Der kleine Ritter Trenk - Kirsten Boie - E-Book

Der kleine Ritter Trenk E-Book

Kirsten Boie

4,5
11,99 €

Beschreibung

Auf ins Leseabenteuer! Mit Ritterglück und Drachenmut Leibeigen geboren, leibeigen gestorben, leibeigen ein Leben lang - ja, so heißt es wohl! Aber ist es nicht schrecklich ungerecht, das alle Bauern ihrem Ritter gehören und kein bisschen sich selbst? Das findet jedenfalls der Bauernjunge Trenk. Er will es einmal besser haben als sein Vater, der schon wieder auf der Burg Schläge bekommen soll. Und so bricht Trenk mit seinem Ferkelchen am Strick auf in die Stadt, um dort sein Glück zu machen. Doch so einfach, wie Trenk sich das vorgestellt hat, ist es nicht mit dem Glück - gut, dass er auf seinem Weg immer wieder Freunde findet, die ihm weiterhelfen. Und wer hätte gedacht, dass Der kleine Ritter Trenk vom Tausendschlag schließlich sogar gegen den gefährlichen Drachen ins Feld ziehen wird? Ein Lieblingsbuch für die ganze Familie - zum Vorlesen und Selberlesen. Im großen Vorleseformat, aufwändig ausgestattet mit Lesebändchen und Leinenrücken. Und mit mehr als 200 farbigen Bildern von Barbara Scholz!

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Seitenzahl: 349

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Diese Personen kommen in der Geschichte vor.

Hier kannst du nachschlagen, wenn du dich mal nicht mehr erinnerst.

 

 

Trenk vom Tausendschlag, ein kleiner Junge, der ein großer Ritter wird

Haug vom Tausendschlag, sein Vater, ein armer Bauer

Martha, Trenks Mutter

Mia-Mina, Trenks kleine Schwester

Der gemeine Ritter Wertolt der Wüterich, leider der Grundherr von Trenks Vater

Momme Mumm, ein Gauklerjunge

Der Herr Bürgermeister und viele, viele Bürger der kleinen Stadt

Schnöps der Runde, ein Gaukler

Fuchs der Rote, auch ein Gaukler

Der Herr Prinzipal, Chef der Gauklertruppe

Der Ritter Dietz vom Durgelstein, der mit Trenk einen Trick ausdenkt

Zink vom Durgelstein, sein Sohn, ein wirklich sehr feiger Jammerlappen

Der Ritter Hans vom Hohenlob, endlich mal ein netter Ritter

Thekla vom Hohenlob, seine Tochter, die mehr kann, als ein Mädchen damals können sollte

Hofdame, die Thekla das Sticken und Harfespielen und Suppekochen beibringen soll

Räuberhauptmann, aus dem doch noch etwas Vernünftiges wird

Bambori, ein dummer Räuber

Der Herr Fürst, ein eigentlich ganz kluger Landesherr

Kohlenkopf, ein Köhler

Der Anführer der Köhler, nicht ganz so mutig

Mariechen, ein Köhlermädchen, das gute Ideen hat

Und natürlich

Der gefährliche Drache

1. Teil

Wie Trenk in die Stadt einzieht

1. Kapitel,

in dem erzählt wird, wer Trenk ist

Jetzt will ich vom kleinen Ritter Trenk vom Tausendschlag erzählen, der so tapfer war und so schlau und außerdem auch noch so nett, dass er berühmt wurde von den Bergen bis zum Meer, und das war damals fast die ganze Welt, musst du bedenken, weil Amerika ja noch nicht entdeckt war.

Als Trenk geboren wurde, hätte niemand geglaubt, dass er einmal so ein großer und stolzer Ritter werden würde, denn geboren wurde er in einer winzig kleinen Bauernkate, in der die Regentropfen durch das undichte Strohdach fielen und der Qualm vom offenen Feuer die Luft verpestete und in der sein Vater Haug und seine Mutter Martha und seine kleine Schwester Mia-Mina und natürlich auch Trenk alle zusammen mit ihrer mageren Ziege und einem Ferkel in einem einzigen winzigen Raum auf dem Lehmboden schliefen. Trenks Vater war nämlich ein Bauer, und wenn du jetzt denkst, dass das doch gar keine so üble Sache war (auch wenn es damals natürlich noch keine Traktoren und keine großen Mähdrescher gab), dann muss ich dir leider sagen, dass Bauern es in den alten Zeiten ganz und gar nicht so schön hatten, wie du vielleicht glaubst. In der Zeit, von der ich erzählen will, gehörten den Bauern nämlich das Land, das sie bebauten, und die Kühe, die sie molken, und die Schweine, die sie schlachteten, kein bisschen; auch nicht die Katen, in denen sie wohnten, und nicht einmal sie selbst und ihre Frauen und ihre Kinder.

Ja, nicht einmal sie selbst und ihre Frauen und Kinder gehörten ihnen! All das gehörte dem Ritter, der in seiner großen, stolzen Burg hoch über dem Tal wohnte, und für den mussten sie darum auch ordentlich schuften. Sie mussten ihm von dem Getreide abgeben, das sie ernteten, und von dem Kohl und den Rüben; er bekam Fleisch von ihren Schweinen und Käse aus der Milch ihrer Kühe und Ziegen; und wenn er ihnen Nachricht schickte, dass sie jetzt mal ein bisschen auf seinen Feldern arbeiten sollten oder ihm einen neuen Brunnen graben, aber hopplahopp!, dann mussten sie ihre armseligen Hacken hinschmeißen und ihre Arbeit liegen lassen und rennen. Und dass ihnen deshalb ihr eigenes Getreide auf den Feldern verschimmelte und ihre Kühe vor Schmerz schrien, weil sie gemolken werden wollten, kümmerte den Ritter gar nicht. Wenn ein Bauer nicht tat, was sein Grundherr von ihm wollte, ließ der ihn einfach auspeitschen, schließlich gehörte der Bauer ja ihm.

Ja, so war das damals, wenn man ein leibeigener Bauer war, und du kannst dir vorstellen, dass die Jungs und die Mädchen, wenn sie ihren Eltern auf den Feldern halfen oder Krähen aus den Obstbäumen verscheuchten oder was die Kinder damals sonst noch so alles erledigen mussten, darüber nachdachten, was sie tun konnten, um später selber einmal nicht so ein erbärmliches Leben zu führen.

