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New York, der Ort, wo die Häuser den Himmel küssen. Wo die bunten Lichter mit den Sternen um die Wette leuchten. Hier möchte Jenny nach dem Abitur ihr eigenes Leben beginnen. Hier lernt sie den geheimnisvollen Leroy kennen, der ihr zeigt, wo das Herz der Metropole schlägt. Im Rhythmus der Klubs und der Poetry-Slammer, die wie Leroy ihre Geschichten von der Straße erzählen. Jenny verliebt sich leidenschaftlich in diese Stadt und in den gut aussehenden Leroy. Doch die aufregende Fassade New Yorks kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass alles seinen Preis hat. Denn daheim wartet Jennys Freund Max auf sie. Und auch Leroy hat eine dunkle Seite ... Eine prickelnde, gefährliche Liebesgeschichte für junge Erwachsene
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Veröffentlichungsjahr: 2011
© Thienemann Verlag GmbH
Verena Carl, geboren 1969 in Freiburg, lebt mit ihrer Familie in Hamburg. Wenn sie nicht gerade mit ihren Kindern spielt, arbeitet sie als freie Journalistin (u.a. Freundin, Petra, Welt am Sonntag) oder schreibt Romane für Kinder und Erwachsene. Sie verbrachte einige Zeit in New York und war lange in der Poetry-Slam-Szene aktiv – mit Auftritten in deutschen und Schweizer Städten sowie in den USA. Für ihre Arbeit hat sie bereits mehrere Preise und Stipendien, u.a. zweimal den Hamburger Literaturförderpreis, bekommen.
New York, der Ort, wo die Häuser den Himmel küssen. An dem die bunten Lichter mit den Sternen um die Wette leuchten. Hier möchte Jenny nach dem Abitur ihr eigenes Leben beginnen und lernt den gut aussehenden Leroy kennen, der ihr zeigt, wo das Herz der Metropole schlägt – im Rhythmus der Klubs und der Slam-Poeten, die wie Leroy ihre Geschichten von der Straße erzählen. Jenny verliebt sich leidenschaftlich in diese Stadt und in Leroy.
Doch die aufregende Fassade New Yorks kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass alles seine Schattenseite hat. Denn daheim wartet Jennys Freund Max auf sie. Und auch Leroy hat seine Geheimnisse …
Für meine alten Poetry-Slam-Weggefährten:
Rayl und Ko, Tina und Hartmut, Bastian
und besonders Marc »Slampapi« Smith
Kapitel 1.
Kapitel 2.
Kapitel 3.
Kapitel 4.
Kapitel 5.
Kapitel 6.
Kapitel 7.
Kapitel 8.
Kapitel 9.
Kapitel 10.
Kapitel 11.
Kapitel 12.
Kapitel 13.
Kapitel 14.
Kapitel 15.
Kapitel 16.
Kapitel 17.
Kapitel 18.
Kapitel 19.
Kapitel 20.
Kapitel 21.
Kapitel 22.
Kapitel 23.
Flughöhe: 9915 Meter
Geschwindigkeit: 915 km/h
Außentemperatur: –48°C
Uhrzeit am Zielort: 6:30
Uhrzeit am Abflugort: 12:30
Verbleibende Flugzeit: 7 Stunden, 37 Minuten
Noch sieben Stunden und siebenunddreißig Minuten, dann beginnt mein Leben.
Deutschland ist so groß wie mein Daumen. Nicht viel mehr als ein Fingerabdruck auf dem Bildschirm, den ich aus meiner Armlehne geklappt habe. Ein winziges Flugzeug rückt millimeterweise vor, tastet sich Stückchen für Stückchen entlang auf einem roten Halbkreis von Frankfurt über Grönland und Kanada an die Ostküste der USA.
Schade, dass ich keinen Fensterplatz mehr bekommen habe und weder Gletscher noch Packeis sehen werde. Stattdessen sitze ich auf dem mittleren Platz der mittleren Reihe. Ein Katzentisch über den Wolken, weil sich keine der beiden Flugbegleiterinnen mit den Getränkewagen für mich zuständig fühlt und ich um jede Cola kämpfen muss. 27 E – immerhin steckt eine Sieben in der 27. Das bringt Glück.
Hoffe ich zumindest. Ich kann es gebrauchen.
Links von mir schnarcht ein Männchen unter einer Schlafbrille. Rechts von mir sitzt eine Frau, die so fett ist, dass sie ihr linkes Bein unter den Sessel vor mir schieben muss, weil sie sonst nicht genügend Platz hätte. Ihre Wade reibt sich an meiner, als wären wir ein Liebespaar. Sie trägt ein zeltartiges Kleid mit schwarzen Punkten, in dem sie wie ein überdimensionaler Marienkäfer aussieht. Mit einer Zeitung fächelt sie sich Luft zu und den Geruch nach Schweiß und einem süßlichen Parfüm in meine Richtung. Ein schlechter Tausch. Aber das wird wohl die nächsten siebeneinhalb Stunden und sieben Minuten so weitergehen.
