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Mark Decker ist Doktor und arbeitet in der Pathologie. Der sogenannte Leichenkeller ist sein Zuhause. Als er an diesem Tag an die Arbeit geht, scheint zunächst alles in bester Ordnung. Die Aussicht auf ein gemeinsames Essen mit der jungen Arzthelferin Sandra Hessel beflügelt ihn. Doch als er die erste Leiche des Tages betrachtet, stellt er voller Grauen fest, dass er den Toten kennt. Ein verrückter Zufall. Aber schon bald stellt Decker mit Grauen fest, dass mit dieser Leiche etwas nicht stimmt ... Achtung: Nichts für schwache Nerven! Inhalt: Horror, Psycho, Splatter, Pathologie, Leichen, Wahn, Blut, Brutalität
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Seitenzahl: 52
Veröffentlichungsjahr: 2014
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“Ja, Schätzchen, wir sehen uns heute Abend wieder”, rief er noch aus dem Aufzug hinaus, als die metallenen Schiebetüren sich bereits aufeinander zu bewegten. Ihr Name war Sandra Hessel, eine junge Arzthelferin, mit der er sich für heute Abend zum Essen verabredet hatte. Wirklich ein hübsches Mädchen. Er war sich sicher, dass sie nicht abgeneigt sein würde, nach dem Essen noch mit zu ihm zu kommen. Schwärmerisch sah er ihr hinterher. Es war ihm gerade noch vergönnt, ihr liebreizendes Zuzwinkern zu erheischen, dann schloss sich der Fahrstuhl, holte ihn auf den Boden der Tatsachen zurück und setzte sich für den Weg nach unten in Bewegung.
Es war Montagmorgen, der beste Tag, um übler Laune zu sein, doch irgendwie hatte er es geschafft, seine Wohlgestimmtheit über das Wochenende hinaus zu behalten. Ein Akt, der ihm nur selten gelang. Wahrscheinlich war es die nette Krankenschwester, die ihm das Leben heute um einiges versüßt hatte. Endlich hatte er mal die Aussicht auf einen gemütlichen Abend zu zweit. Er hasste das Alleinsein, besonders dort, wo ihn dieser Metallkasten jetzt hinbrachte.
Der Aufzug knirschte bedrohlich, als hätte er die verwerflichen Gedanken seines Insassen vernommen. Mark zuckte zusammen. Wie oft hatte er dieses abscheuliche Geräusch schon gehört? Er vermochte es nicht zu sagen, noch nicht einmal grob schätzen konnte er es. Dennoch war es jedes Mal das Gleiche, wenn er das Knirschen hörte. Eigentlich hätte er nach all den Jahren, die er nun schon hier arbeitete, ein Gespür dafür haben müssen, an welcher Stelle der Aufzug grundsätzlich zu meckern anfing, wie er es immer nannte. Aber es wunderte ihn nicht sonderlich, dass er dieses Gespür nicht hatte, denn schließlich hatte er sich auch nicht an seine Arbeit hier unten gewöhnen können. Er war eben ein gebranntes Kind.
Schon in jungen Jahren hatte er immer panische Angst davor gehabt, sich in engen Räumen zu befinden. Es war ihm schier unmöglich gewesen, in einen Aufzug einzusteigen, ohne gleich die haarsträubendsten Phantasien zu haben. Anfangs hatte er lediglich gedacht, der jeweilige Lift könne abstürzen und er würde mitsamt dem Gehäuse in unendliche Tiefen gerissen. Das waren wahrscheinlich ganz normale Gedanken eines Kindes, dem eingebläut worden ist, dass es, wenn es nicht artig sei, in die dunkle Kammer käme. Doch im Laufe der Zeit waren diese Wahnvorstellungen immer schlimmer geworden, bis er schließlich einen Psychiater hatte aufsuchen müssen, der ihm Tabletten gegen seine Trugbilder verschrieben hatte. Allerdings war ein Teil von dem, was er sich als Kind immer ausgemalt hatte, noch bis heute geblieben. Ein Teil, der sich mit aller Gewalt dagegen sträubte, ausgelöscht zu werden. Ein Teil, der die Angst vor der dunklen Kammer verkörperte, die sich im Geiste eines jeden Menschen befand.
