Der Himmel über unseren Träumen - Heidi Rehn - E-Book

Der Himmel über unseren Träumen E-Book

Heidi Rehn

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Beschreibung

Ein großer Nachkriegsroman über die Aufbruchsstimmung in den 50er Jahren, aber auch über die Schatten der Nazizeit, die noch prägend waren. Ein berührender Roman von der Bestseller-Autorin Heidi Rehn über eine junge Frau mit jüdischen Wurzeln, die im München der Nachkriegszeit als Architektin Karriere machen will. München in den frühen fünfziger Jahren: Mit der Rückkehr in ihre geliebte Heimatstadt erfüllt sich für die junge Architektin Vera Cohn ein Traum. Sie will den Wiederaufbau mitgestalten und ihre Sehnsucht nach einer friedlicheren Zukunft verwirklichen, auch wenn dies das Land ist, in dem ihr und ihrer Familie so viel Leid widerfahren ist. Außerdem will sie beweisen, dass Frauen als Architektinnen genauso viel leisten können wie Männer. Als sie und ihr Kollege Arthur sich ineinander verlieben, scheint ihr Glück perfekt. Voller Elan schmieden die beiden Zukunftspläne. Doch Vera, die gerade aus dem Exil zurückgekehrt ist, kann nicht vergessen. Die Vergangenheit steht zwischen ihnen – und die Frage nach der Schuld, die Arthur und seine Familie auf sich geladen haben …

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EPUB

Seitenzahl: 577




Heidi Rehn

Der Himmel über unseren Träumen

Roman

Knaur e-books

Über dieses Buch

München in den frühen fünfziger Jahren: Mit der Rückkehr in ihre geliebte Heimatstadt erfüllt sich für die junge Architektin Vera Cohn ein Traum. Sie will den Wiederaufbau mitgestalten und ihre Sehnsucht nach einer friedlicheren Zukunft verwirklichen, auch wenn dies das Land ist, in dem ihr so viel Leid widerfahren ist.

Als sie und ihr Kollege Arthur sich ineinander verlieben, scheint ihr Glück perfekt. Voller Elan schmieden die beiden Zukunftspläne. Doch Vera, die aus dem Exil zurückgekehrte Jüdin, kann nicht vergessen. Die Vergangenheit steht zwischen ihnen – und die Frage nach der Schuld, die Arthur und seine Familie auf sich geladen haben …

Inhaltsübersicht

MottoProlog1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. Kapitel30. Kapitel31. Kapitel32. Kapitel33. Kapitel34. Kapitel35. Kapitel36. Kapitel37. Kapitel38. Kapitel39. Kapitel40. Kapitel41. Kapitel42. Kapitel43. Kapitel44. KapitelEpilogDankClaudia & Nadja Beinert: Revolution im Herzen
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Mascha Kaléko:

Emigranten-Monolog (1945)

 

Ich hatte einst ein schönes Vaterland –

so sang schon der Flüchtling Heine.

Das seine stand am Rheine,

das meine auf märkischem Sand.

 

Wir alle hatten einst ein (siehe oben!).

Das fraß die Pest, das ist im Sturz zerstoben.

O Röslein auf der Heide,

dich brach die Kraftdurchfreude.

 

Die Nachtigallen wurden stumm,

sahn sich nach sicherm Wohnsitz um,

und nur die Geier schreien

hoch über Gräberreihen.

 

Das wird nie wieder, wie es war,

wenn es auch anders wird.

Auch wenn das liebe Glöcklein tönt,

auch wenn kein Schwert mehr klirrt.

 

Mir ist zuweilen so, als ob

das Herz in mir zerbrach.

Ich habe manchmal Heimweh.

Ich weiß nur nicht, wonach.

 

Aus: Mascha Kaléko: Emigranten-Monolog. In: Verse für Zeitgenossen

Erstveröffentlichung dieser Ausgabe: 1958 Rowohlt Verlag, Hamburg

© 2015 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

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Prolog

München, 30. April 1938

Acht Kerzen! Veras Augen leuchteten, als ihr Vater Oscar die Geburtstagstorte auf den Tisch mit der festlichen, weißen Spitzendecke stellte. Ein verschwenderischer Traum aus Sahne, Schokolade und Zuckerguss, obenauf ein dickes rosa Marzipanschwein mit einem vierblättrigen Kleeblatt im Maul und natürlich acht rote Kerzen rundherum, für jedes Lebensjahr eine.

Auch ihre Freundinnen und Freunde, die artig um den Tisch saßen, machten große Augen. Eine solch gigantische Torte hatte noch keiner von ihnen zu Gesicht bekommen.

»Wetten, die schaff ich ganz allein?«, erklärte der dicke Rudi und ließ die Hosenträger von seiner speckigen Krachledernen auf die moppelige Kinderbrust schnalzen.

»Wetten, ich hab die schneller verputzt als du?«, brachte sich der hoch aufgeschossene, dunkelhaarige Constantin breitbeinig neben ihm in Stellung und krempelte sich schon einmal die Hemdsärmel an den langen, dünnen Armen auf.

»Macht doch ein Wettessen!«, schlug die blond gelockte Rosi begeistert vor.

»Das wär eine Gaudi!«, piepste der schmächtige Gerhard mit der dicken Brille, und die schüchterne Brigitte nickte aufgeregt.

»Dass ihr Burschen immer ans Essen denken müsst«, tadelte Oscar die Kinder vergnügt. Dabei war ihm anzusehen, wie sehr ihm das gefiel.

»Eins nach dem anderen, Jungs! Erst einmal muss Vera die Kerzen ausblasen«, stellte Veras Mutter Rike klar. »Tief Luft holen, mein Schatz! Zeig uns, dass du die alle auf einmal schaffst.«

Aufmunternd klatschte sie in die Hände.

Vera legte das Skizzenbuch beiseite, das Großmutter Rebecca ihr eben geschenkt hatte. Dann füllte sie sich die Wangen mit Luft, bis sie fast platzten, und presste die Lippen fest aufeinander. Kein Hauch durfte zu früh entweichen. Nur wem es gelang, alle Kerzen auf einmal auszublasen, wurde mit der Erfüllung seines größten Wunsches belohnt.

Als sie sich mit prallen Wangen nach vorn beugte, blickten ihr ein Dutzend Augenpaare erwartungsvoll entgegen – die ihrer acht Freundinnen und Freunde aus Schule und Nachbarschaft in der Paradiesstraße sowie die ihrer Eltern und Großeltern. Vera war stolz, so viele Gäste um sich versammelt zu haben. Für jedes Lebensjahr hatte sie jemanden einladen dürfen. Dabei hatte die trampelige Annegret behauptet, zu ihr wolle gewiss niemand mehr kommen. Immerhin sei ihr Papa Jude und ein roter Revoluzzer noch dazu. Als Vera jedoch hatte durchblicken lassen, ihre Großmama, eine stadtbekannte Künstlerin, wolle mit ihren Gästen und ihr Verkleidungen schneidern und ein Theaterstück aufführen, hatten die anderen Kinder Annegret stehen lassen und sich um Veras Einladungskarten gebalgt. Nicht einmal Annegrets verzweifelter Nachtrag, die Großmutter sei genauso jüdisch versippt und obendrein noch eine ganz verrückte Malerin, deren scheußliche Bilder kein anständiger Deutscher mehr sehen wolle, war dagegen angekommen. Vera waren die Einladungskarten förmlich aus der Hand gerissen worden.

Gerade als sie an den Triumph dachte und Annegret beim Auspusten die Pest an den Hals wünschen wollte, klingelte es an der Tür. Wer kam da noch?

Das Mädchen öffnete. Schon trat Onkel Jobst, Constantins Vater und der beste Freund von Veras Eltern, ins Wohnzimmer. Als er bemerkte, dass sie mitten im Kerzenauspusten steckte, blieb er in einigen Schritten Entfernung stehen.

Plötzlich war Vera viel zu aufgeregt zum Auspusten. Dem neuen Gast war anzusehen, dass er eine Überraschung parat hatte. So wie er herumdruckste und versuchte, ihrem Vater Zeichen zu geben, schien sie allerdings nicht für sie bestimmt. Was mochte das sein?

Unter einem erbärmlichen Laut entwich ihr die Luft. Zwei-, dreimal zuckten die Flammen auf der Torte jämmerlich, dann brannten sie straff weiter.

»Och nee!«, entschlüpfte es ihrer Mutter enttäuscht.

»Noch mal!«, forderte ihr Vater.

Die anderen Kinder stimmten mit rhythmischem Klatschen und Rufen ein. »Noch-mal! Noch-mal! Noch-mal!«

»Erst will ich wissen, was Onkel Jobst uns mitgebracht hat.« Neugierig sah Vera ihn an.

»Tut mir leid, Prinzessin«, erwiderte er verlegen und suchte Blickkontakt mit ihren Eltern. »Das ist für deine Mama und deinen Papa.«

Er zog ein dickes, braunes Kuvert halb aus der Innentasche seines Sakkos.

Ihre Eltern seufzten, die Großeltern erblassten. Damit war Vera klar, was in dem Umschlag sein musste: die sehnlich erwarteten Papiere für Paris! Die waren so wichtig, dass er deswegen sogar ihre Feier stören durfte.

Die Erwachsenen glaubten vermutlich, sie hätte noch nichts von der geplanten Abreise und dem damit verbundenen Hin und Her mitbekommen. Dabei redeten ihre Eltern seit Tagen von nichts anderem mehr, natürlich immer nur dann, wenn sie meinten, Vera merkte nichts davon oder schliefe bereits. Dadurch war sie allerdings erst recht darauf aufmerksam geworden, dass da etwas Großes, Aufregendes vor sich ging.

Aus dem mühsam Belauschten hatte sie sich bald zusammengereimt: Wenn Onkel Jobst genug Geld aufgetrieben hatte, würden sie nach Paris ziehen, in ein Hotel. Fürs Erste zumindest. Constantins Mutter Ella sollte sie begleiten, andere Freunde der Eltern waren schon an der Seine.

