Der ist für die Tonne - Ellen Berg - E-Book

Der ist für die Tonne E-Book

Ellen Berg

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Beschreibung

Ist das Liebe, oder kann der weg? Hannah, die als Coach für fachgerechtes Ausmisten arbeitet, soll ausgerechnet dem neuen Flirt ihrer Freundin ein geordnetes Zuhause verpassen. Prompt entbrennt mit dem eigenwilligen Pascal erbitterter Streit: behalten oder ab in die Tonne? Doch je mehr Hannah aufräumt, desto tiefer manövriert sie sich mitten ins emotionale Chaos – denn plötzlich findet sie nicht nur eine echte Leiche auf dem Dachboden, sondern sie fühlt sich auch so merkwürdig zu Pascal hingezogen … Ein unglaublich lustiger Roman über das Entsorgen von emotionalem Ballast und Liebesverwirrung im Ordnungswahn.

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Seitenzahl: 377

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Über Ellen Berg

Ellen Berg, geboren 1969, studierte Germanistik und arbeitete als Reiseleiterin und in der Gastronomie. Heute schreibt und lebt sie mit ihrer Tochter auf einem kleinen Bauernhof im Allgäu. Ihre Romane »Du mich auch. (K)ein Rache Roman«, »Das bisschen Kuchen. (K)ein Diät-Roman«, »Den lass ich gleich an. (K)ein Single-Roman«, »Ich koch dich tot. (K)ein Liebes-Roman«, »Gib’s mir, Schatz! (K)ein Fessel-Roman«, »Zur Hölle mit Seniorentellern! (K)ein Rentner-Roman«, »Ich will es doch auch! (K)ein Beziehungs-Roman«, »Alles Tofu, oder was? (K)ein Koch-Roman«, »Blonder wird’s nicht. (K)ein Friseur-Roman«, »Ich schenk dir die Hölle auf Erden. (K)ein Trennungs-Roman, »Manche mögen’s steil. (K)ein Liebes-Roman« und »Wie heiß ist das denn? (K)ein Liebes-Roman« liegen im Aufbau Taschenbuch vor und sind große Erfolge.

Besuchen Sie die Autorin auch auf www.ellen-berg.de.

Informationen zum Buch

Ist das Liebe, oder kann der weg?

Hannah, die als Coach für fachgerechtes Ausmisten arbeitet, soll ausgerechnet dem neuen Flirt ihrer Freundin ein geordnetes Zuhause verpassen. Prompt entbrennt mit dem eigenwilligen Pascal erbitterter Streit: behalten oder ab in die Tonne? Doch je mehr Hannah aufräumt, desto tiefer manövriert sie sich mitten ins emotionale Chaos – denn plötzlich findet sie nicht nur eine echte Leiche auf dem Dachboden, sondern sie fühlt sich auch so merkwürdig zu Pascal hingezogen …

Ein unglaublich lustiger Roman über das Entsorgen von emotionalem Ballast und Liebesverwirrung im Ordnungswahn

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Ellen Berg

Der ist für die Tonne

(K)ein Männer-Roman

Inhaltsübersicht

Über Ellen Berg

Informationen zum Buch

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Epilog

Impressum

Kapitel 1

Alle elf Minuten verliebt sich ein Konsument in eine Klamotte. Und alle elf Sekunden stirbt eine vormals heiß geliebte Klamotte den stillen Tod einer Schrankleiche. Warum, um Himmels willen, kaufen die Leute so unfassbar viele Sachen, obwohl sie doch letztlich immer dasselbe anziehen? Und warum bin ausgerechnet ich diejenige, die auf dem ganzen Krempel hängenbleibt? Ich muss verrückt sein. Nein, komplett verrückt.

Das waren die Gedanken, die Hannah durch den Kopf schwirrten, als sie einen großen Pappkarton auf den Ladentisch wuchtete, die braunen Klebestreifen entfernte und den Deckel aufklappte. Ein Hauch teuren Parfums wehte ihr entgegen. Sie schnupperte verzückt. Der betörende Duft von Patchouli und Orangenblüten wehte ihr entgegen, und wie von Zauberhand verflüchtigte sich ihre kleine Sinnkrise.

Nein, sie war nicht verrückt. Sondern Hannah Bodmer, die Inhaberin eines recht vielversprechenden Secondhandladens. In dem Karton befand sich auch kein Krempel, sondern die ungetragene Garderobe einer Society-Lady, die es sich leisten konnte, ihre Kreditkarte in den teuersten Boutiquen der Stadt zu grillen. Falls ihr etwas gefiel. Und da ihr das meiste schon wenig später nicht mehr gefiel, hatte sie Hannah engagiert.

Sie wollen Ihre Schrankleichen loswerden? Dann buchen Sie einen stilvollen Beerdigungstermin!, verkündete Hannahs Website. Sie wollen ausmisten? Dann komme ich mit der ganz großen Mistgabel vorbei!

Schon irgendwie paradox. In einer Ära, die Shoppen als Freizeitbeschäftigung deklarierte, gab es ein echtes Luxusproblem: das ganze Zeug wieder loszuwerden. Da war professionelle Unterstützung gefragt, wie die Reaktionen auf Hannahs Website zeigten. Manchmal nannte sie sich Trennungsbegleiterin. Frauen trennten sich nämlich eher von einem Lover als von einer viel zu engen Jeans. Oder von völlig nutzlosen Highheels, auf denen man ohne Knöchelbruch nicht mal den Weg vom Schuhschrank bis zur Haustür schaffte.

Manchmal wunderte sich Hannah selber, was für einen seltsamen Beruf sie hatte. Das hätte sie sich nicht träumen lassen, vor sechs Monaten, als man ihr den Job in einem Architekturbüro kündigte.

Freistellung hatte es ihr Chef genannt. Ein hübscher Begriff für eine hässliche Tatsache: Die Segnungen der modernen Technik machten Mitarbeiter wie Hannah überflüssig. Als Modellbauerin war sie bei den Architekten heiß begehrt gewesen, jetzt hatten ihre Künste ausgedient. Dabei hatte sie in pusseliger Kleinarbeit so wunderschöne Modelle erschaffen. Einfamilienhäuser mit winzigen kleinen Bäumchen aus grün gefärbter Holzwolle. Wolkenkratzer mit Außenflächen aus Spiegelfolie. Ihr größter Stolz war ein gläsernes Zoogebäude gewesen, in das sie handbemalte Miniaturtiere gesetzt hatte. Vorbei. All das kam jetzt aus dem 3-D-Drucker. Verflixtes Mistding.

Schau nach vorn, Hannah. Oder in den Karton, besser gesagt. Die Sortieraktion bei deiner neuen Kundin hat sich schließlich mehr als gelohnt. Schönere Schrankleichen hast du noch nie gesehen. Nicht jeder ist so stark, den Verführungen des Konsums zu widerstehen. Hannah hatte es drauf. Seit einem halben Jahr betrieb sie Kleiderfasten: Seitdem kam ihr nichts Neues mehr in den Schrank.

Sie wollte gerade mit dem Auspacken des Kartons beginnen, als die Ladenglocke ertönte und ihre Freundin Josie hereinspaziert kam, die eine große runde Kuchenform wie eine kostbare Reliquie vor sich hertrug.

