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Keine Atempause für Neil Hockaday! Nach sechs Wochen höllischem Entzug werden die frisch antrainierten guten Vorsätze für „Hocks“ neues Leben als trockener New Yorker Detective auf eine harte Probe gestellt, weil er vom Polizeidienst beurlaubt bleibt. Die Madison Avenue-Karriere seiner frisch angetrauten Ruby entpuppt sich plötzlich als einzige Einnahmequelle des nicht mehr ganz jungen Paares. Der brutale Mord am Seniorpartner aus Rubys Werbeagentur fügt sich nahtlos in eine ganze Reihe blutiger Morde an Homosexuellen in Manhattan. Doch was steckt dahinter? Hock tut sich mit einem ehemaligen Kollegen zusammen, der inzwischen Privatdetektiv ist, und versucht zu ergründen, wieso die zuständige Polizei die blutrünstigen Morde als Selbstmorde abtut? Geht es um sadistische Spiele irgendwelcher „Sex Clubs“, die aus dem Ruder gelaufen sind? Oder hat gar die russische Mafia ein Interesse an den Morden? Auf der Flucht vor der Sehnsucht nach dem nächsten Glas stürzt sich Hock mitten hinein in einen Sumpf aus Blut, Rache und Sadismus. Er gerät zwischen die Fronten, und einige seiner übelsten Feinde sind Kollegen aus dem Polizeidienst. Schnell muss er erkennen, wie viel die Hochglanzfassaden der Madison Avenue mit dem schillernden Licht der Transvestiten- und Schwulenszene gemeinsam haben. Thomas Adcock lässt seinen hartgesottenen Detective erneut in die Häuserschluchten von Hell’s Kitchen und Madison Avenue blicken – in dieser Stadt kann man als rechtschaffener Ermittler schnell zum Spielball verschiedenster Interessen und Fraktionen werden. Gespannt bis zum Schluss folgt man Neil Hockaday und seinem brillanten detektivischen Gespür bis zur überraschenden Auflösung dieser brutalen Mordserie an Schwulen und den Abgründen bigotter und skrupelloser Polizisten.
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Seitenzahl: 453
Veröffentlichungsjahr: 2017
Erste eBook-Ausgabe 2017v2.2
Titel der amerikanischen Originalausgabe »Devil’s Heaven«, erschienen 1995 bei Pocket Books, NewYork
Copyright © 1995, 2017 by Thomas Adcock
Unter dem Titel »Der Himmel des Teufels« zuerst auf Deutsch erschienen 1998 im Haffmans Verlag, Zürich
Copyright © 1998, 2017 der deutschen Übersetzung by Jürgen Bürger
Umschlagzeichnung Copyright © 1998, 2017 by Nikolaus Heidelbach
Überarbeitete und neu lektorierte deutsche Ausgabe
Redaktion Doris Engelke und Denise Hillebrand
Korrektorat Stefan Linster und Christoph Steinrücken
Copyright © dieser Ausgabe 2017bei
spraybooks Verlag Bielfeldt und Bürger GbR, Mai2017
2017 5 4 3 21
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spraybooks Verlag Bielfeldt und BürgerGbR
Remigiusstr. 20, 50999Köln
www.spraybooks.com
ISBN: 978-3-945684-16-0
Für Angelo, einen abwesenden Freund
Du bist all dieses
Und jedes zum Teildu
Und nichts davon ist falsch
Und nichts ist gänzlichwahr.
Stephen Vincent Benét
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Werbung
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Epilog
Anmerkungen des Übersetzers
Über den Autor
Mehr von Thomas Adcock
Ich, ein Cop und noch dazu irischer Katholik, an diesem unheiligenOrt.
Diese Lieder! O Herr im Himmel, wenn ich jemals einen Drink brauchte, dann jetzt!
Sie fing wiederan:
»Und jetzt ein kleiner Song mit dem Titel Let Me Go, Lover … oder Wer hat den Kleber in die Vaseline getan?«
Sie war eine etwa hundertfünfzig Kilo schwere Matrone mit Facelift; die Haut bleich wie Talkumpuder und die riesigen überschminkten Lippen rot wie kandierte Äpfel. Ihre Fingernägel waren drei Zentimeter lang und schwarz lackiert, ihre Zähne so groß und glänzend wie die Tasten des Klaviers, an dem sie saß. Ein Strass-Diadem schmückte die hochtoupierte, blonde Mähne, der Haaransatz war dunkel. Sie trug ein weißes, perlenbesetztes Grammy-Gala-Abendkleid, dazu passende Sandaletten und goldenen Modeschmuck im Überfluss.
Big Irma lächelte süffisant, glitzerte stolz in ihrem blauen Spot. Blaugrauer Zigarettenrauch waberte im Bühnenlicht.
Das Publikum betete sie an. Lippen gaben den Blick frei auf strahlend weiße Zähne, Hände flatterten vor ihrer Brust und trunkene Augen funkelten. So brachte sie ihr Publikum zum Lachen. Zu bemüht für meinen Geschmack, zu lange für Irmas. Vielleicht dachten alle, es sei das letzte Mal, dass es überhaupt etwas zu lachengab.
»Pssst, Jungs und Mädels«, sagte sie. »Ihr wisst, dass eure Big Irma nicht für immer hier oben steht. Schön aufgepasst, dann singe ich euch noch ein paar hübsche schmutzige Lieder.«
Das Pärchen an dem kleinen Tisch zu meiner Linken, angeheitert von drei Runden Drinks mit kleinen Papierschirmchen, kreischte vor Freude. Er trug Ketten und Latzhosen, dessen Latz runtergeklappt war, damit er seinen Waschbrettbauch vorführen konnte. Sie trug einen Pferdeschwanz und einen pinkfarbenen String-Bikini, den die Kellnerin bereits bewundert hatte. »Göttliche Verpackung, meine Liebe – und sehr geile Arschkordel.«
An einem großen Tisch zu meiner Rechten lauter aufgekratzte Fitness-Freaks mit steifen Elvis-Tollen, dazu ihre Dates – Möchtegern-Covergirls mit gebräunten Schultermuskeln, Oberschenkeln ohne jedes Fett und Federschnittfrisuren. Die Fluorkohlenwasserstoffe, die diese haargesprayten Belles und Beaux ausdünsteten, taten der Ozonschicht nichtgut.
Big Irma deutete auf den Kreischer in der Latzhose. Das blaue Spotlight folgte ihrem Finger, strahlte das Objekt ihres übersprudelnden Spotts an. Nichts Persönliches, alles gehörte zur Nummer.
Sie sagte: »Looky looky, meine Herzchen. Sieht unser Liebling Billy-Bob-Joe-Jim heute Abend nicht wieder wahnsinnig gut aus? Sollen wir ein paar Flecken auf sein makelloses Äußeres machen?«
Ihr Publikum, wie Löwen im Zoo zur Fütterungszeit vom Anblick eines Beefsteaks zu Massengebrüll animiert, trampelte und brüllte anfeuernd.
Irma tat ihnen den Gefallen. »Wusstet ihr, dass er in einer Frau war? Ich lüge nicht! Na, vor langer, langer Zeit ist er mal ganz bis rauf in die Spitze der Freiheitsstatue geklettert.«
Noch mehr lautes, zynisches Gelächter.
Eine stämmige Salsa-Queen im Minirock, die großen Füße in glitzernd gelbe Pumps gezwängt, stolperte hinter mir über irgendetwas. Ich drehte mich um. Irgendwer mit einer lila Afro-Perücke gickelte und nannte sie dumme Fotze. Miss Cruz ballte die Faust und rammte sie in das lila Schandmaul. Der Schlag klang feucht, widerlich und schmerzhaft. Dann raunte Celia der benommenen Afro zu: »Komm auf den Teppich, Sugar. Dich würde sowieso nur eine Frau nehmen.«
Big Irma warf den Kombattanten Handküsse zu, verdrehte die Augen und hämmerte ein die Menge begeisterndes Boogie-Woogie-Potpourri in die Tasten. Nicht lange, und der Boden vibrierte vom Rhythmus stampfenderFüße.
Dann wechselte sie das Tempo und sang »Somewhere over the Rainbow«, das beruhigte viele erhitzte Gemüter, wenigstens für eine Weile. Lange genug, dass Irma Luft holen konnte. Sie nuckelte mit Strohhalm an dem trüben türkisfarbenen Drink, der für sie auf dem Klavier stand.
Ich hob eine leicht zitternde Hand an meine trockenen Lippen und stellte mir den Geschmack von Irmas farbenfrohem Drink vor. Getönter Bombay Saphire Gin mit Queen Victoria auf dem Etikett.
Gütiger Gott, ich wollte einen Drink. Einen echten Drink. Nicht das, was da vor mir stand, Selters auf zerstoßenem Eis mit drei darin herumtreibenden Obststückchen.
