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Keine Fingerabdrücke. Keine Waffe. Keine Zeugen. Kann DS Cross beweisen, dass es Mord war?
Als eine junge Frau nach einer Überdosis tot aufgefunden wird, schließt die Bristol Crime Unit schnell auf Suizid. Es war Mord, meint hingegen die Mutter der Toten. Ihre ehemals drogensüchtige Tochter sei seit Jahren clean gewesen. Keiner glaubt ihr – außer DS Cross. Als Autist und Außenseiter fühlt er sich zu Fällen hingezogen, in denen er für Stimmlose eintreten kann. Dank seiner brillanten Art zu ermitteln kann er auch bald einen Kreis verdächtiger Personen ausmachen. Doch unter dem Druck, den Fall einzustellen, wird die Zeit schnell knapp, um die Beweise zu erhalten, die diese trauernde Mutter verdient …
Einzigartig authentisch und intelligent: der neue Fall für den beliebten Detective Cross!
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Seitenzahl: 508
Veröffentlichungsjahr: 2025
Als eine junge Frau nach einer Überdosis tot aufgefunden wird, schließt die Bristol Crime Unit schnell auf Suizid. Es war Mord, meint hingegen ihre Mutter, denn ihre ehemals drogensüchtige Tochter sei seit Jahren clean gewesen. Keiner glaubt ihr – außer DS Cross. Als Autist und Außenseiter fühlt er sich zu Fällen hingezogen, in denen er für Stimmlose eintreten kann. Dank seiner brillanten Art zu ermitteln, kann er auch bald einen Kreis verdächtiger Personen ausmachen. Doch unter dem Druck seines Chefs, den Fall einzustellen, wird die Zeit schnell knapp, um die Beweise zu erhalten, die diese trauernde Mutter verdient …
Tim Sullivan ist ein erfolgreicher Drehbuchautor, Regisseur und TV-Produzent, der unter anderem an den Filmen Jack & Sarah und Briefe an Julia mitwirkte. Seine Reihe um den sozial unbeholfenen, aber brillanten und äußerst beharrlichen DS George Cross erfreut sich großer Beliebtheit bei den Leser*innen. Tim Sullivan wurde in Deutschland geboren, wo sein Vater für die Royal Air Force stationiert war. Heute lebt er mit seiner Frau Rachel im Norden Londons.
Der Kriminalist. Der erste Fall für Detective Cross · Der Kriminalist – Die Logik des Todes. Ein Fall für Detective Cross · Der Kriminalist – Die Sprache der Beweise. Ein Fall für Detective Cross
Tim Sullivan
Die Sprache der Beweise
Ein Fall für Detective Cross
Roman
Deutsch von Frauke Meier
Die Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel THE PATIENT bei Head of Zeus, London.
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Copyright der Originalausgabe © Tim Sullivan, 2022
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2025 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
Redaktion: Ulrike Gerstner
Umschlaggestaltung: Johannes Wiebel | punchdesign; unter Verwendung von Motiven von stock.adobe.com (mangpor2004; Pete)
StH · Herstellung: DiMo
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN 978-3-641-32166-6V002
www.blanvalet.de
Für Roger Michell,
in tiefer Dankbarkeit für lebenslange Freundschaft und weisen Rat.
Detective Sergeant Cross war gerade im Begriff, sein Fahrrad im Unterstand vor der Major Crime Unit in Bristol loszuschließen, da hörte er ein Geräusch. Als er sich in der Erwartung, eine streunende Katze oder einen Hund zu entdecken, umdrehte, sah er stattdessen eine Frau, die in der Ecke hinter den Fahrradständern kauerte und ein Sandwich verspeiste. Diese Frau hatte er schon früher gesehen. Während der vergangenen drei Tage hatte sie dauernd im Eingangsbereich der MCU gesessen. Einmal hatt<e er sie mit dem diensthabenden Sergeant der Wache reden gesehen. Sie hatte recht ruhig gewirkt, leise gesprochen, als würde sich bereits um was immer sie hergeführt hatte gekümmert. Die Frau war gut gekleidet, ganz im Stil einer relativ wohlhabenden Mittelständlerin, und schien weder Theater zu veranstalten noch auf andere Art zur Last zu fallen.
Nachdem er drei Tage an ihr vorbeigegangen war, hatte Cross beschlossen, mit ihr zu reden, um herauszufinden, was sie herführte. Aber als er an diesem Tag gegangen war, war sie nicht im Eingangsbereich gewesen, also hatte er geschlussfolgert, dass sich bereits jemand ihrer angenommen haben musste. Dass sie nun jedoch im Fahrradunterstand hockte, widersprach natürlich seiner Mutmaßung. Sie hatte das Gebäude verlassen, ja, aber sie war nicht gegangen. Und seine schon zuvor geweckte Neugier wurde von ihrer offensichtlich hartnäckigen Entschlossenheit, nicht zu gehen, nur weiter angestachelt. Derzeit sah sie nicht gerade gepflegt aus, Haar und Kleidung waren nass von dem unablässigen Regen dieses Nachmittags. »Nasser Regen«, so hatte seine Partnerin DS Josie Ottey das einmal beschrieben. Als er sie gefragt hatte, ob Regen nicht naturgemäß immer nass sei, erklärte sie, sie meine die Art Regen, der in großen, voluminösen Tropfen fiele. Tropfen, so groß, dass man ihnen kaum entkommen konnte, als hinge ein riesiger, leckender Wasserhahn am Himmel.
Das ramponierte Erscheinungsbild der Frau wurde durch die Tatsache, dass sie sich die Plastiktüte, in der sie ihr Mittagessen hergebracht hatte, als provisorischen Regenschutz um den Kopf gewickelt hatte, nicht gerade verbessert. Während der letzten paar Tage war sie an jedem einzelnen hergekommen und hatte ihr Mittagessen mitgebracht. Ihre Besuche waren geplant und gut vorbereitet; er erinnerte sich, gedacht zu haben, dass sie offenbar mit längeren Wartezeiten gerechnet hatte. Ihm war auch aufgefallen, dass die Frau, die dem Aussehen nach Ende sechzig sein musste, für ihre Sandwiches Baguette benutzte, keine Weißbrotscheiben. Das verbuchte er als weiteren Hinweis darauf, dass sie dem Mittelstand angehörte, auch wenn er überzeugt war, Ottey würde ihn wegen dieser Betrachtungsweise als Snob bezeichnen.
Er ließ das Schloss Schloss sein, nachdem er sie gesehen hatte. Sie sagte nichts, und er auch nicht. Er war von jeher nicht sonderlich gut darin, ein Gespräch zu beginnen; es sei denn, er führte eine Befragung durch, dann war ihm stets bewusst, dass das eine grundlegende Voraussetzung war, der er sich zu stellen hatte. Doch nun ging ihm auf, dass er, da er so oder so beabsichtigt hatte, mit dieser Frau zu sprechen, als er sie im Gebäude gesehen hatte, vielleicht nicht darauf warten sollte, dass sie zuerst das Wort ergriff.
»Was machen Sie hier?«, fragte er.
»Ich habe Schutz vor dem Regen gesucht«, sagte sie leise.
»Wäre es dann nicht nützlicher gewesen, einfach drin zu bleiben?« Das war, wie er dachte, eine durchaus vernünftige Frage.
»Man hat mich aufgefordert zu gehen«, erklärte sie.
»Warum?«
»Weil die mich offensichtlich für eine Nervensäge halten und sich nicht mit mir befassen wollen.«
»Das könnte daran liegen, dass dies kein Polizeirevier ist. Auf einem Polizeirevier hat man sich um jeden zu kümmern. Ich kann ihnen sagen, wo Sie das nächste Revier finden«, antwortete er.
»Da war ich schon. Ich war bei allen örtlichen Revieren, und die haben mich hierhergeschickt. Und nun werde ich hier auch fortgeschickt.«
»Warum?«, fragte er.
»Warum was?«
»Warum waren sie bei allen Revieren der Umgebung?«
»Wer genau sind Sie eigentlich?«
Eine absolut berechtigte Frage, wie Cross dachte. »Ich bin DS George Cross von der Major Crime Unit«, erwiderte er.
»Oh, gut. Dann sind Sie genau die Person, mit der ich reden muss. Mein Name ist Sandra Wilson, und meine Tochter wurde ermordet«, stellte sie vollkommen sachlich fest.
Und die Frage, warum das bei sämtlichen Diensthabenden der Umgebung nicht auf Interesse gestoßen war, war exakt das, was Cross’ Neugier weckte und ihn veranlasste, sie in sein Büro einzuladen. Natürlich war es möglich, dass sie psychische Probleme hatte, überlegte er; aber wenn sie die hatte, dann wusste sie sie gut zu verbergen.
Als sie den Eingangsbereich der MCU betraten, war die zivile Angestellte Alice Mackenzie gerade im Begriff, ihren Arbeitstag zu beenden und nach Hause zu gehen. »Angenehmen Abend, DS Cross«, sagte sie höflich.
»Handtuch«, antwortete er.
Mackenzie blieb ruckartig stehen, wirbelte um die eigene Achse und sagte zu seiner davonstrebenden Kehrseite: »Was?«
»Handtuch«, wiederholte Cross.
Sie sah die Frau an, die mit Cross die Stufen hinaufging, und erkannte nun, dass sie klatschnass war. Seufzend kehrte sie ins Gebäude zurück und machte sich auf die Suche nach einem Handtuch. Sie hatte sich inzwischen daran gewöhnt, dass er seine Anweisungen oft in einem arg knappen Befehlston erteilte, und nahm es nicht krumm – meistens jedenfalls. Sie konnte sich aber ein Lächeln nicht verkneifen, als sie den Diensthabenden sinnlos hinter Cross herrufen hörte. Vermutlich fragte der sich, warum Cross diese Frau, die drei Tage lang im Eingangsbereich gesessen und die er persönlich am Mittag hinauseskortiert hatte, wieder hereinbrachte. Das war typisch für Cross. Für die meisten seiner Kollegen bei der MCU war er wie Austern. Sie mochten ihn, oder sie verabscheuten ihn. Dazwischen gab es nichts. Er wirkte oft rüde, schwierig oder schlicht begriffsstutzig, aber das war nicht seine Absicht. George Cross hatte eine Autismus-Spektrum-Störung, wodurch es manchmal nicht ganz einfach war, mit ihm zu arbeiten. Aber zugleich war es eine Gabe. Das war es, was ihn zu einem so außergewöhnlichen Detective machte.
