Der Junge, der Gedanken lesen konnte - Kirsten Boie - E-Book

Der Junge, der Gedanken lesen konnte E-Book

Kirsten Boie

4,4
6,99 €

Beschreibung

Spannung und Philosophie in einem poetischen Kinderkrimi von Kirsten Boie. Als Valentin in der Gluthitze dieses Sommers unter den alten Bäumen des Friedhofs steht, ahnt er nicht, dass gerade das größte Abenteuer seines Lebens beginnt. Denn hier fühlt er sich wohl. Und vielleicht findet er auch eine Antwort auf seine Frage nach dem Leben und dem Tod. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse. Ist der Friedhofsgärtner Bronislaw ein ganz gemeiner Verbrecher? Was hat es mit den merkwürdigen Bildern im Kopf des unsympathischen Büromanns auf sich? Haben sie etwas mit den brutalen Überfällen auf Juweliergeschäfte zu tun? Tatsächlich bringt Valentin seine seltsame Gabe, Gedanken lesen zu können, in allergrößte Gefahr. Dies ist eine wunderbar leichte, poetische Geschichte von Kirsten Boie über Freundschaft und den Umgang mit Verlust und Trauer, gleichzeitig aber auch spannender Kinderkrimi und großes Abenteuer, farbig in Szene gesetzt von Regina Kehn.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 315




Jetzt wäre ich wirklich froh gewesen, wenn Artjom bei mir gewesen wäre. Ich hätte mich einfach nicht so gruselig gefühlt. Aber natürlich war ich längst daran gewöhnt, dass Artjom nicht da war, wenn ich ihn brauchte.

Die Schubkarre stand ordentlich abgestellt auf dem Plattenweg neben dem Hintereingang der Kapelle. Wie immer lagen Bronislaws Spaten darauf und die Hacke mit dem langen Stiel, auch die Hacke mit dem kurzen Stiel und die kleine Schaufel, also alles in Ordnung.

Was mich stutzig gemacht hat, war die Kiste mit den kleinblütigen Begonien. Die ließen ihre Köpfe hängen, und von manchen waren sogar schon die ersten Blütenblätter in die sandige Wanne der Karre gefallen, so vertrocknet waren sie.

Bronislaw hätte das seinen Blumen nie angetan. Entweder er hätte sie gleich eingepflanzt, oder er hätte sie wenigstens reichlich gegossen. Und so mitten in der Sonne stehen gelassen hätte er sie auch nicht.

»Bronislaw?«, hab ich gerufen. »Bist du hier, Bronislaw?«

Obwohl man das an der Schubkarre ja sehen konnte.

Es kam aber keine Antwort.

»Bronislaw?«, hab ich wieder gerufen. Dann bin ich durch den Hintereingang gegangen.

Ich muss jetzt sagen, dass ich vorher schon öfter in der Kapelle gewesen war. Wenn man durch die Hintertür geht, sind da nämlich die Klos, darum kannte ich mich aus. Vielleicht hatte Bronislaw da auch hingewollt.

Jetzt lag er auf dem Bauch auf dem Boden mit merkwürdig angewinkelten Armen und an seinem Hinterkopf war Blut. So sehen die Leichen im Fernsehen aus, nicht dass Mama mich solche Sendungen gucken lässt.

»Bronislaw!«, hab ich gebrüllt. Ich bin nicht weggerannt. Ich hab mich neben ihm auf die Knie fallen lassen.

Und das war von meinem Abenteuer nicht mal der Anfang, das war schon die Mitte. Ich hab es nur nicht gewusst.

1.

Beim nächsten Mal ziehe ich bestimmt nicht wieder in den Sommerferien um. Obwohl Kinder das ja sowieso nicht bestimmen dürfen.

Aber Mama durfte es auch nicht bestimmen, sondern der Topp-Preis-Dromarkt, und da konnte ich nichts machen. Beim Topp-Preis-Dromarkt haben sie entschieden, dass Mama von jetzt an Marktleiterin in einer anderen Filiale sein soll, darauf haben wir mit Cola angestoßen. Weil das heißt, dass wir mehr Geld verdienen, hat Mama mir erklärt. Als Marktleiterin ist sie ja dann sozusagen der Boss, da sitzt sie nicht mehr nur an der Kasse und räumt die Regale ein und sonst noch was. Als Marktleiterin darf sie über alle bestimmen.

Das hab ich gut gefunden und das mit dem Geld auch. Aber dass es auch heißt, dass wir umziehen müssen, hat Mama mir erst nach der Cola erklärt. Das fand ich natürlich nicht so gut, weil ich dann ja wieder wegmusste von meinen Freunden und allem.

»Wir können ja mailen, Alter!«, hat Kevin gesagt.

Briefe schreiben, wie wir es im Deutschunterricht gelernt haben, auf Papier und richtig mit Umschlag, wäre natürlich auch gegangen. Da hab ich aber gewusst, dass das bei Kevin nicht klappen würde, wegen dem Geld für die Briefmarke und weil seine Schrift nicht so sehr gut ist.

»Simsen geht auch und telefonieren«, hat Metin gesagt. Vielleicht war er genauso traurig wie ich. Wir kannten uns ja seit der zweiten Klasse.

»Klar«, hab ich gesagt.

Man macht es aber doch nicht. Man sagt es vorher nur.

Unsere neue Wohnung liegt im zwölften Stock, das ist besser als vorher. Man hat einen Blick über die ganze Stadt, und wenn man auf dem Balkon steht, ist es fast ein kleines bisschen gruselig, weil unten alles so klein aussieht. Ich hab überlegt, dass ich Eintritt nehmen könnte wie beim Fernsehturm in Berlin, auf dem wir mal waren, da bezahlt man auch nur für den Blick und das Fahrstuhlfahren, daran war nichts besser als an unserem Balkon. Einen Fahrstuhl haben wir schließlich auch, in dem hängt ein Schild, dass Kinder unter sechs Jahren ihn nur in Begleitung Erwachsener benutzen dürfen. Aber ich habe nie einen Polizisten gesehen, der das kontrolliert. Und außerdem bin ich zehn.