»Wisst ihr«, sagte Irma, lächelte wieder süffisant und klimperte eine Melodie, »lieber geliebt und verloren als geheiratet und gewonnen.«
Ein Schwall gezwungenen Gelächters.
»Mein Boyfriend, ich nenne ihn Dampfer, weil er ein bisschen angeschleppt werden muss, um in Fahrt zu kommen … Neulich bin ich mit Dampfer raus zum Flughafen. Wir wollten zusammen fliegen, aber man hat uns nicht gelassen … Oh, findet ihr diese Stewardessen nicht auch toll? Tut’s nicht! Erst wollen die wissen, wie du’s gern hättest, dann schnallen sie dich an und geben’s dir nicht …
Na ja, jedenfalls, hier kommt ein kleiner Song. Er heißt Open up, Richard – oder Don’t Close the Door on MeDick.«
Der Engel der Finsternis, der mit den Hörnern und der Mistgabel, hockte auf meiner linken Schulter und flüsterte mir ins Ohr. Liebend gern hätte ich auf ihn gehört. Tatsächlich stand ich auf mit der großartigen Idee, mir auf die Schnelle an der Theke eine Ladung Johnnie Walker Red zu genehmigen. Aber bevor ich tun konnte, was der gefallene Engel mir befahl, kam Ruby auf mich zu, eine echte Frau, zurück von der Damentoilette. Sie zog einige feindselige Blicke auf sich, war sie doch die einzige hundertprozentig echte Sie imRaum.
Ich ließ mich zurücksinken.
Ruby setzte sich, schlug die Beine übereinander und fragte: »Hast du mich vermisst?«
In einer Mischung aus Flüstern und Knurren antwortete ich: »Um Himmels willen, lass mich nie wieder allein.«
Ruby mochte denken, was sie wollte. Was ich wirklich meinte, war, dass ich sie in diesem Augenblick brauchte, um mir keinen Drink hinter die Binde zu kippen. Hier war ich und gierte nach dem winzigsten Hauch Scotch im Zigarettenqualm. Ruby an meiner Seite sorgte dafür, dass ich nichts trank; Ruby und der Engel auf meiner anderen Schulter, der mit dem Heiligenschein. In mir tobte ein fürchterlicher Kampf, genauso wie in den hier versammelten Jungs und Mädels, die so angestrengt lachten.
Oben auf der Bühne sang Big Irma gefühlvoll ein paar Melodien, mit denen Judy Garland berühmt geworden war. Anschließend beugte sie sich zu dem schlanken Rotschopf vor, der allein an der Bühne saß, der in dem schwarzen Body mit der kurzen Jacke aus schwarzem Ciré, der mit den Ringen unter den traurigen Augen. Mit ihrer kehligen, schwermütigen Stimme gurrte Irma: »Schätzchen, ich weiß, wie’s ist. Ich bin vielleicht zu alt, um noch den Honig aus der Wabe zu holen, aber am Topf lecken, das kann ich immernoch.«
Vielleicht versuchte Big Irma mit dieser Bemerkung etwas Ruhe in den Raum zu bringen. Ich habe schon erlebt, wie Chanteusen so Stimmungen gegen einander ausspielten, das Komische gegen das Sentimentale. Zu einem anderen Zeitpunkt und in einer anderen Stimmung hätte dieses Publikum vielleicht wie beabsichtigt über den bittersüßen Scherz nachgedacht. Aber nicht an diesem Abend. Die Stimmung an diesem Abend war von Konkurrenz geprägt, genauso wie das verzweifelte Gelächter. Und der Wettkampf war verdammt einfach: Wer würde Halloween überleben?
Die beliebten Mädels im Raum, die die freie Auswahl unter den Herren hatten, schnippten Stirnlocken mit tödlicher Absicht über eiskalte Schultern in Richtung ihrer weniger begehrten Schwestern. Die Verletzten sahen aus wie das zarte Gesicht des Toten, das in meinem Hirn brannte.
Mein Gott, ich brauchte einen Drink.
Auch die Bedürfnisse der Verletzten waren verdammt einfach. Sie sahen aus, als wünschten sie sich nicht mehr vom Leben, als von ihren Tischen aufzuspringen und von einem Spiegel zum nächsten zu rasen, hier eine Perücke gerade zu rücken, dort einen Rock glattzustreichen, in der Hoffnung, dass das Spiegelbild etwas enthüllen würde, für das zu leiden sich lohnte.
Geschmeidig und selbstsicher erhob er sich, als sie von dem geschniegelten Oberkellner an seinen Tisch geführt wurde. Er war gut einsneunzig groß, trug einen maßgeschneiderten, anthrazitfarbenen Anzug, dazu ein breitgestreiftes Turnbull & Asser-Hemd und eine Krawatte von Hermes. Das dunkle Haar, grau an den Schläfen, war sorgfältig frisiert. Er nahm Rubys Hände, schmal und karamelbraun mit perlmutt lackierten Nägeln, und küsstesie.
»Zurück in der alten Tretmühle, Kleine?«, sagte er lächelnd mit der Leichter-als-Luft-Freundlichkeit der feinen Leute. Sie dachte: So lächelt er immer, wenn er etwas will. Wie ein eleganter Alligator.
»Tisch neunundachtzig«, sagte Ruby bewundernd und ließ sich, das Gesicht nach oben gedreht, zuerst auf die linke Wange, dann auf die rechte Wange küssen. Durch ihn hatte sie vor Jahren diese europäische Art des Begrüßungskusses kennengelernt. Sie mochte es. Sie mochte fast alles, was er ihr beigebracht hatte, besonders jene Dinge, die sie immer weiter aus ihrer Welt entfernten. In ihren geheimsten Gedanken stellte sie sich gern vor, was aus der Beziehung zu diesem Mann geworden wäre, wenn sie die Chance ergriffen hätte. Sie sagte: »Nicht schlecht, die Tretmühle.«
»Tja, man muss schließlich essen, nicht wahr? Herzlich willkommen zurück in der alten Frittenbude, Ruby, Liebes.«
Zurück? War sie wirklich zurück? Ein fünfminütiges, faszinierendes Telefonat an diesem Morgen mit dem berühmten Bradford Jason Schuyler III von der Madison Avenue, gefolgt von einer fiebrigen, dreistündigen Suche in ihrer Theatergarderobe nach dem geeigneten Outfit für einen Lunch im Four Seasons an einem sonnigen Oktobertag, dann für einen Vierteldollar mit der Lexington-Avenue-Linie uptown, weil sie ziemlich pleite war – und schon war sie zurück?
Sie fragte sich: Eine fragwürdige Begrüßung zu einer fragwürdigen Rückkehr? Und wie gewöhnlich, wenn sie sich in Jay Schuylers eleganter Gesellschaft befand, konnte Ruby Flagg den flüchtigen Gedanken nicht verdrängen: Kann ein farbiges Mädchen aus Louisiana wie ich jemals wirklich gut genug aussehen, um mit einem weißen Jungen wie diesem zu verkehren, der aus dem alten Mayflower-nach-Manhattan-Geldadel stammt?
Sie strich die Ärmel ihrer blauen Leinenjacke glatt und zupfte an ihrem krausen Haar. »Jay, ich weiß nicht, was –«
Er ließ sie nicht ausreden. »Ich schon. Du weißt doch perfekte Ironie zu schätzen, oder?«
»Sicher …«
»Okay. Dann erzähl ich dir was über dieses Projekt. Es ist die blanke Ironie.«
»Du bist deiner Sache ziemlich sicher, Jay, stimmt’s?«
»Klar.«
Im Four Seasons hört man nichts von der sonst üblichen Geschäftigkeit der Kellner oder Sommeliers. Stattdessen sind diese Männer (denn es sind immer Männer, niemals Frauen) einfach plötzlich da. Schon stand Henri mit zwei Champagner-Flöten und einer Flasche Dom Pérignon in einem Eiskühler am Tisch. Wortlos schenkte Henri ein. Und Jay Schuyler lächelte sein Lächeln.
Es würde also eines dieser Schuyler-Spezial-Mittagessen werden: ein ausgedehntes Menü, reichlich zu trinken und geschickte Manipulation. Früher war sie seine Verbündete, wenn andere Opfer dieser raffinierten Masche wurden; jetzt erwartete sie die gleiche Behandlung.
Sie wusste genau, was nun kam: Jay würde darauf achten, dass sie bei allem, was er sagte, meinte, es sei ihre eigene Idee, und schließlich würde er sie von einer Limousine nach Hause fahren lassen, wirklich eine nette Geste. Irgendwann im Verlauf des Abends, wenn die Wirkung der Drinks und seines Alligatorlächelns nachließ, würde sie erkennen, dass sie Kopfschmerzen hatte von all dem Gesülze dieses Mayflower-nach-Manhattan-Geldadel-Boys.
