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Die dreizehnjährige, witzig-sarkastische und doch verletzliche Matisse lebt mit ihrer unkonventionellen Tante am Rande von Los Angeles, wo nicht viele Träume wahr werden und man Engel vergeblich sucht. Als ihre Tante bei einem rätselhaften Unfall ums Leben kommt und ihr totgeglaubter Vater sie aus dem Krankenhaus abholt, ist das nicht nur der Beginn einer Reise quer durch Amerika, denn ihr Vater lebt praktisch auf der Flucht. Während die Schatten der Vergangenheit ihn einzuholen drohen, sucht Matisse nach der Zukunft: Hat ihr Vater sie und eine zweite Chance verdient? Eine humorvolle und spannende Mischung aus Roadmovie und Thriller, verwoben mit dem Lebensgefühl am Rande der Traumfabrik.
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Seitenzahl: 274
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Ich liebe den Ozean. Ich liebe es, wie sanft er die Menschen verändert.
Ich liebe Eisblumen an den schlecht isolierten Fenstern meiner Grandma nach einer kalten Winternacht. Das Rufen der Kanadagänse, wenn sie nach Süden ziehen. Trockenes Herbstlaub auf den Straßen, das unter den Füßen raschelt. Den Duft von frisch gemähtem Rasen. Vollmond.
Aber manchmal machen mich diese Dinge auch traurig. Einfach so. Meine Tante sagt, ich sei verrückt. Ich liebe diese Dinge, obwohl sie mich traurig machen. Ich liebe die Dinge, die mich traurig machen.
Ebenso geht es mir mit in der Wüste blühenden Kakteen und Kreosotbüschen. Den St. Ana-Winden. Dem nächtlichen Schreien von Kojoten. Oder wie die Luft nach einem Sommerregen riecht. Genau das sind die Dinge, die ich am meisten liebe.
Vielleicht mal abgesehen von Bananenpudding und meinem alten, kuscheligen Lieblingspullover.
Sonne
Schnee
Ozean
Es ist der nächste Morgen. Ich bin seit mindestens drei Stunden wach. Eigentlich war ich die ganze Nacht wach. Es ist noch immer nicht hell draußen, allenfalls ein Hauch von Dämmerung, doch ich habe kein Licht an. Ich hatte es nur ganz kurz angemacht, aber es war so eklig grünlich, dass ich es gleich wieder ausgeschaltet habe. Viel gibt es hier auch nicht zu sehen, jedenfalls nicht viel Angenehmes. Ich bin im Krankenhaus. Sie haben mich untersucht, aber im Grunde bin ich unverletzt geblieben. Von ein paar Prellungen und einem Schnitt am Unterarm, der ziemlich weh tut, mal abgesehen. Dennoch haben sie mich über Nacht hier behalten, einmal zur Beobachtung, aber wohl auch, weil sie nicht wussten, wohin mit mir.
Ich stehe am Fenster und schaue auf eine Stadt, deren Namen ich nicht kenne. Ich kann zwei große Straßen sehen, die in den trüben Dunst des Morgens führen, langsam kommt etwas Verkehr auf, und etliche große Häuser, die irgendwie alle wie Krankenhäuser aussehen. Schräg unterhalb meines Fensters, dort, wo von einer der großen Straßen eine Seitenstraße abzweigt, befindet sich ein kleiner Weihnachtsbaumverkauf. Nicht mehr als ein paar Drahtzäune, ein winziger Verschlag, eine Röhre für die Netze. Er wird heute wohl geschlossen bleiben, schließlich ist ja schon Heiligabend. Und es sind offensichtlich auch bereits alle Bäume verkauft, alle, bis auf einen. Ein einziger kleiner Baum lehnt in einer Ecke am Drahtzaun. Allein. Verlassen. Niemand hatte ihn haben wollen.
Die letzten Tage zuhause sind immer sehr hektisch. Jedenfalls für mich. Erst mal ist meist bis zuletzt nicht ganz klar, ob meine Tante auch wirklich die Woche bis Neujahr freikriegen wird. Sie sagt zwar immer: „Egal. Wir fahren auf jeden Fall“, aber ich habe meine Zweifel. Und dann muss auch so viel erledigt werden. Meine Tante sagt mir dauernd irgendetwas Wichtiges, woran wir unbedingt noch denken müssen, und hat es doch eine halbe Stunde später schon völlig vergessen. Zum Beispiel, offene Rechnungen zu bezahlen. Wer möchte schon im Januar ohne Strom dastehen? Der Wagen verliert seit Monaten Öl, meine Tante sagt immer: „Für die kurzen Strecken reicht es.“ Aber bis zu meiner Grandma sind es mehr als siebenhundert Meilen! Also müssen wir drei Tage vor Weihnachten noch eine Werkstatt finden, und für die Einkäufe fehlt uns dann der Wagen. Mich machen solche Dinge nervös, doch meine Tante bleibt bei all dem vollkommen gelassen. Bringt plötzlich inmitten der ganzen Unordnung Tee und Plätzchen auf einem Tablett, setzt sich mit mir auf einen halbgepackten Koffer und erzählt Geschichten von früher, als sie noch bei ihrer Mutter gelebt hat. Oder sie ist gerade dabei, eine Einkaufsliste zu schreiben, hält inne und sagt: „Komm, wir machen dir die Haare schön.“
Und dann müssen wir noch meine Hunde zu Noelle bringen, weil wir ihnen die langen Autofahrten für die wenigen Tage bei Grandma nicht zumuten wollen. Von meinen Lieblingen getrennt zu sein würde allein schon ausreichen, mich zu einem Nervenbündel zu machen. Je näher der Abfahrtstermin rückt, desto mehr versinkt alles im Chaos, aber meine Tante bleibt die Ruhe selbst, sieht mich lächelnd an und sagt: „Kindchen! Es ist Weihnachten!“
Ich stehe noch immer am Fenster und die Autos haben noch immer ihre Scheinwerfer eingeschaltet, die sich in den feuchten Straßen spiegeln, aber der beginnende Tag hat bereits etwas Farbe angenommen. Ein Tag, vor dem ich mich fürchte, genau wie vor allen, die ihm noch folgen werden.