Cross nahm sich die Zeit, um den dünnen Dokumentenordner durchzusehen, den Sandra Wilson ihm überlassen hatte. Mackenzie wiederum hatte beschlossen, sich selbst zu dieser Besprechung einzuladen, sofern es sich um eine handelte, denn, so erklärte sie, das könnte dazu beitragen, es Sandra »angenehmer zu machen«.
Cross war nicht ganz sicher, warum das so sein sollte, aber auch zu müde, sich deswegen mit ihr anzulegen.
Mackenzie hatte sich im Stillen selbst dazu beglückwünscht, dass es ihr gelungen war, Cross gegenüber in jüngster Zeit etwas forscher aufzutreten und ihm im gleichen Zug zu demonstrieren, dass sie etwas zu bieten hatte. Sie war vor einem Jahr zur Truppe gestoßen und liebte den Job trotz anfänglicher Bedenken mit jedem Tag mehr. Und allmählich erkannte sie auch, wann sie Cross von Nutzen sein konnte, was durchaus hilfreich war; beispielsweise hatte sie gelernt, dass sie ihn unterstützen konnte, indem sie sich darum bemühte, anderen Menschen zu helfen, sich in seiner Gegenwart nicht unwohl zu fühlen – es sei denn, natürlich, sie kam zu dem Schluss, dass ein gewisses Maß an Unbehagen genau das war, was Cross bei seinem Gesprächspartner erzeugen wollte. Derzeit plauderte sie ein wenig mit Sandra, während Cross sich auf die Akte konzentrierte. Irgendwann blickte er auf und platzte in ihr Gespräch, als fände es gar nicht statt.
»Der Gerichtsmediziner hat festgestellt, dass Ihre Tochter am siebzehnten Juni dieses Jahres durch eine versehentliche Überdosierung zu Tode gekommen ist. Es hat eine Obduktion stattgefunden, und der toxikologische Bericht bestätigt diesen Befund. Ihre Tochter Felicity …«
»Flick«, unterbrach ihn Sandra. »Wir nannten sie Flick.«
»Ihre Tochter Flick hat eine lange und problematische Vorgeschichte mit Drogenmissbrauch. Mehrere erfolglose Entziehungskuren. Da ist ein detaillierter Bericht ihres Psychologen …«
»Doktor Sutton«, warf Sandra ein.
»… der besagt, dass sie in der Vergangenheit suizidgefährdet war. Das alles deutet auf einen tragischen Todesfall hin, Mrs Wilson – selbstverursacht, ob nun mit Absicht oder nicht. Jeder, der diesen Bericht liest, würde unausweichlich zu diesem Schluss kommen. Was, wie ich annehme, die Reaktion erklärt, die sie in den diversen Polizeirevieren, in denen Sie waren, erhalten haben.«
»Sie hat sich nicht umgebracht, weder absichtlich noch unabsichtlich«, erwiderte Sandra.
»Manche Dinge sind schwer zu akzeptieren, besonders für eine Mutter«, warf Mackenzie ein.
»Ich sage Ihnen, sie hat sich nicht umgebracht. Sie wurde ermordet«, wiederholte Sandra.
Für einen Moment gab die Unbeirrbarkeit der Frau Cross zu denken. Sie war offensichtlich fest überzeugt, was ihre Anwesenheit im Eingangsbereich über ganze drei Tage anschaulich demonstrierte, ebenso wie ihre klare Weigerung, das Urteil des Gerichtsmediziners und die daraus folgenden Reaktionen der Polizisten als endgültig hinzunehmen. »Warum sollte jemand Ihre Tochter ermordet haben?«, fragte er.
»Ich habe keine Ahnung«, entgegnete sie.
Cross nahm sich erneut die Akte vor und blätterte langsam Seite um Seite um.
»Es wurde nichts entwendet; es gab keinerlei Hinweise auf einen Einbruch. Tatsächlich gibt es überhaupt keinen Hinweis darauf, dass zum Zeitpunkt ihres Todes oder kurz zuvor jemand bei ihrer Tochter war. Warum sind Sie im Widerspruch zu sämtlichen vorliegenden Fakten so sicher, dass sie ermordet wurde?«
»Ich kenne meine Tochter«, lautete die Antwort.
Cross sagte nichts. Diese Art intuitiver, emotional begründeter Aussage hatte er schon zuvor Tausende von Malen von Verwandten und Freunden gehört, die nicht akzeptieren konnten, was ihnen gesagt wurde: dass ihr Kind ein Mörder war, ein Vergewaltiger, ein Dieb oder – wie in diesem Fall – tot. Die Weigerung, hinzunehmen, was offensichtlich war und ihnen direkt vor Augen stand, war verständlich, seiner Ansicht nach aber auch in gleichem Maße frustrierend. Ohne Zweifel war Sandra solch ein Fall. Nun bedauerte er, sie ins Gebäude zurückgebracht zu haben, denn für ihn sprachen die Fakten ein klares Urteil: Selbstmord oder Unfall.
»Viele Leute denken, sie würden die, die ihnen nahestehen, kennen, bis sie irgendwann herausfinden, dass ihnen über viele Jahre etwas verborgen geblieben ist. Kennen Sie irgendjemanden, der Ihrer Tochter Böses hätte wollen können?«, fragte er.
»Ich weiß alles über meine Tochter. Alles. Und ich sage Ihnen, sie wurde ermordet!«, entgegnete sie, ohne auf seine Frage einzugehen.
Die instinktiven Anschauungen der Menschen vermochten Cross nicht zu beeindrucken. Er hielt sich an Beweise. Fakten. In der derzeitigen Situation gab es rein gar nichts, was ihn auf den Gedanken bringen könnte, die trauernde Frau vor ihm könnte hinsichtlich ihrer Tochter richtigliegen. Er schlug erneut den Bericht des Gerichtsmediziners auf, um sich zu vergewissern, dass er nichts übersehen hatte. Las ihn erneut. Und noch einmal. Das kostete weitere zwanzig Minuten, in denen er nicht einmal aufblickte.
Mackenzie füllte die Stille mit Geplauder. Sie war froh, dass sie geblieben war, denn selbst wenn Cross ihre Anwesenheit vielleicht nicht zu schätzen wusste, war sie überzeugt, Sandra so ein wenig Trost spenden zu können, was sich auf lange Sicht als nützlich erweisen könnte. Während ihrer Zeit bei der MCU hatte sie festgestellt, dass sie als eine Art Kontaktperson bei einer Befragung bisweilen recht hilfreich sein konnte. Sie sah sich als Bindeglied zwischen den Befragten und Cross.
Endlich blickte Cross auf, schob die Akte über seinen Schreibtisch zu Sandra und erhob sich in der Hoffnung, ihr so vermitteln zu können, dass dieses Gespräch beendet war.
»Mrs Wilson, es gibt wirklich nichts, was ich den Informationen, die man Ihnen gegeben hat, hinzufügen könnte. Es scheint klar zu sein, dass ihre Tochter an einer Überdosis gestorben ist, absichtlich oder nicht. Nichts in dieser Akte deutet auf irgendeine andere Möglichkeit hin.« Er sah sie mit einer neutralen Miene an, von der er hoffte, sie könnte dazu beitragen, Sandra zu überzeugen, dass er die Wahrheit sagte. Dann fiel ihm ein, was Ottey ihm unter solchen Umständen zu sagen geraten hatte. »Ihr Verlust tut mir leid.«
Die Frau stand auf, offensichtlich zutiefst enttäuscht, aber sie lächelte auf eine würdevolle Art und steckte die Akte wieder in ihre Tasche. »Danke, dass Sie sich Zeit genommen haben, Detective Sergeant«, sagte sie dann.
»Ich bringe Sie hinaus«, erbot sich Mackenzie. »Wo müssen Sie jetzt hin? Brauchen Sie eine Fahrgelegenheit?«
»Nein, das ist sehr nett von Ihnen, aber ich werde den Bus nehmen. Ich muss meine Enkelin bei einem Nachbarn abholen, der sich um sie kümmert.«
»Wie alt ist sie?«, fragte Mackenzie.
»Erst zwei. Sie ist Flicks Kind«, entgegnete Sandra, als Mackenzie die Tür hinter ihnen schloss.
Cross überlegte einen Moment, stiefelte hinterher und öffnete sie wieder.
»Ihre Tochter hatte ein kleines Kind?«, fragte er.
Mackenzie und Sandra blieben stehen und drehten sich um.
»Ja … Daisy«, sagte Sandra.
Einen Augenblick lang dachte Cross nur schweigend nach und starrte den Teppich an.
»Wo war dieses Kind, als Ihre Tochter starb?«, fragte er.
»Bei ihr in der Wohnung. Im Schlafzimmer«, antwortete Sandra.
»Das Kind war in der Wohnung?«, hakte er nach.
»Ja. Flick muss sie gerade erst ins Bett gebracht haben. Sie legte viel Wert auf Routine. Daisy musste jeden Abend um sieben ins Bett, ob Tränen flossen oder nicht.«
Cross dachte darüber nach.
»Sie hat also ihr Kind schlafen gelegt und sich dann die Spritze gesetzt«, sagte er gedehnt, als würde er ein Selbstgespräch führen.
Mackenzie meinte, einen ungläubigen Unterton in seiner Stimme zu erkennen, aber bei ihm war es stets schwer, sicher zu sein.