Ruby hätte es sich denken können, angesichts der verführerischen Tour des morgendlichen Anrufs. Schuyler hatte sie in ihrem Theater erreicht, dem Downtown Playhouse an der South Street.
»Da bahnt sich eine ausgesprochen attraktive Sache an, Ruby. Ich hätte dich gern anBord.«
»Um was geht’s?«
»Eine große Sache. Größer alsgroß.«
»Oh, das hört sich an wie aus deiner Zeit als Jingle-Texter. ›Aufgepasst, Leutchen – kauft die neue Riesenpackung Laug-O Waschmittel! Es ist groß — es ist größer alsgroß!‹«
»Lach nicht. Ich rede hier von riesig.«
»Würde ich lachen, wenn ein Mann von riesig spricht?«
»Es geht umGeld –«
»GroßesGeld.«
»Genau. Und noch viel mehr, Miss Schlaumeier.«
»Zum Beispielwas?«
»Die neue Weltordnung, Frieden auf Erden … solche Kleinigkeiten.«
»Jay, hast du mit irgend so einem Hohlkopf geredet, der für das Amt des Präsidenten kandidierenwill?«
»Hör dir heute beim Mittagessen die ganze Geschichte an. Du wirst es nicht bereuen.«
»Danke, Henri«, sagte Schuyler. Der Kellner schlug kaum hörbar die gallischen Hacken zusammen. Dann verdunstete er einfach.
Ruby bereute, gekommen zu sein. Aber, verdammt, sie war so pleite! Und dann war da nochHock.
… Und wer wusste schon, was mit Neil Hockaday war, ihrem Ehemann seit gerade mal fünfeinhalb Monaten? Nicht Ruby. Bestimmt nicht über diese letzten sechs Wochen, in denen Hock dort war, wohin er hatte gehen müssen. Sechs Wochen, die sie mit so viel Zweifel und Wut und Bedauern und Mitleid und Angst erfüllt hatten, wie sie es nie zuvor gekannt hatte. Eben noch sehnte sie sich danach, in Hocks kräftige Arme zu sinken; dann war sie entsetzt über die Aussicht, dass er womöglich zur traurigsten Sorte Ehemann gehörte: ein Andenken an die Liebe.
Soll ich nach Hause fliegen und Mama um Rat fragen? O Mama, du weißt, was es bedeutet, für einen Mann stark zu sein, oder?
Ruby versuchte, solche Fragen aus ihrem übervollen Kopf zu verbannen, Fragen, die sie für kindisch hielt. Bisher hatte sie während des Mittagessens im Four Seasons nur etwa ein Dutzend Mal an zu Hause und Mama gedacht. Eben bei jedem Gedanken an ihren abwesenden Ehemann.
Die Trennung war natürlich zum Wohle von Körper und Seele des armen Hock, ganz zu schweigen von der Rettung seiner Ehe. Dies war Father Sheehans Rat, wenn Ruby ihm in den schwärzesten ihrer einsamen Nächte am Telefon etwas vorweinte; Nächte, in denen sie glaubte durchzudrehen, wenn sie nicht sofort nach Hause fliegen und in das große Himmelbett in Mamas Zimmer kriechen konnte; mondlose Nächte ohne Schlaf, in denen sie im Dunkeln auf und ab ging, Geldsorgen sie quälten und ihre Augen in Tränen schwammen, wenn sie die Kassette hörte, die sie sich zusammengestellt hatte, mit den traurigsten Billie-Holiday-Songs aller Zeiten. Moaning Low und The Man I Love und Foolin’ Myself und Where Is The Sun? und It’s Like Reaching for the Moon … und, ganz besonders, Gloomy Sunday. Ruby glaubte, dass dieses Suhlen in den tiefsten Tiefen des Blues ihr Trauern vielleicht beschleunigte. Aber andererseits, wer wusste schon …?
Klar, wahrscheinlich wusste Jay Schuyler von ihrer beschissenen Situation: den Geldschwierigkeiten, den Theaterschwierigkeiten, den Ehemannschwierigkeiten; welche, mit wem und woher, in allen Einzelheiten. Alles andere mochte ungewiss sein, aber in einem Punkt war Ruby sich absolut sicher: Bradford Jason Schuyler III hatte praktisch mit der Muttermilch die Erkenntnis aufgesogen, dass das Leid des einen der Gewinn des anderen ist. So war er zu einem Mogul der Madison Avenue geworden.
»Manche Dinge ändern sich nie«, sagte Ruby und hob eine zarte Kristallglasflöte, gefüllt mit Dom Pérignon für etwa fünfzig Dollar. Mit fünfzig Mäusen, sinnierte sie, könnte sie ihre VISA-Karte wieder ans Limit bringen. »Glaubst du, das ist gut oder schlecht, Jay?«
»Ja.«
»Wie ich sehe, habe ich recht.«
Ruby schaute sich um. Der Ecktisch Nummer neunundachtzig bot eine gute Aussicht auf das gesamte Lokal: den großen, mit grünem Teppich ausgelegten Pool Room, der seinen Namen dem marmornen, von Topfpalmen gesäumten und mit Seerosen bedeckten Bassin in der Mitte des Raums verdankte; die Vorhänge aus verschlungenen Kupferfäden, die dank des von der Park Avenue einfallenden Lichts alles in einen leichten Sepiaton tauchten; den dahinter liegenden Grill Room und das vornehme Stimmengewirr aus der Bar; die verstreuten Tische, das Geplapper von Prominenten alter Schule – derjenigen, die noch in der Lage waren, mit Messer und Gabel umzugehen, mit geschlossenem Mund zu kauen und in vollständigen Sätzen zu sprechen.
Zwei Tische weiter zum Beispiel saß Douglas Fairbanks, Jr. mit einer Frau etwa in Rubys Alter. Sie hatte helle Haut und glattes, hochgestecktes rotbraunes Haar. Die Hellhäutige schnatterte, während das immer noch elegant wirkende Idol der Dreißigerjahre seinen eisgekühlten Tomatensaft schlürfte. Douglas Fairbanks’ fleckige Hand zitterte unter dem Gewicht eines schweren Glases, aber nicht ein einziger roter Tropfen befleckte seinen silbergrauen Schnurrbart.
Genau in diesem völlig unpassenden Augenblick dachte Ruby an ihre beiden Zuhause. An das eine mit Hock, das jetzt nur ein halbes Zuhause war, und an das andere: die St.-Bernard-Sozialsiedlung im Nordwesten von New Orleans.
Im Zwielicht der frühen Morgenstunden stand Mama Violet, bereits für den Tag gekleidet in Dienstmädchenuniform und dicker Stützstrumpfhose, in dem winzigen Flecken Garten hinter dem schlichten Reihenhaus an der Gibson Street und hängte die feuchte Wäsche ihrer eigenen Familie auf die Leine. Oben in Mamas Bett lag ihr Ehemann Willie, der nur noch über sein langes Warten auf den erlösenden Tod klagte. Rubys Schwester, eine Kosmetikerin, war am Vortag dagewesen, um Mamas Haare zu glätten, und in der Küche hing noch immer der strenge Geruch der Chemikalien.
Ruby dachte auch an Farben. Mamas Haar war rotbraun gefärbt, der gleiche Farbton wie bei der weißen Lady am Tisch des Filmstars. Im Restaurant des Four Seasons, das Violet Flagg niemals kennenlernen würde, saß jetzt ihre Tochter Ruby mit den kohlrabenschwarzen krausen Haaren.
»Hast du Fairbanks bemerkt?«, unterbrach Schuyler Rubys Erinnerungen.
»Wer ist die Frau nebenihm?«
»Eine neue schöne Frau. Manche Dinge ändern sichdoch.«
»Und andere nie, wie ich schon sagte.«
»Nun denn, ich trinke auf das alles.«
Schuyler hob sein Champagnerglas zu einem wortlosen Toast. Auf die verlorene Tochter, die den Weg zurück zur Madison Avenue gefunden hatte? Warum nicht? Ruby ließ ihr Glas gegen seines klingen.
Sie schaute an Schuyler vorbei zu einem großen Tisch am Bassin, der von Palmen eingerahmt wurde. Fünf blutjunge Frauen in glitzernden Kleidern plauderten miteinander. Vielleicht sprachen sie über Geschäfte, aber Ruby bezweifelte, dass es sich dabei um Firmengeschäfte handelte. An dem Tisch saß außerdem ein etwa sechzigjähriger, fetter Mann. Er hatte eine Glatze und ein verquollenes, olivfarbenes Gesicht, halb verborgen hinter einer getönten Pilotenbrille. Er drückte ein Handy an sein Ohr und gestikulierte beim Reden mit den Händen.