Die Landkarte auf dem Bildschirm verschwindet, macht einem tiefblauen Hintergrund und weißer Schrift Platz. Auf Kanal drei erscheint die Fluginformation auf Englisch. Time at destination: 6:34 a.m. Manhattan am Morgen, das kann ich mir vorstellen. Ich bin zwar noch nie dort gewesen, aber wer hat sie nicht im Kopf, diese New-York-Bilder? Szenen aus Filmen und Fernsehserien, aus meinen alten Englischbüchern, von den Schwarz-Weiß-Postern, die in Studentenkneipen auf dem Gang zum Klo hängen. Zum Beispiel das: Ein Saxofonspieler steht in der Morgendämmerung auf einer verlassenen Straßenkreuzung, Hochhausfassaden spiegeln sich in den schwarzen Gläsern seiner Sonnenbrille, er selbst spiegelt sich in einer Pfütze. Oder dies hier: vier Freundinnen auf dem Weg zum Brunch, beieinander eingehakt, flankiert von riesigen, bonbonbunten Tragetaschen voller neuer Schuhe, in denen kein Mensch laufen kann. Noch so ein Klassiker: Audrey Hepburn mit Perlenkette und Hochsteckfrisur trägt einen Pappbecher über die 5th Avenue spazieren. Ich setze meine Kopfhörer auf, suche nach dem Kanal Pop Classics und finde ein Lied, das ich kenne. Die Musik passt zu dem Film in meinem Kopf. What about breakfast at Tiffany’s?
Ich mache die Augen zu, stelle die Lehne zurück, drehe die Lautstärke auf und fühle mich frei. Zum ersten Mal in meinem Leben kann ich tun, was ich will. Niemand wird mich fragen, wann ich nach Hause komme und mit wem, ob ich schon gegessen habe und ob ich, verdammt noch mal, endlich mal meine Kopfhörer absetzen kann, weil man, verdammt noch mal, gerade mit mir redet. Aber wenn ich sie dann wirklich absetze und die Musik über die Lautsprecher laufen lasse, ist es auch wieder nicht recht. Weil garantiert zu laut.
Die Marienkäferfrau tippt mich an. »Könnten Sie mal die Musik leiser stellen? Dieses Gewummer geht ja durch und durch!«
Ach ja, ich vergaß: Manche Leute meckern sogar über beides gleichzeitig. Kopfhörer und Lautstärke.
Ich kann mich immer noch nicht daran gewöhnen, dass mich Leute siezen. Solange ich denken kann, waren DieErwachsenen immer die anderen: Lehrer, Eltern, Freunde von Eltern. Auf einmal gehöre ich selbst zum anderen Lager. Seit 14 Monaten darf ich Auto fahren, eine Firma gründen oder den Bundeskanzler wählen. Meine Freundinnen bezeichnen sich nicht mehr als Mädchen, sondern als Frauen. Es gibt auch keine Jungs mehr, sondern die Männer. Keiner dieser Begriffe passt mir. Worte wie T-Shirts, in einer Größe zu eng, in der nächsten zu weit.
An meinen Nachnamen kann ich mich auch nicht gewöhnen. Wenn jemand Frau Ritter ruft, drehe ich mich um und schaue, ob irgendwo meine Mutter steht. Auch so ein Wort, in das ich erst hineinwachsen muss.
Ich setze die Kopfhörer ruckartig ab, denn ich möchte ungern in mehreren Tausend Metern Höhe mit einer 150-Kilo-Frau streiten. Schließlich muss ich es noch ein paar Stunden neben ihr aushalten. Im gleichen Moment merke ich, dass ich einen Fehler gemacht habe. Einen gewaltigen. Anscheinend hat meine Reaktion sie milde gestimmt. Jetzt lächelt sie sogar! Wahrscheinlich tut es ihr leid, dass sie mich so angefahren hat. Und jetzt will sie sich auch noch unterhalten.
»Na, auf dem Weg in den Urlaub?«, fragt sie und streckt mir die Hand entgegen. Ihre Fingerknöchel sind kleine Grübchen im Fleisch.
Ich atme tief ein und wieder aus. Also gut. Schließlich habe ich darauf gewartet, dass jemand diese Worte zu mir sagt. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir den Fragesteller zwar etwas glamouröser vorgestellt als meine gepunktete Reisebekanntschaft, aber man kann sich sein Publikum nicht aussuchen.
Jedenfalls weiß ich schon ganz genau, was ich antworten werde. Und jetzt probiere ich meinen Satz zum ersten Mal aus.
»Nein«, sage ich, »ich werde eine Zeit lang in New York leben.«
Der Satz hört sich gut an. Sogar noch besser als zu Hause vor dem Spiegel. Zugegeben, eine Zeit lang klingt nach mehr als den vier Wochen, um die es in Wirklichkeit geht. Aber gelogen ist es nicht.
Sie sieht mich mit einer Mischung aus Argwohn und Neugier an.
»Sie haben Verwandte in Amerika?«, hakt sie nach.
»Nicht direkt.«
»Und was haben Sie dann dort vor?«
Ich stelle die Lehne noch ein Stück zurück, um besser an ihr vorbeisehen zu können.
