir irgendwie total sicher, dass es nicht bei diesem einen Fall bleiben wird. Nenn es Intuition, oder so. Tja, und da dachte ich, es wäre nicht falsch, den anderen gleich mal … Ich glaube einfach nicht an einen Zufall.«
»Achtung, meine Herrschaften!«, rief Ben Stein und hielt sein Handy hoch, was bestätigen sollte, dass er das Gespräch beendet hatte. »Mal alle herhören. Das waren gerade die Kollegen aus München. Die haben seit einer Stunde auch einen augenlosen Kopf zu verzeichnen, den man zu Füßen des Bismarck-Denkmals vor dem Deutschen Museum gefunden hat. Das kann kein Zufall sein!«
Jens fühlte einen stechenden Schmerz in seinem rechten Oberarm. Überrascht musste er feststellen, dass es Rita war, die sich an ihn geklammert hatte.
»Ist alles o.k.?«, fragte er automatisch.
Zunächst konnte er ihren Blick nicht deuten. War das Triumph, dass sie doch mit ihrer Vermutung, hier eine Serie zu haben, goldrichtig gelegen hatte? Oder die Angst vor dem, was jetzt auf sie zukam? München? Lag es vielleicht nur an dieser Stadt? Stammte sie nicht aus der Nähe? Das Leuchten in ihren Augen intensivierte sich, strahlte regelrecht und Jens Kessler wusste plötzlich, was sie wirklich fühlte. Zu gut kannte er selbst diese warmen Wogen, den schnellen Herzschlag, die Sinne, die sich alle gleichzeitig schärften und bereit standen. Das war eindeutig Jagdfieber!
Montag, 20:43 Uhr, Rossweg 19, Bad Berging
»Und wie war’s?«, fragte Inga Maus, als ihr Mann sie mit einem Kuss begrüßte. Sie saß in ihrem Lieblingssessel, auf dem Schoß einen Block mit Notizen, neben sich einen Stapel Bücher, in der Hand ein Glas Portwein. Maus nahm das Buch, das zuoberst lag, klappte es zu und las laut:
»Flugformationen der Graugänse – Na, wenn das keine spannende Lektüre ist!«
»Gib her!«, rief sie lachend und nahm ihm das Buch ab. »Jetzt hast du die Seite verschlagen. And you lenkst ab. Also, please answer my question. How was it?«
Maus musste sich erst einmal auf das Sofa fallen lassen und da er dies mit einem lauten theatralischen Seufzer tat, konnte er gewiss sein, Ingas hundertprozentige Aufmerksamkeit zu haben. Trotzdem kostete er die Situation noch etwas aus, nahm die Flasche vom Couchtisch und sah sie fragend an. Wortlos reichte sie ihm ihr Glas. Er goss nach und nahm erst einmal einen wohlverdienten Schluck.
»Tja«, begann er dann, nachdem der süße Geschmack seinen Mund und seine Kehle gewärmt hatte. »Tja, wie das eben so ist mit der Schule. Die Lehrerin ist toll, und wenn ich nicht mit dir verheiratet wäre, dann würde ich ihr zur nächsten Stunde einen Apfel auf das Pult legen.«
»Oh, da habe ich ja Glück gehabt!«, schmunzelte Inga. »Und wie sind die anderen Kinder? Hast du schon Freunde gefunden?«
»Erinnere mich bloß nicht daran!«, stöhnte Maus. »Weißt du, wer auch im Kurs ist? Naja, abgesehen von Hammer, den ich leider demnächst Extradienste schieben lassen werde, damit er nicht kommen kann …«
Er musste einen Augenblick innehalten, denn Inga prustete los. Es war ihr nicht zu verübeln! Werner Hammer war zwar ein herzensguter Mensch, aber auch etwas eindimensional und daher manchmal ziemlich anstrengend. Außerdem arbeiteten Maus und er tagtäglich zusammen, und sie konnte es ihrem Mann nicht verdenken, wenn dieser in seiner kostbaren Freizeit von ihm verschont bleiben wollte. Doch die Vorstellung, dass die beiden vielleicht sogar nebeneinander saßen und gebannt den Worten der tollen, alle Äpfel der Welt verdienenden Lehrerin lauschen würden, amüsierte sie verständlicherweise sehr.