Im Treppeneingang steht außerdem, dass man im Hausflur nicht spielen und lärmen darf. Das hatte ich aber sowieso nicht vor, als ich mit dem Fahrstuhl nach unten gefahren bin. Mama war an diesem Morgen zum ersten Mal in ihre neue Filiale gegangen, um zu bestimmen, und sie hatte sich die Haare extra schön frisiert und sich geschminkt, damit sie auch wirklich wie eine Marktleiterin aussah.

»Auf den ersten Eindruck kommt es an, Valentin!«, hat sie gesagt. Man konnte sehen, dass sie aufgeregt war.

»Toi, toi, toi!«, hab ich geantwortet. Das sagt man ja, wenn jemand etwas Wichtiges vor sich hat wie eine Prüfung oder so. Ich hab aber nicht über die Schulter gespuckt, wie man es eigentlich soll, damit es wirklich Glück bringt. In einer neuen Wohnung mit frisch verlegtem Teppichboden geht das nicht.

Als Mama weg war, hab ich zuerst das Buch zu Ende gelesen, das mir meine Klassenlehrerin zum Abschied geschenkt hatte, mit Widmung drin und den Unterschriften von allen Kindern, sogar von Kevin, der nicht so gerne schreibt, man kann sie aber lesen. Das Buch handelt von einem gefährlichen Verbrecher und von einer Kinderbande, die ihn überführt. Die Bande muss das machen, weil die Polizei sich zu blöde anstellt. Das Buch war wirklich so spannend, dass es in meinem Kopf geknirscht hat, und ich hab überlegt, ob ich es gleich noch mal lesen soll; aber dann hab ich gedacht, ich hebe es mir auf für einen Regentag. DA weiß ich nämlich sonst nie, was ich machen soll.

Stattdessen hab ich mir die Zähne geputzt und nach einem sauberen T-Shirt gesucht. Wir hatten die Umzugskisten ja noch nicht fertig ausgepackt, ich hab aber trotzdem eins gefunden. Dann hab ich beschlossen, dass ich erst mal die Gegend erkunde. Vielleicht gab es in der Nähe eine Leihbücherei, wo ich mir Bücher ausleihen konnte, Kinder dürfen das manchmal kostenlos. Damit ich mich nicht so langweile, bevor die Schule wieder losgeht. Ich kannte ja noch keinen in der neuen Stadt, und an dem Morgen wusste ich natürlich noch nicht, dass jetzt gerade die spannendste Zeit in meinem ganzen Leben anfing. Ich bin in mein Abenteuer doch erst danach reingestolpert, und übrigens hab ich es auch da nicht gleich gemerkt.

Vor dem Haus hab ich überlegt, ob ich nach rechts laufen sollte oder nach links. Nach rechts sah es mehr so aus, als ob es in die Stadt geht, da war das vielleicht auch die Richtung für die Bücherei. Nach links sah es eher ziemlich grün aus.

Mesut habe ich erst bemerkt, als ich schon fast in ihn reingelaufen war, das passiert mir leider öfter. Ich bin manchmal in Gedanken. Natürlich wusste ich da noch nicht, dass er Mesut hieß. Jedenfalls saß er auf dem Fahrradständer vor dem Eingang und hat mit seinem Handy gespielt.

»Mann, pass doch auf mit deinem Scheißcap!«, hat er gebrüllt, als ich fast über seine Beine gestolpert bin. Ich hab mir an den Kopf gefasst, als ob ich die Kappe festhalten müsste. Wer wusste denn, ob er sie mir nicht gleich runterhauen würde, und die Kappe war mein Glücksbringer. Zu Hause hatte sie Artjom gehört und jetzt gehörte sie mir, und Mama hatte längst aufgehört, darüber zu schimpfen, dass ich sie immer trug. Obwohl sie echt nicht mehr so schön aussah, falls sie das jemals getan hatte. Der Schriftzug, der für ein amerikanisches Bier werben sollte, war längst so dreckig und abgeschabt, dass man ihn nicht mehr richtig lesen konnte. Das machte nichts. Bei einer Kappe ist das nicht wichtig.

Der Junge sah aus, als ob er so ungefähr drei Jahre älter war als ich, was bedeutet, dass er wahrscheinlich ungefähr ein Jahr älter war. Ich bin klein für mein Alter, und wegen der Brille sehe ich auch nicht sehr gefährlich aus, man nennt das unscheinbar. Mama sagt, das wird schon.

»Entschuldigung!«, hab ich gesagt. Dann hab ich versucht, an dem Jungen vorbeizugehen, ohne über seine Beine steigen zu müssen, ich wusste schon gleich, dass er sich sonst nur aufregen würde. Das war aber schwierig, weil er sie so ausgestreckt hatte, schräg in den Plattenweg rein.

Mama hätte jetzt gefragt, warum ich denn nicht gleich die Gelegenheit genutzt habe, um mich anzufreunden, solche Sachen fragt Mama immer. Weil sie keine Ahnung hat. Wie kann man sich einfach so mit einem fremden Jungen anfreunden, der mit seinem Handy spielt und mit den Beinen den Weg blockiert? Man kennt ihn ja nicht. Mama hätte sich auch nicht angefreundet, sie denkt nur immer, bei Kindern ist das anders.

Eine Tausendstelsekunde lang hab ich aber ernsthaft überlegt, ob ich ihn nicht fragen sollte, wo die nächste Leihbücherei ist. Aber wirklich nur eine Tausendstelsekunde lang. Mesut sah nicht direkt aus wie einer, der sich mit Leihbüchereien auskennt. Ich hab mich also so ganz schräg an seinen Füßen vorbeigequetscht, und als ich es fast geschafft hatte, hat er sie blitzschnell ein bisschen weiter vorgestreckt, dass ich fast gestolpert bin. Ich bin sicher, das war Absicht. Aber gesagt habe ich natürlich nichts. Ich hab ja schon erklärt, dass Mesut aussah, als ob er drei Jahre älter war als ich.