»Leben«, wiederhole ich und fahre mir mit der Hand durchs Haar.
»Und Ihre Eltern zahlen das?«
Ich kann mir schon denken, was als Nächstes kommt. Also, wenn Sie meine Tochter wären … Aber sie bleibt still. Hat ihr wohl die Sprache verschlagen.
Ich schließe die Augen und täusche ein Nickerchen vor. Dabei denke ich an meinen Vater. Ohne ihn säße ich nicht hier.
Zum ersten Mal haben wir im April über New York gesprochen, ein paar Wochen vor den letzten Abiklausuren. Wir saßen in einem Lokal im Schwarzwald, in das er mit mir gefahren war, weil ich es angeblich als kleines Mädchen so mochte, und an das ich mich nicht erinnern konnte. Es hieß so ähnlich wie alle anderen – Zum Goldenen Adler, Bärenhöhle, Gasthof Kreuz – und sah auch so aus: geblümte Vorhänge, Holztische, ein blauer Kachelofen in der Ecke. Spargelgerichte in 17 Variationen auf einem Extrablatt, das vorne im Kunstledereinband einer Speisekarte steckte.
Vielleicht unterhielten wir uns an diesem Abend offener, weil meine Mutter nicht dabei war. Obwohl unser Gespräch so anfing wie alle anderen, die wir in den Monaten davor zu dritt geführt hatten. Während ich ein Stück Schinken zerpflückte und die Fetzen um den Tellerrand verteilte, käute ich wieder, was mir durch den Kopf ging. Besser gesagt: das, von dem meine Eltern erwarteten, dass es mir durch den Kopf gehen müsste.
Es war die Zeit, in der mich alle fragten: »Und, was willst du werden?« Als sei ich so eine Art Insektenlarve, die sich noch entpuppen muss. Also erzählte ich wieder von den Bewerbungsbögen der Münchner Schauspielschule, vom Tag der offenen Tür an der Uni und einer Jura-Vorlesung, bei der es um den Unterschied zwischen Geld- und Freiheitsstrafen gegangen war. Von Bachelor- und Master-Abschlüssen, als stände ich an der Tafel und würde abgefragt. Danach erwähnte ich einen Studienzweig namens Online-Marketing. Ich konnte mir nichts Genaues darunter vorstellen, hoffte aber, meinen Vater zu beeindrucken. Ich fand das ganze Projekt »Erwachsenenleben« reichlich verwirrend. Ungefähr, als müsste man sich beim Chinesen etwas aus einer zentimeterdicken Speisekarte aussuchen, die zu allem Überfluss auch noch auf Chinesisch gedruckt war.
»Du weißt immer noch nicht, was du willst?«, unterbrach mein Vater mich, aber seine Stimme klang nicht ungeduldig.
»Am liebsten ganz weit weg«, hörte ich mich sagen und war erstaunt, als mir die Tränen kamen. Er nahm meine Hand und zog sie über dem weißen Spitzendeckchen auf der Tischplatte zu sich.
»Jenny«, sagte er, »ich hatte neulich eine Idee. Was hältst du davon, nach dem Abi für ein paar Wochen nach New York zu fliegen?«
»Hast du denn so lange Zeit?«
Er schüttelte den Kopf und sah mich an. »Nein. Ich bleibe zu Hause.«
»Ich soll ganz allein Urlaub in New York machen?«
»Ich glaube, du brauchst ein bisschen Abstand. Abstand von Freiburg, von deiner Mutter und mir. Und vielleicht auch von Max. Manchmal sieht man sein eigenes Leben klarer, wenn man einen Schritt zurücktritt. Wie ein Bild, das man erst aus der Distanz erkennen kann.«
Ich verstand nicht, wovon er redete.
»Was hat Max damit zu tun?«
»Manchmal habe ich den Eindruck, dass du nicht mehr so glücklich mit ihm bist.«
Er sah mich nicht an. Ich ihn auch nicht.
»Wo soll ich denn in New York unterkommen?«, fragte ich nach einem Moment unangenehmen Schweigens.
»Ich kenne jemanden dort. Eine alte Freundin von mir.«
So hörte ich zum ersten Mal von Anne.
»Es muss 1978 gewesen sein, oder so«, erzählte er. »Jedenfalls zu einer Zeit, in der Männer längere Haare hatten als Frauen und alle diese komischen, unförmigen Fellwesten trugen. Anne stand vor mir in der Schlange am Check-in-Schalter im New Yorker Busbahnhof. Ich hatte gerade mein Diplom gemacht, hatte noch keinen Job und ließ mich sechs Wochen ziellos durch Amerika treiben.«
Er fuhr mit seinen Fingernägeln über den grün geriffelten Stiel seines Weinglases. »Anne und ich, wir waren beide auf dem Weg nach San Francisco. Sie fiel mir sofort auf mit ihren blonden Haaren und dem knallroten Batikrock. Ich konnte es kaum fassen, dass sie sich im Bus zu mir setzte.«
»Hattest du was mit ihr?«, fragte ich. Im gleichen Augenblick schämte ich mich ein bisschen für meine direkte Frage.
