Der Hoffnungsvogel - Kirsten Boie - E-Book
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Der Hoffnungsvogel E-Book

Kirsten Boie

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Beschreibung

Kirsten Boie erzählt uns ein Märchen von der Hoffnung auf Frieden unter den Menschen.   Jabu und seine Mutter, die gute Königin, leben im Glücklichen Land in der königlichen Kate. Wann immer es Entscheidungen zu treffen gilt, kommt das Volk in ihrem Garten zusammen. Eines Tages aber mehren sich Zank und Missgunst unter den Menschen: Der Hoffnungsvogel singt nicht mehr über dem Glücklichen Land. Nun ist es an Jabu, ihn zurückzuholen. Die Aufgabe macht Jabu Angst und er ist froh, dass Alva, die Tochter der Leuchtturmwärterin, ihn begleitet. Mit einem alten Schiff, fahren die Kinder weit übers Meer, um den Hoffnungsvogel zu suchen. Auf ihrer abenteuerlichen Mission sind es nicht etwa Schwerter und Waffen, die sie stark machen, sondern eine kleine, tröstliche Melodie, die ihnen Alvas Mutter mit auf die Reise gegeben hat. Der Roman von Kirsten Boie ist ein vielschichtiges, zeitgemäßes und kluges Märchen. Es erzählt von der Hoffnung, dass eines Tages alle Menschen friedlich miteinander leben sowie von der Kraft des Verzeihens und der Güte, mit der wir einander retten könnten.  Starker Roman, der tief bewegt und noch lange nachklingt. Meisterhaft erzählte Parabel über die Menschlichkeit, ein Hoffnungsschimmer in schwierigen Zeiten. Von der mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichneten Kirsten Boie. Schlägt einen Bogen zwischen Fantasie und Wirklichkeit – zum Vorlesen und Selberlesen. Lass dich von Katrin Engelkings farbenprächtigen Illustrationen verzaubern!

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Über dieses Buch

Jabu und seine Mutter, die Gute Königin, leben im Glücklichen Land in der königlichen Kate. Wenn es Entscheidungen zu treffen gilt, kommt das ganze Volk in ihren Garten und berät sich beim Kuchenessen. Eines Tages aber werden viele unter ihnen zänkisch und missgünstig, und die Menschen helfen einander nicht mehr. Bald wird klar: Der Hoffnungsvogel singt nicht mehr über dem Glücklichen Land. Jetzt ist es an Jabu, ihn zurückzubringen. Doch die große Aufgabe macht ihm Angst und er ist froh, dass Alva, die Tochter der Leuchtturmwärterin, ihn begleitet. Mit der Heldenhaften Helene, dem alten Schiff des Kühnen Kapitäns, machen sie sich zu zweit auf den Weg. Waffen können ihnen ihre Mütter nicht mitgeben, aber eine tröstende Melodie.

 

Kirsten Boie erzählt in diesem Märchen zum Vorlesen und Selberlesen von der Bedeutung von Trost und Güte und von der Hoffnung, dass wir eines Tages alle friedlich miteinander leben können.

1. Kapitel in dem du das Glückliche Land kennenlernst

Du musst dich überhaupt nicht wundern, wenn du noch nie vom Glücklichen Land gehört hast, und peinlich sein muss es dir schon gar nicht. Frag einfach deine Mama und deinen Papa, am besten auch noch Oma und Opa und deine Lehrerin: Ich gehe jede Wette ein, dass sie es auch nicht kennen.

Vielleicht liegt das daran, dass das Glückliche Land nicht so leicht zu finden ist. Aber auch wenn du nicht hinreisen kannst, möchtest du ja vielleicht trotzdem wissen, woher es seinen Namen hat?

Wahrscheinlich brauchst du meine Erklärung gar nicht. Das Glückliche Land heißt natürlich, wie es heißt, weil die Menschen dort glücklich sind und weil sie alle immerzu alles dafür tun, dass es nicht nur ihnen selbst, sondern auch allen anderen gut geht. Und meistens klappt das ganz prima. Welcher andere Name hätte da denn wohl besser gepasst?

