Der Junge und der Elefant - Rachel Campbell-Johnston - E-Book

Der Junge und der Elefant E-Book

Rachel Campbell-Johnston

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Beschreibung

Durch Zufall muss Bat, ein Hirtenjunge aus der Savanne, die grausame Tötung eines Elefanten ansehen. Als er sein verwaistes Elefantenjunges entdeckt, nimmt er es mit in sein Dorf. Dort zieht er das Elefantenmädchen, das sie Meya nennen, fünf Jahre lang groß. Bat kann sich ein Leben ohne Elefant nicht mehr vorstellen, doch seine Großmutter weiß, dass der Tag kommt, an dem Meya dem Ruf der Wildnis folgen muss. Der Abschied trifft Bat mitten ins Herz. Auch die Idylle des Dorflebens findet ein jähes Ende, als Bat und seine beste Freundin Muka von Rebellen gekidnappt werden, um sie zu Kindersoldaten auszubilden. Von einem Tag auf den anderen finden sich die Kinder inmitten eines Strudels der Gewalt wieder. Als ihre Verzweiflung am größten ist, geschieht etwas Magisches. Etwas, auf das Bat seit Langem gehofft hat.

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Veröffentlichungsjahr: 2014

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Rachel Campbell-Johnston

Der Junge

und der

Elefant

Aus dem Englischen vonKatharina Diestelmeier

Für Katya; in Erinnerung an Bob Foulerton

ERSTER TEIL

1. KAPITEL

Der Schuss hallte durch die Luft. Einen Augenblick schien es, als hielte die ganze Welt inne. Die Zikaden verstummten, eine Buschratte tauchte in ihren Bau ab, die Rinder hörten auf zu kauen und blickten mit weit aufgerissenen, leeren Augen auf; und Bat, der einsame Hirtenjunge, der bis eben noch vor sich hin geträumt und mit einem langen, biegsamen Zweig auf die Büsche eingeschlagen hatte, ließ die Rute fallen und ging unwillkürlich in die Hocke. Das hohe gelbe Gras verdeckte seinen Kopf fast völlig.

In seinen Fußsohlen spürte er das langsame, allmählich ansteigende Beben. Die Erschütterung ging ihm durch und durch wie das Schlagen der großen Stammestrommel. Dort draußen in der Savanne war gerade etwas Entscheidendes geschehen. Er konnte es spüren: etwas Folgenschweres, das er am liebsten ignoriert hätte, von dem ihm jedoch gleichzeitig klar war, dass er herausfinden musste, was es war. Aber nicht jetzt, dachte er und kauerte sich noch tiefer ins Gras. Sein Atem strömte zwischen seinen Fingern hindurch, die er sich fest vor den Mund gepresst hatte. Direkt neben ihm hing eine Eidechse wie gelähmt an einem Halm. Bat blickte ihr in das wachsame, von einem goldenen Ring umgebene perlenförmige Auge. Die Eidechse starrte gebannt zurück.

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis das letzte hallende Echo schließlich verstummt war, bis die abwartenden Zikaden ihren Gesang wieder aufnahmen und die Eidechse mit einem Zucken ihrer dünnen braunen Schwanzspitze davonschoss, als wäre plötzlich ein Zauber gebrochen. Im Schatten der Dornbäume begannen die Rinder wieder zu grasen. Mit ihren langen gewundenen Zungen zupften sie an den Gräsern. Aber Bat schlang die Arme um die Knie und blieb, wo er war, still wie ein Flughuhn, das sich in sein Versteck duckt.

Er lauschte. Nicht allzu weit entfernt hörte er eine Unterhaltung. Das Geräusch wurde wie der Rauch eines Holzfeuers vom sanften Wind hergeweht: murmelnde Stimmen … dann schallendes Gelächter … darauf folgendes Schweigen … dann ein wütender Schrei … dann wieder nichts … dann ein gebellter Befehl. Die Bruchstücke drangen in undeutlichen, zerhackten Fetzen bis zu ihm. Sein ganzer Körper kribbelte vor Nervosität.

Wer war das? Bat spürte, wie sein Puls raste. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals. Jeder Windhauch konnte bedeuten, dass sich jemand näherte; jedes Funkeln des Lichts konnte der Blick eines Fremden sein. Schlich sich vielleicht genau in diesem Augenblick jemand an? Unfähig, die Ungewissheit länger zu ertragen, richtete er sich auf.

Nichts wirkte besonders verändert. Die Rinder waren friedlich; ein neugeborenes Kalb trank am Euter seiner Mutter; das Grasland, das sich rings um ihn herum erstreckte, wirkte ziemlich unberührt. Es war seltsam, wie das Verstecken seiner Vorstellungskraft einen Streich gespielt hatte. Er hätte nicht so ängstlich reagieren dürfen, dachte er. Schließlich war er schon sieben: viel zu alt, um sich wie ein aufgescheuchtes Huhn zu verhalten.

Mit gesenktem Kopf schlich Bat durch das Gras, dessen lange, fedrige Wedel ihm bis an die Brust reichten. Sein Blick huschte wachsam hin und her, als er zwischen den Dornbüschen hindurchglitt. Als er an einem stacheligen Zweig hängenblieb, schrie er nicht auf. Er blieb einfach einen Moment stehen und sah dem heraussickernden Blut zu. In der Nachmittagshitze trocknete es beinahe sofort.

Nach einer Weile entdeckte er Spuren; ihm fielen Stellen auf, an denen das Gestrüpp platt gedrückt war. Zweige waren abgebrochen und Sträucher zerquetscht. Als er eine Hügelkuppe erklommen hatte, verlangsamte er seine Schritte. Der Abhang war steinig. Er musste aufpassen, nicht zu stolpern. Teils rennend, teils kletternd flitzte er zwischen Felsbrocken hindurch und erreichte schließlich ein fast völlig ausgetrocknetes Flussbett. Eine Schlange, die in der Sonne gelegen hatte, glitt von einem glatten, aufgeheizten Stein. Bat machte einen Bogen um die Stelle. Da entdeckte er in einem Fleck feuchten Sandes, wo noch ein Rest des versickerten Wassers übrig war, einen Fußabdruck, der ihn plötzlich innehalten ließ. Er war riesig! Bats Herz hämmerte. Der Abdruck war wirklich gigantisch, dachte er, so groß wie der Kreis, der entstand, wenn er beide Arme so weit wie möglich ausstreckte und sie dann nach vorne bog, bis sich die Fingerspitzen beider Hände berührten.

Bat schluckte. Er war schon viel zu weit gegangen … viel weiter als geplant … weit über das von allen als sicher bezeichnete Gebiet hinaus. Er warf einen schnellen Blick zurück. Die Rinder waren nicht mehr zu sehen. Das ausgetrocknete Flussbett glitzerte und blinkte in der Hitze. Am Ufer befand sich ein Dickicht. Irgendetwas war mitten hindurchgeprescht. Ein Strauch war rot gefleckt. Vielleicht war es ein Hibiskus, hoffte der Junge; aber er brauchte kein zweites Mal hinzusehen, um zu wissen, dass dem nicht so war. Es war Blut.

Bat huschte vorwärts und versteckte sich hinter ein paar Felsen. Jenseits davon konnte er jetzt einen riesigen schemenhaften Umriss erkennen. Von der Stelle aus betrachtet, an der er hockte, ragte der Schatten auf wie ein Berg. Er verdeckte den Horizont. Er überdeckte einen Moment lang alle Gedanken in seinem Kopf. Aber dann, ganz plötzlich, ging Bat die ganze Wahrheit auf. Das hoch aufragende Gebilde war ein toter Elefant.

Die Hände an den Felsen gepresst, versuchte Bat seine Atmung zu beruhigen. Sein Herz raste so heftig, dass sein Verstand nicht hinterherkam. Wer? Wie? Warum?