Mein Vater grinste und strich mit den Fingern durch seine grau-braunen Strähnen. »Nein, hatte ich nicht. Leider nicht. Obwohl ein Greyhound-Bus ein paar Tage braucht, einmal quer durchs Land, und ich mir ein paar Hoffnungen machte. Aber sie hatte gerade nichts am Hut mit Männern. Sagte sie jedenfalls. Ich weiß nicht mehr alle Einzelheiten, auf jeden Fall war es eine traurige Liebesgeschichte. Ein untreuer Mann und ein übler Streit zum Schluss, bei dem es zu einem Unfall kam. Aber frag mich nicht, was genau passiert ist. Anne wollte eine Freundin in Kalifornien besuchen, um auf andere Gedanken zu kommen. Ich hab mich gewundert, dass sie unbedingt meine Adresse haben wollte, als wir in San Francisco ankamen. Sie sagte, es habe ihr noch nie jemand so zugehört wie ich und wir sollten uns unbedingt schreiben. Dabei konnte ich gar nicht so viel zu ihrer Geschichte sagen, weil ich nie besonders gut in Englisch war. Im Gegensatz zu dir.«
»Vielleicht hat sie das ja deshalb gesagt. Mit dem Zuhören, meine ich. Weil du einfach nicht wusstest, was du antworten solltest. Und sie dachte, du bist besonders tiefsinnig.«
Er drückte über den Tisch hinweg meinen Oberarm. »Ich hätte nicht erwartet, dass ich wirklich wieder von ihr höre. Amerikaner, die vergessen doch Freundschaften genauso schnell, wie sie sie schließen. Aber drei Monate später landete ein dicker Brief mit einem New Yorker Absender in meiner Studentenbude. Sie war zu einem Typen nach Queens gezogen. Ich weiß noch genau, dass ich mich gleichzeitig gefreut habe und ein bisschen beleidigt war. Weil sie noch an mich gedacht hat, aber scheinbar schon wieder in festen Händen war. Dabei hatte ich ja gar keinen Grund, eifersüchtig zu sein.«
Er stützte seinen Kopf in die rechte Hand und lächelte versunken. »Meine alte Brieffreundin Anne. Wir haben uns nie wiedergesehen. Aber aus den Augen verloren haben wir uns auch nie. Das letzte Mal hat sie mir zu Weihnachten geschrieben, zum ersten Mal seit etwa fünf Jahren.«
Ich schüttelte den Kopf. Briefe. In Briefumschlägen. Aus den USA. Wie groß die Welt damals gewesen war und wie groß sie für manche Leute immer noch zu sein schien.
Statt sich im Internet zu verlinken, über ein Netzwerk Fotos auszutauschen, alltägliche Neuigkeiten zu posten oder sich zu mailen, hatte mein Vater damals auf einen handgeschriebenen Brief gewartet. Und dreißig Jahre später hatte die Frau wohl noch immer nicht mitbekommen, dass man in Kontakt bleiben konnte, ohne dass Bäume dafür sterben mussten.
»Und?«, fragte ich. »Was schreibt sie?«
»Der Kerl aus Queens, den sie irgendwann geheiratet hat, lebt schon länger nicht mehr. Aber ihr Brief klang nicht traurig. Sie führt das gemeinsame Lokal weiter, und das scheint gut zu laufen.«
»Eine Bar?«
»Eher ein Restaurant. Ein Diner. Ich könnte sie fragen, ob du bei ihr wohnen kannst. Vielleicht für vier oder sechs Wochen.«
Bei dem Wort Diner dachte ich an einen chromblitzenden Tresen, an Kellnerinnen in rosafarbenen Kitteln und Jungs in schwarzen Lederjacken, die aussahen wie James Dean. Ich konnte meine Begeisterung schwer verbergen.
Gleichzeitig konnte ich mir sofort Max’ Gesicht vorstellen, wenn ich es ihm sagen würde. Wie er sich schief auf die Unterlippe beißen würde, wie immer, wenn er nach Worten suchte und nicht wusste, was er von etwas halten sollte.
In einem Punkt war ich ganz sicher. Er würde nicht versuchen, mich zurückzuhalten. Max ließ mir viele Freiheiten.
Manchmal gefiel mir das sehr. Manchmal überhaupt nicht.
»Und du glaubst, wenn ich eine Zeit in New York verbringe, wird mir klarer, was ich danach machen will?«
»Nicht automatisch«, sagte mein Vater noch. »Es liegt an dir. Ich bin dir nicht böse, wenn du zurückkommst und dich immer noch nicht entscheiden kannst. Sieh’s mal so: Das ist mein Abiturgeschenk. Wenn es dich weiterbringt, umso besser.«
Als wir das Lokal verließen, drückte er mir den Autoschlüssel in die Hand.
»Aber ich bin noch nicht so oft nachts gefahren«, sagte ich.