»Er sitzt neben mir!«
Inga war froh, dass sie ihr Glas nicht mehr hielt, denn während ihres jetzigen Lachanfalls wäre der Inhalt unweigerlich auf dem Boden gelandet.
»Haha, genau!«, versuchte es Maus von ihrer komischen Seite aus zu sehen, bezwang aber ein Grinsen, das sich auf seine Lippen stehlen wollte. Schnell beugte er sich vor und nahm ihre Hand. Das wirkte. Inga sah ihn an, wusste, dass noch etwas kommen würde und freute sich schon diebisch darauf.
»Aber weißt du, wer noch da ist?«
Sie schüttelte langsam den Kopf, drückte seine Hand, konnte es vor Spannung kaum mehr aushalten, presste die Lippen fest aufeinander, während sie versuchte, sich zu beherrschen.
»Unser neuer Nachbar.«
Schöner hätte selbst die Wasserbombe eines Achtjährigen nicht platzen können. Inga sog hörbar die Luft ein.
»Nicht dein Ernst?«, rief sie überrascht. Als er aber nur traurig nickte, fuhr sie mitleidig fort. »Dieser schrecklich nervende, alles besser wissende, ständig rummeckernde, unerträgliche Hilbert Hübner? In Fachkreisen auch als »Gschaftl-Hübner« bekannt? Oh Gerhard, das tut mir leid – schrecklich leid sogar. Oh Gott, seit der eingezogen ist, schleiche ich mich regelrecht aus dem Haus. Ich habe schon überlegt, ob ich mein Tarnzelt zur Vogelbeobachtung benutzen soll. Und DER ist jetzt auch in deinem Kurs? Ach wie schlimm! Der wird wohl besser Englisch sprechen als eure Lehrerin?«
»Oh ja!«, musste Maus müde bekennen. »Er hat sie bereits schon zweimal auf grammatikalische Besonderheiten hinweisen müssen, was keiner außer ihm verstanden hat – auch Miss Kathy nicht.«
Inga gluckste wieder los und Maus sah sie noch leidender an. Das Schicksal konnte manchmal wirklich boshaft sein. Ausgerechnet mit diesem Mann in einem Raum sitzen zu müssen, war großes Pech und die daraus resultierende Schadenfreude seiner Frau nur zu verständlich. Wäre es umgekehrt gewesen, hätte er genauso reagiert. Maus seufzte und nahm seine Situation mit dem, was seinem Naturell am nächsten stand: mit Humor.
»Weib!«, rief er daher mit gespielter Entrüstung und brachte das Fass der Erheiterung zum Überlaufen. »Deine Anteilnahme ist rührend! Ich danke dir.«
»Ach, Gerhard!«, sagte sie und wischte sich die Lachtränen fort. »Es tut mir so leid für dich. Aber da du den Schaden hast, nutze ich meinen Vorteil. Ich weiß jetzt, dass ich nun zweimal pro Woche unbeobachtet das Haus verlassen kann, weil Nachbar Hübner zu dieser Zeit einer Lehrerin das Fürchten lehrt.«
»Du vergisst, meine Liebe, …« Maus war aufgestanden und trank aus, » … dass du selbst ab morgen Abend in Norddeutschland bist, um Gänse zu zählen. Tja, und damit verschwendest du kostbare Zeit, denn in vierzehn Tagen vergibst du viermal die Chance, ohne Angst auf die Straße zu gehen.«
»Das stimmt. Und jetzt, wo du es sagst, spiele ich tatsächlich mit dem Gedanken, die Gänse Gänse sein zu lassen, nur um diese Freiheit auszukosten.«
Sie war ebenfalls aufgestanden, legte ihren Notizblock auf den Bücherstapel und folgte Maus aus dem Wohnzimmer.
»Kommst du mit ins Bett, oder musst du noch Hausaufgaben machen?«, fragte sie unschuldig.
»Hm, die Hausaufgaben können warten!«, brummte er. »Die schreib ich vom Hammer ab.«
Inga kicherte wieder, und Maus schaltete grinsend das Licht aus.