Es klopft an der Tür. Ein dicker Polizist betritt das Zimmer, ohne auf mein „Herein“ zu warten. Er hat ein breites, weiches und trotzdem irgendwie unsympathisches Gesicht. Seine Haare, seine Uniform, alles an ihm wirkt ein bisschen schmuddelig und ungepflegt. Er macht das Licht an, sieht mich am Fenster stehen, fragt: „Du wolltest doch nicht etwa abhauen?“
Wir sind mindestens im dritten Stock. Bisher war mir der Gedanke jedenfalls nicht gekommen. Bis eben.
Er sagt: „Setz dich doch“, und setzt sich selbst im gleichen Moment auf den einzigen Stuhl. „Wie geht es dir? Die Ärzte sagen, du hättest viel Glück gehabt. Im Grunde nichts abbekommen. Wie eine Katze.“ Es klingt beinahe wie ein Vorwurf.
Er beginnt, mit seiner dicken Hand etwas aus seiner Hosentasche zu ziehen. Bekommt es nicht heraus. Muss extra aufstehen. Ein Notizblock, der ein wenig so aussieht, als ob ihn schon mal jemand gegessen hätte. Der Polizist blättert ziemlich wahllos vor und zurück. Als hoffe er auf einen Zufallstreffer.
„Wir haben deinen Vater erreicht“, sagt er, ohne mich anzusehen.
„Mein Vater ist tot“, antworte ich.
„Es war nicht ganz einfach“, fährt der Polizist fort, ohne auf meinen Einwand zu achten. „Die Telefonnummer auf dem Zettel in deiner Brieftasche mit dem Hinweis Im Notfall verständigen ist seit Jahren abgemeldet. Darunter stand noch eine zweite Nummer, mit dem Namen deiner Großmutter. Eine Nummer in Colorado. Es war ein Anrufbeantworter. Zwei Stunden später rief uns dann tatsächlich jemand zurück, allerdings nicht deine Großmutter, sondern dein Vater. Er sagte, er komme, um dich abzuholen, es würde aber etwas Zeit brauchen, weil es so weit sei. Er fliegt aus Kanada her. Wird wohl bis heute Abend dauern.“
„Mein Vater ist tot“, wiederhole ich.
Wir wohnen in Los Angeles, in einem Vorort, genauer gesagt. Jedenfalls erzählt das meine Tante immer, wenn sie jemand fragt. Eigentlich besteht Los Angeles ja beinahe nur aus Vororten, aber unserer ist fast schon der Vorort eines Vorortes. Nichts Nobles, keine Angst. Eher schon die Sorte, wo man zweimal hinsehen muss, um zu erkennen, dass es nicht nur ein Wohnwagenpark ist. Wenn man es ganz genau nimmt, sind es ein paar heruntergekommene Blocks am Rande von Huntington Beach, also überhaupt nicht in L.A., irgendwo im Bereich zwischen Pacific Coast Highway, San Diego Freeway und dem Ölfeld, wie meine Tante liebevoll das Bolsa Chica Ecological Reserve nennt. Die Häuser sind klein und schäbig, die Straßen so staubig, dass man gar nicht sicher ist, ob sie darunter asphaltiert sind. Meine Tante Claire sagt oft: „Wenn es uns mal besser geht, ziehen wir in einen Slum in Kalkutta.“
Claire ist Ende der Neunziger hierher gezogen, mit ihrem Hippiefreund und seinem Hund. Ihr Freund machte gerade eine Phase der Veränderungen durch, wie er es nannte. Meine Tante nennt es die Zeit, in der dieser Mistkerl sein letztes bisschen Anstand im Klo runtergespült hat. Wenn sie sich gewählt ausdrückt. Erst hat er sich von seiner Band getrennt, dann wollte er aus San Francisco weg. Nirgendwo hin, nur weg. Meine Tante, ihrerseits mit Scheinstudium und Aushilfsjob nicht allzu eingespannt, war einverstanden. Also fuhren sie monatelang umher, bis sie schließlich hier gelandet sind. Dummerweise war sein Hunger nach Veränderung immer noch nicht ganz gestillt.
Als er ihr sagte, dass er sich von ihr trennen wolle, stand sie plötzlich mit seiner Pistole vor ihm, zielte auf seinen Kopf und sagte: „Okay, du kannst gehen, du Scheißkerl, aber der Hund und der Wagen bleiben hier!“ Und meine Tante bekommt eigentlich immer, was sie will.
