Der Kobold - Christian A. M. Wagener - E-Book

Der Kobold E-Book

Christian A. M. Wagener

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Beschreibung

Ein Horror-Roman von Christian A. M. Wagener, der Ihnen das Fürchten lehren wird. Ein alter Wald, ein uraltes Geheimnis, und ein Sturm, der das Böse entfesselt. Als ein Blitz in der stürmischen Nacht die legendäre Kreuzeiche trifft, bricht das Grauen über den Brücker Hard herein. Ein unsichtbarer Jäger streift durch den Wald, hinterlässt blutige Spuren und sät Angst in den Herzen der Menschen. Niemand ist sicher, und jede Antwort wirft neue, noch düstere Fragen auf. Mit jeder Seite zieht Sie Der Kobold tiefer in eine Geschichte voller Nervenkitzel, Spannung und unvorhersehbarer Wendungen. Sind Sie bereit, sich der Dunkelheit zu stellen?

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Seitenzahl: 164

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Das Cross Rennen

Kapitel 2

Der Wanderer

Kapitel 3

Die letzte Fahrt

Kapitel 4

Die Kommissare

Kapitel 5

Der Bunker

Kapitel 6

Die Suche

Kapitel 7

Das Revier

Kapitel 8

Das Hochhaus

Kapitel 9

Der Hochsitz

Kapitel 10

Der Orden

Kapitel 11

Die Jagt

Kapitel 12

. Verfolgt

Kapitel 13

Die alte Krypta

Prolog

In einer stürmischen Herbstnacht, Mitte Oktober, tobte ein Gewitter über dem Kölner Raum. Grelle Blitze zerrissen die Dunkelheit, gefolgt von Donnern, die wie das Brüllen eines wütenden Riesen die Stille verschlangen und die Luft erzittern ließen. In dieser Nacht befand sich das Herz des Sturmes über dem kleinen Vorort Alt Brück und dessen anliegendem Waldgebiet.

Alt Brück liegt auf der rechten Seite von Vater Rhein aus betrachtet, oder wie die Kölner sagen: Op de Schäl Sik. Es ist die Seite Rhein, die niemals von den Römern erobert wurde und daher galt dieses Gebiet als barbarisches Land.

Die Donnerschläge ließen die Fensterscheiben der Häuser zittern, die dem Sturmzentrum nahe lagen. Das Blitzwirrwarr, das den Donner ankündigte, erleuchtete die Zimmer der Häuser so stark, dass die Äste der Bäume ihre Schatten an den Zimmerwänden tanzen ließen. Bei solch einem starken Sturm konnten nicht alle Bäume des Waldes der Naturgewalt trotzen. Einige Bäume knickten auf dem mit Regenwasser getränkten Waldboden um wie Streichhölzer. Besonders wurden die Nadelbäume, Tannen und Fichten, in Mitleidenschaft gezogen, weil sie sich nicht wie die Laubbäume ihrer Blätter entledigen konnten. Damit waren sie den starken Herbstwinden ungeschützt ausgeliefert. Ganze Waldwege wurden durch die umgestürzten Baumriesen zu unüberwindlichen Hindernissen. Die Bäume waren so zahlreich umgefallen, dass sie auf mehreren Metern die Waldwege vollständig blockierten, so dass ein Durchkommen unmöglich wurde. Der Brücker Hard, das Waldgelände, war bekannt für seinen Wildpark mit freilaufenden Rehen, Hirschen und einem abgetrennten Wildschweingehege. Besonders die Holzbrücke über die Schutzstelle der Frischlinge zog viele Besucher an, vor allem, wenn die Bachen ihren Nachwuchs großzogen.

Der gesamte Wildpark war von einem hohen Drahtzaun eingerahmt, und am Wildschweingehege zusätzlich mit Stacheldraht am Boden versehen. Das sollte die Wildschweine vom Graben abhalten. Man konnte den Wildpark durch drei Eingänge betreten.

Die drei Eingänge des Parks waren als Schleusen gestaltet, um sicherzustellen, dass kein Tier entwischen konnte. Er war das ganze Jahr über geöffnet und viele Wanderer aus den umliegenden Ortschaften nutzen ihn, zusammen mit den im Brücker Hard befindlichen zwei kleinen Weihern, als Wanderziel mit Erholungswert. Für die Grundschulen der Ortschaften rund um das Waldstück, war der Wildpark sehr interessant, besonders im Frühling zurzeit, wenn die Rehe ihre Kitze bekommen, und die kleinen Tiere noch in den Kinderschuhen steckten.