Montag, 23:10 Uhr, unterwegs in Deutschland
Sie saßen im Speisewagen des Nachtzugs. Jens Kessler rührte seinen Kaffee geistesabwesend um, nachdem er drei Päckchen Zucker hineingeschüttet hatte. Dass er dabei zu kräftig vorging und die hellbraune Flüssigkeit überschwappen ließ, merkte er erst, als sie bereits am Rand der Tasse hinablief und sich auf dem Unterteller sammelte. Rita, die ihm schräg gegenübersaß, hob eine Augenbraue.
»In den USA hätten sie uns einen Privatjet zur Verfügung gestellt!«, maulte sie. »Scheiß Öko-Deutschland. Jetzt müssen wir über sieben Stunden inklusive zweimal Umsteigen der Umwelt zuliebe im Zug sitzen, obwohl wir in der Zeit schon längst vor Ort ermitteln könnten.«
Jens Kessler reagierte nicht. Er zog es vor, sich weiterhin in Schweigen zu hüllen.
»Kann ich Ihnen noch etwas bringen, bevor wir schließen?«, machte sich der Kellner bemerkbar, während sein Kollege im Hintergrund mit offenem Mund gähnte.
Rita ließ ihren Blick abschätzig über den Mann gleiten, musterte seine schlecht sitzende Uniform, befand sie offenbar als zu kurz und zu eng, und machte ihn dadurch so nervös, dass er sich erst einmal über die trockenen Lippen lecken musste.
»Etwas bringen?«, fragte sie und ihre Stimme klang kälter als eine Tiefkühltruhe. »Sie wagen tatsächlich noch einen Versuch? Obwohl Sie mir seitdem wir hier sitzen mit: »Tut mir leid, das ist aus.« – oder – »Hoppla, das haben wir auch nicht mehr.« – oder – »Verzeihung, aber Sie haben leider das Menü vongestern erwischt. Das haben wir heute selbstverständlich nicht auf der Karte.« – den letzten Nerv geraubt haben?«
Der Bahnangestellte schluckte hörbar, aber Rita war noch lange nicht fertig. Anklagend deutete sie auf die Einzelteile eines trockenen Brötchens, das traurig zerbröselt neben einigen Akten vor ihr auf der Tischdecke lag.
»Lediglich eine vertrocknete Semmel gab’s, weil Sie angeblich auch noch einen Kurzschluss in der Küche hatten, sodass die Suppe nicht aufgewärmt werden konnte!? Und jetzt haben Sie sogar noch die Frechheit, nach weiteren Wünschen zu fragen? Wollen Sie mich absichtlich provozieren oder sind Sie wirklich so dummdreist, dass Ihnen nicht aufgefallen ist, dass mein einziges Verlangen momentan nur noch ist, Ihnen den Hals umzudrehen?«
Jens Kessler hatte sich zwar nicht einmischen wollen, aber da ihm die aggressive Stimmung langsam lästig wurde, sah er sich nun doch gezwungen, etwas zu sagen.
»Nein, danke. Wir brauchen nichts mehr!«, bestimmte er rasch und wollte dem Mann damit zu verstehen geben, dass er jetzt besser gehen sollte, aber es war zu spät. Der Kellner – vermutlich konnte man ihn der Gruppe »Gefahrensucher« zuordnen – hatte durch den Schock der etwas harsch vorgetragenen Vorwürfe, doch noch etwas zu erwidern.
»Ähm …«, suchte er gleich nach Worten, ignorierte Jens Kesslers warnenden Blick und lieferte sich weiter ans Messer. »Äh, na dann. Dann würde ich Sie bitten wollen … Ähm, muss Sie dann bitten – nachdem Sie Ihren Kaffee ausgetrunken haben, versteht sich – zu Ihren Plätzen …«
Weiter kam er aber nicht. Rita war wie eine Raubkatze aufgesprungen, hatte ihn am Revers gepackt und war seinem Gesicht plötzlich viel zu nahe, sodass er sich vor Schreck fast auf die Zunge gebissen hätte.