»Macht nichts«, sagte er. »Erstens musst du es irgendwann lernen. Und zweitens bin ich bei dir.«
Excuse me, Miss, would you like chicken or pasta?«
Sieht so aus, als müsste ich mich schon wieder entscheiden. Dieses Mal hat mich die linke der beiden Flugbegleiterinnen bemerkt. Auf dem Bildschirm vor mir läuft ein tonloser Film. Ein blonder Junge mit Schmollmund läuft durch eine Straße. Auf dem nassen Asphalt spiegelt sich ein Neonschriftzug. Über ihm hängen Plakate. Kinowerbung. Filme im Film. Ich glaube, auch dieser Streifen spielt in New York.
»Miss, please! Chicken or pasta?«
»Pasta, please.«
Zuerst versuche ich, die Coladose so aufzureißen, dass nicht die Hälfte davon in meinen Schoß spritzt. Leider vergeblich. Die Papierserviette saugt sich mit brauner Flüssigkeit voll. Danach befreie ich die kühlschrankkalte Gabel aus ihrer Plastikhülle (gar nicht einfach, schließlich fuchtelt mir Frau Marienkäfer mit einem wuchtigen Unterarm vor der Brust herum), ziehe den Aluminiumdeckel von der Schale, in der ein paar traurige Cannelloni liegen, und steche zu. Leider bleibt die Tomatensoße auch nicht da, wo sie hingehört. Sie landet auf dem Reißverschluss meines gestreiften Sweatshirts. Ich angle nach einem Taschentuch, während meine Sitznachbarn unter vollem Ellenbogeneinsatz das Essen bezwingen. In meiner Hosentasche steckt aber nur ein Heftchen aus festem Papier. Es ist ein Kinoprogramm.
Ich erinnere mich noch gut an den Moment, in dem ich den Prospekt eingesteckt habe. Eine automatische Bewegung, wie man eben diesen Kram mitnimmt, der in Kinofoyers liegt: Programme, Partyflyer, Kleinanzeigenblättchen. Und ich weiß noch, dass ich erst beim Zusammenfalten daran dachte, dass ich ihn nicht brauchen würde. Dass dieses Kinoprogramm im Programmkino ohne mich laufen würde.
Es war am gleichen Abend, als ich Max zum ersten Mal von meinem Plan erzählte. Von New York.
Er reagierte genau so, wie ich es mir gedacht hatte. Biss sich auf die Lippe, fixierte einen dunklen Fleck auf einem der Sperrmüllsofas, mit denen die Kneipe in der Nähe des Kinos möbliert war, kratzte am Etikett seiner Bio-Limonade-Flasche, nickte.
»Wenn du meinscht«, sagte er schließlich und lächelte zaghaft. Seltsamerweise war das einer der Momente, in dem ich seine Zustimmung überhaupt nicht mochte. In dem ich mir gewünscht hätte, dass er mich geschüttelt hätte. Du willst ohne mich gehen? Vier Wochen? Kommt überhaupt nicht infrage!
Dabei wollte ich nach New York. Sogar unbedingt. Aber ich wollte auch ein bisschen Widerstand. Ein bisschen mehr von dieser Haltung, für die mir kein besseres Wort einfiel als »Männlichkeit«.
Auch wenn meine Freundinnen neuerdings immer von Männern sprachen, Max war für mich noch immer ein Junge. Genau wie vor zwei Jahren, als wir uns kennengelernt hatten.
Vielleicht war das genau das Problem.
Später, nach einer wortkargen Stunde mit Bio-Limonade und Weinschorle, liefen wir über den Münsterplatz in Richtung Kaiser-Joseph-Straße. Plötzlich fühlte ich mich wie eine Durchreisende in meiner eigenen Stadt. Das Kopfsteinpflaster, die verrammelten Marktstände mit ihren gestreiften Markisen, die Arkaden der Häuser, die Wasserspeier an der gotischen Fassade, das alles wirkte wie eine Kulisse. Es hätte mich nicht gewundert, wenn alle in ihrer Bewegung erstarrt wären: die unhöfliche italienische Kellnerin im Eiscafé, die asiatischen Touristinnen, die bei jedem Schritt mit ihren bleistiftdünnen Absätzen zwischen den mittelalterlichen Pflastersteinen hängen blieben, sogar Max neben mir.
Ich dachte an Straßenschluchten und gelbe Taxis, an Gitarrenspieler im Central Park und die Freiheitsstatue.
»Es ist alles schon so unwirklich hier«, sagte ich laut. Max biss sich schon wieder schief auf die Unterlippe. Kein besonders origineller Beitrag zu unserem Gespräch.