»Hallo Hannah, sieh mal, selbst gebacken, mein Spezial-Stachelbeerkuchen mit Vanillecreme. War früher der Hit im Kindergarten. Inzwischen darfst du dich mit so was nicht mehr blicken lassen. Die Laktoseintoleranz greift um sich wie ein Grippevirus, und Zucker ist sowieso des Teufels.«

»Danke für den Kuchen, wie komme ich zu der Ehre?« Forschend blickte Hannah in Josies Gesicht. »Gibt es einen besonderen Anlass?«

»Wart’s ab. Wir weihen dich ein, sobald Tess da ist. Nur so viel: Es hat mit Liebe zu tun.«

Das verhieß nichts Gutes. Hannah ahnte, worum es ging: Ihre Freundinnen hatten sich in den Kopf gesetzt, sie endlich an den Mann zu bringen. Ganz so, als sei ein männliches Wesen das Erstrebenswerteste auf der Welt. Was das betraf, war sich Hannah nicht so sicher. Dennis, ihr Exmann, war eher zum Abgewöhnen gewesen: ein amüsanter, lebenslustiger, leider total unzuverlässiger Kerl. Seither sehnte sich Hannah nach Stabilität. Doch es war verzwickt. Sobald sie einen seriösen, verlässlichen Mann kennenlernte, wurde es ihr schnell zu langweilig. Deshalb hatte sie das Thema vorerst auf Eis gelegt.

»Josie, das ist furchtbar lieb, aber als Tochter einer alleinerziehenden Hippiemutter sieht man das wohl etwas entspannter. Mehr so – karmisch.«

»Wie – karmisch?«

»Weißt du«, holte Hannah weiter aus, »als meine Mutter so alt war wie ich jetzt, hat sie in Indien hundertarmigen Göttinnen gehuldigt, T-Shirts gebatikt und Räucherstäbchen entzündet. Ihre astralenergetische Bilanz war ihr wichtiger als der Mann fürs Leben. So was prägt.«

»Du meinst, meine Existenz als Ehefrau und Mutter ist energetisch sinnlos?«, fragte Josie entgeistert.

»Nein, nein, der Begriff des Sinns erlaubt nur einen gewissen Interpretationsspielraum«, antwortete Hannah diplomatisch. »Wenn mir das Universum einen Mann schickt, verneige ich mich in tiefer Dankbarkeit. Wenn er schneller wieder weg ist, als ich Ommmm sagen kann, atme ich ihn aus.«

»Dann habe ich wohl die letzten acht Jahre nur eingeatmet.«

Verunsichert schaute Josie an sich herab. Sie trug einen dunkelblauen Flatterrock, dazu ein hellblaues Benjamin-Blümchen-T-Shirt und eine eigenartige Kette. Hannah stutzte. Waren das etwa Schmetterlingsnudeln? Jepp. Frisch aus der Tüte und bunt bemalt. Josie war geradezu die Verkörperung des Mami-Looks. Welche Frau ohne Kinder hätte schon ein Benjamin-Blümchen-T-Shirt und eine Nudelkette getragen?

»Setz dich doch, Josie.« Hannah nahm ihr den Kuchen ab. »Du siehst ein bisschen fertig aus.«

»Bin ich auch …«

Mit einem kleinen Ächzen ließ sich ihre Freundin auf einen Sessel mit himbeerrotem Samtbezug fallen. Ihrem schmalen, blassen Gesicht sah man an, dass das jüngste ihrer drei Kinder erst elf Monate alt war – turbulente Nachtschichten inklusive. Die Kette aus Schmetterlingsnudeln war sicher ein Werk ihrer siebenjährigen Tochter, während die blauen Flecken auf ihren Armen von Finn, dem Dreijährigen, stammen mussten, der soeben mit viel Trara die Trotzphase einläutete. Ja, Mütter waren wandelnde Websites. Man musste sie nur aufmerksam studieren, und schon erfuhr man alles Wichtige.

»Was denkst du«, erkundigte sich Josie, ihre Augen neugierig auf den Karton geheftet, »ist auch was für mich dabei?«

»Klar, freu dich auf das beste textile Überraschungsei aller Zeiten.«

Es war eine Premiere. Hannah hatte ihre engsten Freundinnen in den gemütlichen Secondhandladen mit den türkisfarbenen Wänden und den hellen Holzdielen eingeladen. Damit sie sich vorab die besten Stücke sichern konnten, zu Freundschaftspreisen, das verstand sich von selbst. Und was da nicht alles zum Vorschein kommen würde! Funkelnagelneue Abendroben, die schon beim Kauf zu eng gewesen waren. Kostbare Kaschmirpullover, deren Farbe dann irgendwie doch nicht passte. Todschicke Kleider, die urplötzlich zu kurz, zu lang, zu brav oder zu sexy wirkten. Das alles fiel den Kundinnen allerdings erst auf, wenn Hannah die Sachen unter die Lupe nahm und gnadenlos aussortierte, was ein unbeachtetes Schattendasein im Schrank fristete.

Vorsichtig entfernte sie zwei Bogen knisterndes zartrosa Seidenpapier, die ganz oben in dem Karton lagen, und zupfte an einem Seidenkimono – tiefviolett, mit gelben Pünktchen und einem unversehrten Preisschildchen an der Innenseite des Kragens. Ein Wahnsinnsteil.

In diesem Moment stürmte Tess in den Laden, die Dritte im Kleeblatt. Freudestrahlend holte sie eine bauchige Flasche aus ihrem strassbesetzten Lederbeutel und stellte sie neben den Karton auf den Ladentisch.

»Prossetscho für alle!«

»Sag doch gleich Hausfrauenchampagner«, gluckste Josie. »Hach, ich habe mich so auf unser Treffen gefreut. Dafür lasse ich sogar meine gruselige Schwiegermutter ins Haus, damit sie so lange auf die Kleinen aufpasst. Und das will was heißen.«

»Ja, ist ein bisschen wie Weihnachten, dass Hannah ihre Kleiderkartons für uns öffnet«, schwärmte Tess.

Ihr Äußeres erzählte ebenfalls eine ganze Menge. Sie trug einen goldbestickten Seidenoverall, der perfekt mit ihren olivgrünen Augen und den mahagonibraunen Locken harmonierte. Für Kinder, Küche, Kuchenbacken eignete sich das edle Outfit absolut nicht. Auch ihre rosa lackierten Krallen zeugten davon, dass sie weder Babybrei kochen noch trotzige Dreijährige auf den Arm nehmen musste. Und ganz bestimmt hätte sie sich lieber die braune Lockenpracht abrasiert, als Ketten aus bemalten Nudeln zu tragen. Zwischen ihren Schlüsselbeinen baumelten funkelnde Strassherzen, an ihrem Handgelenk glitzerten ungefähr zehn silberne Armreife. Vielleicht auch zwanzig. Tess war ein wandelndes Statement: Zu viel ist nie genug.

»Dann wären wir ja vollzählig. Lasset uns beginnen.« Hannah holte drei Sektgläser aus der antiken Glasvitrine hinter dem Ladentisch, ließ den Korken der Proseccoflasche knallen und schenkte ein. »Willkommen zu einem Ausflug in die Welt des nachhaltigen Konsums.«

Das stimmte sogar. Die Wegwerfmentalität des Ex-und-hopp-Shoppens bedeutete letztlich einen verantwortungslosen Umgang mit der Natur. Immer mehr Kleidung wurde produziert, gekauft und lag dann nutzlos herum. Dieser Verschwendung von Ressourcen musste Einhalt geboten werden. Deshalb hatte sich Hannah einer Zero-waste-Aktion im Internet angeschlossen: null Müll, null Verschwendung. Alles konnte schließlich wiederverwertet werden, und Plastikverpackungen kamen ihr schon gar nicht ins Haus.

»Auf Hannah, unsere Recycling-Heldin«, brachte Josie einen Toast aus.

»Und auf die neuen Taten, die auf sie warten«, reimte Tess.

Schon wieder so eine Andeutung. Was führten die beiden bloß im Schilde? Hannah wurde nicht recht schlau aus ihren Freundinnen. Zogen sie heute etwa einen weiteren Liebeskandidaten aus dem Hut? Das hatten sie schon mehrfach probiert, ohne jeden Erfolg. Es musste irgendetwas anderes sein. Aber was?