Hinter dem Kadaver tauchte eine Gestalt auf. Bat unterdrückte den Aufschrei, der ihm beinahe entfahren war. Es war ein Mann … ein Mann mit nacktem Oberkörper … mit dunkler Haut … so dunkel, dass sie beinahe purpurfarben glänzte … und er war groß, fiel Bat auf, außergewöhnlich groß … bestimmt so groß wie ein ausgewachsener Maishalm. Jetzt bewegte er sich. Bat konnte ihn nicht mehr sehen. Kam er näher? Der Junge machte sich noch kleiner und linste durch einen anderen Spalt.

Zwei weitere Männer standen ein Stück entfernt. Der, der Bat näher war, hatte ein Gewehr über die Schulter gehängt; der andere hielt etwas, das, wie Bat schaudernd erkannte, nur ein Elefantenstoßzahn sein konnte.

Wilderer! Das waren Wilderer! Dem Jungen wurde schwindelig vor Angst.

Er musste hier weg! Aber wie? Verzweifelt sah er sich um. Der dunkle Mann war in die Hocke gegangen. Bat wagte kaum zu atmen, während er ihn beobachtete. Der Mann hantierte an irgendetwas zu seinen Füßen auf dem Boden herum; erst als er aufsah und mit den Augen den Horizont absuchte, fielen Bat seine Stammesnarben auf. Sie verliefen direkt über seinen Augenbrauen: drei Linien wie ein tief in die Haut geschnittenes Stirnrunzeln. Die Bedrohung, die in diesem Gesicht lag, ließ Bat zusammenzucken.

Der Mann richtete sich halb auf und wischte sich die Handflächen an seiner staubigen grünen Hose ab. Er stellte ein gestiefeltes Bein nach vorn und zog einmal kräftig. Eine Kettensäge erwachte zum Leben. Einen Augenblick vertrieb sie die gesamte Stille. Dann stotterte sie und verstummte. Es herrschte ein kurzes fassungsloses Schweigen. Der Mann fluchte. Seine Verwünschungen hallten von den Steinen des ausgetrockneten Flussbetts wider.

Entsetzt versuchte sich Bat noch enger unter den Felsen zu drängen. Er streckte den Arm aus, um sich festzuhalten, dabei löste sich ein lockerer Stein. Mit einem unvermittelten lauten Gepolter rollte er den Abhang hinab.

»Halt! Was war das?«

»Was?«

»Das Geräusch da.«

»Nichts.«

»Doch, da war was. Da ist jemand … jemand beobachtet uns.«

Der Sprecher griff nach dem Gewehr, das über seiner Schulter hing. Der Mann, der den Stoßzahn hielt, sprang schnell zur Seite. Seine Last rutschte ihm von der Schulter und schlug schwer auf den Boden auf. Ein Fliegenschwarm erhob sich in einer schwarzen summenden Wolke. Die Insekten stießen aufgeregt gegeneinander wie die Gedanken, die durch Bats Kopf sausten.

»Lass gut sein. Da ist nichts.« Der metallisch klingende Befehl tat in den Ohren weh.

Aber der Mann mit dem Gewehr war nicht überzeugt. Mit erhobener Waffe ging er langsam vorwärts. Er kam direkt auf die Stelle zu, an der der Junge kauerte.

»Ich habe jemanden gehört.«

»Wen denn?«

»Könnte ein Wildhüter sein.«

»Das ist doch total unwahrscheinlich, dass hier ein Wildhüter auftaucht.«

Bats Herz hämmerte so heftig, dass er sicher war, die Männer konnten es hören. Durch einen Spalt zwischen den Felsen sah er ein blutbespritztes Gesicht. Jeder Schritt brachte es ihm näher. Er lauschte auf das langsame Knirschen der Stiefel.

Sollte er jetzt wegrennen, überlegte er. Sollte er zusehen, dass er hier wegkam? Er warf einen Blick zum Flussufer, das er heruntergestolpert war. Das würde er auf keinen Fall schaffen. Er versuchte so zu tun, als wäre er ein Stein. Eine Fliege krabbelte über seine Lippen, aber er zuckte noch nicht einmal zusammen. Wenn er das täte, wäre er tot.

»Wer ist das?«

Der Mann mit dem Gewehr drehte sich um. Ein Fahrzeug näherte sich. Es wurde plötzlich still, als die Wilderer angestrengt in seine Richtung blickten.

»Ich hab dir doch gesagt, dass wir zu weit gefahren sind!«, hörte Bat einen von ihnen rufen. »Wir sind viel zu nah am Dorf. Alle hätten uns sehen können.«

»Niemand hat uns gesehen.« Der Große bewahrte die Ruhe. »Guck! Es ist bloß der Jeep.«

Aus der Ferne kam ein Geländewagen auf sie zugeholpert und wirbelte dabei rote Staubwolken auf.

»Trotzdem gefällt es mir hier nicht«, knurrte einer der Männer. »Es wird Zeit, dass wir verschwinden!«

»Verschwinden?« Es war der Fahrer des laufenden Jeeps, der jetzt rief.

»Da war ein Geräusch!«, entgegnete der Mann. »Es könnte uns sonst wer beobachten. Direkt da hinter einem dieser Steine könnte jemand sitzen.« Er wies mit dem Kopf auf die Felsbrocken, hinter denen Bat sich verbarg.

Der Fahrer stieg aus dem Jeep. Er trug eine dunkle Sonnenbrille. Der Junge konnte nicht erkennen, worauf seine Augen gerichtet waren. Sein Blick schweifte genau über die Stelle, an der Bat kauerte. Eine herzklopfende Sekunde lang dachte Bat, er würde an ihm hängenbleiben. Aber dann wandte sich der Mann ab. »Herrgott noch mal! Keiner verschwindet von hier, bevor die Sache beendet ist.«

Das Nächste, was Bat sah, waren zwei Gestalten, die eilig zu dem Elefantenkadaver hinübergingen. Eine dritte griff nach der Kettensäge. Diesmal erwachte sie schon beim ersten Zug zum Leben und machte knurrend einen Satz nach vorne, wild wie ein angeketteter Hund. Bat hörte das lange, anschwellende Aufheulen, als sie schließlich zubiss. Ihr Blatt spuckte blutige Spritzer aus. Sie würden bestimmt bald abziehen, dachte Bat flehentlich, während er sich an den Felsen klammerte. Sie würden bestimmt wegfahren, sobald sie den zweiten Stoßzahn hatten. Mit einem Röcheln verstummte die Säge.

Einer der Männer glitt, halb kletternd, halb rutschend, die Flanke des Tieres hinunter und verschwand aus Bats Blickfeld. Bat hörte ihn ächzen, als er den schweren Stoßzahn schulterte. Ein Streit brach aus, aber Bat verstand nicht, worum es ging. Dann wurde die Beute hinten in den Jeep geladen. Sie schlug mit einem Klong auf, das die Federung des Wagens zum Schaukeln brachte. Klappernd folgte die Kettensäge. Dann wurde die Hecktür zugeknallt. Der Motor im Leerlauf heulte auf. Bat konnte das Getriebe knirschen hören, als der Jeep davonstob.

Nach und nach kehrte wieder Stille ein. Aber erst, als die Klippschliefer wieder aus ihren Höhlen zu kriechen begannen, hatte Bat das Gefühl, dass endlich auch er vielleicht in Sicherheit war. Er suchte den Horizont nach dem Jeep ab, aber der war inzwischen nicht mehr zu sehen. Wolken aus rotem Staub senkten sich herab. Die Klippschliefer grunzten und rutschten dann, als sie sahen, wie er sich aufrichtete, wieder rückwärts in ihre Löcher.