„Das werdet ihr niemals erleben, wenn ich erwachsen bin!“, sagte Trenk, als er eines Nachmittags, nachdem sein Vater gerade wieder einmal bedeckt mit blauen Striemen vom Ochsenziemer nach Hause gekommen war, zusammen mit seiner kleinen Schwester Mia-Mina die Ziege und das Ferkel durch das Dorf führte, damit sie am Wegrand fressen sollten, was da eben so wuchs. „Dass ich Bauer werde und mich vom Herrn Ritter verprügeln lasse, das werdet ihr niemals erleben!“

„Was willst du denn sonst wohl machen?“, fragte Mia-Mina und zerrte an ihrem Ziegenstrick. „Leibeigen geboren, leibeigen gestorben, leibeigen ein Leben lang.“ Und das war ja die heilige Wahrheit.

Aber Trenk fand nicht, dass er sich damit abfinden musste. „Dann werde ich eben einfach selbst ein Ritter!“, sagte er entschlossen.

Da lachte und lachte seine kleine Schwester so sehr, dass ihr der Ziegenstrick durch die Hand rutschte und sie die Ziege zu zweit fast eine Viertelstunde durch das Dorf jagen mussten. Darum redete Trenk an diesem Nachmittag lieber nicht mehr davon. Er wusste ja selbst, dass so etwas ganz unmöglich war.

Trotzdem ist es später haargenau so gekommen, und wieso, das will ich jetzt erzählen.

2. Kapitel,

in dem erzählt wird, wie der Büttel Trenks Vater holt

Es war am Abend eines schönen Frühsommertages, an dem der Raps auf den Feldern so golden geglänzt hatte, dass die Sonne sich ordentlich anstrengen musste, um mitzuhalten, als der Büttel gegen die Tür von Trenks Kate klopfte. Nicht, dass die Tür verschlossen gewesen wäre – und genau darum merkte man ja an dem Klopfen, dass es sich bei dem Gast um jemanden mit Anstand und Manieren handeln musste. Die Leute aus dem Dorf jedenfalls wären einfach so in die Kate gestürmt und hätten keinen Fitz daran gedacht, sich vorher anzukündigen.

Die Sonne war dabei, hinter dem nahen Wald unterzugehen, und der Himmel leuchtete so rot, dass Trenks Vater Haug gerade zu seiner Frau gesagt hatte, es würde wohl auch am nächsten Tag wieder schön und sonnig werden. Dann wollte er ordentlich Unkraut auf den Feldern jäten, und Trenk und Mia-Mina sollten ihm helfen.

„Nanu, nanu?“, sagte Haug, als er das Klopfen hörte. „Wer kommt denn wohl so spät noch zu Besuch?“

„Ich mach schon auf!“, rief Mia-Mina. Nun musst du deshalb nicht denken, dass sie ein besonders wohlerzogenes und hilfsbereites Mädchen gewesen wäre; sie hatte nur einfach keine Lust mehr, noch länger im Kessel mit dem Abendessen zu rühren, der an einer Kette über dem Feuer hing, und dabei die ganze Zeit sehen zu müssen, dass es auch an diesem Abend wieder nur eine Wassersuppe mit ein paar schrumpeligen Rübenstücken vom vergangenen Jahr darin geben würde. Ihr Magen knurrte vom Zusehen so laut, dass es schon fast gefährlich klang.

„Nicht nötig“, sagte eine müde Männerstimme, und gegen das Licht, das jetzt durch die niedrige Türöffnung fiel, konnten sie alle da in der Kate den Büttel erkennen, wie er mit seinem Stab ein bisschen verlegen das Ferkel verscheuchte, das mit seinem kleinen schnupperigen Schweinerüssel auf dem Lehmboden vergeblich nach etwas Fressbarem stöberte. „Ich entschuldige mich für die Störung, Haug Tausendschlag, aber es ist wieder einmal so weit.“

Nun weißt du vielleicht nicht, was ein Büttel ist, und darum kannst du wohl auch gar nicht verstehen, warum Trenks Mutter erschrocken die Hand vor den Mund schlug und Trenks Schwester einen kleinen Quieker ausstieß (fast wie ein Ferkel) und warum Trenk die Fäuste unter seinem Kittel ballte. Nur Trenks Vater seufzte ein bisschen und erhob sich langsam von seinem Hocker.

„Wenn es so weit ist, dann ist es so weit“, sagte er. „Und ändern kann man da gar nichts, du musst dich nicht entschuldigen, Büttel.“

So ein Büttel arbeitete damals nämlich für den Grundherrn und Ritter, und es war seine Aufgabe, alle Bauern, die dem Ritter nicht genügend Korn und Kohl und Rüben abgeliefert hatten oder nicht genügend Schweinefleisch oder Gänsebraten, mit auf die Burg zu nehmen, wo Gericht über sie gehalten wurde; und meistens gab es dann ein paar ordentliche Schläge mit dem Ochsenziemer, wenn dem Burgherrn zur Strafe nicht etwas Besseres einfiel, was aber meistens leider nicht der Fall war. Bestimmt gab es in den alten Zeiten irgendwo auch milde und gütige Grundherren, die freundlich zu ihren Leibeigenen waren und sie möglichst wenig verprügelten; der Ritter Wertolt der Wüterich allerdings, dem Trenks Vater gehörte, war jedenfalls keiner von ihnen.

„Ach du je, ach du je!“, rief Trenks Mutter darum verzweifelt. „Haug, hast du schon wieder deinen Zins nicht gezahlt?“

Der Büttel nickte unglücklich und man konnte genau sehen, dass er seine Aufgabe auch nicht besonders gerne erfüllte. „Wie in jedem Jahr“, brummte er. „Wie in jedem Jahr.“

„Wo nichts ist, da kann man auch nichts abgeben!“, sagte Haug ganz richtig und schlüpfte in seine hölzernen Pantinen, obwohl es Sommer war und er wie alle anderen im Dorf eigentlich barfuß lief, denn die Pantinen mussten für den Winter geschont werden; aber vor seinem Herrn konnte er ja nicht mit schmutzigen bloßen Füßen erscheinen. „Wenn der Herr Ritter ...“

„Gott beschütze ihn!“, rief Trenks Mutter ehrfürchtig und machte einen kleinen Knicks.

„... wenn der Herr Ritter nicht versteht, dass das Stück Land, das er mir zum Lehen gegeben hat, so karg und steinig und armselig ist, dass die magere Ernte nicht einmal ausreicht, um mich und meine Familie satt zu machen“, sagte Haug, „wenn er nicht begreift, dass wir auch so schon Hunger leiden und dass wir darum nicht mal einen abgenagten Hühnerknochen haben, den wir ihm als Zins abgeben könnten ...“

„... dann ist der Herr Ritter ein schnauzbärtiger alter Dummkopf!“, rief Trenks Schwester. Dann schlug sie sich schnell die Hand vor den Mund, denn wenn dem Herrn Ritter zu Ohren käme, was sie eben gesagt hatte, würde am nächsten Tag nicht nur ihr Vater ausgepeitscht werden, das kannst du dir vorstellen.