»Wie ich sehe, hält der Ochsenfrosch immer noch Hof an seinem Teich«, kommentierte Ruby. Schuyler lachte, als er sich an den Spitznamen erinnerte, den Ruby dem Mann verpasst hatte. »Bist du jemals hinter seine Geschichte gekommen, Jay?«
»Eigentlich nicht. Jeder hier musste absolutes Stillschweigen schwören. Niemand verrät etwas Gescheites über ihn. Nicht mal mir, und ich gebe immer ziemlich großzügige Weihnachtstrinkgelder.«
»Immer noch dieselbe alte Masche?«
»In den vier Jahren, die er herkommt, hat sich nichts verändert. Jeden Tag erscheint der Ochsenfrosch fünfzehn Minuten vor Öffnung des Lokals. Jeden Tag hat er die Hände voll. Eine neue Flasche Ketchup, eine fettige Tüte Bagels, und immer ein frischer Schwung Flittchen.«
»Raoul muss begeistertsein.«
Schuyler zuckte mit den Schultern. »Raoul ist ein sehr erfahrener Maître d’hôtel, er weiß, wann er den Mund halten muss und dass sich Diskretion bezahlt macht.«
»Was ist mit der Geschäftsleitung?«
»Ich habe mal die tägliche Rechnung dieses Mannes überschlagen. Dann habe ich das Ergebnis mit zweihundertfünfundfünfzig multipliziert, die Arbeitstage pro Jahr minus ein paar Feiertage. Der Ochsenfrosch lässt pro Jahr mehr als eine Viertelmillion Dollar für Mittagessen hier. Bei so einer Summe wird nicht mal das Four Seasons Theater machen, wenn der Gast mit schmierigen Lunchtüten hier aufkreuzt. Zumal er vor allen anderen kommt. So sieht nämlich praktisch niemand die Schweinerei, die er hereinschleppt.«
»Du meinst die Bagels und den Ketchup, nicht die Flittchen.«
»Genau.«
»Also werden auch keine dummen Fragen gestellt.«
»Fragen stellen? Kein Mensch redet, mal abgesehen vom Ochsenfrosch und irgendwem am anderen Ende seines beknackten Telefons. Raoul setzt den Typen und seine Schar jeden Tag an denselben Tisch. Dann bringt er die Tüte in die Küche. Er hält sie mit zwei spitzen Fingern von sich weg, als wär etwas darin, das gerade gestorben ist. Ein paar Minuten später kommt einer der Hilfsköche in voller Montur heraus. Er hat die Bagel aufgeschnitten und dick mit Ketchup bestrichen – alles auf einem Silbertablett mit Glocke darüber. Der Ochsenfrosch ist glücklich, und von den anderen Gästen kriegt’s praktisch keinermit.«
»Der Ochsenfrosch und seine Gäste, die essen das Zeug wirklich?«
»Als Vorspeise. Aber wie gesagt, er bestellt auch reichlich Mittagessen.«
Ein Kellner erschien. Er servierte zwei Teller mit pâté de foie gras und Baguette, dünn aufgeschnitten. Schuyler langte zu. Ruby zog es vor zu trinken.
»Du hast viel Zeit damit verbracht, die Szene zu studieren, Jay, stimmt’s?«
»Bei einer Viertelmillion Dollar pro Jahr kein Wunder. Aber ja, ich kenne diesen Raum. In unserer Branche sollte man die Räume immer genau studieren.«
»Apropos, du hast erwähnt, du wolltest mich an Bord haben?«
»Natürlich.« Schuyler lächelte, und es war umwerfend. »Immerhin bist du ein Genie.«
»Das hast du mir schon mal gesagt.«
»Siehst du, wie gut du dich an die guten alten Zeiten erinnerst?«
»Du hast immer gesagt, es gebe nur zwei Sorten Menschen, die zählen. Smarte Menschen und Genies.«
»Genau. Und erinnerst du dich auch noch an den Unterschied?«
»Smarte Menschen wissen, was smarte Menschen wollen, Genies wissen, was dumme Menschen wollen.«
»Genau.«
»Also hat sich in der Werbebranche nichts Wesentliches geändert?«
»Ja, Leute, sie ist immer noch ein Genie.« Schuyler schwieg einen Moment, beugte sich dann vor, um hinzuzufügen: »Und sie ist immer noch hinreißend.«
»Vorsicht, Jay. Bleiben wir beim Geschäft.«
»Dazu haben wir noch jede Menge Zeit. Man erzählt sich, dass du vergangenes Frühjahr geheiratethast.«
»Stimmt.«
»Einen Polizisten?«
»Wieder richtig.«
»Jesus, Ruby.« Er wartete einen Moment, aber Ruby schwieg. Schuyler seufzte, und dies kam dem Eingeständnis einer Niederlage näher als alles, was Ruby je von ihm gehört oder gesehen hatte. Dann sagte er: »Tja, du weißt ja, was das bedeutet.«
»Nein, eigentlich nicht.«
»Die Jagd ist vorbei. Ich lasse mich nicht mit verheirateten Frauen ein. Jetzt bist du also endlich sicher vor mir.« Schuyler blickte Richtung Teich, genauer gesagt zum Tisch des Ochsenfrosches. Ruby folgte seinem Blick. »Außerdem sitze ich nicht mehr da drüben.«
»Wo ist da der Zusammenhang?«
Ein Kellner erschien an ihrem Tisch, ließ blitzschnell die pâté de foie gras und das Baguette verschwinden und schenkte Champagner nach. Er empfahl den Königslachs und das Milchkälbchen als besonders gut, da beides erst an diesem Morgen aus Alaska beziehungsweise Japan eingeflogen wordensei.
»Sehr schön«, sagte Schuyler. Der Kellner hob die Hand und schnippte leise mit den Fingern; schon tauchte der Sommelier auf, um eine Flasche leichten Bordeaux vorzuschlagen, der hervorragend auf beide Hauptgerichte abgestimmt sei. »Sehr schön«, wiederholte Schuyler.
Als Kellner und Sommelier wieder fort waren, meinte Schuyler: »Also, du wolltest über Geschäftliches reden?«
»Erzähl mir erst von dem Pool und den verheirateten Damen.«
»Das war, bevor du zur Agentur gekommen bist. Sogar noch vor Margot.«
»Wie geht’s übrigens deinerFrau?«
»Schreibt immer noch und macht immer noch karitative Sachen für die Opernleute.«
»Was ist jetzt mit demPool?«
»Ich war mal ganz verrückt nach einer blonden Schauspielerin. Sie war halb Schwedin, halb Polin und so schön, dass man am liebsten reingebissen hätte. Wir haben damals für die alten Erik-Zigarren-Spots mit ihr gearbeitet, als man im Fernsehen noch für Tabak werben durfte. Du erinnerst dich an das skandinavische Mäuschen auf einem Wikingerschiff, das gerade in den New Yorker Hafen einläuft?«
»Die Blondine, die diese kleine Zigarre rauchte? Ausgesprochen einladend.«
»Ja, das warsie.«
»Und auch verheiratet?«
»Nicht auf den ersten Blick.«
»Irgendjemand wirft immer einen zweiten Blick.«
»Da ist was dran.« Schuyler schüttelte den Kopf auf die bedächtige, beiläufige Art eines Mannes, der sich an etwas ausgesprochen Dummes und Peinliches erinnert. Es war mehr ein Zusammenzucken als ein Schütteln. »Kommt mir vor, als wär’s erst letzte Woche gewesen. Aber, mein Gott, es ist so verdammt lange her.« Schuyler seufzte, diesmal wie ein Mann, der sich an seine verlorene Jugend erinnert. »Ich nehme nicht an, dass du schon mal was von Earl Wilson gehörthast.«
»Doch, und ich habe auch von den Dinosauriern gehört. Obwohl ich nicht dabeiwar.«
»Wilson war das letzte Mastodon des Schmuddel-und-Klatsch-Journalismus. Und noch aktiv, als es passierte.«
»Es?«
»Eines schönen Tages, es war am späten Nachmittag, saßen wir da drüben.« Schuyler nickte Richtung Bassin. »Zwei Tische neben dem des Ochsenfrosches.«
»Mit wirmeinstdu …?«
»Blondie und ich. Wir wollen gerade zu meiner Wohnung aufbrechen, als jemand reinkommt und mir einen Strich durch die Rechnung macht. Rat mal, wer daswar?«
»Mr. Blondie?«
»Genau. Ein großer, kräftiger Bursche. Gebaut wie eine Mauer, die gehen gelernthat.«
»Was hat er mit dir gemacht?«
»Nicht, was du denkst. Er kommt rüber und lächelt ein paar Sekunden zu uns herunter, ein paar Sekunden, die mir wie ein paar Wochen vorkamen. Dann sagt er zu mir: Ist nicht deine Schuld, mein Freund.«
»Unddann?«
»Dann hebt er die Missus einfach hoch und wirft sie in den Teich. Dieser reizende Tumult wird natürlich eine von Earls Perlen.«
»In seiner Kolumne im Mirror.«
»Aber das ist noch längst nicht alles.«
»Die Erik-Leute waren nicht begeistert?«
»Ich hab den Kunden verloren.«
»Du hast ein erschütterndes Leben geführt, Jay.«
Lachs und Kalb und Wein kamen. Ruby verbrachte die nächste Stunde mit dem Essen und dem Madison-Avenue-Klatsch der letzten zwei Jahre. Dazu trank sie genug Bordeaux für einen angenehmen, leichten Schwips. Was ihr ein schlechtes Gewissen bescherte, weil sie daran dachte, wo ihr Mann, der Alkoholiker, derzeitwar.