»Ganz genau!«, sagte Sandra.
Mackenzie brachte Sandra zehn Minuten später hinaus, und Sandra ging gern, denn Cross hatte ihr versprochen, sich ein paar Dinge genauer anzusehen. Im Gegenzug hatte sie versichert, sie werde nicht zur MCU zurückkommen, bis er sie riefe, weil neue Informationen vorlagen.
Anschließend ging Mackenzie zurück zu Cross’ Büro, aber er war fort. Das tat er, wie sie bemerkt hatte, häufig, wenn er nicht über etwas sprechen oder einer Konfrontation aus dem Weg gehen wollte. Manchmal auch, wenn er ganz einfach etwas Zeit brauchte, um etwas allein zu überdenken. Dann verließ er sein Büro, ging die Hintertreppe hinunter und – in diesem Fall im Regen – um das Gebäude herum zu seinem Fahrrad. Sie spielte mit dem Gedanken, einfach runterzulaufen und ihn abzufangen, entschied sich aber dagegen.
Was sie nicht wusste, war, dass nicht sie die Person war, der Cross aus dem Weg gehen wollte, sondern sein Boss, DCI Ben Carson. Cross wusste, dass er noch im Haus war, weil er seinen Wagen auf seinem üblichen Parkplatz gesehen hatte, als er sein Fahrrad hatte holen wollen. Er wusste auch, dass der Diensthabende ihn nicht ausstehen konnte und keine Geduld für seine »Marotten« aufbrachte. Zweifellos hatte er Carson bereits darüber in Kenntnis gesetzt, dass DS Cross die Frau, die Carson selbst aus dem Gebäude hatte entfernen lassen, wieder hereingeholt hatte. Cross wiederum hatte weder die Zeit noch die Geduld, um seinem Vorgesetzten an diesem Abend überflüssige Erklärungen zu liefern.
Sein Interesse an Flicks Tod lag in dem offensichtlichen Mangel an Logik begründet, der im Zusammenhang mit der Überdosierung bestand. Es fiel ihm schwer zu glauben, dass Flick, wenn sie entweder vor einem Rückfall stand oder vorhatte, sich selbst umzubringen, keine Vorkehrungen für ihr Kind getroffen hätte. Ihr Baby. Hätte sie sich einen neuerlichen drogeninduzierten Rausch herbeigesehnt – was er angesichts ihres Verhaltens in jüngster Zeit für unwahrscheinlich hielt – oder sich umbringen wollen, dann hätte sie das sicher nicht mit ihrem Kind im Nebenzimmer getan. Das kam ihm absolut unpassend vor. Noch alarmierender war jedoch die Tatsache, dass das Kind bei der ganzen Untersuchung überhaupt nicht zur Sprache gekommen war. Das deutete für Cross auf einen Mangel an Gründlichkeit hin, eine Vorgehensweise, die häufig zu Fehlern führte. Er würde morgen genauer darüber nachdenken. Jetzt brauchte er sein Bett.
»DS Cross«, stellte er sich vor und hielt seinen Dienstausweis hoch, als er die Pathologie betrat.
Clare Hawkins blickte auf und wartete darauf, dass er ihr den Grund für seine Anwesenheit nannte, denn sie hatte derzeit keinen seiner Fälle auf ihrem Laufzettel.
»Ich hatte mich gefragt, ob Sie mir einen Gefallen tun könnten«, erklärte er und wiederholte dabei sorgfältig die Worte, die er Ottey zufolge nutzen sollte, um so ein Gespräch einzuleiten.
»Oh, mir war nicht bewusst, dass wir schon beim Austausch von Gefälligkeiten angekommen sind.«
Das brachte Cross völlig durcheinander. »Wie bitte?«
»Ach, vergessen Sie das«, sagte sie. »Das war nur ein Scherz. Worum geht es?«
»Können Sie das erklären? Den Scherz?«
»Es war ein Scherz darüber, wie sich die Vertrautheit in unserer Beziehung – oder der Mangel an selbiger – entwickelt hat«, legte sie dar.
»Da gibt es keine Vertrautheit«, konstatierte Cross.
»Das ist ja der Witz«, sagte sie.
Er dachte einen Moment darüber nach, kam zu dem Schluss, dass er sie wohl beim Wort nehmen musste, und ließ das Thema fallen.
»Könnten Sie sich diesen gerichtsmedizinischen Bericht ansehen, besonders die toxikologischen Befunde, und sich dann bei mir melden?«
Sie blätterte die Aktenmappe durch.
»Überdosis; aller Wahrscheinlichkeit nach versehentlich, möglicherweise ist es aber auch ein Selbstmord. Wonach suche ich?«, fragte sie.
»Wenn ich das wüsste, würde ich Sie nicht bitten.« Cross fand seine Antwort keineswegs unpassend.
»Wo liegt das Problem?«, hakte Clare nach.
»Ihre Mutter denkt, sie wurde ermordet. Eine nicht ungewöhnliche Reaktion auf solch einen Befund, aber etwas an der ganzen Sache stimmt nicht.«
»Was?«
»Sie hatte ein Kind. Eine Zweijährige, die im Nebenzimmer saß, als die tödliche Dosis appliziert wurde. Das in Verbindung damit, wie ihre Mutter das Verhalten ihrer Tochter in der jüngsten Zeit beschrieben hat, scheint gewisse Zweifel an den Befunden des Gerichtsmediziners zu rechtfertigen. Ich glaube, es wurde etwas übersehen, und ich hätte gern, dass Sie es finden. Etwas stimmt hier nicht, und es steckt da drin.«
Das erklärte Cross’ Reaktion auf diesen speziellen Fall. Er konnte es einfach nicht akzeptieren, wenn etwas falsch oder fehl am Platz war. Ein Punkt, den Clare an ihm schätzte: Die Tatsache, dass er nie auf Basis von Instinkt agierte, sondern sich immer an den Beweisen orientierte, die er vor sich hatte. Und sie hatte gelernt, dass es sich, wenn er an etwas so Unkompliziertem wie diesem gerichtsmedizinischen Bericht Zweifel hegte, auf jeden Fall lohnte, der Sache nachzugehen.
»Was, denken Sie, ist passiert?«, fragte sie.
»Das weiß ich natürlich noch nicht, aber ich hoffe, Sie werden auf eine Unzulänglichkeit stoßen, die uns einen Anlass gibt, den Fall weiterzuverfolgen.« Nach dieser Erklärung blieb er erwartungsvoll an Ort und Stelle stehen. Als sie aufblickte, sagte er: »Ich werde warten.«
»Nein, mir wäre lieber, wenn Sie das nicht täten. Ich habe noch einen Autopsiebericht fertigzustellen, danach sehe ich mir das an«, sagte sie.
»Wann soll ich also zurückkommen?« Er blickte auf seine Armbanduhr.
»Ich rufe Sie an.«
»Wann?«, beharrte er.
»In der Minute, in der ich es mir angesehen habe«, sagte sie und lachte über seine Hartnäckigkeit.
Offenbar ahnte er, dass es keinen Sinn hatte, weiter zu versuchen, ihr eine genauere Information hinsichtlich des Zeitpunkts zu entlocken, also ging er – grußlos und ohne ein Wort des Dankes.
Sie lächelte. Je länger sie ihn kannte, desto mehr mochte sie ihn. Vielleicht war »mögen« nicht der richtige Begriff, aber sie empfand seine Direktheit und seine Arbeitsweise definitiv in zunehmendem Maße als erfrischend.
»Bye!«, rief sie ihm gewohnheitsmäßig nach. Nicht, um ihm seinen Mangel an Manieren vor Augen zu führen, sondern um sich ein wenig darüber zu belustigen.
Am Vorabend war Cross DCI Carson erfolgreich aus dem Weg gegangen. Folglich musste er nun damit rechnen, dass ihm der Boss an den Fersen klebte, sobald er einen Fuß ins Großraumbüro auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz setzte. Cross war der Einzige, der einen eigenen geschlossenen Raum hatte, nicht, weil er eine höhere Position bekleidete – das tat er nicht –, sondern weil er mit der Geräuschkulisse – Telefonate, klappernde Tastaturen, Gerede – nicht zurechtkam.
Obwohl ihre Mittel so deutlich gestutzt worden waren, ging es im Großraumbüro im Zuge einer laufenden Ermittlung noch geschäftiger zu. Dann wären mindestens fünfzehn Personen hier, von anderen Detectives bis hin zu zivilen Mitarbeitern. Die forensische Abteilung war zwar in einem anderen Gebäude untergebracht, doch auch die Forensiker kamen oft her, um an Einsatzbesprechungen teilzunehmen oder ihre Erkenntnisse – oder den Mangel an selbigen – bei einer Tasse Kaffee zu diskutieren. Für Cross waren die wichtigsten Mitglieder jedes Ermittlerteams der Büroleiter und der Asservatenbeamte, der für die Archivierung der Beweismittel verantwortlich zeichnete.
Allerdings waren seine Erfahrungen mit Büroleitern durchwachsen. Sie waren nicht, wie ihr Name vielleicht andeuten könnte, zuständig für Schreibtische und Anspitzer. Sie waren ebenfalls Detectives und zuständig für die Leitung der Einsatzzentrale. Dazu gehörte auch die Zuteilung und Überwachung aller Aufgaben, die im Zuge der Ermittlungsarbeit zu erledigen waren. Sämtliche Maßnahmen wurden in einem Durchschreibebuch mit heraustrennbaren Seiten festgehalten. Das war vielleicht ein wenig archaisch, aber auch enorm effizient. Das für die jeweilige Aufgabe zuständige Teammitglied bekam eine Kopie, und der Vorgang würde im Buch abgehakt werden, sobald er abgeschlossen war oder nicht länger für notwendig befunden wurde.