Nachdenklich schnitt Hannah den Stachelbeerkuchen an und reichte jeder einen Teller. Tess fing gleich an zu essen, woraufhin Josie irritiert eine Augenbraue hochzog.

»Stimmt was nicht? Du hast gar nicht deinen Teller fotografiert.«

»Der Kuchen schmeckt wunderbar«, beteuerte Tess kauend, »aber er ist, na ja, nicht instagramabel.«

»Das heißt also, optisch blamabel«, schmollte Josie.

»Tess, Josie, wir sind hier ganz unter uns.« Wie immer vermittelte Hannah als Friedenstaube zwischen den ungleichen Freundinnen. »Facebook und Instagram sind heute abgemeldet. Widmen wir uns lieber dem eigentlichen Anlass unseres Treffens.«

Sie deutete auf den lila Kimono, der zuoberst in dem Karton lag. Synchron hörten Josie und Tess auf zu kauen.

»Was – ist – das?«, fragte Tess fasziniert.

»Meine neue Kundin hat einen wahrhaft erlesenen Geschmack«, erklärte Hannah.

»Du meinst wohl, einen unfassbar kostspieligen Geschmack.« Tess stellte ihren Teller ab und schaute begehrlich in den Karton. »Das Teil ist von Chanel! Hört ihr? Schanellll! Paris! Eiffelturm!«

»Und so was Teures haut deine Kundin einfach in die Tonne?«, wunderte sich Josie.

»Wer sein eigenes Geld verdienen muss, würde so was wohl kaum tun. Aber mit dem Konzept des Geldverdienens ist die Dame wahrscheinlich nicht vertraut«, mutmaßte Tess. »Da muss dann sogar Chanel dran glauben.«

»Ja, alles muss raus, was ungeliebt und ungetragen ist«, erläuterte Hannah ihre Philosophie. »Die War-aber-echt-teuer-Teile, die ewigen Eigentlich-doch-noch-ganz-schön-Sachen, die kopflosen Spontankäufe, die Hosen, in die man sich immer reinhungern wollte. Macht man sowieso nicht. Und dann komme ich ins Spiel.«

»Ist schon komisch.« Tess drehte eine Locke um ihren Finger. »In meinem Kleiderschrank hängen Klamotten für drei Frauen und fünf Größen, und wenn ich dann davorstehe, habe ich nichts anzuziehen.«

»Zu viel ist eben zu verwirrend«, sagte Hannah. »Weniger ist mehr.«

»Aber der Kimono ist ein Traum«, stöhnte Josie, während sie sich das kurze rötliche Haar hinter die Ohren strich. »Doch im Ernst, wann soll ich so was anziehen? Beim Aufräumen der Kinderzimmer? Oder wenn ich den Kindern Brote schmiere?«

»Kannst ja deinen Gatten damit überraschen«, schlug Tess vor. »Darunter nur eine sündige Spitzenkorsage, und dann …«

»Deine Vorstellungen vom Sexleben einer dreifachen Mutter sind bei Weitem zu optimistisch.« Josie zog einen Flunsch. »Ich meine, Tom und ich haben die Kinder nicht gerade im Lotto gewonnen, aber mittlerweile fallen wir nur noch wie die Steine ins Bett – statt übereinander her.«

»Dann solltet ihr vielleicht mal miteinander reden«, sagte Hannah mitfühlend.

»Mein Tommy ist doch so ein klassischer Nicht-reden-Typ«, winkte Josie ab. »Der zieht sich sofort zurück, wenn er sich auf die Gefühlsebene begeben soll.«

»Das Violett würde dich sowieso nur noch blasser machen«, befand Tess. Sie nahm den Kimono aus dem Karton und stellte sich damit vor einen bodentiefen goldgerahmten Spiegel. »Zu meinem Teint passt die Farbe eindeutig besser.«

»Zu deinem Rouge, wolltest du wohl sagen«, kicherte Josie.

Eingeschnappt verzog Tess ihr farbenfroh geschminktes Gesicht. Es stimmte, sie trug ein bisschen dick auf. Aber Tess war eben Tess. Und Hannah hütete sich, irgendwelche Kommentare abzugeben. Sie fand, man sollte sich lieber an der Einzigartigkeit der Menschen erfreuen, statt ihre Unterschiede zu kritisieren.

»Meine Attraktivität ist – eher so lichtbedingt«, verteidigte sich Tess. »Gedimmt geht es gerade noch, ansonsten muss man aufdrehen, wenn man über dreißig ist. Deshalb ist auch dieser Kimono genau richtig für mich. Dazu eine schwarze Lederleggins, und der Look ist perfekt.«

»Damit du aussiehst wie ein verwöhntes Luxusweibchen, das sich kein normaler Mann leisten kann?«, unkte Josie. »Wenn das noch was werden soll mit deinem Plan von Mann und Kind, würde ich an deiner Stelle besser tiefstapeln.«

»Sagt die Frau ohne Sexleben«, konterte Tess.

»Apropos«, Josie warf Hannah einen fragenden Seitenblick zu, »läuft denn bei dir was?«

Ja, die Uhr, hätte Hannah antworten können. Sie war vierunddreißig. In einem Alter also, in dem man idealerweise zufrieden verheiratet, reich geschieden oder glücklich liiert war. Nichts davon traf auf sie zu. Tess hatte wenigstens ab und zu eine heiße Affäre. Hannah konnte nur ihren Exmann Dennis vorweisen, der nichts zahlte, sie aber ab und zu per Telefon über seine tollen neuen Beziehungen informierte. Das war’s dann auch schon, und für Hannah war es völlig okay.

Das Problem war ja nicht nur, dass sie keine Ahnung hatte, was für einen Mann sie eigentlich wollte. Seit einigen Jahren pflegte sie ihre Mutter, mit der sie die kleine Wohnung über dem Laden teilte. Marie-Luise Bodmer, der man weder fehlende Abenteuerlust noch mangelnde Unerschrockenheit vorwerfen konnte, hatte vor drei Jahren einen schweren Unfall gehabt: im Himalaja, als sie mit ihrem Gleitdrachen in ein Gewitter geraten war. Nun saß sie im Rollstuhl, weit weg von indischen Aschrams und psychedelischen Himalajaklöstern. Für eine Frau, die im Herzen immer noch ein Hippie war, kein leichtes Schicksal. Für Hannah wiederum nicht gerade die beste Voraussetzung für ein rasantes Liebesleben.

»Ich warte noch auf den Richtigen, nachdem der Falsche auf und davon ist«, spulte sie ihren Standardtext ab.

»Wie lange wart ihr noch mal zusammen, Dennis und du?«, fragte Josie.

»Zwei wunderschöne Jahre, ein mieses halbes Jahr und acht qualvolle Monate.« Hannah schluckte. »In moralischer Hinsicht war er leider eine Weichwurst. Das hat mir erst mal gereicht. Beziehungen sind wohl nicht so meins. Blödes Karma halt.«

»Glaube ich überhaupt nicht.« Mit den Fingerkuppen strich Tess über den Seidenstoff des Kimonos, den sie sich um die Schultern drapiert hatte. »Vielleicht hast du’s nur ein bisschen übertrieben mit dem Aussortieren. Bei deinem Ex versteh ich’s ja irgendwie, obwohl er rasend sexy war. Aber Benjamin war doch ganz süß. Und Ulf fand ich sogar richtig heiß.«

»Die waren schon okay – nur kamen sie leider nicht damit klar, dass ich Verantwortung für meine Mutter übernommen habe«, erwiderte Hannah achselzuckend. »Alleinerziehend mit Kind, das geht ja noch so gerade auf dem Beziehungsmarkt. Aber eine Frau, die ihre kranke Mutter pflegt? Welcher Mann tut sich das an?«

»Deine Mutter ist klasse.« Tess lachte leise in sich hinein. »Am coolsten finde ich, dass sie ab und zu kifft. Ihre Hasch-Brownies haben die letzte Weihnachtsfeier in unserer Zahnarztpraxis gerettet!«

»Sie – kifft?«, echote Josie erschrocken.