Schuyler erkundigte sich beiläufig nach dem ums Überleben kämpfende Theater, gegründet mit dem Geld, das sie als Genie der Agentur verdient hatte. Aber er schien bereits alle Antworten zu kennen. O ja, er hatte seine Hausaufgaben gemacht.
Der Kellner erschien mit winzigen Gläsern auf einem Kristalltablett, die übliche Behandlung. Zwei Stinger. Ruby nippte an ihrem, und die kleine Kreissäge in ihrem Kopf begann allmählich wie ein Presslufthammer zu klingen. Es gab Momente, da hörte sie Schuyler nicht mal reden.
Er sagte: »Sorry, du wirst mit Crosby arbeiten müssen. Immerhin hat Crosby das Geschäft an Land gezogen –«
Ruby unterbrach ihn. »O mein Gott, Jay!«
»Aber sehn wir’s doch mal von der positiven Seite.«
»Was soll daran positivsein?«
»Du bekommst einen satten Vorschuss auf einen Beratervertrag und anschließend wie ein ganz normaler Mensch jede Woche ein nettes Honorar. Und du hilfst mir aus einer Klemme. Du weißt selbst, dass wir nur eine kleine Stammbesetzung haben. Es gibt niemanden, den ich einfach so auf ein neues Projekt ansetzen könnte. Warum also nicht du, Kleines. Du musst mal eine Weile ins Warme kommen. Mach mir nichts vor, das ist etwas, wovon du schon seit Monaten träumst. Du kannst mit deinem Theater die Rechnungen nicht bezahlen, stimmt’s?«
»Also …«
»Hör zu, ich hab Leute hingeschickt.«
»Marktforschung?«
»Ge-nau. An den besten Abenden hast du vielleicht zwanzig zahlende Zuschauer. Den Rest füllst du mit Freikarten. Du improvisierst, wo du nur kannst. Du brauchst Geld: um wie ein Mensch zu leben und für dein künstlerisches Rattenloch.«
»Du und deine süßen Worte.«
Schuyler lächelte. »Sicher, und jetzt versüße ich dir die Sache noch mehr. Du bekommst Sandy, die beste Sekretärin seit Jahren. Außerdem bekommst du das südöstliche Eckbüro im vierunddreißigsten Stock.«
»Ich dachte, dort sitzt Foster.«
»Der ist in Rente gegangen.«
»Du hast ihn gefeuert.«
»Ich habe ihn überredet.«
Ruby massierte sich die Schläfen. Inzwischen waren mindestens zwei Presslufthämmer an der Arbeit. Mit einiger Anstrengung konnte sie noch fragen: »Was hast du noch mal gesagt, um welche Branche geht es? Ich glaube kaum, dass ich mich für die Entdeckung eines weiteren Körperteils, der deodorisiert werden muss, begeisternkann.«
Offensichtlich war dies das Stichwort für die silberne Kaffeekanne und den Dessertwagen. Das Dessert lehnte Rubyab.
»Du wirst diesen Job lieben. Ich versprech’s dir, es hat nichts mit Verpackung von Waren zu tun.« Schuyler lächelte und schaute zu, wie Ruby eine Tasse schwarzen Kaffee trank. »Morgen früh um Punkt neun. Wir erwarten dich in deinem neuenBüro.«
»Wir –?«
»Sandy Malreaux, das ist deine neue Sekretärin. Crosby und ich. Außerdem die Brüder Likhanov.«
»Diewer?«
Schuyler winkte mit seiner manikürten Hand ab. »Denk einfach an die Neue Weltordnung.« Er warf einen Blick auf seine Cartier-Uhr, dann erhob er sich und sagte: »Muss jetztlos.«
Ruby trank ihren Kaffee aus und stand auf. Gemeinsam verließen sie den Pool Room. Im Four Seasons fragte niemand nach der Rechnung. Die würde mit der Post kommen, und am Ende würde der Steuerzahler löhnen. Und für Ruby Flagg hieß es: zurück in die Tretmühle.
Draußen warteten zwei Limousinen. Eine für Ruby, eine für den Mann mit dem Alligatorlächeln.
Schuyler verabschiedete sich von Ruby mit Küssen auf beide Wangen. Sie spürte die Hitze.
Schuyler sagte: »Ich will deinen Polizisten mal kennenlernen. Ist er ein guter Bursche?«
»Er hat so seine Probleme. Aber er ist gut. Er ist sogar sehrgut.«
Schon so oft in meinem Leben bin ich ohne ausgekommen. Keine große Sache. Aber eines Tages blieb mir in dieser Angelegenheit keine Wahl mehr. Und das war dann ein ganz anderes Gefühl, fast als liefe ich in einem schlechten Traum nackt in der Gegend herum.
Vor sieben Wochen versetzte mich mein „Freund“ Inspector Tomassino Neglio in den Innendienst, unter Cops auch Pfeil-und-Bogen-Truppe genannt. Er sagte, was sie immer sagen: Es ist nur zu Ihrem Besten. Sogar Ruby hat das gesagt.
Alle normalen Cops bemerkten natürlich sofort, dass die Wölbung unter meiner Jacke verschwunden war. Oder, wenn ich keine Jacke trug, sahen sie das leere Holster an meinem Gürtel. Dann lachten sie und sagten: »Aha, sie haben sie dir weggenommen.«
Eine Woche lang machte ich das mit, dann meldete ich mich immer öfter krank. Meinem alten Rabbi und früheren Saufkumpan Davy Mogaill habe ich es zu verdanken, dass die Menschenfänger mich schließlich holten.
Abgesehen davon, dass ich nun nach all den Jahren als Kriminalbeamter in Zivil wieder Uniform tragen musste, fand ich den Dienst in der Pfeil-und-Bogen-Truppe so ziemlich das Schlimmste. Aber in jüngster Zeit habe ich entdeckt, dass das absolut Schlimmste – außer im Dienst umgelegt zu werden – die Menschenfänger sind. Wenn ich mich dort, wo ich seit einiger Zeit bin, beschwere, bekomme ich immer wieder den gleichen Spruch zu hören: »Nimm einen Tag nach dem anderen.«
Seit kurzem muss ich in einem hässlichen roten Backsteingebäude auf der falschen Seite des Flusses leben. Während der Prohibition betrieb ein temperamentvoller Gentleman aus der Bronx namens Arthur Flegenheimer, besser bekannt als Dutch Schultz, in diesem hässlichen Gebäude in Paterson, New Jersey, eine Brauerei. Genau hier an der Kreuzung der Straight und Narrow Streets. Straight und Narrow für alle, die auf den schmalen Pfad der Tugend zurück wollen, sehen Sie auf der Karte nach, ich denke mir das nichtaus.
Wo immer ich im Umkreis von Straight and Narrow gehe und stehe, bin ich umgeben von Säufern aus New York, eine traurige und öde Ansammlung von Menschen. Und man glaubt, dass ich, Detective Neil Hockaday, auch ein Säufer bin. Warum sonst kommt jemand nach Paterson, New Jersey?
Im Augenblick sitze ich mit fünfzehn oder zwanzig Säufern im Aufenthaltsraum. Dieser Raum wird Cheers genannt, die ausgesprochen blöde Idee von irgendeinem Witzbold. Hier gibt es weder Radio noch Fernseher, und auch keine Bücher, Illustrierten oder Tageszeitungen. Dafür mehrere hundert verschiedene Pamphlete der Anonymen Alkoholiker, die meisten davon habe ich ungefähr zehnmal gelesen.
Gott bewahre, dass ein Säufer eine dieser Hochglanzanzeigen für Dewar’s White Label in der Newsweek sehen könnte, oder wie Billy Dee Williams in der Glotze von Colt 45 Starkbier singt, oder auch nur das Plakat einer mit Tau überzogenen Flasche Budweiser am Zaun eines Baseball-Stadions, falls man sich die World Series ansehen möchte, wie es bei mir derzeit der Fall ist. Natürlich würde er vor Durst sofort wahnsinnig.