Bat schob sich zwischen den Felsen hindurch. Dort, direkt vor ihm, lag das tote Tier. Wie ein Berg ragte es aus einem See aus rötlichviolettem Blut auf. Auf seiner Oberfläche wankten trunkene Fliegen herum. Sie versanken in tiefen, klebrigen Pfützen und ertranken darin. Und eine ganze Weile lang konnte Bat nichts weiter tun, als einfach nur dazustehen und wie betäubt den Elefanten anzustarren. Er hatte das Gefühl, sein ganzer Verstand sei ihm entrissen worden. Er sah den Baobab an, der neben dem Elefanten aufragte wie ein riesiger, einsamer Trauernder.

Bald würden die Geier kommen. Die ersten beiden hatten sich bereits auf dem Baum niedergelassen. Sie wackelten ungeduldig auf seinen silbernen Zweigen und Bat sah noch einige mehr, die gierig über ihm kreisten. Sobald er weg war, würden sie zu ihrem Festschmaus hinabgleiten.

In der Ferne stolzierte ein Marabu mit schwingendem rosa Kehlsack und hochgezogenen schwarzen Schultern hin und her. Bat lief wütend auf ihn zu und schlug mit den Armen. »Ksch! Ksch!«, rief er. »Geh weg! Hau ab!« Der Marabu flatterte auf einen abgebrochenen Ast und klapperte mit dem Schnabel. Ein Schakal jaulte erschrocken auf und schlich etwas weiter weg.

Bat verfolgte ihn nicht. Was hätte das für einen Zweck gehabt? Es war bereits zu spät. Ein letztes Mal ließ er langsam den Blick schweifen, dann drehte er sich um und wandte seine Schritte heimwärts. Seine Traurigkeit saß so tief, dass sein ganzer Körper schmerzte. Über sich, in der flachen blauen Weite des afrikanischen Nachmittags, bemerkte Bat einen Adler, der seine großen Kreise am leeren Himmel beschrieb.

»Nur der Adler weiß alles in diesem Land«, hatte seine Großmutter ihm erklärt.

Der Vogel stieß einen dünnen Schrei aus. Es klang mehr wie ein Klagen.

2. KAPITEL

Am nächsten Morgen führte Bat die Rinder zum Weiden aus dem Dorf. Als die Sonne die Kronen der Akazien berührte, war er bereits unterwegs: eine kleine, gelenkige Gestalt mit federndem, unbeschwertem Gang, die durch das Unterholz sprang, über Äste hüpfte und dabei die Kühe mit Pfiffen und hohen schrillen Rufen antrieb. In einer Hand hielt er seine Panga mit der stählernen Klinge. Damit schnitt er das Viehfutter, das er später mit nach Hause nehmen würde. Die andere Hand hatte er frei, um damit den Rindern zu winken oder ihnen einen Klaps geben zu können oder um sie in den Bund seiner viel zu großen braunen Shorts zu stecken. Über einer seiner Schultern hing neben einem Seil eine kleine Sisaltasche mit seinem Mittagessen darin. Eine Kürbisflasche, mit der er Wasser schöpfen konnte, schlug gegen seine Hüfte. Obwohl er ein Paar geflochtene Ledersandalen besaß, waren seine Füße wie so oft nackt. Das war ihm lieber, weil er barfuß schneller rennen konnte.

Manchmal verirrten sich seine Rinder auf dem Weg über die Pfade, die zum Weideland hinausführten, auf fremde Felder. Dann schnappten sie sich gierige Bissen Maisblätter und rissen Hirsehalme heraus. Waren die Besitzer in der Nähe, schrien und schimpften sie; aber wenn nicht, stibitzte Bat oft selbst etwas: eine kleine dicke Banane oder auch eine reife Avocado. Die aß er dann später, sobald er außer Sichtweite war, dabei leuchteten seine schwarzen Augen vor Freude hinter seinen dichten Wimpern und ein breites zahnlückiges Lächeln brachte sein kleines rundes Gesicht zum Strahlen.

Die Kühe gingen vor ihm her, ihr Schritt wurde immer langsamer, bis er sie eingeholt hatte und sie mit neuem Schwung zügig weitertrotteten. Sie schlängelten sich hier und dort entlang, mit hervorstehenden hageren Hüftknochen, die langen, gekrümmten Hörner hoch aufgereckt wie große Kronen auf ihren Köpfen, und obwohl sich ihre Rippen jetzt in der Trockenzeit wie Gebirgskämme abzeichneten, würden sie nach den Regenfällen, wenn die Gräser ihre Bäuche streiften, bald glatt und fett werden. Dann würde ihr Fell glänzen wie poliertes Holz.

Bats Herde umfasste acht Kühe, elf, wenn man die drei Kälber mitzählte, die noch gesäugt wurden und jetzt vorwärts drängten und gegen die Flanken ihrer Mütter stießen. Aber so hätte er es nicht ausgedrückt, wenn man ihn gefragt hätte. Wenn jemand wissen wollte, wie viele Rinder er hütete, lächelte er nur und antwortete: »So viele, wie ich gestern gehütet habe.« Und doch kannte er jedes der Tiere so gut, als wären sie Teil seiner Familie. Er kannte ihre Namen und ihre Charakterzüge, ihre Gewohnheiten und Launen, ihre Stärken und Schwächen, ihre Vorlieben und Abneigungen. Er wusste, dass Kayo neugierig war und leicht in Schwierigkeiten geriet; dass Leko eine Tagträumerin mit einer Tendenz zum Trödeln war; dass Toco immer gebeugt ging, mit gesenktem Kopf und durchhängendem Rücken, ganz anders als Tara, ihre kastanienbraune Zwillingsschwester, die aufrecht und unerschütterlich mit vorgestrecktem Maul dastand. Er wusste, dass die hell gescheckte Anecanec eine Narbe am Bauch hatte, seit sie als Färse mal Bekanntschaft mit einem Buschschwein gemacht hatte; und wenn er Brunnenkresse fand, rief er immer Bwaro, weil sie den feuchten bitteren Geschmack von allen am liebsten mochte; aber er wusste auch, dass die schwarze Mutu sich gleich zu ihr gesellen würde, denn wohin auch immer die rastlose Bwaro träge wanderte, glitt Mutu wie ein Schatten neben ihr her.

Bats Lieblingskuh war jedoch die silbrige Kila mit ihren dicken gebogenen Hörnern und ihren dunkellila Augen. Sie waren am selben Tag geboren und zusammen aufgewachsen. Es gab keine Zeit, zu der sie nicht bei ihm gewesen war, und oft lehnten sie sich unten am Wasser zufrieden aneinander, der Arm des Jungen freundschaftlich über den sonnengewärmten Rücken der Kuh gelegt, und sahen verträumt in die Ferne, als hätten sie sich in einem Land gemeinsamer Erinnerungen verloren. Das Wasser, das aus dem erhobenen Maul der Kuh perlte, fiel in glitzernden Lichttröpfchen durch die Luft.

Der Junge war stolz auf seine Herde. Rinder sind wie ihre Besitzer, sagte seine Großmutter immer: dürre, unglückliche Tiere hatten dürre, unglückliche Halter; antriebslose Wesen gehörten denen, die ihrem Leben keine Richtung gaben; unehrenhafte Männer besaßen die Art verschlagener Tiere, die das Rind direkt neben ihnen bestahlen; und übellaunige Kühe griffen an, weil sie selbst von jemandem geschlagen worden waren, der zu übellaunig war, als dass man ihm ihre Aufzucht hätte anvertrauen dürfen. Bats Tiere dagegen waren alle gutmütig, lebhaft und stark. Er hatte das wache Auge seiner Großmutter geerbt, sagten die Dorfbewohner; er besaß die angeborene Fähigkeit, verborgene Eigenschaften zu entdecken, zu wissen, wann ein Kalb herangereift war, zu erkennen, ob ein schwächliches Tier doch noch gedeihen und zunehmen oder nur kränker werden und sterben würde. Auf sein Urteil verließen sie sich, wenn sie ein Tier kaufen wollten.