Viele Schulklassen besuchten den Wildpark oft als außergewöhnliche Naturkundestunde und schätzten ihn als spannendes Ausflugsziel.

Die groß angelegte Waldwiese im Wildpark bot den Besuchern eine gut überblickbare Sichtfläche und ein kleiner Spielplatz sorgte bei zu langer Wartezeit, falls das Damm Wild sich einmal nicht zeigen mochte, vor Allem bei den jüngeren Kindern für genügend Spaß, um die gegenwärtige Langeweile zu überbrücken. Den Erwachsenen dienten Tische und Sitzbänke für eine erholsame Rast. Zur Freude aller Wildschweine floss der Fleh Bach durch den Wildpark, bot den Wildschweinen viel Trinkwasser und sorgte auch für den schwarzen Waldschlamm, in dem sie sich so gerne suhlten, wobei eigentlich das ganzes Wildschweingebiet einer morastigen Schlammwüste glich. Ein Trimm-Dich-Platz mit einem Staudamm für Hochwasser, das jedes Jahr aufs Neue kam, lag neben einem der Weiher und war bequem mit dem Auto von einer Landstraße aus zu erreichen.

Im Winter verwandelten die Kinder den Staudamm in eine improvisierte Rodelbahn, während die große Wiese auch schon als Schauplatz vieler Fußballspiele diente.

Der kleine Birkenwald neben der Wiesenfläche, die von Maulwurfshügeln übersät war, wurde alljährlich im Mai zum unfreiwilligen Opfer der Maibaum Tradition der Herren, die ihren Herzdamen einen mit bunten Bändern geschmückten Maibaum an die Haustüre setzten.

Eine gut befahrende Landstraße trennte den Brücker Hard, mit seinem Wildpark, von dem größeren Königsforst, der bis weit ins Bergische Land reichte und sich dann ausweitete. Im Königsforst wurde früher Bergbau und Steinbruch betrieben. Als damals die Bergleute neue Wege zu ihren Steinbrüchen anlegten, die heute noch genutzt werden, entdeckten sie dabei eine sehr alte Eiche, von der nur noch der dicke Stamm übriggeblieben war. Ihre Unterhälfte war natürlich gewachsen, aber die obere Hälfte war zu einem Kreuz geschnitzt worden, lange bevor die Bergleute sie fanden. Die Anwohner kannten weder den Grund dafür, noch wussten sie, wer das Kreuz geschnitzt hatte oder weshalb es geschehen war.

Seit die Bergleute die Kreuzeiche entdeckt hatten galt es als großes Unglück sich beim Vorbeigehen nicht zu bekreuzigen und kurz innezuhalten. Unglück fürchteten die Bergleute sehr, dann sie waren sehr abergläubisch und konnten es in den dunklen, engen und teilweise einsturzgefährdeten Stollen unter Tage nun gar nicht gebrauchen. Daher bekreuzigten sie sich und zogen mit einem fröhlichen „Glückauf“ vorüber.

Viele Wanderer im Königsforst bekreuzigten sich nach alter Tradition noch heute bei der alten Kreuzeiche, wie sie seit den Bergwerksleuten genannt wurde. Doch nach dieser Sturmnacht zum letzten Mal.

Ein gleißender Blitz zerriss die Dunkelheit und krachte mit ohrenbetäubendem Lärm in die Kreuzeiche. Metallteile und verkohlte Holzsplitter flogen in alle Richtungen. Doch es war nicht nur das Holz, das der Blitz befreite – tief in den Wurzeln regte sich etwas, ein unheilvolles Geheimnis, das lange verborgen geblieben war.

1. Kapitel

Das Cross Rennen

Am Morgen des nächsten Tages regnete es nicht mehr und die Schulkinder der beiden Grundschulen in Alt–Brück kamen trocken in ihren Klassenzimmern an. Auch für die meisten anderen Bewohner des Ortes fing der Tag wie gewöhnlich an, -außer für den Förster mit seinem grausigen Fund, der nichts mit dem geschädigten Wald vom nächtlichen Sturm zu tun hatte.