Hier im Cheers – ha-ha-ha! – gibt’s nicht mal eine Bibel. Die Priester, die den Laden schmeißen, sagen, dass die Bibel deshalb so riskant sei, weil dort viel Wein getrunken wird, sogar von Jesus Christus. Ich nehme an, die guten Pfarrer müssen’s wissen. Vielleicht tritt den Säuferpriestern manchmal der Alkischweiß auf die Stirn, wenn sie die Heilige Schrift lesen.
Hier drinnen gibt es nur zwei akzeptable Ablenkungen: Bleistifte und Stenoblöcke. Statt also zum elften Mal irgendwelche AA-Traktate zu lesen oder vielleicht mit ein paar Säufern drüben in der Ecke Domino zu spielen, vertreibe ich mir die Zeit damit, einen Block vollzuschreiben. Ich wünschte, ich könnte zeichnen. Dann würde ich nämlich einen Typen malen, der sich in einer tollen Bar einen schönen, doppelten Scotch mit Soda hinter die Binde kippt. Das würde ich dann allen Säufern zeigen und zusehen, wie sie ausflippen.
Ich bin nämlich stinksauer. Das einzige, was mich davon abhält, jemanden zu erwürgen, ist zu wissen, dass ich um sechs Uhr – also ungefähr in drei Stunden, zwölf Minuten und achteinhalb Sekunden – mit Ruby telefonieren darf. Wenn ich heute noch ein einziges Mal das Wort Entzug höre, werde ich jemandem die Haare anzünden.
Bestreiten würde ich allerdings nicht, dass mein Leben einen beschissenen Tiefpunkt erreicht hat. Irgendwie.
Oh, aber ich weiß sehr genau, wie das geschehen konnte. Das Wie erzähle ich diesen Dumpfbacken im Straight and Narrow seit sechs langen Wochen. Aber die hauen mir nur Parolen um die Ohren. Also will ich mich nicht weiter darüber auslassen. Vielleicht später. Da ich aber noch etwa drei Stunden, zehn Minuten und vier Sekunden totschlagen muss, will ich wenigstens zwei Dinge aus meiner jüngsten Vergangenheit auf diesem Stenoblock festhalten: den Morgen mit dem Polizeikaplan und die Nacht der Menschenfänger.
Inspector Neglio hatte mich zum Kaplan geschickt. Als er mich an einem Dienstagmorgen um neun Uhr in sein Büro in der One Police Plaza bestellt hatte. Eigentlich wollte er mich bereits am Montag dort sehen. Aber ich war leicht angeschlagen von einer langen Sonntagnacht in einer Kneipe namens Angelo’s Ebb Tide. Also mussten wir etwas umdisponieren. Was den Inspector nicht glücklich machte.
Wie auch immer, es war ein Dienstagmorgen, als er mir meine Kanone abnahm. Nur zu meinem Besten. Anschließend verkündete er, dass ich urplötzlich und vorübergehend meinen Dienst als Detective auf der Straße einstellen und stattdessen in einem Büro herumsitzen sollte, wo ich Verbrechensstatistiken in eine Art Computer eingeben sollte, von dem ich noch nie gehört hatte. Ohne meine Kanone. Was mich nicht glücklich machte.
»Okay, der Kaplan erwartet Sie«, beendete er die Besprechung. »Das dürfte Father Sheehan sein.« Inspector Neglio konnte mir nicht länger in die Augen sehen. Er drückte einen Knopf auf seinem Schreibtisch und herein kam ein sommersprossiger, ungefähr zwölfjähriger Uniformierter, der durch den Mund atmete. »Officer Neuman wird dafür sorgen, dass Sie den Weg zur Beratungsabteilung im fünften Stock finden. Viel Glück, und werden Sie bald wieder gesund, Hock.«
Na los, leg mir auch noch Fußfesseln und Handschellen an, wie wär’s? Das dachte ich nur, sagte es nicht. Neuman ergriff mit den Fingerspitzen meinen Ellbogen. Ich hasse das. Ich dachte kurz daran, seine Pfoten abzuschütteln, weiß aber, wie so was läuft. Bei den geringsten Schwierigkeiten würden bestimmt sofort weitere Neumans aufkreuzen. Also spielte ichmit.
Unten in der Beratungsabteilung bat man mich, auf einem rissigen, orangenen Plastikstuhl vor dem Büro des Polizeikaplans Platz zu nehmen. Der Stuhl zwickte mir bei der kleinsten Bewegung in die linke Pohälfte. Auf diesem Stuhl musste ich zehn Minuten warten, bis Father Sheehan sein Telefonat darüber, wer was zu einem Empfang anlässlich der Ordination eines neuen Priesters mitbringen sollte, beendet hatte. Neuman schob sich einen Kaugummi in den Mund und stand stumm und mit verschränkten Armen da. Ich hätte gut einen weiteren Wodka mit Grapefruitsaft vertragen können, wie den, den ich mir schon um halb acht als Muntermacher genehmigt hatte.
Endlich trat der kleine Bursche mit den dicken Backen in seiner schwarzen Soutane aus seinem Verschlag. Er hatte einen zarten Teint und einen schwarzen Bart, der wohl seine Grübchen verbergen sollte. Auf der Nase saß eine dicke Bifokalbrille, und er hatte schütteres, schwarzes Haar mit ein paar grauen Strähnen und Augen von der Farbe dunkler Schokolade. Er hatte glücklich geklungen, während er mit seinem Kumpel über Möhrenkuchen, Aufschnitt und Erdbeerpunsch telefonierte; als er jetzt mit mir sprach, klang er eher wie ein Totengräber.
»Tritt ein, mein Sohn«, sagte er und streckte eine kleine, weiche Hand aus. »Ich bin John Sheehan.«
Wieder bekam ich einen Plastikstuhl. Diesmal machte das Ding der rechten Seite meines Allerwertesten Ärger. Der gute Vater selbst saß in einem schönen gepolsterten Sessel hinter einem mit Papieren vollbepackten Holzschreibtisch. Einige dieser Unterlagen nahm er nun zur Hand, las darin und machte ein finsteres Gesicht.
»Diese Dienstberichte, ich weiß nicht«, sagte er kopfschüttelnd. Er starrte mich über seine dicken silbergefassten Brillengläser hinweg an. »Sie sind wegen Krankheit nicht zum Dienst erschienen. Ziemlich oft. Wo liegt das Problem, Detective Hockaday?«
»Die Grippe grassiert mal wieder.«
»Achja.«
»Mein Magen ist total hinüber.«
Jetzt starrte er auf die Stelle, an der sich meine Jacke nicht mehr ausbeulte. »Aha, dann hat man sie Ihnen also schon abgenommen?«
Dies war keine Frage, auf die von mir eine Antwort erwartet wurde. Das Schweigen hing mehrere Sekunden zwischen uns. Hinter mir hörte ich Neumans Atmen und Kauen, direkt auf der anderen Seite der Büronische.
»Sie wissen, was das bedeutet?«, fragte Sheehan, ohne mich anzusehen. Er betrachtete seine Fingernägel.
»Ich schätze schon, ja.«
»Aber Sie haben nie gedacht, dass es Sie treffen könnte, nicht wahr, meinSohn?«
»Hat das jemals irgendwer?«
Sheehan lachte. Er klang wie ein altes Pferd, das durch die Nase wiehert.
»Ich habe gehört, was vergangenen April passiert ist«, sagte er. Er zog eine Nagelschere aus einer Tasche und begann mit der Arbeit. Kleine halbmondförmige Calciumschnippel flogen über seinen Schreibtisch.
»Ja, es hat schließlich in allen Zeitungen gestanden.«
Der Priester bezog sich auf etwas, auf das ich im Moment nicht weiter eingehen möchte, da ich nur noch zwei Stunden, einundfünfzig Minuten und sieben Sekunden habe, bis ich mit Ruby reden kann. Der Vollständigkeit halber und in aller gebotenen Kürze nur so viel: Sheehan dachte an den Fall eines mit mir befreundeten Priesters namens Father Timothy Kelly, der sich an einem Sonntag letzten April im Beichtstuhl der Holy Cross Church in Hell’s Kitchen das Hirn weggeblasen hatte, während etwa zur gleichen Zeit das Haus meines Rabbis Davy Mogaill draußen in Queens von einer Bombe in die Luft gejagt wurde, und wie mich das alles nach Dublin und zu einer Geschichte von Mord und Verrat geführt hatte. Was wiederum dazu führte, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben meinen alten Herrn zu sehen bekam, der prompt in meinen Armen starb. Das alles hatte ohne Frage in den Zeitungen gestanden. Und ich wünschte, seitdem wäre schon eine Menge Whiskey den Hudson runtergeflossen, denn das wäre ziemlich genau die Größenordnung von Drink, den ich zum Vergessen gebraucht hätte. Aber wie die Dinge liegen, verfolgt mich die ganze blutige Angelegenheit immer noch bis in meine Träume.