Auch die Kühe vertrauten Bat und obwohl sie gerne den ganzen Vormittag über weitergegangen und dem Verlauf des Flusses gefolgt wären wie sonst meistens, blieben sie stattdessen bei ihm auf dem Weideland in der Nähe des Dorfes. Bat wollte sich heute nicht allzu weit entfernen. Er wollte es nicht riskieren, noch einmal den Männern mit den Gewehren zu begegnen.

Seine Großmutter hatte versucht ihn zu beruhigen. »Wilderer sind schreckliche Menschen«, hatte sie gesagt. »Für Geld verraten sie die Mitglieder ihres eigenen Stammes. Sie töten jeden, der ihren Weg kreuzt, nur um nicht Gefahr zu laufen, gefasst zu werden. Es war mutig von dir zu versuchen, ihnen entgegenzutreten, aber auch dumm«, hatte sie geschimpft. »Wenn du ihnen jemals wiederbegegnen solltest, lauf weg. Lauf, so schnell du kannst, und halte nicht an, um nachzudenken. Aber jetzt musst du keine Angst haben. Diese Wilderer haben die Savanne bestimmt längst wieder verlassen. Sie sind auf der Suche nach einem Käufer für das Elfenbein in die Stadt gefahren, und solche Leute gehören nicht hierher.«

Aber Bat war trotzdem unruhig. Als er sich in den Schatten einer ausladenden Akazie hockte, zuckten seine Augen nervös, die Umgebung ständig im Blick. Es war beinahe Mittag. Die Sonne stieg auf ihren drückend heißen Höchststand und die Rinder dösten mit gesenkten Köpfen und hin und her schwingenden Schwänzen. Dann und wann bewegte eine Brise die Zweige und ließ einen goldenen Blütenregen auf ihre Rücken niedergehen. Die Kühe blinzelten mit ihren langen Wimpern und atmeten mit tiefen, trägen Atemzügen aus. Keine Sorge der Welt plagte sie. Aber Bat kam trotzdem nicht zur Ruhe.

Als er in weiter Ferne eine Gestalt erblickte, sprang er auf. Es war kein Dorfbewohner, obwohl dies der Weg war, auf dem die Mädchen gelegentlich Wasser holen kamen. Aber die Mädchen waren immer in schnatternden Horden unterwegs und der Lärm ihres Gelächters ertönte schon lange über den Gräsern, noch bevor man die Oberkanten der Wasserkrüge sehen konnte, die sie auf den Köpfen trugen. Mit einem einzigen großen Satz und ein paar Klimmzügen kletterte Bat hinauf in die Baumkrone. Er presste sich dicht an einen Ast. All die Ängste des vergangenen Tages kehrten jetzt zurück. Seine Lippen begannen zu kribbeln. Er biss so fest darauf, dass er Blut schmecken konnte.

Aber dann war es doch nur ein Mädchen, das da kam. Bat erkannte sie bereits aus einiger Entfernung an ihrem schwungvollen Gang. Der riesige tönerne Wasserkrug, den sie trug, überragte sie beinahe, und doch schritt sie aus, als ginge sie durch das erste elastische Gras der Regenzeit. Es war Amuka, die einsame Fremde, die erst seit kurzem im Dorf lebte. Ihre Mutter war krank, hieß es, und ihr Vater lebte in der Stadt, und da es deshalb zu Hause niemanden gab, der sich um sie kümmern konnte, hatte man sie hierher zu einer Tante geschickt. Bat hatte gehört, wie die Frau seiner Großmutter gegenüber gejammert hatte. »Sie ist nur ein zusätzliches Maul, das gestopft werden muss«, hatte sie sich beklagt. »Als hätte ich nicht bereits fünf Töchter; und alle fressen sie wie die Heuschrecken. Was will ich mit einem weiteren Kind?«

Das war noch keinen Mond her, aber Bat hatte das Mädchen seitdem oft genug im Dorf gesehen. Er hatte sie beobachtet, wie sie sich beim Maniokpflanzen über ihre Hacke beugte, die längeren Stängel mit einem einzigen Schnitt ihres Messers halbierte und die trockene Erde mit einer Ferse feststampfte, aber sie hatte seinen Blick nie erwidert. Sie hatte ihm nie einen Gruß zugerufen wie die anderen Mädchen. Und als sie ihn einmal dabei ertappt hatte, wie er sie anstarrte, während er sich durch eine Dorfversammlung gähnte, hatte sie einfach mit ihrem üblichen grimmigen Blick zurückgestarrt. So war sie vermutlich auch zu ihrem Namen gekommen.

Jeder in Bats Stamm hatte zwei Namen: den, den er bei der Geburt von seinen Eltern bekommen hatte, und den Spitznamen, den er später vom Stamm verliehen bekam. Letzterer wurde gewählt, weil er einen charakterisierte, und oft war es dieser, unter dem man von da an bekannt war. Der Spitzname des Mädchens war Amuka. Das bedeutete wildes Tier. Als er ihn zum ersten Mal gehört hatte, war Bat überrascht gewesen. Sie hatte so anmutig ausgesehen. Sie war schmal wie eine Sesamkapsel, und während die übrigen Dorfmädchen das Haar so kurz geschnitten hatten wie er oder es streng hochgekämmt und zu festen kleinen Stacheln verknotet trugen, hatte sie lange glänzende Zöpfe, die beim Gehen hin und her schwangen. Ihre schwarzen Augen wurden von langen klimpernden Wimpern umrahmt, die sich auf die Wangenknochen eines ovalen Gesichts legten. Aber wenn sie den Blick hob, sah man das Weiße in ihren Augen aufblitzen und es war schnell klar, warum sie Amuka genannt wurde. Wenn jemand sie ärgerte, geriet sie in Rage. Sie war wie eine Manguste, erklärten die Dorfbewohner lachend, schlank und geschmeidig und niedlich anzusehen, aber sobald man sich mit ihr anlegte, sträubte sie sich und griff an. Wie eine Manguste zog sie nie die Krallen ein, sagten sie, und daher hatte Bat, der von Natur aus Zusammenstößen lieber aus dem Weg ging, es bisher vorgezogen, sich von ihr fernzuhalten. Er wollte nicht zerkratzt werden – schon gar nicht von einem Mädchen.

Aber jetzt war er neugierig. Warum ging Amuka lieber allein zum Wasserholen? Die anderen Mädchen aus dem Dorf gingen immer in einer Gruppe. Und warum kam sie jetzt, wo die Sonne noch heiß am Himmel stand? Und warum hierher, obwohl es doch eine viel näher gelegene Wasserstelle gab? Dafür musste es einen Grund geben. Vielleicht hatte sie ein Geheimnis. Von seinem Ausguck in der Baumkrone aus beobachtete er sie. Und obwohl sie innehielt, als sie die Rinder bemerkte, entdeckte sie ihn nicht, wie er dort lag und zwischen den Blättern hindurchspähte.