Vielleicht war das Land auch deshalb so glücklich, weil es alles gab, was die Menschen brauchten, und wenig, worüber sie streiten mussten. Für jede Arbeit war jemand da, der sie tun konnte, und das war immer genau derjenige, der diese Arbeit am liebsten tat. Die Bäcker konnten sich nichts Schöneres vorstellen, als zu backen, und die Schornsteinfegerinnen taten nichts lieber, als Schornsteine zu fegen. Die Leuchtturmwärterin freute sich jeden Abend, das Licht in ihrem Leuchtturm anzuzünden; und während sie das Glas polierte, bis es glänzte und aller Ruß verschwunden war, summte sie fröhlich vor sich hin. Darum schickte ihr Leuchtturm sein Licht auch weit über das Meer, und niemand hat jemals von einem Schiff gehört, das vor der Küste des Glücklichen Landes gesunken wäre. Was aber fehlte im Glücklichen Land, das waren Polizisten, weil es nämlich einfach keine Arbeit für sie gab. Und wenn man sie doch einmal kurz gebraucht hätte, erledigte der Nachtwächter die Arbeit einfach mit.

Und dann war da natürlich die Gute Königin, die regierte ihr Land weise und gerecht. Wenn ein neues Gesetz beschlossen werden musste, rief sie die Bürgerinnen und Bürger des Landes in ihrem Garten zusammen und gemeinsam redeten sie darüber, was für alle am besten wäre, bis sie es rausgekriegt hatten.

»So hab ich als Königin fast gar keine Arbeit!«, sagte die Gute Königin zufrieden. »So hab ich genug Zeit für meinen Garten! Ihr denkt ja mit mir über alles nach, da kann ich doch gar nicht viel falsch machen!«

Und das fanden die Leuchtturmwärterin und der Nachtwächter, die Bäcker und die Schornsteinfegerinnen auch, und natürlich – wie konnte ich die bisher bloß vergessen! – fanden das auch alle Kinder. Ja, die Menschen waren sehr zufrieden mit ihrer Königin und mit ihrem Glücklichen Land und sie hätten niemals gedacht, dass es eines Tages anders sein könnte.

Aber dann verschwand der Hoffnungsvogel.

2. Kapitel in dem du auch noch den Hoffnungsvogel kennenlernst

Nun könnte ich mir vorstellen, dass du gar nicht genau weißt, was ein Hoffnungsvogel ist. Schließlich sind längst nicht alle Menschen einem begegnet, und manchmal, wenn wir einen treffen, erkennen wir ihn nicht mal. Ein Hoffnungsvogel redet ja nicht darüber, was er tut, verstehst du; ein Hoffnungsvogel tröstet einfach und macht zuversichtlich.

Und so war das auch mit dem Hoffnungsvogel im Glücklichen Land. Kein Kummer war ihm zu klein, keine Sorge zu schwer und kein Schmerz zu groß: Kaum hatte er einen unglücklichen Menschen entdeckt, da erhob sich der kleine Vogel in die Luft und sang ein Lied, und das war für jeden ein anderes und für jeden genau das richtige, um die Tränen zu trocknen und die Last auf den Schultern leichter zu machen. Manchmal war es ein fröhliches Lied und manchmal ein trauriges Lied, denn jeder, der Trost braucht, braucht seinen eigenen; und manchmal, wenn es das richtige Lied gar nicht gab, war es auch genug, wenn der Hoffnungsvogel überhaupt nicht sang. Dann saß er nur ganz still und hörte der Traurigkeit zu, und wie er es machte, kann ich dir nicht sagen: Aber danach war sie plötzlich nicht mehr da. Da holten die Menschen tief Luft und strafften ihre Schultern; und sie machten sich wieder daran zu erledigen, was sie zu erledigen hatten, ob es nun viel war oder wenig, schwer oder leicht. Du weißt ja selbst, wie es sich anfühlt, wenn ein großer Kummer allmählich immer kleiner wird, und plötzlich ist er verschwunden.