Ich will nicht ungerecht sein. Max war noch nie ein großer Redner, aber er hat andere Qualitäten. Vor allem seine absolute, seine unverbrüchliche Treue. Und damit meine ich nicht nur, dass ich mir keine Sorgen machen muss, wenn er mit einem anderen Mädchen Kaffee trinken geht. Es ist mehr als das. Wenn er sich einer Sache wirklich verschrieben hat, oder einem Menschen, dann bringt ihn auch so schnell nichts davon ab. Das gilt für die Liebe genauso wie für seinen Ehrgeiz, alle Mixe seiner Lieblings-DJs auf Schallplatte zu besitzen und nach seltenen 45er-Singles aus den Siebzigerjahren zu fahnden, auf Flohmärkten oder im Internet. Ein skurriles Hobby, das ihn sogar richtig gesprächig machen kann. Aber obwohl Max zur Vinyl-Fraktion gehört, brennt er CDs für mich. Und zum Abschied hat er mir einen USB-Stick um den Hals gehängt, vollgeladen mit Musik für jede Stimmung. Damit ich mir auch beim Herumlaufen in New York meinen eigenen Soundtrack zum Leben abspielen kann.
»Er ist ein Netter«, sagt meine Mutter über ihn. So, wie sie es betont, klingt es ziemlich abschätzig.
Aus dem Mund meiner Freundin Paula hört sich das ganz anders an. »Max ist total retro«, sagt sie und meint es als Kompliment.
Und sie hat ja recht, nicht nur, weil Max alte Langspielplatten sammelt. Auch seine Verlässlichkeit hat fast etwas Altmodisches. Seit 25 Monaten hat Max nie unseren Jubiläumstag vergessen. Er zahlt sogar meine Kinokarten und meine Getränke, seitdem er mit seiner Lehre bei einer Versicherung angefangen hat.
Und außerdem war er der erste Junge, mit dem ich geschlafen habe.
Ich weiß, das ist nicht alles. Aber doch viel.
»Brauchen Sie das?« Zwischen zwei Fingern mit langen, zartrosa lackierten Nägeln hält meine Sitznachbarin ein Tempo. Ich nehme es an und habe ein schlechtes Gewissen wegen meiner abschätzigen Gedanken über die Frau. Sie ist wirklich sehr hilfsbereit.
Der rote Soßenfleck klebt auf mir wie Blut und wird größer, je mehr ich reibe.
Der Teppich in der Empfangshalle des Flughafens kommt mir bekannt vor. Er ist grün und grau, mit harten Borsten, aber ich komme nicht darauf, wo ich so einen schon mal gesehen habe. Mehr als genug Zeit zum Nachdenken habe ich. Ich warte zwischen Seilen, die von einem braunen Metallpflock zum nächsten gespannt sind, dass mir der Beamte an der Passkontrolle seinen Stempel auf die hellgrüne Einreisekarte gibt. Dazu zeichne ich mit der Spitze meines Turnschuhs Muster auf den Teppich und versuche anzukommen.
Das hier ist New Yorker Boden. Aber das scheint mir genauso unwirklich wie die Länder, die ich gerade überflogen habe. Wie Kanada und Grönland, 10 000 Meter unter mir, während ich mit Tomatenflecken kämpfte.
»Miss! Next please!«
Ein älterer Schwarzer in Uniform winkt mich an den Schalter. Ich lasse lässig meine Papiere auf den Tresen fallen und lächle. Er lächelt nicht zurück und sagt etwas, das ich nicht verstehe. Ich spüre, wie meine Lippen einfrieren. Etwas stimmt nicht.
Er wiederholt: »Warum schmeißen Sie mir Ihren Pass so hin?«
»Sorry«, höre ich mich sagen, ein paar Töne höher als normalerweise. Er grunzt etwas, nestelt am Knopf seines Jackenärmels und studiert dann meine Einreisekarte. Zwischen seinen Augenbrauen bildet sich eine steile Falte. »Was ist das für eine Adresse?« Wieder verstehe ich nicht, was er meint. Was ist mit Annes Anschrift nicht in Ordnung?
»It is the flat I am going to live in«, versuche ich, während mir einfällt, dass »Wohnung« in den USA nicht flat, sondern apartment heißt.
»What kind of place is that?« Ich versuche ihm zu erklären, wer Anne ist. Das reicht ihm nicht. Warum ich vier Wochen in New York Urlaub machen würde, will er wissen. Ob ich eine Kreditkarte habe. Ich werde nervös. Was nützt es mir, dass ich mal vierzehn Punkte für einen Essay über Arthur Miller bekommen habe, wenn ich mich kaum mit einem Beamten an der Passkontrolle verständigen kann?
»Do you have any cash, Miss?«
Das Blut steigt mir zu Kopf. Hektisch taste ich nach dem Bündel in meiner Innentasche. Seit Frankfurt trage ich es direkt am Körper, da ist das Geld am sichersten. Als ich danach greife, zittern meine Finger so stark, dass ich alles fallen lasse. Tausend Euro in großen Scheinen landen auf dem Teppichboden vor dem Schalter. Jetzt fällt mir auch ein, warum das Muster mir so bekannt vorkommt. Es ist das gleiche wie im Büro des Schuldirektors. Ein Teppich wie gemacht für Verhöre.
Als ich mit dem Geldbündel wieder auftauche, deutet der Beamte ein Lächeln an. Vielleicht zuckt sein Mundwinkel auch nur nervös. Ich will gerade anfangen, ihm wie am Bankschalter die Hunderter vorzuzählen, da winkt er ab, als würde er mit zwei Fingern eine Fliege verjagen, und deutet auf meine Hand. Jetzt will der doch tatsächlich auch noch einen Fingerabdruck.