Aber der Büttel war ein freundlicher Mann, der seine traurige Arbeit gar nicht gerne tat und sich jedes Mal schämte, wenn er einen armen Bauern vor seinen Herrn führen musste. „Was das kleine Mädchen da eben gesagt hat, das habe ich nicht gehört“, sagte er deshalb. „Kinder haben ja so leise Stimmchen. Aber du, Haug Tausendschlag, wirst wieder mit mir kommen müssen. Ich kann allerdings noch ein wenig warten, wenn deine Frau dir eine kleine Wegzehrung mitgeben möchte. Denn der Kerker in der Burg ist kalt und leer, und zu essen gibt es da nichts, das weißt du ja.“

„Wegzehrung, woher denn wohl?“, sagte Trenks Mutter böse. „Der Herr Büttel sieht doch, dass wir nichts zu beißen haben!“

Der Büttel warf einen schnellen Blick in den Kessel über dem Feuer, in dem die Wassersuppe immer noch leise blubbernd vor sich hin kochte, und er seufzte wieder. „Ihr wisst, wenn es nach mir ginge“, sagte er hilflos und hob die Achseln.

Aber Haug stand schon an der Tür. „Bringen wir es hinter uns!“, sagte er. „Einmal mehr den Ochsenziemer zu spüren wird mich nicht umbringen. Solange der Herr Ritter ...“

„Gott behüte ihn!“, rief Trenks Mutter wieder und machte einen kleinen Knicks.

„... auch dieses Mal dieselbe Stelle für seine Prügel auswählt wie in jedem Jahr, wird es schon nicht schaden. Dort ist auf meiner Sitzfläche längst Hornhaut gewachsen.“

Und damit machte er sich auf den Weg und der Büttel ging eilig hinterher.

Aber dann blieb er doch noch einmal stehen. „Und die Fleischlieferungen haben meinem Herrn auch nicht genügt“, sagte er beinahe entschuldigend zu Trenks Mutter. „Ich fürchte, ihr werdet ihm euer Schwein geben müssen“, und er pikste mit seinem Stab das Ferkel in die Seite, das quiekend an seinen ledernen Schuhen schnupperte.

„Aber es ist doch noch gar nicht erwachsen!“, rief Trenk. „Es ist doch noch ein Schweinekind!“

„Die geben den zartesten Braten“, sagte der Büttel düster, und nun machte er sich wirklich auf den Weg, um Haug seinem Herrn vorzuführen.

3. Kapitel,

in dem erzählt wird, wie Trenk von zu Hause aufbricht

Bestimmt kannst du dir vorstellen, wie zornig und verzweifelt Trenk sich fühlte, als der Büttel in der Dämmerung verschwunden war. Vielleicht schämte er sich sogar ein ganz kleines bisschen. Es ist ja schließlich keine Kleinigkeit, wenn der eigene Vater abgeholt wird, damit man ihn verprügeln kann!

Natürlich hatte Trenk in jedem Jahr wieder erlebt, wie der Büttel seinen Vater auf die Burg führte, aber in diesem Jahr war er wohl auf einmal groß genug, um zu begreifen, wie schrecklich ungerecht das alles war.

„Nein, das kann doch wohl nicht sein!“, rief Trenk. „Der Herr Ritter ...“

„Gott behüte ihn!“, rief seine Mutter und machte einen kleinen Knicks. Dabei konnte der Büttel sie ja längst nicht mehr sehen.

„... gibt uns ein Stück Land, das so mager ist, dass nichts darauf wächst, und dann prügelt er den Herrn Vater dafür, dass der ihm nichts von der Ernte abliefert! Soll er uns doch ein besseres Stück Land geben!“, und er schlug mit der Faust auf den hölzernen Tisch, dass es dröhnte. „Aber das gute Land behält er natürlich für sich! Dieser Schurke! Dieser Bandit!“

„Dieser Bandit!“, rief Mia-Mina auch, aber da hielt Trenks Mutter ihr schnell die Hand vor den Mund, denn wer weiß, was geschehen wäre, wenn irgendjemand sie belauscht und dem Ritter berichtet hätte, wie in der kleinen Kate über ihn gesprochen wurde.

„Seid leise, ich flehe euch an!“, sagte sie. „Ist es nicht schlimm genug, wie es ist? Muss es noch schlimmer kommen?“

„Noch schlimmer?“, sagte Trenk böse. „Wie sollte das denn wohl sein? Wir haben nichts zu essen, unseren Vater prügelt der Herr Ritter windelweich, und unser Ferkel nimmt er uns jetzt auch noch weg!“

Mia-Mina heulte auf. „Ferkelchen!“, schrie sie und schmiss sich lang auf den Boden, um das Ferkel zu greifen. Dann presste sie es an sich und streichelte ihm den graurosa Rücken, auf dem ganz zaghaft und weich die ersten Borsten zu wachsen begannen.

Inzwischen war es in der Kate ganz und gar dunkel geworden, denn Lampen gab es damals natürlich noch nicht, und glaub bloß nicht, dass so ein armer Bauer genug Geld für Kerzen gehabt hätte. Wenn es dunkel war, dann war es eben dunkel und basta, da konnte man gar nichts machen. Das einzige Licht kam dann nur noch vom Feuer in der Mitte der Kate, aber allzu viel Holz konnte man schließlich auch nicht verbrauchen, und darum brannte es längst nicht die ganze Nacht.

„Wir können es nicht ändern“, flüsterte Trenks Mutter, und ihre Stimme war jetzt so klein und kummervoll, dass es Trenk fast das Herz zerriss. Niemand kann es ja gut aushalten, wenn seine Mutter so traurig ist. „Es ist einfach nur so wie in jedem Jahr. Euer guter Vater tut, was er kann, aber wo keine Ernte ist, da ist auch kein Zins.“

„Und wo kein Zins ist, da sind Prügel“, sagte Trenk. „Jedes Jahr und jedes Jahr und jedes Jahr! Und niemals, niemals wird es anders sein! Man muss sich ja schämen, wenn der eigene Vater schon den Spitznamen Tausendschlag trägt, weil er vom Herrn Ritter so oft den Ochsenziemer zu schmecken bekommt!“

„Wir können es nicht ändern“, flüsterte seine Mutter wieder und legte sich auf ihrem Strohsack schlafen. „Leibeigen geboren, leibeigen gestorben, leibeigen ein Leben lang!“, und jetzt war Trenk sich ganz sicher, dass er sie schluchzen hörte, und seine kleine Schwester Mia-Mina schluchzte auch.