So war es immer gewesen im Glücklichen Land und so kannten es die Menschen; aber trotzdem merkten sie zuerst gar nicht, dass ihr Hoffnungsvogel nicht mehr sang. Im Frühling zogen die Bauern Furchen in ihre Äcker wie in jedem Jahr, säten das Getreide aus und beobachteten, wie es wuchs; und schließlich mähten und droschen sie es und fuhren es in ihre Scheunen. Die Kinder gingen zur Schule und halfen ihren Müttern und Vätern im Haus und auf dem Feld; sie spielten Kreisspiele und Ticken und Verstecken, und sie lachten und stritten sich genau so viel, wie man sich manchmal eben sogar im Glücklichen Land streiten muss. Die Fischerinnen fuhren mit ihren Booten hinaus aufs Meer, und der Fang, mit dem sie zurückkamen, füllte ihre Netze wie sonst auch. Aber trotzdem war etwas anders; und ganz allmählich spürten es die Menschen.

Erstaunt bemerkten zuerst nur wenige, dann immer mehr von ihnen hier und da eine Traurigkeit, die nicht mehr verschwinden wollte; und war nicht auch die Freundlichkeit weniger geworden zwischen den Menschen? Auf einmal schrien die Eltern ihre Töchter und Söhne an, wenn sie einen Teller zerbrochen oder nicht schnell genug Holz für das Feuer zum Ofen getragen hatten; und überall auf den Straßen tauchten plötzlich Kinder auf, die sich anbrüllten, anstatt vergnügt miteinander zu spielen. Und manchmal schlugen sie einander sogar.

Ja, schon wenn du zur Zeit der Heuernte ins Glückliche Land gekommen wärest, hättest du bestimmt nicht mehr verstanden, warum es diesen Namen trug. In der Luft hing keine Fröhlichkeit und die Menschen waren kein bisschen glücklicher als in den Ländern, die du vielleicht kennst.

»Ich habe den Hoffnungsvogel schon lange nicht mehr singen hören«, murmelte eines Tages die Gute Königin, als sie in ihrem großen Garten die verblühten Rosen von den Sträuchern schnitt, und sie richtete sich auf und warf einen Blick auf ihr Land hinter der wilden Rosenhecke, das gerade immer mehr zu einem traurigen Land wurde. »Kann es vielleicht sein, dass unser Hoffnungsvogel …?«

Dann zuckte sie verwirrt die Achseln und machte weiter mit ihrer Arbeit, denn ihr Garten war wirklich sehr groß und sie liebte ihre Rosen und es gab viel zu tun. Konnte ein Land etwa so traurig werden, nur weil sein Hoffnungsvogel verschwunden war? Was hatte denn der Hoffnungsvogel mit all dem Streit und der Unfreundlichkeit zu tun?

3. Kapitel in dem es in der königlichen Kate Abendessen gibt

Erst am Abend, als sie in der Küche der königlichen Kate auf dem königlichen Herd die Suppe aufwärmte, sprach die Gute Königin mit ihrem Sohn.

In der königlichen Kate?

Ja, hattest du gedacht, dass die Gute Königin in einem riesigen Schloss wohnte?

Wie sollte ihr Land denn wohl glücklich sein, wenn seine Königin reich war und sein Volk arm? Im Glücklichen Land hatten alle Menschen ihr Auskommen; niemand hungerte, während andere prunkvolle Kleider trugen; und darum musste keiner den anderen beneiden, und auch darum gab es so wenig Streit.

Deshalb kann ich dir nun nicht von einem Schloss mit goldenen Kutschen erzählen, aber immerhin von einem gemütlichen kleinen Haus mit Rosenstöcken an den Mauern und einem warmen Kachelofen für den Winter. Hier also wohnte die Gute Königin, und in ihrer Küche sprach sie an diesem Abend mit ihrem Sohn.

Der stellte übrigens gerade die Suppenteller auf den Tisch.