Einen Moment lang stand Muka einfach nur da und blickte über den Fluss. Abgesehen von einem breiten Streifen, der sich in der Mitte entlangschlängelte, war er beinahe ausgetrocknet. Sie betrachtete die Enten, die im Schlamm am Rand planschten, und die Flamingos am gegenüberliegenden Ufer, die mit gebeugten Hälsen dösten. Dann bückte sie sich und hob eine Handvoll Kieselsteine auf, die sie einen nach dem anderen über die Oberfläche einer Wasserlache hüpfen ließ. Die meisten verschwanden mit einigen spritzenden Platschern; aber ein paar, stellte Bat bewundernd fest, sprangen hinüber bis zum anderen Ufer, wo sie weiterschlitterten. Er wollte hinunterklettern und sehen, ob er besser werfen konnte, aber als er beschlossen hatte, das zu tun, hatte sie sich schon wieder hingesetzt – nicht wie ein Mädchen mit ausgestreckten Beinen, sondern wie ein Junge in der Hocke, das Kinn in die Hände gestützt. Sie summte leise vor sich hin. Ob sie wohl ihre Familie vermisste, fragte sich Bat. Er fing an sich zu langweilen und war daher erleichtert, als Muka schließlich wieder aufstand. Sie wuchtete den großen Tonkrug zum Flussufer hinunter, wo sie ihn füllte, bevor sie ihn vom Boden auf ihre Schulter und dann von ihrer Schulter auf den Kopf hob. Nachdem sie den Krug dort vorsichtig zurechtgerückt hatte, machte sie sich langsam auf den Heimweg. Bat war enttäuscht. Mehr würde nicht passieren? Dann hatte sich das Warten nun wirklich nicht gelohnt. Er pflückte eine Akazienschote ab und schleuderte sie spielerisch hinter ihr her. Sie landete genau dort, wo er es beabsichtigt hatte: direkt vor den Füßen des Mädchens.

Amuka erstarrte augenblicklich, wachsam wie eine Manguste, wenn sie Gefahr wittert, sich auf die Hinterbeine stellt und ihren schrillen Schrei ausstößt. Wenn sie eine Manguste gewesen wäre, dachte Bat, hätte sie jetzt die niedlichen kleinen Ohren an beiden Seiten ihres Schädels gespitzt und ihre Zöpfe gesträubt. Er hatte völlig vergessen, dass sie ihn noch gar nicht gesehen hatte, und lachte laut auf. Das Mädchen erschrak. Der Wasserkrug kippte um und sein ganzer Inhalt wurde verschüttet. Bat kletterte vom Baum. Er wollte sich entschuldigen; er wollte sich vergewissern, dass der Krug nicht zerbrochen war; aber das Mädchen wartete nicht ab, was er vorhatte. Voller Zorn stürzte sie sich auf ihn und warf ihn auf den Rücken.

Jetzt wurde Bat wütend. In einem schnellen Gegenangriff sprang er auf. Mit rudernden Armen und blitzenden Augen ging er wutschnaubend auf sie los. Aber das Mädchen hatte damit gerechnet und umklammerte ihn. Schulter an Schulter lieferten sie sich ein heftiges Handgemenge am Ufer, kratzten und traten, stemmten und schubsten, bis Bat plötzlich weggestoßen wurde, das Gleichgewicht verlor und ausrutschte. Ihm wurde bewusst, dass er in einer verzweifelten Lage war, als er spürte, wie sein Griff sich lockerte: Er war kurz davor, den Kampf mit einem Mädchen zu verlieren. Er umklammerte Muka noch einmal fester. Das verhinderte zwar nicht, dass er fiel; aber wenigstens zog er sie mit sich.

Mit einem Platschen landeten sie in einer abgestandenen Pfütze. Das Wasser war schmutzig, schleimig von Vogelkacke, und es stank nach verfaultem Fisch. Einen Augenblick saßen sie beide da, vollkommen fassungslos. Dann wischte sich Bat eine Handvoll Schleim aus dem Gesicht und blickte auf. Zu seiner Überraschung sah er, dass Muka lächelte. In ohnmächtiger Wut schleuderte er ihr den Schlamm entgegen. Sie warf eine Ladung zurück. Er revanchierte sich. Er war schon immer ein guter Schütze gewesen. Mit seiner Schleuder konnte er eine reife Melone aus zwanzig Schritt Entfernung platzen lassen. Der Schuss landete mitten auf ihrer Stirn. Aber anstatt aufzuschreien, wie er es erwartet hatte, brach sie in schallendes Gelächter aus. Es strömte aus ihr heraus wie die ersten Regenfälle über einen Felsen. Sie griff nach einer weiteren Ladung schlabbriger Munition, und noch während sie mit dem Arm zum Wurf ausholte, spürte Bat auch in sich selbst Gelächter aufsteigen. Es brach sich in einem breiten zahnlückigen Grinsen in seinem Gesicht Bahn.

Kurz darauf waren sie beide von Kopf bis Fuß mit Matsch bedeckt. Ihre Rufe hallten von den Felsen wider, scheuchten die Enten auf und brachten einen fischenden Storch aus dem Gleichgewicht. Sogar eine Flamingokolonie kam zu dem Schluss, dass es wohl das Beste wäre, zu verschwinden. Die Tiere erhoben sich in einer kreischenden rosa Wolke aus dem Wasser. Die Kinder lachten nur noch lauter und schlugen mit den Armen um sich.

Als sie sich beruhigt hatten und sich zu säubern versuchten, waren sie vollkommen erschöpft. Das Wasser troff in breiten schlammigen Rinnsalen an ihnen herunter. »Jetzt werden wir wochenlang nach altem Fisch stinken«, sagte Muka, während sie sich abschrubbte. Bat kicherte und nickte, aber innerlich hoffte er, dass ihre Freundschaft noch länger währen würde. Er wollte sie immer noch beim Steinehüpfenlassen schlagen.

»Hast du Hunger?«, fragte er, als sie endlich fertig waren mit Waschen. Er wusste, dass sie hungrig sein musste: Selbst nach der Ernte war der Getreidespeicher ihrer Tante nie mehr als halb voll. Muka nickte, während sie die Falten ihres Wickeltuchs auswrang. In Bats kleiner Tasche waren zwei gegrillte Maiskolben. »Hier! Nimm dir einen«, rief er, und bald saßen sie nebeneinander, die Rücken an einen Baumstamm gelehnt, und verspeisten ihr Mittagessen. Bat nagte seitlich an seinem Maiskolben. Einer seiner großen Schneidezähne war vor kurzem ausgefallen, und obwohl der neue dahinter schon zum Vorschein kam und die schmalen, gewellten Kanten das rosa Zahnfleisch durchstießen, hatte er noch einen weiten Weg vor sich. Muka knabberte ihren Kolben in sauberen kleinen Linien ab. Kila kam neugierig herbeigeschlendert. Sie starrte den Eindringling an und fuhr sich mit der Zunge über die Nase.

»Meine Mutter hat früher immer Mais für mich gegrillt«, sagte Muka schließlich, nachdem sie sich den Mund abgewischt und der Kuh die Hüllblätter gegeben hatte.

Kila kaute nachdenklich auf den Blättern herum. Aber Bat saß nur verwundert da. Was war daran so bemerkenswert? Sicher grillte überall irgendjemand Maiskolben.

»Ich weiß nicht, wo meine Mutter jetzt ist«, sagte Muka. Ihre Stimme war ganz leise, kaum mehr als ein Flüstern, und mit halb abgewandtem Kopf sah sie die Kuh an, als richtete sie sich an das Tier und nicht an den Jungen. »Sie war krank«, murmelte sie, »und die Dorfbewohner haben sie vertrieben. ›Warum sollten wir dich ernähren, wo du doch sowieso sterben wirst?‹, haben sie gesagt. ›Man ernährt doch keinen Geist.‹ Also ist meine Mutter eines Tages einfach aufgestanden und weggegangen. Sie hat mir erklärt, sie müsse das tun, solange sie noch laufen könne. Sie wolle nach meinem Vater suchen, hat sie gesagt, und ich könne nicht mitkommen. Sie hat mich einfach wie ein Bündel Wäsche bei einer Nachbarin abgeliefert und sie gebeten, mich zu meiner Tante zu bringen. Und das hat die Frau getan. Ich wurde wieder abgeliefert … und seitdem bin ich hier.«

Sie schwieg einen Augenblick. Bat fragte sich, ob sie weinte. Er warf ihr einen schnellen Seitenblick zu, aber obwohl Mukas Lippen zitterten, waren ihre Augen trocken. »Meine Tante glaubt, dass meine Mutter irgendwann zurückkommt und mich abholt«, flüsterte sie, »aber ich rechne nicht damit, dass sie das je tun wird. Ich glaube, sie lebt gar nicht mehr.«

»Und was ist mit deinem Vater?«

Muka zuckte bloß mit den Schultern. »Ich weiß nicht. Ich kenne ihn nicht.«

Ein lang anhaltendes Schweigen hing zwischen ihnen. Als Muka sich schließlich umdrehte, sah sie, dass es Bat war, der weinte. Die Tränen fielen von seinem unteren Augenlid, hingen glitzernd an den Spitzen seiner Wimpern, kullerten in großen glänzenden Tropfen über seine Wangen. Als er ihren Blick bemerkte, wischte er sie hastig ab.