Bisher fühle ich mich nicht besonders willkommen im Land of the Free. Und frei schon gleich gar nicht.
Schließlich und endlich greift der Zollbeamte nach einem Stempel und setzt ihn sorgfältig auf das grüne Papier. »Okay, you can go now«, seufzt er, schiebt mir meinen Pass zu und nickt in Richtung eines braunen Schildes mit einem Koffer und der Aufschrift Baggage Claim.
Ich stolpere geradeaus. Vor der Rolltreppe schaut mich plötzlich die Freiheitsstatue an. Sie ist zehn Zentimeter kleiner als ich, quietschgrün, und reckt mir statt ihrer Fackel ein Reklameschild für eine Autovermietung entgegen. Free Bonus Miles!, steht in großen Buchstaben darauf.
Jetzt kann das Leben losgehen, denke ich und warte auf ein Gefühl. Ein großes, überwältigendes Gefühl, ein Gefühl wie ein Popsong mit sehr lauten Gitarren. Aber in meinem Kopf bleibt es seltsam still, während Anzugmänner mit Knöpfen im Ohr mich rechts und links überholen und dröhnend in ihre Freisprechmikrofone lachen auf dem Weg zum Gepäckband. Erst dort passiert etwas mit mir, in dem Moment, in dem ich meinen Koffer herunterwuchte und mich umdrehe. Denn auf einmal liegt Manhattan vor mir.
Zuerst denke ich, es sei eine Fototapete vom Boden bis zur Decke der Flughafenhalle: diese Insel mit ihrer Skyline, wie sie auf Hunderten von Bildern zu sehen ist. Millionen von Fenstern, die die Mittagssonne reflektieren. Ich gehe näher an das Glas. Nein, das ist keine Tapete. Hinter der Fensterfront liegt es wirklich: New York. Glänzend wie ein Schmuckstück in einer riesigen Vitrine.
Jetzt kann ich den Kontrollbeamten besser verstehen. Er bewacht etwas Wertvolles und darf keine Diebe ins Land lassen. In eine Stadt, in der Flugzeuge zu Waffen werden können.
Ich brauche einen Moment, um Anne zu finden. Ich weiß nur, dass sie klein und blond sein muss, und halte Ausschau nach einem langen Kleid oder einem gebatikten Rock. Sie ist im Vorteil, schließlich hat sie Fotos von mir gesehen. Trotzdem halte ich es für eine Verwechslung, als diese Frau auf mich zukommt, mir eine Hand hinstreckt, die trotz der Hitze kühl ist.
Sie ist tatsächlich klein, aber sie hat nichts mit der Hippiefrau gemein, die ich erwartet habe. Im Gegenteil, sie erinnert mich eher an die Lehrerkolleginnen meiner Mutter. Jeans mit geflochtenem Ledergürtel, Baumwollstrickjacke, Schuhe mit flachen Absätzen. Die Frau hat nichts Verträumtes, nichts Romantisches, eher etwas ungemein Praktisches. Als könnte sie für alle Lebenslagen etwas aus ihrer großen Handtasche zaubern, Pflaster, Bindfaden, Briefmarke oder Sicherheitsnadel.
Während wir gemeinsam meinen Koffer durch eine gläserne Drehtür wuchten, redet sie auf mich ein. »Es ist reizend, dich kennenzulernen. Dein Dad hat mir schon eine Menge von dir erzählt!« Am Ende des Satzes zieht sie ihre Stimme in die Höhe, als könnte sie sich nicht entscheiden, ob sie weitersprechen will.
Vor der Tür umnebelt mich Luft wie aus einer Waschküche. Das Außenthermometer muss kaputt sein: 95 Grad? Dann fällt mir ein, dass die Temperatur in Fahrenheit gemessen wird. Keine Ahnung, wie man das umrechnet.
»Es ist so warm für Juni!«, ruft Anne übertrieben aus, wobei sie das so sekundenlang dehnt. »Normally, it’s never that sultry before July!« Sie steuert auf einen roten Kleinwagen zu, der genauso praktisch aussieht wie ihre Frisur und ihre Jeans. Schade, ich hätte etwas anderes erwartet. Vielleicht einen alten Käfer voller Schreibschriftgraffiti. Make love, not war.
Während wir vom Parkplatz auf eine Schnellstraße einbiegen, redet Anne noch immer. Immerhin kann ich sie verstehen. Anders als den unfreundlichen Passkontrolleur. Sie redet weiter über das Wetter, über Jetlag und dass ich meinem Vater ähnlich sehe.
Vor dem Fenster fliegen grüne Autobahnschilder mit der Aufschrift Jersey Turnpike und Manhattan vorbei. Rechts und links der Straße sieht es aus wie in einem Umweltkatastrophen-Film: verrostete Fabrikanlagen, sumpfige Wiesen in ungesunden Farben, verfallene Häuser. Nur in der Ferne glitzert es – Wasser, Fenster – und kommt langsam näher.