»Na ja«, auch Hannah musste lachen, »das kommt noch aus der Indienphase. Außerdem schwört sie auf Marihuana gegen die Schmerzen. Ihre vielen Brüche durch den Unfall sind schlecht verheilt, da braucht sie so einiges, um die Schmerzen zu ertragen. Sie betreibt eine ökologisch korrekte, wenn auch illegale Kleinstplantage auf unserem Küchenbalkon – Selbstversorger, CO₂-neutral, klimabewusst.«

»Sag ich doch, dass deine Mutter cool ist«, schmunzelte Tess.

»Dann ist sie wohl zu unkonventionell für ein …«, wollte Josie ansetzen, doch Hannah fiel ihr sogleich ins Wort.

»Kein Heim, Josie. Niemals. Ich liebe meine teilverrückte Mutter über alles. Ohne ihre Joints und ihre Sitarmusik wäre sie verloren, deshalb könnte ich sie auch nie irgendwohin abschieben. Zweimal am Tag kommt eine Pflegekraft, alles andere mache ich selbst.«

»Schon klar.« Josie rieb sich über die Nasenflügel. »Ist die Pflegekraft immer noch dieser Feldwebel in Frauengestalt?«

Nachdenklich knabberte Hannah auf der Unterlippe herum. Schon kurz nach dem Unfall ihrer Mutter hatte sie einsehen müssen, dass ihre körperlichen Kräfte nicht ausreichten, seitdem kam zweimal täglich jemand vom Pflegedienst vorbei. Aber wenn man einen Menschen liebte, war kein Pfleger der Welt gut genug. Die resolute Mittfünfzigerin, die ihrer Mutter als Erste beim Duschen und Anziehen geholfen hatte, war ausgebildete Krankenschwester gewesen. Ihr Nachfolger kam eher hippiemäßig rüber und passte viel besser zu ihrer Mutter. Dennoch fiel es Hannah schwer, ihn zu akzeptieren. Es war ein Kompromiss.

»Momentan kümmert sich ein gewisser Jan-Philipp um Marie-Luise«, antwortete sie. »Ist auch besser so. Die Pflegerin davor hatte so eine komische Navi-Stimme.«

Tess runzelte die Stirn.

»Eine – was?«

»Navi. In-drei-hun-dert-Me-tern-bit-te-rechts-fah-ren. Sie klang wie ein Roboter.«

»Kenn ich, das sind diese Warteschleifenstimmen«, sagte Josie. Gedankenverloren sah sie den aufsteigenden Bläschen in ihrem Sektglas zu. »Vielleicht braucht man eine gewisse innere Distanz als Pflegekraft. Sonst nimmt man sich alles zu sehr zu Herzen.«

»Apropos Herz, ich mache mir mehr Sorgen um Hannah«, kam Tess auf ihr Thema zurück. »Sie sollte das mit den Männern anders angehen. Irgendwie weiblicher.« Mit einer Hand lockerte sie ihre braunen Locken, während sie Hannah eingehend musterte. »Du könntest was mit deinen Haaren machen.«

»Was für ein großer Tag für die Frauen in aller Welt«, seufzte Josie. »Neue Frisur, und dann klappt’s auch mit den Männern? In welchem Jahrhundert lebst du, Tess?«

»Im Zeitalter des Postfeminismus.« Tess dachte kurz nach. »So ganz genau weiß ich auch nicht, was das ist, aber soweit ich informiert bin, darf man jetzt wieder auf die Pauke hauen. Tolle Haare, großes Make-up, alles erlaubt. Ich steh jedenfalls voll hinter mir.«

Verstohlen sah Hannah in den goldgerahmten Spiegel. Es stimmte ja, sie machte nicht sonderlich viel aus sich. Nett gesagt, war sie der natürliche Typ. Ihr dunkelblondes Haar fiel schnittlauchglatt bis hinunter zu den Schulterblättern, und außer ein bisschen Wimperntusche benutzte sie keinerlei kosmetische Hilfsmittel. Weniger nett gesagt, war sie eine graue Maus. Dabei saß sie sozusagen an der Quelle. Der Laden quoll über vor lauter extravaganten Kleidungsstücken, doch letztlich zog sie immer nur Jeans und irgendeinen Pullover an. Heute war es ein dunkelblauer Wollpullover mit eingestrickten roten Rauten. So was trugen Schulmädchen. Na und? Als ob sie keine anderen Sorgen hätte. Zum Beispiel die Post vom Finanzamt oder der dringend notwendige Elektrorollstuhl für ihre Mutter, den die Kasse nicht übernehmen wollte.

»Du brauchst mal was zum Übergang, so wie es, na ja, Übergangsmäntel gibt«, verkündete Tess. »Nichts Festes, nur einen Mann für zwischendurch. Irgendeinen. Sonst kommst du aus der Übung. Ihr wisst schon, was ich meine …«

»Unsinn, das verlernt man nie, ist wie Fahrrad fahren«, versicherte Josie.

Eine Weile wurde es still. Alle dachten dasselbe, keiner sprach es aus: Wenn man Josies Äußerungen über ihr Liebesleben berücksichtigte, hatte sie schon sehr, sehr lange nicht mehr in die Pedale getreten. Sozusagen. Hannah pulte an den Klebestreifen des Kartons herum.

»Wofür soll ich irgendeinen Mann daten?«

»Betrachte ihn als, hm …« Tess schmiegte ihr Kinn in das seidige Material des Kimonos. »Betrachte ihn als eine Art Therapiehund.«

Also wirklich! Allmählich riss Hannah der Geduldsfaden.

»Geht’s noch, Tess?«

»Nein, nein, Menschen brauchen Gesellschaft.«

»Ich habe meine Mutter.«

Josie, die geistesabwesend mit ihrer Nudelkette spielte, hob den Kopf.

»Das meinst du jetzt nicht wirklich, Hannah.«

»Du kannst ihn auch wie ein Zwischengericht betrachten, wie ein Sorbet in einem Sieben-Gänge-Menü«, sagte Tess mit Nachdruck.

»Sieben Gänge?« Es war Hannah mehr als peinlich, im Mittelpunkt dieser Diskussion zu stehen. »Ich habe gelesen, dass der Durchschnittsdeutsche nur drei Komma vier feste Partnerschaften im ganzen Leben hat!«

Und ich nur eine, dachte sie. Das Thema Männer war nun mal der blinde Fleck in ihrem Leben. Sie hatte ja schon alle Hände voll zu tun, ihren Ex auf Abstand zu halten, der sie unbedingt »auf einen Kaffee« treffen wollte. Seit zwei Wochen bombardierte er sie mit Anrufen und Nachrichten. Tja, keine Chance. Nicht für Dennis, den Hallodri.

»Vielleicht arbeitet unsere Freundin zu viel«, versuchte es Josie mit einer anderen Erklärung für Hannahs Singledasein.

Das hatte Hannah schon öfter gehört. Geschenkt. Irgendwer musste ja die Miete verdienen. Sie holte einen pinkfarbenen Trenchcoat mit gelbem Kunstfellkragen aus dem Karton und ließ sich viel Zeit, die Vollzähligkeit der Knöpfe zu überprüfen.

»Wisst ihr was? Am Fließband stehen, das ist Arbeit. Was ich mache, ist Freizeitgestaltung mit beruflichem Hintergrund – hat schon Karl Lagerfeld gesagt.«

»Seine einzige große Liebe war eine Katze, so willst du nicht enden«, unkte Tess, die sich immer noch in dem lila Kimono vor dem Spiegel hin und her drehte.

Josie stand vom Sessel auf und legte einen Arm um Hannah.