»Ich glaube, unser Hoffnungsvogel ist verschwunden!«, sagte die Gute Königin. »Hast du ihn in der letzten Zeit vielleicht irgendwo gesehen?«

Der Freundliche Prinz schüttelte nachdenklich den Kopf und holte die Löffel aus der Schublade. Hatte er den Vogel gesehen? Oder hatte er ihn gehört? Er erinnerte sich daran, wie es in früheren Sommern gewesen war, wenn die Bauern pfeifend und singend ihr Heu ernteten: Dann stieg der Vogel hoch in die Luft, bis er winzig und fast unsichtbar über den Wiesen stand, so ungefähr wie die Lerchen es machen. Und er trällerte und tirilierte, dass den Bauern mit jeder Note das Herz leichter wurde und sie mit ihren Sensen die Arbeit so fröhlich erledigten, als gäbe es für sie nichts Schöneres auf der Welt. Aber in diesem Sommer sang der Vogel nicht.

»Ich glaube, du hast recht!«, sagte der Freundliche Prinz erstaunt, weil es ihm vorher noch überhaupt nicht aufgefallen war; und er setzte sich auf seinen Küchenstuhl, denn gerade stellte die Gute Königin den Topf mit der dampfenden Suppe auf den Tisch. Die Topflappen, mit denen sie ihn hielt, hatte der Prinz ihr im letzten Jahr zum Geburtstag gehäkelt. »Ich habe den Hoffnungsvogel tatsächlich schon lange nicht mehr gesehen.«

Die Königin nickte. »Nimm dir nur ordentlich!«, sagte sie. »Wir essen jetzt schon den zweiten Tag von der Suppe, und für einen dritten muss sie nicht mehr reichen.«

Da nahm sich der Prinz einen großen Schöpflöffel voll und begann zu essen, und während sein Teller allmählich leerer und leerer wurde und er sich über die gute Suppe freute, dachte er nach. Erst als er auch noch einen zweiten Teller leer gegessen hatte (aber der war längst nicht so voll gewesen wie der erste, das war nur noch ein Rest), war er sich endlich sicher.

»Unser Hoffnungsvogel ist wirklich verschwunden!«, sagte er und legte den Löffel in den leeren Teller, dass es ein bisschen klirrte. »Ganz bestimmt! Und bestimmt ist das auch der Grund dafür, dass es nur noch so wenig Fröhlichkeit gibt bei uns im Glücklichen Land und so wenig Freundlichkeit, und dass die Menschen sich immerzu streiten und traurig sind. Doch, ganz bestimmt ist das der Grund!«

Die Königin hatte langsamer gegessen als ihr Sohn, das tat sie immer, und sonst ermahnte sie ihn auch jedes Mal, dass er nicht so schlingen sollte, wenn er etwas lecker fand; aber an diesem Abend hatte sie das nicht getan.

»Ja, so ist es wohl!«, sagte sie nachdenklich zwischen zwei Löffeln. »Obwohl: Was hat ein verschwundener Hoffnungsvogel mit Unfreundlichkeit und Streit zu tun? Mit Traurigkeit, ja, das versteht jeder! Aber warum sollte …«

»Das ist doch klar!«, rief der Freundliche Prinz, und du hast wohl gemerkt, dass er seine Mutter einfach unterbrach; aber gerade wunderte er sich eben, wie wenig sie verstand. »Wenn der Hoffnungsvogel nicht mehr da ist, bleiben die traurigen Menschen traurig, und wenn sie traurig sind, schaffen sie es eben nicht mehr, freundlich zueinander zu sein!«

Und das weißt du natürlich auch. Wenn dir gerade deine beste Freundin gesagt hat, dass du nicht mehr ihr bester Freund bist, weil sie jetzt den neuen Jungen von gegenüber lieber mag, dann brüllst du vielleicht deinen kleinen Bruder an, und dabei ist der ja überhaupt nicht schuld! Aber irgendwen musst du eben anbrüllen, um deine Traurigkeit rauszulassen.