»Hat in den Zeitungen gestanden!«, wieherte Sheehan wieder. »Gut zu wissen, dass Sie Sinn für Humor haben.«
»Warum?«
»Weil Humor nichts anderes ist als emotionales Chaos, an das man sich in Gelassenheit erinnert, mein Sohn. Weil Humor zu heilen vermag, was Sie plagt.«
»Diesen Tag finde ich nicht besonders komisch.«
»Korrekt. Niemand macht Witze mit Ihnen, Detective Hockaday. Heute bekommen Sie Ihre offizielle Warnung.«
»So funktioniert also diese Pfeil-und-Bogen-Nummer?«
»Captain Mogaill und Inspector Neglio haben mir schon gesagt, dass Sie sehr schnell begreifen.«
»Achja?«
»Deswegen habe ich auch eine befristete Versetzung empfohlen. Damit Sie sich wieder in den Griff bekommen. Was Sie besser tun sollten, da ich mich persönlich für Ihren Fall interessiere.« Sheehan wischte tote Fingernägel vom Schreibtisch. Dann warf er mir einen dieser angewiderten Blicke zu, wie ich sie als kleiner Junge in Holy Cross von den Priestern und Brüdern bekommen habe, weil sie mich verdächtigten, bei der Morgenmesse ein Kondom in den Kollektebeutel geschmuggelt zu haben.
»Ich habe mir schon immer jemanden gewünscht, der auf mich aufpasst«, sagte ich frech.
»Versauen Sie den Deal nicht, Hockaday, Sie haben bestimmt gehört, was sonst folgt.«
»Ja, ich hab’s gehört.«
Ich bekam mich natürlich nicht sofort wieder in den Griff. Soll heißen, dass ich während meiner Strafarbeit mit Verbrechensstatistiken im Büro eine ganze Menge Kicherkaffee trank. Falls ich überhaupt aufkreuzte. Also folgte, so sicher wie die Sonne und der Mond, das nächste: die Nacht der Menschenfänger.
Es passierte nicht in Angelo’s Ebb Tide, wo ich manchmal mit Ruby hingehe und im Allgemeinen wie ein Gentleman bechere. Nein, die Nacht der Menschenfänger fand in der Flanders Bar statt, die liegt im mieseren Teil meines Viertels. Mein böser Zwilling trinkt gelegentlichdort.
Das Flanders ist ein Lokal, das die Gesetze des Staates New York bezüglich der Ausschankzeiten von Alkohol voll ausnutzt. Es ist bis vier in der Frühe geöffnet, geht für einhundertzwanzig Minuten schlafen und öffnet um sechs Uhr am selben Morgen mit etwa fünfundzwanzig bereits eingeschenkten Gläschen auf der Theke für diejenigen mit dem großen Tatterich.
Als mich die Menschenfänger erwischten, warf ich gerade nuschelnd meine Perlen vor die Säue. Womit ich einen Raum voller Jungs meine, die aberwitzige Mengen Whiskey trinken und Lügen darüber erzählen, wie schlecht sie ihre unter zu wenig Liebe leidenden, nachgiebigen weiblichen Schönheiten behandeln. Danach folgt normalerweise das große Kotzen. Außerdem verbringen sie einen Großteil ihrer Zeit damit, über Schwule zu meckern, was an diesem speziellen Abend das Thema war. Um nicht ausgeschlossen zu sein, ergötzte ich das Haus mit Geschichten über Joe Kowalski, Geißel aller Schwulen und Vertreter jener Art von Bullengerechtigkeit, die mich schnurstracks in die warmen, roten Arme von Mr. Johnnie Walker treibt.
»Jeder weiß, was er tun muss, wenn er der Gerechtigkeit auf die Sprünge helfen möchte«, sagte ich. »Nehmen wir zum Beispiel den Fall einer reichen Schwuchtel mit einer geheimen, niederträchtigen Neigung, die sich in einen Messdiener verliebt und tut, was sie eben tun muss. Will man riskieren, das Schwein zu verlieren, ihn auf Kaution laufen und seinen feinen Anwalt die Sache übernehmen lassen? Nein. Also bringt man das Schwein zu Kowalski …«
Ich fuhrfort.
Joseph Kowalski ist der diensthabende Sergeant der Nachtschicht unten bei der Manhattan Sex Crimes Squad. Er ist eine beeindruckende Erscheinung. King Kong Kowalski wird er genannt.
Er hat einen kantigen Schrankkoffer-Körper, Haut wie helle Margarine, ein Gesicht wie eine rasierte Dogge und Riesenpranken mit dicken Fingern. Diese Finger sind wie Fünfundzwanzig-Cent-Rollen, sie krümmen sich nicht. Er ist fast einsfünfundachtzig und bringt locker hundertfünfzig Kilo auf die Waage. Da er damit deutlich oberhalb des im Department zulässigen Höchstgewichts liegt, versteckt sich Sergeant Kowalski in den Duschen des Umkleideraums, wenn die Dienstaufsicht zu einer Überraschungsinspektion in seiner Abteilung auftaucht. Er übernimmt ausschließlich die Freakschicht, deshalb ist das Leben für ihn ganz erträglich. Die Jungs von der Dienstaufsicht sind in der Regel lange genug dabei, um zu einer vernünftigen Uhrzeit Feierabend machen zu können.
Der Sergeant ist ein angesehenes Mitglied der Kirchengemeinde Our Lady of the Blessed Agony in Queens. Im Dienst befolgt er gewisse selbstgestrickte Gebote.
So behält Kowalski sich zum Beispiel das traditionelle Privileg des diensthabenden Sergeants vor, manche der Missetäter als besonders verabscheuenswürdig zu beurteilen, weil sie sich wider die Natur versündigen. Dann tritt er hinter seinem Schreibtisch vor, lässt liegen, was immer er gerade isst (ein Blimpie-Sandwich, eine Packung Russell-Stover-Pralinen, eine Chicago-Style-Pizza, vielleicht eine Portion Nasi-goreng), und kümmert sich persönlich um die Formalitäten und die Fingerabdrücke.
Für diese Privatbehandlung hat Kowalski einen kleinen, spärlich möblierten Raum unter der Haupttreppe des Reviers. Genaugenommen handelt es sich dabei um einen großen Vorratsschrank, den er vor langer Zeit vom Hausmeister requiriert hat. In diesem Raum gibt es eine starke Deckenbeleuchtung, keine Fenster, einen Stuhl und einen kleinen Schreibtisch mit zwei Schubladen. Auf dem Schreibtisch befinden sich ein mit Tinte getränktes Stempelkissen sowie die üblichen Fingerabdruckformulare desFBI.
Sergeant Kowalski stellt sich dem Sünder vor, indem er zwei seiner dicken Finger unter den Gürtel des Unglücklichen rammt und ihn wie ein Jo-Jo auf und ab hüpfen lässt. Dann überredet Kowalski ihn mit einem kernigen »Okay, du Scheißhaufen, jetzt ist Showtime!«, ihn in diesen Raum zu begleiten. Die Cops lachen sich kringelig, und King Kong Kowalski tut, was er eben tunmuss.
In dem Sonderraum knipst Kowalski das Licht an, schließt die Tür ab und befiehlt dem inzwischen stark schwitzenden Übeltäter, sich neben den Schreibtisch zu stellen. Sergeant Kowalski setzt sich auf den Stuhl hinter dem Schreibtisch und wühlt gemächlich in den Schubladen. Er findet die benötigten Formulare und sagt: »Wir müssen jetzt deine Abdrücke nehmen. Alle. Ist dasokay?«
Was soll der arme Bastard schon groß sagen? Er ist natürlich einverstanden. Kowalski nimmt seine linke Hand, drückt jede Fingerspitze auf das Stempelkissen und rollt sie dann sachte, immer einen nach dem anderen, auf den verschiedenen Feldern des Formulars ab. Was ja gar nicht so schlimm ist, also entspannt sich der Typ ein wenig. Dann kommt die rechte Hand an die Reihe. Während er sorgfältig die Finger schwärzt, erkundigt sich Kowalski freundlich: »Ich tue dir doch nicht weh, oder?«
Schließlich reicht Kowalski ihm ein Papiertuch, damit er sich die Hände abwischen kann. Dann sagt er: »Hose runter.«
Der arme Bastard ist verwirrt. Außerdem fängt er wieder an zu schwitzen.
»Lass die beschissene Hose runter«, wiederholt Kowalski, nun nicht mehr freundlich. Die Doggenaugen haben sich inzwischen zu Schlitzen verengt, die Hängebacken beben. Es sieht aus, als hätte King Kong seit drei Tagen nichts mehr zu essen gehabt. Er knurrt: »Die Unterhoseauch.«
»Wozu?« fragt der Bursche. Er ist natürlich misstrauisch.