Den Wagen hat sie heute noch, und zu meinem Leidwesen holt sie mich damit ab und zu von der Schule ab. Ein riesiger, goldener Kombi mit Holzimitationen aus Vinyl außen an den Seiten, harmoniert gut mit ihren rotgefärbten Locken. Wenn sie dann noch den Rückspiegel zum Schminken benutzt, sich die Lippen nachzieht und mit einem meiner Lehrer flirtet, ist mein Glück perfekt.
Der Ort hat sich seit der Zeit damals nicht allzu sehr verändert, und ich weiß, meine Tante liebt ihn deshalb in ihrem Herzen, auch wenn sie es nie zugeben würde. Und mir gefällt es auch.
Über allem liegt so eine entspannte Gelassenheit. Beinahe karibisch. Einige der kleinen Häuser sind bunt angemalt, wenn auch die Farbe oft schon ein wenig abblättert. Oder ein wenig mehr. Viele der Bewohner sitzen den ganzen Tag draußen vor ihrem Haus herum, hauptsächlich, weil sie so gesellig sind und immer Lust auf ein Schwätzchen haben. Na gut, vielleicht zum Teil auch, weil sie keine Arbeit haben und die Klimaanlage kaputt ist. Aber man fühlt sich dadurch irgendwie sicher, zumal wir Tag und Nacht Türen und Fenster offen lassen. So hat ständig jemand ein Auge darauf, und außerdem weiß sowieso jeder, dass es hier nichts zu holen gibt. Unsere Klimaanlage ist nicht kaputt. Wir haben erst gar keine.
Viel kühle Luft kommt trotzdem nicht rein, dafür unzählige Spinnen, Käfer und Eidechsen. Vor einigen Wochen hatten wir sogar Besuch von einem Kojoten. Er hat meine Tante keines Blickes gewürdigt, lief einfach quer durchs Haus hindurch, vorne rein und durch die Hintertür wieder hinaus, als ob es gar nicht da wäre. Oder er hat die Hintertür genommen, weil er lieber nicht bei uns gesehen werden wollte.
Kaum etwas deutet hier auf die Betriebsamkeit und Hektik der nahen Großstadt hin. Nachts sieht man die Scheinwerfer der Autos auf dem San Diego Freeway. Unablässig ziehen sie ihre stets gleiche Bahn. Wir stehen oft abends hinter dem Haus, betrachten sie, und meine Tante sagt dann gewöhnlich etwas wie: „Seit wann dürfen Schlafwandler Auto fahren?“, oder: „Sieh dir bloß dieses sinnlose Treiben an. Ich glaube, das sind immer dieselben Autos, die fahren nur ständig im Kreis herum.“
Dabei hat sie selbst zwei Jobs, allerdings nicht von der besonders aufreibenden Sorte. An drei Nachmittagen pro Woche arbeitet sie im Büro einer kleinen Castingagentur. Macht die Buchhaltung und so. Manchmal bringt sie kistenweise Fotos von Schauspielern nach Hause, die nicht für ein Projekt genommen worden sind. Teure DIN A4 Fotos, auf der Rückseite mit Lebenslauf. Wahrscheinlich haben die meisten schon mehr für diese Fotos ausgegeben, als sie in ihrem Leben mit der Schauspielerei verdienen werden. Wir schauen sie uns dann an. Hübsche Gesichter. Vielleicht sogar Talent. So viele Chancen. So viele Hoffnungen. Dann werfen wir sie weg.
An zwei Vormittagen und manchmal auch abends arbeitet sie als Bedienung im Janelle´s Hollywood, einem kleinen Diner, das einer Freundin von ihr gehört und das ebenso wenig in Hollywood liegt, wie ihre Freundin wirklich Janelle heißt. Claire sagt immer: „Ich kann doch Janelle nicht im Stich lassen“, und natürlich brauchen wir das Geld, aber ich glaube, der wahre Grund ist, dass meine Tante die Hoffnung, selbst als Schauspielerin entdeckt zu werden, noch nicht ganz aufgegeben hat. Mit neununddreißig, auch wenn sie der Meinung ist, die Neun sei stumm. „Könnte doch passieren“, sagt sie. „Sicher könnte es das“, antworte ich. Dann und wann essen wirklich Leute von irgendwelchen Dreharbeiten dort, oder ein Location Scout oder sonst wer. Und sollte jemand von denen ihre wahre Bestimmung erkennen, während sie ihm einen welken Salat zum gehetzten Lunch serviert, dann können sie den Vertrag ja gleich auf die fleckige Speisekarte schreiben. „Aber wenn sie auch noch eine Darstellerin für deine Tochter suchen, halte mich da raus!“
Wegen dieser zwei Jobs ist es für Claire immer etwas schwierig, frei zu bekommen. Aber wie schon gesagt, meine Tante kriegt meistens, was sie will. Und so sitzen wir dann auch dieses Jahr wieder in dem alten goldenen Kombi mit den Holzfolien an den Seiten, und sie lässt den Motor an, wie immer mit den Worten: „Lass uns hier abhauen.“
Der Polizist beginnt, mich nach dem Unfall zu fragen. Wie das Wetter gewesen sei. Ob meine Tante Alkohol getrunken oder Drogen genommen habe. Was soll das? Will er ihr einen Strafzettel verpassen? Ob wir einem Tier hätten ausweichen müssen. Ob wir gestritten hätten. Ob sie abgelenkt gewesen sei. Na klar, während wir Slalom um die Füchse auf der Straße gefahren sind, hat sie sich einen Joint gedreht und sich auf ihrem Handy Videos von einem als Polizisten verkleideten Stripper angesehen. Einzig durch die dünne Linie meiner kultivierten Erziehung davon getrennt, ihm zu sagen, wo er sich seine blöden Fragen samt Notizblock hinstecken kann, antworte ich artig und beschreibe alles, so gut ich kann. Allerdings lasse ich einige Kleinigkeiten weg, die mir merkwürdig vorgekommen sind. Den Knall. Den Mann hinterher beim Wagen. Der Polizist haucht seinen Stift an und macht sich ein paar Notizen. Fragt, wohin ich nach dem Unfall gelaufen sei, um Hilfe zu holen. In welchem Zustand meine Tante gewesen sei, als ich sie allein gelassen habe. Ob ich die Zündung ausgeschaltet habe. Ob ich irgendwelchen Rauch bemerkt hätte. Fragt nach dem Feuer. Ich sage: „Welches Feuer?“ Er sagt auch etwas von einer Autopsie, was mich verblüfft. Ich bin froh, als er endlich geht.