Das Problem war, dass Cross dieses System zu sehr schätzte: War der Büroleiter abwesend, dann trug er schon mal selbst Aufgaben in das Buch ein und verteilte die zugehörigen Laufzettel, was unausweichlich zu Spannungen führte. Um diesem Problem beizukommen, hatte man Cross versuchsweise selbst bei einem Fall die Büroleitung übertragen. Er hatte sogar Gefallen daran gefunden, trotz der Anzahl der Leute, die er im Zuge dieser Arbeit offensichtlich verärgert hatte. Aber das Team war bei der Lösung eines Falles weit weniger erfolgreich, wenn er Verwaltungsaufgaben übernahm, statt seine erstaunlichen Fähigkeiten als Ermittler beizusteuern. Also wurde eine Ausnahme für ihn gemacht – ein weiterer Punkt auf der ständig länger werdenden Liste der Zugeständnisse, wie einige der Detectives fanden –, und er bekam offiziell Zugriff auf das Maßnahmenbuch. Dass Cross damit schon wieder zum Sonderfall wurde, rief natürlich neuerliche Ressentiments hervor, was ihm selbst jedoch überhaupt nicht bewusst war.
Er hatte gerade die ersten paar Schritte in das Großraumbüro getan, als er ein vertrautes Geräusch hörte, das ihm verriet, dass Carsons Tür geöffnet wurde. Gleich darauf hallte sein Name durch den Raum. Cross ging einfach weiter zu seinem Büro, öffnete die Tür und wartete darauf, dass der DCI ihm folgte. Zuerst aber bellte Carson erneut seinen Namen. Ottey verfolgte das Geschehen von ihrem Schreibtisch aus. Nach ihrer Miene zu schließen, fragte sie sich, warum Carson noch immer nicht begriffen hatte, dass Cross auf Leute, die ihn anbrüllten, nicht reagierte. Er ignorierte sie grundsätzlich, weil Schreien in seinen Augen unangenehm und unnötig war. Der Schreihals würde das, was er mitzuteilen hatte, ohnehin bald mit weniger räumlichem Abstand offenbaren, sodass es unnötig wäre, die Stimme zu erheben.
Diese Regel wandte Cross auch auf sich selbst an. Er schrie nie, um die Aufmerksamkeit eines anderen zu erregen oder um etwas zu bitten. Er ging stets zu der Person, von der er etwas wollte, und sprach in normaler Lautstärke mit ihr. Aus seiner Sicht war Geschrei in ihrem Beruf nur dann und wann angebracht; beispielsweise bei einer Verfolgungsjagd oder wenn sie versuchten, etwas zu verhindern, was in diesem Moment in einer Entfernung stattzufinden drohte, die eine höhere Lautstärke erforderlich machte. Nun also wartete er darauf, dass Carson zu ihm kam, während er seinen Rucksack ablegte, seine Fahrradausrüstung abnahm und alles ordnungsgemäß an seinen gewohnten Platz packte.
»Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir zu erklären, warum Sie Sandra Wilson gestern wieder zurück in das Gebäude gebracht haben?«, fragte Carson grußlos.
»Sie ist überzeugt, dass ihre Tochter ermordet wurde und das Urteil des Gerichtsmediziners falsch ist«, antwortete Cross.
Inzwischen war auch Ottey dazugestoßen.
»Die arme Frau steht vor Kummer ganz neben sich und kann die Fakten nicht akzeptieren«, sagte Carson. »Das ist tragisch, aber nicht unser Problem, weshalb sie gestern auch gebeten wurde, das Gebäude zu verlassen.«
»Es sei denn, sie hat recht«, konterte Cross.
»Es ist nicht unsere Aufgabe, Verbrechen aufzudecken, George.« Für einen Moment trat Stille ein, als alle drei sich bemühten, das zu verarbeiten, was Carson soeben von sich gegeben hatte. »Wenn es kein Verbrechen gibt, meine ich natürlich«, sagte er verlegen.
»Es ist dennoch unsere Aufgabe, Verbrechen aufzudecken«, verkündete Ottey.
»Ich habe Grund zu der Annahme, dass diese Frau ermordet wurde«, sagte Cross.
»Das ist reichlich kühn, sogar für Sie. Sie sagen also, dass der ursprüngliche Ermittler, der medizinische Gutachter und der Gerichtsmediziner in diesem Fall alle falschliegen?«, fragte Carson.
»Das ist eine sehr präzise Zusammenfassung meiner Position, abgesehen von der Tatsache, dass der Officer, der ursprünglich mit diesem Fall befasst war, anscheinend wenig aktiv war«, sagte Cross und fügte zwecks Präzisierung hinzu: »In Hinblick auf die Ermittlungen.«
»Wer war der ursprüngliche Ermittlungsleiter?«, fragte Carson.
»Campbell«, antwortete Ottey.
»Das kann doch nur ein Witz sein. Tun Sie das etwa deswegen?«, stöhnte Carson. Denn es war eine Tatsache, dass DI Johnny Campbell Cross nicht ausstehen konnte, aber nicht wegen seiner Art, sondern weil Cross eine geradezu unheimliche Gabe besaß, Unzulänglichkeiten in Campbells Ermittlungen aufzudecken.
»Ich verstehe die Frage nicht«, sagte Cross.
»Tja, tut mir leid, aber ich denke, Ihre Zeit wäre bei Verbrechen, die wirklich stattgefunden haben, besser investiert. Beispielsweise hätten wir da die Leiche im Fluss. Gehen wir doch diesem Mord auf den Grund, ehe wir trauernde und mutmaßlich auch verstörte Mütter verhätscheln«, verkündete Carson.
Mackenzie betrat das Großraumbüro und wollte gerade ihren Arbeitstag beginnen, als sie Carson und Ottey in Cross’ Büro sah, also schlenderte sie hinüber, um zuzuhören. Nicht, weil sie so neugierig war, sondern aus dem Bedürfnis heraus, auf alles, was man von ihr erwarten könnte, vorbereitet zu sein. Außerdem war das eine gute Möglichkeit, die drei daran zu erinnern, dass sie existierte und hier war, damit man ihr Aufgaben übertrug.
»Josh Trent, Alter dreiundzwanzig, war in der Nacht seines Todes mit zwei Freunden zwecks exzessiven Alkoholkonsums in einem Pub, ungefähr eine halbe Meile flussaufwärts von der Stelle, an der seine Leiche gefunden wurde«, sagte Cross. »Laut dem Betreiber des ersten Pubs, in dem sie getrunken haben, dem King William IV, waren sie dort schon reichlich berauscht. Er musste sie rauswerfen, nachdem Trent in eine Prügelei geraten ist. Daher die Prellungen im Gesicht, die nicht erst entstanden sind, als er im Fluss gelandet ist, sondern mindestens drei Stunden früher. Als er den zweiten Pub verlassen hatte, ging er zum Fluss, um zu urinieren, und fiel. Seine Freunde haben zwar gemerkt, dass er verschwunden war, waren aber selbst zu betrunken, um sich etwas dabei zu denken – sie haben angenommen, er wäre einfach weggegangen. Erst, als sie die Neuigkeit am nächsten Morgen gehört haben, ist ihnen bewusst geworden, was wirklich passiert ist, und sie haben sich gemeldet.« Cross legte eine Pause ein, um alles noch einmal in Gedanken durchzugehen und sich zu vergewissern, dass er nichts ausgelassen hatte.
»Was macht Sie so sicher, dass er nur pissen wollte und sonst niemand involviert war?«, fragte Carson.
»Der aus dem offenen Hosenschlitz ragende Penis des Verstorbenen«, sagte Cross in einem so neutralen Ton, dass Mackenzie ein Kichern unterdrücken musste. Normalerweise hätte ihr Ottey in so einer Situation einen mahnenden Blick zugeworfen, aber die war allem Anschein nach viel zu sehr damit beschäftigt, nicht selbst in Gelächter auszubrechen. »Außerdem bin ich eine halbe Meile flussaufwärts gegangen und habe Spuren im Schlamm gefunden, dort, wo er in den Fluss gerutscht ist. Er trug einen langen Mantel und Stiefel, was jegliche Bemühungen zu schwimmen erschwert haben muss. Allerdings wären derartige Bemühungen weitgehend nutzlos gewesen.«
»Und warum?«, fragte Carson.
»Weil Josh Trent nicht schwimmen konnte. Das steht alles in meinem Bericht, den zu lesen Sie vermutlich noch keine Gelegenheit gefunden haben. Offen gesagt, hätten die Uniformierten ihre Arbeit ordnungsgemäß erledigt, hätte es keinen Grund gegeben, uns hinzuzuziehen.«
»Und wo ist dieser Bericht?«, wollte Carson wissen.
»Ich habe ihn gestern Nachmittag auf Ihren Schreibtisch gelegt«, sagte Mackenzie.
Darauf wusste Carson spontan nichts zu entgegnen, und als nun Cross’ Telefon klingelte, ermutigte er den Detective, den Anruf anzunehmen, in der Hoffnung, das könnte die peinliche Situation vergessen machen.
Es war Clare, die Pathologin.
»Ich habe mir den Bericht angesehen, und das sieht alles ziemlich eindeutig aus. Überdosis«, sagte sie.
»Sie übersehen etwas«, entgegnete Cross.
»Tja, ich kann mich nur an das halten, was ich lese«, entgegnete sie und lächelte angesichts seiner Unverblümtheit still in sich hinein.
»Sehr guter Einwand. Das kann ich ändern.«
»Wie?«, fragte sie.
»Ich schicke Felicitys Leichnam zu Ihnen«, sagte er.
Nun erst begriff Carson, was vor sich ging. »Mit wem reden Sie da?«
»Clare, die Pathologin. Ich habe sie gebeten, einen gerichtsmedizinischen Bericht durchzusehen.«
»Und wie lautet ihre Schlussfolgerung?«
»Sie kann keinen Fehler entdecken«, antwortete Cross.