»Was ist, du Spast, hast du keine Augen im Kopf?«, hat er mich angebrüllt. »Verpiss dich!«

Dabei hatte ich ihm ja gar nichts getan, eher er mir. Und übrigens hat er auch nicht »Verpiss dich!« gesagt, sondern »Vöpiss disch!«, so ganz weit hinten im Hals, wie man es tun muss, damit es cool klingt. Ich kann es auch ganz gut, weil ich doch früher nach der Schule nachmittags oft mit zu Metin gegangen bin, bevor Mama um 19.30 nach Hause gekommen ist, und Adem hat auch so geredet, das war Metins großer Bruder. Der hat Gas- und Wasserinstallateur gelernt, das fand ich cool. Überhaupt finde ich ältere Brüder cool. Ich hab darum auch gelernt, wie Adem zu reden, aber Mama hat gesagt, es ist wichtiger, dass ich akzentfreies Deutsch sprechen kann, für die Schule und für meine ganze Zukunft und für das Leben. Dabei spricht sie natürlich überhaupt kein akzentfreies Deutsch, und jetzt ist sie trotzdem Marktleiterin, und was vielleicht noch ihre Zukunft ist, kann man gar nicht wissen.

Mesut hat das vom Verpissen also ohne akzentfreies Deutsch gesagt, und als ich grade noch überlegt hab, ob ich tun soll, was er will, oder vielleicht erst noch drei Sekunden ganz gelangweilt stehen bleiben, damit er merkt, mit mir kann er das nicht machen, hat er schon wieder losgebrüllt.

»Was ist?«, hat er gebrüllt. »Hast du Kartoffeln auf den Ohren? Mein Bruder ist bei der Polizei, pass auf, Idiot!«

Da wusste ich nun überhaupt nicht, was das miteinander zu tun haben sollte, dass sein Bruder bei der Polizei war und dass ich fast über seine Beine gestolpert bin. Wahrscheinlich hatte er einfach schlechte Laune. Und übrigens habe ich ihm natürlich keine Sekunde lang geglaubt. Solche Brüder sind nicht bei der Polizei, das weiß jeder.

Ich hab gedacht, dass Artjom aber bei der Polizei sein könnte, wenn er mitgekommen wäre, ganz bestimmt. Artjom konnte alles.

Aber Artjom ist ja nicht hier. Artjom ist zu Hause geblieben. Und er fehlt mir so sehr, obwohl es schon so lange her ist. Ich habe natürlich seine Kappe.

Weil Mesut so wütend ausgesehen hat, hab ich ihm vorsichtshalber nicht widersprochen. Ich hab gehofft, dass er nicht womöglich in meiner Klasse ist (das sind solche, die aussehen wie drei Jahre älter als ich, nämlich oft, und das ist nicht immer gut), und dann bin ich statt nach rechts in die Stadt eben einfach nach links gegangen.

Also habe ich das größte Abenteuer meines Lebens eigentlich Mesut zu verdanken. Wenn man es richtig überlegt.

Aus irgendeinem Fenster hat eine Frauenstimme irgendwas auf Türkisch gerufen und immer: »Mesut! Mesut!« Ich hab mich noch mal umgedreht, da ist er ins Haus gegangen. So habe ich gleich am ersten Tag erfahren, dass Mesut Mesut heißt.

2.

Jetzt muss ich vielleicht noch erzählen, dass der Tag gerade dabei war, so ein glutheißer Sommertag zu werden wie früher zu Hause in Kasachstan alle Sommertage: weil der Himmel da nämlich so hoch war und die Sonne wie durch ein Brennglas auf die Sonnenblumenfelder schien; bis das Gras verdorrt war und man sich die Sohlen verbrannte, wenn man barfuß lief, sogar auf den Sandwegen. Aber wenn es dann Regen gab und eins dieser Gewitter, die mit wildem Getöse die Wolken sprengen, und Blitz und Donner und blauschwarze Dunkelheit: Dann blühten auf einmal überall Blumen, deren Namen kein Mensch alle kennen konnte, nicht mal Babuschka, die doch sonst alles über Pflanzen wusste.

So waren zu Hause die Sommer alle, glutheiß und gleißend; und genau so war auch dieser Tag in der neuen Heimat, an dem das größte Abenteuer meines Lebens begonnen hat, aber noch wusste ich nichts davon.

Ich bin also nach links gegangen, wegen Mesut; und weil die Sonne schon jetzt am Vormittag so hoch stand, dass die Schatten scharf und schwarz und kurz waren, war ich froh, dass nur wenige Schritte hinter den Häusern plötzlich ein schmaler Sandweg begann: Der verlief zwischen Sträuchern und Bäumen und da war es kühler.

Natürlich wäre es schön gewesen, wenn ich rechts eine Leihbücherei gefunden hätte; aber es war auch schön, nun links diesen schattigen Weg zu entdecken, der so unerwartet kam nach all den Hochhäusern und Straßen und der großen Stadt; weil ich nämlich so eine Sehnsucht gehabt hatte, von der ich gar nichts wusste.

Die Sträucher waren Holunder und Weißdorn und Jasmin; und der Holunder blühte so kräftig, dass ich schon wusste, hier konnten wir im September Beeren pflücken für Gelee und für Saft; und daneben duftete der Jasmin, dass ich mich gewundert habe, warum ich ihn nicht bis hoch zu unserem Balkon gerochen hatte.

Ich weiß, das klingt noch überhaupt nicht nach einem Abenteuer. Ich hab es ja selbst auch nicht erwartet.

An der linken Seite des Weges konnte ich jetzt ein undeutliches Rauschen hören, und als ich mich hingekniet habe, floss da ein winzig schmaler Bach, der war so überwuchert von Sumpfdotterblumen und Farn und Felberich und Pestwurz (die kannte ich natürlich von Babuschka), dass man ihn überhaupt nicht mehr sehen konnte; und auf der rechten Seite wuchs eine kleine Böschung aus dem Weg mit Sträuchern wie in einem Dschungel. Aber dahinter hab ich einen schäbigen Maschendrahtzaun gesehen, und das fand ich in so einer Wildnis nun doch überraschend.