Constantin und sein Vater würden so schnell wie möglich nachkommen. Offenbar hatte Onkel Jobst vorher noch etwas mit seiner Familie zu klären, was ihn und Constantin an der Abreise hinderte. Worum es da ging, hatte Vera nicht begriffen. Ihre Großeltern würden versuchen, ihnen möglichst bald zu folgen. Hoffentlich gelang ihnen das, bevor es für Vera und ihre Eltern voraussichtlich im Herbst oder spätestens im nächsten Frühjahr nach Amerika ging. Das hing allerdings von einer Bürgschaft ab, die wiederum ein anderer Freund der Eltern in Los Angeles leisten sollte. So ganz verstand Vera das alles nicht.

Sie biss sich auf die Lippen. Ihr schmächtiger Mädchenleib begann zu beben. Es kostete sie viel Kraft, ruhig zu bleiben. Sie wollte nicht weg. Nicht nach Paris und nicht nach Amerika. Erst recht nicht, wenn sie nicht wusste, wann ihre Großeltern und ihr Freund Constantin nachkommen konnten. Sie wollte in München bleiben. Hier war sie zu Hause. Auch wenn ihre Mutter aus Berlin stammte und sie sogar dort geboren war und sie früher einmal dort gelebt hatten. Das aber war viel zu lange her. Daran hatte sie keine Erinnerung.

Wie liebte sie die geräumige Wohnung in der Paradiesstraße im Lehel, ganz nah bei der Himmelreichstraße, die direkt in den Englischen Garten führte! Dort verlief der Eisbach, an dem man wunderbar spielen und im Sommer sogar baden konnte. Aber nur, wenn man mutig genug war, sich ins eiskalte, wild sprudelnde Wasser zu wagen.

Die beiden Straßen trugen ihre Namen völlig zu Recht, fand Vera. Alle ihre Freunde lebten hier. Das war ihr persönliches Paradies und Himmelreich. In dem Skizzenbuch hatte Großmama Rebecca es auf Papier gebannt, ebenso wie Veras andere Lieblingsorte in der Stadt: den Chinesischen Turm im Englischen Garten, den Stachus, den Viktualienmarkt, den alten Südfriedhof …

Mit einem Mal begriff sie, warum Großmama Rebecca es ihr zum Geburtstag geschenkt hatte. Überall auf der Welt sollte es sie an ihre geliebte Heimatstadt und die schönen Stunden mit ihren Freunden und Großeltern erinnern. Veras Augen füllten sich mit Tränen. Jetzt wusste sie, was sie sich mehr als alles andere auf der Welt wünschen musste. Wie gut, dass sie noch einmal pusten durfte. Sie blies die Wangen so dick auf wie möglich, beugte sich vor und pustete sich die Seele aus dem Leib.

Die acht Kerzen erloschen in einem Atemzug.

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1

München, Anfang Juli 1954

Verflucht! So hatte Vera sich das Aussteigen aus dem eleganten BMW ihres Chefs nicht vorgestellt. Mit den neuen Pumps landete sie mitten in einer Pfütze. Eiskaltes Dreckwasser bespritzte ihre Seidenstrümpfe bis hinauf zu den Knien. Was aber hatte sie bei diesem Schmuddelwetter auf einer Baustelle am südwestlichen Stadtrand anderes erwartet?

»Kein Wunder, dass in der Baubranche vor allem Männer arbeiten«, würde ihre Mutter sagen. Das stimmte! Selbst bei feierlichen Anlässen wie diesem Richtfest liefen die nicht groß Gefahr, ihre dunklen Schuhe und Anzüge auf dem unwirtlichen Gelände zu beschmutzen.

Vera warf einen neidischen Blick auf die Füße ihres Kollegen Arthur Brandt. Tatsächlich war seinem Schuhwerk kaum etwas von den Widrigkeiten des provisorisch zum Parkplatz umfunktionierten Ackers anzusehen. Tagelanger Dauerregen hatte den in eine riesige Seenlandschaft verwandelt.

Am liebsten hätte Vera ihre vollgesogenen Schuhe weggeworfen, um auf Strümpfen weiterzulaufen. Daran aber hinderte sie nicht nur ihre gute Erziehung, sondern auch die schlichte Tatsache, dass Arthur ihr galant den Arm bot. Ein wahrer Gentleman. Und ein überaus gut aussehender noch dazu.

Für den Bruchteil einer Sekunde glühten ihre Wangen. Um seine Lippen spielte ein Lächeln, das zwischen Spott, Belustigung und Aufmunterung changierte. Sie reckte das Kinn und hängte sich so gelassen wie möglich an seiner Seite ein, um neben ihm über die Erdkrumen Richtung Rohbau zu stöckeln, in dem das Richtfest für das Altenheim stattfand.

Seiner Eleganz zum Trotz entschloss Arthur sich zu weit ausholenden Siebenmeilenschritten, um dem Matsch so schnell wie möglich zu entkommen. Erstaunlich bei seiner eher durchschnittlichen Körpergröße. Wollte sie im strömenden Regen außer den Schuhen nicht auch noch Hut, Frisur und Kostüm ruinieren, musste sie einigermaßen mitzuhalten versuchen. Zugleich musste sie sich ein wenig ducken. Dank der Absätze an den Schuhen und dem Hut auf dem Kopf war sie einige Fingerbreit größer als er. Nur leicht gebeugt fand sie ausreichend Schutz unter dem Schirm, den er über ihre Köpfe hielt.

Sie gehörten zu den Letzten, die die Festgesellschaft im Dachgeschoss des halbfertigen Verwaltungstrakts erreichten. Als Repräsentanten des ausführenden Architekturbüros mussten sie zu allem Unglück Plätze in den vorderen Reihen einnehmen. Während sie sich durch die dicht stehenden Gäste bis dorthin vorarbeiteten, verursachten sie einigen Aufruhr, was der eine oder andere mit einem pikierten Augenbrauenhochziehen quittierte.

Von den wenigen anwesenden Frauen meinte Vera besonders giftige Blicke im Rücken zu spüren. Die galten gewiss ihrer trotz schmutziger Schuhe und Strümpfe immer noch schicken Erscheinung. Es hatte durchaus seine Vorteile, Tochter einer vor mehr als fünfundzwanzig Jahren sehr erfolgreichen Vorführdame zu sein. Natürlich wusste sie auch in Situationen wie diesen Haltung zu bewahren. Ebenso Arthur. Dass sie an seiner Seite graziös durch die Reihen schritt, ärgerte so manche der Damen. In seinem gut sitzenden Anzug machte der Dreißigjährige eine tadellose Figur.

Was ihn jedoch besonders aus der Reihe der Nullachtfünfzehn-Gesichter heraushob, war der Anflug von Schalk, der in seinen Augen lag. Seit ihrem ersten Arbeitstag im Architekturbüro von Hellmuth Sandrart war Vera in dieses charmante Blitzen verliebt. Das satte Blau der Iris erinnerte an den Sommerhimmel über goldenen Weizenfeldern und lud zum Träumen ein. Nie konnte sie sich daran sattsehen. Kein Wunder, dass die wenigen anderen Frauen an der Seite der überwiegend korpulenten, glatzköpfigen, langweilig wirkenden Herren sie derart böse musterten. Nur zu gern sähen sie sich selbst an ihrer Stelle.

Als Arthur ihren Blick bemerkte, zwinkerte er ihr vergnügt zu. An Selbstbewusstsein mangelte es ihm nicht.

 

Vera konzentrierte sich auf das Geschehen auf dem kleinen Podest. Hoffentlich dauerte die Prozedur nicht zu lange. Wegen des nasskalten Schmuddelwetters war es in dem offenen Dachstuhl alles andere als gemütlich. Feucht und schwer hingen die bunten Bänder von der Richtkrone. Trostlos tropfte es vom Gebälk, gelegentlich ergänzt durch das Pfeifen des Windes.

Zum Glück verspürten weder die Handwerker noch der Pfarrer oder der Vertreter der Stadt in der zugigen Kulisse sonderlich große Lust, lange Reden auf das nach neuesten Erkenntnissen konstruierte Altenheim zu schwingen. Der Zimmermann leierte den Richtspruch derart lustlos herunter, dass die meisten Gäste erst begriffen, was er gesagt hatte, als er bereits das Glas zu Boden warf, damit es in tausend Scherben zerbrach und somit Glück über Haus und Bewohner brachte. Erleichterter Applaus setzte ein. Sogleich strebten die Ersten der Treppe zu, um im trockenen Erdgeschoss das Büfett zu stürmen.

Arthur und Vera wurden von einer Handvoll würdevoller Anzugträger umringt, die sich für wichtig genug hielten, nicht allzu offensichtlich nach den profanen leiblichen Genüssen zu hasten. Ihre nervösen Blicke durch das sich rasch leerende Dachgeschoss verrieten dennoch, dass es auch sie zu Schnittchen und Getränken zog.

Mehr der Höflichkeit als wirklichem Interesse geschuldet, erkundigte sich ein weitsichtiger Herr mit schwarzer Hornbrille nach ihrem Chef, Hellmuth Sandrart. Die hinter den Gläsern stark vergrößerten Augen schauten ungeduldig zwischen Arthur und Vera hin und her. Offenkundig gehörte er zu den Auftraggebern.

»Wenn er uns schon so einen raffinierten Bau aufs Auge drückt, sollte er auch den Mumm haben, selbst beim Richtfest aufzutauchen«, knurrte er. »Oder hat er Angst vor heftigen Beschwerden?«

Zustimmend nickten die anderen Anzugherren.