»Na also, da haben Sie es. Damit ist klar, dass es sich um einen tragischen Vorfall handelt, mit dem die Mutter irgendwie zurechtkommen muss. Bitte, lassen Sie es dabei bewenden.«
»Clare möchte den Leichnam untersuchen«, fuhr Cross einfach fort.
»Das habe ich nicht gesagt!«, protestierte Clare am anderen Ende der Leitung, musste aber angesichts Cross’ Frechheit unwillkürlich lachen.
»Ihre Mutter hat in weiser Voraussicht keine Bestattung veranlasst, weshalb der Leichnam immer noch verfügbar ist.« Erwartungsvoll sah Cross DI Carson an. »Aber natürlich benötigt Clare eine Autorisierung Ihrerseits, um weiterzumachen.«
Carson verabscheute derlei Situationen, wenn Cross beteiligt war. Jedem anderen hätte er einfach die Anweisung erteilt, die Sache fallen zu lassen und weiterzuarbeiten. Aber kein anderer hätte ihn je in so eine Position gebracht. Er wusste nicht, was schlimmer war: seine Anweisung sofort zurückzunehmen, Cross machen zu lassen und die damit verbundene – zugegebenermaßen geringfügige – Demütigung in Kauf zu nehmen oder stur an seiner Entscheidung festzuhalten. Das Problem bei Letzterem war, dass Cross niemals aufgeben würde, besonders dann nicht, wenn er dazu aufgefordert wurde. Er war wie ein Terrier, der einem an den Hacken klebte: Sobald er ein Hosenbein zwischen die Zähne bekam, biss er sich fest und ließ nicht mehr los, wie sehr man auch zappeln mochte. Er würde sich einfach mit den Zähnen festhalten, selbst wenn er dabei durch die Luft flöge.
Außerdem hatte Cross trotz seiner nach außen eher unbeholfen wirkenden Art ein bemerkenswertes Talent, Leute wie Clare zu überreden, Dinge unter dem Radar zu erledigen. Und wenn er das tat, erwies sich ausnahmslos, dass er richtiglag, was für Carson sogar noch demütigender war. Obwohl Cross, wenn der Fall abgeschlossen war und der Erfolg auch »weiter oben« bekannt wurde, stets dafür sorgte, dass Carson sämtliche Lorbeeren dafür einstreichen konnte.
»Schön. Machen Sie weiter, aber es wäre besser, wenn Sie auch richtigliegen«, sagte Carson.
»Oh, ich hoffe, das tue ich nicht. Oder denken Sie, es wäre besser für ihre Mutter? Herauszufinden, dass ihre Tochter ermordet wurde?«, fragte Cross.
Carson war augenscheinlich nicht recht sicher, ob diese Äußerung sarkastisch gemeint war – wenngleich er eigentlich wissen sollte, dass dem nicht so war –, denn er starrte Cross nur wortlos an.
»Ach, ich glaube schon«, wagte Mackenzie sich vor, und prompt richteten sich alle Blicke auf sie, als wäre sie ein Kind im Kreise Erwachsener auf einer Cocktailparty und hätte sich unerwartet und unerwünscht zu Wort gemeldet, um ihre Meinung kundzutun. »Ich meine, denken Sie nicht, es wäre besser, sie bekäme eine Bestätigung für ihren Verdacht und wüsste sicher, dass ihre Tochter sich nicht selbst umgebracht hat, sei es nun absichtlich oder nicht?«
Cross dachte einen Moment nach. »Da könnte sie durchaus recht haben«, sagte er.
Daraufhin verließ Carson fluchtartig den Raum und schüttelte den Kopf, als wäre er außer sich, dass er mit solch einem Haufen von Pappnasen arbeiten musste.
»Kann Ihre Abteilung Vorkehrungen für den Transport von Felicity treffen?«, wandte Cross sich an Clare, die immer noch in der Leitung war.
»Natürlich. Ich melde mich, sobald ich neue Informationen habe.«
»Meinen Sie nicht, ›falls‹ Sie neue Informationen aufdecken?«, hakte Cross nach.
»Etwas sagt mir, dass Ihre Instinkte in diesem Fall richtigliegen«, entgegnete sie.
»Das hat nichts mit Instinkten zu tun«, belehrte er sie. »Das Kind im Nebenzimmer ist eine unbestreitbare und aussagekräftige Tatsache.« Und damit beendete er das Gespräch.
»Ich liebe es, wenn er so ist«, sagte Mackenzie, als sie und Ottey zu ihren Schreibtischen zurückgingen.
»Wenn er wie ist?«, fragte Ottey.
»Wenn die autistischen Züge ausbrechen«, erklärte Mackenzie, worauf Ottey ihr einen sonderbaren Blick zuwarf. »Mein Bruder ist Autist, wissen Sie noch? Das räumt mir besondere Privilegien ein«, fuhr sie fort. Dann, als sie immer noch das Gefühl hatte, dass Ottey nicht begeistert war, fügte sie hinzu: »Schon kapiert. Ich werde in Zukunft vorsichtiger sein.«
»DS Cross«, sagte er und hielt seinen Dienstausweis hoch, damit Clare ihn sehen konnte.
»Ich habe eine Nachricht hinterlassen, in der ich darum gebeten habe, dass Sie mich anrufen. Sie hätten nicht den ganzen Weg herkommen müssen«, sagte sie. Er antwortete nicht, aber sie wusste sowieso, warum er hier war. Er wollte sich die Leiche selbst ansehen. Ihre Arbeit überprüfen. Seufzend drehte sie sich zu einem ihrer Assistenten um. »Könnten Sie Miss Wilson herbringen?«
Cross fand, das spiegelte wunderbar ihre Haltung gegenüber den Toten wider. Sie behandelte sie stets mit formeller Höflichkeit. Für sie waren sie nicht nur Leichen, Kadaver, Tote, sterbliche Überreste, sondern nach wie vor Leute, Personen, wenn auch verstorbene, die mit dem gleichen Respekt behandelt werden sollten, den man ihnen im Leben erwiesen hätte.
»Also, was können Sie mir über Miss Wilson erzählen?«, fragte er.
»Todesursache ist eine Überdosis. Es gibt nur eine Einstichstelle in der Armbeuge, in der noch die Kanüle steckte, und eine Prellmarke an der Stirn. Es ist nicht feststellbar, ob die zum Zeitpunkt des Todes verursacht wurde oder bereits zuvor, weil seit ihrem Ableben zu viel Zeit vergangen ist.«
»Also ist das möglicherweise irrelevant?«
»In diesem Stadium ist nichts irrelevant, Sergeant«, rief sie ihm in Erinnerung.
»Das ist in der Tat wahr«, stimmte er zu.
Seit Cross Clare gebeten hatte, sich Flick anzusehen, waren drei Wochen vergangen. Der lange Zeitraum beruhte darauf, dass sie beschlossen hatte, die toxikologischen Tests ebenfalls zu wiederholen.
»Etwas ist aber merkwürdig. Flick starb an einer Überdosis Diamorphin«, fuhr sie fort.
»Warum ist das merkwürdig?«
»Berücksichtige ich die Auffindesituation und den vorangegangenen Drogenmissbrauch des Opfers, hätte ich in dem Fall gewöhnliches Heroin erwartet, kein pharmazeutisches Diamorphin. Die Leute denken meist, das wäre ein- und dasselbe, aber das stimmt nicht. Heroin wird im Körper anders abgebaut als Diamorphin. Beide haben zwar dasselbe Abbauprodukt, eine Substanz namens 6-MAM, aber Straßenheroin ist keine saubere Droge. Normalerweise findet man im Zusammenhang mit Heroin auch Spuren von Streckmitteln wie Codein, Noscapin und Papaverin. Nichts davon ist vorhanden.«
»Und was schließen Sie nun daraus?«, erkundigte er sich.
»Flick ist an einer Überdosis eines medizinischen Morphins gestorben, was eine Menge Fragen aufwirft. Fragen, die bereits früher hätten aufkommen müssen. Hätte sie sich nur einen Schuss setzen wollen, was ich bezweifle, oder ihrem Leben ein Ende machen, dann sollte man doch annehmen, dass sie dafür gewöhnliches Heroin benutzt hätte, von der Straße. Wo hätte sie denn medizinisches Morphin herbekommen sollen?«
»Was genau wollen Sie sagen?«
»Sie haben mich gebeten, nach etwas zu suchen, was nicht passt, was nicht normal ist, was ungewöhnlich ist, und das ist, was ich gefunden habe. Meiner Ansicht nach stützt das die Behauptung der Mutter, dass sie ermordet wurde. Ich gebe zu, dass dieser Befund mehr Fragen aufwirft, als er Antworten liefert. Aber ich schätze, da kommen Sie ins Spiel«, sagte sie.
Cross dachte darüber nach. Das war exakt die Art von Ungereimtheit in der Faktensammlung zu einer Ermittlung, der andere häufig keine Beachtung schenkten – wie es in diesem Fall tatsächlich geschehen war – oder die sie schlicht übersahen; zugleich war es eine Form der Inkonsistenz, die in ihm den Verdacht weckte, dass tatsächlich ein Verbrechen begangen wurde.
»Da ist noch eine andere Sache, die versäumt wurde – eine Haaranalyse. Hätte sie in den letzten Monaten Heroin genommen, hätte das im Haar Spuren hinterlassen. Rückstände. Diese Frau war bereits seit mindestens achtzehn Monaten drogenfrei«, führte sie aus.
In diesem Moment wurde der Leichnam, abgedeckt mit einem Laken, von einem Assistenten hereingeschoben. Cross drehte sich um und wandte sich zum Gehen.
»Wollen Sie sich die Leiche nicht ansehen?«, fragte sie.
»Nicht nötig. Sie haben das nicht Offensichtliche gefunden, wovon ich in Anbetracht Ihres Arbeitseifers sowieso überzeugt war.« Und damit ging er.