»Jetzt hören Sie mal zu, Sie Hampelmann«, zischte sie. »Bei mir verhält es sich nämlich so. Wenn ich Hunger habe, bin ich unterzuckert und werde nervös. Wenn ich nervös werde, dann reißen ganz fix meine haardünnen Geduldsfäden. Und wenn die nicht mehr sind, dann ist mit mir nicht gut Kirschen essen, wobei wir wieder auf Anfang – also bei dem Thema Hunger – wären! Gut, hier kommt eine wohlgemeinte Warnung: Warum verschwinden Sie nicht einfach wieder in Ihr Küchenloch und reparieren Ihre Mikrowelle, während mein Partner und ich hier sitzen bleiben und nicht mehr belästigt werden.«
»Aber …«
Dem Typen ist nicht mehr zu helfen, dachte Jens Kessler und trank einen Schluck Kaffee.
»Nix aber! Hiermit erkläre ich diesen leeren Speisewagen zum HQ für offizielle, polizeiliche Ermittlungen!«
»Äitsch Kiu?«, stotterte der Kellner und wollte einen vorsichtigen Schritt nach hinten machen, was jedoch nicht ging, da Rita ihn eisern festhielt.
»Abkürzung für Headquarter, zu Deutsch Hauptquartier, Sie Hirni!«, fauchte sie.
»Oh, oh, verstehe …«, log der Mann. Er hatte ihr natürlich nicht zugehört, da er zu beschäftigt war, nach einer Fluchtmöglichkeit zu suchen. Einen letzten, verzweifelten, hilfesuchenden Blick nach hinten werfend musste er leider feststellen, dass sich sein gähnender Kollege längst schon in Sicherheit gebracht hatte.
»Rita!« Jens Kessler stellte geräuschvoll seine Tasse ab. »Geht das denn nicht leiser und freundlicher? Was soll denn der Quatsch! Willst du ihn jetzt verhauen, nur weil du nichts zu futtern bekommen hast?«
Sie zwang sich regelrecht, den Blick von ihrem willigen Opfer zu lösen, um ihn anzusehen.
Nein, dachte Jens Kessler. Nein, wie kann man denn nur verlangen, dass ich mit so einer unbeherrschten Person zusammenarbeite? Da ist ein Spaziergang auf einem ausbrechenden Vulkan angenehmer.
Verbittert verzog er den Mund. Er hatte Ben Stein leider nicht davon abbringen können, ihm Rita als Partnerin zuzuteilen. Jens Kessler hatte in den sauren Apfel beißen müssen, gleich seinen Koffer gepackt, war in den Nachtzug mit dem wohlklingenden Namen Schimmelreiter gestiegen und saß nun seit Harburg mit ihr im Speisewagen und vor seiner vierten, überzuckerten Tasse Kaffee.
»Lass ihn gehen!«, murmelte er müde.
»Na dann!«, knurrte sie nach einer Weile. »Do hosd no amoi a Massl kabd, Burschi! Und jetz’ schleichst di!«5
Jens Kessler wusste, dass es Bayerisch war. Vermutlich war die Grenznähe ihrer Heimat ausschlaggebend. Vielleicht auch ihr überschäumendes Temperament, das nur im Dialekt den richtigen Ausdruck finden konnte. Er blickte kurz auf das Plastikschild an der Brust des Angestellten, das diesen als Franz-Josef Wildmoser auswies. Nun, wahrscheinlich lag es auch nur an seinem Namen. Jens Kessler drehte sich weg, betrachtete die Kaffeeflecken, die er verursacht hatte und die nun auf dem Tischtuch verewigt waren – zumindest bis zum nächsten Waschgang. Ein Rumpeln und Klirren war zu hören. Rita musste den Bahnangestellten wohl losgelassen haben. Doch wen interessierte das schon?! Nachdenklich sah Jens Kessler aus dem Fenster, konnte dort aber nur sein eigenes Spiegelbild, verzerrt und von der Dunkelheit hervorgehoben, erkennen.
5 Da hast du noch einmal Glück gehabt, Bürschchen! Und jetzt machst du dich vom Acker!
Dienstag, 08:05 Uhr, Polizeirevier, Bad Berging
»Herrschaftzeiten! So ein Sauwetter!«, schimpfte Stefanie Vogler und schüttelte ihren Regenschirm aus, sodass die Tropfen nur so in alle Richtungen flogen. Ihres Zeichens Schreibkraft, Telefonistin, gute Seele des Reviers und an erster Stelle von Kommissar Maus, seit ihrem dritten Arbeitstag vor fünf Jahren, als persönliche Assistentin beschlagnahmt, war sie eigentlich durch ihre freundliche Art selten dazu bereit, negative Gefühlsausbrüche zu haben. Doch in Anbetracht der Regenmassen, durch die sie sich gerade hatte kämpfen müssen, war sie entschuldigt. Ärgerlich sah sie an ihrem Mantel hinunter, dessen rechte Seite durch einen besonders fiesen Seitenwind nass an ihr klebte.