Ich bin also weitergegangen, weil ich neugierig war und auch, weil ich noch nicht zurückwollte. Ich hatte keine große Lust, vor dem Haus wieder Mesut zu treffen. Man konnte ja nicht wissen, wie lange er drinnen bleiben würde.

Und so bin ich zum ersten Mal Dicke Frau begegnet.

Ich weiß, Dicke Frau ist kein guter Name. So soll man Menschen nicht nennen. Aber zu Dicke Frau sagen alle Dicke Frau, es ist wie ihr Vor- und ihr Nachname; und ich glaube, sie weiß selbst schon nicht mehr, ob sie früher mal einen anderen Namen hatte und wie der war, ihr Gehirn ist ja so muddelig. Das weiß keiner besser als ich.

An diesem Morgen stand Dicke Frau genau an der Stelle, an der oben auf der Böschung ein kleines Tor in den Maschendrahtzaun eingelassen war, das hing offen in seinen Angeln; und zwei Stufen aus Beton führten in der Böschung zu ihm hinauf. Auf der einen Seite gab es sogar ein Geländer, das war irgendwann mal grün gestrichen gewesen. Daran sah man ja, dass das Tor und die Stufen extra dafür gedacht waren, dass man vom Weg auf das Gelände hinter dem Zaun kam. Und neben der untersten Stufe stand also Dicke Frau mit einem Einkaufswagen und hat gejammert.

»Da kommt doch kein Mensch hoch, Heilige Jungfrau!«, hat sie gejammert. »Mach was, Maria, mach was, du Arschloch!«

Ich hab sofort gesehen, dass das nicht klappen konnte, Heilige Jungfrau hin oder her. Ihr Einkaufswagen war so vollgestopft mit Plastiktüten, die waren übereinandergestapelt, und an dem Haken vorne, an den man sonst seine Einkaufstasche hängt, waren auch noch ein paar. Es war ehrlich ein Wunder, dass sie die zehntausend Tüten da alle reingequetscht gekriegt hatte.

Dicke Frau selbst war für das Wetter auch nicht ganz richtig angezogen, aber ich glaube, Wetter war ihr egal. Sie hatte immer dasselbe an, drei Schichten übereinander. Vielleicht musste das so sein, weil die Sachen nicht mehr in ihren Einkaufswagen gepasst hätten; und von irgendwas trennen, das ihr gehörte, wollte Dicke Frau sich ganz bestimmt nicht.

»Heilige Jungfrau, was soll der Scheiß!«, hat sie mit der tiefsten Stimme gesagt, die ich je bei einer Frau gehört habe; und dann hat sie sich eine Flasche gegriffen, die war zwischen zwei Tüten gequetscht, und hat einen kräftigen Schluck genommen. Und obwohl das, was in der Flasche schwappte, durchsichtig aussah, habe ich nicht geglaubt, dass es Wasser war.

»Nun mach schon, Maria, nun mach schon!«, hat sie gebrummt, und dann hat sie wieder versucht, ihren Wagen mit den hinteren Rädern zuerst die Stufen hochzuziehen. Das hat natürlich nicht geklappt und eine Tüte ist auf den Sandweg gefallen.

Und obwohl sie mich ja ganz bestimmt nicht gemeint hatte mit »Heilige Jungfrau«, hab ich trotzdem gedacht, dass ich ihr helfen muss. Sie sah so verlassen und so traurig aus, und sie war wirklich die dickste Frau, die ich jemals gesehen habe. Ich weiß nicht, wie es ist, wenn sie auf einem Stuhl sitzt. Wahrscheinlich hängt ihr Po an beiden Seiten ordentlich über. Und in einen Sessel passt sie schon gar nicht, da würde sie immer gleich ein Sofa brauchen. Aber wo sollte Dicke Frau das wohl herkriegen.

»Kann ich Ihnen helfen?«, habe ich also ganz höflich gefragt. Mama hat gesagt, Hilfsbereitschaft adelt den Menschen, auch wenn das viele offenbar nicht wissen. Mesut zum Beispiel nicht, da war ich mir ziemlich sicher.

Dicke Frau ist zusammengezuckt, dann hat sie sich blitzschnell zu mir umgedreht.

»Na bitte, warum nicht gleich so, Heilige Jungfrau!«, hat sie gesagt und zum Himmel hochgeprostet. »Aber trotzdem vielen Dank!«

Dabei hätte sie sich doch vielleicht eher mal bei mir bedanken sollen.

Wir haben den Einkaufswagen dann zusammen die zwei Stufen hochgetragen, Dicke Frau hat vorne angefasst und ich hinten. Er war so schwer, dass ich wirklich gerne gewusst hätte, was in all den Tüten war, wahrscheinlich lauter Flaschen, und zwar volle. Wir haben es aber geschafft, und als wir den Wagen oben abgesetzt haben, hat Dicke Frau zuerst wieder zum Himmel hochgewinkt, als ob sie sich noch mal bedanken wollte, und dann hat sie wieder zu ihrer Flasche gegriffen. »Na also, Jungfrau, geht doch!«, hat sie gesagt.

Dabei hat sie geschnauft, wie es die alten Dampflokomotiven tun, die es nur noch bei der Museumsbahn gibt, die wir in der zweiten Klasse auf unserem Wandertag besichtigt haben, im echten Leben nicht mehr. Alles, was schnaufen muss, ist unpraktisch und unelegant.

Ich hab gewartet, dass sie sich nun auch mal bei mir bedanken würde, sie hat mich aber gar nicht mehr beachtet. Sie hat ehrlich so getan, als ob ich gar nicht da wäre. Ich glaube, nachdem wir die Stufen erst mal geschafft hatten, hat sie mich gleich vergessen: Plopp!, rausgefallen aus ihrem muddeligen Gedächtnis. Sie wusste ganz ernsthaft schon nicht mehr, dass ich ihr geholfen hatte. Oder dass ich noch da war. Nur darum hab ich sie so angeguckt, ich wusste ja damals noch von nichts. Und da ist es mir zum ersten Mal passiert.