»Bye!«, sprach sie in die leere Luft.
Der Assistent wandte sich ihr zu. »Hat der Ihnen gerade ein Kompliment gemacht?«, fragte er.
»Sollte er das getan haben, dann war es ihm ganz sicher nicht bewusst«, entgegnete sie.
Cross war im Begriff, Ottey in seinem Büro über Clares Befunde in Kenntnis zu setzen, als Mackenzie an der Tür erschien.
»Sie werden in Carsons Büro erwartet«, sagte sie, worauf beide aufstanden. »Nur DS Cross.«
Ottey blieb stehen; eigentlich wollte sie einen Blick mit Cross wechseln, aber der war schon weg. Sie hätte höchstens noch mit seinem Rücken sprechen können, also folgte sie ihm zur Tür hinaus und sah sich zu Carsons Büro um, wo ihr Boss mit jemand anderem sprach. Der kahle, rasierte Hinterkopf war unverwechselbar: Campbell.
»DI Campbell ist nicht erfreut, dass sie den Fall Wilson wieder aufrollen«, legte Carson an Cross gewandt los.
»Er rollt ihn nicht wieder auf. Es gab gar keinen Fall. Es gibt keinen Fall«, geiferte Campbell.
»Felicity Wilson starb an einer Überdosis …«, setzte Cross an.
»Das wissen wir«, fiel Campbell ihm ins Wort.
»… eines medizinischen Morphins, nicht an gewöhnlichem Heroin«, beendete Cross seinen Satz.
Darauf schwieg Campbell, vermutlich, weil er ernsthaft versuchte, sich zu überlegen, welche Implikationen daraus resultieren mochten.
»Was natürlich gewisse Fragen aufwirft«, fuhr Cross fort.
»Sie ist also an einer Überdosis eines medizinischen Morphins gestorben. Und? Sie war drogensüchtig«, sagte Campbell.
»Aber drogenfrei …«, erwiderte Cross.
Campbell prustete. »Ach, kommen Sie mir doch nicht mit diesem Scheiß. Einmal süchtig, immer süchtig.«
»In der Tat. Deswegen spricht man, wie ich vermute, auch von Abstinenz oder Drogenfreiheit und nicht von Heilung. Flick Wilson hat keine Drogen konsumiert, was Sie hätten wissen können, wäre ihr Haar untersucht worden, was nicht geschehen ist, weil sie es zu eilig hatten, diese Sache als Suizid oder versehentliche Überdosis abzutun.«
Campbell wollte ihn erneut unterbrechen, aber Cross sprach einfach weiter, ein kleines bisschen lauter und bestimmter. »Hätten Sie gründlich gearbeitet – nein, lassen Sie mich das umformulieren – hätten Sie ordnungsgemäß gearbeitet, dann hätten Sie auch ihr Haar untersuchen lassen, denn wie Sie wissen, verbleiben Drogenrückstände im Haar und liefern Aufschluss über die genaue Zeit des Konsums. Felicity hatte bereits seit mindestens achtzehn Monaten keine Drogen konsumiert. In ihrem Haar war keine Spur von irgendwas zu finden. Was Sie auch schon hätten wissen können, hätten Sie der Mutter zugehört und wären dem nachgegangen.«
»Meiner Ansicht nach gab es da nichts, dem nachzugehen gewesen wäre, und daran hat sich nichts geändert. Sie hat ihren Tod selbst verursacht, tragischer Unfall oder tragischer Selbstmord«, sagte Campbell.
»Sogar im Lichte dessen, was ich Ihnen gerade erzählt habe?«, hakte Cross nach.
»Ganz besonders im Lichte dessen, was Sie mir gerade erzählt haben«, gab Campbell zurück.
Cross dachte kurz nach, nur für den Fall, dass er Campbell doch nicht richtig verstanden hatte. Dann, überzeugt, dass dem nicht so war, blickte er auf.
»Wirklich? Vielleicht können Sie mir das erläutern, denn ich verstehe es nicht.« Er drehte sich zu Carson um. »Verstehen Sie, wie er immer noch zu demselben Schluss kommen kann, sogar im Lichte dieser neuen Beweise? Oder besser, dieser alten Beweise, die er nicht beachtet hat.«
»Überlegen Sie sich besser, wie Sie mit mir reden, Sergeant«, herrschte Campbell ihn an.
»Ihre übergeordnete Position ist mir vollkommen bewusst, DI Campbell, aber das bedeutet nicht, dass Sie diesen Job besser machen würden als ich. Um genau zu sein, scheint angesichts der vielen Male, zu denen wir aneinandergeraten sind, und zwar nahezu jedes Mal aufgrund ihrer mangelnden Befähigung, das genaue Gegenteil der Fall zu sein«, sagte Cross ohne Umschweife.
Carson wäre beinahe in Gelächter ausgebrochen, erinnerte sich aber offenbar noch rechtzeitig, dass sich dergleichen für einen leitenden Beamten nicht gehörte. »Sie sagen also, Felicity Wilson wurde ermordet?«, wandte er sich an Cross.
»Das tue ich nicht«, erwiderte der.
»Wozu dann das ganze Theater?«, fragte Campbell.
»Was ich sage, ist, dass ihr Tod allermindestens verdächtig ist und eine Untersuchung rechtfertigt. Wir haben keine Informationen, aufgrund derer wir kategorisch sagen könnten, sie sei ermordet worden, oder auch nur, dass eine dritte Partei involviert war, jedenfalls zu diesem Zeitpunkt«, erklärte Cross. »Eine Schlussfolgerung, die wir schon vor Wochen hätten ziehen können, hätte es DI Campbell nicht wie üblich zu eilig damit gehabt, den Fall abzuschließen, um die Beweise, die er direkt vor Augen hatte, ordentlich zu würdigen.«
»Das reicht; ich habe genug«, sagte Campbell. »Ich werde nicht hier herumsitzen und mir diesen Mist anhören. Sie lassen ihm viel zu viel durchgehen. Ich werde eine offizielle Beschwerde einreichen.«
»Mit welcher Begründung, Johnny?«, fragte Carson.
»Mangel an Respekt, totale Missachtung der Befehlskette und weil er eine persönliche Vendetta gegen mich führt«, sagte Campbell.
»Vendetta impliziert das Bedürfnis nach Rache. Ich bin neugierig – was haben Sie getan, wofür ich mich rächen müsste, DI Campbell?«, fragte Cross.
»Soll ich Ihnen eine reinhauen?«, blaffte Campbell.
»Ich denke, Sie werden feststellen, dass die Bedrohung eines anderen Officers gegen die Vorschriften verstößt. Ich bin nicht ganz sicher, doch wenn Sie Ihre Beschwerde einreichen, wird sicher jemand da sein, der Sie aufklären kann«, sagte Cross, war aber nichtsdestoweniger einen Schritt zurückgewichen.
Campbell sah Carson an.
»Danke, George, das genügt«, sagte Carson. »Johnny, es steht Ihnen frei, Beschwerde einzureichen. Ich schlage vor, Sie gehen direkt zur Personalabteilung. Aber vielleicht möchten Sie erst noch eine Minute darüber nachdenken, wenn Sie sich wieder beruhigt haben, und dann entscheiden, wie Sie idealerweise vorgehen sollten.«
»Es wäre wohl ziemlich sinnlos, damit jetzt zu meinem Vorgesetzten zu gehen, oder?«, erwiderte Campbell.
»Und was genau wollen Sie damit sagen?«, fragte Carson.
»Ich habe hier genug Zeit vergeudet. Besser, ich lasse Sie mit ihrem Schoßtier allein«, giftete Campbell und machte genau in dem Moment auf dem Absatz kehrt, in dem Ottey an der Tür erschien.
»Sandra Wilson ist hier«, sagte sie.
»Oh, gut«, antwortete Cross. »Vielleicht möchte DI Campbell die Gelegenheit nutzen, um sich bei ihr zu entschuldigen. Ich weiß, wie viel der Polizei derzeit an guten Beziehungen zur Bevölkerung liegt.«
Campbell stutzte eine Sekunde lang, ehe er seinen Weg fortsetzte, während Carson und Ottey lächelnd einen Blick wechselten.
»DI Campbell will eine Beschwerde über mich einreichen«, sagte Cross, als er und Ottey zur Voluntary Assistance Suite gingen, einer netten kleinen Sitzecke, die vor allem zur Befragung unverdächtiger Personen genutzt wurde.
»Mich wundert, dass er damit so lange gewartet hat«, entgegnete sie.
»Denken Sie, dass ich für etwas geradezustehen hätte? Dass die Beschwerde gerechtfertigt ist?«
»Nein, ganz und gar nicht. Wäre er halb so gut in seinem Job, wie er sich einbildet, dann wären Sie gar nicht imstande, ständig seine Fehler ans Licht zu zerren.«
»Oje!«, sagte Cross.
»Um ihn würde ich mir keine Sorgen machen«, gab sie besänftigend zurück.
»Das tue ich nicht. Ich dachte nur an all die anderen Officer in dieser Abteilung, deren Fehler ich ans Licht gezerrt haben könnte, absichtlich oder nicht. Werden die alle Beschwerde einreichen?«
»Vielleicht. Hey, sie könnten eine Art Gemeinschaftsprojekt daraus machen und einen ganzen Haufen Beschwerden auf einmal einreichen, zusammengefasst«, sinnierte sie.