Und den Erwachsenen geht es natürlich haargenau so, und darum kann es schon sein, dass im Glücklichen Land nicht nur die Traurigkeit wuchs und sich wie eine schwere Wolke über Städte, Weiler und Dörfer legte, sondern dass es genau deshalb auch immer weniger Freundlichkeit zwischen den Menschen gab und sie missmutig an ihre Arbeit gingen und missmutig beim Essen saßen und sich über alle möglichen Dinge stritten, über die sie sich früher nie gestritten hatten.

Doch, ich glaube, der Freundliche Prinz hatte recht, und da merkst du mal, wie schlau er war.

Auch die Gute Königin nickte. »Aber vielleicht sollten wir zuerst noch mal mit unserem Volk reden, was meinst du?«, fragte sie und trug die Teller zur Abwaschschüssel. »Vielleicht hat ja doch irgendwer den Hoffnungsvogel gesehen. Und wenn nicht, weiß vielleicht wenigstens einer, wo er sein könnte. Ja, lass uns für morgen eine Versammlung einberufen!«

Und darum musste der Freundliche Prinz an diesem Abend nicht wie sonst immer das gespülte Geschirr abtrocknen, sondern lief stattdessen von Haus zu Haus, um die Menschen für den nächsten Tag in den königlichen Garten einzuladen. Und als er endlich wieder nach Hause kam, standen schon die ersten Sterne am Himmel und hinter einer Wolke lugte der Mond hervor. So winzig war das Glückliche Land eben doch nicht, und darum hatte er für seinen Auftrag gebraucht, bis es dunkel war.

Seine Mutter öffnete ihm die Tür und von drinnen wehte ihm der leckere Duft von frisch gekochtem Kakao entgegen. »Vielen Dank, mein Sohn!«, sagte die Gute Königin. »Nun wollen wir sehen, was morgen wird. Denn gemeinsam haben wir im Glücklichen Land doch noch immer eine Lösung für jedes Problem gefunden!«

Dann schenkte sie dem Freundlichen Prinzen Kakao in seinen Becher; und als der ausgetrunken war, bliesen sie alle Kerzen aus, putzten ihre Zähne und legten sich schlafen. Und sie glaubten zuversichtlich, dass am nächsten Tag alles wieder gut werden würde.

4. Kapitel in dem die Gute Königin zum Kuchen einlädt

Wenn sie ihr Volk zu sich in den Garten lud, kochte die Gute Königin immer viele Kannen leckeren Tee und buk viele Bleche Kuchen, damit die Bürger sich bei ihr wohlfühlen sollten. Darum hatten der Freundliche Prinz und sie an diesem Morgen auch richtig viel zu tun und gerieten ordentlich ins Schwitzen; denn zum Glück waren ja gerade die Kirschen reif und da gab es Kirschkuchen in Mengen.

Und kaum hatten sie die Bleche in den Garten getragen, da kamen auch schon die ersten Gäste. Aber der Freundliche Prinz merkte gleich, dass die Stimmung nicht fröhlich war wie früher immer. Denn während die Menschen sonst lachend und im Gespräch zu zweit, zu dritt oder in Gruppen vergnügt durch das Gartentor strömten, das ein bisschen schief in den Angeln hing und darum jedes Mal quietschte, trotteten sie jetzt langsam, einzeln und mit mürrischen Gesichtern in den Garten.

»Die Scharniere könnte sie wirklich auch mal wieder ölen!«, sagte ein Bäcker, nachdem das Tor hinter ihm quietschend und scheppernd ins Schloss gefallen war. »Was ist denn das für eine Königin, die nicht mal ihr Gartentor in Ordnung halten kann? Wie soll sie denn dann wohl ihr Land in Ordnung halten?«

Und obwohl die Menschen sich im ganzen Garten verstreut hatten, konnten sie ihn doch hören, er sprach in seiner üblen Laune nämlich ziemlich laut.