»Du bist eine Klassefrau. Nicht aufgeben, okay? Da kommt noch was, versprochen.«

»Sag ich doch!«, rief Tess. »Hannah, wir unterstützen dich. Wenn wir irgendetwas tun können, lass es uns wissen.« In diesem Augenblick entdeckte sie den auffälligen pinkfarbenen Trenchcoat, den Hannah behutsam glatt strich. »Hey, das ist kein Kleidungsstück, das ist ein bewohnbares Kunstwerk!«

»Wie für dich gemacht«, bestätigte Hannah lächelnd.

Sie mochte Tess, auch wenn sie manchmal etwas oberflächlich wirkte. In Wahrheit war sie eine Seele von Freundin. Bereitwillig sprang sie ein, wenn Hannah abends Hausbesuche absolvieren musste und jemanden brauchte, der ihrer Mutter Gesellschaft leistete. Josie hätte dasselbe getan, wenn sie nicht vollauf mit ihrer eigenen Familie beschäftigt gewesen wäre. Dafür brachte sie Hannahs Mutter jeden Samstag einen selbst gebackenen Kuchen. Sie waren eine verschworene kleine Truppe. Beste Freundinnen durch dick und dünn.

»Schau mal, Josie.« Hannah hielt eine bunt gemusterte Bluse in pastelligen Eiscremefarben hoch. »Die könnte dir gut stehen. Passt zu deinem Porzellanteint und verzeiht bei dem unruhigen Muster sogar die Spuckeflecken deines Jüngsten.«

»Ja, babytauglich wäre sie«, überlegte Josie laut. »Aber bestimmt unerschwinglich. Du liebe Güte, Hannah, die ist von Gucci!«

»Kein Problem, meine Kundin ist froh, wenn sie die Sachen los ist, und für dich gibt es sowieso Freundschaftsrabatt. Probier die Bluse doch mal an. Ich kann sie dir für einen schlappen Zwanziger geben.«

Josies Augen leuchteten ungläubig auf.

»Wirklich?«

Sie streifte die Bluse über ihr T-Shirt und schaute in den Spiegel. Unwillkürlich stellte sich Hannah ihre Freundin in dem verkramten kleinen Reihenhaus vor, wo sie samt Familie wohnte. Vor lauter Kinderschuhen, Teddybären und Legosteinen bekam man dort keinen Fuß auf die Erde. Und solche chaotischen Zustände waren gar nicht mal selten. Im Laufe der wenigen Wochen hatte Hannah festgestellt, dass die Klamotteninvasion bei Weitem nicht das einzige Problem der Leute war. Fast alle versanken in Ballaststoffen. Zu viele Möbel, zu viele Lampen, Papiere, Aktenordner, Nippes, Schnickschnack. So war sie auf die Idee verfallen, neben dem Klamottenaussortieren einen Rundum-Ausmist-Service anzubieten. Clearing hieß das Zauberwort, was einfach viel, viel schicker klang als das etwas lahme »Aussortieren«.

»Bevor ich mir eine neue Bluse leiste, sollte ich vielleicht auch mal ausmisten«, bekannte Josie, als hätte sie Hannahs Gedanken erraten. »Ich komme einfach nicht mehr nach mit dem Aufräumen. Wie gehst du das an, Hannah?«

»Na ja, zuerst schaffe ich Ordnung in Schränken und Rumpelecken. Danach decke ich unnützen Mehrfachbesitz auf.« An den Fingern ihrer rechten Hand begann sie aufzuzählen. »Drei Korkenzieher, vier Teekannen, fünf Fonduetöpfe. Ist heutzutage normal. Dreißig Kugelschreiber, vierzig Cremepröbchen, fünfzig Stoffservietten, die alle nicht zusammenpassen. Auch normal. Neulich habe ich eine Sammlung von nicht weniger als hundertdreizehn Plastiktüten aus einer Wohnung getragen. So was fliegt dann alles raus und wird gespendet oder recycelt.«

Josie und Tess tauschten einen wissenden Blick. Und wieder fragte sich Hannah, was da im Busche war.

»Verschweigt ihr mir irgendetwas?«

»Nein, wieso?« Tess formte ein argloses Kussmündchen. »Erzähl weiter, Süße.«

»Na ja, seit Kurzem fahnde ich auch nach energetisch verstrahlten Gegenständen. Souvenirs vom Exlover zum Beispiel, oder Geschenke mieser Kollegen. Bei Bedarf gebe ich Tipps, wie man mit dem digitalen Müll umgeht. E-Mail-Accounts, die ein einziges Grab ungelesener Nachrichten sind. Zu viele Facebook-Freunde, die den Feed verstopfen. Handyfotos, die in die Zehntausende gehen, obwohl sie kein Mensch mehr anschaut. Weniger ist mehr.«

»Du machst das toll, Hannah«, sagte Tess anerkennend. »Nur dein Liebesleben kommt zu kurz.«

In diesem Moment schepperte die Ladenglocke, und Raffaela betrat den Laden, Tess’ Zwillingsschwester. Sie glichen einander wie das sprichwörtliche eine Ei dem anderen, nur, dass Raffaela noch um einiges exzentrischer als ihre Schwester auftrat. Ihr hautenges jadegrünes Strickkleid zierten klimpernde Ketten, ihre Finger waren dick beringt, in der linken Hand schwenkte sie eine strassfunkelnde Clutch. Die Vorliebe fürs Bling-Bling lag eindeutig in der Familie.

»Ihr habt schon angefangen?« Nacheinander umarmte sie Hannah und Josie, dann baute sie sich vor Tess auf. »Aber ihr habt es ihr noch nicht gesagt, oder?«

Verschmitzte Blicke flogen hin und her.

»Was – gesagt?«, fragte Hannah mit einem leicht mulmigen Gefühl.

Bei Raffaela musste man auf alles gefasst sein. Weil sie, nun ja, eine äußerst exotische berufliche Laufbahn verfolgte. Während Josie heldenhaft ihre Rolle als Hausfrau und Mutter ausfüllte und Tess brav und bürgerlich als Zahnarzthelferin arbeitete, versuchte sich Raffaela in den abenteuerlichsten Unternehmungen. Mal wollte sie einem die ultimativen, also wirklich weltbesten Gemüsemixer verkaufen. Dann wieder ewig haftende Lippenstifte, die verdächtig nach Klebstoff rochen. Ihr letzter Coup waren Diätdrinks gewesen, die noch dazu sämtliche Falten glatt zogen. Angeblich. Auch zu einem textilfreien Tantra-Kochkurs hatte sie Hannah schon überreden wollen.

Raffaela war eben ein Ausbund an Überraschungen. Oder ging es heute etwa darum, dass sie künftig zu den Klamottentreffen eingeladen werden wollte? Dagegen hatte Hannah prinzipiell nichts einzuwenden. Obwohl … hm.

»Raffaela ist hier, weil wir uns schon länger mal bei dir revanchieren wollten«, klärte Tess das Erscheinen ihrer Schwester auf. »Du bist immer so lieb und großzügig, Hannah, das verdient ein dickes Dankeschön.«

»Deshalb dachten wir, man könnte das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden«, ergänzte Raffaela.

Oha. Hannah presste die Lippen aufeinander. Bisher waren Raffaelas Vorschläge weder angenehm noch nützlich gewesen.

»Ich habe einen ganz, ganz tollen Mann kennengelernt!«, platzte Tess heraus.

Den sie jetzt an mich weiterreichen will? Oder wo ist der Haken? Hannah stand komplett auf dem Schlauch.

»Er heißt Pascal, ist ein echter Kavalier und womöglich der Mann ihres Lebens«, berichtete Raffaela aufgeregt.

Hannah fiel ein Stein vom Herzen. Dann war der Kavalier schon mal nicht für sie bestimmt. Gott sei Dank.