Der kleine Timmi, der über seinen Rechenaufgaben grübelte, war mit den Gedanken schon beim alltäglichen Cross Rennen auf der neu angelegten Rennstrecke im Brücker Hard. Heute wollte er den Älteren in seiner Gang beweisen, dass er sehr wohl als Cross Fahrer bestehen konnte. Die Gang hatte die Rennstrecke, mit ihren Steilkurven und Sprungschanzen, über mehrere Wochen hinweg in mühsamer Arbeit gebaut. Eine Umrundung konnte gut und gerne über zwei Minuten dauern. Ein Teil der Strecke führte durch einen alten Schützengraben aus dem zweiten Weltkrieg von denen fast überall im Wald welche aufzufinden waren. Die Cross Strecke war nicht die einzige Bahn, auf der man seine Fähigkeiten beweisen konnte, denn neben dem Hauptweg im Wald, von dem man auch den Wildpark erreichen konnte, befand sich eine weitere Rallyestrecke, die es in sich hatte. Zahlreiche Hügel hintereinander boten eine sehr schmale Fahrmöglichkeit. Mit Wurzeln der Bäume durchzogen, zog sich der Parkour ca. einen Kilometer lang bis zum Eingang des Wildparks neben dem Hauptweg hin. Eine besonders tiefe Stelle, durch eine Granate aus dem letzten Krieg verursacht, gehörte zur Schlüsselstelle auf dieser Strecke. Wer mit zu hoher Geschwindigkeit hinein fuhr, verlor die Bodenhaftung und landete unsanft in der Grube. Hatte man jedoch zu wenig Fahrt aufgenommen, schaffte man es die steile Seite gegenüber nicht mehr hinaufzufahren und rollt unweigerlich zurück. Bei schnellem Hintereinanderfahren kam es schon oft zu Unfällen mit Schürfwunden und etlichen Prellungen, wenn die nachfolgenden Fahrer in die zurückkommenden rasten. Die Grube war so tief, dass man erst Einsicht bekam, wenn man sich in der Abfahrt befand.

Die letzte Schulklingel befreite Timmi von seinen Qualen. Ein Geschrei ging durch das Klassenzimmer. „Einen Moment, Herrschaften“, sprach der Lehrer mehr als deutlich: „Für Montag gibt es Hausaufgaben, Seite 23 alle Aufgaben auf der rechten Seitenhälfte!“ Ein Murren ging durch die Klasse, aber es nutze nichts. Lehrer Kinkel war anders als ihre Klassenlehrerin Frau Harwick. Bei ihr konnte man mal hier und da etwas beeinflussen. Timmi klappte sein Buch zusammen und packte es mit seinen Stiften in den Rucksack. Beim Zuschnüren sprach ihn Markus, sein bester Freund, an. „Hey Tim! Heute 16.00 Uhr an der Rennstrecke!?“ „Klar, Markus, ich bin da. Hoffentlich hat der Sturm nicht allzu viel kaputt gemacht!“ Markus nickte und spazierte an Tim vorbei. Normalerweise gingen beide zusammen nach der Schule heim, denn Markus wohnte nur eine Straße weiter. Doch heute musste Markus noch mit seiner Mutter in die Stadt. Sie wartete schon draußen mit dem Auto auf Markus. Als Tim das Schulgelände am Diesterweg verließ, war Markus schon gefahren. Zusammen mit Jürgen ging Tim den Weg nach Hause. Jürgen war in der Parallel-Klasse und ebenfalls im 4. Schuljahr. Es war windig und der Himmel mit Wolken bedeckt, die schnell vorüberzogen. Ob es noch Regen geben würden, konnte nicht ausgeschlossen werden. Der Wind war warm und überraschend mild, sein Ursprung muss viel weiter südlich gelegen haben. Eine feinere Nase hätte es wohl wittern können. „Bist du heute wieder im Wald?“, fragte Jürgen, der seinen Rucksack zurechtrückte. „Ja in jedem Fall, es sei denn es regnet zu stark!“ „Wann bist du denn dort?“ „So gegen vier Uhr. Markus kommt auch“, antwortete Tim, wobei er seine blonden Haare zurechtlegte, die jedoch der Wind wieder durcheinanderwirbelte. Als die Beiden am Brücker Mauspfad ankamen, gab es, wie immer um diese Zeit, einen Verkehrsstau. Über eine kleine Verkehrsinsel gingen beide sicher über die gut befahrene Straße. Die Eisdiele, wo sie im Sommer gerne Eis holten und es schnell aufaßen, bevor sie zu Hause ankamen, war natürlich geschlossen und wurde keines Blickes gewürdigt.