Eine Stunde später stehen wir auf der State Route 39 im Stau, eingekeilt zwischen Lastwagen. Der Wind weht, wie im Winter öfter, von der nahen Mojave Wüste herüber, heiß und trocken. Wir haben die Fenster heruntergekurbelt und in dem alten Autoradio, wo man noch am Knopf drehen muss, einen Sender mit Weihnachtsmusik eingestellt. Es ist heiß im Wagen, laut und staubig. Die Presslufthämmer der Straßenarbeiter auf dem Randstreifen haben allenfalls weitläufige Ähnlichkeit mit Schlittenglocken, und es sieht auch nicht wirklich aus wie auf einem Druck von Currier & Ivesi. Aber wir arbeiten daran. Im Moment mit etwa fünf Meilen pro Stunde.
Meine Tante meint: „Also ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich komme so langsam in Weihnachtsstimmung. Guck doch mal, ob du die Schachtel mit den Weihnachtskeksen findest. Muss irgendwo auf dem Rücksitz sein.“
Als sie kaum mit dem zweiten Keks fertig ist, beginnt sie damit, sich die Fingernägel zu feilen. Und dann zu lackieren. Wenn es ab und an ein Stückchen weitergeht, muss ich lenken. „Jetzt hätte ich doch noch gerne einen Keks“, meint sie. Ich fingere also in der Schachtel, lenke mit einer Hand, sie betrachtet das Ergebnis ihrer Arbeit, da bemerken wir den Motorradpolizisten direkt neben dem geöffneten Fahrerfenster. Ich finde, er guckt ziemlich streng zu uns hinein. Meine Tante nimmt schnell ihre Hände mit gespreizten Fingern ans Lenkrad, versucht, mit den Handballen zu lenken, lächelt ihn an: „Heiß heute, nicht wahr, Officer?“ Einige Sekunden lang mustert er uns finster, dann braust er davon, was ich ja gerne unserem Charme zuschreiben würde, aber ich fürchte, es liegt wohl eher an einem Funkspruch, den er empfangen hat.
Die Tür geht auf. Herein kommen eine Schwester und ein Arzt.
„Hallo Kindchen“, sagt die Schwester und versucht ein freundliches Lächeln, was ihr aber nach einer vermutlich zu langen Nachtschicht nicht besonders gelingt.
Der Arzt sieht in die Unterlagen, die in einem Metallklemmbrett an meinem Bett hängen.
„Matisse Carranza?“
„Keiner nennt mich Matisse, nennen sie mich Matti“, sage ich und hoffe doch, dass er es nicht tut.
„Du bist dreizehn, ja?“
„Ja.“
„Wie geht es dir? Tut dir etwas weh?“, fragt er, schiebt mich an den Schultern zum Bett und drückt mich runter, dass ich mich auf den Bettrand setze. Streift meinen Ärmel hoch, besieht sich meinen Arm, leuchtet mir nochmals mit einer Taschenlampe in die Augen.
Wie soll es einem schon gehen, wenn man gerade seine Tante verloren hat und gleich von seinem toten Vater abgeholt wird?
„Tut der Arm weh?“
„Ist das eine Fangfrage?“
„Kopfschmerzen?“
„Nein.“
„Übelkeit? Sehstörungen?“
„Wo bin ich hier?“
Der Arzt und die Schwester tauschen einen erschreckten Blick aus.
„Im Krankenhaus“, sagt die Schwester.
„Nein. Ich meine, in welcher Stadt?“
„In Denver.“
„Ist das weit von der Stelle, wo der Unfall passiert ist?“
Es ist zwei Tage vor Weihnachten. Wir sind auf dem Weg zu meiner Großmutter, um mit ihr zusammen zu feiern. So wie jedes Jahr.