»Griaß di, Steffi!«6, erklang es freundlich und erschrocken zuckte sie zusammen. Sie hatte nicht damit gerechnet, zu so früher Stunde hier unten in der Eingangshalle schon jemanden anzutreffen. Normalerweise waren die diensthabenden Beamten eher der zurückgezogenen Art zuzuordnen, die sich gerne bedeckt und bescheiden im Pausenraum aufhielt, dort Kaffee trank, mit Kollegen ratschte, Anrufe ignorierte und somit den Tag damit begann, sowohl Ärger als auch Vorgesetzten aus dem Weg zu gehen. Zu überrascht, um etwas Vernünftiges sagen zu können, schüttelte sie noch einmal kräftig ihren Schirm aus, während sie im trüben Licht des regnerisch grauen Tages am Tresen zwei Männer stehen sah, die in bester Laune synchron an ihren Kaffeehaferln nippten.
»Ah!«, sagte sie, als sie die beiden endlich erkannt hatte. »Der Herr Sedelmayer und der Herr Krautschneider sind bereits auf Posten? Na, dann ist die Stadt ja sicher.«
Irgendwie war sie heute wirklich mit dem linken Fuß aufgestanden. Sie merkte selbst, dass sie spröde und sogar ein bisschen biestig klang. Augenblicklich tat es ihr leid. Sie versuchte es mit einem kleinen Lächeln, aber auch das war schon einmal schöner gewesen.
»Mei, Madl, schee, dass do bist!«7, strahlte Sedelmayer, der ihr, typisch Mann, das falsche Lächeln abgekauft hatte und es als das nahm, was er sehen wollte – einen Gesprächsanfang, eine Möglichkeit sie zu beeindrucken.
»I hob grod am Alois vo Dessau erzählt«8, versuchte er ihre Neugier zu wecken und zwinkerte seinem Kollegen verschwörerisch zu. Dabei entging ihm leider Steffis Augenverdrehen. Seitdem Sedelmayer dank eines Austauschprogramms vor einem halben Jahr in dieser besagten Stadt im Osten gewesen war, kannte er nur ein Thema. Dass er damit mittlerweile alle anderen langweilte, war ihm offenbar noch nicht aufgefallen. Alois Krautschneider, der Steffis Reaktion nur zu gut verstand, aber gleichzeitig auch seinem Kollegen helfen wollte, ergriff rasch das Wort.
»Äh, war total lustig die Geschichte mit der Verkehrskontrolle.«
»Haha, zuamoi es doat kaum Verkehr gibt!«9, ergänzte Sedelmayer. »Do muasst scho lang auf da Laua liagn!«10
»Tja!«, räusperte sich Steffi. »Andre Städte, andre Sitten. So, aber ich muss dann mal aus den nassen Klamotten und an die Arbeit …«
»Du bist jetzt aber nicht mit dem Radl gekommen?«, bemerkte Krautschneider und deutete auf den Schirm.
»Ich bin doch nicht blöd!«, erklärte sie und ärgerte sich im gleichen Augenblick, dass sie schon wieder so schnippisch klang.
Was war denn nur mit ihr los? Das Wetter? Der kleine Streit mit ihrer in die Pubertät kommenden Tochter Jana am Frühstückstisch? Der Ärger mit ihrem Exmann? Der Verdacht, dass ihrem Leben momentan etwas Entscheidendes fehlte – nur was?