»Ich kenne meinen Vater auch nicht«, sagte er, streckte eine Hand nach Kila aus und strich über die Hautfalten an ihrem Hals.

»Weißt du, wo er ist?«

Bat schüttelte den Kopf. »Aber ich weiß, dass er tot ist.« Seine Gedanken kehrten plötzlich zu den Bildern des gestrigen Gemetzels zurück, zu dem großen aufgedunsenen Kadaver und den darauf herumkletternden Männern; zu den Wolken aus schwarzen Fliegen und dem zerhackten Gesicht. Einen Moment dachte er, er müsse sich übergeben. »Mein Vater ist von Wilderern umgebracht worden«, sagte er. »Noch vor meiner Geburt. Er war Wildhüter, weißt du. Er hat mit Elefanten gearbeitet und obwohl er oft vor der Gefahr gewarnt wurde, ging er trotzdem raus in die Savanne und dort wurde er erschossen. Meine Großmutter sagt, er sei für die Tiere gestorben, die er am meisten geliebt hat.«

Bat schluckte und versuchte den Kloß in seinem Hals loszuwerden. »Die Leute sagten meiner Großmutter, sie könne sich glücklich schätzen«, erklärte er heiser. »Sie sagten, mein Vater sei den Tod eines Kriegers gestorben; dass es besser sei, draußen im Busch getötet zu werden, sein Leben bei der Jagd oder im Kampf zu verlieren, als wie ein alter schwacher Mann auf seiner Matte zu sterben. Aber sie schätzte sich überhaupt nicht glücklich. ›Ich erkenne das Glück, wenn ich es sehe‹, erklärte sie mir. ›Glück ist, wenn ein Schwarm Heuschrecken über dein Feld fliegt, ohne sich dort niederzulassen, oder wenn dir eine köstliche reife Mango direkt in den Schoß fällt. Glück ist nicht, wenn jemand bei dir zu Hause auftaucht, um dir zu sagen, dass du gerade deinen einzigen Sohn verloren hast.‹ Sie haben meinen Vater nie zurückgebracht. Sie konnten ihn nicht finden; daher konnten sie ihn nicht vor seiner Hütte beerdigen, wie es eigentlich Brauch ist. Er hatte keine Familie in seiner Nähe, die über sein Grab wachte, Sand auf seinen Leichnam streute oder einen Baum an der Stelle pflanzte, wo er lag.«

»Aber hat deine Großmutter nicht die Rituale abgehalten?«, fragte Muka. »Hat sie nicht die Gebete gesprochen, die die Seele zurückbringen?«

Bat nickte. »Doch. Sie hat alle Rituale durchgeführt, aber ihre Gebete wurden nicht erhört. Sie spürt seinen Geist nie in der Hütte an ihr vorbeistreifen. Sie hat beim Aufblicken nie den Eindruck, er stehe vor ihr und sehe sie an. Und jetzt sagt sie, es sei alles vorbei. Er wird nie zurückkehren.«

»Und deine Mutter? Wo ist deine Mutter?«

»Sie ist auch gestorben. Nur ein paar Tage nach meiner Geburt. Ihr Blut ist vertrocknet. Das murmeln die Dorfbewohner; aber meine Großmutter erklärte mir, es sei nicht ihr Blut, sondern ihre Seele gewesen, die nicht trinken konnte. Sie vermisste ihren Mann, meinen Vater, so sehr. Der Tod ist eine Narbe, die niemals heilt. Das denkt meine Großmutter.«

Bats Miene heiterte sich etwas auf. »Meine Großmutter hat mich aufgezogen … zunächst in der Stadt. Sie hat für die Weißen mit den himmelfarbenen Augen gearbeitet.« Er lächelte leicht. »Es waren die Weißen, die mir meinen Spitznamen gegeben haben, weißt du. Meine Mutter hat mich Nakisisa genannt. Es bedeutet ›aus den Schatten geboren‹. Aber die Weißen haben einfach angefangen, mich Bat zu nennen, Fledermaus. Fledermäuse werden aus den Schatten geboren, sagten sie. Und irgendwie ist mir der Name erhalten geblieben.«

»Er passt auch zu dir«, sagte Muka. Sie hatte ihn draußen mit seinen Rindern gesehen, wie er sich durch die Abenddämmerung schlängelte, wenn er die Kühe nach Hause trieb, im Zickzack über die offene Ebene hin und her lief und die Savanne durchstreifte wie eine Fledermaus die Nacht.

Der Junge nickte. »Das findet meine Großmutter auch. Sie sagt, ich passe zu einer Welt, die so weitläufig ist wie der Himmel. Deshalb hat sie auch ihre Arbeit in der Stadt aufgegeben und mich hierher zurückgebracht. Ich war noch ganz klein, als sie mich in ein Tuch wickelte, es um ihre Schultern knotete und mich nach Hause in unser Dorf trug.«

Bat ballte eine Faust, beugte sich vor und rieb Kila liebevoll mit den Fingerknöcheln über die breite Stirn. »Ich wurde mit derselben Milch gesäugt wie diese Kuh«, erklärte er Muka. »Sie wurde am selben Tag geboren wie ich und so teilten wir uns die Milch ihrer Mutter.«

Kila verlagerte ihr Gewicht und schlug nach einer Fliege unter ihrem Bauch aus, dann reckte sie den Hals und leckte Bat mit ihrer rauen Zunge über den Arm. Sie mochte den salzigen Geschmack und es brachte beide Kinder zum Lachen.

»Ich muss gehen!« Muka sprang plötzlich auf. Sie hakte ihre Finger im Bund ihres zerknitterten blauen Wickeltuchs ein. »Ich bin schon zu lange weg und meine Tante wartet bestimmt auf mich.« Sie schnitt eine Grimasse. »Sie wird schimpfen, wenn ich zurückkomme.«

Bat rappelte sich auch auf. Eilig kehrten sie zum Fluss zurück, wo Bat dem Mädchen half, den Wasserkrug zu füllen und ihn auf den Kopf zu heben. Dann stand er da und sah ihr nach, wie sie wegging, einen gebeugten Arm erhoben, um das wackelnde Gefäß festzuhalten, den anderen locker herabhängend. Ihre Hüften wiegten sich leicht hin und her.

»Bis später«, rief Bat ihr nach, als sie ein Stück entfernt war.

Sie drehte sich halb um und winkte ihm mit ihrer freien Hand schüchtern zu. »Ich komme dich wieder besuchen«, rief sie.

Bat lächelte. Das hoffte er. Als er sich umwandte, um nach seiner Herde zu sehen, lächelte er immer noch vor sich hin. Sie hatte also wirklich ein Geheimnis gehabt, dachte er, und zwar das Geheimnis ihres wahren Ichs.