»Dieser Mann hat Lebensart, er handelt mit den besten Bioweinen, stell dir das mal vor«, fügte Tess nicht minder aufgeregt hinzu.

»Nur soll er leider ein Messie sein«, rundete Josie das Bild ab.

Verständnislos sah Hannah von der einen zur anderen.

»Also, ich weiß nicht so recht, was ich dazu sagen soll. Glückwunsch? Beileid?«

»Hiermit erteilen wir dir den Auftrag, bei ihm auszumisten!«, rief Raffaela enthusiastisch. »Wir haben zusammengelegt! Ist ein super Auftrag für dich! Und wer weiß, vielleicht ist auch eine Gratiskiste Wein drin.« Sie warf sich in Positur, was den hautengen Sitz ihres Strickkleids zur Geltung brachte. »Er hat nur die allerallerbesten Tropfen, alles original französisch, aber bio, oh, là, là.«

Gemessen an Raffaelas bisherigen Unternehmungen konnte das eigentlich nur bedeuten: süß auf der Zunge, bockig im Abgang, Sodbrennen garantiert. Außerdem hatte es sich Hannah zum Prinzip gemacht, nie Freundschaft und Geschäft zu vermischen. Von Tess und Josie nahm sie so lachhaft wenig Geld, dass sich alle dabei wohlfühlten. Aber Anfragen aus ihrem Bekanntenkreis hatte Hannah immer kategorisch abgelehnt. Beim Geld hörte die Freundschaft bekanntlich auf. Und jetzt sollte sie ausgerechnet bei Tess’ neuer Flamme ausmisten? Auf keinen Fall. Das würde sie ihren Freundinnen schonend beibringen müssen.

»Also, es ist, äh, im Grunde eine schöne Idee«, druckste sie herum. »Nein, wirklich, ich freue mich.«

»Sag das mal deinem Gesicht«, wurde sie von Raffaela gerügt.

Sogleich bemühte sich Hannah um ein Lächeln, das nicht so ganz gelang.

»Ich denke nur, na ja, ist gerade leider alles ein bisschen stressig. Die vielen neuen Kunden, meine Mutter, ihr wisst ja. Vielleicht ein andermal.«

»Hannah!« Tess trat einen Schritt auf sie zu und rang theatralisch die Hände. »Er könnte der Mann meines Lebens sein! Nur, dass er zur Unordnung neigt und schreckliche Klamotten trägt. Verbeulte Jogginghosen, ausgeleierte T-Shirts, uralte Schlabberpullover, vergammelte Sneakers. Vorhang auf, Blamage frei. Bitte, Hannah!«

»Wäre doch bestimmt ganz spannend, bisher hast du noch nie bei einem Mann ausgemistet.« Ein kleines Lächeln glitt über Josies schmales Gesicht. »Auf diese Weise könntest du dir ein neues Geschäftsfeld erobern. Bedarf gäbe es ohne Ende. Ich meine, Männer geben sich rational, nüchtern, strukturiert, dabei sind sie die allergrößten Schlunzen.«

»Das ist Sexismus«, warf Hannah lächelnd ein.

»Nee, ein universales Gesetz«, hielt Josie dagegen. »Alle meine verheirateten Freundinnen sagen dasselbe: Kommt der Mann abends heim, zieht er eine Spur der Verwüstung hinter sich her. Die Schuhe, die Aktentasche, die Jacke, alles lassen sie einfach auf den Boden fallen, und danach krümeln sie mit den Keksen auf der Couch herum wie Vierjährige.«

»Genau solche Probleme möchte ich unbedingt auch haben!« Tess holte ihr Handy heraus, tippte den Fotospeicher an und hielt Hannah das Display hin. »Das ist Pascal!«

Pflichtschuldigst beugte sich Hannah über das Handy. Es war ein Profilbild, das sah man gleich. Die Art Fotos, die Männer auf Flirtportalen einstellten. Es zeigte einen noch relativ jungen Mann, dessen einzige besondere Kennzeichen eine schwere Hornbrille sowie phänomenale Segelohren waren. Da konnte Benjamin Blümchen einpacken.

»Also, die Ohren, da wächst er vielleicht noch rein«, giggelte Josie.

»Nur kein Neid.« Raffaela zog ein weißes Kuvert aus ihrer glitzernden Clutch und überreichte es Hannah. »Da ist dein Honorar drin. Pascal wartet übrigens schon auf dich.«

»Wie? Wann?«, fragte sie ziemlich verdattert.

»Er rechnet noch heute mit dir. Also ungefähr in einer Stunde.«

»Unmöglich.« Abwehrend hob Hannah die Hände. »Meine Mutter braucht mich, so spontan habe ich keine Zeit.«

»Ich gehe hoch zu ihr und koche ihr was Schönes, alles schon organisiert«, versicherte Tess. »Es gibt Tofu-Sesam-Bällchen an Mango-Chutney, danach schauen wir ihre Lieblingsvideos, entweder Herr der Ringe oder Mediation oder so.«

»Meditation«, murmelte Josie.

»Bitte, Hannah«, Tess seufzte tief, »tu es mir zuliebe. Wer weiß, wenn du Pascal ordentlich hinbiegst, läuten eventuell sogar die Hochzeitsglocken. Du bist dann natürlich der Ehrengast.«

Na, besten Dank auch. Hannah wusste nur zu gut, dass eine Hochzeit für eine Singlefrau ihres Alters in etwa so erfreulich war wie zwanzig Kilo zu viel auf der Waage. Nur ungern dachte sie an die Heirat ihrer Cousine vor einem halben Jahr. Alle Gäste hatten sie angestarrt. Und alle hatten gedacht: Aha, die ist also schon so verzweifelt, dass sie sogar die schwer vermittelbaren Singlemänner auf Hochzeiten sondiert. Scheidungsruinen. Ewige Junggesellen. Eigenbrötler. Nerds.

»Bitte«, flehte nun auch Josie. »Tu es für Tess, für uns, für unsere Freundschaft. Und mal ehrlich: Das Honorar kannst du doch gut gebrauchen, wenn ich es richtig sehe.«

Dummerweise entsprach das der Wahrheit. Hannah gab ihrem Herzen einen Stoß. Hatte sie denn eine Wahl? Es lag ihr so gar nicht, ihre Freundinnen zu enttäuschen. Das Ganze war ein Vertrauensbeweis, lieb gemeint, und momentan konnte sie tatsächlich jeden Cent gebrauchen. Bleib locker, sprach sie sich Mut zu. Wie sagt deine spirituell erleuchtete Mutter doch immer? Null Drama ist die Quelle eines glückerfüllten, friedvollen Lebens.

»Also schön«, lenkte sie ein. »Ich checke Pascals Kleiderschrank und schaue mal, ob ich ein bisschen ausmisten kann.«

»Du bist die Beste!«, juchzte Tess, dann wurde sie unvermittelt ernst. »Ach ja, es gibt da noch einen kleinen Schönheitsfehler: Er hängt dauernd mit seinen Kumpels ab. Das ist ein gewisses Problem. Ich kann mir keine Beziehung mit einem Mann vorstellen, dem seine Freunde wichtiger sind als ich. Neulich wollten wir einen gemütlichen DVD-Abend zu zweit veranstalten – aber plötzlich rauschten seine komischen Freunde mit einer Kiste Wein an, und vorbei war’s mit der Zweisamkeit.«

»Das geht natürlich gar nicht«, sagte Raffaela entrüstet.

Auch Hannah konnte Tess’ Bedenken bestens nachvollziehen. Gerade am Anfang einer Beziehung wollte man Intimität und nicht dauernd Remmidemmi.

»Wo hast du ihn denn eigentlich kennengelernt?«, erkundigte sie sich.

Tess seufzte tief.