»Der Bäcker hat recht!«, sagte eine Schlosserin. »Wirklich, was ist das denn für eine Königin!«

Zum Glück war die Gute Königin noch im Haus, um die letzten Kuchenbleche aus dem Ofen zu holen, natürlich wieder mit den Topflappen, die ihr Sohn ihr gehäkelt hatte; und darum konnte sie die unzufriedenen Reden nicht hören. Aber der Freundliche Prinz stand ganz in der Nähe, gleich hinter dem Holunderstrauch, neben dem er am Morgen gemeinsam mit seiner Mutter lange, roh gehobelte Bretter wie eine Tischplatte über Holzböcke gelegt hatte. Darauf warteten nun Kuchen und Tee auf die Gäste.

»Und was ist das für eine Königin, die uns zu sich einlädt, und es gibt kein weißes Tischtuch und kein feines Porzellan, nur Bretter und irdenes Geschirr?«, sagte eine Fischerin verächtlich und warf sich ungeduldig ein Stück Kuchen auf ihren Teller. Dann fing sie an zu essen, ohne auf die Königin oder auf sonst wen zu warten, und nahm sich gleich noch das nächste Stück. Und so machten es jetzt auch die anderen alle; aber wenn du geglaubt haben solltest, dass sie nun vergnügter wurden, weil ein leckeres Stück frisch gebackener Kuchen Menschen doch eigentlich meistens fröhlicher macht – mich jedenfalls! –, dann hast du dich getäuscht.

»Nur Kirschkuchen?«, fragte mit vollem Mund der Müllerin, obwohl sie sich schon das dritte Stück genommen hatte, und da hätte man doch glauben können, dass es ihr schmeckte. »Kein Erdbeerkuchen? Apfelkuchen? Sahnetorte?«

Da dachte der Freundliche Prinz, dass er sich nun aber unbedingt einmischen musste, darum kam er hinter dem Holunderstrauch hervor und holte tief Luft. »Es gibt doch seit Wochen keine Erdbeeren mehr!«, hatte er rufen wollen. »Die Zeit ist vorbei! Und die Äpfel sind noch lange nicht reif! Gerade gibt es eben Kirschen an den Bäumen, und darum ist Kirschkuchenzeit, warum seid ihr denn alle so unzufrieden?«

Ja, das hatte er sagen wollen, weil er es so ungerecht fand, wie die Leute über seine Mutter sprachen; aber als er jetzt die vielen Menschen mit ihren unfreundlichen Gesichtern sah, wurde er nur selbst so rot wie die Kirschen auf dem Kuchen, senkte seinen Kopf und sprach kein Wort.

Und wenn du nun findest, dass der Freundliche Prinz feige war, dann frage ich dich einfach mal: Würde es dir denn leichtfallen, wenn du zu so vielen unfreundlichen Menschen sprechen solltest? Mir jedenfalls nicht, das sage ich dir aber. Zu freundlichen Menschen, okay, das geht vielleicht, auch wenn es viele sind. Aber zu so vielen unfreundlichen? Da kann ich den Prinzen gut verstehen.

Trotzdem war der Freundliche Prinz nicht nur böse auf all die Menschen, die den Kuchen seiner Mutter nur so in sich reinstopften und trotzdem die ganze Zeit nörgelten; er war auch böse auf sich selbst, weil er nicht den Mut gehabt hatte, zu ihnen zu sprechen. Manchmal sind wir alle ja ziemlich streng mit uns, viel zu streng und strenger als andere Leute es wären; und so war es auch beim Freundlichen Prinzen.

Aber genau in diesem Augenblick kam die Gute Königin aus dem Haus und balancierte fröhlich die letzten Kuchenbleche auf ihren Armen.

»Ihr seid schon da! Wie schön, meine lieben Bürgerinnen und Bürger!«, rief sie. »Hier ist noch Kuchen für euch!«

Von der schlechten Stimmung hatte sie in ihrer Küche schließlich nichts merken können, darum dachte sie, diese Versammlung wäre genauso freundlich und lustig, wie sie es früher immer gewesen war, und gleich würden ihre Untertanen als Erstes anfangen, ihren Kuchen zu loben, bevor sie dann über ernstere Fragen sprachen; aber du weißt ja, dass es dieses Mal anders war.