Dabei hab ich beim ersten Mal noch nicht mal richtig verstanden, was passiert ist. Ich hab zuerst gedacht, es ist vielleicht eine Ohnmacht.

Ich hab Dicke Frau nämlich die ganze Zeit so angestarrt, weil ich überlegt habe, wer sie wohl ist und warum sie sich so komisch benimmt und dass sie ziemlich unhöflich ist. Das kann einem ja die Hilfsbereitschaft ganz schnell mal verleiden.

Und wie ich sie also angestarrt habe, ist es mir ganz wirr im Kopf geworden, und es war, als ob ich irgendwo eintauche und meine Gedanken plötzlich alle durcheinanderpurzeln, besser erklären kann ich es nicht; mit einer fremden Stimme dazwischen, die hat immer »Heilige Jungfrau!« und »Arschloch!« gerufen. Es waren ganz viele wirbelige Bilder dabei von dem Einkaufswagen und von Grabsteinen und von Hochhäusern und eins von einer goldenen Münze, das kam immer wieder. Und alles war in eine große Traurigkeit getaucht.

Darum hab ich gedacht, dass ich gerade ohnmächtig werde. Das ist mir zu Hause nämlich mal im Bus passiert, als es so heiß war und nach verschiedenen Arten von Schweiß und Deo und Rasierwasser gerochen hat, da war vorher auch alles so wirbelig, und jetzt hat es sich wieder haargenau so angefühlt. Und weil ich nicht umkippen wollte, hab ich mich ganz schnell auf den Boden gesetzt und den Kopf zwischen meine Knie genommen, da war das komische Gefühl sofort weg.

Dann hab ich sehr tief durchgeatmet und gedacht: Donnerwetter, das ist ja noch mal gut gegangen, ein Glück, dass ich mich so schnell hingesetzt habe. Ich hab mich schon gleich wieder normal gefühlt. Vorsichtshalber hab ich aber noch an meine Kappe gefasst, die bringt mir ja Glück.

Dass ich in die Köpfe anderer Menschen gucken kann, hab ich da noch nicht gewusst.

3.

Herr Wilhelm Schmidt hat gesagt, es ist eine wunderbare Gabe und ich soll doch dankbar sein. Herr Schmidt war so ungefähr der Einzige, dem ich das mit den fremden Köpfen erzählt habe, aber das war viel später. An diesem Morgen kannte ich ihn ja noch nicht mal.

Da hatte ich ja gerade erst Dicke Frau kennengelernt, die zog jetzt ihren Einkaufswagen mit lautem Schnaufen und viel Gemurmel hinter sich her über den schmalen Weg, der vom Tor weg unter hohen, alten Bäumen entlangführte; und als ich ihr vom Boden aus nachgesehen habe (aufzustehen hab ich noch nicht gleich gewagt, wegen der Ohnmacht), hab ich plötzlich die Grabsteine gesehen, rechts und links vom Weg, wie lauter kleine Denkmäler. Und davor waren Plastikvasen mit Blumen in die Erde gedrückt und blühten Begonien auf geharkten, kleinen Beeten im Rasen, und manchmal wucherte davor auch Unkraut. Die Grabsteine waren schwarz oder weiß, auch steinfarbig rosa und grau; und manche waren poliert und manche matt oder rau. Da hätte man schon ziemlich blöde sein müssen, um nicht zu begreifen, dass Dicke Frau ihren Einkaufswagen gerade durch einen Friedhof schleifte, selbst wenn man vorher noch nie auf einem Friedhof gewesen war.

Ich war vorher noch nie auf einem Friedhof gewesen, auch wenn das merkwürdig klingt.

»Ach, Töchterchen, wer soll uns einmal zu Grabe tragen?«, hat Babuschka gejammert, als Mama mit mir nach Deutschland gezogen ist. »Ojojojojoj!«

Aber Mama hat gesagt, bis dahin ist es noch eine lange Zeit, und wenn es so weit ist, wird sich schon eine Lösung finden.

»Wenn wir die Gräber zurücklassen können, die schon gegraben sind, werden wir auch die Gräber zurücklassen können, die noch gegraben werden!«, hat sie gesagt, und Babuschka hat aufgehört zu jammern und sie empört angesehen.

Dies hier war also mein allererster Friedhof, und ich kann gleich sagen, dass ich sehr begeistert war. Zuerst schon mal, weil es bei der Gluthitze unter den hohen, alten Bäumen plötzlich so schön kühl war. Durch die dichten Blätterdächer hat die Sonne nur Muster wie zarte Spitzendecken auf den Sandweg gemalt, die haben sich im Wind sanft bewegt; und in der flirrenden Luft lag eine Stille, die man fühlen konnte, nicht nur hören, ganz friedlich. Ich hab gedacht, dass es deshalb Friedhof heißt, es ist ein kluger Name.

Vor mir ist Dicke Frau weiter über den Weg gestolpert, aber nicht mal ihr Murmeln hat den Frieden gestört. Ich hab gedacht, vielleicht ist der Frieden auf Friedhöfen so, dass man ihn gar nicht stören kann. Auf den Grabsteinen standen Namen und Jahreszahlen, und manche waren unter Moos und Flechten schon fast nicht mehr zu lesen. Diese besondere Ruhe hatte sich schon seit vielen Jahren angesammelt, daran konnte so ein bisschen Gemurmel nichts ändern. Mir ist fast feierlich zumute geworden.

Aber dann bin ich endlich aufgestanden und hab mir die Hose abgeklopft, weil ich mir ganz sicher war, dass die Ohnmacht jetzt nicht mehr wiederkommen würde; und auch, weil ich neugierig war. Ich hab ja schon gesagt, dass ich noch keine Friedhöfe kannte, und ich wollte diesen erkunden; immer hinter Dicke Frau her.