Er runzelte die Stirn. »Ich vermute, Sie scherzen, aber selbst wenn nicht, ist das nicht ansatzweise hilfreich.«
Ottey lachte. Inzwischen war sie schon seit ganzen zwölf Monaten seine Partnerin, und wenn es auch eine Weile gedauert hatte, bis sie sich an ihn gewöhnt hatte, brachte sie ihm doch Respekt und Verständnis entgegen. Als alleinerziehende Mutter zweier Töchter ertappte sie sich häufig dabei, auf ihre häuslichen Erfahrungen zurückzugreifen, um mit ihrem eigenwilligen Ermittlungspartner zurechtzukommen. In vielerlei Hinsicht war sie innerhalb der MCU zu seinem Fürsprecher geworden, seinem Dolmetscher. Freunden gegenüber hatte sie zugegeben, dass sie vielleicht weniger verständnisvoll wäre, wäre er nicht so ein nervtötend brillanter Cop. Er hatte die höchste Verurteilungsrate der ganzen Truppe. Mit Abstand. Dennoch gab es Zeiten, da hätte sie ihn mit Freude von der Clifton Suspension Bridge gestoßen.
Sandra Wilson machte einen erheblich besseren Eindruck als bei ihrer letzten Begegnung, und das lag nicht nur daran, dass sie trocken und gut gekleidet war, sie wirkte auch irgendwie gefasster. Cross fragte sich, ob das allein an der Tatsache liegen konnte, dass er sie ernst genommen und damit von einem Teil ihrer Last befreit hatte. Mit ihrem schick frisierten blonden Haar, den hohen, fein geschnittenen Wangenknochen und den dunklen, glänzenden Augen erinnerte sie ihn an die schottische Schauspielerin Elizabeth Sellars. Auf einem Filmplakat der 1950er hätte die Frau, die in ihrer Jugend eine Schönheit gewesen sein musste, nicht fehl am Platz ausgesehen. Mackenzie hatte ihr bereits eine Tasse Tee aufgebrüht und diskutierte mit ihr über Freud und Leid bei der Erziehung einer Zweijährigen, wenn man selbst schon Ende sechzig war.
»Mrs Wilson, wir haben uns den gerichtsmedizinischen Bericht noch einmal genauer angesehen und weitere Tests durchgeführt, was einige Wochen gedauert hat. Wir haben Sie hergebeten, um Ihnen unsere Erkenntnisse vorzulegen«, sagte Cross.
»Wurde sie ermordet?«, fragte Sandra umgehend.
»Das können wir noch nicht sicher sagen«, antwortete Cross und sah, wie ihre Schultern vor Enttäuschung ein wenig herabsackten. »Wie dem auch sei, wir haben etwas entdeckt, was meiner Ansicht nach weitere Ermittlungen rechtfertigt. Ihre Tochter Felicity starb an einer Überdosis Diamorphin, nicht an Heroin.«
Ihr verständnisloser Blick deutete an, dass sie sich des Unterschieds nicht bewusst war. Ihre Tochter war an einer Überdosis gestorben; was war daran neu?
»Diamorphin ist ein verschreibungspflichtiges Pharmazeutikum. Heroin wird aus Diamorphin hergestellt und wird manchmal als Diamorphin bezeichnet, aber tatsächlich ist das nicht dasselbe«, sagte er.
»Es tut mir leid, ich bin nicht sicher, dass ich ganz folgen konnte«, sagte Sandra.
Cross sah sich hilfesuchend zu Ottey um, wie er es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, wenn die Leute ihn nicht verstanden.
»Was wir Ihnen sagen wollen, Sandra, ist, dass Sie mit Ihrem Instinkt, der Ihnen gesagt hat, dass mit Flicks Tod etwas nicht stimmt, anscheinend richtiglagen und wir uns die Sache genauer ansehen werden«, erklärte Ottey.
»Oh, ich verstehe. Ja, natürlich. Ich bin so froh – so erleichtert, um genau zu sein. Ich hatte mich schon gefragt, ob ich verrückt werde und meine Freundinnen, die mir ständig sagen, ich könne nur Flicks Tod nicht akzeptieren, womöglich recht haben. Ist das schlimm? Erleichtert zu sein?«, fragte sie.
»Das ist eine sehr verwirrende Zeit für Sie. Was immer Sie empfinden, ist in Ordnung«, sagte Ottey.
»Sie versuchen ja nur, für sie zu tun, was Sie können«, warf Mackenzie ein.
Cross fiel auf, dass ihre Worte Sandra ein wenig aufzumuntern schienen. Dergleichen hatte er bei Mackenzie in jüngster Zeit häufig beobachtet. Sie schien ein Talent dafür zu haben, genau das zu sagen, was ihre Gesprächspartner gerade hören mussten; eine Fähigkeit, die ihm, wie er sehr wohl wusste, völlig abging.
»Also, auch wenn wir jetzt noch nicht sagen können, ob Felicity ermordet wurde, werden wir die Angelegenheit wie einen Mordfall behandeln und Ermittlungen aufnehmen«, sagte er und sah Ottey an.
Das war ein Signal, das sie inzwischen sehr gut kannte. Cross war zu dem Schluss gekommen, dass es besser wäre, ihr die erste Befragung zu überlassen. Er ging davon aus, dass sie mehr aus Sandra herausholen konnte als er selbst, also würde er lediglich zuhören und sich Notizen machen. Das tat er oft, wenn Ottey eine Befragung leitete, aber im Gegensatz zu anderen Polizisten benutzte er dazu einen ziemlich großen Block anstelle eines kleinen Notizbüchleins. Seine Notizen nahmen häufig die Form von Diagrammen mit allerlei Kästchen und Pfeilen an, die er alle in unterschiedlichen Farben einzeichnete. Ottey fragte sich, ob das eine Art bildhafter Darstellung der Funktionsweise seines Gehirns war.
»Also, Daisy ist zwei und nun in ihrer Obhut. Wer ist der Vater?«, fing Ottey an.
»Ihr Freund, na ja, inzwischen Ex-Freund, und jetzt natürlich gar nicht mehr …« Sandras Stimme versagte.
»Dann war das eine On-off-Beziehung?«, hakte Ottey nach.
»Vor ihrem Tod war sie mehr off als on«, entgegnete Sandra.
»Wie war sein Name? Ist sein Name?«, wollte Ottey wissen.
»Simon. Simon Aston.«
»Wie haben die zwei sich kennengelernt?«
»Rucksackreise. Vor ein paar Jahren. Da hat das alles angefangen mit den Drogen. Und als sich die Abhängigkeit zu einem alles beherrschenden Problem ausgewachsen hat, haben sie gemeinsam ihre erste Entziehungskur begonnen und sind gleichzeitig rückfällig geworden. Das war, als hätte sich die Sucht doppelt so stark ausgewirkt, als wenn sie allein gewesen wären, wenn Sie verstehen. Sie haben einander so geschadet. Und die Wahrheit ist, dass ich nicht weiß, wer von beiden schlimmer war. Wer schuld war. Es könnte Flick gewesen sein. Ich weiß es einfach nicht.«
»Und wo ist er jetzt?«, wollte Ottey wissen.
»Wieder in einer Entzugsklinik.«
»Tut mir leid, das zu hören. Also hat er immer noch Drogen genommen, während sie drogenfrei war. Haben sie sich deswegen getrennt?«
»Er hat sich bemüht. Flick war da vollkommen sauber, kein Alkohol und natürlich auch keine Drogen. Sie hat sogar eine Weile auf Koffein verzichtet. Aber er ist immer wieder rückfällig geworden. Sie sagte, sie könne ihn nicht in ihre Nähe oder die ihres Babys lassen, solange er Drogen nehme. Und dann war da noch die Dealerei. Nichts Großes. Doch er hat gedealt, um Geld für seine Sucht zu bekommen. Er hat auch versucht, ihr Geld für das Baby zu geben, aber sie wollte es nicht. Schmutziges Geld, hat sie das genannt. Daisy war der Grund, warum sie drogenfrei geworden ist, und das wollte sie auf keinen Fall aufs Spiel setzen.«
»Dann ist sie wieder in die Spur gekommen, weil sie Mutter wurde?«
»Ja, aber nicht so, wie Sie jetzt denken. Daisy wurde abhängig geboren. Sie war so schrecklich krank, und Flick war deswegen am Boden zerstört. Ich wusste bis zum Ende der Schwangerschaft nicht mal, dass Flick ein Baby erwartete.«
»Wie kam’s?«, fragte Ottey.
»Ich hatte genug. Ich war am Ende meiner Kräfte. Ist das nicht furchtbar?«
»Ich denke, es ist verständlich«, widersprach Ottey.
»All die Lügen und Versprechungen. Sie hat mich bestohlen. Das war fürchterlich. Am Ende wusste ich nicht einmal, wo sie war. Ich habe sie nicht rausgeworfen, obwohl ich drauf und dran war. Aber dann ist sie gegangen, und ich habe mir nicht einmal die Mühe gemacht, herauszufinden, wohin sie verschwunden war. Irgendwann hat sie dann wieder Kontakt aufgenommen. Sie sagte, sie würde ihre Mutter brauchen. Die haben in so erbärmlichen Zuständen gelebt, ich konnte es nicht fassen, als ich es sah. Und zu allem Überfluss war sie hochschwanger.«
»War sie da selbst noch drauf?«
»Ja. Aber ich habe gesehen, wie fertig sie war. Sie wurde sofort ins Krankenhaus eingeliefert. Dort wurde sie entwöhnt. Aber Daisy … Haben Sie je ein Baby im Heroinentzug gesehen? Die nennen das neonatales Abstinenzsyndrom. Sie hatte es eine ganze Woche lang. Und ich konnte in Flicks Augen sehen, dass es vorbei war. Vorbei sein musste. Sie konnte selbst nicht fassen, was sie diesem unschuldigen Baby angetan hatte. Daisy hat so gelitten, das war schwer mitanzusehen.«
»War Simon zu dem Zeitpunkt, an dem Ihre Tochter starb, in der Entzugsklinik?«, fragte Cross.