Da merkte Trenk, wie die Wut in seinem Bauch immer größer und stärker und größer und stärker wurde, und am liebsten wäre er sofort hochgestürmt auf die Burg und hätte dem Herrn Ritter eins mit dem Besen übergezogen oder ihm wenigstens ordentlich etwas erzählt; aber so klug war Trenk schon, dass er wusste, was dann mit ihm passieren würde. Dann würde er nämlich auch zu seinem Vater in den dunklen Kerker unter der Burg geworfen werden, wo es kalt und feucht war und nicht einmal am Tag ein Lichtstrahl hineinfiel; und das hätte ja nun niemandem genützt.

„Leibeigen geboren, leibeigen gestorben, leibeigen ein Leben lang!“, flüsterte Trenk, und in seiner Wut trat er mit dem Fuß in die Luft, und dabei traf er aus Versehen das Ferkel, das mit einem lauten Quieker im hintersten Winkel der Kate verschwand.

„Deshalb darfst du trotzdem meinem Ferkelchen nicht wehtun!“, flüsterte Mia-Mina böse. „Wo es sowieso bald oben auf der Burg in den Kochtopf wandert!“ Und dann schluchzte sie wieder, und plötzlich wusste Trenk, dass es so nicht weitergehen durfte. Es musste etwas passieren. Und wie das oft so ist im Leben: Wenn der Kummer am größten ist, fällt einem plötzlich eine Lösung ein.

„Mia-Mina!“, flüsterte Trenk. „Hör auf zu weinen! Ich weiß jetzt, was ich tun kann!“

Auf der anderen Seite des winzigen Häufleins Glut, das vom Feuer noch übrig geblieben war, seufzte seine Mutter auf ihrem Strohsack im Schlaf. Du hast ja wohl nicht geglaubt, dass arme Bauern damals ein richtiges Bett hatten, aber wenn man so viel arbeitet, dass man abends fast tot umfällt, dann schläft man auch auf einem Strohsack gut.

„Weißt du gar nicht!“, flüsterte Mia-Mina böse. „Du willst mich nur trösten! Wo man nichts tun kann, da kann man nichts tun.“

„Man kann etwas tun!“, flüsterte Trenk so laut, dass seine Mutter fast davon aufgewacht wäre. Aber zum Glück nur fast. Denn das hätte Trenk im Augenblick nun wirklich nicht gebrauchen können. „Leibeigen geboren, leibeigen gestorben, ja, so heißt es wohl! Aber es heißt auch: Stadtluft macht frei!“

„Stadtluft macht frei!“, flüsterte Mia-Mina andächtig, denn das hatte sie auch schon gehört, und das hieß nichts anderes, als dass ein Leibeigener, der seinem Besitzer ausriss und in die Stadt zog, dort plötzlich sich selber gehörte, wenn er ein Jahr lang nicht von seinem Grundherrn aufgestöbert wurde.

„Ich geh in die Stadt!“, flüsterte Trenk. „Und Ferkelchen nehme ich mit! Das wäre ja noch schöner, wenn der Herr Ritter unser Ferkelchen essen würde!“

Mia-Mina wurde plötzlich ganz aufgeregt. „Ganz alleine?“, fragte sie. „Du ganz alleine, Trenk? Hast du denn gar keine Angst, dass der gefährliche Drache dich unterwegs auffrisst?“

Denn von dem gefährlichen Drachen, der sich in den Wäldern der Umgebung herumtrieb und aus seinen Nüstern Feuer spie, dass der Qualm hoch auf bis zum Himmel stieg, war zu der Zeit gerade viel die Rede.

„Pah!“, sagte Trenk, obwohl er einen Schrecken bekam. An den gefährlichen Drachen hatte er nämlich noch gar nicht gedacht. „Der soll sich mal trauen!“

„Was willst du denn in der Stadt machen, Trenk?“, fragte Mia-Mina. „Du bist doch noch ein Junge!“

„Aber ich bin stark!“, sagte Trenk. Das wusste er nämlich zufällig ganz genau, weil er im Sommer selbst die schwersten Säcke mit Korn heben konnte und auf dem Hof den kräftigsten Ochsen am Hinterteil vorwärtsschieben, wenn der plötzlich beschlossen hatte, störrisch zu sein und sich keinen Schritt vom Fleck zu bewegen. „Und wenn alles in Ordnung ist, hole ich euch alle nach, und wir machen uns ein schönes Leben, heißa-ho-he! Niemand soll zu unserem Vater jemals mehr Haug Tausendschlag sagen dürfen!“

„Nein, Haug Tausendschlag, das ist wirklich zu traurig“, flüsterte Mia-Mina. „Wirst du dann reich, Trenk? Baust du uns dann ein Haus, das uns ganz alleine gehört und nicht dem Herrn Ritter?“

Da bekam Trenk doch ein kleines bisschen Angst, weil er ja noch nie in einer Stadt gewesen war und nicht wusste, wie es da aussah und was er tun sollte, um sein Essen und seine Kleidung zu verdienen und das Futter für Ferkelchen noch dazu. Er war ja wirklich noch ein kleiner Junge, musst du bedenken. Aber er wollte Mia-Mina nicht beunruhigen.

„Das wird man alles sehen“, sagte er tapfer. „Eines Tages hole ich euch nach in die Stadt, und dann soll niemand mehr unseren Vater verprügeln dürfen.“

„Und unser Ferkelchen essen dürfen sie auch nicht“, sagte Mia-Mina. „Oh, du bist so mutig, Trenk!“

„Das bin ich!“, sagte Trenk, und er war froh, dass Mia-Mina das Zittern in seiner Stimme nicht hörte. „Und wenn du morgen früh aufwachst, erzählst du niemandem, was ich dir gerade gesagt habe. Wir wollen schließlich nicht, dass der Herr Ritter mir seine Leute hinterherschickt, um mich wieder einzufangen. Mit ihren Pferden sind sie tausendmal schneller als ich auf meinen bloßen Sohlen, da haben sie mich gleich! Und gib der Mutter einen dicken Kuss von mir und sag ihr, es wird alles gut.“

Dann wickelte er den Ferkelstrick fest um seine Hand und zog und zerrte, denn das faule Ferkel wollte überhaupt nicht einsehen, warum es mitten in der Nacht aufstehen und auf Wanderschaft gehen sollte, wo doch jetzt eigentlich die Zeit für einen tiefen, festen Schlummer war. Aber Trenk war natürlich stärker und mit einem unzufriedenen Quieken zappelte das Ferkel hinter ihm her.