Vera genügte ein kurzer Blickkontakt mit Arthur, um sicher zu sein, wie übertrieben auch er den Begriff »raffiniert« für die in ihren Augen doch eher langweilig-konventionell ausgeführte Anlage mit einem dreigeschossigen Giebelhaupthaus und zwei niedrigeren Seitentrakten in Flachbauweise fand. In ihren Augen hatten viel zu viele Kompromisse mit den konservativ denkenden Bauherren geschlossen werden müssen, was den ursprünglichen Charakter des Entwurfs, der in der Tat einmal eine gewisse Raffinesse besessen hatte, stark verwischt hatte.

»Darf ich Ihnen meine neue Architektenkollegin Vera Cohn vorstellen?«, wich Arthur der versteckten Kritik an Sandrart geschickt aus. »Die Anwesenheit einer so bezaubernden jungen Dame wird Sie sicher angemessen für das Fehlen unseres Chefs entschädigen.«

Seine Worte lösten Befremden aus, wie die erstaunten bis missbilligenden Mienen der Herren verrieten. Vera ahnte, dass sie sowohl über ihren jüdischen Namen wie auch über die Tatsache stolperten, dass sie nicht einfach nur Arthurs weibliche Begleitung, sondern tatsächlich seine Kollegin war. Hatte Sandrart die Herren nicht über ihre Mitarbeit informiert? Immerhin unterstützte sie ihn seit einem Monat bei dem Projekt, auch wenn sie bislang noch nicht nach außen in Erscheinung getreten war. Das aber war nur noch eine Frage von wenigen Tagen, wie das Fortschreiten der Arbeiten zeigte.

»Ich wusste gar nicht, wie schwierig die Lage auf dem Arbeitsmarkt immer noch ist«, erklärte einer der Herren, dessen kahler Schädel im grellen Licht einer nackten Glühbirne glänzte. »Richten Sie Sandrart aus, dass er sich beim nächsten Mal, wenn er wen sucht, gleich bei mir melden soll. Ich habe noch eine lange Liste mit zuverlässigen Kameraden zur Hand, wenn Sie verstehen, was ich meine. Sandrart weiß Bescheid.«

»Danke für Ihr Angebot, aber ich denke, er kommt bei der Suche nach ausgezeichneten Mitarbeitern bestens klar, wie man sieht«, gab Arthur mit leicht gequälter Miene zurück.

Der Glatzkopf stutzte, dann empfahl er sich nach einem letzten abschätzigen Blick auf Vera. Die anderen folgten ihm.

»Ein früherer Anhänger der Heimatschutzarchitektur. Seine Kenntnisse über die Moderne enden bei Hitlers Lieblingsarchitekten Trost und Speer. Solche wie ihn gibt es leider zuhauf, gerade hier in München. Nehmen Sie’s bitte nicht persönlich«, beeilte Arthur sich, Vera zu erklären.

»Keine Sorge, ich kenn die Münchner. Ich stamme selbst von hier«, erwiderte sie und zwang sich zu einem Lächeln.

Ihre betont ruhige Reaktion kostete sie mehr Kraft, als sie sich eingestehen wollte. In ihrem Innern begehrte alles gegen die Unverschämtheit des Glatzkopfes auf. Zugleich wusste sie, wie sinnlos es war, jemandem wie ihm offen zu widersprechen. Ihre Meinung interessierte niemanden, seine Haltung dagegen teilten viele. Trotzdem würde sie nicht klein beigeben. Sie dachte an ihre Großeltern, an Großmama Rebeccas Skizzenbuch mit den liebevollen Zeichnungen von ihren Lieblingsorten in ihrer Heimatstadt München. Die meisten davon waren im Krieg in Schutt und Asche gelegt worden. Leuten wie diesem Unbelehrbaren würde sie es am besten zeigen, indem gerade sie, die aus dem Exil zurückgekehrte Tochter eines Juden, als Architektin daran mitwirkte, die aufgerissenen Löcher und sichtbaren Lücken in der Stadt wieder zu schließen und den heimatlos gewordenen Menschen ein Obdach zu verschaffen. Und das so schnell und so schlicht wie möglich, um keinen neuen, grauenhaften Allmachtsfantasien in bedeutungsüberfrachteten Baustilen mehr Raum zu geben, wie Hitler und seine Schergen sie sich in ihrem verblendeten Größenwahn für die »Hauptstadt der Bewegung« einst ausgedacht hatten.

»Brandt, Sie alter Schwerenöter«, begrüßte der nächste ältere Herr Arthur in jovialem Ton. Der stiernackige Mann mit stark gerötetem Gesicht präsentierte seinen Wohlstandsbauch mit sichtlichem Stolz unter einem viel zu eng sitzenden Jackett. Umständlich wechselte er seine Zigarre von der rechten in die linke Hand. Seine kleinen Augen saugten sich an Vera fest. »Gestehen Sie: Welche Leichen haben Sie mit Ihrem Chef im Keller, dass er Ihnen sein Allerheiligstes überlässt?«

»Worauf beziehen Sie das: auf Sandrarts neues Auto oder auf meine neue Kollegin?«, erwiderte Arthur gewohnt schlagfertig und nutzte den Moment, um dem Beleibten ihren Namen zu nennen. Ihr Gegenüber besaß einen Doktortitel, wie sich herausstellte, war als Baurat für die städtischen Altenheime zuständig und hielt sich offenkundig für sehr weltläufig. An dem jüdischen Cohn störte er sich anscheinend nicht.

»Sie sind wahrlich zu beneiden, dass Sandrart Ihnen derart blind vertraut.« Dieses Mal musterte er Vera noch direkter. »An der bezaubernden Kollegin muss etwas Besonderes sein, wenn sie schon gleich zu einem so wichtigen Termin wie diesem Richtfest geschickt wird. Unser nächstes gemeinsames Projekt darf Sandrart gern in ihre zarten Hände legen. Ich bin sicher, sie wird es mit Bravour betreuen. Schon jetzt freue ich mich auf eine intensive Zusammenarbeit.«

»Freuen sollte sich Herr Doktor Häutle lieber nicht zu früh«, ahmte sie an Arthur statt an ihn gewandt mit einem unschuldigen Augenaufschlag nach, wie er an ihr vorbei mit ihm über sie in der dritten Person sprach. »Die Projektbetreuung in den zarten Händen der bezaubernden Kollegin wird am Ende ganz anders ausfallen, als er sich das vorstellt.«

»Das will ich doch hoffen«, entgegnete Häutle mit einem jovialen Lachen und verabschiedete sich von ihr mit einem überraschend galanten Handkuss, bevor er vor Arthur andeutungsweise die Hacken zusammenschlug.

»Ich muss ihm recht geben«, stellte Arthur fest, sobald er aus ihrem Blickfeld verschwunden war. »Wenn Sandrart Sie schon nach Ihren ersten Wochen im Büro zur Einweihung dieses Renommierprojekts schickt, liegen Sie ihm näher am Herzen als jeder andere im Büro.«

»Sie etwa nicht?«, konterte sie amüsiert. »Immerhin dürfen Sie ihn hier ganz offiziell vertreten, während ich nur Ihre weibliche Begleitung spiele.«

»Was Sie übrigens hervorragend tun.«

»Danke für das Kompliment. Falls das mit meiner weiteren Architektenkarriere nichts wird, weiß ich damit für die Zukunft wenigstens eine sinnvolle Alternative: Ich werde Escortdame.«

 

Im dichten Gedränge im Erdgeschoss verloren sie sich für einen Moment aus den Augen. Rücksichtslos bahnte sich jeder den direktesten Weg zum Büfett, notfalls zwischen ins Gespräch Vertiefte hindurch. Neun Jahre nach Kriegsende war das Essen und Trinken immer noch – oder jetzt erst recht? – das Wichtigste bei solchen Veranstaltungen.

»Ich hoffe, Sie mögen Leberkäs und Weißwürste. Die kalten Platten mit den exotischen Toasts sind bereits leer gefegt. Auch bei den gefüllten Eiern und den Käseigeln herrscht schon Ebbe. Also bleibt uns wohl nur das Altbewährte.«

Arthur musste sich auf die Zehenspitzen recken, um über Schultern und Köpfe hinweg die aktuelle Lage an den mit weißen Tüchern verhüllten Biertischen abzuschätzen.

»Ich liebe Hausmannskost«, erwiderte sie. »Besser als die ewigen Gurkenschiffchen oder zu Fliegenpilzen mutierten Eier mit Tomaten-Mayonnaise-Haube, die sich neuerdings auf sämtlichen Büfetts zwischen Kiel und Garmisch finden.«

»Ich fürchte, bis wir vorn ankommen, gibt’s nur noch trockene Brezn.«

Nach einer halben Ewigkeit erreichten sie den Tisch mit dem Geschirr und rüsteten sich trotz des raschen Schwunds in den Schüsseln hoffnungsvoll mit Tellern und Besteck aus. Zwei Hilfsköche schleppten neue Platten mit Kanapees an, die aufwendig mit Unmengen eingelegter Cornichons, Salzstangen und den obligatorischen Remouladekringeln verziert waren.

»Mayonnaise im Glas müsste man produzieren«, lästerte Arthur mit süffisantem Grinsen. »Dann hätte man für alle Zeiten ausgesorgt. Ohne ein Kilo davon scheint bei Partyhäppchen nichts mehr zu gehen.«

»Weil alle auf dieselben Kochbücher und Rezepte vertrauen«, stimmte Vera zu.

»Das haben die Köche wohl mit den Bauherren gemeinsam. Die wollen auch alle nur noch nach denselben Plänen bauen. Was sich einmal bewährt hat, passt eben immer und überall. Vor allem lässt es sich gut und schnell realisieren. Wie am Fließband.«

»Das sollten Sie lieber nicht unseren Chef hören lassen.« Sein Sarkasmus überraschte sie. Bislang hatte sie ihn für Sandrarts braven Kronprinzen gehalten, der voll und ganz hinter dessen Plänen und vor allem seiner Art, sie umzusetzen, stand. Ebenso ging sie fest davon aus, dass ihr Chef ihm eines Tages zur Belohnung für seine Nibelungentreue das Büro übergeben würde. Bester Beweis für das blinde Vertrauen in Arthur schien ihr das Überlassen der Schlüssel für das fast fabrikneue, weinrote BMW-502-Cabriolet zu sein, mit dem sie auf der Baustelle vorgefahren waren.