Die Straße, die Tim und Jürgen entlang schlenderten, wurde steiler und führte auf einen Bergkamm. Jetzt lief ihre Unterhaltung in eine andere Richtung, Orks hatten sich in ihre Gedanken gedrängt, Orks vom Herrn der Ringe. Viele Schlachten hatten die Beiden und Markus schon ausgefochten, auf einer selber angelegten Spielwelt. Sie war einen Meter breit und zwei Meter lang, Rollen waren an der Unterseite angebracht, damit man sie einfach unter ein Bett schieben konnte. Die Platte hatte Tim zusammen mit seinem Vater gebaut. Es waren Berge, Flüsse, Brücken und Moore angelegt, die nicht betreten werden konnten, und viele große Wiesen für ihre Schlachten. Die Figuren und Gegenstände bemalten sie selber und hatten dadurch eine Menge Geschick entwickelt, was sich im Kunstunterricht mit guten Noten widerspiegelte.

Nach einer Kreuzung und einer weiteren Straße, verabschiedete sich Jürgen: „Wenn ich es heute schaffe, komme ich noch vorbei zur Cross Strecke!“ „Ist gut, ab 16.00 Uhr bin ich da. Bis dann!“ Jürgen bog in die Straße ein und verschwand, nachdem er klimpernd seinen Schlüssel aus der Tasche gezogen hatte, im Hauseingang des dritten Hauses.

Auch für Tim war es nicht mehr weit, und als er das Gartentor aufmachte, stieg ihm ein angenehmer Duft aus dem Küchenfenster in die Nase, was ihn sofort daran erinnerte, dass er sein Pausenbrot mal wieder nicht gegessen hatte. Das Resultat war, dass sich sein Magen jetzt meldete. „Mann, habe ich einen Hunger“, sagte er als Erstes, als er die Türe hinter sich schloss. Seinen Rucksack feuerte er in die Garderobenecke. “Tim, wie oft soll ich dir noch sagen, dass du nicht immer deinen Rucksack so in die Ecke werfen sollst?“ „Ja“, antworte er kurz seiner Mutter. „Ist das Essen fertig?“ „Gleich, du kannst dich schon mal hinsetzen. Wie war dein Tag heute in der Schule?“ „Gut.“ „Hast du Hausaufgaben auf?“ „In Mathe, aber nicht viel. Kann ich nachher in den Wald?“ „Wenn du deine Hausaufgaben gemacht hast. Pass aber auf, durch den Sturm gestern sind bestimmt viele Bäume umgefallen.“ „Ja, deswegen schauen wir nach, was mit unserer Rennstrecke passiert ist.“ Timmis Mutter holte zwei kleine Knödel aus dem Topf, etwas Rotkohl und eine Rinderroulade. „Hier bitte, iss was.“ Nachdem sie sich ihren Teller ebenfalls bedeckt hatte, aßen sie zu zweit am Küchentisch. Tim stand kurz auf, nahm zwei Gläser, stelle sie auf den Tisch und holte eine Flasche Sprudel aus dem Kühlschrank. „Oh, hatte ich vergessen.“ „Schon o.k.“, sagte Tim, schenkte sich und seiner Mutter Sprudel ein. Das Essen schmeckte herrlich, so wie es immer schmeckt, wenn man großen Hunger hat. Nach dem Essen ging Tim die Treppe hoch in sein Zimmer und holte sein Schulheft heraus. Nach einer guten halben Stunde war Tim fertig und klappte sein Hausaufgabenbuch zu.

Er rannte die Treppe runter und rief „Bin weg!“ „Komm pünktlich um 19.00 Uhr zum Abendessen nach Hause, Tim! Hast du gehört!?“ „Ja Mamma!“ – Klack - und das Türschloss schnappte hinter Tim zu. Er nahm sein Fahrrad, schwang sich drauf und trat in die Pedale. Sein BMX–Rad war blau mit einer Chromgabel und Speichen-Felgen. Auf der wenig befahrenen Straße gaben die dicken Reifen einen eigenwilligen Ton von sich, der Tim dazu verleitetet schneller zu fahren. Von seinem Haus bis zum Wald waren es vielleicht hundert Meter, doch Tim musste an einer anderen Stelle in den Wald fahren, daher fuhr er am Wald vorbei in Richtung Hauptstraße. An der Hauptstraße musste er warten, bis er sie überqueren konnte. Als sie frei war, gab er Kraft in die Pedale, und fuhr nun auf dem Wildwechsel weiter neben dem Wald her, bis er zu der großen Kastanie kam, die viele ihrer stacheligen Früchte verloren hatte. Gleich neben der Kastanie befand sich der Hauptweg mit seiner rot-weißen Schranke, die weit geöffnet nach oben zeigte. Sofort nach der Schranke bog er seitlich auf die Hügelpiste ein. Tim war nicht alleine, ein Spaziergänger mit Hund kam aus dem Wald den Hauptweg entlang und weiter hinten konnte man ein Pärchen sehen. Tim überwand die Granatengrube mühelos.