Die hat ihren Wagen über das Unkraut auf dem Weg nicht so gut vorwärts gekriegt und immer noch geschimpft und geschimpft, aber ich habe lieber nicht genau hingehört. Ich bin nicht zimperlich, aber es kamen doch ziemlich viele Wörter vor und an so einem besonderen Ort fand ich das nicht sehr passend.

Dicke Frau fand ich auch nicht sehr passend. Man weiß natürlich nicht, ob sie nicht irgendwen besuchen wollte, der hier begraben war, aber man denkt doch, dass die Leute sich anders benehmen, wenn sie auf einen Friedhof gehen. Keinen Einkaufswagen mitnehmen, zum Beispiel. Und vorher mal duschen.

Darüber konnte ich mir aber nicht den Kopf zerbrechen, ich hatte anderes zu tun. Ich wusste schon in der ersten Minute, dass ich in diesen Ferien nun bestimmt nicht mehr nur in unserer Wohnung im zwölften Stock hocken würde. Auch wenn ich da natürlich noch keine Ahnung hatte, dass ich auf dem Friedhof das größte Abenteuer meines Lebens erleben würde. An diesem Morgen hab ich mir einfach nur vorgestellt, wie ich ein furchtbar spannendes Buch (zum Beispiel das von dem Verbrecher und der Kinderbande) mit hernehmen und es irgendwo unter einem Baum auf einer Bank lesen würde, während über mir die Blätter rauschten und zwischen den Grabsteinen die Eichhörnchen flitzten; und ich hab mich ganz warm gefühlt vor lauter Zufriedenheit. Nun hatte ich gleich am ersten Tag so was Gutes entdeckt.

Über Bronislaw bin ich dann sozusagen gestolpert.

»Was machst du, Junge?«, hat er gerufen, als ich mich schon wieder aufgerappelt hatte. Ich war über den Stiel seiner Hacke gefallen, die lag mitten im Weg. »Guck doch, wo du gehst! Hast du dir wehgetan?«

Da war es mir schon wieder passiert, so ähnlich wie bei Mesut vorhin. Ich hatte nicht geguckt. Ich habe ja erzählt, dass ich manchmal in Gedanken bin.

»Nein, alles in Ordnung!«, habe ich gesagt und meine Brille wieder aufgesetzt. Sie war ein bisschen dreckig, weil sie mir in den Sand gefallen war.

»Dann ist gut!«, hat Bronislaw gesagt. Ich habe gleich gehört, dass sein Deutsch auch nicht akzentfrei war. Und außerdem habe ich mit einem Blick begriffen, dass er keiner von den normalen Friedhofsbesuchern sein konnte. Er hatte eine blaue Arbeitshose an, die war an den Knien so ausgebeult und voller Erde, dass er sie bestimmt auch schon am Tag vorher getragen hatte und an dem davor auch; und neben ihm stand eine Schubkarre, die war beladen mit lauter rausgerupftem Unkraut und verblühten Blumen.

»Sind Sie der Gärtner?«, hab ich gefragt.

Bronislaw hat gelacht. »Wer werde ich sonst sein?«, hat er gefragt. »Der liebe Gott?« Dann hat er aus seiner Tasche eine Schachtel Zigaretten geholt. »Auch eine?«, hat er gefragt.

Das sollte natürlich ein Scherz sein, aber mein Freund Kevin aus meiner alten Klasse hätte vielleicht eine genommen, Metin auch. Da hätte Bronislaw aber geguckt.

So hat er nur einen tiefen ersten Zug genommen und den Rauch durch die Nasenlöcher wieder ausgestoßen. »Das Rauchen auf dem Friedhof ist verboten«, hat er gesagt. »Es verträgt sich nicht mit der Würde des Ortes.« Es hat ihn aber nicht gestört. Vielleicht gibt es für Gärtner eine Ausnahmegenehmigung.

»Es ist gut gegen die Mücken!«, hab ich geantwortet. Das hat mein Deduschka immer gesagt, in Kasachstan, wenn Babuschka mit ihm geschimpft hat. Mein Deduschka hat viel geraucht, wir hatten viele Mücken in Kasachstan.

4.

Plötzlich hat Bronislaw seinen Kopf gehoben und einen Finger an die Lippen gelegt.

»Hörst du?«, hat er gefragt.

Übrigens wusste ich da schon, dass er ein Pole war. Die Polen sind nicht unsere Freunde, hat mein Deduschka früher immer gesagt. »Polen und Russen – nee! Scheißpolacken.« Ich weiß nicht, warum die Polen nicht unsere Freunde sind, es hat mit ganz früher zu tun, viele Dinge haben mit ganz früher zu tun. Man versteht sie darum nicht gut.

Mama hat gesagt, sie kann ja wohl noch selbst entscheiden, wer ihre Freunde sind, das lässt sie sich von niemandem vorschreiben. In dem Topp-Preis-Dromarkt, in dem sie vorher gearbeitet hat, hat auch eine Polin an der Kasse gearbeitet, mit der hat Mama manchmal abends nach der Arbeit bei uns Tee getrunken. Sie hieß Marta. Ich dachte, dass ich darum auch nicht gleich was gegen Bronislaw haben muss. Es wird sich schon herausstellen, ob er ein guter oder ein schlechter Pole ist.

»Hörst du nicht?«, hat er wieder gefragt und sich seine sandigen Hände an der Seitennaht seiner Arbeitshose abgewischt. Zuerst dachte ich, er meint das Gemurmel und Geschimpfe von Dicke Frau, aber dann habe ich die Musik auch gehört. »Das sind wieder die Schilinskys, na, da werde ich müssen einschreiten!«

Weil das interessant klang, bin ich einfach mitgegangen.

Die Schilinskys saßen auf zwei grünen Plastik-Stapelstühlen hinter einem riesenhohen Rhododendron-Busch und haben Radio gehört. Es war so ein komisches großes Radio, wie es nur noch alte Leute haben oder wie man es manchmal in Filmen sieht. Die Musik klang ein bisschen blechern.