Meine Grandma ist schon alt, beinahe achtzig. Sie lebt ganz alleine in einem kleinen Haus ein Stück außerhalb von Breckenridge. Sie hat sonst niemanden mehr. Und auch wir können sie nicht oft besuchen, es ist einfach zu weit weg, aber zu Weihnachten fahren wir immer hin. In Weihnachtsfilmen sieht man meist große Familien an langen Tafeln. Kaum sind die Begrüßungen vorbei, beginnen auch schon die Streitereien. Und kurz darauf das Warten, dass alle wieder nach Hause fahren. Wir sind immer nur zu dritt, meine Tante, meine Grandma und ich. Ich kann mir Weihnachten gar nicht mehr anders vorstellen, und ich wollte es auch gar nicht anders haben. Früher muss ich es ja mit meinen Eltern gefeiert haben, aber daran erinnere ich mich nicht mehr. Jetzt gehört einfach alles fest zusammen. Wir drei in dem alten Haus meiner Großmutter mit dem gemütlichen Kamin. Nicht, dass ich glauben würde, der Weihnachtsmann käme durch den Kamin. Aber am Weihnachtsabend vor einem brennenden Kaminfeuer zu sitzen und sich Geschichten zu erzählen ist etwas ganz Besonderes.
Zwei Tage dauert die Fahrt zu Grandma, jedenfalls bei meiner Tante. Zunächst quälen wir uns aus Los Angeles raus, fahren durch Kalifornien und die Mojave Wüste. Aber wenn wir am zweiten Tag durch die Berge fahren, beginnt für mich wirklich Weihnachten. Nun sind wir bald da. Gerade haben wir unseren letzten Zwischenstopp in Georgetown gemacht, genau wie jedes Jahr, Heiße Schokolade getrunken, einen schönen Weihnachtsbaum bei Peter gekauft, er hat uns geholfen, ihn auf dem Dach festzubinden, und fahren durchgefroren und mit beschlagenen Fenstern das letzte Stück auf kurvigen Landstraßen durch die verschneiten Bergwälder Colorados.
Es ist noch nicht sehr spät, aber plötzlich wird der Himmel ziemlich dunkel. „Es wird doch keinen Schneesturm geben?“, meint meine Tante, aber nicht, weil sie irgendetwas von Wolken oder Wetter verstehen würde. Schon gar nicht vom Wetter hier in Colorado. Sie hat den Spruch einfach in zu vielen Filmen gesehen. Es fängt dann allerdings wirklich an zu schneien, wenn auch nur ganz leicht. Trotzdem wird die Straße etwas rutschig. Meine Tante kommt in Kalifornien nicht allzu oft dazu, das Fahren auf Schnee zu üben, und dass wir auf einem Hinterrad eine falsche Reifengröße drauf haben, macht es vermutlich nicht leichter. Sie wirkt ziemlich angestrengt, wie sie das Auto konzentriert über die gewundene Bergstraße steuert, Gesicht dicht an der Windschutzscheibe, weil die abgenutzten Scheibenwischer ihre Probleme mit dem Schneefall haben. Dennoch kommt es für mich völlig überraschend: Ein Knall, ein Ruck, der Wagen bricht aus. Direkt vor einer Kurve.
Man hört oft, dass man sich an einen Unfall oder etwas Ähnliches nicht mehr erinnern kann. Für mich ist es wie in einem Film, beinahe noch in Zeitlupe. Und ich habe das Gefühl, mich an jede Einzelheit zu erinnern. Der Wagen bricht nach rechts aus, Richtung Kurvenaußenseite. Unglücklicherweise der Seite mit dem Abhang. Meine Tante schreit und lenkt gegen und schafft es auch, das Auto abzufangen. Allerdings streifen wir dabei mit der rechten hinteren Ecke einen kleinen Baum, zwar nur ganz leicht, doch dadurch bekommt der Wagen einen solchen Drehimpuls, dass wir praktisch im rechten Winkel die Straße verlassen und gerade den Abhang hinunter fahren. Ungefähr dreißig Meter geht alles gut. Nur dass ich das Gefühl habe, dass wir immer schneller werden. Ich weiß nicht, ob meine Tante nicht bremst, oder ob es auf dem losen Untergrund aus Schnee, Erde und altem Laub nicht funktioniert. Doch dann muss sie einem Baum ausweichen, wir kommen zu stark quer, der Wagen überschlägt sich einmal seitlich und knallt genau in dem Moment, als wir wieder auf die Räder kommen, mit der Fahrertür gegen einen dicken Baum. Der Krach ist fast sofort vorbei. Etwa eine Sekunde lang rutscht noch allerlei Erde und Schnee neben uns den Hang hinunter, und Glassplitter fallen zu Boden. Dann ist es völlig still.
Der Weihnachtsbaum, den wir auf dem Dach haben, ist über die Frontscheibe gerutscht, und ein Ast ragt durch das kaputte Seitenfenster hinein und berührt meine Tante. Wie Tannenzweige, mit denen man im Winter ein Grab zudeckt. Ich weiß sofort, dass sie tot ist.
„Ich bin nicht sicher“, sagt der Arzt nach einem Blick auf sein Klemmbrett, wo offenbar nichts über den Unfallort steht, „vielleicht vierzig oder fünfzig Meilen?“, und sieht dabei die Schwester fragend an.
„Sehe ich etwa aus wie eine Straßenkarte?“, antwortet sie.