Im Hause seiner Eltern hatte sich die dunkle Kammer im Keller befunden, ein Terrain, das ihm nie ganz geheuer gewesen war. Mark konnte sich noch genau an das Gefühl erinnern, dass ihn mit dieser eigentümlichen, unvorhergesehenen Wucht überfallen hatte, als er von seiner Mutter zum ersten Mal in die Kammer gesperrt worden war. Es war ein entsetzliches Gefühl gewesen. So, als sei auf einmal kein Sauerstoff zum Atmen mehr vorhanden, als würden eiskalte Finger den Rücken hinauf fahren, den Nacken zärtlich und sanft umspielen, um schließlich mit brutaler Kraft die Kehle umgreifen und zuzudrücken.
Eine plötzliche Hitze breitete sich in seinem Gesicht aus, was ein zuverlässiger Indikator dafür war, dass er emotional ziemlich erregt war. Allein die Vorstellung, dass er jemals wieder in eine solche Situation gelangen könnte, in der er völlig seiner Bewegungsfreiheit beraubt wäre, auf perverse Art in einer unerträglichen Passivität gefesselt, raubte ihm den letzten Nerv.
Der Aufzug kam mit einer abrupten Bewegung zum Stillstand. Kalter Schweiß trat auf seine Stirne. Er war gefangen. Der Aufzug war steckengeblieben. Mit unglaublicher Anstrengung rang er nach Luft, die viel zu dünn war. Er musste um Hilfe rufen.
Mit einem Male war er um etliche Jahre in seine Vergangenheit zurückversetzt worden. Er war nun nicht mehr Doktor Mark Decker, er war jetzt wieder der kleine Mark, der sich in der dunklen Kammer befand, weil er böse gewesen war. Es war seine Strafe, er hatte sie verdient. Aber dennoch war es immer noch eine viel zu harte Strafe.
Erdrückende Dunkelheit um ihn herum. Er versuchte zu schreien. Kein Laut drang aus seiner Kehle heraus. Niemand war in seiner Nähe, der ihm hätte helfen können. Nur er und die Dunkelheit des finsteren Wandschrankes. Jener Wandschrank, der seiner Mutter als Bestrafungsmittel für kleine, böse Jungs diente. Die dunkle Kammer.
Voller Panik merkte er, wie sein Herzschlag beschleunigte, als sein Verstand ihm vorgaukelte, dass nicht mehr genug Luft zum Atmen vorhanden sei. Er würde ersticken müssen. Allein in dieser abscheulichen Dunkelheit. Allein mit den unzähligen Monstren, die sich hier verstecken mochten - hinterhältig lauernd, immer bereit ihn anzugreifen. Sie wollten seine Seele. Sie wollten ihn für alle Ewigkeit. Er würde für immer in dieser Dunkelheit wohnen müssen, würde nie wieder Tageslicht erblicken können, in ständiger Angst, ihn könnte aus der Finsternis etwas angreifen.
Plötzlich erfüllte ein seltsames Geräusch den Wandschrank. Ein Geräusch, das eigentlich gar nicht hier hergehörte. Fast hätte er es in seiner ohnmächtigen Angst nicht wahrgenommen, doch jetzt vernahm er es überdeutlich. Es war etwas Schiebendes, doch so sehr er seine Augen auch anstrengte, so sehr er sie auch aufriss, es war ihm nicht möglich, die Ursache des Geräusches auszumachen. In seinem Inneren war er auch ein bisschen froh darüber. Er würde die Gestalt nicht vor Augen haben, die ihm noch zusätzlich die Luft abdrücken wollte. Er würde nicht sehen, wie sich die alte, verfaulte Leiche Stück für Stück zu ihm hinüber schob. Er würde sterben und es einfach so hinnehmen müssen.
Gleißendes Licht traf in sein Gesicht, das von einem dünnen Schweißfilm überzogen war. Die Aufzugtüren hatten sich beiseitegeschoben und vor ihm lag ein langer, grüner Korridor. Er war nicht in der dunklen Kammer gewesen, und er war auch kein kleiner Junge mehr. Er war Doktor Decker, der nun seinen Pflichten nachzukommen hatte - schließlich war es Montagmorgen und es gab einiges zu tun. Etwas schwankend trat er aus dem Lift heraus und blieb auf dem grünen Linoleum stehen. Langsam wand er sich wieder dem Inneren des Fahrstuhles zu.