Und Trenk machte sich auf in die sternenklare Nacht, in der der Weg weiß und einladend im Mondschein schimmerte, immer nach Norden zu, wo die Stadt lag, von der er schon so viel gehört hatte und in der er sein Glück machen wollte.

Aber dann ist alles ganz anders gekommen.

4. Kapitel,

in dem erzählt wird, wie Trenk ein merkwürdiges Mädchen kennenlernt

Ich weiß nicht, ob du nachts schon einmal im Mondlicht auf Wanderschaft warst; das kann sehr unheimlich sein, vor allem, wenn man noch ein kleiner Junge ist und ganz allein.

Trenk jedenfalls war noch keine hundert Schritte gegangen, da sehnte er sich schon zurück nach der Kate und seinem Strohsack und dem Nachtgeruch nach Rauch und Tieren und Schlaf, und wenn er nicht immerzu an das Schluchzen seiner Mutter gedacht hätte und an Mia-Minas Kummer und wie sein Vater die Nacht auf der Burg im Kerker verbrachte und außerdem daran, dass Ferkelchen geschlachtet werden sollte, wer weiß, ob er dann nicht ganz schnell umgekehrt wäre.

Aber so warf Trenk nicht einmal einen Blick zurück auf das stille Dorf, in dem jetzt nur ab und zu einmal eine Kuh im Schlaf muhte; stattdessen zerrte er an seinem Ferkelstrick und sah nach vorne auf den Weg und versuchte tapfer, nur ganz wenig Angst zu haben.

„Weil wir beide jetzt nämlich in die Welt hinausziehen, Ferkelchen!“, sagte Trenk, aber in der dunklen Nacht klang seine eigene Stimme so unheimlich, dass er lieber ganz schnell wieder still war. Da hörte man nur noch die Nachtgeräusche über den Feldern, und das waren nicht sehr viele, denn es gab ja noch keine Autos, deren Brummen von einer entfernten Autobahn hätte herüberklingen können, und keine Flugzeuge und überhaupt gar nichts, außer vielleicht ab und zu einmal einen Uhu, der seine unheimlichen Nachtschreie ausstieß, oder einen kleinen Vogel, der in seinem Nest im Schlaf fiepte. Aber sonst war es totenstill auf dem Weg, und du kannst mir glauben, dass Trenk ziemlich froh war, dass er wenigstens Ferkelchen dabeihatte, auch wenn es ja ziemlich störrisch war und er immerzu am Strick zerren musste, damit es überhaupt mitkam.

Ja, es war wirklich mutig von Trenk, da so alleine durch die Nacht zu laufen. Zum Glück stand wenigstens der Mond groß und rund am Himmel, und hunderttausend Sterne leuchteten auch, sonst hätte Trenk vielleicht noch nicht einmal den Weg erkennen können. Aber so sah er ihn immerzu weiß und staubig vor seinen Füßen, mit tief eingefahrenen Rillen von den Rädern der Karren, die auf ihm entlanggerollt waren, und hubbelig und aufgewühlt von den Hufen der Kühe und Ochsen, die man zu ihren Weiden getrieben hatte. Da fühlte Trenk sich immer noch ein kleines bisschen zu Hause.

Aber dann kam der Wald.

Es war nur ein kleiner Wald, und bei Tag waren Trenk und Mia-Mina schon manches Mal zum Beerenpflücken oder Pilzesammeln durch sein Dickicht gekrochen; aber nachts war er wirklich sehr, sehr dunkel und sehr, sehr wild und verlassen; und du musst bedenken, dass es damals in den Wäldern auch noch Bären und Wölfe gab, die vielleicht lange nichts Vernünftiges mehr gefressen hatten und darum gerade auf ein leckeres kleines Ferkel und zur Not auch auf einen mageren kleinen Bauernjungen warteten, um sich mal wieder ein Festmahl zu genehmigen. Und außerdem gab es ja auch noch den Drachen.

„Ferkelchen?“, flüsterte Trenk. „Ferkelchen, jetzt musst du ganz, ganz leise sein!“

Aber wer schon einmal mit einem Schwein in der Nacht durch den Wald gewandert ist, der weiß, das ist keine einfache Angelegenheit. Ferkelchen grunzte und quiekte und zerrte an seinem Strick, denn furchtbar mutig sind Schweine meistens nicht, und der Wald roch fremd und gefährlich für seinen kleinen Schweinerüssel. Darum rannte Ferkelchen aufgeregt mal hierhin und mal dahin, dass sich der Strick um die Stämme der Bäume wickelte und die Vögel oben in den Ästen vor Schreck schlaftrunken aus ihren Nestern flogen.

„Ferkelchen!“, flüsterte Trenk. „So weckst du die Bären und die Wölfe und all die anderen wilden Tiere doch auf!“

Und da hörte er es auch schon! In einem Eibengebüsch, nicht weitab vom Weg, regte sich etwas, und dem Geräusch nach zu urteilen, das es machte, war es kein kleines Etwas wie zum Beispiel eine Haselmaus oder ein Kaninchen oder meinetwegen auch ein Wiesel, sondern ziemlich, ziemlich groß.

„Ferkelchen!“, flüsterte Trenk, und vor lauter Schreck blieb er wie angewurzelt stehen, und sogar Ferkelchen stellte für einen Augenblick sein Quieken ein.

Denn „Ha!“ schrie jetzt das Etwas, das gerade vor den beiden aus dem Gebüsch gesprungen kam und einen dicken Knotenstock schwang, und „Ho!“ und „Potzblitz!“ und was die Menschen damals noch so alles geschrien haben, wenn sie jemandem ordentlich Angst einjagen wollten. Aber die hatten Trenk und Ferkelchen ja sowieso schon.