»Keine Sorge«, wiegelte Arthur auch schon ab. »Unser Chef ist sich durchaus bewusst, dass er aus reinem Pragmatismus an seinen Erfolgsmodellen festhält. Dabei wäre ein Ausbrechen aus den gängigen Mustern der beste Ansatz, um beim Wohnungsbau für alle Beteiligten mehr herauszuholen. Dafür aber fehlt Sandrart der Mut und vor allem die Notwendigkeit. Mit dem Gewohnten lässt sich ohne großen Aufwand die nächsten hundert Jahre gutes Geld verdienen. Wie alle unsere Landsleute neigt eben auch unser ›Barockengel‹ zur Bequemlichkeit.«

»Wie nennen Sie Sandrart?« Vera musste lachen. Der Spitzname passte nicht nur auf den dank seiner geschwungenen Linien im Volksmund als »Barockengel« bezeichneten BMW, sondern tatsächlich auch auf ihren Chef, dessen Leib mindestens so üppige Formen besaß wie sein Auto.

»Wie der Herr, so ’s Gescherr«, erwiderte Arthur ebenso amüsiert. »Oder wollen Sie die Ähnlichkeit bestreiten? Nach der schlechten Zeit stürzt sich Sandrart nur zu gern aufs Essen. Nicht eben schmeichelhaft für die Figur, aber Hauptsache, es schmeckt. Gehungert haben wir alle lange genug. Am besten, wir folgen endlich auch dem Motto unseres Chefs, sonst kriegen wir nicht einmal mehr die letzten Schnittchen.«

»Du hast es wieder mal besonders eilig, Sandrart nachzueifern«, mischte sich jemand in ihr Geplänkel und hielt sie abermals vom Büfett ab.

Erstaunt drehte Vera sich um. Auch Arthur wandte sich dem Neuankömmling zu.

Die Art, wie die beiden einander ansahen und begrüßten, sprach Bände. Noch ehe der Unbekannte mehr gesagt hatte, begriff Vera, dass diese Begegnung weitreichende Folgen haben würde. Für sie alle.

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2

Darf ich vorstellen? Meine neue Kollegin, Vera Cohn – Ludger Trautner, seines Zeichens Bauingenieur und Bauunternehmersohn«, stellte Arthur vor. »Die Firma seines Vaters hat beim Altenheim natürlich kräftig mitgewerkelt. Ohne sie geht derzeit fast kein Bau in München. Davon abgesehen ist Ludger ein alter Freund von mir. Seit Kindertagen auf Rosen gebettet, was ihn trotzdem nicht vor Neid gegenüber uns Mittellosen schützt.«

Vera horchte auf. Bislang hatten Arthur und sie einander kaum Einblicke in Privates gewährt. Ebenso wie sie war er kein Freund allzu leichtfertig eingeräumter Nähe. Jetzt unverhofft einem seiner ältesten Freunde vorgestellt zu werden schien ihr fast ein Ritterschlag.

Neugierig musterte sie Ludger. Er war auffallend schmal und gut zwei Handbreit größer als Arthur. Obwohl er im selben Alter war, verlieh ihm das schüttere, helle Haar ein älteres, strenges Aussehen. Das hoben die rosige Färbung der Wangen wie auch die unbekümmert leicht nach oben gebogene Nasenspitze mit der winzigen Warze an der rechten Seite wieder auf. Die weitsichtigen Augen vergrößerten sich hinter dicken Brillengläsern auf Froschniveau.

»Mein Neid ist wohl berechtigt«, griff er Arthurs Spott auf. »Wie hast du es nur wieder geschafft, mit dem sündhaft teuren Luxusauto deines Chefs eine so reizende junge Dame chauffieren zu dürfen? Wie hat Sandrart es überhaupt geschafft, in der rauen Männerwelt des Baugeschäfts ein so rares Wesen wie eine Architektin aufzuspüren?«

»Es gibt Dinge, die musst du nicht wissen, auch wenn wir noch so eng befreundet sind«, erwiderte Arthur.

»Wissen Sie eigentlich, worauf Sie sich mit Arthur einlassen?«, wandte Ludger sich gleich wieder an Vera. »Achtung! Mein Freund hat es faustdick hinter den Ohren.«

»Was man von dir wohl auch behaupten kann«, schaltete Arthur sich von Neuem ein.

Das Pingpong zwischen den beiden amüsierte Vera.

»Darf ich dich an deine Verlobung erinnern? Kaum drei Wochen dürfte die her sein«, neckte Arthur seinen Freund. »Wenn auch noch nichts offiziell ist, ist es jetzt trotzdem höchste Zeit, dass du solide wirst und aufhörst, anderen Frauen schöne Augen zu machen. Eine so anständige Frau wie Ysabel hast du eigentlich gar nicht verdient.«

»Gratuliere zur Verlobung.« Vera schüttelte Ludger noch einmal die Hand. »Ich wünsche Ihnen und Ihrer Zukünftigen alles Glück dieser Welt.«

»Jetzt überraschen Sie mich aber«, spottete Arthur. »Täusche ich mich, oder bricht da gerade Ihre romantische Ader durch? Und ich dachte schon, Sie hätten sich nicht nur am Reißbrett, sondern auch in Ihrem Leben ganz dem Purismus verschrieben.«

»Gelegentlich sollten Sie selbst den Blick vom Zeichentisch heben«, gab Vera ebenso keck zurück. »Wie immer im Leben kommt es darauf an, zu wissen, was man will, am Reißbrett wie im Leben. Dann schließt das eine das andere auch nicht aus.«

»Bei Ihnen mache ich mir keine Sorgen. Sie wissen bestimmt jederzeit, was Sie im Leben wollen.«

»Sie etwa nicht? Falls Sie Bedarf haben, gebe ich Ihnen gerne Nachhilfe.«

»Eins zu null für Sie, Fräulein Cohn«, konstatierte Ludger amüsiert. »Darauf sollten wir anstoßen. Wie wäre es mit einem Glas Sekt?«

 

Horden von Halbverhungerten waren über das Büfett hergefallen. Auf den Platten und in den Schüsseln fanden sich nur mehr letzte Krümel. Außer dem Sekt erbeuteten sie lediglich noch eine Handvoll Kanapees und einige trockene Brezn. Dafür eroberten sie sich relativ schnell einen freien Stehtisch in einer abgelegeneren Ecke des mit bunten Lampions, Krepppapiergirlanden und Blumenkübeln geschmückten halbfertigen Saals.

Der unablässige Regen vor den leeren Fensterhöhlen ließ ebenso wenig nach wie das fröhliche Zuprosten und Geschirrklappern im Innern des Rohbaus. So unwirtlich die Atmosphäre während des offiziellen Teils im Dachstuhl gewesen war, so gemütlich ging es in dem provisorischen Festsaal im Erdgeschoss zu. Ohne Ansehen der Person und bar jeglicher Berührungsängste saßen Handwerker, Lieferanten, Vertreter der Stadt und Honoratioren mit ihren Begleiterinnen auf den schlichten Bierbänken Schulter an Schulter. Launig stießen sie miteinander auf das gemeinsam Geschaffte und das zukünftig noch zu Bauende an. Alle bewiesen reichlich Sitzfleisch und vor allem Trinkfestigkeit. Niemand hatte es eilig, wegzukommen, zumal es Samstag war und damit am nächsten Tag kein Arbeitstag anstand.

Zwischen den unverputzten Wänden hallten die Stimmen laut wider, der raue Zementboden tat ein Übriges, jedes Tischerücken auch im hintersten Winkel deutlich hörbar zu machen. Ob des Geräuschpegels schwirrte Vera bald der Kopf. Sie musste sich konzentrieren, um Arthur und Ludger zu verstehen.

»Haben Sie auch in München studiert?«, wollte Ludger von ihr wissen.

»Nein, in Aachen.«

Es freute Vera, wie selbstverständlich er sie nach dem Studienort fragte, ganz so, als hieße sie nicht Cohn und hätte nicht wegen Hitler eine so viel kompliziertere Geschichte als die meisten ihrer Altersgenossen hinter sich. Als wäre sie den ganz normalen Weg in Deutschland von Schule zu Studium und Beruf gegangen, trotz Krieg und Besatzungszeit.

Zugleich schloss sie aus dem »auch«, dass Arthur und er die Münchner Universität besucht hatten. Über solche Details aus ihrem Leben hatten sie bislang nie gesprochen, wie ihr bei der Gelegenheit auffiel, dabei redete Arthur eigentlich gern und vor allem viel.

Es war ein spannendes und wichtiges, gelegentlich allerdings auch bloßstellendes Thema. Die Professoren, bei denen man gelernt hatte, prägten einen lebenslang. Die jüngste Geschichte sorgte dafür, dass es wirklich eine Aussage war, wo man studiert und wen man sich zum Lehrmeister erkoren hatte: einen, der nach dem Krieg wieder oder zum ersten Mal auf eine Professur berufen worden war und die nach 1933 verpönte Moderne vertrat, oder einen, der bereits im Dritten Reich erfolgreich gewesen war und nach kurzer Pause wieder an das Althergebrachte anknüpfte und, ohne rot zu werden, so tat, als habe er schon immer das lang in Deutschland bekämpfte »Neue Bauen« als allein gültige Form der Architektur betrachtet.

Arthurs knappe Bemerkung zu den Äußerungen des Unbelehrbaren vorhin kam ihr in den Sinn. Als einen »früheren Anhänger der Heimatschutzarchitektur« hatte er ihn bezeichnet. Solche gab es leider zuhauf ausgerechnet in einflussreichen Positionen des Bauwesens, noch dazu auf allen Seiten, Behörden wie Bauträgern und Architekten. In den ersten Nachkriegsjahren hatten sie sehr schnell eine Kehrtwendung vollzogen. Zu gern würde Vera von Ludger und Arthur mehr darüber erfahren, wie sie zu dieser Haltung standen.