Ein Blick auf Sedelmayer, der sie mit verzücktem Lächeln verliebt ansah, genügte, um ihren Unmut noch mehr anwachsen zu lassen. Dieser Hallodri war offensichtlich nicht, was ihr fehlte! Was bildete der Kerl sich eigentlich ein? Jetzt wurde ihr auch klar, dass er hier unten herumgelungert hatte, um sie abzupassen. Sie konnte es weder rührend noch schmeichelhaft finden. Dazu fehlte ihr momentan der Sinn für Humor. Es war nervend und sie fühlte sich plötzlich sehr beengt. War das ihre Zukunft? Ein lediger Polizist, der Stielaugen nach ihr machte? Steffi biss sich auf die Unterlippe, wollte vermeiden noch etwas Herzloses – was sie bestimmt nachher bereuen würde – zu sagen, zuckte daher lieber mit den Achseln und machte sich auf den Weg in den ersten Stock, um in der Einsamkeit ihres Büros erst einmal zur Ruhe zu kommen.
»Die ist heut nicht so gut drauf!«, bemerkte Krautschneider, als das energische Klackern ihrer Absätze immer leiser wurde. Als verheirateter Mann hatte er gegenüber Sedelmayer den Vorteil, Erfahrung mit den Stimmungsschwankungen einer Frau zu haben. Im Geiste diagnostizierte er PMS, Geldmangel und einen fehlenden Sexualpartner. Aber bevor er diese wichtigen Punkte in Worte fassen konnte, erklärte Sedelmayer: »Naa, de is nur a bissl draurig, weil de ned midm Radl fahrn konn. Du woasst ja, de mog ned midm Bus kemma.«11
Krautschneiders mitleidigen Blick bemerkte er gar nicht, da er immer noch liebevoll auf die Pfütze schaute, die Steffi hinterlassen hatte.
6 Grüß dich, Steffi.
7 Nun, Mädchen, schön, dass du da bist!
8 Ich habe gerade dem Alois von Dessau erzählt.
9 Haha, zumal es dort kaum Verkehr gibt!
10 Da musst du schon lange auf der Lauer liegen!
11 Nein, die ist nur ein bisschen traurig, weil sie nicht mit dem Fahrrad fahren kann. Du weißt schon, die mag nicht mit dem Bus kommen.
Dienstag, 09:23 Uhr, Schloss Greifstätten, Bad Berging
Baron Walther von Greifstätten biss herzhaft in sein Käsebrot und schielte dabei gleichzeitig zu dem Schinken, mit dem er sich seine Semmel belegen wollte. Er war ein tüchtiger Esser und konnte daher nicht verstehen, dass seine Tochter sich regelrecht zwingen musste, wenigstens einen Schluck Tee zu sich zu nehmen.
»Hast keinen Hunger?«, fragte er mit vollem Mund, ignorierte ihren pikierten Blick und spülte mit Kaffee nach.
»Nein, Papa!«, erklärte sie kalt. »Mir ist der Appetit vergangen!«
Er grinste und wusste genau, worauf sie anspielen wollte. Als Mitglied des Adels konnte man von ihm wohl einige Tischmanieren erwarten, aber dazu hatte er keine Lust. Dafür liebte er seine Rolle als kerniger, volksnaher Großgrundbesitzer zu sehr. Er wollte provozieren und aus dem Rahmen fallen.
»Wo ist dein Bruder?«, fragte er und pikste mit der Gabel gleich drei Scheiben Schinken auf einmal auf.
»Keine Ahnung!«, murmelte sie und stellte geziert die Tasse ab. »Vielleicht in den Ställen oder im Wildpark.«
Von Greifstättens Kiefer kauten emsig, als er über ihre Erklärung nachdachte. Sie hatte vermutlich Recht. Sein etwas geistig zurückgebliebener Sohn Ferdinand hielt sich gerne dort auf, wo es Tiere gab. Er sah in ihnen seine Freunde, von denen er nicht genug bekommen konnte. Tja, da würden wohl wieder ein paar Tränen fließen, wenn er herausfand, dass sein Papa heute noch auf die Jagd wollte und vermutlich mit einem stolzen Zwölfender nach Hause kommen würde.
»Du solltest ihm vielleicht nicht erzählen, dass du wieder auf die Pirsch gehst«, sagte seine Tochter und er schaute sie erstaunt an.