»Herr Schilinsky!«, hat Bronislaw gesagt. Seine Zigarette hatte er unterwegs mit wenigen Zügen eilig ausgeraucht. Die Kippe hatte er auf dem Boden ausgetreten, aber dann in seine Arbeitshosentasche gesteckt, das fand ich gut. »Muss ich Ihnen schon wieder sagen, dass Sie sich müssen halten an Regeln wie alle hier? Dies hier ist Friedhof!«

Und er hat auf das Radio gezeigt und auf die Bierflasche, die Herr Schilinsky auf den Knien hielt. Frau Schilinsky hielt auch eine.

»Ach, Bronislaw, du alter Paragrafenreiter!«, hat Herr Schilinsky gerufen und ihm mit seiner Flasche zugeprostet. So hab ich erfahren, dass Bronislaw Bronislaw heißt.

Frau Schilinsky hat das Radio ein bisschen leiser gestellt. Aber nicht sehr. Eine Frau hat gerade gesungen, dass einer gestorben war, der Conny Kramer hieß. Das passte doch eigentlich gut.

»Hast du einen neuen Hilfsmann?«, hat Herr Schilinsky gefragt und einen kräftigen Schluck genommen. Dann hat er auf mich gezeigt.

Bronislaw hat sehr streng geguckt. »Leiser ist nicht genug!«, hat er gesagt. »Das wissen Sie, Herr Schilinsky!«

Mir war nicht klar, warum er nicht auch mit Frau Schilinsky gesprochen hat.

Herr Schilinsky hat genickt. »Ich weiß, ich weiß!«, hat er versöhnlich gesagt. »Hast du schon die Lilien gesehen, die Evi gepflanzt hat? Das ist ein Duft, was? Erzählst du uns jetzt gleich, dass Lilien auch verboten sind, Bronislaw?«

Jetzt hab ich erst gesehen, dass die beiden Schilinskys ihre Stapelstühle nicht auf dem Weg stehen hatten, sondern mitten auf einem Grab. Aber auf dem Grab fehlte der Grabstein. Dafür blühten da ein weißer Rosenbusch und ein roter Rosenbusch, und dazwischen blühten zwei rosa Lilien. Ob der Duft von den Rosen kam oder von den Lilien, konnte ich nicht so gut entscheiden. Auch nicht, ob die Pflanze hinter den Rosen wirklich glattblättrige Petersilie war und die daneben Zitronenmelisse. Aber das Maggikraut hab ich erkannt, davon hatten wir zu Hause immer so viel, dass mein Deduschka es an die Hühner verfüttert hat. Die wollten es nachher auch nicht mehr.

»Möchten Sie vielleicht auch einen Schluck, Herr Bronislaw?«, hat Frau Schilinsky gesagt und ihre Bierflasche angehoben. Neben ihrem Stuhl stand eine Kühltasche, da hat sie jetzt den Deckel abgenommen. »Wir haben reichlich!«

Bronislaw hat sich ein bisschen zweifelnd umgeguckt und nachdenklich am Kopf gekratzt. »Was solls, ist Pause!«, hat er gesagt. »Pause ist wichtig, bei Hitze wie heute!«

»Und trinken, Herr Bronislaw!«, hat Frau Schilinsky gesagt und eine Bierflasche aus ihrer Kühltasche genommen. Das Glas war ganz und gar mit Tropfen bedeckt, da wusste man, dass das Bier kalt genug war. »Trinken ist auch wichtig bei solcher Hitze, das haben sie gestern im Gesundheitsmagazin gesagt!« Dann hat sie mit einem Kapselheber die Flasche geöffnet und Bronislaw hat auch gleich einen großen Schluck genommen.

»Ah, gut!«, hat er gesagt und sich mit dem Handrücken über den Mund gewischt. Jetzt zog sich ein breiter, sandiger Streifen über sein Gesicht.

Herr Schilinsky ist währenddessen aufgestanden und hat seinen Stapelstuhl hochgehoben. Darunter war noch ein zweiter Stuhl, den hat er jetzt Bronislaw hingehalten. »Wenn schon Pause, dann auch gleich richtig, alter Schlawiner!«, hat er gesagt. »Prost!«

Bronislaw hat seinen Stuhl auf den Weg gestellt und sich hingesetzt. Für drei Stühle wäre das Grab vielleicht doch ein bisschen eng gewesen, mit den Rosen und den Lilien und dem ganzen Kräuterkram. Dann hat er wieder die Flasche an den Mund gesetzt. Jetzt war ich der Einzige, der nicht gesessen und der kein Bier getrunken hat, da hab ich mich ein bisschen außen vor gefühlt. Frau Schilinsky hat es aber gemerkt.

»Was machen wir denn mit dir, junger Mann?«, hat sie gefragt. Sie hatte unter ihrem Stuhl auch noch einen zweiten, das mit dem Sitzen war also geklärt. »Trinkst du Bier?«

Ich hab erschrocken den Kopf geschüttelt. Mein Freund Kevin hätte das vielleicht gemacht und Artjom sowieso. »Was sind schon Verbote, du Zwerg!«, hat er immer gesagt.

»Das dachte ich mir!«, hat Frau Schilinsky gesagt. Sie hat unglücklich ausgesehen, als ob sie eine schlechte Gastgeberin wäre. »Was kann ich dir denn sonst anbieten?« Sie hat in ihrer Kühltasche gekramt, da hab ich aber gleich gesehen, dass da keine Cola drinlag oder Limo oder von mir aus auch Saft. »Magst du ein Käsebrot?«

Und sie hat ganz unten aus der Tiefe unter den Kühlaggregaten ein kleines Paket herausgeholt, das war in Alufolie eingewickelt. »Käsebrot ist natürlich auch gut bei dieser Hitze. Es ersetzt den Salzverlust durch das Schwitzen. Elektrolyte!«

»Die Evi!«, hat Herr Schilinsky gerufen und seiner Frau und Bronislaw gleichzeitig zugeprostet. »Immer bestens informiert!«

Über den Salzverlust hatte ich vorher nicht nachgedacht, aber mir ist eingefallen, dass ich an diesem Morgen noch gar nichts gegessen hatte und dass die Ohnmacht vielleicht auch daher gekommen war. Alleine frühstücken in einer fremden, neuen Wohnung macht keinen Spaß. Das Käsebrot kam also gerade richtig.