In den Wäldern, das weißt du vielleicht nicht, hausten damals nämlich nicht nur wilde Bären und Wölfe und manchmal vielleicht sogar Drachen, sondern auch wildes Gesindel wie zum Beispiel Räuber und Banditen, die im Dickicht den Bauern auflauerten, wenn sie mit ihrem Obst und Gemüse auf dem Weg zum Markt waren; und ganz besonders gerne lauerten sie den reichen Herren Rittern und Damen Ritterfräulein auf, bei denen sich ein Raub ordentlich lohnte, weil sie ja meistens Gold und Geschmeide und überhaupt lauter Sachen bei sich hatten, die die Räuber und Banditen gut gebrauchen konnten. Und wenn jetzt jemand mitten in der Nacht aus dem Gebüsch gestürzt kam und „Ha!“ und „Ho!“ und „Potzblitz!“ schrie, was sollte Trenk da wohl denken? Natürlich glaubte er, dass es ein Räuber war, der da mit seinem Knotenstock auf ihn und Ferkelchen losgestürzt kam.

„Nichts tun!“, rief Trenk darum auch mit einer schrillen Stimme, die ihm selber ganz fremd vorkam, und Ferkelchen rannte in seiner Panik immerzu rundherum um seine Beine, sodass Trenk von dem Ferkelstrick ganz und gar eingewickelt war und nicht einmal mehr wegrennen konnte, selbst wenn er das gewollt hätte. „Wir haben nichts, was sich zu rauben lohnt! Wir sind nur ein Junge und sein Schwein auf dem Weg in die Stadt!“

„Was?“, sagte der Räuber verblüfft. „Na so was!“

Inzwischen war er auf den Weg getreten, sodass Trenk ihn in dem spärlichen Mondlicht, das durch die dichten Kronen der Bäume fiel, besser erkennen konnte, und da wäre er vor Verblüffung (und ein bisschen vielleicht auch, weil ja der Ferkelstrick so fest um seine Beine gewickelt war) fast umgefallen.

„Du bist ja ein Mädchen!“

Denn das war der schreckliche, gefährliche Räuber aus dem Eibengebüsch tatsächlich! Ein mageres Mädchen mit einem Schürzenkleid und langen blonden Zöpfen, das noch nicht einmal viel größer war als Trenk selbst und mit einer krächzigen, rauen Stimme sprach.

„Man muss schon ziemlich verrückt sein, um nachts mit einem Schwein durch den Wald zu wandern“, sagte das Mädchen. „So was hab ich ja noch nie gehört.“

„Hattest du dich vor uns versteckt?“, fragte Trenk hoffnungsvoll und befreite seine Beine von dem Strick, was gar nicht so einfach war, weil Ferkelchen jetzt nämlich immerzu an den Füßen des Mädchens schnupperte, und das gefiel Trenk überhaupt nicht. Ferkelchen sollte sich nicht gleich mit jedem anfreunden, dem sie zufällig nachts im Wald begegneten. „Hast du uns kommen hören und dich im Gebüsch vor uns versteckt?“

Und Trenk merkte, wie er sich plötzlich ganz zufrieden fühlte. Es war doch schön, dass der Jemand aus dem Gebüsch nicht nur kein gefährlicher Bär oder Wolf oder Räuber war, sondern sogar noch Angst vor ihm und Ferkelchen gehabt hatte.

„Quatsch!“, sagte das Mädchen mit ihrer krächzigen Stimme und kraulte Ferkelchen im Nacken. „Ich war nur vorsichtig.“

Trenk dachte, dass das ja eigentlich haargenau das Gleiche war, aber das sagte er lieber nicht.

„Wenn du auch in die Stadt willst, kannst du mit uns kommen“, sagte er großzügig. Denn das Mädchen war natürlich nur ein Mädchen, und damals glaubten die Menschen tatsächlich, dass Mädchen zart und schwach und ängstlich und, wenn es ums Kämpfen ging, nicht sehr nützlich wären; aber trotzdem hatte Trenk das Gefühl, dass er sich vielleicht ein bisschen wohler fühlen würde, wenn er auf seinem Weg durch die Nacht außer einem Schweinekind auch noch ein Menschenkind bei sich hätte. „Ich kann dich auch beschützen.“

„Du mich beschützen, haha!“, sagte das Mädchen und lachte, und wenn die Menschen sich damals schon einen Vogel gezeigt hätten, hätte sie das bestimmt getan. „Du kleiner Knotenfurz!“

Das war ja kein schönes Wort und eine Beleidigung noch dazu für einen Jungen, der mutig genug war, in der finstersten Nacht allein in die Stadt zu wandern, aber Trenk dachte trotzdem, dass er es ihr für dieses Mal verzeihen wollte. Die Hauptsache war schließlich, dass sie zusammen weiterziehen konnten.

„Also, kommst du jetzt mit oder nicht?“, fragte er darum.

Da nahm das Mädchen den Stock und Trenk nahm den Ferkelstrick, und dann wanderten sie schweigend zusammen unter dem Sternenhimmel, bis er begann, sich am Horizont rosa zu färben. Und Trenk fühlte sich nicht mehr so allein und kein bisschen ängstlich. Nur sehr, sehr müde.

 

5. Kapitel,

in dem erzählt wird, wie aus einem Mädchen ein Junge wird

Durftest du schon mal so richtig lange aufbleiben, Silvester vielleicht oder an deinem Geburtstag? Dann weißt du ja, dass man nachts sehr, sehr müde werden kann, auch wenn man das absolut gar nicht möchte und sich vorgenommen hat, mindestens bis zum nächsten Morgen wach zu bleiben. Trenk jedenfalls wurde in dieser Nacht auf der Wanderschaft sehr, sehr müde, so müde, dass ihm ab und zu beim Gehen die Augen zufielen und er stolperte und gefallen wäre, wenn das Mädchen nicht ganz schnell seinen Arm gepackt und ihn festgehalten hätte. Sogar Ferkelchen wurde allmählich so schläfrig, dass es ganz brav an seinem Strick hinter Trenk hertrottete und überhaupt nicht mehr schnupperte und quiekte und grunzte.

Erst als die Morgensonne den Horizont rosa färbte und die Sterne verblassten, bevor sie dann für einen ganzen Tag unsichtbar irgendwo in den Weiten des Himmels verschwanden, sprach das Mädchen wieder ein Wort.

„Jetzt können wir uns zum Schlafen legen“, sagte sie.

Trenk war inzwischen so müde, dass seine Beine sich schon lange ganz von alleine vorwärtsbewegten, ohne dass er es ihnen befehlen musste, und darum ging er auch noch ein paar Schritte weiter, bevor er begriff, was er gehört hatte.