Konnte sie seine Gedanken lesen? Was für ein überaus kluges Kind sie doch war. Dort wo das Schicksal es seinem Stammhalter verwehrt hatte, war sie mit Intelligenz geradezu überschüttet worden. Er kniff die Augen zusammen und betrachtete sie. Hübsch war sie – das hatte sie Gott sei Dank von ihrer verstorbenen Mutter – nur leider viel zu dünn. Dadurch bekam sie trotz ihrer jungen Jahre so etwas Verhärmtes, Bitteres und Vorwurfsvolles. War es das, was immer wieder zu Missklängen zwischen ihnen führte, was ihn am meisten an ihr störte? Nun, er musste sich eingestehen, dass sie nie die kleine, anschmiegsame Prinzessin gewesen war, die sich ein jeder Vater wünscht. Zu ähnlich war sie ihm in ihrer Starrköpfigkeit und gleichzeitig so ganz anders, so fremd, so unheimlich. Jetzt zum Beispiel sah sie unverwandt zu ihm herüber und beobachtete ihn, als ob er eine ihrer Laborratten wäre, der sie gerade etwas Bahnbrechendes auf den Schinken getan hätte und nur darauf wartete, dass er mit Ausschlag oder Herzstillstand reagierte. Plötzlich war ihm der Appetit vergangen. Er ließ die Semmel auf den Teller fallen, schob geräuschvoll seinen Stuhl zurück und stand auf.
»Das muss er akzeptieren. Schließlich ist er erwachsen und auch wenn er etwas einfältig ist, darf er nicht vergessen, dass es zu den Gepflogenheiten eines Baron von Greifstätten gehört, auf die Jagd zu gehen!«, erklärte er aufgebracht. »Es ist unsere Pflicht, den Bestand unserer Wälder zu kontrollieren und krankes, schwaches Wild auszumerzen und so die Populationen auf einer bestimmten Zahl zu halten. Ich stelle mich dieser Pflicht, auch wenn Ferdinand und du da anderer Meinung seid.«
»Wie du meinst, Papa!«, seufzte sie. »Dann viel Spaß bei deinem Blutbad. Ich werde derweil ins Krankenhaus fahren und darauf warten, dass die ersten Verletzten von deiner fröhlichen Jagdrunde eingeliefert werden.«
»Das ist nur einmal passiert!«, echauffierte sich der Baron. »Und auch nur, weil dieser depperte12 Bäckermeister Möller – Gott sei seiner Seele gnädig – zu viel Schnaps getrunken hatte und daher statt den Bock den Sohn vom Amtsrichter erwischt hat.«
»Na, dann wird ja heute, nachdem der Semmelkönig nicht mehr dabei ist, nichts passieren«, bemerkte sie sarkastisch, stand nun ebenfalls auf, ging zu ihrem mittlerweile sehr rotgesichtigen Vater, drückte ihm einen Kuss auf die schwammige Wange und flüsterte. »Passt trotzdem ein bisschen auf, ja?!«
»Isabella!«, kam es rau aus seiner Kehle. »Mein Kind, nimm doch nicht immer alles so schwer.«
Sie nickte nur leicht, tätschelte seine Schulter und senkte den Blick.
12 idiotische
Dienstag, 10:11 Uhr, Polizeipräsidium, München
Jens Kessler setzte sich in den Besucherstuhl und übersah dabei geflissentlich, dass es nur einen gab und Rita daher hinter ihm stehen bleiben musste. Auch dem Polizeidirektor, der es sich nicht hatte nehmen lassen, sie persönlich zu begrüßen und nun hinter seinem riesigen Schreibtisch sitzend fast zierlich wirkte, schien diese rüpelhafte Behandlung nichts auszumachen.
Ja, dachte Jens Kessler, willkommen in Bayern, dem Land der kernigen Mannsbilder.
Da aber Rita keine Anstalten machte, Einspruch zu erheben, konnte er davon ausgehen, dass auch ihr der Kodex der Heimat bekannt war. Trotzdem machte sie ihn etwas nervös. Er spürte regelrecht, wie angespannt sie war, wie sich ihr Blick in seinen Hinterkopf bohrte. Jens Kessler versuchte sich zu entspannen und bemerkte dabei den vertrockneten Kadaver einer Stubenfliege, der verkrümmt neben einer wunderschönen Jugendstil-Schreibtischgarnitur lag und offenbar von der oberflächlichen Putzfrau übersehen worden war.
Dienstag, 10:12 Uhr, Polizeirevier, Bad Berging