5.

Frau Schilinsky hat dann noch eine leere Bierflasche genommen und sie unter dem Wasserhahn gefüllt, der eigentlich für Gießkannen gedacht war. Er war gleich um die Ecke hinter dem Rhododendron, nur drei Gräber weiter.

»Ja, das ist ein günstiger Platz hier, was, Bronislaw!«, hat Herr Schilinsky zufrieden gesagt. »Glaub nicht, dass wir da einfach so drübergestolpert sind! Wir haben Studien getrieben, bevor wir uns entschieden haben, wochenlange Studien!«

»Glaub ich gerne!«, hat Bronislaw gesagt und noch einen Schluck genommen und Frau Schilinsky ist vom Wasserhahn zurückgekommen.

»Ich weiß ja, dass Kinder nicht so gerne Wasser trinken!«, hat sie gesagt. »Aber das hilft jetzt nichts. Du musst deinen Wasserhaushalt aufstocken, sonst helfen die ganzen Elektrolyte im Käse dir auch nichts!«

Zum Glück hat man die Elektrolyte im Käse nicht geschmeckt. Aber einen kleinen Bierrest hat man noch geschmeckt im Wasser aus dem Gießkannenhahn, das war ein bisschen eklig. Ich hab es aber nicht gesagt, um Frau Schilinsky nicht zu kränken. Sie hat schließlich versucht, nett zu sein. Ich hab meine Flasche gehoben und den anderen zugeprostet.

»Ja, so lass ich mir den Sommer gefallen!«, hat Herr Schilinsky zufrieden gestöhnt und seine Beine von sich weggestreckt wie vorhin Mesut. Er hatte Badelatschen an und eine kurze Hose. »Wer braucht da Mallorca?«

Bronislaw hat genickt.

»Aber ist gefährlicher Platz, Herr Schilinsky!«, hat er verschwörerisch gesagt und seinen komischen Gärtnerhut abgenommen. Da konnte man am Hinterkopf eine grünblaue Beule sehen, Bronislaw hat seine Haare ja ganz kurz rasiert. »Gibt hier Verbrecher, sehen Sie das!«

Er hat zuerst Herrn Schilinsky und dann Frau Schilinsky seinen Hinterkopf zugedreht und Herr Schilinsky hat mit der Zunge geschnalzt.

»Sag mir nicht, du bist überfallen worden, alter Schwede!«, hat er gesagt. »Etwa hier auf dem Friedhof?«

»Pole, Herr Schilinsky, bin ich Pole«, hat Bronislaw gesagt. Es hat wie »Polle« geklungen. Und Frau Schilinsky hat sich vorgebeugt und ist mit dem Finger fachmännisch über seine Beule gefahren.

»Da haben Sie aber noch mal Glück gehabt, Herr Bronislaw!«, hat sie gesagt. »Kein Schädelbruch, soweit ich das beurteilen kann.«

»Vor der Kapelle, direkt!«, hat Bronislaw gesagt und sich seinen Hut wieder aufgesetzt. Ich konnte sehen, dass es ihm peinlich war, wenn Frau Schilinsky an ihm rumgefummelt hat. »Hab ich nur gewollt schnell ein Bedürfnis befriedigen …«

»Was für ein Bedürfnis?«, hat Frau Schilinsky interessiert gefragt und Herr Schilinsky hat »Evi!« gesagt und Frau Schilinsky hat sich mit der Hand gegen die Stirn geschlagen.

»Entschuldigung, Herr Bronislaw!«, hat sie gesagt. »Erzählen Sie weiter.«

»Ja, weiter bin ich aber nicht gekommen, gar nix!«, hat Bronislaw gesagt. »Hat plötzlich ordentlichen Schlag gegeben von hinten auf Kopf, krawumm!, und alles schwarz!«

»Natürlich, da kann man schon mal das Bewusstsein verlieren!«, hat Frau Schilinsky gesagt. »Aber das könnte nun doch bedenklich sein, Herr Bronislaw! Innere Verletzungen! Blutgerinnsel im Gehirn! Wie lange hat denn die Ohnmacht wohl gedauert?«

Bronislaw hat die Schultern gezuckt. »Weiß nicht«, hat er gesagt. »Aber hab ich sofort geguckt, wo ist Verbrecher geblieben, der Idiot. War aber weg.«

Ich hab dagesessen und ihn angestarrt. Das war nun ja fast so gut wie bei der Kinderbande in meinem Buch. Nur dass Bronislaw nichts gestohlen worden war, hat er erzählt. Er hat sein Geld immer in seinem Spind im Friedhofsbüro eingeschlossen und den Schlüssel dazu hat der Verbrecher ihm nicht abgenommen. Dabei war der an seinem Schlüsselbund.

»Und Uhr ist nur von Aldi«, hat er gesagt. »Hat Verbrecher nicht gewollt, gar nix.«

»Mann, Mann, Mann, Bronislaw!«, hat Herr Schilinsky gesagt und eine neue Flasche geöffnet. Im Radio hat jetzt eine Frau gesungen, dass sie mit einem Theo nach Lodz fahren will. »Das klingt aber gar nicht gut!«

Bronislaw ist zusammengezuckt. »Lodz, haben Sie gehört?«, hat er gesagt. »Ist sich nicht so weit von Budy Wolskie, gar nix! Meine Heimat! Kennen Sie Lodz, Herr Schilinsky?«

Herr Schilinsky hat bedauernd den Kopf geschüttelt, aber Frau Schilinsky war noch nicht fertig mit dem Überfall. »Haben Sie die Polizei informiert, Herr Bronislaw?«, hat sie gefragt. »In so einem Fall würde ich das empfehlen! Da muss doch eine Gefährdung für alle Friedhofsbesucher ausgeschlossen werden!«

Bronislaw hat abgewinkt.