Nach ein paar weiteren Hügeln kam eine Wegkreuzung, auf der er wieder in den Hauptweg fuhr und dann nach rechts abbog. Wenn Tim weiter geradeaus gefahren wäre, hätte er an der nächsten Kreuzung einen der drei Eingänge des Wildparks erreicht. Doch jetzt war nicht der Wildpark das Ziel, sondern die Cross Strecke.

Der Förster beugte sich über den Fund. So etwas hatte er noch nie gesehen. Das Wildschwein war total zerfetzt. Riesige offene Wunden klafften über den toten Körper verteilt. „Stücke müssen herausgerissen worden sein“, sagte sein Gehilfe Volker, der den Eber so gefunden hatte. „Mann o Mann, wer soll denn den so zugerichtet haben?“ „Ein Hund vielleicht?“, spekulierte der Gehilfe in einem leicht ungläubigen Tonfall. „Ein Hund? Das muss aber schon ein sehr großer Hund gewesen sein. Vielleicht ein tollwütiger.“ Der Förster überlegte kurz: “Ja, vielleicht, eine tollwütige Dogge wäre groß genug.“ „Da gibt es noch etwas“, berichtete Volker, „Hier wurde der Eber nicht getötet, weiter unten, ca. hundert Meter von hier hören seine Spuren plötzlich auf. Als ob er in die Luft gehoben und hier niedergeworfen worden wäre.“ „Gibt es sonst keine Spuren?“, fragte der Förster überrascht. Volker schüttelte seinen Kopf. „Bestimmt wurde der Eber vor oder während des Sturmes getötet, deshalb finden wir keine Spuren. “Ja, das könnte sein, es ist halt nur merkwürdig.“ Der Förster hielt einen großen grünen Leinensack in der Hand. Zusammen mit seinem Gehilfen öffnete er ihn und breitete ihn aus. Volker packte den toten Eber gezielt an einem Vorderfuß und am Schädel, denn ein Vorderbein fehlte völlig. Nur die Sehnen ragten noch dort heraus, wo sich normalerweise das Bein befand.

Der Förster packte den Kadaver an den hinteren Läufen. Er war viel leichter als sie dachten. Der Grund wurde ihm schnell klar, denn die meisten Organe fehlten. Nochmal schauten sich die Beiden ungläubig an. Sie legten das tote Wildschwein ab, warfen die andere Seite des Sackes darüber und hüllten es auf diese Weise ein. Der Reißverschluss schloss beide Seiten fest zu. Jetzt hoben sie den Sack an und legten ihn auf die offene Ladefläche ihres kleinen VW Caddy. Als der Förster den Wagen startete, stieg Volker gerade ein. „Wirst du das Schwein verbrennen lassen?“, fragte er seinen Chef. „Ich will es erst mal vom Tierarzt untersuchen lassen, vielleicht findet er die Ursache heraus.“ „Ja, schon möglich“, stimmte ihm Volker zu und drehte sich eine Zigarette.

Am kleinen Forsthaus angekommen parkte der Förster gleich daneben. “Sollen wir den Eber hier abladen?“, fragte der Gehilfe. „Nein ich will damit gleich zum Tierarzt fahren, wenn ich ihn telefonisch erreicht habe.“ „Gut, dann mach ich jetzt Feierabend.“ „Ja ist gut, bis Morgen, Volker.“ „Bis Morgen Chef.“ Gerade wollte Volker gehen, als es sich noch einmal umdrehte und meinte: „Wie soll eigentlich der Hund in das Gehege gekommen sein? Das Wildschweingehege ist doppelt gesichert und es ist mehr als unwahrscheinlich, dass zwei Zäune Löcher haben!?“