»Für den Schwanzabdruck.«
»Den Schwanzwas —?«
»Du hast mich verstanden. Wir müssen die Salami von euch beschissenen Kissenbeißern identifizieren können. Das sind die neuen Vorschriften vom Gesundheitsamt. Was will man machen?« Kowalski nimmt Latexhandschuhe aus einer Schreibtischschublade, zieht sie lang und streift sie über. »Komm jetzt, Scheißhaufen. Mir gefällt das genauso wenig wie dir. Nun mach schon. Die Hose runter und dann schwing deinen Lollidolli hier auf den Schreibtisch.«
Offensichtlich gefällt dies dem Täter ganz und gar nicht. An diesem Punkt will er dann üblicherweise seinen Anwalt sprechen. Aber ihm wird in aller Deutlichkeit klargemacht, dass es mitten in der Nacht ist und er sich ganz allein in einem abgeschlossenen Raum mit einem bewaffneten, einhundertfünfzig Kilo schweren, frommen katholischen Cop aus Queens befindet – einem Mann, der gerade seinen netten Snack unterbrechen musste wegen eines ekelhaften Verbrechens, das obendrein eine Sünde wider die Natur ist. Der Täter hört auf die Stimme der Vernunft.
»Ja, so ist’s brav«, sagt Sergeant Kowalski ermutigend, als der Täter sich fügt und seinen Bauch dem Schreibtisch nähert. »Leg ihn schön da auf das Stempelkissen, in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit.«
Zu diesem Zeitpunkt fühlt sich der Bursche alles andere als herrlich. Er schmilzt dahin wie ein Kuchen im Regen. Normalerweise fängt er etwa jetzt an zu flennen. Er bekommt eine Rotznase und heult wie ein Kind, das sich zum allerersten Mal das Knie aufgeschlagen hat. Und so rät Sergeant Kowalski mit väterlichstem Ton: »Nimm’s leicht, mein Sohn. Nur zu, schließ die Augen, wenn du möchtest.«
Während der Bursche dann die Augen geschlossen hat, wühlt Kowalski in der anderen Schreibtischschublade herum. Er lässt sich Zeit dabei, und er sagt: »So, lass mal sehen, wo hab ich die Schwanzabdruckformulare hingetan …?«
Kowalski findet bald, wonach er sucht. Was, wie sich herausstellt, nicht das übliche Schwanzabdruckformular des FBI ist, weil es so etwas natürlich nicht gibt. Vielmehr ist es ein dreißig Zentimeter langer Totschläger aus geflochtenem Leder, der keine sichtbaren Verletzungen hinterlässt.
Mit glühenden und in heiligem Zorn geröteten Augen hebt King Kong Kowalski nun mit seinem kräftigen rechten Arm bedächtig den Totschläger. Die tränenüberströmten Augen des Täters öffnen sich genau in dem Moment, als King Kong brüllt: »Hüt dich, mein schrecklich rasches Schwert!«
Und schon saust der Totschläger herab und knallt den Lollidolli in das Stempelkissen.
Der Straftäter schreit.
Alle Cops brüllen vor Lachen.
Und als ich diese Geschichte zu Ende erzählt hatte, weinte ich selbst.
Vielleicht hätte ich stöhnen und mir zwischen die Beine greifen sollen, wie all die anderen Betrunkenen an diesem Abend, vielleicht hätte ich über die Geschichte von King Kong Kowalski lachen sollen wie ein Bekloppter, vielleicht wäre dann alles in Ordnung gewesen. Aber nein. Ich, Detective Neil Hockaday, flennte wie der weichherzige Wächter am Tor zur Smaragdstadt, als Dorothy ihm von dem Wirbelsturm und ihrer armen alten Tante Em erzählt und dass sie unbedingt den großen und mächtigen Oz sehen müsse, um wieder nach Hause zu finden.
Mein Gesicht sackte auf die bierfeuchte Theke. Ich vergrub den Kopf in den Händen, und ich weinte um alle armen, unglücklichen und perversen Straftäter, die jemals von Joe Kowalski Scheißhaufen genannt worden sind. Dieser fette Arsch. Dann weinte ich über all die anderen fürchterlichen und perversen Dinge, die ich in all den Jahren als Cop gesehen hatte. Dann weinte ich um das verfluchte Irland und um meinen toten irischen Dad. Und dann weinte ich diesen traurigen Katechismus noch mal von vorn, fing wieder an mit Kowalskis Opfern.
Ich weinte und weinte.
Dieser fette Arsch!
Ich hätte damals schwören können, dass ich alles nur in meinem Kopf schrie. Später jedoch erzählte man mir, dass ich es laut herausbrüllte und den Jungs eine solche Scheißangst einjagte, dass sie gleich doppelt soviel kotzten wie sonst.
Dieser fette Arsch!
Auf diesem Trip war ich also, als Davy Mogaill, der trockene Säufer, mit drei Uniformierten in die Flanders Bar kam. Der verfluchte Neuman war einer von ihnen.
Die Leute rückten ohnehin bereits von mir ab, die Junkies und die Nutten und die Großmäuler. Besonders die Großmäuler. Ich stand allein an der Theke, hatte einen Fuß hinter die Fußstange gehakt. Mogaill und die Uniformierten kreisten mich ein und packten mich, ein Mann pro Gliedmaß.
»Was zum Teufel wird das?«, brüllte ich natürlich.
»Hast du noch nie von uns Menschenfängern gehört?«, fragte Mogaill und kämpfte mit meinem wild um sich schlagenden linken Arm und der ohnmächtigen Faust daran.
Sie legten mir Handschellen an, an Händen und Knöcheln. Dann schleppten sie mich auf die Straße und stießen mich auf den Rücksitz eines nicht gekennzeichneten Streifenwagens. In meinem Kopf schrie es: Daddo…Daddo! Sie hatten wenig Mühe mit mir, denn ich war zusammengesackt vor Scham.
Wir fuhren im regnerischen Dunkel durch die Stadt, und ihre wasserdurchtränkten Farben glitten vor den Fenstern des Wagens vorbei. Ich schrie so, dass niemand außer mir es hören konnte: Ruby…Ruby! Dann ging es weiter über den breiten schwarzen Hudson River nach Jersey und ins Straight and Narrow.
Wenn ich jetzt mit der Milde von sechs nüchternen Wochen in meiner Seele zurückblicke, dann würde ich sagen, es war für niemanden eine guteZeit.
»Es ist sechs Uhr. Weißt du, wo dein Säuferist?«
»Hallo, Hock. Ich liebedich.«
»Tust du das? Wieso hast du dann Davy erzählt, wo er mich finden konnte?«
»Hör auf damit. Ich hab’s dir schon mal gesagt.«
»Du hast gesagt, es sei zu meinem Besten.«
»Das sollte genügen.«
»Tut es aber nicht.«
»Vermisst du deineRuby?«
»Du willst das Thema wechseln? Okay, schön, ich vermisse dich. Außerdem verzeihe ichdir.«
»Mein Gott, Hock – du fehlst mirso!«
»Du klingst wie ein Mädchen, mit dem ich mal auf einen Schulball gegangenbin.«
»Wenn du nach Hause kommst, gehen wir vielleicht mal tanzen.«
»Ich wär dir nicht gewachsen.«
»Wir gehen’s ganz langsaman.«
»Solange wir’s überhaupt angehen.«
»Morgen, Detective.«
»Genau. Morgen, wenn ich endlich über die Mauer gehe. Wirst du da sein und mich auffangen?«
»Du weißt, dass ich das gern würde, Hock.«
»Was soll das heißen?«
»Reg dich nicht gleich wieder so auf. Ich habe einen Job, morgen früh fange ich an, um Punktneun.«
»Diese Sache, von der du mir erzählt hast? Bei deinem alten Boss, diesem Penthouse-Burschen, der scharf auf dichist?«
»Mach dir wegen Jay keine Gedanken. Er hat mich übrigens heute zum Mittagessen eingeladen.«
»Ach ja, wohindenn?«
»Ins Four Seasons.«
»Wozu brauchst du überhaupt einenJob?«
»Geld. Außerdem könnte es ganz interessantsein.«
»Inwiefern?«
»Das weiß ich, ehrlich gesagt, selbst noch nicht. Warum erzählst du mir nicht, wie dein Tagwar?«
»Davy hat mir eine Karte geschickt.«
»Nicht schon wieder eine von diesen Zwölf-Schritte-Karten?«
»Was sonst?«
»Und was ist es diesmal?«
»Vorn ein Sonnenuntergang, okay? Ich klapp sie auf, und da steht dann: In dieser dysfunktionalen Welt ist es schön zu wissen, dass ich jemanden habe, mit dem ich mich funktional fühle.«
»Ich kann das nicht ausstehen.«
»Du kannst nicht behaupten, der Mann hätte keine Religion.«
»Das kann ich nicht leugnen.«
»Bitte, sag nicht leugnen.«