„Anhalten, stopp!“, rief das Mädchen. „Da unten liegt die Stadt! Und um diese Zeit sind noch alle Tore verschlossen, jetzt kommen wir nicht rein, oder weißt du das nicht?“

Da blieb Trenk mit einem Ruck stehen und sah nach unten ins Tal, und tatsächlich! In der blassen Morgendämmerung lag dort unten ein Ort, so groß, dass Trenk es fast nicht glauben konnte. So weit wie jetzt war er noch nie von zu Hause fort gewesen, und in der Stadt schon gar nicht. Er kannte nur sein kleines Dorf, in dem zehn oder zwölf armselige Katen entlang der Straße aufgereiht waren, und ab und zu hatte sein Vater ihn auch mit ins Nachbardorf genommen, wenn er zum Müller fuhr, um Korn mahlen zu lassen: Du weißt ja, Trenk war so stark, dass er auch die schwersten Kornsäcke heben und den stärksten Ochsen am Po vorwärtsschieben konnte, deshalb durfte er seinen Vater manchmal zur Mühle begleiten.

Aber in einer Stadt war Trenk noch niemals gewesen, und darum verschlug ihm, was er jetzt sah, den Atem, und er war auf einen Schlag so wach wie die ganze Nacht vorher nicht. Das war doch dumm, weil er jetzt ja eigentlich endlich schlafen durfte.

„Das ist die Stadt?“, fragte Trenk erschrocken und starrte ins Tal. „So groß ist die Stadt?“

Dabei muss ich dir sagen, dass da unten zu seinen Füßen in Wirklichkeit eine sehr, sehr kleine Stadt lag, über die du bestimmt nur gelacht hättest. Du kennst ja sogar Hochhäuser mit Fahrstühlen und solche Sachen, die es damals noch gar nicht gab, aber für Trenk war eben auch die kleine Stadt das Allergrößte, was er in seinem Leben bisher gesehen hatte. Sie hatte immerhin eine Stadtmauer mit Schießscharten und acht Türmen an den Ecken, auf denen in der Nacht die Wachen mit ihrer Armbrust standen, und vorne und hinten waren in der Mauer zwei Tore eingelassen, die jede Nacht fest verriegelt wurden, damit niemand die Bürger im Schlaf überfallen konnte.

„Das ist die Stadt“, sagte das Mädchen und kuschelte sich in eine Grasmulde am Wegesrand, und sehr zu Trenks Ärger kuschelte sich Ferkelchen sofort ganz dicht an ihren Rücken. „Und nicht einmal eine besonders große Stadt. Da hab ich schon viel stattlichere gesehen.“

Trenk schnaubte und kuschelte sich von der anderen Seite gegen Ferkelchens warmen kleinen Bauch. „Tu bloß nicht so, als ob du schon viele Städte gesehen hättest!“, sagte er.

Das Mädchen legte ihren Arm um das kleine Schwein, als ob sie es beschützen wollte, und seufzte. „Hundert“, sagte sie mit ihrer krächzigen Stimme. „Tausend, im Norden und im Süden. Ich kenne sie alle.“

Dann schlief sie ein, und darum konnte Trenk ihr noch nicht einmal sagen, dass sie ja wohl die größte Angeberin wäre, die ihm je untergekommen war. Und darüber ärgerte er sich so sehr, dass er zuerst gar nicht einschlafen konnte.

Aber dann rüttelte ihn jemand an der Schulter und rief: „Aufwachen!“, und da war es ja klar, dass er schließlich doch eingeschlafen war. Vor ihm stand das Angebermädchen, und wenn sie ihn nicht geweckt hätte, hätte es vielleicht sein eigener Magen getan, denn der knurrte vor Hunger so laut, dass Ferkelchen ganz erschrocken aufsprang und ein paar wilde Sätze auf die Straße machte. Zum Glück konnte das Mädchen sich mit einem Hechtsprung gerade noch den Ferkelstrick schnappen, sonst hätten sie den Vormittag vielleicht mit einer Schweinejagd verbringen müssen.

„Wenn wir zum Tor kommen, lass mich nur machen“, sagte das Mädchen. „Ich rede für dich mit.“

Das war Trenk nun eigentlich gar nicht recht, denn er hatte ja dasMädchen beschützen wollen, und nun tat es so, als wäre es ganz genau umgekehrt. Aber andererseits war er doch auch ganz froh, denn als er zu Hause aufgebrochen war, hatte er darüber, was er den Torwachen in der Stadt erzählen sollte, wenn sie ihn fragten, wer er war und wohin er wollte, überhaupt gar nicht nachgedacht. Und die Wahrheit konnte er ja wohl schlecht erzählen – stell dir vor, der gemeine Ritter Wertolt der Wüterich hätte seine Burgmannen ausgeschickt, damit sie nach Trenk suchten, und sie wären auf ihrer Verfolgungsjagd zu der kleinen Stadt gekommen und hätten gesagt, dass sie einen Bauernjungen mit seinem Ferkel aufspüren wollten, der in der Nacht ausgerissen war! Da hätten die Torwachen ihnen ja sofort erzählen können, dass sie Trenk am Morgen gerade in die Stadt gelassen hatten. Und dann wäre wohl nichts aus seinen Plänen geworden, sich in

der Stadt nicht aufstöbern zu lassen.

„Was willst du ihnen denn sagen, wer wir sind?“, fragte Trenk, aber das Mädchen antwortete ihm nicht.

„Lass uns erst mal den Löwenzahn wässern“, sagte sie, und dabei trat sie an den Wegesrand, drehte Trenk den Rücken zu und ...

Ja, nun weiß ich gar nicht, wie ich dir erzählen soll, was dann passierte! Denn eigentlich redet man ja nicht über solche Dinge, auch wenn sie schließlich erledigt werden müssen, da führt kein Weg dran vorbei.

„Lass uns erst mal den Löwenzahn wässern“, sagte das Mädchen also, und jetzt kannst du dir vielleicht schon denken, was sie damit meinte. Und gerade als Trenk sich abwenden wollte, weil er ja ein einigermaßen gut erzogener Junge war und wusste, dass gut erzogene Jungs nicht zugucken, wenn Mädchen eben mal schnell den Löwenzahn wässern, sah er, wie das Mädchen im Stehen ihren Rock am vorderen Saum anhob und wie ein kolossaler Strahl auf den Wegesrand prasselte, der war so kolossal, dass er bestimmt auch noch den Klee wässerte und den Sauerampfer und das Kälberkraut und ich weiß nicht, was sonst noch alles.

„Du nicht?“, fragte das Mädchen und ließ ihren Rock wieder sinken.

Aber Trenk starrte sie nur an.

„Du bist ja gar kein Mädchen!“, rief er verblüfft. „Du bist ja ein Junge!“

Da griff das Mädchen sich an den Kopf und machte ein erstauntes Gesicht, und dann lachte sie und zog ganz kräftig an ihren strubbeligen Zöpfen.