Markus war gerade damit beschäftigt seinen Sattel neu einzustellen, der durch einen Sprung verrutscht war. Jürgen und Rene waren auch schon da, als Tim eintraf. „Na wie sieht die Rennstrecke aus?“, fragte Tim in die stehende Runde. “Alles o.k.“, antwortete Rene, der Älteste der Gruppe. Er ging in die sechste Klasse einer Realschule in Brück. „Also kann das Rennen heute stattfinden“, sagte Tim. „Ja, wenn die anderen kommen geht es los.“

Die Anderen, dachte Tim, ja heute würde er es ihnen zeigen. Tim fühlte sich bereit. Nach zwei Trainingsrunden kamen die Anderen. Horst, der Anführer, war groß für sein Alter und hatte blonde lange Haare. Hinter ihm folgten Thorsten und Oliver. Sie waren etwas jünger, als Horst, und hatten alle Drei rote BMX-Räder als Zeichen ihres Rennstalls.

Nach einer knappen Begrüßung wurden kurz die Regeln erläutert. Gestartet wurde paarweise, immer zwei Mann. Weil heute so viele Jungen dabei waren, wurden nur zwei Runden vereinbart, von den sonst üblichen drei Runden. Das Los entschied, wer gegen wen fuhr. Jeweils die Gewinner kamen in die nächste Runde und die Verlierer schieden aus.

Die erste Losung traf auf Jürgen und Thorsten. Beide stellten sich mit ihren BMX-Rädern am Startpunkt auf. Als Beide das Zeichen gaben, dass sie bereit waren, wurde wie immer ein alter Ast zerbrochen. Das laute Knacken war der Startschuss. Aus Tradition wurden alle zerbrochenen Stäbe auf einen Haufen geworfen, der schon recht groß war. Jürgen und Thorsten starteten ihre erste Runde. Nach wenigen Metern konnte Thorsten einen leichten Vorsprung rausholen und dadurch zuerst in eine enge Kurve einfahren.

Die Hinterradbremse hielt er festgedrückt und das schleifte ihn durch die Kurve. Doch Jürgen war knapp hinter ihm her. Jetzt folgte der erste Sprung, zwei bis drei Meter waren normal. Beide hatten eine gute Fahrt, nach links ging es durch die erste Steilkurve und Jürgen holte auf. Kurz darauf kam die zweite Steilkurve nach rechts. Thorsten hatte sie weiter unten angefahren und Jürgen, weil er aufholen musste, wollte weiter oben fahren, doch durch den starken Regen brach oben an der dünneren Stelle die Steilwand ab und rutschte hinunter. Jürgens Hinterrad brach durch und er musste einen üblen Sturz hinnehmen. Er schlug seitlich über und rutsche über den Waldboden. Nach einer Rolle blieb er liegen. Thorsten hatte das noch gar nicht mitbekommen und fuhr weiter. Er bemerkt Jürgens Sturz erst, als dieser schon stand und versuchte den nassen Dreck loszuwerden. Damit war Thorsten der Gewinner, das konnte Jürgen nicht mehr einholen. Thorsten stoppte nach der Ziellinie und hob die Arme als Zeichen des Sieges in die Luft. Eine weitere Runde war jetzt nicht mehr nötig.

„Tut mir leid“, sagte Tim als Jürgen zu ihm kam. „Hauptsache das Fahrrad ist noch ganz“, entgegnete Jürgen, der sich den Arm rieb. Das zweite Los traf Horst und Tim. Gerade Horst musste es sein, gegen den Tim nun antreten sollte. Auch sie standen bereit, als es „knackte“. Sofort ging Horst in Führung, doch weniger weit als er dachte, denn Tim hatte einen starken Tritt, das musste Horst ihm lassen. Horst konnte seinen Vorsprung ein wenig ausbauen, doch Tim blieb hinter ihm. In der kaputten Steilkurve fuhr Horst etwas langsamer als Tim. Anschließend folgte die Passage durch den alten Schützengraben, es war eng und sehr sandig. Das Treten fiel hier schwer und Beide wurden langsamer. Nach einer Kurve fuhren Beide wieder heraus auf eine lange, gerade Strecke. Tim hatte Mühe an Horst dranzubleiben.

Als plötzlich Horst voll abbremste und Tim beinahe in ihn hineingefahren wäre, er wich im letzten Moment nach rechts aus, wurde er, während er