Schon wollte sie nachhaken, da kam Ludger ihr mit der nächsten Frage zuvor: »Wie sind Sie ausgerechnet bei Sandrart in München gelandet? Ist er in Aachen so bekannt, dass man sich aus der Ferne bei ihm bewirbt? Altenheime zu bauen, wie er es hauptsächlich tut, ist sicher nicht unbedingt der Traum einer jungen Architektin.«

»Einen Teil meiner Kindheit habe ich in München verbracht. Die Familie meines Vaters stammt von hier«, begann sie und warf einen Blick auf Arthur.

Bildete sie sich das ein oder kniff er gerade die Lippen zusammen? Natürlich konnte sich jeder ihres Familiennamens wegen zusammenreimen, wie das weitere Schicksal ihrer Verwandten ausgesehen hatte. Daran, das hatte sie in den letzten fünf Jahren in Deutschland gelernt, wollte jedoch niemand mehr erinnert werden, erst recht nicht von Leuten wie ihr, die sich »erdreistet hatten zurückzukehren«, wie ihr einmal jemand wütend an den Kopf geschleudert und wie wohl auch der Unbelehrbare gedacht hatte. Dabei wollte auch sie nicht mehr ständig an früher und an das Verlorene denken. Es war vorbei. Der einzige Blick, der möglich war, um mit dem Erlebten umzugehen, war der nach vorn. Auch deshalb hatte sie sich – ausdrücklich gegen den Rat ihrer Eltern – für eine Rückkehr nach München entschieden, die Stadt, in der sie als Kind die glücklichste Zeit ihres Lebens verbracht hatte und in der sie nach deren rücksichtsloser Zerstörung neue Paradiese und Himmelreiche für künftige Generationen errichten wollte. Zwar lebten Rike und Oscar auch wieder in Deutschland, allerdings nicht in München, sondern in Bonn. »An die Isar bringen mich keine zehn Pferde mehr zurück«, verweigerte ihre Mutter sich sogar jeder Stippvisite in ihrer einstigen Heimat.

»Das mit den Altenheimen ist ein guter Anfang, wenn man sich mit den Anforderungen des modernen Wohnungsbaus beschäftigt.« Vera beschloss, auf den sachlichen und damit weitaus weniger prekären Teil von Ludgers Bemerkung einzugehen. »Wohnungen werden dringender gebraucht denn je, wie wir alle wissen. Beim Bau von Altenheimen lernt man, sich ganz auf die Bedürfnisse der Nutzer zu konzentrieren und dennoch möglichst günstig für die Kostenträger zu bauen. Genau darauf kommt es jetzt an. Sandrarts Büro genießt einen ausgezeichneten Ruf. Neben den Altenheimen plant er außerdem noch andere Wohnsiedlungen. Darauf lässt sich also im wahrsten Wortsinn hervorragend aufbauen.«

»Habe ich es nicht eben schon gesagt? Sie wissen immer sehr genau, was Sie wollen«, nutzte Arthur betont munter die Pause, in der sie ihr Glas leerte. Wie ihr schien, wollte er so die weitere Richtung des Gesprächs bestimmen. Vermutlich war auch er froh über den Themenwechsel.

»Recht haben Sie! Nur so kommt man ans Ziel. Darauf sollten wir noch einmal anstoßen.« Ludger beeilte sich, die Gläser ein weiteres Mal zu füllen. Vorsorglich hatte er eine ganze Flasche beim Kellner geordert.

»Sie interessieren sich doch sicher auch nicht für alle Ewigkeit für den Bau von Altenheimen«, griff Vera das Stichwort wieder auf, sobald sie ihre Sektkelche abgestellt hatten. »Welche Pläne brüten Sie für Ihre Zukunft aus?«

Eigentlich hatte sie das mehr der Höflichkeit halber und ohne Hintergedanken gefragt. Sobald sie Arthurs und Ludgers betretene Mienen sah, erschrak sie. Peinliche Stille breitete sich aus. Verlegen wichen beide ihr aus.

Da hatte sie wohl einen Volltreffer gelandet! Ihr fiel ein, was Arthur vorhin über die immer gleichen Wünsche der Bauherren sowie Sandrarts Pragmatismus und dessen mangelnden Mut für Neues gesagt hatte. Offenbar hegte Arthur für die Zukunft andere Pläne als ihr gemeinsamer Chef. Und die hingen vermutlich eng mit seinem Freund, dem Bauingenieur und Bauunternehmersohn Ludger zusammen.

»Heute ist wohl wirklich mein Glückstag.« Sie musste lachen. »Erst ruiniere ich mir die neuen Schuhe im Baustellenmatsch, und jetzt erwische ich mit meiner Frage gleich ein riesiges Fettnäpfchen. Wollen Sie mir nicht wenigstens andeutungsweise erzählen, in welches Wespennest ich gerade gestochen habe? Ich werde auch brav den Mund halten. Darauf gebe ich Ihnen mein ganz großes Indianerehrenwort.«

Theatralisch hob sie die rechte Hand zum Schwur.

Arthur beschäftigte sich mit den letzten Krümeln auf seinem Teller, Ludger dagegen sah erst auf ihn, dann zu ihr, schließlich noch einmal zu seinem Freund, der den Blick weiter gesenkt hielt.

»Arthur und ich träumen von einem gemeinsamen Büro, das effizienteren Wohnungsbau anbietet«, begann er leise und räusperte sich. »Dabei werden sein Fachwissen als Architekt und meines als Bauingenieur eine besondere Rolle spielen. Wir arbeiten an einer starken Vereinfachung der Planung wie auch der Ausführung. Denkbar wäre eine Art Katalog von bestimmten Elementen, die individuell nach den Wünschen der Bauherren kombiniert werden.«

Ehe Arthur es verhindern konnte, steigerte Ludger sich in seine Begeisterung und legte die Karten offen auf den Tisch.

Natürlich war Vera bald klar, dass er sich und Arthur um Kopf und Kragen redete, sollten Sandrart und wohl auch sein Vater zu früh erfahren, was sie beide im Sinn hatten. Bestimmt würden die beiden ihnen Steine in den Weg legen, weil sie nicht auf ihre Mitarbeit verzichten wollten.

Ludgers Enthusiasmus war ansteckend, nicht nur für Vera. Nach einigem Zögern verwarf offenbar auch Arthur seine Bedenken und ergänzte die Ausführungen seines Freundes. Mit weitaus kühlerem und zugleich auch erfindungsreicherem Kopf als Ludger umriss er noch einmal die Grundidee, wog Chancen und Risiken gegeneinander ab, wenn sie auf das Anbieten bestimmter Elemente setzten, und bedachte das Für und Wider der engen Verbindung von Architekt und Bauingenieur.

»Damit schlagen wir mehrere Fliegen mit einer Klappe«, behauptete er kühn. »Der Planungsprozess wird vereinfacht, weil er von Anfang bis Ende in einer Hand liegt, der Bauprozess verkürzt sich, weil die einzelnen Phasen viel enger als bislang miteinander verzahnt sind, und die Kosten bleiben besser kalkulierbar, weil die von uns eingesetzten Module in sämtlichen Details im Vorhinein bekannt sind.«

Der Ansatz klang genial. Und wirkte schon ausgereift. Wahrscheinlich feilten sie schon seit Langem daran. Zudem war klar, wem welche Rolle in dem gemeinsamen Projekt zukam und wie eng und selbstverständlich sie miteinander arbeiteten. Das konnten sie wohl nur, weil sie einander schon lange kannten. Jeder war über die Stärken und Schwächen des Partners im Bilde, wusste, wo sie sich ergänzten und wo sie sich im Weg standen und wie sie das verhindern konnten. Letztlich vertrauten sie einander blind. Eine solche Freundschaft war Gold wert. In Vera keimte Neid.

Von Arthurs weiteren Ausführungen hörte sie bald nur noch einzelne Satzfetzen wie »besondere Anforderungen an die Effizienz«, »Konzentration auf moderne Wohneinheiten nach den Erfordernissen der Zeit« oder »weitaus leistungsfähiger als die Konkurrenz«. Wie gern sie seiner Stimme lauschte. Darüber schweiften ihre Gedanken ab. Er gefiel ihr immer besser, nicht nur als Kollege, auch als Mann.

Durfte sie das? War es möglich, dass sie, die aus dem Exil zurückgekehrte Tochter eines Juden, sich keine zehn Jahre nach dem Ende der Nazizeit in einen jungen Deutschen verliebte? Wie aus dem Nichts sah sie Bill Dawson vor sich, ihre erste große Liebe auf der Highschool in New York.

»Eines Tages wirst du zurückgehen, einen netten jungen Deutschen kennenlernen, dich verlieben, alles verzeihen und vergessen«, hatte er prophezeit.

»Völlig ausgeschlossen!«, hatte sie erbost erwidert.

Sie musste an die verlorenen Freunde und Verwandten denken. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Warum kochte die Vergangenheit bei jeder Gelegenheit wieder hoch? Sie wollte doch nur noch nach vorn schauen. Hatte sie kein Recht auf eine unbeschwerte Zukunft? Durfte sie nicht einfach ihren Gefühlen nachgeben? Sie schluckte, um die Tränen niederzuringen.

»Sind Sie mit dabei?«

Ludger rüttelte sie sacht am Arm. Sie schreckte auf.

»Wie? Was?« Verwirrt sah sie ihn an. Wie sie seinem Blick entnahm, hatte sie da gerade weitaus mehr verpasst als nur das abschließende Fazit zum geheimen Vorhaben der beiden. Jetzt war sie es, die sich ertappt fühlte. Ihre Wangen begannen zu glühen. Zum Glück lösten die beiden Freunde die Situation schnell auf.