»Schon wieder nur Kirschkuchen?«, rief eine Bäuerin. »Ich glaube, dann geh ich jetzt. Was soll ich denn hier, wenn es nicht mal etwas Vernünftiges zu essen gibt!« Und sie drehte sich tatsächlich um und lief auf das Tor zu. Da schoben sich auch ein paar andere Leute einfach noch den Rest ihres Kuchens in den Mund, klopften sich die Krümel von den Fingern und folgten ihr.

Die Königin stand ganz starr. Sie vergaß sogar, das letzte Kuchenblech auf einem der Brettertische abzustellen.

»So wartet doch!«, rief sie. »Es tut mir leid, wenn euch mein Kuchen nicht schmeckt! Aber wir sind hier doch nicht zusammengekommen, um Kuchen zu essen! Ich habe euch hergerufen, um zu reden und ein Problem zu lösen!« Und sie wartete, ob die Bäuerin sich umdrehen und zurückkommen würde; aber das tat sie nicht.

Ein paar von denen, die ihr gefolgt waren, blieben allerdings zögerlich stehen. So zögerlich, dass man sehen konnte: Eigentlich waren sie noch keineswegs entschieden zu bleiben.

»Wieso glaubst du eigentlich, dass du uns nur rufen musst, und schon kommen wir gesprungen?«, rief einer von ihnen. Das war der Ausrufer, der sonst durch die Straßen ging und mit lauter Stimme alle Neuigkeiten verkündete; denn sie hatten ja kein Internet und kein Fernsehen und auch keine Zeitungen im Glücklichen Land, da mussten die Nachrichten auf andere Weise zu den Menschen kommen.

»Ja, wieso glaubst du, du kannst über uns bestimmen?«, rief eine Tischlerin. »Nur weil du die Königin bist?«

Jetzt setzte die Königin das Blech doch erschrocken ab.

»Aber ich will doch gar nicht über euch bestimmen!«, rief sie. »Genau deshalb habe ich euch doch zusammengerufen! Damit wir gemeinsam beschließen, was getan werden kann, nun da unser Hoffnungsvogel …«

»Eben, du hast uns zusammengerufen!«, rief der Schmied. »Wer gibt dir eigentlich das Recht dazu?«

»Das möchte ich auch wissen!«, rief die Tischlerin.

»Wir auch, wir auch!«, riefen die Fischerinnen.

»Aber wie sollten wir denn sonst zusammenkommen, wenn uns nicht einer zusammenruft?«, fragte die Gute Königin verwirrt. »Und bisher bin das immer ich gewesen! Aber wenn lieber einer von euch … Wer will das denn stattdessen tun?«

Und sie wartete, dass sich irgendwer meldete.

Aber dazu hatten die Leute überhaupt keine Lust. Sie hatten einfach nur schlechte Laune und Lust zu nörgeln.

»Wer sagt denn überhaupt, dass wir reden müssen?«, rief die zierliche Ziegenhirtin. »Du sagst das! Wieder du, du, du! Aber wenn wir das nun nicht finden?«

»Bestimmerin!«, zischte der Maler.

Allmählich war die Gute Königin ganz verzweifelt. So etwas hatte sie ja bisher noch nie erlebt, verstehst du, und darum wusste sie auch nicht, wie sie die Menschen überzeugen konnte.

Also rief sie einfach mitten in das immer lauter werdende Gemurmel auf ihrem Rasen hinein.

»Unser Hoffnungsvogel ist fort!«, rief sie. »Habt ihr es noch nicht bemerkt? Hat ihn irgendwer in diesem Sommer gesehen? Unser Hoffnungsvogel ist fort, und darum wird das Glückliche Land unglücklicher und unglücklicher!«

Nun hätte man doch denken sollen, dass die Menschen still wurden und sich auf den Rasen setzten oder auf die wenigen Gartenstühle und endlich begriffen, dass es da ein Problem gab, das sie gemeinsam lösen mussten; aber stattdessen gab es nur Gelächter.