„Hat sie Verwandte hier?“, fragt der Arzt und notiert etwas auf den Klemmbrettzettel.
„Sie wird von ihrem Vater abgeholt.“
„Auf Wiedersehen, Matisse“, sagt der Arzt und gibt mir die Hand. Ich frage mich, woran man erkennen würde, wenn Roboter die Erde übernommen hätten.
„Tut mir leid wegen deiner Tante, Schätzchen“, sagt die Schwester. Drückt meine Hand. Dann gehen beide. Irgendwie habe ich das Bedürfnis, sie aufzuhalten, irgendetwas hinterherzurufen. Aber ich weiß nicht, was.
Ich bin wieder allein. Schaue aus dem Fenster, dorthin, wo sich die großen Straßen im grauen Dunst des Vormittags verlieren. Ich versuche, nicht an den Unfall zu denken. Und verliere den Kampf. Zum hundertsten Mal. Höre das Glas zerbrechen. Bilde mir ein, in dem Lärm auch ihren Kopf zerbrechen zu hören. Dann die Stille. Todesstille. Habe ich meine Tante abgelenkt? Etwas gesagt oder getan, was sie irritiert hat? Hätte ich etwas sagen sollen? Fahr nicht so schnell. Lass uns eine Pause machen. Ich liebe dich.
Das Leben ist nicht zu Ende. Es hat sich zwar so angefühlt, aber es ist nicht so. Ich sitze in unserem Kombi und rieche den unglaublich intensiven Duft nach Herbst und Wald. Viele Scheiben sind kaputt und der Wagen hat den Hangboden aufgewühlt. Ich bin übersät mit Glassplittern. Vorsichtig bewege ich meine Arme und Beine. Fühle meinen Kopf nach Blut ab. Schüttele das Glas herunter. Vermeide es, in Richtung meiner Tante zu schauen.
Wenn mein Leben hätte enden sollen, wäre das sicher keine schlechte Art gewesen. Aber es ist nicht so. Ich suche mein Handy. Erst beim dritten Versuch gelingt mir der richtige PIN-Code. Kein Empfang. Ich öffne die Beifahrertür, was problemlos möglich ist. Vorsichtig steige ich aus. Der Boden ist abschüssig und rutschig. Ich habe Schmerzen. Meine Beine sind weich, ich kann kaum stehen. Außerhalb des Wagens habe ich sogar ein schwaches Netz. Aber was soll ich sagen? Ich weiß nicht, wo wir sind. Wo ich bin. Ich weiß nicht, auf welcher Straße wir gefahren sind. Ich erinnere mich nicht an den Namen des letzten Ortes. Ich setze mich wieder ins Auto.
„Claire? Was ist mit dir?“ Ich berühre ihren Arm.
„Geht es dir gut?“ Natürlich weiß ich es besser.
Ich wähle den Notruf. Ein Mann stellt sehr präzise Fragen. Ich kann nicht viel sagen. Er sagt, sie würden versuchen, die Zelle zu finden, aus der mein Anruf kommt. Aber die Masten stünden im Wald oft erhöht und hätten ein sehr großes Einzugsgebiet. Viele Quadratmeilen. Er fragt nach irgendwelchen Landmarken. Ich sehe nur Bäume. Er fragt nach den Orten, durch die wir gefahren sind. Er bemüht sich so, es tut mir leid, dass ich ihm nicht helfen kann. Ich nenne den Namen des Ortes, wo wir den Weihnachtsbaum gekauft haben, Georgetown, und beschreibe unser Ziel. Er stellt eine Vermutung bezüglich unseres Weges an. Sagt, sie würden uns sicher bald finden, aber wenn es mein Zustand und der meiner Tante erlauben würden, wäre es sicher keine schlechte Idee, wenn ich auf die Straße laufen und dort versuchen würde, Hilfe zu finden. Nur als zusätzliche Chance. Er versucht, zuversichtlich zu klingen.
Als er auflegt, fühle ich mich einsamer, als ich mich je in meinem Leben gefühlt habe.
Ich klettere den Hang hinauf, was viel schwieriger ist, als ich dachte. Es ist ziemlich steil. Der Boden ist gefroren, hart und glatt. Rutschiges, vereistes Laub und Fichtennadeln darüber. Ich klettere auf allen vieren. Es dauert eine Ewigkeit. Als ich die Straße fast erreicht habe, sehe ich mich um. Der Wagen wirkt merkwürdig deplaziert inmitten des Waldes. Die Beifahrertür steht noch offen. Eine Sekunde denke ich, ich hätte sie zumachen sollen, damit es meiner Tante nicht kalt wird. Plötzlich sehe ich, wie sich etwas neben dem Auto bewegt. Erst halte ich es für ein Tier, doch dann erkenne ich, dass es ein Mann ist. Jetzt steht er an der Fahrerseite, kommt aber wegen des Baumes nicht an die Fahrertür heran. Geht langsam um das Auto herum. Ich will rufen, mich bemerkbar machen, aber irgendetwas hält mich zurück. Er bückt sich, schaut in die Beifahrertür. Unternimmt aber nichts, um meine Tante herauszubekommen oder ihr zu helfen. Öffnet die Hintertür. Sieht hinein. Sieht sich suchend im Wald um. Ich krieche hinter einen Baum. Kann kaum atmen. Er ist nicht von der Straße herunter gekommen. Dann hätte ich ihn bemerkt. Geschützt durch den Baum klettere ich vorsichtig das letzte Stück zur Straße hoch. Es steht kein Auto hier. Nur die merkwürdig geschwungenen und sich überschneidenden Spuren unseres schleudernden Wagens sind zu sehen. Ohne mich noch einmal umzusehen, renne ich, so schnell ich kann, die Straße entlang in die Richtung, aus der wir gekommen sind.