»Das Fußballspiel morgen, großes Finale in Bern, Deutschland gegen Ungarn«, wiederholte Arthur die Stichworte, die sie ihr offenbar schon einmal genannt hatten.

»Sicher haben Sie mitbekommen, welche Sensation der deutschen Mannschaft gelungen ist. Wir stehen im Endspiel der Weltmeisterschaft!«

Ludger strahlte übers ganze Gesicht. Unmerklich zuckte Vera zusammen. Noch der kleinste Anflug von Patriotismus flößte ihr Unbehagen ein. Sie war zu empfindlich. Außerdem war sie selbst in Deutschland geboren, hatte einen deutschen Pass und zählte zu den Deutschen. Ludger hatte ausdrücklich »wir« gesagt und sie ganz selbstverständlich eingeschlossen. Sie gehörte dazu, genau wie alle anderen. Deshalb war sie doch wieder da.

»Natürlich wollen wir uns das mit Freunden und Kollegen in einer Fernsehstube ansehen«, ergänzte Arthur.

Vera war sich nicht sicher, ob er ihre Verwirrung registriert hatte.

»Wäre fein, wenn Sie uns dabei Gesellschaft leisteten.« Ludger strahlte noch immer. Er zumindest hatte offenbar nichts von ihrer Unsicherheit bemerkt. »Meine Verlobte und einige andere Damen sind auch dabei. Sie wären also nicht allein unter Männern.«

 

»Ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn Sie morgen mit zum Fußballschauen kämen«, wiederholte Arthur die Einladung, nachdem er sie am frühen Abend mit Sandrarts schickem BMW vom Richtfest in Forstenried in die Agnesstraße in Schwabing chauffiert hatte. Dort bewohnte sie ein möbliertes Zimmer bei einer betagten Professorenwitwe, die noch ihren Großvater, den Philosophieprofessor Daniel Cohn, gekannt hatte.

Arthurs neuerliche Einladung klang fast schon flehentlich. Das rührte Vera. Dennoch zögerte sie mit ihrer Zusage. Eigentlich war sie anderweitig verabredet, ebenfalls zum Fußballschauen. Ausgerechnet mit Constantin, dem einzigen Freund aus Kindheitstagen, der ihr in München geblieben war. Sie war froh, wie selbstverständlich sie bei ihrer Rückkehr vor knapp fünf Wochen an die alte Vertrautheit hatten anknüpfen können. Auf das gemeinsame Fernsehschauen freuten sie sich seit Tagen.

»Ich muss erst noch …«, setzte sie an und brach sofort wieder mittendrin ab.

Einen Wimpernschlag lang war Arthur irritiert. Enttäuschung blitzte in seinen himmelblauen Augen auf. Vera wollte ihm tröstend die Hand auf den Arm legen, da fing er sich bereits wieder und versicherte ihr mit seinem charmanten Lächeln: »Überlegen Sie sich gut, was Sie jetzt sagen. Diesen Knaller dürfen Sie sich einfach nicht entgehen lassen. Sie werden viel Spaß mit uns haben. Es ist eine sehr nette Runde. Sie passen bestens dazu.«

Hatte er das gerade tatsächlich gesagt? Sie hätte aufjauchzen mögen vor Glück! Wann hatte sie solche Worte zuletzt gehört? Noch dazu von jemandem, der ihr derart gut gefiel?

»Ich habe zwar keine Ahnung von Fußball, aber wenn Sie so nett bitten …«

»Sie wären die erste Frau, die ich kenne, die Ahnung von Fußball hat.«

»Und trotzdem laden Sie mich dazu ein?«

»Es gibt schlimmere weibliche Eigenheiten.«

»Das nehme ich jetzt einfach mal als Kompliment.«

»So war es auch gemeint.«

Seine Stimme wurde leise und weich. Vera verspürte ein wohliges Kribbeln. Sie hatte die richtige Entscheidung getroffen. Es ging um ihre Zukunft. Constantin würde das verstehen. Letztlich war er mehr als ein guter Freund. Eigentlich war er der große Bruder, den sie nie gehabt hatte.

»Die Gastwirtschaft ist nicht weit vom Rotkreuzplatz in Neuhausen«, hatte Arthur es zu ihrem Bedauern plötzlich eilig. Die Situation wurde ihm wohl zu heikel. Sie musste schmunzeln. Dabei war er es gewesen, der als Erster ein eindeutiges Signal ausgesandt hatte. Männer! Immer wieder schreckten sie im letzten Moment vor der eigenen Courage zurück. Von Neuem dachte sie an Bill, dieses Mal allerdings mit einem breiten Lächeln auf den Lippen. Ihren ersten Kuss hatte sie ihm gegeben, nachdem er im letzten Moment einen Rückzieher gemacht hatte. Hoffentlich blieb sie nicht zeit ihres Lebens diejenige, die zum ersten Schritt verdammt war.

»Ich hole Sie gegen vier Uhr nachmittags ab«, brachte Arthur sie in die Gegenwart zurück. »Das heißt natürlich, sofern es Ihnen nichts ausmacht, in meinen schlichten Käfer zu steigen, nachdem Sie heute so vornehm im BMW chauffiert wurden.«

»Der ›Barockengel‹ wäre mir zwar lieber, aber deswegen zu Fuß zu gehen ist bei dem Wetter auch keine Alternative.«

»Vor allem nicht, wenn Sie sich nicht ein weiteres Paar Schuhe ruinieren wollen.«

»Mal schauen, was ich mir stattdessen in Ihrem schnöden Käfer ruiniere.«

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3

Im Bus herrschte großes Gedränge. Großmama Rebeccas Skizzenbuch eng an die Brust gedrückt, den nassen Schirm unter den Arm geklemmt und eine Hand in der ledernen Halteschlaufe, versuchte Vera, die Balance zu halten. Sie gab ihr Bestes, um dem unwirsch schauenden Herrn mit der schiefen Brille direkt vor ihr nicht zu nahe zu rücken. Das war jedoch alles andere als einfach. Immer wieder stockte der Bus mitten in der Fahrt, bremste ab, neigte sich schwungvoll in die Kurve. Auf dem nassen Kunststoffboden fanden Veras Schuhe kaum Halt. Es war wie das Schlittern auf einer rutschigen Eisbahn. Wie gerne hätte sie einfach losgelassen und vor Freude laut gejauchzt. Als kleines Mädchen hatte sie das geliebt! Deutlich hörte sie die Ermahnungen ihrer Großmutter, die allerdings nie so ganz ernst gemeint gewesen waren, weil Rebecca selbst größten Spaß an solchem Unsinn gehabt hatte.

Constantin grinste. In seinen nahezu schwarzen Augen blitzte Übermut auf. Am liebsten würde er wohl ebenfalls auf der Stelle losrutschen. Der unwirsche Herr stand jedoch genau zwischen ihnen. Wie viel leichter wäre es, wenn er mit Constantin den Platz tauschen würde! Dann könnten Vera und Constantin sich wenigstens ein bisschen Spaß gönnen und sich gegeneinanderfallen lassen.

Veras Blick glitt über die Schultern und Köpfe der Fahrgäste zu den Seitenfenstern. Unablässig klatschte der Regen gegen die Scheiben. Vom Atem der Fahrgäste waren sie beschlagen. Einer wischte mit der Faust ein kleines Loch frei. Dennoch war kaum etwas von den vorbeiziehenden Bäumen und Sträuchern entlang der Straße durch den Englischen Garten zu sehen. Nicht eben das ideale Wetter für einen Spaziergang. Doch sie hatte Constantin versprochen, ihn wenigstens am Vormittag auf den altvertrauten Pfaden ihrer Kindheit zu begleiten, wenn sie ihn schon am Nachmittag anders als ursprünglich vereinbart zugunsten des Fußballspielschauens mit Arthur und Ludger versetzte.

Seit sie Ende Mai nach München zurückgekehrt war, unternahmen sie fast jeden Sonntag diese Touren. Natürlich hatte sie die erste gleich vor Veras früheres Zuhause in der Paradiesstraße ins Lehel geführt. Es stand nicht mehr. Auch die Nachbargebäude, in denen Rosi, Brigitte und Rudi gewohnt hatten, waren verschwunden. Tiefe Baugruben verrieten, dass bald neue Gebäude die Lücken schließen würden. Vera hoffte, darin würden Kinder ähnlich glückliche Zeiten verleben wie sie und ihre Freunde damals in ihren vier Münchner Jahren.

Sie presste sich das Skizzenbuch fester gegen die Brust. Zumindest Großmamas Zeichnung der Straße war ihr geblieben. Abends vor dem Einschlafen holte sie sie gern hervor und tauchte in Erinnerungen ab.

Heftig bremste der Bus am Chinesischen Turm, und Vera wurde nun doch dem unwirschen Herrn direkt in die Seite geschleudert.

»Verzeihung!«, murmelte sie. Er knurrte empört etwas Unverständliches.

Ohne ihn anzusehen, schlängelte sie sich zur Tür. »Endlich wieder frische Luft!«, atmete sie nach dem Aussteigen tief durch und beeilte sich, den Regenschirm aufzuspannen. Das kostbare Skizzenbuch presste sie sich noch enger gegen die Brust. Sie brauchte keinen Blick auf die Zeichnung zu werfen, sie hatte auch so genau vor Augen, wie ihre Großmama darin in wenigen Strichen diese Bushaltestelle festgehalten hatte. Wie oft war sie Ziel gewesen auf gemeinsamen Nachmittagsausflügen zu jeder Jahreszeit. Wann immer Vera im Exil die Skizzen angeschaut hatte, hatte sie sich ausgemalt, wie sie eines Tages von Neuem die vertrauten Pfade gehen und sich die geliebten Orte wieder anschauen würde. Natürlich gemeinsam mit Großmama Rebecca und Großpapa Daniel. Jetzt begleitete Constantin sie an deren statt.