»Unser Hoffnungsvogel ist fort!«, rief der Schmied und versuchte mit verstellter Stimme die Königin nachzumachen. Dabei starrte er ganz verzweifelt seine Frau an. »Hast du es auch schon gemerkt, Frau? Oje, oje! Wo kann er denn nur sein?« Und er legte eine Hand über die Augen und spähte wild in alle Richtungen, bis die Menschen im Garten über sein albernes Schauspiel lachten.

»Du hast uns zusammengerufen, weil du einen kleinen Vogel vermisst?«, rief der Nachtwächter. »Ja glaubst du denn, wir hätten nichts Wichtigeres zu tun?«

»Wegen eines kleinen Vogels sollten wir herkommen?«, riefen die Fischerinnen ärgerlich. »Wegen eines albernen kleinen Vogels?«

Dann warfen sie der Königin noch einen verachtungsvollen Blick zu, und nun gingen sie wirklich alle; mit bösen Gesichtern, aber nicht, ohne sich beim Rausgehen noch schnell ein letztes Stück Kuchen zu greifen.

Die Gute Königin ließ sich auf einen Gartenstuhl sinken.

»Was habe ich falsch gemacht, mein Sohn?«, flüsterte sie verzweifelt. »Was habe ich falsch gemacht?«

Der Freundliche Prinz zuckte unglücklich mit den Achseln. »Ich glaube nicht, dass du etwas falsch gemacht hast«, sagte er leise. »Aber jetzt bin ich ganz sicher, dass der Hoffnungsvogel schuld ist. Oder nein, natürlich ist er nicht schuld. Aber dass er verschwunden ist, damit hat das Elend angefangen.«

Dann griff er nach seiner Mundharmonika, die er immer bei sich trug, und spielte eine traurige Melodie, und die Gute Königin sah hoch in den Himmel, als ob sie hoffte, dass sie dort den Hoffnungsvogel vielleicht doch noch entdecken könnte oder dass von da wenigstens ein Rat käme. Dann richtete sie sich auf und straffte ihre Schultern.

»Und darum musst du hinausziehen in die Welt und ihn suchen, mein Sohn!«, sagte sie mit fester Stimme. »Du musst uns den Hoffnungsvogel zurückbringen.«

5. Kapitel in dem der Freundliche Prinz aufbricht, um den Hoffnungsvogel zu suchen

Nun hast du womöglich gedacht, dass der Freundliche Prinz zwar zuerst vielleicht ein bisschen erstaunt guckte; dass er dann aber sofort seine Mundharmonika weglegte und sein Bündel schnürte, um tapfer in die Welt hinauszuziehen, oder? Weil er ein Prinz war, und die sind doch wohl immer mutig und tapfer?

Aber manchmal kann ein Kuhhirte ein Held sein und eine Küchenmagd eine Heldin, und nur weil man ein Prinz ist, muss man noch lange nicht mutig und tapfer sein. Manchmal kann es passieren, dass ein Prinz ganz und gar nicht so mutig ist wie seine Untertanen. Nur dummerweise ist er dann immer noch ein Prinz, und wenn sonst niemand da ist, muss er eben tun, was ein Prinz tun muss.

Aber der Freundliche Prinz versuchte trotzdem, seine Mutter umzustimmen.

»Warum muss denn ausgerechnet ich gehen?«, fragte er unglücklich. »Ich bin doch nicht stark! Und ich bin doch noch ein Kind! Warum bittest du nicht den Schmied? Der hat Muskeln wie Sandsäcke und niemand kann im Kampf gegen ihn bestehen!«

Die Gute Königin sah ihn traurig an. »Und du glaubst, der Schmied würde meiner Bitte folgen?«, fragte sie. »Oder irgendeiner von den anderen?«

Das glaubte der Freundliche Prinz natürlich nicht. Nicht mehr nach der Versammlung.