»Nein. Wir haben ihn einen Monat vorher eingeliefert. Flick hat mich begleitet und darauf bestanden, Daisy mitzunehmen, damit er sehen konnte, was er verlieren könnte, als er dorthin ging. Er wollte ein Teil ihres Lebens sein. Das habe ich ihm wirklich abgenommen. Aber sie wollte ihn nicht um sich haben, sowohl um ihretwillen als auch wegen des Babys. Sie wusste, dass ihre Abstinenz brüchig war.« Prompt blickte sie auf und bedauerte, was sie gesagt hatte. »Ich wollte nicht andeuten, dass sie dachte, sie wäre in Gefahr, rückfällig zu werden. Das ist einfach so. Es ist eine wackelige Angelegenheit. Einen Tag nach dem anderen, wie es so schön heißt.«
»War sie in irgendeiner Selbsthilfegruppe wie AA oder NA?«, erkundigte sich Ottey.
Sandra schüttelte den Kopf. »Nein. Das war nichts für sie, hat sie gesagt. All das Gerede über eine ›höhere Macht‹. Das mochte sie nicht. Aber sie war in Therapie und mehrfach in einer Entzugsklinik. Sie hat sich selbst als ›hauptberufliche Patientin‹ bezeichnet.« Bei der Erinnerung lächelte sie ein wenig.
»Und was ist dieses Mal aus Simons Entzug geworden?«, fragte Ottey.
»Er hat die Klinik fünf Tage später verlassen und behauptet, dieses Mal würde er es allein schaffen. Er hat es natürlich nicht geschafft. Also hat sie Schluss gemacht. Endgültig. Sie wollte ihm keine falschen Hoffnungen machen, oder falsche Versprechungen, wie sie es ausgedrückt hat. Es würde kein gemeinsames Leben für sie alle drei geben«, schloss sie mit gedämpfter Stimme.
»Wie hat er das aufgenommen?«, wollte Ottey wissen.
»Er war am Boden zerstört, wütend, gar nicht mehr er selbst. Am Ende mussten wir ein Kontaktverbot erwirken. Flick musste dazu nicht lange überredet werden. Hunderte von Textnachrichten am Tag, die meisten von ihnen unverständliches Kauderwelsch, Übernachtungen im Eingangsbereich des Ladens gegenüber ihrer Wohnung. Es war schlimm.«
»Hat er sie seit Erlass des Kontaktverbots noch einmal gesehen?«, fragte Ottey.
»Nicht, dass ich wüsste, nein.«
»Wann ist er wieder in die Klinik zurückgegangen?«, erkundigte sich Cross.
»Ein paar Tage nach ihrem Tod. Er hat mich gebeten, ihn hinzubringen. Er hat mich sogar gefragt, ob ich versuchen könnte, ihm eine Unterbringung gemäß dem Mental Health Act zu verschaffen, damit er die Klinik nicht einfach verlassen kann, wenn ihm gerade danach ist. Der arme Junge. Ich habe seine Eltern angerufen. Sie hatten wie ich den Kontakt zu ihrem eigenen Kind verloren. Sie wussten nicht einmal von Daisy – sie ist zwei! Und sie waren schockiert wegen Flick. Sie sind gleich gekommen. Ich glaube, sie haben sich gedacht: ›Das hätte auch uns treffen können.‹« Sie unterbrach sich und sah auf, als hätten die letzten paar Sätze sie vollends ausgelaugt. »Können wir eine kurze Pause machen?«, fragte sie, offenbar darum bemüht, niemandem zur Last zu fallen.
»Selbstverständlich«, stimmte Ottey zu. »Alice, könnten Sie Sandra noch eine Tasse Tee machen, bitte?«
»Natürlich«, antwortete Mackenzie.
»Kuchen«, sagte Cross.
»Sie wollen Kuchen?«, fragte Mackenzie.
»Natürlich nicht. Der ist für Mrs Wilson. Süßer Kuchen. Etwas Zucker wird ihr guttun. Fragen Sie DCI Carson. Der versteckt oft Kuchen in seinem Büro.«
»Natürlich«, sagte Mackenzie erneut und lächelte angesichts dieses informativen Leckerbissens.
»Mrs Wilson, haben Sie irgendwelche Fotos von Flick gemacht?«, erkundigte sich Cross.
»Wie meinen Sie das?«, fragte Sandra.
Otteys entsetzte Miene sprach Bände: Er wird doch nicht …
»Post mortem. In situ. In ihrer Wohnung«, konstatierte er ausdruckslos.
Ottey fehlten die Worte. Wie um alles in der Welt kam dieser Mann auf die Idee, eine trauernde Mutter würde so etwas tun, und was war in ihn gefahren, dass er sie so schonungslos danach fragte? Unwillkürlich musste sie an Carla und Debbie denken, ihre eigenen Töchter, und sie stellte fest, dass sie keine Ahnung hatte, wie sie an Sandras Stelle reagiert hätte. Also konnte sie sich auch kein Urteil erlauben.
»Oh, ich bin froh, dass Sie fragen«, sagte Sandra und holte ihr Telefon hervor. »Es kam mir ein bisschen makaber vor, und die Leute haben mir sehr merkwürdige Blicke zugeworfen, aber ich habe dem Detective, der dort war, angesehen, dass er sich schon eine Meinung gebildet hatte.«
»DI Campbell?«, fragte Cross.
»Ja, das ist er. Jedenfalls war das der Grund, warum ich alles aufzeichnen wollte, nur für den Fall, dass später jemand einen Blick darauf werfen muss. Ich fürchte, ich habe es etwas übertrieben. Ich habe über fünfzig Fotos gemacht.« Sie reichte ihm das Telefon.
Später, in seinem Büro, fragte Ottey ihn: »Was hat Sie auf die Idee gebracht, eine Mutter, die gerade unter tragischen Umständen ihre Tochter verloren hat, könnte am Ort des Geschehens Fotos gemacht haben?«
»Logik. Ich wusste, dass sie der Ansicht war, die Polizei hätte sich beinahe augenblicklich auf die naheliegendste Erklärung festgelegt, und dass sie das Gefühl hatte, es wäre nicht alles so, wie es auf den ersten Blick zu sein schien. Die logische Konsequenz daraus ist, alles so zu fotografieren, wie es da aussah, damit die Fotos später ausgewertet werden konnten. Sie war nicht gewillt, es dabei bewenden zu lassen«, sagte er, als die Fotos gerade auf seinem Monitor angezeigt wurden.
Es waren tatsächlich Dutzende. Der Raum selbst, die Leiche, Nahaufnahmen von der Injektionsnadel in Flicks Arm. Nahaufnahmen von allen Dingen auf dem Tisch neben dem Lehnsessel, in dem sie gefunden worden war. Sandra hatte alles außergewöhnlich detailliert festgehalten. Das war genau das, was Cross gefiel.
»Ich werd verrückt«, sagte Ottey. »Sie gäbe eine gute Forensikerin ab.«
»Nein, dafür ist sie viel zu alt«, widersprach Cross voller Ernst.
Flick hatte in Southville in einer Wohnung im ersten Obergeschoss gewohnt, die ihre Mutter ihr gekauft hatte. Sandra hatte Geld aus den Rücklagen entnommen, die sie und ihr verstorbener Mann für die Rente angespart hatten, um den Erwerb zu finanzieren. Nach Daisys Geburt hatte Flick zunächst eine Weile bei ihrer Mutter in Clifton gelebt. Erst, als beide überzeugt waren, sie würde allein zurechtkommen, war sie in die Wohnung gezogen. Das Viertel war eines von denen, die sie sich leisten konnten, am nächsten an Sandras Haus. Sogar so nahe, dass man es auch als »Lower Clifton« kannte – oder »Clifton Lite«, wie Flick es genannt hatte. Heute war die Gegend rund um die alte Wills-Tobacco-Fabrik ein trendiges kleines Viertel.
Sandra hatte nach dem Tod ihrer Tochter alles so gelassen, wie es war. Als Cross das erfuhr, wollte er sich die Wohnung ansehen. Während der Betrachtung der Fotos, die Sandra von ihrer Tochter gemacht hatte, war ihm ein Gedanke gekommen, den er bisher für sich behalten hatte. Ottey schien es zwar bemerkt zu haben, aber sie hatte nicht gefragt, also hatte er auch nichts gesagt.
Als sie aber nun im Wagen unterwegs zu Flicks Wohnung waren, drehte sie sich zu ihm um und fragte: »Was war da an diesen Fotos? Was haben Sie gesehen?«
Sie bedauerte umgehend, überhaupt gefragt zu haben, denn sie wusste, sie würde keine Antwort erhalten, und sie hatte natürlich recht. »Sie können einem wirklich auf die Nerven gehen«, fuhr sie fort. »Und was noch mehr nervt, ist die Tatsache, dass Sie nicht mal wissen, wie sehr Sie nerven.«
Eine Weile fuhren sie schweigend weiter.
»Warum können Sie nicht einfach mal etwas weitergeben«, bohrte sie dann weiter.
»Was weitergeben?«
»Was Sie über einen Fall denken? Sie haben etwas im Sinn. Jeder kann das sehen, aber Sie geben es nicht weiter, sondern zwingen alle, na ja, vor allem mich, dazu, sich den Kopf zu zerbrechen, um selbst herauszufinden, was Ihnen durch den Kopf geht.«
»Wenn es um etwas geht, bei dem ich nicht sicher bin, erwähne ich es ungern, bis ich sicher bin.«
»Warum?«
»Weil ich aus Erfahrung weiß, wozu meine Reputation als erfolgreicher Ermittler führt. Denn sofort, wenn ich eine mögliche Richtung oder Spur erwähne, stürzt sich jeder darauf, auch wenn er angewiesen wurde, es nicht zu tun. Sollte ich dann falschliegen, ist das lediglich eine Vergeudung von Zeit und Ressourcen. Darum bin ich vorsichtig, wenn es um die Frage geht, was ich, wie Sie es genannt haben, weitergebe.«
Sie lachte. Aus dem Munde jedes anderen wäre das pure Arroganz gewesen.
»Blödsinn. Sie wollen nur nicht, dass jemand Sie bei einem Fehler ertappt, das ist alles. Nur Stolz.«