Manche Ecken waren noch erstaunlich gut erhalten, andere nach der Zerstörung täuschend echt wiederhergestellt und manches wohl für immer verloren. Vera war nicht zuletzt deshalb Architektin geworden und nach München zurückgekehrt, um die verlorenen Winkel im Sinn ihrer Großmutter wiederaufzubauen. Allerdings ohne die vielen Schnörkel von früher, stattdessen glatt und gerade, befreit von der schweren Last der Vergangenheit. Das hätte sich Großmama als Neuanfang gewünscht. Sie spürte, wie ihr die Augen feucht wurden. Verschämt wischte sie mit der freien Hand darüber.

»Es war deine Idee, den Bus zu nehmen«, erklärte Constantin und öffnete ebenfalls seinen Schirm. Obwohl Vera groß gewachsen war, überragte er sie noch einmal um mehr als einen Kopf. Seine schlanke Figur wie die auffallend langen Arme und Beine ließen ihn regelrecht riesig wirken, ein Eindruck, der durch den Schirm über dem Kopf noch verstärkt wurde.

»Mit Großmama bin ich oft diese Linie gefahren. Deshalb mussten wir auch heute den Bus nehmen, genau so, wie Großmama es mit uns getan hätte.«

»Die Einkehr in den Biergarten schenken wir uns hoffentlich.«

Mit dem Kinn nickte Constantin auf die Bänke und Tische, die zum Schutz vor der Nässe schräg gestellt waren. Die gähnende Leere rund um den berühmten fünfstöckigen Holzturm hatte an diesem ersten Julisonntag etwas Trostloses. Bei schönem Wetter saß die Musikkapelle auf den oberen Plattformen.

»Ausnahmsweise«, entgegnete Vera augenzwinkernd und hakte sich bei ihm ein. Es dauerte einen Moment, bis sie die Schirme über ihren Köpfen sortiert hatten. »Auch wenn ich mir seit Jahren nichts sehnlicher wünsche, als wieder hier zu sitzen, eine Zitronenlimonade zu trinken und eine Brezn zu essen.«

»Zum Glück sind die Zeiten vorbei, in denen dir das jemand verbieten konnte.«

»Großpapa hat sich nie darum geschert, dass wir als Juden nicht mehr hier sitzen durften.« Trotz stieg in Vera auf. »›Mit weitaus größerem Recht als Hitler bin ich Münchner‹, hat er immer gesagt. Seine Familie lebte schon seit Generationen hier. Deshalb hat er auch darauf bestanden, seine geliebten Biergartenbesuche beizubehalten, und Großmama ist immer tapfer mitgegangen.«

»Deine Großeltern waren zwei besondere Menschen. Immer mutig und aufrecht, trotz allem, was ihnen unter den Nazis Furchtbares widerfahren ist. Wenn es einen Himmel gibt, dann haben sie dort die besten Logenplätze verdient.«

»Lass uns zum Haus der Kunst gehen«, überging Vera die Bemerkung. Es tat zu weh, sich daran zu erinnern, welch grausiges Ende die beiden gefunden hatten. Ihre Namen hatten bereits auf der Liste des ersten Transports Münchner Juden nach Kaunas gestanden. Das hatte Veras Vater gleich nach dem Krieg erfahren. Von dort war niemand lebend zurückgekehrt.

»Hat deine Großmutter den hässlichen Klotz etwa auch in ihrem Skizzenbuch verewigt?«, erkundigte Constantin sich, als Hitlers Kunstbau in der Ferne zu erahnen war.

»Nein. Dabei kann ich mich noch gut an die Zeit erinnern, als er gebaut wurde. Fast jeden Tag sind wir an der Baustelle vorbeispaziert. Großmama hat sich furchtbar über den pompösen Säulengang auf der Südseite mokiert. Nie hätte sie das Ungetüm freiwillig gezeichnet. Trotzdem gehört er zu unserer heutigen Tour dazu. Hoch erhobenen Hauptes sind meine Großeltern kurz nach Eröffnung in Hitlers Ausstellung ›deutscher Kunst‹ marschiert. Die war Juden natürlich verboten. ›Wenn dort echte deutsche Kunst gezeigt wird, sollten doch eigentlich gerade die sie sehen, die angeblich keine Ahnung davon haben‹, hat Großmama gesagt. Dass in Hitlers einstigem ›Tempel deutscher Kunst‹ genau das gezeigt wird, was die Nazis als ›entartet‹ bezeichnet haben, wäre eine große Genugtuung für sie.«

»Schade, dass Rebeccas Bilder verschollen sind. Sie würden bestens in die derzeitige Ausstellung passen.«

»Sie hätten einen Ehrenplatz verdient.«

Vera tastete nach dem kostbaren Skizzenbuch unter ihrem Mantel. Es war das Einzige, was ihr vom Werk ihrer Großmutter geblieben war. Ein Londoner Kunsthändler hatte ihr bereits eine atemberaubende Summe dafür geboten. Immerhin hatte Rebecca Cohn einst zu den bedeutendsten Münchner Malern gezählt. Doch Vera würde es niemals verkaufen. Sie gab es immer nur kurzzeitig und immer nur unter ihrer Aufsicht aus der Hand. Aus Angst, es zu verlieren oder bestohlen zu werden, bewahrte sie es in ihrem Zimmer sogar in einem wöchentlich wechselnden Versteck auf.

»Hast du schon von den turbulenten Faschingsbällen gehört, die die Künstler-Genossenschaft seit einigen Jahren hier feiert?«, fragte Constantin, als sie das Südende des Englischen Gartens erreicht hatten. Hinter den Baumwipfeln ragte die graue Fassade des Hauses der Kunst auf. »Versprich mir, dass du mich im nächsten Jahr dorthin begleitest. Das sind wir deinen Großeltern schuldig.«

»Soll das etwa jetzt schon eine Einladung sein?«

»Keine Einladung, sondern eine eindringliche Aufforderung«, erwiderte er schmunzelnd. »Eine Absage werde ich nicht akzeptieren. Ich muss sichergehen, dass du mich nicht wieder kurzfristig sitzen lässt wie bei der heutigen Übertragung des Fußballendspiels. Du ahnst nicht, was du mir damit angetan hast. Wie soll ich je darüber hinwegkommen?«

Er blieb stehen und legte sich theatralisch die Hand aufs Herz.

Sie wurde unsicher. Meinte er das jetzt doch ernst?

»Ich wusste gar nicht, dass dir so viel daran liegt«, begann sie vorsichtig. »Du weißt, wie wenig Ahnung ich von Fußball habe. Es wird alles andere als ein Vergnügen, mit mir vor dem Fernseher zu sitzen.«

Um das Glühen ihrer Wangen zu verbergen, lief sie rasch weiter.

»Ahnung hast du davon mindestens so viel oder so wenig wie ich.« Constantin folgte ihr dicht auf den Fersen. Sein munterer Ton verriet, wie unbegründet ihre Sorge gewesen war.

»Wenn das ganze Land vom Fußballfieber infiziert ist, können doch nicht ausgerechnet wir beide uns dem entziehen«, setzte er nach, sobald sie die nassen Mäntel und Schirme in der Garderobe abgegeben hatten.

Das Skizzenbuch weiter fest vor der Brust, wandte Vera sich einem der Ausstellungssäle zu. Constantin blieb an ihrer Seite. Es gefiel ihr, die überwiegend abstrakten Gemälde und Plastiken direkt neben Hitlers einstiger »Ehrenhalle« präsentiert zu sehen. Das rege Interesse der Münchner, die sich dicht an dicht vor den lange verpönten Kunstwerken drängten, war eine weitere Bestätigung. Großmama Rebecca hatte es richtig vorhergesehen. Auf Dauer hatte sich die verblendete Kunstauffassung der Nationalsozialisten nicht halten können. Inzwischen dürsteten die Menschen regelrecht danach, sich einen Überblick über die Gegenwartskunst und ihre sehr unterschiedlichen Stile zu verschaffen.

»Du hast es doch auch mitbekommen, wie sich unsere tapferen Jungs Runde um Runde gegen einen Favoriten nach dem anderen durchgesetzt haben«, fuhr Constantin unterdessen mit dem Fußballthema fort. »Zu Beginn der Weltmeisterschaft hat niemand auch nur ernsthaft in Erwägung gezogen, sie kämen je über die Vorrunde hinaus. Wie überrascht war nicht nur die Fußballwelt, dass sich Sepp Herbergers Burschen als liebenswürdige, brave Spieler erwiesen. Endlich einmal schicken wir Deutschen uns an, ein anderes Land fair nach festen Regeln und rein sportlich zu bezwingen. Endlich einmal dürfen auch wir guten Gewissens wieder stolz auf unser Land sein – und das keine zehn Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation!«

Er strahlte Vera an. Im grellen Licht der Ausstellungsbeleuchtung war der Spott in seinen Augen unverkennbar.

»Ein solches Erlebnis verbindet auf friedlichste Weise«, sprudelte es weiter aus ihm hervor. »Unbedingt sollten wir uns das Spiel mit Menschen ansehen, die uns besonders wichtig sind, wie etwa Kollegen aus dem Büro. Das dient dem Gemeinschaftsgefühl. Oder hast du etwa einen anderen Grund, dich heute Nachmittag lieber mit deinen Kollegen als mit mir vor den Flimmerkasten zu setzen?«

Ertappt! Ihr Kopf musste die Farbe einer überreifen Tomate angenommen haben. Dabei hätte sie wissen müssen, wie leicht er sie durchschauen würde. Sie kannten einander einfach zu gut.

Am liebsten hätte sie ihm jetzt wie früher wütend die Zunge herausgestreckt, sich umgedreht und wäre davongerannt. Für solche Albernheiten aber waren sie inzwischen zu alt. Von Neuem versuchte sie, ihm durch rasches Weitereilen zum nächsten Kunstwerk lange genug zu entkommen, bis ihr Teint wieder einigermaßen normal geworden war.