»Ich war doch neulich mit Raffaela im Schlosshotel bei diesem Ärzteball. Mein Chef hat uns mitgenommen. Da waren tolle Männer, glaub mir, ganz anders als die windigen Typen, die in den Clubs rumlungern.«

»Wenn du ein Prachtexemplar von Mann angeln willst, darfst du eben nicht im Baggersee fischen«, gab Raffaela ihren Senf dazu. »Pascal stellt was dar. Und er bewohnt eine wunderwunderschöne Villa.«

»Die hat er geerbt, ist so was wie uralter Familienbesitz, und genauso sieht’s da auch aus.« Tess rollte mit den Augen. »Voll das Chaos. Aber wenn das jemand hinkriegt, dann du.«

Drei Augenpaare richteten sich auf Hannah. Drei erwartungsvoll dreinblickende Augenpaare.

»Kleinigkeit.« Mit einem schiefen Lächeln ergab sie sich ihrem Schicksal. »Vermüllte Villa auf Vordermann bringen, Mann umstylen und auf Hochzeit umbiegen. Wenn’s sonst nichts ist …«

Kapitel 2

Tess hatte nicht zu viel versprochen. Die Behausung ihres neuen Schwarms entpuppte sich als romantische alte Villa, aufwendig mit Stuck verziert und an den Seiten mit Efeu bewachsen. Das Anwesen lag am Stadtrand, in einem malerisch verwilderten Garten, den alte Eichen von den Nachbargrundstücken abschirmten. Hannah atmete tief durch. Sie hatte ganz vergessen, wie würzig die Luft im Grünen roch. Und wie beruhigend still es sein konnte, wenn man nicht inmitten von tosendem Verkehr wohnte. Nur die Vögel zwitscherten. Dieser Pascal hatte sich das friedlichste Fleckchen der Welt ausgesucht.

Seltsam. Irgendwie hatte Hannah Schwierigkeiten, sich vorzustellen, wie Tess in diese Idylle reinpassen sollte. Weit und breit kein Nagelstudio, keine Boutique, kein Friseur. Wenn das mal gut ging.

Etwas verwundert über das märchenhafte Ambiente stieg sie vom Fahrrad und lehnte es an den schmiedeeisernen Gartenzaun. Zur Feier des Besuchs trug sie ein knallrotes Jackett aus ihrem reichen Klamottenfundus. Ihre Freundinnen hatten darauf bestanden. Sonst sehe sie ja aus wie ihre eigene Praktikantin, so der allgemeine Tenor. Es werde Zeit, dass sie ihre Geschäftsphilosophie durch ein angemessenes Outfit unterstreiche.

Die ganze Fahrt über hatte Hannahs Handy gepiepst, jetzt checkte sie die eingegangenen Nachrichten. Dennis. Klar. Ihr Ex ließ einfach nicht locker. Warum wollte er sie unbedingt treffen? Um ehrlich zu sein, hatte Hannah ein bisschen Angst vor einem emotionalen Rückfall. Dennis war ihr absoluter Traummann gewesen. So was ließ sich nicht einfach wegwischen. Selbst dann nicht, wenn er ihr schon nach zwei Jahren Ehe den Alptraum notorischer Untreue beschert hatte. Abhaken, Hannah. Vergiss ihn.

Als Nächstes rief sie ihre Mutter an. Marie-Luise Bodmer meldete sich schon nach zwei Klingelzeichen, mit ihrem mütterlichen Singsang voller Wärme und Nachsicht, den Hannah so an ihr mochte.

»Licht und Liebe, bist du gut zu deinem Termin gekommen?«

»Ja, Mama, bestens. Und bei dir? Alles in Ordnung?«

»Tess hat ganz wundervolle Sesambällchen fabriziert, jetzt schauen wir ein Meditationsvideo.« Im Hintergrund hörte man ein heftiges Fabriziert? Was soll das denn bitte heißen?. »Also, Hannah«, fuhr ihre Mutter fort, »du musst dich nicht beeilen, Tess und ich wollen noch den dritten Teil von Herr der Ringe schauen. Der Pfleger war auch schon da. Ich bin versorgt, ich habe meditiert, alles easy, null Drama.«

War es wirklich so? Es gab Hannah immer einen kleinen Stich, wenn sie abends nicht bei ihrer Mutter sein konnte. Zwar hatten sie die Herr-der-Ringe-Trilogie mindestens schon zwanzigmal gemeinsam angesehen, doch es wurde Hannah nie zu viel, für ihre Mutter da zu sein. Andererseits fühlte sie sich mit Tess auf der sicheren Seite. Marie-Luise Bodmer mochte Hannahs Freundin, vielleicht auch deshalb, weil Tess ein Kontrastprogramm zu ihrer Tochter war. Mit Tess konnte sie stundenlang über Mädelssachen reden: Männer, Make-up, Modeschmuck, und dann kicherten sie wie die Teenager.

»Gute Nacht, Mama. Süße Träume.«

»Bis morgen früh. Du bist meine Lieblingsfarbe, Kleines. Sei der Grund, warum heute jemand lächelt. Ciao.«

Ja, Marie-Luise Bodmer war speziell. Während Hannah das Handy in ihrer Jeans versenkte, spähte sie über den Gartenzaun. Es war ein ausgesprochen heißer Sommerabend. Seit vier Wochen hatte es nicht geregnet, und sie spürte die trockene Hitze, die der Boden abstrahlte. Obwohl die Sonne schon recht tief am Himmel stand, schien sie noch kräftig genug, um die Villa in ein magisches Licht zu tauchen. Keine Menschenseele war zu sehen. Nur eine einsame Saxophonmelodie schwebte über den Jasminbüschen, die den gepflasterten Weg zum Haus säumten. Ob dieser Pascal selber spielte? Oder hatte er seine Musikanlage voll aufgedreht?

Die Frage beantwortete sich von selbst: durch das Erscheinen eines Mannes, der mit energischen Schritten die ausgetretenen Marmorstufen der Eingangstreppe herabeilte. An seinem Hals baumelte ein messingfarbenes Saxophon, seine phänomenalen Ohren leuchteten rötlich. Nach einem Weinhändler sah er so gar nicht aus. Eher nach einem Studenten im hundertsten Semester, dessen Garderobe aus dem Altkleidercontainer stammte. An sich war das ja löblich, in diesem Falle aber eine Katastrophe. Auf seinem ausgeleierten weißen T-Shirt prangte ein fast bis zur Unkenntlichkeit verwaschener SpongeBob-Aufdruck. Darüber trug er eine abgeratzte grüne Anglerweste mit tausend aufgenähten Taschen. Den Aufzug komplettierte eine verbeulte Jogginghose, deren Farbe das menschliche Auge beleidigte – irgendwas zwischen Tümpelgrün und Mülleimergrau.

SpongeBob, du lieber Himmel. Der Typ war schätzungsweise Mitte, Ende dreißig, aber aus der Pubertät schien er noch nicht rausgekommen zu sein. Von der albernen schwarzen Streberbrille ganz zu schweigen. Hannah begriff auf der Stelle, warum Tess auf einem Umstyling bestand.

Wenigstens das Gesicht ist gut geschnitten, dachte sie. Markante Wangenknochen, kantiges Kinn, hohe Stirn, nicht übel. Aber der Dreißig-Tage-Bart muss weg, und auch ein anständiger Haarschnitt wäre fällig. Oder war das ein Hipsterbart? Und eine Rod-Stewart-Gedächtnisfriese? Mit dem Profilbild hatte der Typ jedenfalls nur entfernte Ähnlichkeit. Und warum schaute der gute Mann so finster drein? Weil sie ihn beim Saxophonspielen gestört hatte?

Todesmutig schob sie das Gartentor auf und marschierte auf ihn zu, erhitzt vom Fahrradfahren, ziemlich neugierig und sich ein wenig unbehaglich fühlend. Die typische Mischung, wenn sie das erste Mal bei Kunden tätig wurde. War schließlich eine intime Sache, in den Privaträumen anderer Leute rumzukramen, oder?