3. KAPITEL

An diesem Nachmittag führte Bat die Kühe etwas weiter den Fluss entlang, wo das Gras höher war und dichte Sträucher Schatten spendeten. Im Schutze eines davon legte er sich nieder. Es war immer noch sehr heiß und er musste eingeschlafen sein, denn plötzlich wachte er mit pochendem Schädel und geschwollener Zunge auf. Die Sonne war weitergewandert und hatte die Schatten mitgenommen, die ihn wie eine kühlende Decke eingehüllt hatten. Er sprang eilig auf und sah sich nach seiner Herde um. Ein paar besorgte Sekunden lang dachte er, die Tiere hätten sich verirrt, bis er sie glänzend inmitten eines Flecks abgelegenen Gesträuchs erblickte. Er blinzelte in die Sonne. Sie waren nervös; er bemerkte, wie sie unruhig von einem Bein auf das andere traten, und hörte Tocos leises Grollen, als sie ihr Kalb rief.

Bat griff nach seiner Panga und ging rasch auf die Herde zu. Etwas bewegte sich. Sein ganzer Körper spannte sich an. Ein geheimnisvoller Schatten glitt unter einen Strauch. Bat rührte sich nicht, erstarrte wie ein Ducker, der auf einem Waldweg überrascht wird. Jeder Nerv in seinem Körper summte. Und dann, genauso plötzlich, entspannte er sich wieder. Es war eine herumschleichende Hyäne, die einen Frankolin oder vielleicht einen Hasen jagte … nichts, das größer war als ein Schakal, wenn sie nicht mit ihrem Rudel zusammen war; aber auch so wäre Tocos Kalb verführerisch für sie. Bat setzte sich in Bewegung, rannte mit wedelnden Armen und laut rufend auf sie zu. Die Hyäne kniff ihren buschigen Schwanz zwischen die Beine und setzte davon. Bat zog seine zu großen Shorts hoch und rannte ihr nach, wobei er so schnell durch das unwirtliche Gestrüpp raste, dass er das kleine Tier, das sich unter die Sträucher duckte, erst sah, als er beinahe darüber stolperte. Er blieb abrupt stehen und blickte nach unten.

Zu seinen Füßen lag ein winziger Elefant. Bat betrachtete ihn staunend. Er konnte nicht älter sein als ein paar Wochen. Seine Ohren lagen immer noch eng an wie die Blätter eines Kohlkopfs, sein Rücken war noch übersät mit rotbraunen Haaren; und er war dünn, stellte Bat jetzt fest … viel zu dünn. Seine Wirbelsäule zeichnete sich knubbelig ab und seine Haut war ganz schrumpelig. Die lockeren Falten waren von Staub bedeckt.

Bat bückte sich und streckte langsam und vorsichtig eine Hand aus. Das kleine Wesen versuchte aufzustehen, schob sich mit den Vorderbeinen hoch, während sein Rüssel hin und her schwang; aber es gelang ihm nicht und verwirrt plumpste es wieder zu Boden. Seine Augenlider klappten auf und zu, während seine Flanken sich hoben und senkten. Mit seiner langen tastenden Nase befühlte es Bat.

Bat ging langsam rückwärts und das Elefantenjunge versuchte sich erneut aufzurichten, schaffte es, ihm mit einigen wenigen schwankenden Schritten zu folgen, bevor es erneut zusammenbrach. Bat kniete sich neben das Tier. Dessen Rüssel spielte schwach an seiner Handfläche herum. Wo war seine Mutter? Ohne sie würde es sterben, dachte Bat. Er konnte bereits den traurigen Schleier in den weit aufgerissenen Babyaugen sehen. Und dann fiel ihm schlagartig der tote Elefant wieder ein. War es den Wilderern so gelungen, ein derart gewaltiges Tier herauszugreifen? War die Elefantenkuh zurückgeblieben, um ihr Junges zu schützen?

Bat hätte gewusst, was mit einem verwaisten Kalb in seiner Herde zu tun war. Er brachte selbst das kränklichste Junge dazu, Milch aus einem Eimer zu trinken, indem er es an zwei seiner Finger saugen ließ. Aber die Kälber hatten kleine runde Schnauzen, die in einen Kübel passten. Ein Tier mit einem Rüssel konnte so nicht trinken lernen und dieses kleine Wesen hatte bestimmt Durst. Bat war selbst ganz ausgedörrt. Das Junge musste schrecklich durstig sein. Wahrscheinlich war es die ganze Nacht allein durch die Savanne gewandert. Es war ein Wunder, dass es überhaupt noch am Leben war. Bat holte seine Kalabasse, füllte sie mit Wasser und hielt sie dem Tier zaghaft hin. Der Elefant ignorierte sie. Bat versuchte ihm das Maul zu öffnen, indem er ihm den Rüssel nach hinten über den Kopf legte, so dass das feuchte rosa Dreieck seiner Unterlippe zum Vorschein kam. Er goss das Wasser hinein; aber das meiste davon rann direkt wieder heraus.

Kila kam herbei. Sie beschnupperte das Elefantenjunge mit ihrer feuchten, hauchigen Nase, stieß es sanft mit den Spitzen ihrer Hörner an. Das kleine Tier drehte sich, wanderte mit dem Rüssel zögerlich in Richtung ihres Euters. Es konnte ihre süße Milch riechen, aber es konnte trotzdem nicht trinken.

Bat goss den Rest des Wassers über die Ohren des kleinen Tieres. Wenigstens würde es das abkühlen. Dann hockte er sich neben die Kuh und füllte seine Kalabasse mit Milch. Als Nächstes versuchte er, dem Elefanten diese in den Hals zu gießen. Die rosa Zunge wand sich, als sie die Wärme schmeckte. Bat versuchte es noch einmal: Er war zwar nicht sehr erfolgreich, aber er machte immer weiter, Schlückchen für Schlückchen, bis die ganze Milch entweder geschluckt oder verschüttet war.

Bat bemerkte gar nicht, wie schnell der Nachmittag verstrich, und die Sonne stand bereits sehr tief, als er einen schwachen Ruf in der Ferne hörte, aufsah und seine neue Freundin Amuka erblickte. Sie hatte also ihr Versprechen gehalten! Er hatte so sehr darauf gehofft und jetzt rappelte er sich auf und rannte auf sie zu.

»Komm! Komm und sieh dir das an! Komm schnell!«, rief er. Er nahm sie am Handgelenk und ratterte seine Geschichte von den Wilderern herunter, während er sie hinter sich herzog. »Und sie haben die Mutter getötet … und es gibt ein Junges … Ich habe ein Junges gefunden«, keuchte er, während die Erzählung in abgehackten Bruchstücken zwischen heftigen Atemstößen aus ihm herausbrach. Muka würde wissen, was zu tun war, hoffte er. Gemeinsam würde ihnen vielleicht eine Lösung einfallen.

Er sah, wie sich Mukas Augen staunend weiteten, als sie auf die Knie fiel und eine zögernde Hand nach dem Tier ausstreckte, als wollte sie sich selbst vergewissern, dass seine Geschichte wirklich stimmte. Nein, sie bildete es sich nicht nur ein. Mitleid mit dem winzigen Wesen stieg in ihrem Herzen auf. Sie konnten es nicht einfach hier zurücklassen. Sie mussten eine Möglichkeit finden, ihm zu helfen.

»Wenn wir es nicht mit nach Hause nehmen, kommen die Hyänen es sich holen«, murmelte sie. »Irgendwie müssen wir es gemeinsam zum Laufen bringen.« Sie sah sich einen Moment um, als hielte sie nach der Lösung Ausschau. »Vielleicht folgt es den Kühen«, schlug sie vor. Bat nickte, sprang auf und rannte schnell durchs Gras, wobei er die leisen Pfiffe ausstieß, die seine Herde in Bewegung setzten und dazu brachten, sich aneinanderzudrängen, bevor sie sich auf den Weg machten.