Schließlich tauchen wir in einen Tunnel, vor uns stinkt ein beigefarbener Lastwagen. Nach ein paar Minuten kommen wir zurück an die Oberfläche.
»Ist das jetzt Manhattan?«
»Wie hast du das denn erraten?« Sie lächelt.
Ich sehe aus dem Fenster und muss grinsen. Die Gitarren in meinem Kopf werden auf einen Schlag schneller und lauter. Das ist es. Das ist New York. Die Stadt aus den Filmen, die Stadt aus meinem Kopf.
Jetzt bin ich wirklich da.
Wir sind eingekeilt zwischen gelben Taxis und einem blau-weiß gestreiften Bus, rechts und links von uns erheben sich Fassaden in allen Schattierungen von Braun und Grau. Wie eine Stehparty, auf der alle Gesellschaftsdamen beschlossen haben, Backstein zu tragen. Zwei Mädchen halten sich an den Händen und rennen über eine Ampel. Don’t walk!, blinkt eine orangefarbene Schrift.
Anne redet immer weiter wie ein Wasserfall, während ich vor lauter Schauen überhaupt nicht mehr zum Denken komme. Mit der linken Hand deutet sie auf einen riesigen Bauzaun und erzählt etwas, gleichzeitig setzt sie den Blinker und will rechts abbiegen, da höre ich auf meiner Seite plötzlich ein Schlittern, dann einen leisen Schlag und lautes Fluchen.
Erschrocken drehe ich mich um, im gleichen Moment, in dem Annes Vollbremsung mich mit voller Wucht in den Gurt wirft.
Ein junger, dunkelhäutiger Typ rappelt sich vom Bordstein auf und wischt seine Hände an seiner eng anliegenden Radlerhose ab. Erst, als er sich ganz aufgerichtet hat, sehe ich, wie groß er ist. Lange Beine, lange Arme, schöne Muskeln.
»Oh my God!«, schreit Anne, lässt das Fenster auf meiner Seite herunterfahren und lehnt sich herüber. »Haben Sie sich verletzt, Sir?«
Mit einer langsamen, sehr coolen Geste prüft der Typ den Sitz seiner verspiegelten Sonnenbrille, dann rückt er sich den Fahrradhelm zurecht und den riesigen Rucksack. Schließlich hebt er mit einer Hand sein Fahrrad hoch, als würde es überhaupt nichts wiegen, und lässt es mit einer federnden Bewegung auf dem Asphalt aufkommen. Er wirft einen Blick darauf, ob es verbogen ist. Ist es nicht. Dann kommt er einen Schritt näher, beugt sich herunter, lehnt sich schließlich mit der freien Hand an die Beifahrertür und ich kann meinen Blick plötzlich nicht mehr abwenden.
Diese große, sehnige Hand, diese breite Brust in dem eng anliegenden Trikot. Rastalocken, die unter seinem Fahrradhelm hervorquellen. Am liebsten würde ich ihm jetzt diese Sonnenbrille abziehen, um einmal seine Augen zu sehen. Am liebsten würde ich …
Jenny, denke ich, jetzt reiß dich mal zusammen. Das ist nur ein ganz normaler Fahrradkurier, wie es sie in Freiburg an jeder Ecke gibt. Der muss dich jetzt nicht gleich auf abwegige Gedanken bringen. Das ist doch alles nur der Jetlag.
»Ist alles okay, Ma’am«, sagt er schließlich zu Anne und mir läuft ein Schauer über den Rücken. Was für eine Stimme. »Aber machen Sie das nie wieder, hören Sie?«
Heilige Scheiße. Der kann ja sagen, was er will, und hört sich dabei an, als würde er gleich einen Soulklassiker anstimmen. Oder ein Gedicht rezitieren. Oder...
Er stößt sich leicht von der Beifahrertür ab, dann hebt er zwei Finger an seine Sonnenbrille, zieht sie ein Stück herunter und sieht mir direkt in die Augen. Schließlich lächelt er mich an, mehr eine Andeutung als eine wirkliche Mundbewegung, hebt wieder zwei Finger zu einer Art Gruß, schiebt damit die Sonnenbrille auf die Nase zurück und schwingt sich dann mit einer lässigen Bewegung auf sein Fahrrad.
»Die fahren aber auch wie die Kriminellen, diese Fahrradkuriere«, schimpft Anne leise und ich habe das Gefühl, ihr ist die Situation vor mir etwas peinlich.
»Ist ja nichts passiert«, sage ich und denke plötzlich: Doch. Da ist etwas passiert. Ich weiß nur nicht genau, was.
Schließlich lässt sie das Fenster wieder hochfahren, das mich trennt von dieser Welt da draußen, dieser schnellen, hohen Welt, und gibt Gas. Ich verdrehe meinen Hals, aber schon ist er nicht mehr zu sehen, dieser erste Mann, der mir auf New Yorker Boden in die Augen geschaut hat.
Was steht da eigentlich auf dem Aufkleber in der oberen Ecke des Außenspiegels?
Objects in the mirror are closer than they appear.
Objekte im Rückspiegel sind näher, als sie scheinen.