»Hallo, Herr, äh, Pascal.«

»Was wollen Sie?«, rief er statt einer Begrüßung. »Sie können doch nicht einfach in meinen Garten reinlatschen!«

Du liebe Güte. Wie war der denn drauf? Hannah ging weiter auf ihn zu. Wäre ja noch schöner, wenn sie sich nach der langen Fahrt so schnell ins Bockshorn jagen ließe.

»Sie sind der Typ Cowboy, der erst schießt und dann die Fragen stellt, richtig? Wieso regen Sie sich denn so auf?«

»Aufregen?«, blaffte er. »Ist für Anfänger – ich bin stinksauer! Verschwinden Sie! Sonst …«

»… ziehen Sie mir eins mit dem Saxophon über? Keine Angst, dass das Karma zurückschlägt?«

Skeptisch musterte er sie von oben bis unten.

»Sind Sie von einer Sekte?«

»Ich bin eine Freundin von Tess. Hannah.« Sie streckte ihm die Rechte entgegen, die er mit einem Ausdruck betrachtete, als sei es eine Handgranate. »Ich komme wegen des, na ja, Ausmistens.«

»Ach das.« Seine Miene verfinsterte sich weiter, sofern das überhaupt noch möglich war. »Können Sie knicken. Sorry, aber je eher Sie gehen, desto besser für uns beide.«

Moment mal. Wenn sie sich jetzt abwimmeln ließ, würden ihre Freundinnen glauben, sie hätte gekniffen. Kam überhaupt nicht in die Tüte, dass sie unverrichteter Dinge wieder abzog. Deshalb straffte Hannah den Rücken und bog die Schultern zurück, um größer zu wirken.

»Entschuldigen Sie bitte«, flötete sie, »was haben Sie gerade gesagt?«

»Haben Sie mich etwa nicht verstanden?«

»Doch, doch, ich wollte Ihnen nur die Chance geben, Ihre Meinung zu ändern. Ich habe nämlich einen Auftrag, und ich werde ihn erledigen.«

»Sie?« Ein grimmiges Lächeln huschte durch den Hipsterbart. »Sie werden gar nichts tun, außer Ihr Fahrrad zu besteigen und abzuzischen. Und zwar dalli, bevor ich so richtig ausraste.«

»Tun Sie doch schon«, entgegnete Hannah.

Langsam platzte ihr die Pelle. Was nahm sich dieser Typ eigentlich raus? Stolzierte wie ein Columbo für Arme in seinem Garten herum und muffelte sie an? Obwohl er offensichtlich wusste, dass Tess sie eigens engagiert hatte, um hier Klarschiff zu machen?

»Raus«, knurrte er.

»Nee, rein.« Sie lächelte zuckersüß. »Ich verstehe, wenn Ihnen das Chaos drinnen unangenehm ist. Geben Sie mir ein, zwei Tage, und Sie werden Ihr Haus nicht wiedererkennen.«

»Sehen Sie, genau das will ich verhindern.« Ungehalten schnalzte er mit der Zunge. »Tess hat sich da in etwas reingesteigert. Aber so läuft das nicht. Ich mache hier mein Ding, ob ihr das gefällt oder nicht. My home is my castle.«

Das war eine unmissverständliche Ansage. Allerdings gab es handfeste Argumente, warum Hannah nicht aufgeben durfte. Freundschaft zum Beispiel. Tess und ihr Liebesglück. Der Brief vom Finanzamt. Und das dringend benötigte Geld für den neuen Rollstuhl.

»Okay.« Geblendet von der tief stehenden Sonne verengte sie ihre Augen zu Schlitzen. »Reden wir Klartext. Sie haben keine Lust auf die Aktion. Ich auch nicht. Doch ich habe es Tess versprochen. Könnten wir es nicht so machen, dass ich mir alles anschaue, Ihnen ein paar Tipps gebe, und dann sind Sie mich wieder los?«

Ihre Stimme hatte ein bisschen gezittert. War das der Grund, warum sich seine Züge allmählich glätteten?

»Also gut«, sagte er nach einer bangen kleinen Ewigkeit. »Sie haben eine Viertelstunde.«

Hannah atmete auf. Mann, Mann, Mann, dieser Pascal war die schlechte Laune in Person, aber wenigstens durfte sie seine heiligen Hallen betreten. Wenn sie erst mal drin war, würde aus der Viertelstunde schon noch mehr werden. War doch immer so. Anfangs dachten die Leute: Hey, was wird schon groß zu räumen sein? Und dann staunten sie, was Hannah alles zutage förderte. Dinge, die sie längst vergessen hatten. Oder die sie gar nicht mehr sahen, weil sie sich an den Anblick gewöhnt hatten. Kaputte Stehlampen zum Beispiel, die kein Mensch brauchte. Wellige Teppichbrücken, über die man zehnmal täglich stolperte. Oder uralte Koffer, die seit Jahren unbenutzt auf den Schränken verstaubten.

Was wohl dieser Pascal alles hortet?, überlegte Hannah. Wenn er tatsächlich ein Messie ist, sollte ich wohl besser den Entrümpelungsservice bestellen. Der könnte dann auch gleich den granteligen Hausherrn entsorgen.

Er musterte sie noch einmal von oben bis unten, wobei er dem Oben diesmal mehr Aufmerksamkeit schenkte als dem Unten. Dann machte er ohne weiteren Kommentar auf dem Absatz kehrt, und Hannah folgte ihm in den Eingangsbereich der Villa. Wie befürchtet, sah es dort nach Junggesellenhöhle aus. Zwei vollgehängte Garderobenständer. Eine wuchtige alte Kommode, auf der vier Computertastaturen übereinanderlagen. An der Decke hing ein schadhafter Kronleuchter, in dem nur drei Glühbirnen brannten. Ein windschiefes Regal neben der Haustür quoll über vor Schuhkartons, Zeitschriften und einer kunterbunten Sammlung von Playmobilfiguren. Dieser Mann war kein Messie. Er war der König der Messies.

»Hübsch«, lispelte sie.

Seine Augen hinter den Brillengläsern funkelten angriffslustig.

»Vorsicht, ich habe eine Ironie-Allergie.«

In diesem Moment stieß Hannahs Fuß gegen einen alten, fleckigen Basketball. Er rollte in eine Ansammlung leerer Weinflaschen, die umfielen wie auf der Kegelbahn.

»Nette Bude, wirklich.« Sie konnte sich das Lachen kaum verkneifen. »Hat Stil.«

»Schön, dass es Ihnen gefällt«, grummelte er, während er den Ball aufhob und in die Kommode stopfte. »Ich werde Sie in meinem Testament bedenken.«

»Was haben Sie angestellt? Ihr Personal vergrault?« Hannah deutete auf die Computertastaturen, den Kronleuchter, das Regal mit den bunten kleinen Figürchen. »So eine Playmobilsammlung ist schon süß. Hatte ich auch mal. Mit fünf.«

Wider Willen schien ihm diese kleine Provokation zu gefallen. Seine Mundwinkel zuckten, als er das Saxophon abnahm und auf eine geschnitzte Truhe legte.

»Wo wollen Sie anfangen?«, fragte er etwas freundlicher.

»Normalerweise beginne ich mit dem Kleiderschrank.« Hannah räusperte sich. »Keine Sorge, Sie werden es als Befreiung empfinden, wenn ich das Gröbste aussortiere.«

Er stand schon an der gewundenen Holztreppe, die zum ersten Stock führte, jetzt drehte er sich noch einmal halb zu ihr um.

»Theorie oder Garantie?«

Im Halbdämmer des Flurs konnte Hannah nicht ausmachen, ob er lächelte. Klang aber so. Merkwürdig.

»Garantie«, behauptete sie. »Tausend Prozent.«