Dann versuchten Muka und er mit vereinten Kräften den Elefanten zum Aufstehen zu bewegen. Muka schob mit aller Macht von hinten, während Bat unter das Tier glitt und so fest nach oben drückte, wie er konnte. Das Elefantenjunge rappelte sich auf und stand eine Weile auf wackligen Beinen schwankend da, bevor es mit einem taumelnden Schritt nach dem anderen auf die Kühe zutapste. Die beiden Kinder gingen rechts und links von ihm, während Muka aufmunternd summte. Sie sagte, dass sie gehört habe, wie Elefantenmütter ihren Jungen auf diese Weise vorsangen.

Das Dorf war nicht weit, aber es dauerte lange bis dahin und das Elefantenbaby brach unterwegs mehrmals zusammen. Es blieb an kleinen Wurzeln und zwischen dichten Gräsern hängen. Wo ein abgebrochener Ast lag, stolperte es und musste wieder hochgeschoben werden. Einmal trat es auf seinen Rüssel und strauchelte. Und die Kinder bekamen Angst, als sie das schwache Gebrüll eines Löwen hörten. Bat wusste, dass es gefährlich war, bis spät in der Savanne zu bleiben. Sie wechselten besorgte Blicke. Aber sobald sie den Pfad erreicht hatten, kamen sie besser voran, und als sie an einem schlammigen Wasserloch vorbeikamen, das noch feucht von der Regenzeit war, blieben sie stehen und gruben nach einer Schale voll Wasser, das sie in kühlenden Rinnsalen über den Rücken des kleinen Tieres gossen.

Die Nacht war beinahe angebrochen, als sie endlich die shambas erreichten, die kleinen, von Dornenhecken umzäunten Pflanzungen, auf denen die Dorfbewohner ihre Feldfrüchte anbauten. Jetzt war Bat damit beschäftigt, diejenigen Kühe mit Erdklumpen zu bewerfen, die, ohne ständig angetrieben zu werden, den Pfad verlassen würden in der Hoffnung, irgendwo einen Bissen stehlen zu können. Von dort aus schlängelte sich der Weg durchs Dorf, in dem die kleinen Gruppen aus Hütten überall verstreut lagen wie Perlen einer Kette, deren Schnur gerissen ist. Bats Zuhause lag ganz am Rand und er und Muka bogen dorthin ab.

Die Rinder drängten in ihren Pferch und Bat rannte zum Tor, um sie zu zählen: nicht mit den Fingern, sondern indem er sich an jedes einzelne erinnerte und sich vergewisserte, dass es heil zurück war. Die Kälber kamen getrennt von den Kühen in ein Gehege, das sie sich widerwillig mit drei zotteligen Ziegen teilten.

Bats Großmutter trat gebückt aus einer Tür. Der Türsturz war nicht hoch genug, dass ein Erwachsener aufrecht hindurchgehen konnte. Sie blieb inmitten der Fülle aus gelben und blauen Blumen, die in alten Dosen gepflanzt und aufgehängt worden waren, stehen und warf einen Blick über ihren Hof zu den beiden Kindern hinüber. Ihre Augen waren nicht mehr gut. Sie wurde alt. Graue Strähnen versilberten ihre kurzen ungeflochtenen Haare, so dass es aussah, als hätte sie gerade ein Spinnennetz gestreift, aber ihre Haut glänzte wie poliertes Kupferblech und sie trug ein altes Wickeltuch aus Baumwolle von derselben Farbe wie die Sonne, wenn sie hinter dem Horizont versinkt. Die Sonne war jetzt von genau diesem sanften Orange und Bat wusste, dass er zu spät kam. Er sollte zu Hause sein, bevor sich die Perlhühner zum Schlafen zurückzogen. Ihr schnatterndes Gezeter war seine Abendglocke.

»Bat! Wo warst du?« Seine Großmutter stemmte die Hände in die Hüften. »Hast du deine Ohren nur zum Schmuck?« Vor lauter Sorge war sie verärgert. »Ich habe einen Löwen gehört und wie oft habe ich dir gesagt …« Plötzlich verstummte sie, denn gerade hatte sie den Elefanten entdeckt. Sie starrte das Tier an, das vor ihr wankte und dessen Rüssel auf- und abwippte wie ein Stück Gummi. Eine ganze Weile stand sie einfach bloß mit offenem Mund wortlos da. Ihre Stimme war ein fragendes Flüstern, als sie schließlich sagte: »Abili?«

Die Schwalben, die unter dem Strohdach nisteten, flogen durch den Türrahmen, in dem sie stand, ein und aus auf der Jagd nach den ersten Insekten der Nacht.

»Dieses kleine Wesen ist zu jung, um überleben zu können«, fuhr Bats Großmutter die Kinder an. »Es ist zu jung, um ohne die Milch seiner Mutter zu überleben.« Doch dann plötzlich wurde ihre Stimme weicher. Sie kam nicht länger gegen die aufsteigende Hoffnung an. »Aber wir wollen sehen, was sich machen lässt«, sagte sie, als sie zurück in die Hütte ging. »Abili?«, flüsterte sie erneut, während sie das Feuer schürte. Das war der Name von Bats Vater gewesen. Sie wandte sich dem Jungen zu, der zögernd auf der Türschwelle stand. Ein Topf mit Milch wurde langsam warm. »Du bist genau wie dein Vater«, murmelte sie, »von Tag zu Tag mehr … und jetzt haben die Elefanten auch dich gepackt.«

4. KAPITEL

»Wirf dein Herz voraus, dann lauf ihm nach und fang es wieder ein.« Das sagte Bats Großmutter immer. Und jetzt schleuderte sie ihr eigenes hinaus, in der Hoffnung, es irgendwie einholen zu können. Der kleine Elefant war schwach. Er würde sterben, wenn es ihnen nicht gelang, ihn zu ernähren. Er brauchte Milch. Aber das bisschen, was Bats Großmutter am Vorabend für ihn zubereitet hatte, war alles verschüttet worden. Das Tier hatte sich geweigert zu trinken.

Die ganze Nacht über hatte Bats Großmutter auf ihrer Schlafmatte zusammengerollt über das Problem nachgedacht. Jetzt hatte sie einen Plan. »Ich glaube, ich kann etwas organisieren«, erklärte sie Bat, der nervös um sie herumstrich, »aber nur, wenn du mir aus dem Weg gehst. Du bist wie eine lästige Biene.«

Bats Großmutter nahm den Kanister, mit dem sie die Milch zum Markt brachte, und schnitt ein Loch in den Plastikdeckel. Dann steckte sie einen Sauger hindurch, den sie aus dem Schlauch eines Autoreifens gefertigt hatte. Wenn man den Schraubverschluss aufsetzte und zudrehte, saß der Sauger fest.

Bat umarmte sie stürmisch. Er wusste, dass sie den Schlauch schon seit einiger Zeit aufbewahrte. Sie hatte vorgehabt, ein Sofa daraus zu bauen, indem sie die elastischen Gummistreifen über Kreuz auf einen Rahmen nagelte. »Und wenn ich dann erschöpft von einem Tag auf dem Markt nach Hause komme, kann ich mich hier gemütlich ausstrecken«, erklärte sie Bat und dann brachen sie bei der Vorstellung beide in Gelächter aus, obwohl Bat immer noch nicht genau wusste, was ein Sofa eigentlich war.

Aber als sie versuchten, dem Elefantenjungen den provisorischen Sauger ins Maul zu stecken, begann es sich mit überraschender Kraft zu wehren; es trat heftig um sich, selbst wenn Bat sich auf es setzte. Er hätte schon aufgegeben, wenn seine Großmutter nicht noch einen weiteren Plan gehabt hätte.