„Ach du je!“, sagte sie. „Das hab ich gestern Nacht in all dem Schrecken wohl vergessen!“ Und sie hielt Trenk ihre Perücke hin, aber eigentlich muss ich jetzt wohl sagen, er hielt Trenk seine Perücke hin, denn dass das Mädchen ein Junge war, daran konnte es nun keinen Zweifel mehr geben.

„Du bist ein Junge!“, rief Trenk wieder. „Warum hast du denn dann ein Kleid an? Und warum trägst du Zöpfe?“

Der Junge lachte und streckte Trenk die Hand entgegen. „Ich heiße Momme Mumm“, sagte er mit seiner krächzigen Stimme. „Hast du Knirps die ganze Zeit geglaubt ...“, dann lachte er und lachte, und Trenk schämte sich ein bisschen, weil er so dumm gewesen war. An der Stimme hätte er ja vielleicht schon etwas merken können.

„Ich heiße Trenk“, sagte er würdevoll. „Aber warum trägst du ein Kleid?“

Momme Mumm kratzte sich am Ohr. „Ich bin ein Gaukler“, sagte er. „Meine Leute ziehen durch die Lande und bringen die Menschen zum Lachen und zum Weinen.“

„Ein Gaukler?“, fragte Trenk ehrfürchtig, denn Gauklern war er in seinem kleinen Dorf noch niemals begegnet, und er wusste darum auch nicht so genau, was die nun alles so machten.

Und weil du das vielleicht auch nicht weißt, will ich es lieber erklären. Es gab ja noch kein Fernsehen damals und keine Kinos und noch nicht mal Theater. Aber manchmal wollten die Menschen eben trotzdem ihren Spaß haben, und darum zogen die Gaukler von Stadt zu Stadt und führten den Bürgern lustige kleine Theaterstücke vor oder ihre Zaubertricks und jonglierten mit Äpfeln und Eiern, und dann gab es ein Gedränge auf dem Marktplatz, wie du es dir gar nicht vorstellen kannst. Und wenn die Herren Ritter und die Damen Ritterfräulein auch mal ein bisschen Unterhaltung suchten, luden sie die Gaukler zu sich auf die Burg, und dann gab es zum Lohn vielleicht sogar ein echtes Goldstück oder wenigstens ein paar Silbermünzen. Aber in den kleinen Dörfern auf ihrem Weg zeigten die Gaukler ihre Kunststücke natürlich nicht, weil die Bauern so arm waren, dass sie die Vorführung niemals hätten bezahlen können, da wäre es ja Zeitverschwendung gewesen.

Und darum hatte Trenk auch noch niemals einen Gaukler gesehen und sein Vater und seine Mutter und alle die anderen Leute in seinem Dorf hatten das auch nicht, und er begriff, dass er wirklich ziemliches Glück hatte, dass das gefährliche Etwas aus dem Eibengebüsch in der Nacht ausgerechnet ein Gauklerjunge gewesen war.

„Und warum bist du dann jetzt so allein auf Wanderschaft?“, fragte Trenk und packte den Ferkelstrick fester.

Vor ihnen lag die Stadtmauer und durch das offene Tor strömten die Menschen in die Stadt hinein und aus der Stadt heraus.

„Das will ich dir jetzt erzählen“, sagte Momme Mumm.

6. Kapitel,

in dem Momme Mumm seine Geschichte erzählt

Sie setzten sich auf einen Stein, von dem aus sie das Kommen und Gehen am Stadttor beobachten konnten, und als er die vielen Menschen sah, wurde Trenk so aufgeregt, dass er fast gar nicht richtig zuhören konnte, was Momme Mumm ihm erzählte.

„Ich gehöre zu einer Gauklertruppe, fast solange ich denken kann“, erzählte Momme Mumm. „Meine Mutter hat mich den Gauklern übergeben, als ich noch ganz klein war, weil sie viel zu viele hungrige Münder zu stopfen hatte und viel zu wenig Brot, da war sie froh, dass so für mich gesorgt war.“

„Das ist traurig“, sagte Trenk.

„Es hätte schlimmer kommen können“, sagte Momme Mumm. „Ich habe Kunststücke gelernt, als ich noch über keine Tischplatte gucken konnte, aber als ich dann größer wurde, war ich unserer Truppe erst wirklich nützlich.“

„Warum?“, fragte Trenk und kraulte Ferkelchens borstigen Nacken.

„Weil ich dann die Damenrollen spielen konnte“, sagte Momme Mumm. „Ich bin groß genug, aber ich habe noch keinen Bart, darum gebe ich eine wunderbare Jungfrau ab. Ich hab schon die Jungfrau Maria gespielt, an Weihnachten, auf der Burg des Herrn Fürsten. Der Herr Fürst hat mir ein Goldstück geschenkt.“

„Oh!“, sagte Trenk ehrfürchtig.

Nun wusstest du vielleicht nicht, dass in den alten Zeiten Frauen absolut keine Schauspieler sein durften (ja, das war ungerecht!), und darum mussten große Jungs in ihre Rollen schlüpfen und die Mädchen- und Frauenrollen spielen. Aber wenn ihnen erst mal ein Bart wuchs, war es natürlich nichts mehr mit der Frauenspielerei. Na, Gott sei Dank sind diese Zeiten vorbei, aber für Trenk war Momme Mumms Erklärung damals kein bisschen überraschend.

„Und warum wanderst du jetzt alleine durch die Welt?“, fragte er.

„Wegen dem Drachen“, sagte Momme Mumm. „Vor zwei Tagen haben wir unsere Kunststücke auf einer Burg vorgeführt, und du kannst dir gar nicht vorstellen, was es da alles zu essen und zu trinken gab und wie wunderbar der Saal geschmückt war! Nach der Aufführung sollte es ein Festessen für alle geben, aber auf einmal kam ein Bote hereingestürmt und schrie, dass der gefährliche Drache im Wald auf dem Burgberg gesichtet worden sei und dass der Qualm bis zum Himmel aufstiege, und der Herr Ritter schrie: Alle Männer auf die Rösser!, und es gab ein fürchterliches Durcheinander, als all seine Leute sich ihre Rüstungen anzogen und in den Burghof stürzten, um sich auf ihre Pferde zu werfen und gegen den Drachen zu ziehen.

Aber der Prinzipal unserer Truppe ist ein vorsichtiger Mann, und darum sagte er: Nun, nun, für uns gibt es hier dann wohl nichts mehr zu tun!