Die Tür fliegt auf, ein Mann kommt rein. Dunkle Haare, nicht allzu groß, kräftig, aber leichtfüßig wie der Sommer. „Spätzchen! Ich bin so froh, dass dir nichts passiert ist.“ Kommt auf mich zu, will mich umarmen. Ich weiche zurück. „Oh, entschuldige. Du erinnerst dich wahrscheinlich kaum noch an mich.“
Kaum ist leicht untertrieben. Ich habe den Mann noch nie in meinem Leben gesehen.
Der dicke Polizist kommt ebenfalls ins Zimmer. Klopft dabei kurz an die offene Tür, was ich ihm positiv anrechne.
Der andere Mann öffnet die Schranktür. „Wo sind deine Schuhe? Der Arzt sagt, du seiest soweit in Ordnung. Wir könnten gleich gehen.“
„Gehen? Wohin? Wer sind sie?“
„Du erinnerst dich wirklich nicht mehr an mich, oder?“ Nimmt meinen Mantel aus dem Schrank und wirft ihn auf das Bett.
„Ich werde nirgendwo mit ihnen hingehen! Officer!“
Man kann dem Polizisten ansehen, dass er im Augenblick lieber woanders wäre. Wie vermutlich meistens.
„Bitte beeile dich, Matisse“, sagt der Mann. Sucht weiter nach meinen Schuhen.
„Unterm Bett“, sagt der Polizist. Ich werfe ihm einen wütenden Blick zu.
Gerade hat der Mann im Schrank mein Handy, Schlüssel, meine Brieftasche und noch ein paar Dinge gefunden. Ich hatte keine Ahnung, dass sie dort waren.
„Sind das alle deine Sachen? Nun beeil dich doch schon. Wir müssen noch zum Flughafen.“
„Flughafen? Soviel ich weiß, ist es verboten, Minderjährige, mit denen man nicht verwandt ist, über Bundesstaatengrenzen hinweg mitzunehmen“, sage ich, wieder mit Blick auf den Polizisten.
„Matisse, was soll das?“, sagt der Mann. Schaut etwas unsicher den Polizisten an.
„Ich weiß nicht, was ihr für Probleme habt“, sagt dieser, „aber solange dein Vater das Sorgerecht für dich hat, ist es sicher das Beste, wenn du mit ihm gehst.“
„Ich habe ihnen doch schon gesagt, mein Vater ist tot. Und diesen Mann kenne ich überhaupt nicht.“
Der Mann zieht meine Schuhe unter dem Bett hervor.
„Sie wollen mich doch hier wohl nicht unter den Augen der Polizei entführen?“
Endlich verliert er seine Energie, setzt sich aufs Bett, fast, als ob er aufgeben wollte. Sieht plötzlich ermattet und beinahe wirklich verletzt aus.
Der Polizist sagt: „Schwieriges Alter, oder?“, und nimmt mir damit den kläglichen Rest an Sicherheit, den mir seine Anwesenheit gegeben hat.
„Könnten sie mich wohl einen Augenblick mit meiner Tochter allein lassen?“
„Aber klar doch“, sagt der Polizist und geht hinaus, lässt aber die Tür offen.
„Matisse, ich weiß, es ist lange her. Aber ich kann nicht glauben, dass du dich nicht an mich erinnerst. Ich erinnere mich noch an jeden Tag, den wir zusammen verbracht haben. Und ich hab dich sofort erkannt, dabei hast du dich bestimmt mehr verändert als ich.“ Lächelt.
Ich lebe in Los Angeles. Zusammen mit zweihunderttausend arbeitslosen Schauspielern. Die meisten von ihnen hätten diese Szene überzeugender gespielt.
Es braucht schon mehr, um mich zu beeindrucken.
Ich stehe am Fenster, er sitzt auf dem Bett. Einige Zeit passiert gar nichts. Mir wird gerade langweilig. Er zieht seine Brieftasche heraus und hält sie mir aufgeklappt hin. Na gut, er hat den gleichen Familiennamen wie ich. Kann Zufall sein. Oder ein gefälschter Ausweis. Er sagt: „Ich habe auch deine Geburtsurkunde dabei. Ich hab sie ausgedruckt. Nicht für dich. Ich dachte, die Polizei will sie vielleicht sehen. Oder die Leute vom Krankenhaus.“ Aber er zeigt sie mir nicht. Stattdessen zieht er aus seiner Brieftasche Fotos hervor und reicht sie mir. Sie sind ziemlich abgegriffen. Auf dem einen spielen er und ich mit einem Hund. Ich bin etwa vier Jahre alt und trage ein blaues Samtkleid. Das andere zeigt mich im selben Alter. Jeans, T-Shirt, rotes Baseball Cap. Ich sitze auf seinen Schultern.