»Spielen wir jetzt Nachlaufen?« So schnell es in dem Gedränge der Kunstinteressierten möglich war, schloss er wieder zu ihr auf. »So, wie es hier zugeht, wird das wohl eher ein Hindernislauf.«

»Ich wollte in einen ruhigeren Saal«, flunkerte sie und atmete auf, als sie tatsächlich eine weniger stark frequentierte Ecke erreichten.

Die Erleichterung währte jedoch nur kurz. Fast allein fanden sie sich vor einem düsteren Gemälde eines jungen Künstlers wieder, der den Schrecken der Atombombenexplosion in Japan in die unterschiedlichsten Grau- und Schwarztöne gebannt hatte. Zutiefst schockiert betrachteten sie das Bild.

»Sehr bedrückend«, kommentierte Constantin, nachdem sie eine Weile schweigend davorgestanden hatten.

»Man spürt den ganzen Schrecken, der darin steckt.«

Instinktiv tastete Vera nach seiner Hand. Es beruhigte sie, den Gegendruck zu spüren. Sie brauchte ihn nicht anzusehen. Sie wusste auch so, dass sie dasselbe dachten. Das war früher schon so gewesen, als sie noch Kinder gewesen waren und allmählich begriffen hatten, wie sich alle Welt gegen sie und ihre Eltern gewandt hatte. Sie biss sich auf die Lippen. Eine dicke Träne rann ihr über die Wange. Es gab wohl eine Vertrautheit, die nie verging.

»Es muss dir nicht peinlich sein, dass du mich heute Nachmittag versetzt.« Bevor er weitersprechen konnte, räusperte er sich zwei-, dreimal. »Es ist völlig in Ordnung, dass du dich nach neuen Freunden umsiehst. Das Leben geht weiter. Wir können nicht ewig trauern und dürfen nicht in jedem anderen Deutschen einen Schuldigen vermuten. Das macht unsere Toten nicht wieder lebendig und das Leben hier sowieso nur unerträglich. Die einzig logische Konsequenz daraus wäre das endgültige Weggehen. Dagegen aber hast du dich bereits entschieden.«

Von Neuem versagte ihm die Stimme. Sie schmiegte sich an ihn. Sie wusste, wie schwer es auch für ihn war, über die Vergangenheit zu reden. Die Nazis hatten seine Familie entzweit. Seine Eltern waren wie auch die ihren von Beginn an gegen Hitler gewesen, der Bruder seines Vaters hatte den Führer dagegen schon früh verehrt. Erst durch den schrecklichen Unfalltod von Constantins Eltern kurz vor der geplanten Ausreise ins rettende Exil war er von seiner Begeisterung für die braunen Schergen abgerückt. Eine tiefe Depression hatte ihn daraufhin erfasst, vermutlich infolge der Vorwürfe, die er sich wegen des Todes seines Bruders machte. Allein dem beherzten Eingreifen seiner Tante Viktoria hatte Constantin es zu verdanken, den Krieg einigermaßen unbeschadet überstanden zu haben. Sie hatte auch das Familienerbe, eine einst gut gehende Maschinenfabrik, über die schwere Zeit gerettet und nach dem Krieg zusammen mit einer ihrer Töchter wiederaufgebaut.

»Du hast recht. Wenn wir uns unsere Zukunft in Deutschland selbst versagen, hätte Hitler letztlich doch gesiegt.« Vera zwang sich zu einem aufmunternden Lächeln. Das hatte sie schon einmal gesagt, direkt nach Kriegsende. Noch immer glaubte sie fest daran. Auch wenn es verdammt schwer war.

»Bist du deshalb zurückgekommen?«

»Auch.«

 

Arm in Arm spazierten sie nach dem Museumsbesuch durch den Hofgarten zur Haltestelle der Elektrischen am Odeonsplatz. Der Regen hatte zwar nachgelassen, doch sie mussten noch immer unter aufgespannten Schirmen gehen. Dabei war es mehr ein umsichtiges Balancieren auf den einigermaßen festen Streifen der hellen Kieswege und ein stetes Überspringen kleinerer und größerer Pfützen, bis sie die überdachten Arkaden seitlich des Hofgartens erreichten. Außer ihnen waren nur wenige andere Spaziergänger unterwegs. Das aber konnte auch an der Mittagszeit liegen, die vom Läuten der Kirchturmglocken an der Theatinerkirche angekündigt wurde.

»Wie wäre es mit einem verspäteten Weißwurstfrühstück?« Constantin hatte zu seiner gewohnten Munterkeit zurückgefunden und sah sie erwartungsvoll an.

»Nach dem Mittagsläuten?«

»Im Donisl gibt’s immer welche.«

»Hoffentlich mit röschen Brezn.«

Die Aussicht beschleunigte ihre Schritte. Fast schon im Laufschritt eilten sie die Residenzstraße hinunter. Trotz der Eile konnte sie es sich nicht verkneifen, den vier Löwen vor den Eingängen über die goldglänzenden Nasen zu streichen. Das sollte Glück bringen, hatte sie als kleines Mädchen von ihren Großeltern gelernt.

»Glaubst du etwa immer noch daran?« Ein wenig unwirsch wartete Constantin in einigen Schritten Entfernung auf sie. Komplett in Schwarz gekleidet und mit dem schwarzen Schirm über dem schwarzen Hut auf dem tiefschwarzen Haar wirkte er unheimlich, vor allem, wenn er sich auch noch das Lächeln verkniff wie in diesem Moment.

»Vor einer so schicksalsträchtigen Entscheidung wie heute schadet das nicht«, erwiderte sie vergnügt. »Komm schon, du alter Griesgram! Hast du mir nicht vorhin einen klugen Vortrag über die Bedeutung des heutigen Fußballspiels für unser geliebtes Heimatland und unser aller Gemeinschaftsgefühl gehalten?«

»Musst du mich immer so wörtlich nehmen?« Sein Antlitz hellte sich auf.

»Dein Wort ist mir heilig. Schließlich bist du der Ältere und Klügere von uns beiden.«

»Als ob dich das je groß interessiert hätte.«

Wie beschlossen, bestellten sie im Donisl Weißwürste und Brezn. Vera verzichtete auf das Weißbier, was ihr einen missbilligenden Blick des Obers eintrug, noch dazu, als sie stattdessen wie eine amerikanische Touristin »Coke, please« orderte. Um den Spaß weiterzutreiben, sprachen Constantin und sie fortan Englisch miteinander.

»Versprich mir, gut auf dich aufzupassen«, verabschiedete er sie knappe zwei Stunden später am Stachus von Neuem mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit.

»Was wird das? Die große Abschiedsrede? Keine Sorge, ich wandere nicht wieder aus, sondern gehe lediglich mit Kollegen weg«, neckte sie ihn. Im selben Moment musste sie durch einen Schritt auf die Fahrbahn einem entgegenkommenden Schirm ausweichen. Der Mann darunter achtete weder auf den Weg noch auf die anderen Fußgänger.

»Gerade deswegen.« Energisch zog Constantin sie zurück auf den schmalen Gehsteig, gerade noch rechtzeitig, bevor ein Auto viel zu schnell und zu dicht an ihr vorbeibrauste. Schmutziges Pfützenwasser spritzte auf. Angewidert drehte sie sich ab.

»Übertreibst du jetzt nicht?«, fragte sie, nachdem sie die abperlenden Regentropfen vom hellen Popelinemantel gestrichen hatte. »Vorhin hast du dich noch ganz anders angehört.«

Hin- und hergerissen zwischen Belustigung und Beunruhigung musterte sie ihn. Er wich ihrem direkten Blick aus, inspizierte stattdessen seine Schuhspitzen, die deutliche Spuren ihres Spaziergangs durch den nassen Hofgarten trugen.

Niemand konnte so verloren aussehen wie er. Diese Kunst hatte er schon als Kind wie kein anderer beherrscht und damit erfolgreich nach Mitleid wie auch Beachtung geheischt. Leider hatte man nie leicht erkennen können, wann er es nur als Attitüde gebrauchte und wann es ihm ernst damit war.

»Was ist eigentlich mit dir?«, fragte sie und wartete, bis er den Blick hob. »Hast du dir inzwischen auch dein eigenes Leben aufgebaut und neue Freunde gefunden? Wann lerne ich sie kennen?«

Statt zu antworten, beugte er sich vor und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. Bevor sie nachhaken konnte, wandte er sich ab, um in großen Schritten zur Linie 3 zu sprinten. Unter energischem Klingeln machte deren weiß-blauer Wagen auf seine Ankunft aufmerksam.

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4

Der Regen hatte aufgehört. Vera beschloss, das Risiko einzugehen und auf den Schirm zu verzichten. Am Ende vergaß sie ihn sonst nur in der Gaststube.

Kaum dachte sie daran, was sie gleich erwartete, beschleunigte sich ihr Herzschlag. Albern! Genauso albern, wie schon einige Minuten vor vier Uhr vor der Haustür zu stehen und auf Arthur zu warten. Constantin hätte seine helle Freude daran gehabt, sie in diesem Moment zu beobachten. Sofort würde er lästern. Bei jedem Motorengeräusch beugte sie sich nach vorn, um besser auf die Straße zu sehen. Was musste Arthur denken, wenn er sie so sah?

In der Wohnung hatte sie es nicht mehr ausgehalten. Zwar hatte sie nach ihrer Rückkehr von der Verabredung mit Constantin brav eine Tasse Kaffee mit ihrer Zimmerwirtin getrunken sowie ein Stück ihres vorzüglichen Guglhupfs gegessen und ihr dabei von der Ausstellung im Haus der Kunst erzählt. Dann aber war ihre Unruhe unerträglich geworden, und sie hatte sich eilig verabschiedet.

Das typische Tuckern eines Käfers näherte sich. Vera strich eine dunkle Locke hinters Ohr und setzte ein unbekümmertes Lächeln auf. Schon hielt der dunkelgraue VW am Straßenrand, und Arthur Brandt stieg aus.

»Welch ein Empfang!«, begrüßte er sie amüsiert. »Warten Sie schon lange?«