Nicht, dass ich absichtlich lügen würde. Ich dachte wirklich, ich hätte den Mann noch nie gesehen. Im Moment weiß ich nicht, was ich denken soll. Bin ich gerade dabei, den Verstand zu verlieren? Photoshop-Manipulation? Oder echte Bilder, die mich mit irgendjemandem zeigen, an den ich mich nicht mehr erinnere, der aber nicht mein Vater sein muss?
Meine Eltern sind bei einem Wohnungsbrand ums Leben gekommen, als ich noch sehr klein war. Ein nächtliches Feuer. Keiner weiß, warum sie den Rauchmelder nicht gehört haben. Meine Mutter hatte damals eine schwere Grippe, deshalb haben mich meine Eltern ein paar Tage bei einer Nachbarin schlafen lassen. Sie wollten verhindern, dass ich mich anstecke. Das hat mir das Leben gerettet.
Alles ist damals verbrannt. Die gesamte Einrichtung. Auch alle Fotos. Ich habe nie ein Foto von meinem Dad gesehen. Meine Tante Claire hat natürlich Fotos von meiner Mom, ihrer Schwester. Als Kind, als Teenager. Auch einige Fotos mit mir, die mein Vater gemacht hat. Aber er selbst ist nur auf einem einzigen mit drauf. Thanksgiving bei meiner Großmutter. Er steht neben Mom, die mich auf dem Arm hält. Unglücklicherweise steht die Cousine meiner Grandma so vor ihm, dass ihre hochgesteckten Haare sein Gesicht komplett verdecken. Er sieht aus, als hätte er einen grauen Vollbart, der ihm bis an die Augenbrauen reicht.
Ich erinnere mich dunkel an den Hund, mit dem ich auf dem Foto spiele. Ich weiß nicht mehr, wem er gehörte, aber ich weiß noch seinen Namen. „Wie hieß der kleine Hund?“, frage ich, während ich ihm die Fotos zurück gebe.
„Scooter“, sagt er, „der Hund von Jane, der Tochter unserer Nachbarn. Ihr wart ein wenig befreundet.“
Es stimmt. Jane. Plötzlich habe ich wieder ihr Bild vor Augen. Sie war ein Jahr älter als ich.
„Hmm ...“, sage ich, schlagfertig wie immer.
„Komm schon“, sagt er. „Lass uns gehen.“
Ich traue ihm nicht. Ich traue mir nicht. Mein Gehirn befindet sich seit dem Unfall in einer Art Halbschlaf-Modus. „Wenn sie mein Vater wären, dann wüsste ich das ja wohl.“ Aber ich bin bereits dabei, mir meine Schuhe anzuziehen. Alle Welt scheint plötzlich beschlossen zu haben, dass ich wieder einen Vater habe. Und ich bin mir nicht mehr hundert Prozent sicher, dass es nicht so ist. Als ich mein Handy nehme, kommt mir die Idee, meine Grandma anzurufen. Warum habe ich nicht schon früher daran gedacht? Aber im gleichen Moment weiß ich, dass es zwecklos ist. Meine Großmutter hört ihr Telefon praktisch nie. Dennoch versuche ich es. Der Mann sieht ruhig zu und wartet. Es klingelt. Endlos. Vergeblich. Ich lege auf.
„Wollen wir?“, fragt er.
„Und Mom?“, frage ich. „Lebt sie auch noch?
Trinkt vielleicht unten in der Cafeteria gerade einen Latte?“
„Nein. Deine Mom ist tot“, sagt er ernst.
Er hat ein Formular ausgefüllt, jetzt hetzen wir zum Ausgang.
„Was ist mit meinen Sachen?“, frage ich.
„Welche Sachen?“
„Na, die aus dem Auto. Mein Koffer. Meine Sachen.“
„Ich glaube nicht, dass davon noch etwas brauchbar ist. Wegen des Feuers. Ich weiß nicht, wo sie sind, der Polizist hat nichts gesagt, aber wahrscheinlich ist alles verbrannt.“
„Feuer? Was für ein Feuer? Da war kein Feuer.“
„Mach dir keine Sorgen. Wir kaufen dir neue.“
Wir kommen aus dem Krankenhaus. Die Luft ist schneidend kalt. Wir laufen Richtung Besucherparkplatz. Er treibt wieder zur Eile.
„Was soll das?“, frage ich, langsam genervt von dem Gehetze. „Du bist nach Denver geflogen und hast deine verletzte Tochter aus dem Krankenhaus abgeholt. Hast du heute noch was anderes vor? Vielleicht etwas Wichtiges?“
„Rede keinen Unsinn. Es ist besser, wenn wir uns beeilen. Und schalte dein Handy aus.“ Ein paar Meter weiter dreht er sich um, um zu sehen, ob ich seiner Anweisung folge, sieht nur meinen ungläubigen Blick, fügt das Zauberwort hinzu:
„Bitte.“
Ich tue so, als würde ich es ausschalten. Ich traue ihm keine Sekunde, und da ist ein funktionsfähiges Handy sicher nicht das Schlechteste.
„Fahren wir zu meiner Grandma?“
„Nein.“
„Aber sie wird sich Sorgen machen. Sie hat uns doch schon gestern erwartet.“
„Ich weiß. Wir werden versuchen, sie zu erreichen.“
